Ausgestorbene Parasiten des Kakapo

Kakapo (Naturhistorisches Museum Wien)

Forschende der University of Adelaide, des neuseeländischen Instituts Manaaki Whenua-Landcare Research und der University of Auckland haben herausgefunden, dass mehr als 80 Prozent der Parasiten, die vor den 1990er Jahren in Kākāpō-Kotproben nachgewiesen wurden, in heutigen Populationen nicht mehr vorkommen.
Im Rahmen des Projekts wurden mittels alter DNA und mikroskopischer Verfahren Kotproben untersucht, die bis zu 1500 Jahre alt sind. Dabei zeigte sich, dass neun von 16 ursprünglichen Parasiten-Taxa bereits vor den 1990er Jahren – als der Bestand des gefährdeten Papageis unter umfassende Schutzmaßnahmen gestellt wurde – verschwunden waren; vier weitere gingen im Zeitraum danach verloren.
Das Aussterben eines Parasiten im Zuge des Aussterbens seines Wirts wird als sekundäres Aussterben oder Ko-Extinktion bezeichnet; dieser Prozess verläuft oft schneller als beim Wirtstier selbst. Beispiele findet man im Blog u. a. hier:
Ausgestorbene Wirbellose – Parasiten
Ausgestorbene Wirbellose – Noch mehr Parasiten
Das Aussterben von Parasiten könnte einen wesentlichen Bestandteil des Verlusts an biologischer Vielfalt darstellen, da Parasiten zwar artenreich, aber anfällig für den Verlust ihrer Wirte sind. Das Ausmaß dieses Parasitensterbens ist jedoch kaum erforscht, da Parasiten während des Aussterbeprozesses nur selten dokumentiert oder konserviert werden. Der vom Aussterben bedrohte Kākāpō ist durch eine einzigartige Sammlung von Kotproben und Koprolithen vertreten, die den Zeitraum von seinem Beinahe-Aussterben (ca. 1280–1990 n. Chr.) bis zur umfassenden Bestandsbetreuung ab ca. 1990 abdeckt. Analysen mittels Metabarcoding alter DNA sowie Untersuchungen von Mikrofossilien in mehr als 200 Kākāpō-Kotproben und -Koprolithen – stammend von vierzehn Fundorten und aus einem Zeitraum von über 800 Jahren bis zur Gegenwart – belegten einen Rückgang der Endoparasiten-Vielfalt. Dreizehn der sechzehn (81,3 %) Parasitentaxa, die in Kākāpō-Proben aus der Zeit vor 1990 nachgewiesen wurden, fehlen in heutigen Populationen; dabei traten neun Verluste vor und vier nach Beginn der Bestandsbetreuung auf. Von sieben wiederkehrenden und möglicherweise wirtsspezifischen Parasitentaxa, die in den Proben vor 1990 gefunden wurden, konnten vier (57 %) in heutigen Proben nicht mehr nachgewiesen werden und sind möglicherweise ausgestorben. Diese Verluste könnten auf zunehmend erfolglose Übertragungen zwischen Wirten, eine „Aussterbeschuld“ (verzögertes Aussterben), die Umsiedlung von Wirten aus infektiösen Lebensräumen sowie auf veterinärmedizinische Eingriffe zurückzuführen sein. Insgesamt deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass der Rückgang von Wirbeltierpopulationen zu einem dauerhaften Verlust von Parasiten führen kann. Das Aussterben von Parasiten ist möglicherweise weit verbreiteter, als bisherige Schätzungen nahelegen, was unbekannte Auswirkungen auf die jeweiligen Wirte und deren Ökosysteme haben könnte.
Boast A, Wood J, Bolstridge N …
Long-term parasite decline associated with near extinction and conservation of the critically endangered kākāpō parrot
Current Biology, 2025; 35, 3920-3929.e2
DOI 10.1016/j.cub.2025.07.009

Andreas Reischek

Im späten 19. Jahrhundert erforschte der österreichische Naturforscher Andreas Reischek Neuseeland und beobachtete (und erlegte) dabei den seinerzeit noch weit verbreiteten Kakapo. Seine späteren Berichte enthalten eine seltene Beobachtung: Die Vögel waren häufig von großen, „milchweißen“ Bandwürmern befallen. Im Jahr 1904 wurde die einzigartige Bandwurmart Stringopotaenia psittacea anhand eines einzigen, aus einem Kakapo (möglicherweise einem von Reischeks Exemplaren) stammenden Exemplars beschrieben; seither konnte sie nicht mehr zweifelsfrei nachgewiesen werden. In jüngster Zeit schieden zwei junge Kakapos in Gefangenschaft nicht identifizierte Bandwürmer aus; beide Vögel wurden anschließend entwurmt. Bei vielen Parasitengruppen (einschließlich der Bandwürmer) ist es üblich, dass sich eine Art auf einen einzigen Wirt spezialisiert. Es ist wahrscheinlich, dass es sich bei diesen Beobachtungen um denselben Organismus handelt, der nirgendwo sonst als im Darm des Kakapos vorkommt.
Darüber hinaus wird der beschriebene Kakapo-Bandwurm der Familie der Anoplocephalidae zugeordnet, einer Gruppe, die vor allem bei pflanzenfressenden Säugetieren, aber ungewöhnlicherweise auch bei Papageien vorkommt. Interessanterweise ist der einzige weitere neuseeländische Bandwurm aus dieser Familie (Pulluterina nestoris) von einem anderen Nestorpapagei bekannt: dem Kea.
2023 behauptet eine Studie, dass S. psittacea vor der menschlichen Besiedlung weder innerhalb noch zwischen den Kākāpō-Populationen weit verbreitet war; dies steht in deutlichem Kontrast zu anderen Parasitenarten, die bei den ausgestorbenen Moa-Arten vorkamen. Die intensive Betreuung der letzten verbliebenen Kākāpō hat den Bestand dieses Bandwurms gefährdet oder möglicherweise sogar zu dessen Aussterben geführt.
Horrocks M, Presswell B. The cestode Stringopotaenia psittacea (Fuhrmann, 1904) (Cestoda: Anoplocephalidae) from a critically endangered New Zealand bird: New evidence from ancient coprolites. Journal of Helminthology. 2023;97:e93. doi:10.1017/S0022149X23000780

Portrait: Kakapo
Der Kakapo in Brehms Tierleben

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