Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

31.05.2021, Universität Hamburg
Neue Studie zu südamerikanischen Fröschen: Kampf zwischen molekularen Kräften führt zu Giftresistenz
Eine Genduplikation führt dazu, dass südamerikanische Frösche der Gattung Leptodactylus resistent gegen bestimmte Gifte sind. Dies hat ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Fachbereichs Biologie der Universität Hamburg herausgefunden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Erforschung von Genduplikaten dabei helfen kann, wichtige genetische Wechselwirkungen zu identifizieren.
Die Genduplikation ist ein mächtiges Werkzeug in der Evolution, weil sie eine Kopie des Gens ohne schädliche Auswirkungen für den Organismus erzeugt. Die zusätzliche Kopie dient quasi als Sicherheits-Backup des Genmaterials, so dass die andere Kopie freier mutieren und möglicherweise eine neue Funktion erhalten kann. Wissenschaftlerinnen des Fachbereichs Biologie der Universität Hamburg haben nun in einer Studie die Evolution einer Genduplikation bei Fröschen der Gattung Leptodactylus erforscht und so den Mechanismus entschlüsselt, der zu einer spezialisierten Anpassung bei den Tieren führte, die sie gegenüber herzaktiven Steroiden resistent macht. Grasfrösche ernähren sich unter anderem von Kröten, die diese Gifte als Verteidigung gegen die Grasfrösche einsetzen.
Für die Studie analysierte das internationale Forschungsteam genetisches Material verschiedener Arten der Leptodactylus und fand heraus, dass eine Duplikation des Gens ATP1A1 in Vorfahren dieser Frösche zu ihrer Resistenz führte. ATP1A1 codiert ein Enzym (ATPase), das für alle tierischen Zellen lebenswichtig ist: die Natrium-Kalium-Pumpe (oder Na+K+-ATPase). „Auffällig war, dass alle Arten zwölf Aminosäureveränderungen in dem duplizierten Gen gemeinsam hatten, die nicht in den ursprünglichen Genen vorkamen“, sagt Prof. Dr. Susanne Dobler vom Fachbereich Biologie und Mitautorin der Studie.
Darüber hinaus zeigten die DNA-Muster, dass außerhalb dieser zwölf Veränderungen alles andere zwischen dem ursprünglichen und dem duplizierten Gen über zehn Millionen Jahre sehr ähnlich geblieben war. Das Team fand heraus, dass diese Ähnlichkeit durch einen molekularen Mechanismus verursacht wurde, der die Evolution von Genduplikaten einschränkt, indem er dafür sorgt, dass duplizierte Gene identisch bleiben (bekannt als nicht-allelische Genkonversion). Weitere Analysen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ergaben, dass es den zwölf Veränderungen gelang, dieser Kraft durch die natürliche Selektion zu entkommen – die zwölf Veränderungen sind demnach wichtig für das Überleben der Frösche.
Zwei der Aminosäure-Substitutionen sind dafür bekannt, dass sie gegen herzaktive Steroide Resistenz bieten. Die Glykoside beeinflussen die Natrium-Kalium-Pumpen und deaktivieren sie. Im schlimmsten Fall kann dies für die Jäger tödlich enden. „Da die Frösche dafür bekannt sind, dass sie sich von Kröten ernähren, macht es durchaus Sinn, dass sie eine Kopie dieses Gens besitzen, dass sie gegen die Toxine resistent macht“, sagt Dr. Shabnam Mohammadi, Mitautorin der Studie, die derzeit am Fachbereich Biologie bei Prof. Dr. Dobler forscht. „Es ist ein Lehrbuchbeispiel für die sogenannte Neofunktionalisierung, bei der ein Gen nach einem Duplikationsereignis eine neue Funktion erlangt.“ In diesem Fall entwickelte sich eine neue Funktion zwischen einer resistenten Genkopie, der sogenannten R-Kopie, und einer Kopie, welche die ursprüngliche Anfälligkeit beibehielt, die S-Kopie.
Allerdings zeigte sich bei Protein-Engineering-Experimenten und funktionellen Assays auch, dass die zwei Aminosäure-Substitutionen einen hohen Preis haben: Wenn sie sowohl einzeln als auch zusammen in das S-Protein eingefügt werden, reduzieren sie die Aktivität des Enzyms (Na+K+-ATPase) drastisch. Die resistenzfördernden Substitutionen bieten also einen Vorteil auf Kosten der Enzymfunktion. „Hier zeigt sich die funktionelle Bedeutung der anderen zehn Substitutionen“, sagt Mohammadi. „Denn als wir die zehn Aminosäure-Substitutionen zusammen mit den zwei resistenzfördernden Substitutionen addiert haben, wurde die Enzymaktivität gerettet.“
Die zwei Substitutionen erhöhen also die Toxinresistenz der Frösche, während die zusätzlichen zehn Substitutionen die ATPase-Aktivität unterstützen. Die Ergebnisse der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen, wie die Erforschung der genetischen Signale der Evolution helfen kann, wichtige funktionelle Veränderungen, die den Anpassungen zugrunde liegen, aufzuspüren.
Originalpublikation:
Shabnam Mohammadi, Lu Yang, Arbel Harpak, Santiago Herrera-Álvarez, María del Pilar Rodríguez-Ordoñez, Julie Peng, Karen Zhang, Jay F. Storz, Susanne Dobler, Andrew J. Crawford, Peter Andolfatto: Concerted evolution reveals co-adapted amino acid substitutions in Na+K+-ATPase of frogs that prey on toxic toads, Current Biology, 2021. https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.03.089

31.05.2021, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Den Geheimnissen der saisonalen Fortpflanzung bei Luchsen auf der Spur
Zellkulturen geben neue Aufschlüsse über die Produktion von schwangerschaftserhaltendem Hormon bei Katzenarten: Ein Großteil der existierenden 39 Katzenarten ist in ihren Beständen bedroht. Für eine erfolgreiche Reproduktion unter Zuchtbedingungen mangelt es häufig an Wissen und geeigneten Techniken. Einem Team des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) ist es nun gelungen, die Wirksamkeit von fortpflanzungsrelevanten Hormonen in Zellkulturen von Hauskatzen zu testen und die gewonnenen Erkenntnisse auf wildlebende Katzenarten zu übertragen. Dies ist ein weiterer Meilenstein in der Erforschung der Reproduktionsmechanismen wildlebender Katzenarten.
Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden in den Fachzeitschriften „Biology of Reproduction“ und „Animals“ veröffentlicht und werden zur Verbesserung assistierter Reproduktionsverfahren beitragen.
Eine erfolgreiche Fortpflanzung – die zu ausreichend gesundem Nachwuchs führt – ist der wesentliche Kern für den Fortbestand jeglicher Artenvielfalt. Leider sind die Bestände einiger hoch bedrohter Säugetierarten so klein, dass ihr Überleben nur noch mittels Zuchtprogramm möglich ist. Voraussetzung für die Fortpflanzung ist eine erfolgreiche Trächtigkeit. Ein wichtiger Faktor dabei sind Gelbkörper. Das sind temporäre Drüsen, die nach dem Eisprung auf den Eierstöcken von Säugetieren gebildet werden und über die „Sprache der Hormone“ mit der Gebärmutter und dem Rest des Körpers kommunizieren. Gelbkörper produzieren ein schwangerschaftserhaltendes Hormon (Progesteron), dass unter anderem die Gebärmutter darin unterstützt, Jungtiere auszutragen. Auch der Rest des Körpers erhält das Signal „ich bin schwanger“ und richtet sich darauf ein. Sind die Gelbkörper zu schwach, wird nicht ausreichend Progesteron produziert. Das führt zu einem frühzeitigen Schwangerschaftsabbruch. Umgekehrt verhindert die Gelbkörperaktivität die Entstehung einer Schwangerschaft. Interessanterweise nutzen drei Luchsarten dieses Prinzip scheinbar als natürliches „Verhütungsmittel“ außerhalb der für die Aufzucht von Jungtieren günstigen Saison. Diese Steuerung der saisonalen Fortpflanzungsaktivität ist einzigartig, in der Erhaltungszucht von Luchsen erschwert sie jedoch die Anwendung von assistierten Techniken der Reproduktion.
Funktionelle Untersuchungen zur Gelbkörperaktivität an lebenden Tieren sind kaum möglich, schon gar nicht bei seltenen Arten. Zudem stehen sie nicht im Einklang mit der Arbeitsethik des Leibniz-IZW, dessen Ziel es ist, möglichst nicht-invasive Techniken bei der Forschungsarbeit einzusetzen. So bleibt die Möglichkeit, verwandte Arten zu untersuchen, von denen es noch ausreichend Individuen gibt. Mit den Proben dieser Arten können neue Labormethoden etabliert werden, die dabei helfen, die Funktionsweisen der im Gelbkörper ablaufenden Prozesse besser zu verstehen.
„Es ist uns gelungen, aus Gelbkörper-Proben von Hauskatzen Zellen zu isolieren und zu kultivieren, die auch funktionell aktiv waren, also Progesteron produzierten. So konnten wir die regulatorische Wirkung verschiedener Effektoren auf diese Zellen testen“, sagt Beate Braun, Leiterin der Leibniz-IZW Untersuchung. Die Methodik der Zellkultur erlaubt es, Untersuchungen durchzuführen, ohne Versuche an Hauskatzen oder Wildtieren vorzunehmen. Getestet wurden die Wirkungen eines potenziell gelbkörpererhaltenden Hormons (LH – luteinizing hormone) und eines potenziell gelbkörperabbauenden Hormons (PGF2α – Prostaglandin F2α). Das Team konnte zeigen, dass – abhängig vom Entwicklungsstadium des Gelbkörpers – die Zellen auf die Anwesenheit dieser Hormone reagierten und dadurch mehr oder weniger Progesteron produzierten.
„Das Besondere an der Untersuchung ist, dass wir die eigens für Hauskatzen entwickelte Methode auch auf unser rares Probenmaterial von wildlebenden Katzenarten wie dem Afrikanischen und Asiatischen Löwen, der Asiatischen Goldkatze und dem Java-Leopard erfolgreich anwenden konnten. Das zeigt uns, dass es möglich ist, verwandte Tierarten für den Erkenntnisgewinn zu nutzen, und die Techniken als auch das Wissen auf bedrohte Arten zu übertragen“, erklärt Michał Hryciuk, der mit diesen erfolgreichen Untersuchungen seine Promotion im Fach Reproduktionsbiologie abschließen wird. Ziel ist es nun, auch Gelbkörperzellen von Luchsen ins Visier zu nehmen, um deren Besonderheiten bezüglich der Langlebigkeit von Gelbkörpern zu untersuchen.
Die Übertragung wissenschaftlicher Labormethoden von domestizierten Tieren auf Wildtierarten ist nicht einfach, da es oft an Probenmaterial mangelt. Das zur Verfügung stehende Wildtiermaterial stammt von toten oder kastrierten Tieren aus zoologischen Einrichtungen und fällt nur sehr selten an. „Systematische Untersuchungen, die in der Wissenschaft Grundvoraussetzung sind, sind daher kaum möglich. Wir etablieren unsere Zellkulturen deshalb auf der Grundlage von Modelltieren. Die Hauskatze bietet sich hier an, da ihre Eierstöcke nach der Kastration in Tierarztpraxen permanent anfallen. So sind wir bereit, wenn eine besondere Probe kommt“, sagt Prof. Katarina Jewgenow vom Leibniz-IZW. „Im Rahmen des Felid-Gamete-Rescue-Projektes arbeiten wir international mit zoologischen Einrichtungen zusammen, so dass wir das selten anfallende Probenmaterial optimal nutzen können. Unsere Partnerschaft mit dem Skandinavischen Luchsprojekt und dem Ex-situ-Erhaltungszuchtprogramm der Pardelluchse wird uns zukünftig auch den Zugang zu Gelbkörpern dieser europäischen Katzenarten ermöglichen.“
Die Wissenschaftler*innen des Leibniz-IZW erforschen die Funktionsweise von Gelbkörpern schon seit längerem. Auslöser dafür war die bedrohteste Katzenart überhaupt, der Pardelluchs (Lynx pardinus) auf der Iberischen Halbinsel. Pardelluchse bekommen einmal im Jahr Jungtiere; die Bestände waren um die Jahrtausendwende auf unter 200 Individuen in freier Wildbahn geschrumpft, weshalb ein Arterhaltungsprogramm (Iberian lynx conservation breeding program) initiiert wurde. Das Programm, zu dem das Leibniz-IZW beiträgt, hat dazu geführt, dass heute wieder über 1000 Tiere durch die Weiten der Iberischen Halbinsel streifen. Die Erforschung von Fortpflanzungsmechanismen ist dabei ein wichtiger Bestandteil, der das nachhaltige Überleben dieser Wildkatzenart sichern wird.
Das Leibniz-IZW gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V. und ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Ziel ist, die Anpassungsfähigkeit von Wildtieren im Kontext des globalen Wandels zu verstehen und zum Erhalt von gesunden Wildtierbeständen beizutragen. Die aktuellen Forschungsergebnisse leisten einen Beitrag zum Verständnis der Reproduktionsmechanismen hoch-bedrohter Katzenarten, um langfristig bessere Zuchterfolge bei bedrohten Arten zu erzielen. Dieses Grundlagenforschungsprojekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2017-2021 (DFG BR 4021/5-1) finanziert.
Originalpublikation:
Hryciuk MM, Jewgenow K, Braun BC (2021): Cloprostenol, a synthetic analogue of prostaglandin F2α, induces functional regression in cultured luteal cells of felids. Biology of Reproduction, doi:10.1093/biolre/ioab070.
Hryciuk MM, Jewgenow K, Braun BC (2021): Luteinizing hormone effect on luteal cells is dependent on the corpus luteum stage in felids. Animals 11, 179, doi: 10.3390/ani11010179.

31.05.2021, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Nur wenige Schmetterlinge mögen das Stadtleben
Die sich stark ausbreitenden städtischen Lebensräume dürften langfristig einen Großteil von Schmetterlingsarten gefährden. Das melden Forschende vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) in Global Change Biology. Nur Generalisten, die große Temperaturschwankungen tolerieren und sich von vielen verschiedenen Pflanzen ernähren, profitieren voraussichtlich von den menschlich geprägten Lebensräumen. Die Autoren empfehlen, zur Erhaltung der Artenvielfalt die Bedürfnisse von spezialisierten Schmetterlingsarten in der Städte- und Raumplanung zu berücksichtigen.
Die Veränderung von Lebensräumen, etwa durch Urbanisierung, ist eine der wichtigsten Ursachen für den Rückgang der biologischen Vielfalt. Weltweit wird bis 2050 ein Zuwachs der Siedlungen und Städte von 2 – 3 Millionen Quadratkilometern – etwa der Hälfte der Fläche von Grönland – prognostiziert. Natürliche und naturnahe Lebensräume werden so nach und nach durch urbane Lebensräume mit völlig neuen Bedingungen ersetzt.
Wie die Wildtiere sich auf solch fundamentale Veränderungen einstellen können, istvorwiegend nur für wenige Artengruppen wie etwa Säugetiere und Vögel untersucht. „Um jedoch Vorhersagen zur Entwicklung der biologischen Vielfalt als Ganzes machen und aktuelle Phänomene wie das Insektensterben bekämpfen zu können, braucht es gesichertes Wissen auch für andere Artengruppen“, sagt Erstautor der Publikation Dr. Corey Callaghan, Postdoktorand am iDiv und an der MLU. Allerdings sei die Datengrundlage hier wesentlich schlechter. „Schmetterlinge bieten jedoch den Vorteil, dass sie beliebt bei vielen Menschen sind, die ehrenamtlich deren Vorkommen erfassen, was eine verhältnismäßig gute Datengrundlage schafft.“
Um herauszufinden, wie Schmetterlinge auf die zunehmende Urbanisierung reagieren und welche Arten sich daran anpassen können, werteten die Wissenschaftler über 900.000 Einträge zu 158 Schmetterlingsarten in Europa aus der Global Biodiversity Information Facility (GBIF) aus. Dabei handelt es sich um das größte frei zugängliche Portal für Biodiversitätsdaten zu allen Arten, in das auch viele ehrenamtliche Daten einfließen.
Die Verbreitungsdaten zeigten, dass die Mehrheit (79 %) der Schmetterlingsarten die Städte meidet. Immerhin 25 der 158 Arten kamen im städtischen Umfeld häufiger vor als in anderen Lebensräumen, allen voran der Gelbe C-Falter (Polygonia egea). Die geringste Affinität zum Stadtleben zeigte der Kleine Maivogel (Euphydryas maturna). „Überraschend war, dass wir so klare Muster über den gesamten europäischen Kontinent hinweg gefunden haben“, sagt Callaghan. „Der Grad der Stadtaffinität deutet darauf hin, welche Arten künftig voraussichtlich zu den Gewinnern und Verlierern der Urbanisierung gehören.“
Zudem untersuchten die Forscher, welche Merkmale solchen Arten ihre Stadtaffinität verliehen. Es stellte sich heraus, dass vor allem Generalisten sich gut an den städtischen Lebensraum anpassen können, also solche Arten, die sich von vielen verschiedenen Pflanzen ernähren und starke Temperaturschwankungen aushalten können. Außerdem war den Gewinnern gemein, dass sie grundsätzlich mehr Zeit des Jahres Flugaktivität zeigten und sich mehrmals im Jahr fortpflanzten. Spezialisierte Arten hingegen, die stark von einer bestimmten Pflanze oder Pflanzengemeinschaft und Klimabedingungen abhängen, dürften künftig im städtischen Umfeld nicht so gut zurecht kommen.
„Mit unserer Methode konnten wir zeigen, dass sich Artmerkmale wie Temperatur- und Lebensraumpräferenzen gut als Anhaltspunkte nutzen lassen, um vorherzusagen, welche Arten am empfindlichsten auf menschliche Aktivitäten reagieren, um sie bei Schutzmaßnahmen zu priorisieren“, sagt Mitautorin Dr. Diana Bowler vom iDiv und der FSU.
Um den Verlust der Artenvielfalt durch Urbanisierung aufzuhalten, sehen es die Autoren als notwendig an, dass Stadt- und Regionalplaner künftig das Vorkommen von Nahrungsarten und Wirtspflanzen besonders von spezialisierten Schmetterlingen sicherstellen. „Jeder Gartenbesitzer kann aber auch selbst mithelfen, indem er heimische Pflanzen wählt,” meint Callaghan.
„Unsere Arbeit veranschaulicht die Kraft der Bürgerwissenschaft und Datenportalen wie GBIF,”, sagt Letztautor Prof. Dr. Henrique Pereira vom iDiv und der MLU. „Die meisten der von uns verwendeten Schmetterlingsbeobachtungen aus der GBIF-Datenbank wurden von Freiwilligen in ganz Europa zusammengetragen. Jeder kann dazu beitragen, das Wissen über die Auswirkungen unserer Lebensweise auf die biologische Vielfalt zu vergrößern.” Ein sehr einfacher Weg sei es, Smartphone-Apps wie iNaturalist oder naturgucker zu nutzen. Diese speisen ihre Daten direkt in die GBIF-Datenbank ein und stellen sie Wissenschaftlern weltweit zur Verfügung, um besser zu verstehen, wie es der biologischen Vielfalt auf unserem immer stärker veränderten Planeten geht.
Diese Forschungsarbeit wurde gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; FZT-118).
Originalpublikation:
Callaghan, C. T., Bowler, D. E., Pereira, H. M. (2021): Thermal flexibility and a generalist life history promote urban affinity in butterflies. Global Change Biology, DOI: https://doi.org/10.1111/gcb.15670

01.06.2021, Universität Konstanz
Vertrauen bei Rabenvögeln
Rabenvögel benutzen soziale Informationen, um sich vor Täuschung durch Artgenossen aus Nachbarterritorien zu schützen.
Unglückshäher sind in Gruppen lebende Rabenvögel und verfügen über ein großes Repertoire an Warnrufen, mit dem sie sich gegenseitig vor Fressfeinden warnen. Gelegentlich benutzen die Vögel diese Rufe jedoch auch, um benachbarte Artgenossen zu täuschen und Zugang zu deren Nahrung zu bekommen. Wissenschaftler der Universitäten Konstanz, Wageningen (Niederlande) und Zürich (Schweiz) untersuchten nun, wie Unglückshäher vermeiden, durch ihre Nachbarn getäuscht zu werden. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Science Advances erschienen ist, zeigt, dass Unglückshäher großes Vertrauen in die Warnrufe von Gruppenmitgliedern haben, die Warnrufe von Individuen aus Nachbarterritorien hingegen weitestgehend ignorieren. Die Vögel benutzen folglich soziale Information, um zwischen vertrauenswürdigen und vermeintlich falschen Warnrufen zu unterscheiden. Ähnliche Mechanismen könnten bei der Entstehung der menschlichen Sprachenvielfalt und insbesondere der Dialektbildung eine Rolle gespielt haben.
Vom Täuschen und Lügen
Täuschung und Lüge sind erstaunliche Spielarten der menschlichen Kommunikation und der Verwendung von Sprache, bei der absichtlich falsche Informationen übermittelt werden. Dies geschieht häufig, um gegenüber dem Empfänger der Falschinformationen Vorteile zu erlangen. Dabei ist Sprache eigentlich in hohem Maße prosozial und kooperativ und wird hauptsächlich zum Austausch verlässlicher Informationen genutzt. Sprache kann daher nur funktionieren und aufrechterhalten werden, wenn Lüge und Täuschung auf ein Minimum reduziert werden oder wenn Mechanismen zu deren Erkennung und Vermeidung vorhanden sind.
Menschen beurteilen die Vertrauenswürdigkeit eines Kommunikationspartners zum Beispiel basierend auf persönlichen Erfahrungen. „Wenn Sie wiederholt von jemandem angelogen werden, werden Sie höchstwahrscheinlich schnell aufhören, dieser Person zu vertrauen“, erläutert PD Dr. Michael Griesser, Biologe an der Universität Konstanz und zusammen mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Dr. Filipe Cunha Autor der aktuellen Studie. Doch finden wir Täuschungen auch bei Tieren und falls ja, welche Mechanismen der Vermeidung gibt es dort?
Die Warnrufe des Unglückshähers
Tatsächlich ist von verschiedenen Tierarten bekannt, dass diese in der Lage sind, eigene Artgenossen zu täuschen. Zu ihnen gehören neben einigen Primatenarten auch Vögel wie der Unglückshäher (Perisoreus infaustus). Unglückshäher sind territoriale, in Familiengruppen lebende Rabenvögel, die über ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem verfügen: Ein breites Repertoire an Warnrufen ermöglicht es den Vögeln, sich über die Anwesenheit verschiedener Arten von Raubfeinden und das Verhalten ihres ärgsten Feindes, des Habichts, zu verständigen.
Gelegentlich zweckentfremden jedoch Artgenossen aus Nachbarterritorien die Rufe, die eigentlich die Anwesenheit eines sitzenden Habichts anzeigen, um die Mitglieder der lokalen Gruppe über die Anwesenheit des Räubers zu täuschen. Ziel ist es, diese dadurch zu verscheuchen und so an deren Nahrung zu gelangen. „Im Tierreich findet man häufig das Phänomen, dass Warnrufe zur Täuschung verwendet werden, weil es für den Empfänger der falschen Information ein hohes Risiko birgt, diese zu ignorieren“, erklärt Cunha.
Vertraue nur dem, den du kennst?
Um herauszufinden, wie Unglückshäher diese Art der Täuschung erkennen und vermeiden können, untersuchten die Wissenschaftler eine Population wildlebender Unglückshäher in Nordschweden. Mithilfe von Futter lockten sie erfahrene Vögel auf einen Futterplatz. Sobald ein einzelner erfahrener Vogel den Futterplatz besuchte, wurden ihm per Lautsprecher zuvor aufgenommene Sequenzen des genannten Warnrufes vorgespielt. Diese stammten entweder von ehemaligen Gruppenmitgliedern, Vögeln aus Nachbarterritorien oder von Vögeln, zu denen der Futterplatzbesucher bisher keinerlei Kontakt hatte. Anhand von Videoaufnahmen bestimmten die Wissenschaftler, wie schnell und für wie lange die Vögel die Flucht ergriffen.
Diese sogenannten Playback-Experimente ergaben, dass erfahrene Unglückshäher nur auf die Warnrufe von ehemaligen Gruppenmitgliedern hin eine sofortige und langanhaltende Fluchtreaktion zeigten. Warnrufe von Nachbarn oder unbekannten Individuen wurden hingegen weitestgehend ignoriert und führten zu langsameren Reaktionen und schnellerer Rückkehr zum Futterplatz. „Unglückshäher haben also eine denkbar einfache Regel, um Täuschungen zu umgehen: Sie vertrauen ausschließlich den Rufen von Gruppenmitgliedern, sprich Kooperationspartnern. Den Rufer lediglich zu kennen, was ja auch für die Nachbarn gilt, reicht nicht aus“, resümiert Griesser.
Täuschung als mögliche Triebkraft für Sprach- und Dialektbildung
Michael Griesser zieht einen Vergleich zu Menschen und ihren Sprachen und Dialekten. Ähnlich wie bei den Vögeln vertrauen Menschen bevorzugt solchen Mitmenschen, die zur gleichen Gruppe gehören und zu denen sie entsprechend eher eine kooperative Beziehung haben. „Es ist durchaus möglich, dass die Anfälligkeit für Täuschung eine Triebkraft für die schnelle Diversifizierung der menschlichen Sprachen war und die Bildung von Dialekten gefördert hat, da diese die Identifizierung lokaler Gruppen von Kooperationspartnern ermöglichen“, spekuliert Griesser.
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1126/sciadv.aba2862

01.06.2021, Universität Potsdam
Neu entdeckte „Klima-Wippe“ als Antrieb der menschlichen Evolution
Die Klimaforscherin Dr. Stefanie Kaboth-Bahr von der Universität Potsdam und ein internationales Forscherteam haben herausgefunden, dass frühe El Niño-artige Klimamuster der primäre Antrieb für Umweltveränderungen im Afrika südlich der Sahara über die letzten 620.000 Jahre – eine kritische Periode für die Evolution unserer Spezies – waren. Das Team entdeckte, dass die Klimaschwankungen einen stärkeren Einfluss auf diesen Teil von Afrika hatten als eiszeitliche Zyklen, die bisher vorrangig mit der menschlichen Evolution in Verbindung gebracht wurden.
Während der Klimawandel als entscheidender Antrieb der Evolution unserer Spezies in Afrika weitgehend etabliert ist, werden der genaue Charakter dieses Klimawandels und sein Einfluss auf die menschliche Entwicklung noch immer kontrovers diskutiert. Da der Wechsel zwischen eiszeitlichen und zwischeneiszeitlichen Perioden weite Teile der Erde geprägt hat, wurde er entsprechend als entscheidender Faktor für Umweltveränderungen in Afrika während der letzten rund eine Million Jahre angesehen, der kritischen Periode menschlicher Evolution. Veränderungen im Ökosystem, angetrieben durch diese Eiszeit-Zyklen, so die vorherrschende Meinung, hatten die Evolution und Ausbreitung der frühen Menschen stimuliert.
Eine Publikation, die in Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) erschienen ist, stellt nun eine andere Sichtweise dar. Dr. Stefanie Kaboth-Bahr und eine internationale, multidisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben frühe El Niño-artige Wettermuster als den maßgeblichen Steuerungsfaktor großer Klimaumschwünge in Afrika identifiziert. Dies ermöglichte dem Forscherteam, den vorhanden klimatischen Rahmen der menschlichen Evolution neu zu bewerten.
Dem Regen folgend
In einem neuen Forschungsansatz integrierten Dr. Kaboth-Bahr und ihr Team elf Klimaarchive aus ganz Afrika, die die zurückliegenden 620.000 Jahre abdecken, um ein umfassendes räumliches Bild zu erstellen, wann und wo auf dem Kontinent feuchte oder trockene Bedingungen herrschten. „Wir waren überrascht, eine deutliche klimatische Ost-West-Schwankung zu finden, die dem Muster sehr ähnlich ist, das durch die Klimaphänomene El Niño und La Niña erzeugt wird, die heute die Niederschlagsverteilung in Afrika stark beeinflussen“, erklärt Dr. Stefanie Kaboth-Bahr. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, dass der Hauptantrieb dieser Schwankung der tropische Pazifik war, und zwar durch seinen Einfluss auf die sogenannte „Walker-Circulation“, einen Gürtel sich bewegender Luftmassen entlang des Äquators, der zu einem großen Teil die Verteilung von Niederschlag und Trockenheit in den Tropen bestimmt.
Die Daten zeigen deutlich, dass sich die Feucht- und Trockengebiete zwischen dem Osten und Westen des afrikanischen Kontinents auf Zeitskalen von etwa 100.000 Jahren verschoben haben, wobei jede klimatische Verschiebung von großen Umwälzungen in der Flora und Säugetierfauna begleitet wurde.
Laut den Forschenden könnte der sich daraus ergebende ökologische Flickenteppich eine entscheidende Komponente der menschlichen Evolution und der frühen Demografie gewesen sein. Die vielfältigen, ressourcenreichen und stabilen Umweltbedingungen waren möglicherweise für die Entwicklung des frühen modernen Menschen ausschlaggebend. Obwohl Klimaveränderung sicherlich nicht der einzige Faktor für die frühe menschliche Evolution war, so weisen die Autoren darauf hin, dass die Studie dennoch eine neue Perspektive auf die enge Verbindung zwischen Umweltschwankungen und dem Ursprung unserer frühen Vorfahren eröffnet.
„Eine Neubewertung der Perioden von Stillstand, Wandel und Aussterben vor dem Hintergrund des veränderten klimatischen Bezugssystems wird neue Einblicke in die tiefe menschliche Vergangenheit ermöglichen“, so Dr. Stefanie Kaboth-Bahr. „Dies bedeutet zwar nicht, dass Menschen im Angesicht des Klimawandels hilflos waren. Eine sich verändernde Habitatverfügbarkeit hätte allerdings sicherlich die Bevölkerungsstruktur und damit letztlich den Genaustausch, der direkt mit der menschlichen Evolution verknüpft ist, verändert.“
Originalpublikation:
Stefanie Kaboth-Bahr, William D. Gosling, Ralf Vogelsang, André Bahr, Eleanor M. L. Scerri, Asfawossen Asrat, Andrew S. Cohen, Walter Düsing, Verena E. Foerster, Henry F. Lamb, Mark A. Maslin, Helen M. Roberts, Frank Schäbitz, Martin H. Trauth, 2021, Paleo-ENSO influence on African environments and early modern humans,www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.2018277118

02.06.2021, NABU
NABU: Mehr Vögel pro Garten gemeldet
Bei der „Stunde der Gartenvögel“ haben mehr als 140.000 Menschen mitgemacht
Endergebnis liegt vor
Mehr als 140.000 Menschen haben an der „Stunde der Gartenvögel“ vom 13. bis 16. Mai teilgenommen. Das Endergebnis der großen wissenschaftlichen Mitmachaktion von NABU und LBV liegt nun vor. Aus über 95.000 Gärten und Parks wurden dabei über 3,1 Millionen Vögel gemeldet.
„Nach der Rekord-Teilnahme während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr ist die Teilnehmendenzahl auf hohem Niveau geblieben. Das freut uns sehr“, so NABU Bundesgeschäftsführer Leif Miller. „Die Corona-Krise hat unsere Sicht auf die Dinge verändert. Für die Natur ist es gut, wenn ein gewachsenes Interesse und die Freude an der Vielfalt vor der Haustür dazugehören.“
Die Vogelschutzexperten des NABU haben die Rohdaten der Zählung nun analysiert und statistische Korrekturen vorgenommen. Insgesamt konnten pro Garten knapp 33 Vögel von 11,4 unterschiedlichen Arten entdeckt werden. Das sind deutlich mehr als im Vorjahr, in dem mit nur gut 30 Vögeln der bisher niedrigste Wert ermittelt wurde. Insgesamt erweist sich der Vogelbestand in Deutschlands Dörfern und Städten seit Beginn der Zählungen im Jahr 2005 als weitgehend stabil. Dennoch gibt es unter den 66 am häufigsten beobachteten Arten ein leichtes Übergewicht deutlich abnehmender Arten: 20 Arten mit sinkenden Beständen stehen 16 Arten mit zunehmenden und 30 Arten mit stabilen Zahlen gegenüber. Unter den größten Verlierern finden sich mit Mauersegler, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Grauschnäpper auffallend viele Fluginsektenjäger. Mit Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Zilpzalp, Kuckuck, Nachtigall und Klappergrasmücke sind weitere ausschließlich von Insekten lebende Vogelarten dabei. Langfristig deutliche Zunahmen zeigen dagegen einige Vegetarier, darunter Ringeltauben, Stieglitz, Gimpel und Kernbeißer. Miller: „Wer unseren gefiederten Sorgenkinder helfen will, muss seinen Garten so gestalten, dass Insekten sich dort wohlfühlen: Heimische Laubgehölze pflanzen, Ecken mit Wildpflanzen anlegen und selbstverständlich auf Umweltgifte verzichten.“
Die Rangliste der häufigsten Gartenvögel wird wie in jedem Jahr vom Haussperling angeführt. Es folgen Amsel, Kohlmeise, Star, Blaumeise, Feldsperling, Elster und Ringeltaube. Der erstmals öffentlich gewählte Vogel des Jahres, das Rotkehlchen, fliegt auf Platz neun und erzielt damit – möglicherweise kraft Amtsbonus – seine bisher beste Platzierung. Auf Platz zehn kommt die Mehlschwalbe.
Bei der Gartenvogelzählung stehen häufige Vogelarten im Vordergrund. Daher ist die diesjährige hohe Zahl von knapp 230 unterschiedlichen gemeldeten Vogelarten bemerkenswert. Aus ihr spricht die große Vielfalt unterschiedlicher Wohnlagen in Deutschland zwischen Alpen und Nordsee. So wurde in der Nähe von München eine extrem seltene Kappenammer gesichtet. Diese Art lebt sonst auf dem Balkan und hat bisher in Deutschland nur ein einziges Mal gebrütet. Miller: „Selbst für erfahrene Ornithologen hält die Stunde der Gartenvögel immer wieder Überraschungen bereit.“

02.06.2021, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung
Salpen düngen das Südpolarmeer effektiver als Krill
Kotballen der Manteltiere sorgen für höhere Verfügbarkeit von Eisen als die von Krill
Forschende des Alfred-Wegener-Instituts haben erstmals experimentell die Freisetzung von Eisen aus den Kotballen von Krill und Salpen unter natürlichen Bedingungen gemessen und dessen Verfügbarkeit an einer natürlichen Gemeinschaft von Kleinalgen des Südpolarmeeres getestet. Antarktisches Phytoplankton kann den Mikronährstoff Eisen aus dem Kot von Salpen im Vergleich zu Krill besser aufnehmen. Beobachtungen der letzten 20 Jahre zeigen, dass der Antarktische Krill im Südpolarmeer als Folge des Klimawandels zunehmend von Salpen verdrängt wird. In Zukunft könnten Salpen effektiver als Krill die Fixierung des Treibhausgases Kohlendioxid durch antarktische Mikroalgen ankurbeln. Das berichtet das Forschungsteam jetzt in der Fachzeitschrift Current Biology.
Eisen ist die primär limitierende Ressource für das Wachstum von Phytoplankton in weiten Teilen des Südpolarmeeres. Somit bestimmt die vorhandene Menge an Eisen maßgeblich, wie viel CO2 die Kleinalgen fixieren und wieviel Biomasse dadurch an der Basis des Nahrungsnetzes zur Verfügung steht. Studien belegen deutlich, dass im Zuge des Klimawandels der antarktische Krill, die Schlüsselart des Südpolarmeeres, zukünftig von Salpen verdrängt wird.
„Wir haben untersucht, was ein Regimewechsel von Krill zu Salpen für die Primärproduktion bedeutet“, berichtet Dr. Scarlett Trimborn vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Die Leiterin der AWI-Forschungsgruppe EcoTrace führte mit ihrem Team auf einer Expedition mit dem Forschungsschiff Polarstern dazu erstmals Experimente mit natürlichen Phytoplanktonpopulationen im Südozean rund um Elephant Island durch. Als Eisenressource boten die Forschenden den Kleinalgengemeinschaften Kotballen von Krill und Salpen an, denn mit einem Regimewechsel zwischen den Arten würde in Zukunft auch mehr Kot durch Salpen produziert.
„Wir waren überrascht, dass das Kotballenmaterial von Salpen im Vergleich zu Krill pro Mikrogramm Kohlenstoff mehr Eisen freisetzt. Außerdem haben wir herausgefunden, dass das Eisen, welches sich aus den Kotballen der Salpen gelöst hat, besser für Phytoplankton verfügbar war, als das Eisen aus Krill-Kotballen“, berichtet Sebastian Böckmann aus der EcoTrace-Gruppe und Erstautor der Studie. Die Phytoplanktongemeinschaften konnten bis zu fünfmal mehr Eisen aus den Salpen-Kotballen aufnehmen als aus den Ausscheidungen des Krills. Grund für die größere Eisenaufnahme könnten Liganden sein, die die Verfügbarkeit des Eisens für die Algen erhöhen. Dies könnte einen deutlichen Anstieg der CO2-Fixierung durch Phytoplankter zur Folge haben.
Das Südpolarmeer ist für die Klimaentwicklung hochrelevant, denn die riesigen Gebiete können potentiell große Mengen CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen oder auch an sie abgeben. In einigen Regionen, beispielsweise rund um die Antarktische Halbinsel, ändert sich durch den Klimawandel die Meereisbedeckung. Ist der Ozean eisfrei, dringt mehr Sonnenlicht als Energiequelle für die Photosynthese in die oberen Wasserschichten ein. Allerdings bestimmt die Verfügbarkeit der Ressource Eisen maßgeblich die CO2-Aufnahme durch Mikroalgen. „Wir wissen zwar, aus welchen Quellen Eisen ins Südpolarmeer eingetragen wird, bisher ist allerdings vollkommen ungeklärt, wie viel von dem Eisen überhaupt von den Mikroalgen aufgenommen werden kann, vor allem was dessen Freisetzung durch das Recycling von Grazern wie Salpen und Krill betrifft. Unsere Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur Modellierung der Stoffkreisläufe im Südpolarmeer der Zukunft“, resümiert Scarlett Trimborn.
Original-Publikation:
Sebastian Böckmann, Florian Koch, Bettina Meyer, Franziska Pausch, Morten Iversen, Ryan Driscoll, Luis Miguel Laglera, Christel Hassler, und Scarlett Trimborn: Salp fecal pellets release more bioavailable iron to Southern Ocean phytoplankton than krill fecal pellets. Current Biology (2021), DOI: https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.02.033

02.06.2021, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Junge Seeadler bleiben länger im elterlichen Revier als vermutet – die Horstschutz-Zeiträume greifen zu kurz
Seeadler reagieren sensibel auf Störungen durch den Menschen, weshalb in unmittelbarer Umgebung der Horste forst- und landwirtschaftliche Nutzungen beschränkt sind. Diese saisonalen Schutzzeiträume sind in Brandenburg (bis 31. August) und in Mecklenburg-Vorpommern (bis 31. Juli) jedoch zu kurz, wie eine neue wissenschaftliche Untersuchung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) zeigt. Mittels detaillierten Bewegungsdaten von 24 juvenilen Seeadlern mit GPS-Sendern konnten sie nachvollziehen, wann diese flügge werden und wann sie das elterliche Revier verlassen: im Durchschnitt gut 10 beziehungsweise 23 Wochen nach dem Schlüpfen.
Wenn Forstarbeiten wieder erlaubt sind, befindet sich ein Großteil der Jungvögel noch in der Nähe der Horste. In einer Publikation in der Fachzeitschrift „IBIS – International Journal of Avian Science“ empfehlen die Wissenschaftler daher eine Verlängerung der Schutzzeiträume um einen Monat.
Dr. Oliver Krone und sein Team vom Leibniz-IZW statteten im Zeitraum von 2004 bis 2016 insgesamt 24 juvenile Seeadler im Rahmen der Beringung, die üblicherweise zwischen 4 und 6 Wochen nach dem Schlüpfen stattfindet, mit GPS-Sendern aus. Das Ziel war, die Bewegungen der Tiere in der wichtigen Lebensspanne zwischen dem ersten Ausflug und dem Verlassen der Territorien der Eltern genau zu erfassen und zu analysieren. „Die jungen Seeadler verlassen im Durchschnitt im Alter von 72 Tagen zum ersten Mal das Nest für ihren Jungfernflug und im Durchschnitt weitere 93 Tage später das elterliche Revier“, fast Krone zusammen. In dieser Zeit sind die jungen Vögel sehr aktiv und unternehmen häufige Exkursionen vom Horst, die in Länge und Distanz stark variieren. Die Aktivität in dieser Phase variiert jedoch von Vogel zu Vogel sehr stark und beeinflusst den Zeitpunkt des Abschieds vom elterlichen Revier. „Je häufiger ein junger Seeadler solche Erkundungsflüge macht, desto später verlässt er im Durchschnitt das Revier vollständig“, erklärt Biologe Marc Engler. Gleiches gilt auch für die Qualität dieses Revieres: Verfügt es über mindestens ein Gewässer, welches sich zur Jagd eignet, bleiben die Jungvögel fast vier Wochen länger bei den Eltern.
Beide Zusammenhänge deuten stark darauf hin, dass juvenile Seeadler möglichst lange im elterlichen Revier verweilen, insofern die Bedingungen dafür stimmen. „Kommt es zu mehr Störungen an einem Horst, können sich die jungen Adler nicht so häufig auf Erkundungsflüge begeben und scheinen gezwungen zu werden, früher abzuwandern“, schließen Krone und Engler. Im Mittel werden sie zwischen Ende Mai und Anfang Juli flügge, sodass der Zeitraum bis zur Abwanderung oft bis in den September oder Oktober hineinreicht. „Eine Verlängerung der Horstschutzzeiträume von um mindestens einen Monat ist daher ratsam, um Störung und frühzeitiges Abwandern von Jungvögeln im Horstbereich und damit mögliche negative Auswirkungen auf deren Überleben zu verhindern. Dies gilt insbesondere für das Land Mecklenburg-Vorpommern, wo ab Anfang August Waldarbeiten und auch Jagd um die Horste wieder aufgenommen werden kann, wenn noch fast zwei Drittel der jungen Seeadler ihren Lebensmittelpunkt im elterlichen Horst haben.“
Intensive Schutzbemühungen in letzten 100 Jahren haben den Seeadler in Deutschland vor dem Aussterben bewahrt. Sie wurden in den 1920er Jahren unter Schutz gestellt, nachdem vor allem die Jagd die Bestände auf ein kritisches Level geschrumpft hatte. Mittlerweile ist die Seeadlerpopulation wieder auf ein stabiles Maß angewachsen. Derzeit gibt es rund 950 Brutpaare des Seeadlers in Deutschland, Hochrechnungen gehen von einem Potenzial von 1200 Brutpaaren für Deutschland aus. Allerdings wirkt sich noch immer die Verwendung von bleihaltiger Munition bei der Jagd negativ auf die Seeadler aus, die im Winter die von Jägern hinterlassene Aufbrüche erlegter Tiere fressen. Zudem zeigte ein Team unter der Leitung von Oliver Krone, dass nicht nur Forstarbeiten die Seeadler „stressen“, sondern auch Radfahrer und Fußgänger hormonelle Belastungssituationen verursachen. Sie maßen bei Seeadlern in Norddeutschland Konzentrationen des Hormons Corticosteron und seiner Stoffwechselprodukte und korrelierten diese Werte mit potenziellen Belastungsursachen. Sie fanden dabei heraus, dass die Werte des Hormons im Urin der Vögel höher sind, umso näher der Horst eines Brutpaares zu Wegen oder Straßen liegt. Diese Arbeit wurde im Oktober 2019 in der Fachzeitschrift „General and Comparative Endocrinology“ publiziert.
Originalpublikation:
Engler M, Krone O (2021): Movement patterns of the White-tailed Sea Eagle Haliaeetus albicilla: Post-fledging behaviour, natal dispersal onset and the role of the natal environment. IBIS. DOI: 10.1111/ibi.12967

04.06.2021, Universität Greifswald
In warmen Sommern geborene weibliche Bechsteinfledermäuse werden größer, sterben jedoch früher
Eine Langzeitstudie Greifswalder Forscher*innen zeigt einen neuen, unerwarteten Effekt des Klimawandels: In warmen Sommern geborene weibliche Bechsteinfledermäuse werden größer. Als ausgewachsene Tiere haben diese Weibchen jedoch eine höhere Sterblichkeit. Für die Studie wurden Tiere aus vier freilebenden Kolonien individuell markiert. Über einen Zeitraum von 24 Jahren wurden Daten zur Körpergröße und dem Überleben erhoben. Diese wurden in Bezug gesetzt zu den Sommertemperaturen im jeweiligen Geburtsjahr der Tiere. Die Ergebnisse der Studien sind in Proceedings of the Royal Society B (doi.org/10.1098/rspb.2021.0508) erschienen.
Fledermäuse sind, bezogen auf ihre Körpergröße, extrem langlebige Säugetiere. Sie bringen in der Regel nur ein Jungtier pro Jahr auf die Welt. Wie Primaten, Meeressäuger und Elefanten haben Fledermäuse eine hohe Lebenserwartung bei niedriger Reproduktionsrate. Daher ist das Überleben von Weibchen für den Fortbestand der bedrohten Bechsteinfledermaus entscheidend. In einem in Unterfranken gelegenen Untersuchungsgebiet haben Forschende über einen Zeitraum von 24 Jahren das Wachstum und die Sterblichkeit weiblicher Bechsteinfledermäuse dokumentiert. Die Daten wurden in Bezug gesetzt zu den Sommertemperaturen im jeweiligen Geburtsjahr. Es zeigte sich, dass höhere Temperaturen während der Aufzuchtphase im Juni und Juli zu größeren Körpergrößen bei Weibchen führen. Gleichzeitig hatten größere Weibchen eine erhöhte Sterblichkeit über ihr Leben hinweg.
„Das Untersuchungsgebiet in Unterfranken ist besonders geeignet für Forschungen zu den Folgen des Klimawandels. In dem Gebiet steigen die Sommertemperaturen im globalen und deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittlich an. Die Auswertung unserer Langzeitdaten zeigt, dass in warmen Sommern geborene ausgewachsene Weibchen eine höhere Sterblichkeitsrate aufweisen. Das ist eine potenzielle Gefahr für den Fortbestand der bedrohten Art. Über die letzten 24 Jahre weist die Populationsentwicklung der beobachteten Fledermauskolonien keinen negativen Trend auf. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass sich mit häufiger werdenden warmen Sommern der negative Einfluss großer Körpergröße auf die individuelle Sterblichkeit stärker auf der Populationsebene auswirkt“, berichtet Carolin Mundinger, Hauptautorin der Studie.
Mittels moderner Modellierung bestimmten die Forschenden zunächst das Zeitfenster, in dem das Wachstum der Jungtiere am sensibelsten auf Witterungseinflüsse reagiert. Gleichzeitig wurden die Wetterparameter identifiziert, die dabei die größte Rolle spielen. Die Ergebnisse zeigen, dass warme Sommer nicht nur zu früheren Geburten führen. Jungtiere, die in warmen Sommern geboren wurden, werden größer. Grund ist, dass bei höheren Temperaturen weniger Energie für die Thermoregulation aufgewendet wird. Die eingesparte Energie steht für das Jungenwachstum zur Verfügung.
„Neben dem Wetter spielt auch die Koloniegröße eine entscheidende Rolle. Je mehr Weibchen gemeinsam in einer Kolonie leben, desto größer wird der Nachwuchs. Dabei ist vermutlich entscheidend, dass Weibchen sich gegenseitig wärmen und somit kalte Witterungsbedingungen abmildern, die die Entwicklung der Jungtiere verzögern würde“, ergänzt Prof. Dr. Gerald Kerth vom Zoologischen Institut und Museum an der Universität Greifswald.
Mundinger C, Scheuerlein A, Kerth G (2021): “Long-term study shows that increasing body size in response to warmer summers is associated with a higher mortality risk in a long-lived bat species,” in: Proceedings of the Royal Society B, 288: 20210508. https://doi.org/10.1098/rspb.2021.0508

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