Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

26.08.2019, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Bei Dinos hat´s gebrannt // Wiederholte Buschbrände in der kreidezeitlichen Bahariya-Formation nachgewiesen
Senckenberg-Wissenschaftler Dieter Uhl hat mit ägyptischen und brasilianischen Kollegen Holzkohlereste in den kreidezeitlichen Sedimentschichten der Bahariya-Formation nachgewiesen. Die Forschenden zeigen, dass es in der – für ihre einzigartigen Dinosaurierfunde bekannten – Lokalität wiederholt zu großen Bränden gekommen ist. Sie schlussfolgern, dass solche Paläo-Feuer während der Kreidezeit auf dem Gondwana-Kontinent keine Seltenheit waren. Die Studie erscheint heute im Fachjournal „Journal of Palaeogeography“.
Vor gut hundert Jahren entdeckte ein Grabungsteam, unter ihnen der bekannte deutsche Paläontologe Karl Heinrich Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach, etwa 340 Kilometer von Kairo entfernt in der ägyptischen Sahara zahlreiche Skelette von großen Dinosauriern. Später beschrieb von Reichenbach eines der bislang unbekannten Fossilien als Spinosaurus.
„Der Spinosaurus und weitere spektakuläre Dinosaurierfunde haben die sogenannte Bahariya-Formation weltberühmt gemacht!“, erklärt Prof. Dr. Dieter Uhl vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Weit weniger bekannt sind die zahlreichen Pflanzenfossilien, die sich ebenfalls in den kreidezeitlichen Sedimentschichten finden lassen.“
Uhl hat sich nun mit einem internationalen Team auf die Suche nach solchen Pflanzenfossilien gemacht – „genauer gesagt nach den Pflanzenresten, die nach einem Feuer übrigbleiben“, ergänzt er. In sechs Gesteins-Horizonten wurden die Geowissenschaftler fündig: Insgesamt 50 Proben von Holzkohleresten konnten sie der etwa 100 bis 93 Millionen Jahre alten Gesteinsabfolge entnehmen. Damit erbringt das Wissenschaftlerteam den ersten Nachweis von Paläo-Bränden in der ägyptischen Fundstelle und den erst vierten Beleg für Brände auf den Gondwana-Kontinent in der Zeit des Cenomans, der untersten Stufe der Oberkreide.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Brände in Nordafrika während des Treibhausklimas in der Kreidezeit keine Seltenheit waren und großen Einfluss auf das damalige Ökosystem hatten. Wir haben sowohl Farnüberreste, als auch Rückstände von nacktsamigen und bedecktsamigen Pflanzen gefunden – das spricht dafür, dass verschiedene Vegetationstypen von den Feuern betroffen waren“, erläutert Dr. Haytham El Afty, Erstautor der Studie von der Mansoura Universität in Ägypten.
Laut der Studie sind insbesondere die identifizierten Farne leicht entflammbar und können eine schnelle Ausbreitung des Feuers bewirken – der höhere Sauerstoffgehalt in der kreidezeitlichen Atmosphäre begünstigt zusätzlich das Auftreten großer Feuer.
Auch die im Ökosystem lebenden Dinosaurier, wie der fleischfressende Spinosaurus, waren wahrscheinlich von diesen weitflächigen Bränden betroffen. „Ob sie direkt durch das Feuer, die Rauchentwicklung oder die enorme Hitze beeinträchtigt waren oder sich die Brände nur indirekt durch die Zerstörung der Vegetation auf die großen Reptilien auswirkten ist bislang aber nur Spekulation“, schließt Uhl.
Originalpublikation:
Haytham El Atfy, Tarek Anan, André Jasper & Dieter Uhl (2019):
Repeated occurrence of palaeo-wildfires during deposition of the Bahariya Formation (early Cenomanian) of Egypt
Journal of Palaeogeographyvolume 8, Article number: 28. DOI: https://doi.org/10.1186/s42501-019-0042-6

27.08.2019, NABU
Wie fit ist Deutschland für den Artenschutz? NABU und naturgucker.de starten Bildungs-Test zu Tier- und Pflanzenarten
Um Tiere und Pflanzen ausreichend schützen zu können, muss man sie kennen. Doch wie steht es um die Artenkenntnis in der Bevölkerung in Deutschland? Um das herauszufinden, starten der NABU und das Naturbeobachtungsnetzwerk naturgucker.de im Spätsommer ihren diesjährigen arten|pisa-Test. Vom 30. August bis 8. September können Interessierte an der Online-Bildungsumfrage unter www.artenpisa.de/presse teilnehmen. Dabei werden Fotos von Tier- und Pflanzenarten gezeigt, die benannt werden sollen – darunter Vögel, Insekten, Säugetiere und Amphibien. Je nach Anzahl der Treffer findet eine Benotung statt, woraus eine Durchschnittsnote errechnet wird. Bei der ersten arten|pisa-Umfrage im Jahr 2017 erreichten die 8033 Teilnehmer die Durchschnittsnote 4.
Stefan Munzinger, Initiator von naturgucker.de: „Ob ein schillernder Rosenkäfer, ein flinker Feldhase oder eine duftende Kamille: Jedes Tier und jede Pflanze zeigt uns die Schönheit der Natur auf. Mit unserer Umfrage wollen wir prüfen, wie fit die Deutschen im Wissen über einheimische Pflanzen- und Tierarten sind. Wir werden den Test in den nächsten Jahren wiederholen um herauszufinden, ob sich möglicherweise Trends in der Entwicklung der Artenkenntnisse abzeichnen.“
Die Entwicklung der Artenkenntnis wurde bislang nur punktuell untersucht. Bei einer Befragung in Bayern vor rund zehn Jahren zu heimischen Vogelarten zeigte sich, dass Schulkinder durchschnittlich sechs von den zehn häufigen Vogelarten benennen konnten. Eine Wiederholung der Umfrage im Jahr 2017 ergab, dass die Artenkenntnis seitdem gesunken ist – die befragten Kinder konnten nur noch fünf der zehn häufigsten Vogelarten bestimmen.
Die Verschlechterung des Wissensstands hat verschiedene Gründe. Die Möglichkeit, vielfältige Arten zu erleben, wurde in den letzten Jahrzehnten durch den Rückgang des Artenreichtums in der Landschaft, immer weniger naturnahe Spielflächen in den Städten sowie die Verhäuslichung der Freizeit stark eingeschränkt. In der Schule sind viele Lehrerinnen und Lehrer ohne Artenkenntnis, da in den Universitäten die entsprechende Disziplin – die freilandbiologische Ausbildung – von hoch geförderten Disziplinen wie der Gentechnik verdrängt wurde.
Leif Miller, NABU-Bundesgeschäftsführer: „Das Artensterben und der Rückgang der Artenkenntnis gehen Hand in Hand. Je weniger die Menschen Natur erleben können, desto weniger wissen sie darüber und desto weniger liegt ihnen der Schutz der Natur am Herzen. Es ist ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen. Um die Artenkenntnis zu erhöhen, muss gerade der Nachwuchs gesamtgesellschaftlich gefördert werden. Es braucht geschulte Lehrerinnen und Lehrer, neue freilandorientierte Lehrstühle an den Universitäten und Naturschutzzentren sowie naturnahe Erlebnisorte, an denen Kinder wieder mit Igel, Frosch und Co. in Kontakt treten können.“
Mehr Informationen zum arten|pisa-Test:
Für die Online-Umfrage sind ungefähr zehn Minuten nötig. Selbstverständlich ist die Befragung anonym und das Formular datenschutzkonform mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung. Wer möchte, kann auf Wunsch Kontaktdaten angeben, um eine Rückmeldung zu seinem persönlichen Abschneiden zu erhalten. Die Kontaktdaten werden ausschließlich zum Übermitteln dieser Ergebnisse genutzt.
(ich habe total versagt, aber das war mir schon klar, als ich den test angefangen habe … so sehr mein Interesse bei Tieren ist, was Pflanzen und Insekten anbelangt, da muss ich meistens passen)

27.08.2019, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Wie Würmer sich ihren Wirt angeln
Kratzwürmer sind Parasiten, die sich unter anderem im Darm von Fischen vermehren. Allerdings sind nur bestimmte Fischarten als Wirt geeignet. Eine Studie der Universität Bonn zeigt nun, wie es den Schmarotzern gelingt, diese Arten bevorzugt zu infizieren. Die Ergebnisse werden in der Zeitschrift Behaviour publiziert, sind aber bereits online abrufbar.
Der Kratzwurm Pomphorhynchus laevis hat es nicht leicht: Um sich fortzupflanzen, muss der Parasit zunächst einmal darauf hoffen, dass seine Eier von einem Bachflohkrebs gefressen werden. Die Larven, die aus den Eiern schlüpfen, brauchen danach zwingend einen Tapetenwechsel: Nur wenn sie von einem Fisch verschluckt werden, können sie sich zu ausgewachsenen Würmern entwickeln. Als Endwirt ist allerdings beileibe nicht jede Fischspezies geeignet. Manche Arten verfügen über Abwehrmechanismen, die dem Parasiten den Garaus machen, bevor dieser sich paaren und über den Fischdarm neue Eier in das Wasser abgeben kann.
Um ihre Vermehrungschancen zu verbessern, haben Kratzwürmer im Laufe der Evolution einige ausgefeilte Strategien entwickelt. „So ändern parasitenbefallene Krebse ihr Verhalten“, erklärt Dr. Timo Thünken vom Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie der Universität Bonn. „Sie gehen bestimmten Fischarten nicht länger aus dem Weg und werden daher öfter gefressen.“ Umstritten war dagegen bislang eine weitere These: Bachflohkrebse sind beige-bräunlich; ihre Körperhülle ist zudem relativ transparent. Sie heben sich daher kaum von ihrer Umgebung ab. Die Kratzwurm-Larven sind hingegen leuchtend orange gefärbt. Man kann daher mit bloßem Auge erkennen, ob ein Krebs infiziert ist: Seine parasitäre Fracht macht sich durch einen orangenen Fleck bemerkbar.
Infizierte Krebse fallen mehr auf
Möglicherweise sind die Krebse dadurch schlechter getarnt und werden häufiger von Fischen gefressen. Prof. Dr. Theo Bakker, Leiter der Studie, ist dieser These bereits vor einigen Jahren nachgegangen. Tatsächlich konnte er feststellen, dass Krebse mit einer orangenen Markierung häufiger im Magen von Stichlingen landeten. In Untersuchungen mit Bachforellen bestätigte sich dieser Befund jedoch nicht.
Allerdings ist die Bachforelle – im Gegensatz zum Stichling – für Pomphorhynchus laevis kein geeigneter Endwirt. Ihr Immunsystem verhindert in der Regel eine erfolgreiche Infektion mit Kratzwürmern. „Möglicherweise ködert die Orange-Färbung also vor allem diejenigen Fische, die sich besonders gut zur weiteren Vermehrung des Parasiten eignen“, vermutet Thünken. „Wir haben diese These nun experimentell getestet.“
Dazu markierten die Biologen Bachflohkrebse mit einem orangenen Punkt, um einen Larven-Befall vorzutäuschen. Dann testeten sie, wie häufig die entsprechenden Krebse in Vergleich zu unmarkierten Artgenossen von verschiedenen Fischen gefressen wurden. Tatsächlich erhöhte der Fleck das Risiko, verspeist zu werden – allerdings nur bei manchen Fischarten: Barben und Stichlinge führten sich vor allem die markierten Bachflohkrebse zu Gemüte; bei Bachforellen machte der Punkt keinen Unterschied.
In einem weiteren Experiment fütterten die Forscher ihre Fische ausschließlich mit larvenbefallenen Krebsen. „Dabei konnten wir zeigen, dass diese Kost bei Barben und Stichlingen oft zu einer Infektion führte, bei Bachforellen dagegen nur sehr selten“, erklärt Thünken. Augenscheinlich sorgt ihre auffällige Färbung also dafür, dass die Larven vor allem im Magen geeigneter Endwirte landen. Unklar ist allerdings, ob sie sich ihren Orangeton im Laufe der Evolution zugelegt haben, um genau diese Wirte zu erreichen. „Vielleicht haben sie sich mit der Zeit auch einfach besser an den Verdauungstrakt derjenigen Fische angepasst, die besonders stark auf die Orangefärbung ansprachen“, sagt Thünken.
Ganz ohne Nachteile ist der auffällige Farbton der Larven übrigens nicht – auch das zeigt die Studie. Die Wissenschaftler setzten in ihren Experimenten noch eine andere Stichlings-Population ein. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen mied diese Gruppe die markierten Krebschen: Eventuell hatten sie im Laufe der Evolution gelernt, die Orangefärbung als Warnsignal zu interpretieren.
Originalpublikation:
Timo Thünken, Sebastian A. Baldauf, Nicole Bersau, Joachim G. Frommen und Theo C.M. Bakker: Parasite-induced colour alteration of intermediate hosts increases ingestion by suitable final host species. Behaviour, Internet: dx.doi.org/10.1163/1568539X-00003568

27.08.2019, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wie Bienen mit Bakterien leben
Über 90 Prozent aller Bienenarten sind nicht in Völkern organisiert, sondern schlagen sich alleine durchs Leben. Auch sie sind bedroht. Würzburger Fachleute plädieren dafür, die Ökologie dieser Insekten besser zu erforschen.
Eine Apfelplantage im Frühling. Die Bäume stehen in voller Blüte. Doch damit sie im Herbst auch Ertrag liefern, müssen Arbeiter über Wochen hinweg eine wahre Fusselarbeit leisten: Jede einzelne Blüte wird mit Pinseln manuell bestäubt – denn es gibt keine Bienen mehr, die diese Arbeit erledigen. Keine schöne Zukunftsvision. Aber in manchen Regionen Chinas ist das schon Realität. Und Berichte über das Verschwinden der Bienen kommen von der ganzen Welt.
Der genaue Grund für das Bienensterben ist nicht bekannt. Pestizide aus der Landwirtschaft, Vernichtung der Lebensräume, Krankheitserreger – vermutlich spielen mehrere Faktoren zusammen. Einen weiteren Faktor rückt jetzt eine Forschungsgruppe der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg in den Blick. Es sind die Bakterien, die in und mit Bienen leben. Viele von ihnen sind wichtig für die Gesundheit der Bienen. Leiden sie, leiden auch die Bienen.
Viele Beziehungen zwischen Bienen und Bakterien
Im Darm der Honigbienen zum Beispiel siedeln Bakterien, die beim Verdauen der Nahrung mithelfen und das Immunsystem der fleißigen Insekten stimulieren. Auch im Bienenstock leben nützliche Mikroben – manche von ihnen sondern Antibiotika ab und verhindern auf diese Weise, dass sich schädliche Pilze ausbreiten.
„Die meisten Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet widmen sich sozialen Bienen, vor allem der westlichen Honigbiene Apis mellifera“, sagt Dr. Alexander Keller vom Biozentrum der JMU. Einzeln lebende Bienen dagegen hätten hier bislang nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Dabei haben gerade diese sogenannten Solitärbienen als Bestäuber eine große ökologische Bedeutung für die Umwelt und die Landwirtschaft. Mehr als 90 Prozent der 17.500 Bienenarten, die man weltweit kennt, sind Solitärbienen.
Honigbienen nur begrenzt als Modell geeignet
Es sei deutlich mehr Forschung nötig, um die Beziehungen zwischen Solitärbienen und Mikroben besser zu verstehen und dadurch dem Bienensterben vielleicht besser begegnen zu können, so Keller. Denn viele Arten von Solitärbienen seien bedroht oder schon ausgestorben.
Bisher gehe die Forschung davon aus, dass die an Honigbienen gewonnenen Erkenntnisse auf Solitärbienen übertragbar sind. Das aber sei – trotz einiger grundlegender Gemeinsamkeiten – nur sehr begrenzt möglich. Zu diesem Schluss kommt die JMU-Forschungsgruppe in einem Übersichtsartikel, den das Journal „Trends in Microbiology“ veröffentlicht hat. Darin ist der aktuelle Forschungsstand über die Gemeinschaften aus Bienen und Mikroben zusammengefasst.
Die zentrale Erkenntnis: Solitärbienen werden bei der Etablierung ihrer Beziehungen mit Mikroben deutlich stärker von Umweltfaktoren und vom Menschen herbeigeführte Veränderungen beeinflusst als sozial organisierte Bienen. Die Konsequenzen, die sich zum Beispiel aus dem Klimawandel, landwirtschaftlichen Veränderungen und Habitatszerstörung ergeben, sind noch nicht geklärt und benötigen eine speziell auf Solitärbienen abgestimmte Forschung.
Das Team um Alexander Keller erforscht derzeit gemeinsam mit dem JMU-Lehrstuhl für Zoologie III (Tierökologie und Tropenbiologie) und internationalen Partnern unter anderem die landschaftsökologischen Faktoren, welche die mikrobiellen Assoziationen der Solitärbienen beeinflussen. Diese Arbeiten wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Originalpublikation:
„Drivers, diversity and functions of solitary bee microbiota,“ Anna Voulgari-Kokota, Quinn S. McFrederick, Ingolf Steffan-Dewenter, Alexander Keller. Trends in Microbiology, 23. August 2019, https://doi.org/10.1016/j.tim.2019.07.011

28.08.2019, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Ein Gesicht für Lucys Ahnen
Unsere Ahnengalerie wird nun um ein Bild erweitert, nämlich um ein Konterfei von Australopithecus anamensis. Diese älteste bekannte Australopithecus-Art gilt als Vorfahr des Australopithecus afarensis („Lucys“ Art). Doch bisher kannte man von A. anamensis nur fossile Kieferknochen und Zähne. Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History und Stephanie Melillo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen haben den ersten Schädel eines A. anamensis beschrieben, der in Woranso-Mille in der Afar-Region Äthiopiens entdeckt worden war. Dies ermöglicht es ihnen, die Gesichtszüge des menschlichen Ahnen zu rekonstruieren.
Der 3,8 Millionen Jahre alte fossile Schädel repräsentiert den Zeitraum von vor zwischen 4,1 und 3,6 Millionen Jahren, als aus dem A. anamensis der A. afarensis hervorging. Anhand der morphologischen Merkmale des Schädels gelang es den Forschern das Fossil einer Art zuzuordnen. „Die Beschaffenheit des Oberkiefers und eines Eckzahns waren ausschlaggebend dafür, MRD der Art A. anamensis zuzuordnen“, sagt Melillo. „Es ist gut, dem Namen nun endlich auch ein Gesicht geben zu können.“ Zusammen mit anderen bisher aus der Afar-Region bekannten Fossilien belegt der MRD-Schädel zudem, dass A. anamensis und A. afarensis etwa 100.000 Jahre lang nebeneinander existiert haben. Diese zeitliche Überschneidung stellt nun die weit verbreitete Annahme in Frage, dass es einen linearen Übergang zwischen diesen beiden frühen menschlichen Vorfahren gegeben hat. Haile-Selassie sagt: „Das verändert unser Verständnis der menschlichen Evolution während des Pliozäns grundlegend.“
Im Februar 2016 entdeckte das Team – das seit 15 Jahren Ausgrabungsarbeiten vor Ort in Äthiopien durchführt – den Schädel MRD-VP-1/1 („MRD“). In den Jahren seit der Entdeckung führten Paläoanthropologen umfangreiche Analysen des Schädels durch, während Geologen das Alter des Fossils bestimmten und den Lebensraum rekonstruierten. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher online in zwei Beiträgen in der internationalen Fachzeitschrift Nature.
Die Entdeckung des Fossils MRD-VP-1/1
Im Rahmen des Woranso-Mille-Projekts findet bereits seit 2004 Feldforschung in der Afar-Region Äthiopiens statt. Seitdem wurden mehr als 12.600 fossile Proben gesammelt, die etwa 85 verschiedene Säugetierarten repräsentieren. Darüber hinaus umfasst die Sammlung etwa 230 Fossilfunde von Homininen aus der Zeit von vor mehr als 3,8 bis vor etwa 3,0 Millionen Jahren. Zuerst wurde der Oberkiefer am 10. Februar 2016 von Ali Bereino, einem Arbeiter vom Volk der Afar, in Miro Dora im Bezirk Mille des Äthiopischen Regionalstaats Afar gefunden. Das Fossil war nicht von Sedimenten bedeckt und weitere Untersuchungen des Bereichs führten zur Entdeckung der restlichen Teile des Schädels. „Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als ich den Rest des Schädels entdeckte. Es war ein Heureka-Moment, ein Traum wurde wahr“, sagt Haile-Selassie.
Geologie und Altersbestimmung
Indem sie Mineralien aus vulkanischen Gesteinsschichten datierten, die sich nahe der Fundstelle befanden, bestimmten Beverly Saylor von der Case Western Reserve University und ihre Kollegen das Alter des Fossils auf 3,8 Millionen Jahre. Anhand von vor-Ort-Beobachtungen sowie der Analyse von chemischen und magnetischen Eigenschaften der Gesteinsschichten konnten die Forscher die datierten Schichten dem Fundort des Fossils zuordnen. Saylor und Kollegen kombinierten ihre Beobachtungen mit der Analyse mikroskopisch kleiner fossiler Überreste und konnten so rekonstruieren, wie Landschaft und Vegetation beschaffen waren und welche Wasservorkommen es zu der Zeit gab als MRD starb.
MRD wurde in den sandigen Ablagerungen eines Deltas gefunden, wo ein Fluss in einen See mündete. Der Fluss hatte wahrscheinlich im Hochland von Äthiopien seinen Ursprung, während sich der See in einem niedriger gelegenen Gebiet herausbildete. Fossile Pollenkörner und chemische Überreste fossiler Pflanzen und Algen, die in den Sedimenten aus dem See- und Delta-Gebiet erhalten geblieben sind, liefern den Forschern Hinweise auf die damaligen Umweltbedingungen. Konkret deuten sie darauf hin, dass die Wasserscheide des Sees größtenteils trocken gewesen ist, dass es aber an den Ufern des Deltas oder entlang des Flusses, der das Delta und das Seensystem speiste, auch bewaldete Gebiete gegeben hat. „MRD lebte in der Nähe eines großen Sees in einer trockenen Region. Um den Lebensraum von MRD, vergangene Klimaveränderungen und deren mögliche Auswirkungen auf die Evolution des Menschen im Detail zu erforschen, sind weitere Analysen der Ablagerungen geplant“, sagt Ko-Autorin Naomi Levin von der University of Michigan.
Ein neues Gesicht in der Menge
Australopithecus anamensis ist das älteste bekannte Mitglied der Gattung Australopithecus. Aufgrund des seltenen nahezu vollständigen Zustandes des Schädels identifizierten die Forscher zudem noch nie da gewesene Gesichtsmerkmale dieser Art. „Bei MRD finden sich sowohl einfache als auch komplexere Gesichts- und Schädelmerkmale, die ich in dieser Kombination nicht erwartet hatte“, sagte Haile-Selassie. Einige Merkmale ähneln denen späterer Arten, während andere Merkmale an noch frühere und primitivere menschliche Vorfahren wie Ardipithecus und Sahelanthropus erinnern. „Bis jetzt gab es zwischen den frühesten bekannten menschlichen Vorfahren, die etwa sechs Millionen Jahre alt sind, und Arten wie ‚Lucy‘, die zwei bis drei Millionen Jahre alt sind, eine große Lücke. Einer der spannendsten Aspekte unserer Entdeckung ist, wie sie die Lücke zwischen diesen beiden Gruppen überbrückt“, sagt Melillo.
Evolutionäre Verzweigungen
Zu den wichtigsten Ergebnissen gehört die Schlussfolgerung des Teams, dass A. anamensis und seine Nachkommen der Art A. afarensis, über einen Zeitraum von mindestens 100.000 Jahren hinweg nebeneinander existiert haben. Dieser Befund widerspricht der langjährigen Annahme, dass es zwischen diesen beiden Taxa eine anagenetische Beziehung gibt und spricht stattdessen für ein verzweigtes Evolutionsmuster. Melillo erklärt dazu: „Früher dachten wir, dass A. anamensis mit der Zeit allmählich zu A. afarensis wurde. Wir gehen noch immer davon aus, dass beide Arten in einer Vorfahren- und Nachkommenbeziehung zueinanderstehen. Unsere neue Entdeckung deutet aber jetzt darauf hin, dass die beiden Arten tatsächlich eine ganze Weile lang in der Afar-Region zusammengelebt haben. Das verändert unser Verständnis des evolutionären Prozesses und wirft neue Fragen auf: Konkurrierten diese beiden Arten um Nahrung oder Lebensraum?“
Die Schlussfolgerung der Forscher basiert auf der Zuordnung der 3,8 Millionen Jahre alten MRD zur Art A. anamensis und des 3,9 Millionen Jahre alten Schädelfragments eines Homininen, allgemein bekannt als Belohdelie frontal, zur Art A. afarensis. Dieses Schädelfragment wurde 1981 von einem Paläontologen-Team im Mittleren Awash in Äthiopien entdeckt. Sein taxonomischer Status wurde seitdem jedoch in Frage gestellt.
Der „neue“ MRD-Schädel ermöglichte es den Forschern nun auch erstmals, die Schädelmerkmale von A. anamensis zu charakterisieren und zwischen ihnen und den Merkmalen zu unterscheiden, die für Belohdelie frontal und andere Schädelfunde von „Lucys“ Art typisch sind. Die aktuelle Studie bestätigt, dass Belohdelie frontal einem Individuum gehörte, dass „Lucys“ Art angehörte. Somit ist nun belegt, dass die (bisher bekannten) frühesten Vertreter des A. afarensis schon vor 3,9 Millionen Jahren gelebt haben, während die letzten Vertreter der Art A. anamensis noch vor 3,8 Millionen Jahren gelebt haben. Beide Arten haben also wenigstens 100.000 Jahre lang denselben Lebensraum geteilt.
Originalpublikation:
Yohannes Haile-Selassie, Stephanie M. Melillo, Antonino Vazzana, Stefano Benazzi, Timothy M. Ryan
A 3.8-million-year-old hominin cranium from Woranso-Mille, Ethiopia
Nature, 28 August 2019, https://doi.org/10.1038/s41586-019-1513-8

0.08.2019, Georg-August-Universität Göttingen
Die Kuh bestimmt mit, welches Kraut wächst – Studie von Forschenden aus Göttingen, Heidelberg und Zürich
Angus oder Hochlandrind: Kuh ist nicht gleich Kuh, wenn es um die Vorlieben beim Fressen von verschiedenen Kraut-, Gras- und Straucharten geht. Forscherinnen und Forscher der Universitäten Heidelberg und Göttingen haben in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Forschungsinstitut Agroscope gezeigt, dass die Rinderrasse die botanische Zusammensetzung von Weideflächen beeinflusst. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Agriculture, Ecosystems and Environment erschienen.
Rinder, Schafe und Ziegen beeinflussen durch das Fressen, welche Pflanzen auf ihren Weiden wachsen; das ist schon länger bekannt. Wenig bekannt ist hingegen, wie sich die Beweidung durch verschiedene Rinderrassen auf die Vegetation auswirkt. Denn produktionsorientierte Rassen wie Charolais, Angus, Fleckvieh oder Braunvieh unterscheiden sich von Robustrindern wie Hochlandrinder oder Galloway bezüglich Futterbedarf, Wachstumsrate und Gewicht. Zudem zeigen sie unterschiedliche Verhaltensweisen in der Bewegung und der Wahl des Futters.
Um herauszufinden, welche Auswirkungen eine Rinderrasse auf die Weidevegetation hat, gingen die Forscherinnen und Forscher wie folgt vor: Sie verglichen die botanische Zusammensetzung auf Flächen, die seit vielen Jahren von Hochlandrindern beweidet wurden, mit angrenzenden Weiden intensiverer Rinderrassen. Insgesamt nahm das Forschungsteam so 50 Flächen an 25 Standorten in Bergregionen in Süddeutschland und in der Schweiz unter die Lupe.
Die Untersuchung zeigte deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Rinderrassen: Unabhängig vom Standort wiesen Weiden mit produktionsorientierten Rassen bedeutend mehr Pflanzen mit einer hohen Weide- und Tritttoleranz auf. Auf Weiden von Hochlandrindern kamen mehr Arten vor, deren Samen sich im Tierfell festhaken und so verbreiten. Insgesamt war die Artenvielfalt auf Weiden von Hochlandrindern höher als auf den Vergleichsflächen. Das Team stellte zudem fest, dass je länger sich diese Rinderrasse auf einer Weide befand, desto klarer der Unterschied in der Artenvielfalt ausfiel. Darüber hinaus war der Anteil an Sträuchern auf den Hochlandrinderweiden niedriger als auf den Vergleichsflächen – ein Hinweis darauf, dass Hochlandrinder weniger anspruchsvoll in der Wahl ihres Futters sind.
Originalpublikation:
Pauler C.M., Isselstein J., Braunbeck T., Schneider M.K. Influence of Highland and production-oriented cattle breeds on pasture vegetation: a pairwise assessment across broad environmental gradients. Agriculture, Ecosystems and Environment (2019). Doi: https://doi.org/10.1016/j.agee.2019.106585

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