13.07.2026, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Schon wirbellose Tiere können sich auf Krankheitserreger anpassen
Meeresbiologie: Veröffentlichung in Nature Communications
Forschende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und der Universität Kiel untersuchten die Funktion des Immunsystems in einem einfachen Tier, einer Seeanemone. Sie entdeckten, dass das Immunsystem dieser Tiere in der Lage ist, zwischen verschiedenen Mikroorganismen gezielt zu unterscheiden und damit nützliche gegenüber schädlichen Bakterien zu fördern – eine Fähigkeit, die bisher nur Wirbeltieren zugeschrieben wurde. Eine wichtige Rolle dabei spielen die „Nematosomen“, wie die Forschenden nun in der Fachzeitschrift Nature Communications beschreiben. Die Ergebnisse sind im Sonderforschungsbereich SFB 1182 entstanden.
Das sogenannte angeborene Immunsystem gilt als die erste Verteidigungslinie gegen Krankheitserreger. Nach der klassischen Lehrmeinung reagiert es schnell, aber weitgehend unspezifisch auf eindringende Mikroorganismen. Dagegen wird dem „adaptiven Immunsystem“ der Wirbeltiere die Fähigkeit zugeschrieben, zwischen nützlichen und schädlichen Mikroorganismen gezielt zu unterscheiden. Denn erst das adaptive Immunsystem besitzt Antikörper und Gedächtniszellen, die durch den Kontakt mit Krankheitserregern im Laufe des Tierlebens trainiert werden.
In der nun in Nature Communications erschienenen Studie zeigt ein Forschungsteam um Prof. Dr. Sebastian Fraune vom HHU-Institut für Zoologie und Organismische Interaktionen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, dass diese Sichtweise ergänzt werden muss. Die Forschenden wiesen nach, dass bereits ein evolutionär sehr ursprüngliches Tier, die Seeanemone Nematostella vectensis, Mikroorganismen gezielt unterscheiden kann – obwohl sie ausschließlich über ein angeborenes Immunsystem verfügt.
Im Mittelpunkt der Arbeit standen frei bewegliche Zellverbände im Inneren der Seeanemone, die sogenannten Nematosomen. Die Forschenden zeigten, dass diese Strukturen bevorzugt fremde Bakterien aufnehmen und abbauen, während sie die natürlich zur Seeanemone gehörenden und für sie nützlichen Bakterien, ihr „Mikrobiom“, weitgehend verschonen. Auf diese Weise tragen die Nematosomen dazu bei, eine stabile und gesunde Gemeinschaft im Mikrobiom zu erhalten.
Eine Schlüsselrolle spielt das Gen cJun, das die Funktion der Nematosomen steuert. Mithilfe der Genschere CRISPR/Cas9 schaltete die Forschenden dieses Gen gezielt aus. Die veränderten Tiere bildeten deutlich weniger Nematosomen und verloren die Fähigkeit, fremde und körpereigene Bakterien zuverlässig zu unterscheiden. Dadurch geriet das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht und die Tiere wurden anfälliger für bakterielle Infektionen.
Dr. Nida Kaya ist Erstautorin der Studie, die Forschungen waren Schwerpunkt ihrer Promotion: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die gezielte Erkennung von Mikroorganismen kein Privileg des adaptiven Immunsystems ist. Vielmehr besitzen bereits Wirbellose hochentwickelte Mechanismen, mit denen sie ihre nützlichen Mikroorganismen fördern und potenziell schädliche Bakterien gezielt kontrollieren können.“
Prof. Fraune ergänzt: „Die Fähigkeit, Mikroorganismen selektiv erkennen zu können, ist damit vermutlich deutlich älter als bisher angenommen. Sie entwickelte sich bereits früh in der Evolution der Tiere. Dazu liefert diese Studie wichtige neue Erkenntnisse über die evolutionären Ursprünge des Immunsystems. Sie zeigt, wie Tiere seit Hunderten von Millionen Jahren das Gleichgewicht zwischen nützlichen Mikroorganismen und Krankheitserregern aufrechterhalten.“
Hieraus ergeben sich neue Perspektiven, um das angeborene Immunsystem und dessen evolutionären Entwicklung zu erforschen. Gleichzeitig wirft die Studie Frage auf, wie weit die Leistungsfähigkeit des angeborenen Immunsystems tatsächlich reicht. Die Seeanemone bietet dafür ein gutes Modellsystem, um grundlegende Prinzipien der Immunbiologie zu entschlüsseln, die bis heute in vielen Tiergruppen erhalten geblieben sein können.
Prof. Fraune: „Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das sogenannte Immungedächtnis bei wirbellosen Tieren. Auch ohne adaptives Immunsystem scheinen sie, nach einer ersten Begegnung mit bestimmten Krankheitserregern, bei einem erneuten Kontakt schneller oder wirksamer reagieren zu können. Dieses Phänomen wird als ‚Immune Priming‘ oder angeborenes Immungedächtnis bezeichnet.“
Die in der Studie beschriebenen Nematosomen bieten ein vielversprechendes Modellsystem, um die zellulären und molekularen Grundlagen solcher Gedächtniseffekte zu untersuchen. Da die Zellen zwischen eng verwandten Bakterienstämmen unterscheiden können und ihre Aktivität durch cJUN gesteuert wird, lassen sich künftig gezielt die Signalwege erforschen, die einer verbesserten Wiedererkennung von Mikroorganismen zugrunde liegen.
Sonderforschungsbereich SFB 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“
Der Sonderforschungsbereich „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ ist ein interdisziplinäres Netzwerk unter Beteiligung von rund 80 Forschenden, das die Interaktionen spezifischer Mikrobengemeinschaften mit vielzelligen Wirtslebewesen untersucht. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt und beschäftigt sich mit der Frage, wie Pflanzen und Tiere einschließlich des Menschen gemeinsam mit hoch spezifischen Gemeinschaften von Mikroben funktionale Einheiten (Metaorganismen) bilden.
Ziel ist es zu verstehen, warum und wie mikrobielle Gemeinschaften diese langfristigen Verbindungen mit ihren Wirtsorganismen eingehen und welche funktionellen Konsequenzen diese Wechselwirkungen haben. Im SFB 1182 sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie Plön, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik und der Muthesius Kunsthochschule in Kiel zusammengeschlossen.
Originalpublikation:
N. H. Kaya, M. Abukhalaf, G. Fuentes, J. Taubenheim, U. Hentschel, A. Tholey & S. Fraune; c-JUN controls microbial colonization via selective phagocytosis in the sea anemone Nematostella; Nat Commun 17, 6087 (2026)
DOI: 10.1038/s41467-026-75511-w
13.07.2026, Universität Potsdam
Zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Tourismus – Neue Studie beleuchtet Mensch-Wildtier-Konflikte in Namibia
Wenn Wölfe in Brandenburg Schafe reißen, prallen Naturschutz und Landwirtschaft unmittelbar aufeinander. Ähnliche Konflikte gibt es weltweit – in Regionen wie der namibischen Sambesi-Region jedoch unter deutlich anderen Bedingungen: Menschen, Nutztiere und Wildtiere teilen sich nicht nur denselben Lebensraum, sondern viele Familien leben unmittelbar von Ackerbau und Viehhaltung. Ein Forschungsteam unter Leitung der Ökologin Prof. Dr. Anja Linstädter von der Universität Potsdam hat untersucht, wie diese unterschiedlichen Interessen in der Sambesi-Region aufeinanderprallen. Die Studie zeigt: Nachhaltige Lösungen müssen Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus gemeinsam berücksichtigen.
Wenn Wölfe in Brandenburg Schafe reißen, prallen Naturschutz und Landwirtschaft unmittelbar aufeinander. Ähnliche Konflikte gibt es weltweit – in Regionen wie der namibischen Sambesi-Region jedoch unter deutlich anderen Bedingungen: Menschen, Nutztiere und Wildtiere teilen sich nicht nur denselben Lebensraum, sondern viele Familien leben unmittelbar von Ackerbau und Viehhaltung. Werden Felder von Elefanten zerstört, Rinder von Löwen gerissen oder Menschen durch große Wildtiere gefährdet, kann dies die Lebensgrundlage ganzer Haushalte bedrohen. Gleichzeitig sind genau diese Wildtiere ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor – Namibia zählt zu den bekanntesten Safari-Zielen Afrikas. Ein Forschungsteam unter Leitung der Ökologin Prof. Dr. Anja Linstädter von der Universität Potsdam hat untersucht, wie diese unterschiedlichen Interessen in der Sambesi-Region aufeinanderprallen. Die Studie zeigt: Nachhaltige Lösungen müssen Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus gemeinsam berücksichtigen.
Ein Elefant, der nachts durch ein Maisfeld zieht, kann die Ernte einer ganzen Kleinbauernfamilie zunichtemachen. Derselbe Elefant ist am nächsten Tag aber genau das Tier, für dessen Anblick Safaritouristen bereit sind, viel Geld zu bezahlen. Diese Doppelrolle – Bedrohung für die einen, Attraktion und wirtschaftliche Chance für die anderen – steht beispielhaft für die komplexen Mensch-Tier-Beziehungen in der Region. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, führte das Forschungsteam Interviews mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie mit Safaritouristinnen und -touristen durch. Auf Basis der Befragungen der lokalen Gemeinschaften ordneten die Forschenden die Säugetierarten vier Gruppen zu: domestizierte Arten wie Rinder, gefährliche Arten wie Löwen, ambivalente Arten mit positiven und negativen Auswirkungen wie Elefanten sowie weitgehend neutrale Arten wie kleine Antilopen.
Die Befragung der Touristinnen und Touristen zeigte, dass vor allem ikonische „Big Five“-Arten wie Elefant, Löwe oder Büffel die Erwartungen an Safari-Erlebnisse prägen. Diese hohen Erwartungen an die Sichtbarkeit dieser Arten können bestehende Spannungen verstärken: Naturschutzmaßnahmen, die den Tourismus fördern sollen, können gleichzeitig den Druck auf die lokale Landwirtschaft erhöhen. Die Ergebnisse machen auch zwei zentrale Konfliktlinien sichtbar: zum einen zwischen Ackerbau und Wildtiertourismus, zum anderen zwischen Nutztierhaltung und dem Schutz großer Raubtiere. Während Kleinbauern Elefanten und Löwen oft als Bedrohung für ihre Lebensgrundlage wahrnehmen, sind diese ikonischen Arten für Safaritourist:innen oft der wichtigste Grund für ihre Reise nach Namibia.
„Indem wir die Perspektiven unterschiedlicher Interessengruppen zusammengeführt haben, konnten wir zeigen, wie unterschiedlich Tierarten bewertet werden und welche Zielkonflikte daraus entstehen“, erläutert der Erstautor Magnus Dobler. „Unsere Erkenntnisse können dazu beitragen, politische Strategien zu entwickeln, die den Artenschutz besser mit den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung verbinden“, ergänzt Dr. Liana Kindermann, Postdoktorandin in der Arbeitsgruppe für Biodiversitätsforschung und Spezielle Botanik der Universität Potsdam.
Die Studie macht deutlich: Erfolgreiche Koexistenz zwischen Mensch und Tier erfordert mehr als reine Schutzmaßnahmen. Entscheidend ist eine integrative Landnutzungsplanung, die die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften ebenso berücksichtigt wie die wirtschaftliche Bedeutung des Naturtourismus und den langfristigen Erhalt der biologischen Vielfalt.
Die Studie online: Magnus Dobler, Liana Kindermann, Steffanie Mantik, (…) Anja Linstädter, Ecosystem services and disservices of wild and domestic mammals: Contrasting farmers‘ perceptions and tourists‘ demands in an African coexistence landscape, Ecosystem Services (2026): https://doi.org/10.1016/j.ecoser.2026.101877
14.07.2026, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Arbeitsteilung im Bienenstaat
Was bestimmt, welche Arbeiten Bienen in ihrem Staat ausführen? Biologinnen und Biologen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und der Universitäten in Köln und Frankfurt/Main haben untersucht, welche Rolle neuronale Aktivitäten dabei spielen. In der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erläutern sie, dass sie durch Manipulation eines bestimmten Gens gezielt neuronale Strukturen in der Biene hemmen und damit deren Arbeitsverhalten beeinflussen können.
Ob in der menschlichen oder in Bienengesellschaften: Damit eine Gemeinschaft funktioniert, müssen Arbeiten zuverlässig auf die Mitglieder verteilt werden. Während Menschen Aufgaben bewusst organisieren und verteilen, geschieht dies im Bienenstaat ohne zentrale Planung. Trotzdem funktioniert die Arbeitsteilung bei den Bienen (Apis mellifera) gut.
Je nach Alter übernehmen die Arbeiterinnen unterschiedliche Arbeiten: Junge Bienen versorgen die Königin und pflegen den Nachwuchs; danach übernehmen sie Bauarbeiten und bewachen den Stock; erst spät verlassen sie den Stock, um Nahrung zu sammeln. Gesteuert werden die unterschiedlichen Arbeiten durch das Zusammenspiel von rund einer Million Nervenzellen im Bienengehirn. Wie das Nervensystem diese altersabhängige Arbeitsteilung umsetzt, war bisher jedoch unbekannt.
Erste Hinweise, wie die Arbeitsteilung gesteuert wird, lieferte die HHU-Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Martin Beye vom Institut für Evolutionsgenetik bei Untersuchungen des sogenannten doublesex-Gens. Sie zeigten, dass sich ältere Arbeiterinnen, bei denen das Gen inaktiviert wurde, verstärkt um die Königin kümmerten und damit Tätigkeiten übernahmen, die sie normalerweise nur im jüngeren Alter tun.
Da das doublesex-Gen nur in ausgewählten neuronalen Schaltkreisen aktiv ist, bot sich so einem Forschungsteam um Prof. Beye sowie Forschenden der Universitäten in Köln und Frankfurt/Main ein Zugang, um die Verhaltenssteuerung der Bienen zu untersuchen. Indem die zugehörigen doublesex-Neuronen gehemmt wurden – ein Neuron-hemmendes Protein wurde zum Gen zusätzlich abgelesen und wird über die Fütterung einer Substanz gezielt aktiviert –, konnten die Forschenden gezielt die Aktivität der entsprechenden neuronalen Schaltkreise hemmen.
Dr. Jana Seiler, Erstautorin der PNAS-Studie: „Dann übernahmen die älteren Arbeiterinnen wieder Arbeiten rund um die Königin, die ansonsten nur die jüngeren Bienen ausführten. Wurden die Schaltkreise nicht gehemmt, zeigten die Bienen ihr natürliches, altersabhängiges Verhalten. Auf diese Weise steuerten wir also, welche Arbeiten die Arbeiterinnen übernahmen.“
Die Ergebnisse der Forschenden zeigen, dass ein neuronaler Mechanismus der Arbeitsteilung im Bienenstaat zugrunde liegt. Indem bestimmte Bereiche im Bienengehirn gehemmt werden, werden andere Schaltkreise aktiviert, die die Durchführung von anderen Arbeiten steuern. Damit liefern die Ergebnisse erstmals Hinweise darauf, dass der Informationsaustausch zwischen den neuronalen Schaltkreisen für die Festlegung der Tätigkeit der Bienen eine wichtige Rolle spielt.
Prof. Beye: „Indem wir nun das Sozialverhalten der Bienen kontrollieren können, eröffnet uns dies neue Möglichkeiten, die Grundlagen der angeborenen Verhaltensvielfalt und der sozialen Zusammenarbeit zu erforschen. Das Rätsel, wie Bienen und andere Tiere ohne Arbeitsplan dabei so prächtig zusammenarbeiten, dürfte sich in den Schaltkreisen des Gehirns verbergen.“
Originalpublikation:
Jana Seiler, Pia Ulbricht, Vivien Sommer, Sabine Metzger, Bernd Grünewald, and Martin Beye; Inhibitory modulation of age-dependent behavior through dsx-expressing cells in honeybees; PNAS 123 (29) e2604986123, 13. Juli 2026
DOI: 10.1073/pnas.2604986123

Anette Bachmann vom Projektteam der Hochschule Anhalt und Studentin Emma Schröder waren die ersten Personen, die den Großen Puppenräuber fanden.
Quelle: Nicolas Dietz
14.07.2026, Hochschule Anhalt
Erfreulicher Fund nach über 50 Jahren: Großer Puppenräuber ist zurück in Sachsen-Anhalt
Wissenschaftlerinnen und Studierende der Hochschule Anhalt haben im Rahmen eines Forschungsprojekts einen bedeutenden natürlichen Gegenspieler des Eichenprozessionsspinners (Thaumetopoea processionea) wiederentdeckt: den Großen Puppenräuber (Calosoma sycophanta). Exemplare des auffälligen Laufkäfers wurden sowohl im Drömling als auch im Raum Dessau-Roßlau nachgewiesen. Für Sachsen-Anhalt ist dies ein besonderer Fund, denn die Art galt seit den 1960er Jahren als ausgestorben beziehungsweise verschollen.
Wissenschaftlerinnen und Studierende der Hochschule Anhalt haben im Rahmen eines Forschungsprojekts einen bedeutenden natürlichen Gegenspieler des Eichenprozessionsspinners (Thaumetopoea processionea) wiederentdeckt: den Großen Puppenräuber (Calosoma sycophanta). Exemplare des auffälligen Laufkäfers wurden sowohl im Drömling als auch im Raum Dessau-Roßlau nachgewiesen. Für Sachsen-Anhalt ist dies ein besonderer Fund, denn die Art galt seit den 1960er Jahren als ausgestorben beziehungsweise verschollen.
„Der Wiederfund ist eine kleine Sensation. Letztmalig wurde der Käfer in den 1960er Jahren bei uns in Sachsen-Anhalt gesichtet. Vermutlich ist er aufgrund des inzwischen großen Nahrungsangebots aus Brandenburg eingewandert. Wir hoffen, dass er sich bei uns dauerhaft etabliert und wieder stabile Populationen aufbauen kann“, sagt Dr. Peer Hajo Schnitter vom Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt.
Der Große Puppenräuber ernährt sich bevorzugt von Raupen und Puppen des Eichenprozessionsspinners und trägt damit zur natürlichen Regulierung der Bestände bei. Dass die Käfer nun in Regionen gefunden wurden, die seit Jahren stark vom Eichenprozessionsspinner betroffen sind, unterstreicht ihre ökologische Bedeutung.
Gesundheitliche Gefahren für den Menschen immer häufiger im Fokus
Der Eichenprozessionsspinner ist eine heimische Nachtfalterart, deren Raupen ab dem dritten Larvenstadium Brennhaare entwickeln. Bei Berührung von Haut oder Schleimhäuten können diese bei Menschen allergische Reaktionen auslösen. Durch die starke Zunahme der Nachtfalterart in den letzten Jahrzehnten stehen die damit einhergehenden gesundheitlichen Gefahren aktuell häufig im Fokus des medialen und öffentlichen Interesses. Um die Folgen für die menschliche Gesundheit gering zu halten, wird die Art in Siedlungen und anderen stärker durch Menschen frequentierten Bereichen häufig bekämpft. Raupennester werden von den Eichen abgesaugt oder entsprechende Biozide vom Boden oder aus der Luft versprüht.
Natürliche Feinde verstehen und fördern
Bereits seit 2021 untersucht die Hochschule Anhalt in mehreren Forschungsprojekten nachhaltige Strategien im Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner. Dabei stehen präventive Maßnahmen zur Förderung der natürlichen Feinde im Mittelpunkt. „Klimawandel und Biodiversitätsverlust infolge intensiver Landnutzung könnten Ursachen für die verstärkte Ausbreitung des wärmeliebenden Eichenprozessionsspinners sein“, erklärt Projektleiterin Prof. Dr. Annett Baasch von der Hochschule Anhalt. Untersucht werden beispielsweise der Einfluss von raupenfressenden Brutvögeln in Nistkästen sowie das Auftreten weiterer Gegenspieler unter den Insekten. Der Große Puppenräuber ist einer der natürlichen Feinde und kann helfen, die Population des Falters zu kontrollieren. „Indem wir die natürlichen Feinde des Eichenprozessionsspinners besser verstehen und fördern, stärken wir natürliche Regulationsmechanismen und schaffen die Grundlage für nachhaltige, biodiversitätsfreundliche Managementstrategien.“
Dass der Große Puppenräuber in den beiden Untersuchungsregionen des Projektes nun gefunden wurde, ist für die ökologische Balance eine sehr positive Nachricht. Wegen seiner Größe und dem auffälligen goldmetallisch glänzenden Panzer ist der Große Puppenräuber leicht zu erkennen – ein wahrer Eye-Catcher. Er ist ein guter Flieger und bekannt dafür, dass er große Strecken auf der Suche nach Futterquellen zurücklegen kann. Sein Name verrät seine bevorzugte Nahrung: Raupen und Puppen von Schmetterlingen. Zwar kann auch der Große Puppenräuber Massenvermehrungen des Eichenprozessionsspinners nicht aufhalten – aber er ist ein essentieller Baustein im komplexen Beziehungs- und Regulationsnetzwerk.
Das vom Land Sachsen-Anhalt geförderte Forschungsprojekt „Untersuchungen und Wissenstransfer zum nachhaltigen Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner in peri-urbanen und ländlichen Gebieten“ läuft noch bis Ende 2026. Kooperationspartner sind das Biosphärenreservat Drömling mit den Drömlingsgemeinden sowie die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Dessau-Roßlau.
Meldungen zur Sichtung des Großen Puppenräubers in Sachsen-Anhalt bitte an:
Dr. Peer Hajo Schnitter
Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt
Peer.Schnitter@lau.mwu.sachsen-anhalt.de
15.07.2026, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft
Borkenkäfer und Waldbrände im bayerischen Bergwald: Wenn „Störungen“ und „Kalamitäten“ in die Höhe wandern
In den bayerischen Alpen galten großflächige Schäden durch Fichtenborkenkäfer lange als Ausnahme. Doch diese Borkenkäfer zählen zu den Profiteuren des Klimawandels.
Mit dem neuen Forschungsprojekt BoWabB untersucht die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) gemeinsam mit der Technischen Universität München (TUM) und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT),
welche Auswirkungen der Klimawandel auf Borkenkäferkalamitäten und Waldbrände im bayerischen Bergwald haben kann.
Borkenkäfer und Waldbrand im Klimawandel
Borkenkäfer wie Buchdrucker und Kupferstecher verursachen in Bayern seit Jahrzehnten große Schadholzmengen. In Bayerns Bergwäldern begrenzte bislang vor allem das kühlere Klima in den Alpen die Entwicklung der Käfer. Mit steigenden Temperaturen können sich jedoch die Käfer schneller entwickeln und auch in Höhenlagen aktiv werden, in denen sie bisher kaum eine Rolle gespielt haben.Die jüngsten Käferentwicklungen in Südtirol, Osttirol und Kärnten zeigen, dass die Borkenkäferschäden im Alpenraum tatsächlich rapide zunehmen können. Da sich der Klimawandel im Alpenraum voraussichtlich besonders deutlich auswirkt, ist künftig auch auf der Alpennordseite mit veränderten Risiken zu rechnen. Zugleich rücken Waldbrände, insbesondere im Gebirge, stärker in den Fokus.
Risiken erkennen und bewerten
Im Forschungsprojekt „Borkenkäferkalamitäten und Waldbrände im bayerischen Bergwald: Risikoanalyse und Management im Wald“ – kurz BoWabB – wird untersucht, wo, wie häufig und in welchem Ausmaß solche Schadereignisse künftig auftreten können. Gleichzeitig sollen Maßnahmen zusammengetragen und bewertet werden, mit denen sich Risiken vorbeugend reduzieren lassen.
„Nur wenn wir besser abschätzen können, wo es künftig kritisch werden kann, lassen sich vorbeugende Maßnahmen gezielt und wirksam umsetzen, sagt Dr. Tobias Frühbrodt, Leiter des Forschungsprojekts und Mitarbeiter der Abteilung Waldschutz der LWF. „Es ist aus unserer Sicht enorm wichtig, jetzt aus den jüngsten Erfahrungen im südlichen Alpenraum zu lernen, um in Bayern bestmöglich auf die Zukunft vorbereitet zu sein.“
LWF, TUM und HSWT bündeln ihre Expertise
Für das Forschungsprojekt bündeln die drei Partnerinstitutionen des europaweit einmaligen Zentrums Wald Forst Holz Weihenstephan ihre Forstexpertisen: Die Abteilung Waldschutz der LWF legt den Schwerpunkt auf die Borkenkäferthematik. Prof. Dr. Rupert Seidl vom Lehrstuhl für Ökosystemdynamik und Waldmanagement in Gebirgslandschaften der TUM untersucht Häufigkeit, Dynamik und Management von Waldbränden. Die Professur für Botanik, Vegetationskunde und Gebirgsökosysteme der HSWT bringt ihre neuesten Erkenntnisse zur künftigen Waldentwicklung im bayerischen Alpenraum ein.
Das Projekt wird vom Kuratorium für Forstliche Forschung des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus gefördert und läuft bis März 2029.
15.07.2026, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft
Nacktmulle: Der Duft des Erfolgs
Ein einziger Geruchsstoff, produziert von der Königin, beugt Konkurrenzkämpfen im Nacktmull-Staat vor. Das berichtet ein Team um Gary Lewin in „Nature“. Der Duft der Königin stellt sicher, dass nur die Monarchin selbst sich fortpflanzen kann – auch wenn sie mal nicht vor Ort ist.
Man stelle sich das Szenario vor: Ein Staatsoberhaupt verströmt einen Duft, der dafür sorgt, dass mögliche Konkurrenz erst gar nicht auf dumme Gedanken kommt, sondern ruhig und pflichtbewusst der ihr zugeteilten Arbeit nachgeht. Klingt nach einer etwas düsteren Utopie? Im Nacktmull-Staat ist es die Realität.
Ein internationales Team um Professor Gary Lewin, Leiter der Arbeitsgruppe „Molekulare Physiologie der somatosensorischen Wahrnehmung“ am Max Delbrück Center in Berlin, hat herausgefunden, dass die Königin der in Kolonien lebenden Nacktmulle, einer afrikanischen Säugetierart, eine flüchtige Substanz namens Isopropylmyristat absondert. Sie bewirkt, dass alle anderen Weibchen der Gruppe unfruchtbar bleiben.
„Das funktioniert sogar dann, wenn die Königin selbst gar nicht anwesend ist, sondern die Tiere nur diesem Duftstoff ausgesetzt sind“, erklärt der Erstautor der Studie, Dr. Mohammed Khallaf aus Lewins Team. Veröffentlicht ist die Publikation, an der Arbeitsgruppen aus Berlin, Frankfurt, Jena, München und Paris sowie aus Ägypten, Südafrika, Tansania, Tschechien und den USA beteiligt waren, in der Zeitschrift „Nature“.
Für Menschen geruchlos, für Nacktmulle nicht
Seit rund einem Vierteljahrhundert erforscht Lewin die Biologie der Nacktmulle, die auch aus medizinischer Sicht äußerst interessant sind: Die Nagetiere, von denen am Max Delbrück Center derzeit rund 450 Exemplare ähnlich wie in ihrer Heimat in Tunnelsystemen leben, werden uralt, erkranken nicht an Krebs und empfinden wenig Schmerzen. Darüber hinaus zählen sie zu den ganz wenigen Säugetierarten, die eusozial sind, also wie Bienen oder Ameisen in festen Staaten leben – mit einer sich stetig fortpflanzenden Königin an der Spitze und vielen unfruchtbaren Arbeiter*innen, die zusammen Futter beschaffen, den Nachwuchs aufziehen und anderen Aufgaben, die der Gemeinschaft dienen, nachgehen.
„Für unsere aktuelle Studie wollten wir herausfinden, über welche biologischen Mechanismen die Königin ihre Alleinherrschaft aufrechterhält“, erklärt Lewin. „Wir hatten vermutet, dass Duftstoffe ähnlich wie bei Insekten eine wichtige Rolle spielen – auch weil wir festgestellt hatten, dass Nacktmulle mit ihrem Geruchssinn Tiere der eigenen und einer fremden Kolonie unterscheiden.“ Deshalb haben er und sein Team zunächst per Massenspektrometrie jene flüchtigen Substanzen charakterisiert, die ausschließlich die Königinnen im Unterschied zu den Arbeiter*innen verströmen.
Die Forschenden stießen auf eine bekannte Chemikalie namens Isopropylmyristat, die unter anderem in vielen Kosmetikprodukten enthalten ist – als Lösungsmittel und feuchtigkeitsspendende Substanz. Für Menschen ist sie nahezu geruchlos, für Nacktmulle offenbar nicht: „Mit elektrophysiologischen Methoden und funktionellem Ultraschall, der die Durchblutung und damit die Aktivität einzelner Hirnregionen erfasst, konnten wir nachweisen, dass ihre Riechrezeptoren die Substanz wahrnehmen und dass deren Signale im Geruchszentrum des Gehirns verarbeitet werden“, erläutert Khallaf. „Hochrangige Tiere mieden den Geruch zudem, wenn sie die Möglichkeit dazu erhielten – wahrscheinlich weil er sie an die Dominanz ihrer Königin erinnert.“
Der Duft der Königin beeinflusst die Hormone
Stirbt eine Nacktmull-Königin oder wird sie aus der Kolonie entfernt, kommt es innerhalb weniger Tage zu heftigen Kämpfen und neuen Sexualkontakten. Sobald das erste Weibchen trächtig ist, wird es zur neuen Königin und im Staat kehrt wieder Ruhe ein. „Wir haben in unseren Experimenten allerdings festgestellt, dass für die Harmonie in der Gruppe die Anwesenheit der Königin nicht zwingend notwendig ist“, sagt Lewin. „Es reicht aus, wenn wir dort täglich Isopropylmyristat versprühen.“ Ohne den Duft der Königin beginnen die Kämpfe nach kurzer Zeit erneut.
Ihre Wirkung entfaltet die Substanz auch in Zweiergruppen. „Bringt man ein Weibchen und ein Männchen einer Kolonie in einem Käfig zusammen, werden sie nach ein paar Tagen sexuell aktiv“, berichtet Khallaf. „Das passiert nicht, wenn sie jeden Tag Kontakt zur Einstreu und damit zum Geruch ihrer Königin haben. Erstaunlicherweise erwacht ihr sexuelles Interesse auch dann nicht, wenn wir täglich Isopropylmyristat in ihrem Käfig verteilen.“
Wie die Forschenden in weiteren Experimenten herausfanden, bewirkt die Substanz in den Nacktmullen einen Anstieg des Hormons Prolaktin, das bei Säugetieren die Fruchtbarkeit reduziert. Gleichzeitig hält sie den Progesteron-Spiegel auf einem niedrigen Niveau. Dieses Hormon erhöht die Fruchtbarkeit. „Beide Befunde erklären, warum Nacktmulle, die dem Duft der Königin ausgesetzt sind, sich nicht fortpflanzen“, sagt Lewin.
Unterschiedliche Arten, ähnliche Strategien
Die Wissenschaftler*innen konnten zudem zeigen, dass die Königin nur dann Isopropylmyristat produziert, wenn sie trächtig ist. „Kann sie sich nicht mehr fortpflanzen, steigen bei den anderen Tieren die Progesteron-Werte und die Prolaktin-Werte sinken“, berichtet Lewin. In der Kolonie komme es dann erneut zu Kämpfen um die Thronfolge.
„Der Gedanke, dass allein ein Geruch den Frieden sichern und Gewalt verhindern kann, mag an Science Fiction erinnern“, sagt Khallaf. „In der Nacktmull-Welt ist er verwirklicht.“ Das gesamte Team sei überrascht gewesen, dass ein so komplexes soziales System von einem einzigen chemischen Signal reguliert werde – und nicht wie bei den Insekten von einem Cocktail an Pheromonen. „Doch offenbar greift die Evolution auch bei extrem unterschiedlichen Arten gerne auf bewährte und dann noch vereinfachte Strategien zurück.“
Originalpublikation:
Mohammed Khallaf, Daniel Hart, Wenhan Luo, et al. (2026): „A queen odour mediates reproductive suppression in a eusocial mammal“. Nature, DOI: 10.1038/s41586-026-10772-5
17.07.2026, Universität Hohenheim
Honigbienen: Wildpopulationen erstmals in der EU auf Roter Liste
Studie von Uni Hohenheim und Agroscope (Schweiz) zeigt deutlichen Rückgang freilebender Populationen | IUCN: Wilde Honigbienen in der EU „stark gefährdet“
Wildlebende Populationen der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) stehen in Europa unter massivem Druck: Neue wissenschaftliche Untersuchungen von Forschenden der Universität Hohenheim in Stuttgart und von Agroscope in Zürich zeigen zwar, dass wildlebende Honigbienen in Europa häufig vorkommen. Doch die Forschenden schätzen, dass die Bestände dieser Bienenvölker in der Europäischen Union (EU) ohne den Zuflug von Schwärmen aus der Imkerei innerhalb von zehn Jahren um rund 56 Prozent zurückgehen. Auf der „Roten Liste“ der International Union for Conservation of Nature (IUCN) werden deshalb wilde Honigbienen EU-weit nun offiziell als „stark gefährdet“ eingestuft.
Viele Menschen sehen in Honigbienen ausschließlich Nutztiere in der Imkerei, die Blüten bestäuben und Honig produzieren. Tatsächlich existieren jedoch zahlreiche freilebende Populationen, die zum Beispiel in natürlichen Baumhöhlen, Felsspalten und in hohlen Gemäuern nisten und sich unabhängig vom Menschen selbst erhalten. Sie machen rund ein Sechstel der europäischen Gesamtpopulation an Honigbienen aus. Bislang weiß man allerdings nur wenig über diese wilden Honigbienen und ihre ökologische, wirtschaftliche und evolutionäre Bedeutung.
„Dabei ist eine klare biologische Trennung zwischen wildlebenden und sogenannten gemanagten Honigbienen laut aktuellem Kenntnisstand nicht haltbar“, so Dr. Patrick Kohl vom Fachgebiet Populationsgenomik bei Nutztieren an der Universität Hohenheim. „Wilde Bienenvölker dienen seit Jahrtausenden als Quelle für die Imkerei. Beide Gruppen vermischen sich auch heute noch, zum Beispiel wenn sich junge Bienenköniginnen aus der Imkerei auf ihren Hochzeitsflügen mit den Drohnen wilder Bienenvölker paaren. Oder wenn ein ganzer Bienenschwarm aus der Bienenkiste zieht, sich in einer alten Spechthöhle im Wald ansiedelt und somit wieder Teil der wilden Subpopulation wird.“
Schlüsselrolle für genetische Vielfalt
Doch warum sind wilde Honigbienen interessant, wenn es sich bei der Art um dieselbe handelt, die von ImkerInnen gepflegt wird? „Die wilden Honigbienen verfügen über eine große genetische Vielfalt“, so Kohl. „Beispielsweise finden wir in Amerika Populationen wildlebender Völker, die gut mit der gefürchteten Varroa-Milbe klarkommen. Dieser ursprünglich aus Asien stammende, blutsaugende Parasit kann ganze Bienenvölker auslöschen. Die fehlende chemische Behandlung gegen die Milbe in der Wildpopulation hat zur Selektion von Kolonien geführt, die gegen diese Parasiten weitgehend resistent sind.“
„In ihrem natürlichen europäischen Verbreitungsgebiet bilden verbleibende Wildpopulationen der Honigbiene Reservoirs für selten gewordene Unterarten. So entsprechen manche Wildpopulationen in Großbritannien weitgehend der Dunklen Europäischen Honigbiene Apis mellifera mellifera, die in der Imkerei lange stiefmütterlich behandelt wurde.“ Auch hierzulande könnte seiner Ansicht nach die Imkerei von der genetischen Anpassungsfähigkeit einer wilden Honigbienenpopulation an Krankheiten oder Umweltbedingungen profitieren.
Große regionale Unterschiede in Europa
Doch das Leben der Honigbiene als Wildtier ist in Europa zunehmend bedroht. Zwar konnten im Rahmen internationaler Forschungskooperationen mehr als 1.600 Nistplätze in 15 Ländern dokumentiert werden, doch fehlen weiterhin umfassende Daten zu ihrer Verbreitung, Bestandsgröße und Entwicklung.
Für ihre Schätzungen des Populationstrends analysierten die Forschenden die Überlebensdaten wilder Bienenvölker, die durch gezieltes Monitoring bekannter Nistplätze in mehreren europäischen Ländern gesammelt wurden. Mithilfe von Modellen berechneten sie, wie sich Populationen freilebender Bienenvölker ohne Zuwanderung aus der Imkerei entwickeln würden.
Das Ergebnis ist eindeutig: Im Durchschnitt schrumpfen die Bestände innerhalb eines Jahrzehnts um rund 56 Prozent. „Weltweit weist Europa die geringste Dichte wildlebender Honigbienenkolonien auf“, sagt Dr. Benjamin Rutschmann vom Agroscope in Zürich, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung in der Schweiz.
Auffällig seien zudem starke regionale Unterschiede: Während Populationen in Mitteleuropa teils stark gefährdet sind, existieren etwa in Teilen Englands stabile Bestände. „Insgesamt zeigt sich jedoch, dass viele wildlebende Populationen zurzeit nicht aus eigener Kraft bestehen können und auf Zuwanderung aus der Imkerei angewiesen sind“, so Rutschmann.
Wildlebende Honigbiene in der EU erstmals als „stark gefährdet“ eingestuft
Aufgrund der Untersuchungen des Forschungsteams wurde die wildlebende Honigbiene nun von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) auf die internationale Rote Liste der bedrohten Arten aufgenommen und als „endangered“ bzw. „stark gefährdet“ eingestuft.
„Obwohl es sich um dieselbe Art handelt, die als Nutztier in Imkereien gehalten wird, sind wilde Honigbienen nach den Kriterien der IUCN als eigenständige Wildpopulation anzusehen“, erklärt Kohl. Danach gilt bei Arten mit gemanagten und freilebenden Individuen eine Population freilebender Individuen als „wild“, wenn diese innerhalb eines Zeitraums von mindestens zehn Jahren ohne Zutun des Menschen nicht ausstirbt.
Während die Situation innerhalb der Europäischen Union als kritisch eingestuft wird, fehlt es auf gesamteuropäischer Ebene weiterhin an ausreichenden Daten. Ihr Status wird dort deshalb aktuell mit „Daten unzureichend“ geführt. Dennoch gehen die Fachleute davon aus, dass in vielen Regionen Europas freilebende Honigbienenkolonien selten geworden oder bereits lokal ausgestorben sind.
Ursachen: Lebensraumverlust, menschliche Einflüsse und Parasiten
Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig und Gegenstand aktueller Forschung. Ein Hauptfaktor ist der fortschreitende Verlust geeigneter Lebensräume durch intensive Landnutzung und Bebauung. Zudem reduziert das Verschwinden alter Bäume mit natürlichen Höhlen die verfügbaren Nistmöglichkeiten erheblich.
Gleichzeitig führt der Rückgang naturnaher Landschaften zu einem Mangel an Nahrungsressourcen wie Pollen und Nektar, was insbesondere im Winter das Überleben der Völker erschwert. Von diesen Problemen sind Bienenvölker in der Imkerei mindestens teilweise verschont. Ihnen werden nahezu ideale künstliche Höhlen angeboten (Bienenbeuten) und sie werden bei akuter Nahrungsknappheit zugefüttert.
Außerdem belasten Krankheitserreger und invasive Arten wie beispielsweise die Varroa-Milbe die Gesundheit der Bienenvölker. Auch chemische Belastungen durch Pestizide können sich negativ auf die Überlebensfähigkeit der Völker auswirken. Darüber hinaus können moderne Imkereipraktiken, etwa durch globalen Handel und Zucht, die genetische Anpassungsfähigkeit wildlebender Populationen schwächen.
Dringender Appell für mehr Schutzmaßnahmen
Die Forschenden betonen, dass der Rückgang wilder Honigbienen nicht nur ein Problem für den Erhalt der genetischen Vielfalt innerhalb der Art ist. „Wilde Honigbienen ergänzen gemangte Bienenvölker räumlich. In ihrem angestammten Lebensraum, den lichten Wäldern und Waldrändern, beobachten wir zahlreiche Wechselbeziehungen mit anderen Arten“, so Kohl. Er denkt dabei beispielsweise an die Bestäubung von Waldpflanzen und an Arten wie die Bienenlaus und verschiedene Kleinschmetterlinge, die auf die Nester der Honigbienen angewiesen sind.
Daher fordern die Forschenden, wilde Honigbienen künftig ausdrücklich als schützenswerten Teil der Biodiversität anzuerkennen und systematisch zu überwachen. Gleichzeitig sind gezielte Schutzmaßnahmen notwendig. Laut Rutschmann sind stabile Populationen wildlebender Honigbienen ein starkes Zeichen für die Qualität eines Lebensraums. „Diese Völker brauchen alte Bäume mit geeigneten Höhlen, ein vielfältiges Nahrungsangebot und naturnahe Strukturen. Ihr Schutz hilft deshalb nicht nur der Honigbiene selbst, sondern auch vielen anderen Arten, die auf strukturreiche und blütenreiche Lebensräume angewiesen sind.“
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1111/csp2.70345

