Wolfgang Schwerdt: Rotbarts wilde Verwandte – Zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens (Rezension)

Marmorkatze, Sumatratiger, Leopard, Nebelparder oder Schwarzfußkatze. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind vom Aussterben zumindest in freier Wildbahn bedroht. Bereits seit der Entstehung der ersten Zivilisationen werden sie verehrt und verfolgt, ausgerottet und vergöttert. Aber erst mit der europäischen Expansion, der Globalisierung wird mit zunehmender Geschwindigkeit ihre natürliche Lebensgrundlage überall auf der Welt unwiederbringlich zerstört.
„Rotbarts wilde Verwandte“ ist eine kulturgeschichtliche Reise von der Frühzeit über das 17. Jahrhundert, in dem der Prozess der Globalisierung bereits im vollen Gange war, in die Neuzeit bis hin zu den aktuellen Herausforderungen, denen sich der Arten- und Habitatschutz angesichts der sogenannten sixth extinction, also dem sechsten Massenartensterben der Erdgeschichte zu stellen hat. Der Leser taucht dabei ein in die Welt von göttlichen Herrschern, Kulturheroen, menschenfressenden Raubkatzen, skrupellosen Geschäftemachern, historischen Ausrottungskampagnen und schießwütigen Naturforschern. Denn die Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens ist geprägt von Gier und Machtbesessenheit, wissenschaftlicher Leidenschaft, religiösen Überzeugungen und einer gehörigen Portion Dummheit der Tierart, die sich in ihrer Hybris selbst als Homo sapiens, also als weise und vernünftig bezeichnet.

Der Klappentext verrät schon alles, auch wenn der Inhalt selbst dann doch ein etwas anderes Bild vermittelt.
Ja, „Rotbarts wilde Verwandte“ ist eine kulturgeschichtliche Reise, allerdings kürzer als erwartet (oder erhofft) und dadurch oberflächlicher als es sein könnte. Aber was kann man bei knapp 200 Seiten erwarten. Andere kulturgeschichtliche Abhandlungen sind länger, und langweilen auf Dauer (z. B. die Kulturgeschichte des Wolfs).
Der Ausflug in die Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens ist aber auch nicht der interessanteste Teil des Buchs.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Teil drei ist eine Art Nachwort, das zum Nachdenken anregen soll (auch wenn ich in einigen Belangen dem Autor nicht zustimmen kann, sind mahnende Worte zum Thema Artensterben nie verkehrt. Natürlich fehlen auch weiterführende Literaturangaben (einschließlich verwendeter Quellen) nicht.
Teil eins beschreibt die Mensch-Naturbeziehungen und die Rolle des Tiers in der Kultur des Menschen.
Im zweiten Teil geht es dann um Rotbarts wilde Verwandte. Wüstenluchs, Löwe, Leopard, Schwarzußkatze, Marmorkatze, Sundakatze, Sunda-Nebelparder, Fischkatze und Tiger werden in mehr oder weniger ausführlichen Steckbriefen vorgestellt. Dabei erfährt man bekanntes und weniger bekanntes (vor allem natürlich über die weniger bekannten Katzenarten). Das Highlight des Buchs.
Und wer ist nun dieser Rotbart?
Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar angefordert, weil ich der Meinung war, dass es um Katzen ging (was ja auch nicht ganz an der. Wahrheit vorbei geht). Den Hinweise auf den fiktiven Schiffskater habe ich geflissentlich überlesen.
Natürlich habe ich mich dann schlau gemacht und mehr über Rotbart gelesen (siehe hier).
Wenn ich ehrlich sein soll, muss ich sagen, dass ich Rotbarts wilde Verwandte vermutlich mit Nichtbeachtung gestraft hätte, hätte ich die Rotbartsaga bereits gekannt.
Man muss die Rotbartsaga (oder genauer gesagt Schiffbruch vor Sumatra) nicht kennen, um das Begleitbuch zu verstehen. Die einzelnen Kapitel werden mit Szenen eingeleitet, in denen Rotbart während seiner ersten Schiffsreise auf seine wilden Verwandte traf. Zum besseren Verständnis des Buchs sind sie nicht nötig.
Rotbarts wilde Verwandte ist ein Buch, das man dem Wildkatzenfan nahelegen kann.
Zahlreiche Illustrationen und Fotografien bereichern das Buch und einige Naturschutzorganisatznen, die sich für den Schutz von Katzen (aber nicht nur) einsetzen, werden vorgestellt (u. a. auch das Raubkatzen- und Exotenasyl).
Ich hätte mehr Kulturgeschichte erwartet, aber ich kann nicht sagen, dass mich das Buch enttäuscht hat. Lesens- und Sehenswert.

(Rezensionsexemplar)

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