Der Asiatische Wildesel in Brehms Tierleben

Asiatischer Esel (Brehms Tierleben)

Der Kulan der Kirgisen, Dschiggetai, zu Deutsch »Langohr«, der Mongolen insgemein, Dschan der Tungusen, Kiang der Tibetaner (Equus hemionus, polyodon und Kiang, Asinus Kiang und polyodon) wird von Pallas, seinem wissenschaftlichen Entdecker, beschrieben wie folgt: »Man kann diese Dschiggetai eigentlich weder Pferde noch Esel nennen. Sie sind in der ganzen Gestalt fast so ein Mittelding zwischen beiden wie die Maulthiere, daher sie Messerschmied, welcher sie zuerst bemerkt hat, fruchtbare Maulthiere nannte. Sie sind aber nichts weniger als Zwitter, sondern eine eigene Art, welche viel eigenes und eine weit schönere Gestalt als die gemeinen Maulthiere haben. Der Dschiggetai hat gewisse Schönheiten, welche ihn dem Esel weit vorzüglich machen. Ein überaus leichter Körper, schlanke Glieder, wildes und flüchtiges Ansehen und schöne Farbe des Haares sind seine vortheilhaften Seiten. Auch die Ohren, welche noch besser als beim Maulthiere proportionirt und munter aufgerichtet sind, stehen ihm nicht übel, und man würde es noch übersehen können, daß der Kopf etwas schwer und die kleinen Hufe wie beim Esel gestaltet sind. Nur der gerade, eckige Rücken und der unansehnliche Kuhschweif, welchen er mit dem Esel gemein hat, verunstalten ihn. Seine Größe ist etwas über die kleine Art von Maulthieren, fast einem Klepper gleich. Der Kopf ist etwas schwer gebildet, die Brust groß, unten eckig und etwas zusammengedrückt. Das Rückgrat ist nicht wie beim Pferde hohl ausgeschweift und rund, auch nicht so gerade und eckig wie beim Esel, sondern flach auswärts gebogen und stumpfeckig. Die Ohren sind länger als beim Pferde, aber kürzer als bei gemeinen Maulthieren. Die Mähne ist kurz und straubigt, vollkommen wie sie ein Esel hat, und so sind auch der Schweif und die Hufe. Die Brust und die Vorderschenkel sind schmal und bei weitem nicht so fleischig wie bei Pferden; auch das Hintertheil ist hager und die Gliederung überaus leicht und fein, dabei ziemlich hoch. Die Farbe des Dschiggetai ist licht gelbbraun; die Nase und Inseite der Glieder sieht fahlgelblich aus; die Mähne und der Schweif sind schwärzlich, und längs des Rückgrates läuft ein zierlicher, aus dem braunschwarzen Riemen gebildeter Streifen, der im Kreuz etwas breiter, gegen den Schweif aber wieder ganz schmal wird.«

Mit diesen Angaben stimmt Radde’s Beschreibung überein, erweitert jene aber in mehrfacher Beziehung. Im Winter erreicht das Haar bis 25 Millim. Länge, erscheint dann zottig und ist weich wie Kamelwolle, außen silbergrau, an der Wurzel blaß eisengrau gefärbt; im Sommer hat es wenig über 1 Centim. Länge und etwas lichtere, gelblichröthliche, grau überflogene Färbung; die Schnauze bis über ein Drittel von ihrer Spitze bis zu dem innern Augenwinkel, und eine Rinne zwischen den Unterkieferästen werden allmählich nach ihrer Spitze zu heller und fast rein weiß während die Unterseite erst zwischen den Vorderfüßen in ein nicht ganz reines Weiß übergeht.

Die Mittellinie des Rückens, welche eine bräunliche, etwas ins Gelbe und Graue ziehende Färbung zeigt, verschmälert sich gegen die Mitte des Rückens von Fingerbreite bis zu einer Breite von nicht ganz 1 Centim., nimmt dann rasch in ihrem Querdurchmesser zu, gewinnt über dem Kreuzbeine dreier Finger Breite, behält diese über dem Becken bei, verschmälert sich hierauf sehr rasch und läuft längs des Schwanzrückens in einer schmalen Längsbinde abwärts, setzt sich aber überall scharf von der Körperfärbung ab. Die seitlichen Leibestheile nehmen nur in den Weichen eine hellere Färbung an, dasselbe findet auch an den Füßen im allmählichen Uebergange von oben nach unten statt; aber ein fingerbreiter Rand brauner, verlängerter Haare umsteht die ganze Hufwurzel und steigt an der vordern Fußseite, nach und nach heller werdend, aufwärts. Die Gesammtlänge beträgt ungefähr 2,5 Meter, wovon der Kopf etwa 50, der Schwanz ohne Quaste 40 Centimeter wegnimmt; die Höhe am Widerrist schwankt zwischen 1,3 bis 1,5 Meter.

Ein erst vor wenigen Tagen geborenes Fohlen des Kulan, welches wir am dritten Juni 1876 in der Steppe zwischen Saisansee und Altaigebirge fingen, war ungemein zierlich gebaut; nur die Beine schienen, wie dies auch beim Pferde der Fall, im Verhältnisse zu hoch zu sein, und die Gelenke hatten fast unförmliche Dicke. Sein Kleid war im wesentlichen das der Alten in ihrer Sommertracht, das Haar jedoch, wie bei allen jungen Thieren, weicher und länger, auch etwas gekräuselt; Mähne und Schwanzquaste waren bereits wohl entwickelt, die Beine dünn und fein, nicht aber auch spärlich behaart, die Lippen und die Umrandung der Nasenlöcher dagegen mit sehr einzeln stehenden, langen, weichen, zum Theil gewellten Haaren besetzt. Die Färbung des Rumpfes oben und seitlich, des Halses, mit Ausschluß der Mähne, und der Achseln und Schenkel ist ein schönes Grauröthlichisabell, welches auf der Stirne etwas dunkelt und auf der Unterseite in Licht- bis Weißlichgelb übergeht. Ein Fleck an der äußeren und hinteren Seite des Ohres sowie die Stelle zwischen den Ohren sind rostroth, die Augenbrauenbogen roströthlich, die Ohren an der Wurzel und gegen die Spitze hin rostbraun, der kurze Pinsel an ihrer Spitze dunkel- oder schwarzbraun, der vordere Rand unten an der Wurzel, die Umrandung der Lippen, nicht weit nach oben reichend, ein Theil der Nase, das untere, nur mit wenigen, aber sehr langen Wimperhaaren besetzte Augenlid und das Innere des Ohres, die Weichen und die ganze Innenseite weiß, letztere mit einem Schimmer ins Gelbliche, welcher auf dem Spiegel zu Isabellgelb sich verstärkt, die Läufe vorn und außen etwas lichter als der Rumpf, die verlängerten Haare, welche die Hufe überdecken, schwarzgrau, die Mähne und der nach hinten allmählich sich verbreiternde, auf dem Kreuze aber wieder verschmälernde Rückenstreifen röthlich graubraun, die seitliche Einfassung des letzteren auf lichtgrauem Grunde durch bräunliche Haare gesprenkelt. Auf den hinteren Läufen war eine schwache Andeutung von drei dunklen Querstreifen zu bemerken. Die Iris ist dunkelbraun, der nackte Lippenrand bleigrau, der Huf schwarz, die warzige Stelle am inneren Vorderlaufe tief schwarz.

Pallas hielt, auf die Aussagen eines der kirgisischen Gefangenschaft entronnenen Kosaken und »andere glaubwürdige Nachrichten«, also nicht auf eigene Beobachtungen sich stützend, Dschiggetai und Kulan für verschiedene Arten. »Soviel ich habe erfragen können«, sagt er, »ist diejenige wilde Pferde- oder Eselsart, welche die Kirgisen und Kalmücken Kulan oder Chulan nennen, und die noch nie gezähmt worden ist, nicht nur von den Tarpanen, sondern auch vom Dschiggetai verschieden. Die meisten haben mir selbigen als bläulicht oder eselsfarbig von Haar, mit einem ordentlichen Eselskreuz über die Schultern beschrieben. Nach anderem Bericht sind sie gelbbraun mit einem schwarzen Rückenstrich und gedoppelten Querstreifen über die Schulter, mit Ohren, die kürzer als Eselsohren sind, und einem Kuhschwanze wie der Dschiggetai.« Nach der einen Mittheilung, welche Pallas erhielt, wird der Kulan als Mittelding zwischen Dschiggetai und Esel, nach anderen als der »wirkliche wilde Esel, der Onager der Alten«, beschrieben. Wäre es Pallas vergönnt gewesen, durch eigene Anschauung sich zu unterrichten, so würde er erkannt haben, daß Dschiggetai und Kulan ein und dasselbe Thier sind. Schon Eversmann bezweifelt die artliche Verschiedenheit beider Wildpferde; Radde stimmt ihm bei, und ich bin durch vergleichende Betrachtung des Dschiggetai und Kulan zu der Ueberzeugung gelangt, daß beide Namen nur ein und dasselbe Wildpferd bezeichnen. Das Gleiche gilt für den Kiang, welcher ebenfalls nichts anderes ist als Dschiggetai oder Kulan. Auf die in vielen Stücken abweichenden Beschreibungen der genannten Thiere darf besonderes Gewicht nicht gelegt werden, auf die verschiedene Länge der Ohren ebensowenig; denn alle Beschreibungen, mit Ausnahme der von mir benutzten, sind mangelhaft, und die Länge der Ohren ändert, wie ich mich angefangenen, neben einander stehenden Dschiggetais überzeugen konnte, nicht unerheblich ab. Daß auch die Färbung verschiedener Stücke einer merklichen Abänderung unterliegt, scheint mir zweifellos zu sein. Somit ergibt sich, daß ganz Mittelasien, vom Ostabhange des südlichen Ural an bis zum Himalaya und beziehentlich der mongolisch-chinesischen Grenze, nach Westen hin aber bis zu den persischen Grenzgebirgen der Aralokaspischen Steppen nur von einer einzigen Wildpferdeart bewohnt wird, und die zweite, eben der Onager der Alten, auf Kleinasien, Syrien und Palästina, Persien und Arabien sowie den Westen der Ostindischen Halbinsel beschränkt ist.

Bis in die neuere Zeit blieb die von Pallas gegebene Schilderung des Dschiggetai maßgebend für unsere Lebenskunde des Thieres; erst seit Beginn der Funfziger Jahre erhielten wir werthvolle Bereicherungen der ersten Mittheilung. Gehaltvolle Beiträge danken wir Hodgson, Adams, Hay, Eversmann, Radde, Sewerzoff und Przewalski; außerdem Apollon Rusinoff, welcher die Güte gehabt hat, zu Gunsten des »Thierlebens« von mir gestellte Fragen kundigen Kirgisen vorzulegen, die Antworten zu sammeln und, mit seinen Erfahrungen verschmolzen, mir zuzusenden. Ich versuche in nachstehendem, die verschiedenen Angaben zusammen zu fassen und gebe damit ein fast erschöpfendes Lebensbild der wahrscheinlichen Stammart des Pferdes.

Der Dschiggetai oder Kulan ist ein Kind der Steppe und belebt die verschiedenartigsten Theile oder Ausprägungen derselben. Obwohl mit Vorliebe in der Umgebung der Seen und Flüsse hausend, meidet er doch auch die dürren, wasserlosen und wüstenhaften Striche nicht, und ebensowenig scheut er sich vor Gebirgen, vorausgesetzt, daß auch ihrer die Steppe sich bemächtigt hat, mit anderen Worten, daß sie unbewaldet sind. Hauptsächlich des verschiedenen Aufenthaltes wegen glaubte man sich berechtigt, Dschiggetai und Kiang zu unterscheiden. Man hielt es für unmöglich, mindestens für unwahrscheinlich, daß ein und dasselbe Thier in den Tiefebenen und auf Hochgebirgen von mehr als dreitausend Meter unbedingter Höhe leben könne: nach der Ansicht der Gebrüder Schlagintweit müßte sogar der Kiang in den Tiefebenen unfehlbar zu Grunde gehen. Diese durch nichts unterstützte Auffassung widerlegt am schlagendsten Przewalski, welcher zweifellos ein und dasselbe Thier auf den Hochgebirgen Nordtibets wie auf den reichen Wiesen am Kuku-Nor weiden sah. Nicht die verdünnte Luft des Hochgebirges noch die im Sommer glühende Sonnenhitze, im Winter eisige Kälte der Tiefebenen, nicht die stechenden Schneestürme der Höhe, noch die vom Winde aufgewirbelten heißen Sandwolken der Tiefe sind es, welche dem wettergestählten Thiere Schranken setzen in der Steppe: es ist einzig und allein der Mensch, welcher sein Vorkommen und Auftreten wenn nicht bedingt, so doch beeinflußt. Da, wo das weite Land noch nicht einmal durch schweifende Hirtenvölker beunruhigt wird, oder dort, wo der Wanderhirt mit seinen Herden regelmäßig hin und wider zieht, scheucht er den Kulan; da, wo inmitten ergiebiger Weiden Strecken sich breiten, welche so arm, so öde, so wüstenhaft sind, daß selbst jener Vorläufer des seßhaften Menschen sie meidet: da findet das ungebundene Freiheit verlangende Wildpferd sich sicher. Schon zu Pal las Zeiten bemerkte man, nachdem die Grenzwachten angelegt worden waren, innerhalb der russischen Grenzen selten mehr ordentliche, von alten Hengsten geführte Herden, sondern nur verlaufene, oder von den Tabunen abgejagte junge Hengste oder einzelne Stuten; heutzutage sind die flüchtigen Thiere noch weiter zurückgedrängt, keineswegs aber innerhalb der inzwischen hinausgeschobenen Grenzen des russischen Reiches ausgerottet worden. Hart an der Grenzscheide Europas kann man ihnen begegnen. Sie bevölkern noch gegenwärtig in namhafter Menge mehrere Gebiete von Akmolinsk: so einen längs des Flusses Tschu, zwischen den Grenzzeichen von Kaktau und der Furt Bisch-Kulan gelegenen Landstrich von fünfhundert Kilometer Länge und Breite, welcher im Nordosten von dem Flusse Utsch-Kon, im Westen von dem Gebirge Ulutau begrenzt wird; sie bewohnen ebenso einen schmalen Steppenstreifen zwischen dem Altaigebirge und dem Saisansee und finden sich von hier aus nach Osten und Süden hin auf allen geeigneten Stellen des südlichen Sibiriens und Turkestans, wenn auch nicht in so beträchtlicher Anzahl wie in den wüstenhaften Steppen der Mongolei und des nordwestlichen China oder auf den Gebirgen Tibets.

Wahrscheinlich verweilt der Kulan an keiner Stelle seines ausgedehnten Verbreitungsgebietes jahraus, jahrein auf derselben Oertlichkeit. Seine wetterwendische Heimat zwingt ihn zum Wandern. Mit Eintritt des Winters sammeln sich die einzelnen Genossenschaften zu größeren Trupps, vereinigen sich mit anderen bereits gescharten und schwellen nach und nach zu Herden an, welche tausend und mehr Stück zählen können, um gemeinschaftlich nahrungsversprechenden Gegenden zuzuwandern. Die genannten Sommerstände des Gebietes von Akmolinsk z.B. verlassen sie, in einem Jahre wie in dem anderen, bereits im August, um der sogenannten Hungersteppe Bitpak zuzuwandern. Einen Monat später trifft man sie hier auf den alt gewohnten Winterständen, und zwar auch jetzt noch in so zahlreichen Herden, daß ihr dröhnender Hufschlag auf weithin vernommen wird und, wie man uns in Sibirien erzählte, mehr als einmal die Kosaken in den Grenzwachten unter die Waffen gerufen haben soll. Mit Beginn der Schneeschmelze treten sie die Rückwanderung an, und im April rücken sie wiederum auf den Sommerständen ein. So geschieht es mit größter Regelmäßigkeit in jedem Jahre und im Westen ihres Verbreitungsgebietes wie im Osten. »Die bedeutendsten Wanderungen des Dschiggetai«, sagt Radde, »finden (in Ostsibirien) im Herbste statt, weil die unstete Lebensweise erst dann beginnen kann, wenn die Füllen vom letzten Sommer kräftig genug sind, die anhaltenden schnellen Märsche mitzumachen. Ende September trennen sich die jungen Hengste von den Herden, denen sie bis ins dritte oder vierte Jahr angehörten, und ziehen einzeln in die bergigen Steppen, um sich selbst eine Herde zu gründen. Dann ist der Dschiggetai am unbändigsten. Stundenlang steht der junge Hengst auf der höchsten Spitze eines steilen Gebirgsrückens, gegen den Wind gerichtet, und blickt weit hin über die niedrige Landschaft. Seine Nüstern sind weit geöffnet; sein Auge durchirrt die Oede. Kampfgierig wartet er eines Gegners; sobald er einen solchen gewahrt, sprengt er ihm in gestrecktem Galopp entgegen. Nun entbrennt ein blutiger Kampf um die Stuten. Der Angreifende jagt gehobenen Schweifes an dem Führer der Herde vorbei und schlägt im Laufe mit den Hinterfüßen nach ihm. Mehr und mehr erhebt sich die struppige Mähne; dann, nach wenigen Sätzen, hält er plötzlich an, wirft sich seitwärts und umkreist trabend in weitem Bogen die Herde, deren Führer er ins Auge gefaßt hat. Aber der alte, wachsame Hengst wartet geduldig, bis sein frecher Gegner ihm nahe genug kommt. Im geeigneten Augenblicke wirft er sich rasch auf ihn, beißt und schlägt, und nicht selten büßen die Kämpfer ein Stück Fell oder die Hälfte des glatten Schweifes ein.« Alle von Radde erlegten Hengste bewiesen durch ihre zahlreichen Narben, wie kampflustig diese schnellen Pferde sind.

Die Anzahl der Stuten, welche ein Hengst sich er kämpft, schwankt, je nach der Oertlichkeit und Gelegenheit, zwischen drei bis zwanzig und mehr, so daß ein Trupp aus sechs oder acht bis funfzig Stück bestehen kann. Unter Umständen vereinigen sich auch im Sommer, jedoch immer nur ausnahmsweise, mehrere Trupps, und man kann dann mehrere hunderte von Kulans gewahren, welche zeitweilig gemeinschaftlich weiden und sodann wiederum in kleinere Herden sich zertheilen. Jedem einzelnen dieser Theile steht ein Hengst als unbedingter Beherrscher, Leiter und Führer vor. Je nach seinen Begabungen, seinem Alter und Muthe, seiner Kampfeslust und Stärke ist die Anzahl der Stuten größer oder geringer. Ein Hengst ist zum Bestehen eines Trupps unbedingt erforderlich; wird er getödtet, so zerstreuen sich die Stuten; wird er besiegt, so folgen sie anderen Bewerbern. Der in der Vollkraft stehende Hengst sammelt die meisten Stuten um sich, der junge, noch unerprobte, die wenigsten. Solange ein Hengst noch nicht mannbar ist, wird er in dem Trupp geduldet, sobald er sich zu fühlen beginnt, rücksichtslos vertrieben. Wochen- und monatelang geht er einsam umher, und neidvoll blickt er aus der Ferne auf das Glück des stärkeren und älteren Hengstes, bis quälende Eifersucht Kampfesmuth in ihm entfacht und ihn zu den geschilderten Herausforderungen treibt. Pallas gibt die Erzählung der Eingeborenen wieder, daß alte Hengste zur Sprungzeit junge Stuten, welche noch nicht rossig sind, aus dem von ihnen geleiteten Trupp verjagen und dadurch jüngeren Mitbewerbern Gelegenheit zur Bildung einer Genossenschaft verschaffen: die Angabe erscheint begründet, da die Kirgisenpferde genau ebenso verfahren.

Geselligkeit ist ein Grundzug des Wesens unseres Wildpferdes und aller Einhufer überhaupt. Ebenso wie Zebra, Quagga und Dauw den Herden der afrikanischen Antilopen und der Strauße sich zugesellen, sieht man den Dschiggetai im Hochgebirge gemeinschaftlich mit verschiedenen Wildschafen, der Tibetantilope und dem Grunzochsen, in den Tiefebenen mit Kropf- und Saigaantilopen weiden. Auch mit versprengten Pferden hält er gute Gemeinschaft. Rusinoff schreibt mir, daß die Pferde die Kulane fürchten und sich von ihnen entfernen sollen, weil ihnen die Ausdünstung der verwandten Thiere widerlich zu sein scheine: ich darf, auf eigene Beobachtungen gestützt, das Gegentheil behaupten. Als wir am dritten Juni des Jahres 1876 die erwähnte Steppe am Saisansee durchschritten und wiederholt auf Kulane stießen, sahen wir einmal auch zwei Einhufer, welche wir für Wildpferde halten mußten, auf dem Rücken eines langgestreckten Hügels stehen. Sofort begannen die uns begleitenden Kirgisen einen weiten Halbkreis um die beiden Thiere zu ziehen, in der Absicht, sie uns zuzutreiben und zum Schusse zu bringen. Das eine von ihnen setzte sich beim Erscheinen der vielen Reiter in Bewegung und entfloh; das andere weidete zuerst ruhig weiter, schaute sich sodann neugierig die herannahenden Kirgisen an und lief endlich, zu nicht geringer Ueberraschung von uns allen, geraden Weges auf uns zu. Einer und der andere griff zur Büchse, untersuchte flüchtigen Blickes Waffe und Ladung und harrte gespannt dem Näherkommen des Thieres. Da glitt ein Lächeln über das Antlitz des neben mir reitenden Kirgisen: er hatte nicht allein den Beweggrund des auffallenden Handelns des Einhufers, sondern in diesem auch ein Pferd erkannt. Vor mehr als Monatsfrist mochte es seinem Tabun entlaufen sein, sich in der Steppe verirrt und, in Ermangelung einer ihm besser zusagenden Gesellschaft, Kulanen angeschlossen haben; jetzt verließ es diese, um wiederum seinesgleichen sich anzuschließen. Widerstandslos ließ es sich fangen und zäumen, und wenige Minuten später trabte es so gleichmüthig neben unseren Reitthieren einher, als habe es niemals vollste Freiheit gekostet.

Ich will unentschieden lassen, in wie weit Gemeinsamkeit der Bedürfnisse so verschiedenartige Thiere der Steppe verbindet, glaube in ihr aber einen wesentlichen Beweggrund der Geselligkeit des Kulan erblicken zu dürfen. Die Einhufern und Wiederkäuern gemeinschaftliche Weide übt sicher wesentlichen Ein flußauf ihr gegenseitiges Verhalten aus, die den einen wie den anderen eigene Wachsamkeit vielleicht nicht geringeren. Eine Thierart fühlt sich sicherer in Gesellschaft der anderen, und keine beeinträchtigt die mit ihr auf derselben Fläche weidenden Genossen. Denn die Wildpferde genießen andere Gräser und Kräuter als Antilopen, Wildschafe und Grunzochsen. Das liebste Futter der Kulane ist im Sommer wie im Winter Steppenwermut, von den Kirgisen Dsjusan genannt, oder eine strauchartige, stachelige Pflanze, Bajalysch geheißen, welche namentlich in der Hungersteppe häufig vorkommt. Auf ihren Wanderungen müssen die sonst sehr wählerischen Thiere sich bequemen, auch andere in der Steppe wachsende Kräuter und Gräser abzuweiden, und im Winter oft längere Zeit mit Schößlingen von Tamarisken und anderen Sträuchern sich begnügen, obschon solche Aesung ihnen so wenig zusagt und sie derartig von Kräften bringt, daß sie wandernden Gerippen gleichen. Bei spärlichem Futter weiden sie fast zu jeder Stunde des Tages, bei reichlicher Weide sind sie mit dem Aufnehmen ihrer Nahrung ebenfalls sehr lange beschäftigt; nach Sonnenuntergang pflegen sie der Ruhe, jedoch, wie die Kirgisen versichern, immer nur kurze Zeit.

Ueber die Roß- und Fohlzeit des Kulan lauten die Angaben verschieden. Im Westen des Verbreitungsge bietes fällt erstere in die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juli, letztere ungefähr einen Monat früher; denn die Tragzeit stimmt mit der unseres Pferdes überein. Hay’s Meinung, daß der Kiang in Tibet im Winter fohle, wird zwar von ihm durch die Bemerkung unterstützt, daß eine von ihm im August erlegte Stute ein fast ausgetragenes Fohlen trug und er im Sommer niemals Fohlen sah, welche unter sechs Monate alt sein konnten, dürfte aber doch irrthümlich, mindestens nur ausnahmsweise zutreffend sein. Wir fingen, wie erwähnt, am dritten Juni ein offenbar erst wenige Tage altes Fohlen des Kulan ein.

Wer jemals Kulane in ihrer Heimat und in vollster Freiheit sah, wird nicht anstehen, sie als hochbegabte Thiere zu bezeichnen. Bezaubert folgt das Auge ihren Bewegungen; entzückt und erstaunt zugleich versucht es, die unvergleichliche Behendigkeit der flüchtigen Thiere zu erfassen. »Das wundervollste Schauspiel«, sagt Hay, gewiß mit vollstem Rechte vom Kiang, »ist es, zu sehen, mit welcher Schnelligkeit sie an den Bergen emporklimmen, und wie gewandt sie abwärts steigen, ohne jemals zu straucheln.« Als ob sie mit ihren unerreichbaren und unversieglichen Kräften spielen wollten, so jagten die von uns verfolgten Kulane über die Hügel und durch die Thäler der Steppe dahin. Die Pferde unserer Kirgisen fegten beinah den Boden mit ihrer Brust: sie berührten mit ihren leichten Hufen kaum die Erde und gewannen trotzdem so viel Vorsprung, als sie bedurften, um selbst unseren Geschossen zu entrinnen. Nur das junge Fohlen wurde unseren Kirgisen bald zur Beute; die alten Kulane spotteten deren Anstrengungen. Kein Reiter holt sie ein; sie wetteifern an Flüchtigkeit mit jeder Antilope, wie sie an Kletterfertigkeit kaum hinter der Gemse, dem Steinbocke zurückstehen. Ihre Sinnesfähigkeiten sind nicht geringer als die Kräfte ihrer Glieder; ihre geistigen Begabungen entsprechen den übrigen. Die Kirgisen bezeichnen sie als Trotzköpfe und vergleichen mit ihnen Leute, welche der Meinung anderer nicht beistimmen und auch dem von diesen für nützlich erachteten sich widersetzen, thun aber den Thieren damit Unrecht. Trotz und Eigensinn bekunden die Kulane wohl nur in der Gefangenschaft. Selbstbewußtsein und Muth, Neugier und Dreistigkeit sind hervorstechende Eigenschaften ihres Wesens. Unverfolgt traben sie nur, anscheinend nachlässig, ihres Weges fort und peitschen mit dem stets beweglichen Schwanze lustig die Weichen; verfolgt fallen sie in einen ebenso leichten und zierlichen als fördernden Galopp; aber auch währenddem bleiben sie von Zeit zu Zeit stehen, stellen sich sämmtlich in einer und derselben Richtung auf, sichern und stürmen dann, eine lange Reihe bildend, unbesorgt, gleichsam übermüthig, mit derselben Eile weiter wie vorher. Gewöhnlich, aber nicht immer, entfliehen sie bei Annäherung des Menschen schon von weitem. Eines der Thiere steht, laut Hay, regelmäßig als Wache aus, meist in einer Entfernung von hundert bis zweihundert Meter von der Herde. Diese Wache nähert sich, wenn sie eine ihr drohende Gefahr bemerkt, gemächlich den Gefährten, rüttelt dieselben auf, setzt sich an die Spitze des Zuges und eilt nun mit den Genossen entweder im Trabe oder im vollen Galopp davon. Der gescheuchte Kulan läuft immer gegen den Wind, erhebt, wenn er in vollster Flucht ist, seinen Kopf und streckt den dünnen Schwanz von sich. Nachdem die Herde so einige hundert Schritte zurückgelegt hat, stutzt sie in der geschilderten Weise, vergewissert sich über den Stand der Gefahr, stürzt wiederum vorwärts und flieht nunmehr weiter als das erste Mal, bis sie endlich, ihr Gebaren in gleicher Weise wiederholend, dem Auge entschwindet. Zuweilen läßt eine Herde den Menschen bis auf wenige hundert Schritte an sich herankommen, manchmal wiederum entflieht sie schon aus größter Entfernung. Der Hengst hat nicht allein für den Zusammenhalt, sondern auch für die Sicherheit eines Trupps Sorge zu tragen und umkreist denselben beständig, gibt auch in der Regel das Zeichen zur Flucht. Bemerkt ein Mitglied der Herde einen ungewöhnlichen Gegenstand, beispielsweise einen sich nahenden Menschen, von fern, so springt der Hengst vor und sucht sich dem verdächtigen Wesen durch Umschweife so weit zu nähern, bis er sich über dasselbe klar geworden ist. Nicht selten trabt er geraden Wegs dem herankommenden Jäger zu, wird bei solcher Gelegenheit auch wohl niedergeschossen. Unter Umständen folgt er längere Zeit dem Reiter: »bei einer Gelegenheit«, bemerkt Hay, »liefen zwei Kiangs längere Zeit hinter einem Pony her, auf welchem einer meiner Diener ritt und näherten sich diesem so weit, daß er fürchtete, von ihnen angegriffen zu werden.« Ein so geartetes Thier entgeht leicht den Verfolgungen größerer Raubthiere. In den westasiatischen Steppen gibt es solche, welche den Kulanen nachstellen, überhaupt nicht; denn die hier hausenden Wölfe wagen nicht, gesunde Wildpferde anzufallen, weil diese ihre kräftigen Hufe gegen Feinde trefflich zu gebrauchen wissen. Höchstens ermattete und erkrankte, abseits der Herde gehende Kulane dürften von den Wölfen angegriffen werden. Im südlichen und südöstlichen Theile des Verbreitungsgebietes tritt vielleicht der Tiger als Feind unserer Thiere auf; da die Steppen ihm jedoch nur hier und da entsprechende Aufenthaltsorte bieten und diese von den Kulanen gemieden werden, fügt wahrscheinlich auch er dem Bestande der letzteren erhebliche Verluste nicht zu. Als gefährlicherer Feind erweist sich der Mensch. Die eingeborenen Wanderhirten der Steppe jagen das Wildpferd mit Leidenschaft, umsomehr, als dieses alle Geschicklichkeit des Jägers herausfordert. In den Ebenen gelingt es zuweilen, einer Herde, auf welche man geraden Wegs zugeht, bis auf fünf- oder vierhundert Schritte nahe zu kommen und dann einen Schuß abzugeben; die Wirkung auch der trefflichsten Büchse bleibt jedoch unter solchen Umständen immer fraglich, weil der Kulan gegen Wunden sehr unempfindlich ist. Selten gelingt es, selbst auf einer bewegten Fläche, bis auf drei- oder zweihundert Schritte anzuschleichen; denn der weitsichtige Kulan hat den nahenden Jäger längst bemerkt, schöpft sofort Verdacht, wenn dieser, umgedeckt bis in Schußweite sich zu nähern, in ein Rinnsal oder eine langgestreckte Mulde hinabsteigt, wird unruhig und entflieht. Erreicht der Jäger aber wirklich ungesehen bis auf schußgerechte Nähe die Herde, so muß er sicher zielen, wenn er einen Kulan fällen will. Nur ein Blattschuß wirft das kräftige, lebenszähe Wild im Feuer nieder; weidwund oder mit zerschmettertem Beine entrinnt es noch in fast unbehinderter Eile, birgt sich endlich außer Sicht des Schützen in einer Bodensenkung, verendet hier und fällt dann den Wölfen, nicht aber dem Schützen zur Beute. Daher ziehen es Kirgisen wie Mongolen vor, dem Wildpferde an der erkundeten Tränke aufzulauern oder ihm, wenn dessen gefährlichster Feind, der Winter, mit dem Menschen sich verbündet, Schlingen zu legen. Nur im Osten Sibiriens betreibt man, laut Radde, die Jagd in anderer Weise. »Der Jäger zieht hier, um den scheuen Dschiggetai zu erlegen, am frühen Morgen, auf einem hellgelben Pferde sitzend, in das Gebirge. Ueber Berg und Thal reitet er langsam durch die Einöde, in welcher die Murmelthiere auf ihren Hügeln sich sonnen und die Adler hoch in den Lüften kreisen. Sobald er die Höhe eines Gebirges erreicht hat, blickt er in die Ferne, um zu sehen, ob nicht ein dunkler Flecken das ersehnte Wild ihm verrathe. Wenn er es erspäht, reitet er rasch vorwärts. Der Weg ist lang; denn es darf nur in den Thälern und gegen den Wind geritten werden. Zu derjenigen Höhe, welcher der Dschiggetai am nächsten steht, kriecht der erfahrene Jäger mit der größten Vorsicht. Das Thier steht wie festgebannt; es blickt fest nach Norden hin. Bald ist das diesseitige scheidende Thal überschritten, und nun erst beginnt die eigentliche Jagd. Dem raschen Klepper werden die losen Schweifhaare oben zusammengebunden, damit sie nicht im Winde hin- und herfliegen; dann bringt man das Reitthier auf die Höhe des Berges, wo es zu grasen beginnt. Der Jäger legt sich, etwa hundert Schritte von ihm entfernt, platt auf den Boden; seine, in eine kurze Gabel gelegte Büchse ist zum Abfeuern bereit. Der Dschiggetai bemerkt das Pferd, hält es für eine Stute seines Geschlechts und stürmt im Galopp auf das Thier zu. Aber er wird stutzig, sobald er in die Nähe kommt; er hält an, er bleibt stehen. Jetzt ist der Augenblick zum Schusse gekommen. Der Jäger zielt am liebsten auf die Brust und erlegt nicht selten das Wild auf dem Platze; zuweilen aber bekommt der Dschiggetai fünf Kugeln, bevor er fällt. Oefters gelingt es auch, das Thier trotz seiner feinen Witterung zu beschleichen, wenn es an stürmischen Tagen an der Mündung eines Thales grast und langsam geht.«

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Der Gewinn der Jagd ist nicht unbedeutend. Kirgisen und Tungusen schätzen das Wildpret des Kulan hoch. Erstere würdigen es dem Pferdefleische gleich; letztere erachten es als ausgezeichneten Leckerbissen. Die Haut des Kreuzes und der Schenkel, von den Kirgisen »Sáur« genannt, wird an die Bucharen verkauft, um zu Saffian Verarbeitung zu finden, und willig mit zwei Rubel Silber und mehr bezahlt, die übrige Haut zu Riemen und Pferdekoppeln zerschnitten und verflochten. In der Haut des Schweifes mit der langen Quaste liegt nach dem tungusischen Volksglauben eine wunderbare Heilkraft verborgen: ein Stück davon auf Kohlen verbrannt, läßt kranke Thiere, welche den aufsteigenden Rauch und Dampf einathmen, sicher gesunden.

Versuche, den Kulan zu zähmen, sind neuerdings in seinem Vaterlande selten und stets ohne vollständigen Erfolg angestellt worden. Einzelne Kirgisen haben, wie Rusinoff mir mittheilt, dann und wann Kulanfohlen gefangen, von Stuten bemuttern und groß ziehen lassen. Die Wildlinge gewöhnen sich bald an die ihnen zugewiesenen Ammen, besaugen sie mit derselben Befriedigung wie ihre Mütter, beweisen ihnen kindlichen Gehorsam und verlassen sie auch im reiferen Alter nicht, weiden frei unter den zahmen Herden und finden sich mit ihnen in der Nähe der Jurte ein, beugen ihren stolz getragenen Nacken jedoch nicht unter das Joch des Menschen, sondern bewahren ihre Selbständigkeit und, trotz der herzlichsten Pflege, unbesiegliches Mißtrauen, welches bei jeder Gelegenheit sich äußert. So lange sie jung und hülfsbedürftig sind, erwecken sie die besten Hoffnungen. Das Kulanfohlen, welches unsere Kirgisen fingen, war ein überaus liebenswürdiges Geschöpf. Mit kindischer Neugier schaute es Pferde und Reiter an, ließ sich, ohne Widerstand zu leisten, halftern, berühren, streicheln, schien die ihm gespendeten Liebkosungen sogar mit Behagen zu empfinden, fraß was wir ihm bieten konnten und trank die Kuhmilch, welche wir ihm verschafften, benahm sich überhaupt nicht im geringsten anders als ein gleichaltes Füllen und erregte in uns das lebhafteste Bedauern, ihm nicht die geeignete Pflege angedeihen lassen zu können. So, wie er, sollen sich alle benehmen. Allein dieses Betragen ändert sich, so bald das Thier seine Kraft zu fühlen beginnt. Zwei Kulans, welche uns Rusinoff zeigte, waren ebenfalls wenige Tage nach ihrer Geburt gefangen und durch kirgisische Stuten bemuttert worden. Den ersten Sommer ihres Lebens hatten sie mit der Herde verbracht, welcher ihre Amme angehörte, den ersten Winter mit dieser ohne Beschwer in einem kalten Stalle überstanden. Nach sehr kurzer Zeit begannen sie Heu, Hafer und gebackenes Brod zu fressen, folgten gern dem Zurufe des Menschen, ließen sich durch ihnen vorgehaltene Leckerbissen herbeilocken, auch streicheln, liebten es aber nicht, wenn man ihren Rücken berührte und ließen sich, nachdem sie genügend erstarkt waren, niemals von einem Reiter besteigen, sondern bissen und schlugen aus, geriethen schon, wenn man ihnen den Zaum auflegte, in heftigen Zorn. Sie ans Einspannen zu gewöhnen, war unmöglich. Mit jedem Jahre wurden sie wilder und bösartiger, so daß man schließlich alle Versuche, sie zu zähmen, aufgeben zu müssen glaubte.

Pallas berichtet von einer Kulanstute, welche nach Petersburg gebracht wurde, vorher aber sehr schlecht abgewartet worden war. Gleichwohl hatte dieselbe im Sommer den Weg von Astrachan bis Moskau, über zweihundert deutsche Meilen, in beständigem Laufe hinter dem Postwagen ausgehalten, ohne mehr als ein paar Nächte zu rasten, hatte dabei noch durch Fallen und Stoßen gelitten, war sogar hinter dem Wagen hergeschleift worden, und lief nach einem kurzen Aufenthalte in Moskau, doch noch mit ebensowenig Ruhe als vorher, über hundert Meilen, bis Petersburg. Hier kam sie freilich höchst mager und so elend an, daß sie sich kaum auf den Füßen erhalten konnte; aber sie gelangte bald wieder zu Kräften, und als sie gegen den Herbst hinstarb, war nicht jene Erschöpfung die Ursache, sondern die Kälte, die Nässe des Klimas, des Bodens und der Weide, und endlich die Mittel, welche man anwandte, um eine auf ihrer Haut ausgebrochene böse Räude zu vertreiben. Auch dieser Krankheit ungeachtet erholte sie sich genugsam, um einen Theil ihrer vorigen Munterkeit und Schnelligkeit sowie ihre anderen, vom Lastesel sehr verschiedenen Eigenschaften und Vorzüge zu zeigen. Der feuchtkalte Herbst brachte ihr den Tod. Sie wurde auf der nassen Heide hufrissig, und diese Krankheit nahm so überhand, daß die Hufe sich endlich stückweise von den Füßen schälten. Sie war übrigens sehr zahm und folgte den Leuten, welche sie fütterten und tränkten, wie ein Hund nach. Mit Brod konnte man sie locken wohin man sie haben wollte. Nur wenn man sie an der Halfter gegen ihren Willen leiten wollte, zeigte sie sich eigensinnig.

Einen anderweitigen Bericht verdanken wir Hay, welcher einen Kulan in Kleintibet erhielt und nach England brachte. Das Thier war in einer Grube gefangen und an eine weiße Stute gewöhnt worden. Diese wurde von einem tibetanischen Lama zurückbehalten, Hay kaufte deshalb einen Maulesel, zu dem Zwecke dem Kulan Gesellschaft zu leisten. Letzterer vertrug sich jedoch nicht mit dem Gefährten, und dieser genoß alles andere, nur nicht ein glückliches Leben. Gleichwohl folgte ihm der Kulan nach, war überhaupt erst zufriedengestellt, wenn er ein Pferd, zumal ein weißes, zur Gesellschaft hatte. Unterwegs bekundete er stets die größte Abneigung eine Brücke zu überschreiten, und wenn sein thierischer Gefährte solches that, pflegte er zu warten, bis dieser das andere Ufer erreicht hatte, warf sich dann furchtlos selbst in den reißendsten Strom und schwamm in fast schnurgerader Linie durch denselben. Auf dem Wege nach Simla mußte der Fluß Biaß, zur betreffenden Jahreszeit ein schäumender Strom, überschritten werden. Der Kulan stürzte sich auch in diesen, wurde jedoch von dem Strome mehrere hundert Meter abwärts geführt und landete auf einer Insel. Hier blieb er ruhig während der Nacht und des darauf folgenden Morgens, und Hay sah sich genöthigt, das Maulthier mit vieler Mühe nach der Insel bringen zu lassen, um den Kulan wieder in seine Gewalt zu bekommen. Später kreuzte er den Strom an einer andern Stelle, wo das Wasser weniger Fall hatte, mit größter Sicherheit und Schnelligkeit. Der Sudlej war während des Marsches so voll und reißend, daß Hay es für rathsam hielt, den Kulan auf einem Flosse überzusetzen. Dies konnte aber nur mit größter Schwierigkeit geschehen. In Simla gewöhnte sich der Kulan nach und nach an den ihm anfänglich fremden Anblick der Leute. Trotz der Meinung Schlagintweits befand er sich hier während der ganzen Regenzeit sehr wohl, und als er später die Ebenen erreichte, zeigte er sich munterer und übermüthiger als je, so daß vier Männer nothwendig waren, um ihn zu halten und zu leiten. Nicht selten entrann er seinen Pflegern, ließ sich aber immer ziemlich leicht wieder fangen. Den letzten Theil des Weges nach der Küste sollte er in einem Boote zurücklegen, welches ausdrücklich für ihn vorbereitet war. Der hohle Laut unter seinen Füßen setzte ihn so in Schrecken, daß er ohne weiteres aus dem Boote sprang, Zaum und alle übrigen Fesseln mit sich nehmend. Erst nachdem der Boden des Fahrzeuges mit Rasen belegt worden war, ließ er sich hier festhalten, bekundete aber die größte Freude, als er wieder Land unter den Füßen fühlte. Gleichwohl schien er sich hier wenig zu gefallen, und wenn nicht sein alter Wärter ihn begleitet hätte, würde er wahrscheinlich zurückgerannt sein.

Auf der Seereise nach England hatte der Kulan mancherlei auszustehen. Schon der Weg vom Lande nach dem Bord des Schiffes war sehr schwierig; denn das arme Thier fürchtete sich wegen des hohen Seeganges im Boote, und Hay war froh, als er es endlich glücklich an Bord und in dem hergerichteten Stalle hatte. Obgleich für die Ueberfahrt eine ziemliche Menge von Heu, Stroh, trockene Luzerne und Körnerfutter mitgenommen worden war, fand sich bald, daß die Nahrungsmittel nicht recht reichen wollten. Die Körner waren wurmfräßig, und der Kulan weigerte sich deshalb lange Zeit, sie zu berühren. Außerdem gingen die Matrosen so unachtsam mit dem Heu und Stroh um, daß der Kulan zweimal auf das Stroh, welches in den Matratzen des Schiffsvolkes sich gefunden hatte, angewiesen war. Halb verdorbenes Wasser, wie es gereicht wurde, wollte er ebenfalls nicht trinken; ehe jedoch St. Helena erreicht wurde, hatte er sich an alles gewöhnt und fraß oder trank, was man ihm gab. In seinem Hause richtete er sich bald und mit großem Geschick ein und hielt sich so trefflich im Gleichgewichte, daß er nur bei sehr ungünstigem Wetter in die Schwebe gehängt zu werden brauchte. Während eines Sturmes arbeitete er mit allen Kräften, um sich aufrecht zu erhalten, schien auch dankbar für jede Beihülfe zu sein. Nach und nach wurde er überaus zahm und lernte Hay zuletzt schon an der Stimme erkennen. Beim Kreuzen der Linie litt er drei oder vier Tage sehr unter der Hitze, wurde auch krank davon, genas aber wieder und bekundete nun auf der ganzen Reise kein weiteres Zeichen von Krankheit, entwickelte vielmehr eine außerordentliche Freßlust und verbrauchte in vier Monaten so viel, als man für sechs berechnet hatte. Hay fand den Kulan stets außerordentlich empfänglich für freundliche Behandlung. Dankbar nahm er ihm gereichte Leckerbissen entgegen und drückte seine Befriedigung in der Regel dadurch aus, daß er die Ohren nach vorwärts bewegte. Nach allen Beobachtungen spricht Hay die Ansicht aus, daß dieses Thier durchaus nicht unzähmbar ist, wie man früher geglaubt hatte, vielmehr verhältnismäßig leicht unter die Herrschaft des Menschen sich fügt. Von Eingebornen Tibets erfuhr unser Berichterstatter, daß man den Kulan soviel als möglich zur Kreuzung mit Pferden benutzt und die von ihm erzeugten Maulthiere nicht allein ihrer ausgezeichneten Eigenschaften halber, sondern auch deshalb sehr hoch schätzt, weil sie wiederum fruchtbar sind. In unseren Thiergärten gehört der Kulan noch immer zu den Seltenheiten, obgleich man ihn in den letzten zwanzig Jahren öfters eingeführt und er sich auch wiederholt, in Paris allein sechzehnmal, fortgeflanzt hat. Ebenso ist er mit Erfolg mit dem Esel, dem Quagga, Zebra und neuerdings auch mit dem Pferde gekreuzt worden.

In den Sagen und Erzählungen der Kirgisen spielt der Kulan eine wichtige Rolle. Eine der ersteren berichtet folgendes: Vor Zeiten lebte ein Kirgise, Namens Karger-Bei, welcher ebenso reich als geizig war. Er starb endlich, ohne Erben zu hinterlassen. Aber auch auf andere kam nichts von seinem Besitzthume, denn seine Herden wurden, seinem Volke zum warnenden Beispiele, verwandelt in Thiere der Wildnis: seine Schafe in Saigaantilopen, seine Pferde in Kulane. Seitdem bevölkern beide die Steppe. Auch die Sage also bezeichnet Pferd und Kulan als dasselbe Thier.

Eine Schilderung oder auch nur Aufzählung der fast zahllosen Rassen oder Stämme des Pferdes gehört nicht in den Rahmen unseres Werkes. Die eine wie die andere würde, selbst wenn ich die erforderlichen Kenntnisse zur Unterscheidung des wahren und falschen, richtigen und unrichtigen besäße, über die mir gestellte Aufgabe hinausgehen. So mag es genügen, wenn ich die trefflichen Abbildungen, welche wir der Meisterhand Camphausens danken, mit einigen Worten begleite, mehr in der Absicht, die Unterschriften zu erläutern als Beschreibungen zu liefern.

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