31.08.2026, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Warum nicht jede Ameise ihren Nestgenossinnen hilft
Warum helfen manche Ameisen ihren Nestgenossinnen in Not und andere nicht? Dieser Frage ist ein Forschungsteam der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universität Tel Aviv nachgegangen. Die Forschenden hatten Arbeiterinnen der Ameisenart Cataglyphis niger untersucht, von denen einige Rettungsverhalten gezeigt hatten, andere jedoch nicht. Das vor kurzem im Journal of Experimental Biology veröffentlichte Ergebnis: Entscheidend sind offenbar nicht Körpergröße, Körperbau oder Energiereserven der Tiere, sondern Unterschiede in der Aktivität von Immungenen im Nervensystem.
Aktuelle Studie zeigt, dass Helferverhalten von Ameisen mit Unterschieden in der Genaktivität im Nervensystem zusammenhängt
Warum helfen manche Ameisen ihren Nestgenossinnen in Not und andere nicht? Dieser Frage ist ein Forschungsteam der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Universität Tel Aviv mit einer neuen Studie nachgegangen. Die Forschenden hatten Arbeiterinnen der Ameisenart Cataglyphis niger untersucht, von denen einige Rettungsverhalten gezeigt hatten, andere jedoch nicht. Das vor kurzem im Journal of Experimental Biology veröffentlichte Ergebnis: Entscheidend sind offenbar nicht Körpergröße, Körperbau oder Energiereserven der Tiere, sondern Unterschiede in der Aktivität von Immungenen im Nervensystem.
„Unsere Studie zeigt, dass bei Ameisen die Bereitschaft zu helfen mit messbaren Unterschieden in der Genaktivität zusammenhängt“, sagt Prof. Dr. Susanne Foitzik vom Institut für Organismische und Molekulare Evolution der JGU. „Das ist spannend, weil Rettungsverhalten lange vor allem mit Säugetieren in Verbindung gebracht wurde, während sich ein solches Verhalten bei Ameisen unabhängig entwickelt hat.“
Um zu untersuchen, was helfende von nicht-helfenden Arbeiterinnen unterscheidet, hatten die Forschenden im Labor eine Notsituation nachgestellt. Dazu wurde eine Arbeiterin am Boden einer mit Sand ausgelegten Versuchskammer festgebunden. Anschließend wurden einzelne Ameisen aus derselben Kolonie in die Kammer gelassen. Die Forschenden zeichneten das Verhalten der Tiere über 15 Minuten auf. Als Retterinnen stuften sie Ameisen ein, die sich der festgehaltenen Nestgenossin näherten und an ihr zogen oder um sie herum gruben. So verhalten sich Arbeiterinnen dieser Art auch, wenn sie versuchen, verschüttete Nestgenossinen zu befreien. Als nicht-helfende Ameisen klassifizierte das Team Tiere, die sich der festgehaltenen Nestgenossin zwar näherten, jedoch keine Befreiungsversuche zeigten.
Gene im Gehirn von helfenden Ameisen aktiver
Im nächsten Schritt analysierten die Forschenden im Labor, ob sich diese Verhaltensunterschiede auch biologisch widerspiegeln. Dazu untersuchten sie Antennen und verschiedene Bereiche des Gehirns, darunter Sehlappen und zentrale Gehirnbereiche, der zuvor beobachteten Ameisen. Ein Fokus lag auf den sogenannten Pilzkörpern, zentralen Verarbeitungszentren im Insektengehirn, die Sinneseindrücke integrieren und an Lernen und Verhaltenssteuerung beteiligt sind. Aus diesen Geweben isolierte das Team RNA, also Moleküle, die Auskunft darüber geben, welche Gene in den jeweiligen Zellen aktiv sind. Mithilfe von RNA-Sequenzierung verglich das Team anschließend die Genaktivität von rettenden und nicht-rettenden Arbeiterinnen.
Dabei zeigten sich vor allem in den Pilzkörpern deutliche Unterschiede. „Bei rettenden Tieren waren fünfzehn Gene stärker aktiv, darunter Gene, die mit der Duftwahrnehmung, der Hormonsteuerung, Stoffwechselprozessen und Immunfunktionen zusammenhängen“, sagt Luisa Maria Jaimes-Nino, Mitarbeiterin von Foitzik und Erstautorin der Studie. „Über alle untersuchten Gewebe hinweg fanden wir insgesamt neun Gene, die bei rettenden Ameisen stärker aktiv waren als bei nicht-rettenden.“
Zugleich erkannten die Forschenden keine Hinweise darauf, dass die rettenden Ameisen einfach kräftiger oder besser versorgt sind. „Vielmehr deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass Unterschiede in der Verarbeitung von Sinnesreizen und in bestimmten molekularen Signalwegen beeinflussen könnten, ob eine Ameise auf eine gefährdete Nestgenossin reagiert“, sagt Susanne Foitzik.
Unterschiedliches Verhalten hängt mit messbaren molekularen Prozessen zusammen
Ein überraschender Befund betrifft Gene des Immunsystems, die Insekten nicht nur vor Krankheitserregern schützen. Frühere Studien zeigen, dass sie auch Verhalten beeinflussen können, etwa Aktivität, Schlaf oder das Zusammenfinden in Gruppen. Die neue Studie legt nahe, dass Immunfunktionen auch bei der Steuerung sozialer Reaktionen eine Rolle spielen könnten. Möglich ist zudem, dass rettende Ameisen durch ihr Verhalten häufiger Verletzungen oder Infektionen riskieren und deshalb bei solchen Unglücken von einer stärkeren Aktivität von Genen des Immunsystems profitieren.
Die Forschenden betonen jedoch, dass die Studie keinen einzelnen Auslöser für Hilfsverhalten identifiziert. Rettungsverhalten entsteht demnach wahrscheinlich aus dem Zusammenspiel mehrerer Prozesse. Dazu gehören die Wahrnehmung von Alarmsignalen, die Verarbeitung dieser Reize im Nervensystem und molekulare Signalwege, die die Reaktionsbereitschaft der Ameisen beeinflussen.
„Ameisen sind ein besonders gutes Modell, um die biologischen Grundlagen komplexen Sozialverhaltens zu untersuchen“, sagt Foitzik. „Unsere Studie zeigt, dass einzelne Tiere innerhalb derselben Kolonie nicht nur unterschiedlich reagieren, sondern dass diese Unterschiede auch mit messbaren molekularen Prozessen zusammenhängen.“
Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Israel Science Foundation gefördert. Neben Luisa Maria Jaimes-Nino und Susanne Foitzik von der JGU waren Bar Adi und Inon Scharf von der Universität Tel Aviv beteiligt.
Originalpublikation:
L. M. Jaimes-Nino et al.: Transcriptional predictors of rescue behaviour in ants, Journal of Experimental Biology, 23. Juni 2026,
DOI: 10.1242/jeb.252086
https://journals.biologists.com/jeb/article/doi/10.1242/jeb.252086/372047
31.08.2026, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Kleine Sensation im Barnim: HNEE weist erstmals genetisch reine Wildkatzen nach
Johanna Köhle Hochschulkommunikation
Nach mehreren Jahrhunderten ist die Europäische Wildkatze (Felis sylvestris) in den Landkreis Barnim zurückgekehrt. Im Rahmen des Wahlpflichtmoduls „Wildtiermonitoring“ der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) wurden in einem Waldgebiet bei Hirschfelde südlich von Eberswalde erstmals mehrere Wildkatzen fotografisch dokumentiert und anschließend genetisch bestätigt. Die molekularbiologischen Untersuchungen belegen, dass es sich um genetisch reine Wildkatzen handelt. Mindestens drei verschiedene Tiere konnten identifiziert werden: zwei Weibchen und ein Männchen.
Damit liegt der erste genetisch bestätigte Nachweis der Europäischen Wildkatze im Landkreis Barnim vor, seit die Art vor mehreren Jahrhunderten aus dem Gebiet des heutigen Brandenburgs verschwunden war. Der Fund ist zugleich ein weiteres Zeichen für die allmähliche Rückkehr der streng geschützten Art in ihre früheren Verbreitungsgebiete.
„Dieser Nachweis ist für uns eine kleine Sensation. Dass wir nicht nur ein einzelnes durchwanderndes Tier, sondern mindestens drei verschiedene Wildkatzen nachweisen konnten, ist ein außergewöhnliches Ergebnis“, sagt Dr. Frank Michler, Dozent für Wildbiologie und Wildtiermanagement an der HNEE und Beauftragter für das Wildkatzenmonitoring. „Besonders freut mich, dass dieser Erfolg gemeinsam mit unseren Studierenden gelungen ist. Sie haben das Monitoring mit großer Begeisterung, hoher Sorgfalt und viel persönlichem Einsatz durchgeführt.“
21 Lockstöcke und mehr als 30 Haarproben
Das Wildkatzenmonitoring fand von Januar bis April 2026 statt. Gemeinsam mit den Studierenden brachte Michler insgesamt 21 sogenannte Lockstöcke im Landkreis Barnim aus. Die angerauten Holzpflöcke wurden regelmäßig mit Baldriantinktur besprüht. Der Geruch lockt Wildkatzen an und regt sie dazu an, sich an den Stöcken zu reiben. Dabei bleiben Haare am Holz zurück, die anschließend genetisch untersucht werden können.
Jeder Lockstock wurde zusätzlich mit einer Funkfotofalle überwacht. Sobald die Kameras ein Tier mit den typischen äußeren Merkmalen einer Wildkatze erfassten, konnte das Monitoringteam den betreffenden Standort zeitnah aufsuchen und vorhandene Haare fachgerecht sichern. Die Studierenden kontrollierten die Lockstöcke wöchentlich, werteten die Kamerabilder aus, reinigten die Stöcke und erneuerten den Lockstoff.
An insgesamt neun Lockstöcken wurden phänotypische Wildkatzen dokumentiert. Insgesamt sicherte das Team mehr als 30 Haarproben. Nach Abschluss des Monitoringdurchgangs wurden diese über Jens Teubner von dem Artenkompetenzzentrum für Säugetiere des Landesamtes für Umwelt (LfU) Brandenburg in Zippelsförde an das auf Wildtiergenetik spezialisierte Labor in Gelnhausen übermittelt.
Die jetzt vorliegenden Ergebnisse der molekulargenetischen Analysen bestätigen den besonderen Fund: Sämtliche untersuchten Proben stammen von genetisch reinen Europäischen Wildkatzen. Durch die genetische Individualisierung ließen sich mindestens zwei weibliche und ein männliches Tier unterscheiden.
Angewandter Artenschutz als Bestandteil der Lehre
Das zweisemestrige Wahlpflichtmodul „Wildtiermonitoring“ wurde 2022 von Frank Michler entwickelt und an der HNEE etabliert. Seitdem beginnen jährlich jeweils 25 Studierende im Wintersemester mit dem Modul. Sie lernen darin unterschiedliche wissenschaftliche Methoden zur Erfassung freilebender Tiere kennen und wenden diese unmittelbar in der Praxis an. Das Spektrum reicht vom Monitoring von Wolf, Luchs, Wildkatze und Elch über die Untersuchung von Wildtierquerungshilfen, das Brutvogelmonitoring und die Spurenkunde bis zum Elektrofischen.
„Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Lehre, praktische Ausbildung und konkreten Artenschutz miteinander zu verbinden“, erläutert Michler. „Die Studierenden bearbeiten keine rein theoretischen Übungsaufgaben, sondern wirken an einem realen, wissenschaftlich fundierten Monitoring mit. Der aktuelle Wildkatzennachweis zeigt eindrucksvoll, welchen Beitrag eine praxisnahe Hochschullehre zur Erforschung und zum Schutz unserer heimischen Tierwelt leisten kann.“
Das Monitoring erfolgt auf Grundlage einer Kooperationsvereinbarung zwischen der HNEE und dem Landesamt für Umwelt Brandenburg. Eine wichtige Rolle spielt dabei die langjährige und enge Zusammenarbeit mit Jens Teubner vom Artenkompetenzzentrum für Säugetiere des LfU. Ebenso entscheidend ist die Unterstützung der privaten und staatlichen Flächeneigentümer, die das Monitoring in ihren Waldgebieten ermöglichen.
Naturgemäße Waldwirtschaft schafft geeigneten Lebensraum
Alle genetisch bestätigten Nachweise gelangen in einem Privatwald von Mathias Graf von Schwerin bei Hirschfelde. Das Waldgebiet zeichnet sich durch eine naturgemäße Bewirtschaftung, einen hohen Totholzanteil, laubholzreiche Naturmischwälder sowie eine dichte und artenreiche Naturverjüngung aus. Damit bietet es der Wildkatze besonders geeignete Lebensbedingungen.
Strukturreiche Wälder stellen geeignete Jagdhabitate bereit und verfügen über zahlreiche Versteck- und Schlafplatzmöglichkeiten. Totholz, Wurzelteller, Baumhöhlen und dichte Vegetationsbereiche bieten zugleich störungsarme Rückzugsräume, die insbesondere für die Jungenaufzucht von Bedeutung sind.
„Dass die ersten Wildkatzen im Landkreis Barnim ausgerechnet in diesem Waldgebiet nachgewiesen wurden, überrascht uns deshalb nicht“, sagt Michler. „Die dort seit vielen Jahren praktizierte naturgemäße Waldwirtschaft hat vielfältige Strukturen entstehen lassen, von denen nicht nur die Wildkatze, sondern zahlreiche weitere Arten profitieren.“
Die Wildkatze kehrt nach Brandenburg zurück
Die Europäische Wildkatze war ursprünglich in weiten Teilen Deutschlands verbreitet, wurde jedoch über Jahrhunderte intensiv verfolgt und aus vielen Regionen verdrängt. Kleine Restpopulationen konnten unter anderem im Harz überleben. Seit Ende der 1990er-Jahre breitet sich die Art wieder zunehmend aus.
Für die Wiederbesiedlung Brandenburgs kommt der Wildkatzenpopulation im Harz eine besondere Bedeutung zu. Inzwischen ist die Art vor allem im Süden Brandenburgs wieder nachgewiesen. Auch aus dem Norden des Landes liegen aus den vergangenen Jahren einzelne Nachweise vor. Der aktuelle Fund im Barnim schließt eine weitere Lücke und lässt hoffen, dass die Wildkatze zunehmend geeignete Lebensräume im Nordosten Brandenburgs erreicht.
Das Wildkatzenmonitoring im Landkreis Barnim soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden. Dadurch soll untersucht werden, ob sich die Tiere dauerhaft in der Region etablieren, welche Gebiete sie nutzen und ob weitere Wildkatzen hinzukommen.
01.09.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Die Giganten rufen
Brunftzeit beim Rothirsch und Elch beginnt
Die Brunft geht los: Aus dem Wald von Gut Klepelshagen in Mecklenburg-Vorpommern dringt bereits das Röhren der Rothirsche. Die jüngeren Hirsche üben noch, ihre Stimmen klingen dünn und zaghaft. Ganz anders hört es sich an, wenn ein alter, etwa zehnjähriger Hirsch, seine Stimme erhebt: „Tief aus dem Brustkorb kommt sein Röhren – bei günstigem Wind vernimmt man ihn kilometerweit“, sagt Katja Selke, Revierjagdmeisterin bei der Deutschen Wildtier Stiftung in Klepelshagen. Der Ruf der Rothirsche ist Teil eines testosterongeladenen Kräftemessens: Das Tier des Jahres 2026 verkündet damit seine Präsenz, beeindruckt Rivalen und lockt vor allem Hirschkühe an. Kommt es zum Kampf zwischen konkurrierenden Männchen, prallen die Tiere frontal mit ihren Geweihen aufeinander und schieben sich, Kopf an Kopf, über den Brunftplatz. Der Kampf endet, sobald einer der beiden seine Unterlegenheit erkennt und die Flucht ergreift.
Auch Elche sind nun paarungswillig. Immer wieder wandern junge Elchbullen auf der Suche nach einer Elchkuh vor allem aus Polen nach Deutschland ein. Europas größte Hirschart zeigt ebenfalls ein starkes Imponierverhalten: Mit den mächtigen Geweihschaufeln schlägt der Riese, der in Schulterhöhe etwa zwei Meter misst, heftig gegen Sträucher und junge Bäume. Kommt es zu einem Kräftemessen, drücken die bis zu 650 Kilogramm schweren Bullen ihre Köpfe so stark gegeneinander, dass die Vorderläufe tief in den Erdboden einsinken. Am wohlsten fühlen sich Elche in naturnahen Wäldern mit Wasserflächen zum Tauchen und Baden an warmen Tagen. Daher ist das Vorkommen in Deutschland auch davon abhängig, ob genügend Gewässer vorhanden sind, in denen sich die großen Pflanzenfresser abkühlen können. Wenige einzelne Tiere leben bereits dauerhaft in Deutschland: „Vielleicht gibt es ja hierzulande in naher Zukunft sogar Elch-Nachwuchs“, so Selke.
Ende Oktober ist die Brunftzeit bei beiden Hirscharten wieder vorbei. Während der Elch auf seiner Brautschau Ländergrenzen ungestört überquert, stößt der Rothirsch hierzulande oft auf unsichtbare Grenzen. Vor allem in den südlichen Bundesländern darf er oft nur innerhalb gesetzlich ausgewiesener Rotwildbezirke leben, da Forst- und Landwirtschaft wirtschaftliche Schäden durch sein Fraßverhalten befürchten. Das Ergebnis so einer rückwärtsgewandten Politik belegte jüngst auch eine Studie der TU München: Die Rothirsch-Vorkommen im Landesinneren Bayerns zeigen bereits deutliche Anzeichen genetischer Verarmung und Inzucht. Eine erfreuliche Entwicklung gibt es dagegen in Baden-Württemberg: Hier dürfen wenigstens männliche Tiere mittlerweile wieder zwischen den Rotwildbezirken wandern und so zum genetischen Austausch beitragen – ein Erfolg, zu dem auch die Deutsche Wildtier Stiftung durch jahrelanges Engagement und in Kooperation mit dem Landesjagdverband Baden-Württemberg beigetragen hat.
Allerdings: Neben den gesetzlichen Vorgaben bremsen auch Autobahnen, Bahntrassen und künstliche Wasserstraßen die Wanderlust der Hirsche aus. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert deshalb, dass auch in Bayern männliche Hirsche nach dem Vorbild Baden-Württembergs wandern dürfen. Zudem brauchen die Lebensräume des Tieres des Jahres 2026 mehr Grünbrücken für eine bessere Vernetzung. Jagdfreie Korridore und Trittsteinvorkommen zwischen größeren Populationen helfen dabei, den genetischen Austausch wieder zu sichern. Dann trifft vielleicht auch mal ein bayerischer Platzhirsch eine norddeutsche Hirschkuh – sicherlich eine vielversprechende Wahl.
02.09.2026, Georg-August-Universität Göttingen
Rätsel der verzweigten Meereswürmer gelöst
Verzweigte Meereswürmer gehören zu den außergewöhnlichsten Lebewesen im Tierreich. Ihr Merkmal: Hinter dem Kopf teilen sie sich baumartig in mehrere Enden auf. Die Entwicklung dieser ungewöhnlichen Tiere war lange Zeit ein Mysterium. Jetzt hat ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen ihre Evolutionsgeschichte rekonstruiert und dabei zehn neue Arten entdeckt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Zoological Journal of the Linnean Society veröffentlicht.
Verzweigte Meereswürmer sind weltweit in verschiedenen Meeresregionen verbreitet – von Flachwassergebieten bis hin zu Tiefen von bis zu 1.000 Metern. Dort leben sie im Inneren von Meeres-Schwämmen, wo sie sich dank ihres einzigartigen Körperbaus optimal aufhalten können. Über ein Jahrhundert lang wurden die verzweigten Würmer als eine einzige Art klassifiziert. Jetzt identifizierten die Forschenden jedoch zwei Hauptlinien: Die Gattung Ramisyllis und die völlig neue Gattung, Cladosyllis. Außerdem klassifizierte das Team dreizehn verschiedene Formen, darunter mindestens zehn vermutlich völlig neue Arten. Möglich gemacht hat das die Kombination von DNA-Sequenzierungen von Museumsexemplaren mit neu gesammelten Exemplaren und detaillierten anatomischen Analysen.
„Diese Sammlungen sind wertvolle Ressourcen, die stetig neue Entdeckungen hervorbringen“, erklärt Prof. Maria Teresa Aguado, wissenschaftliche Kuratorin des Biodiversitätsmuseum an der Universität Göttingen und Leiterin der Studie. Mitautor Dr. Ekin Tilic vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt fügt hinzu: „Einige der Schwämme, in denen sich verzweigte Würmer versteckten, stammten aus der Senckenberg-Sammlung und reichen bis ins Jahr 1914 zurück. Mithilfe der Mikro-CT-Bildgebung konnten wir Würmer freilegen, ohne die Schwämme zu beschädigen – moderne Techniken helfen uns dabei, verborgene Artenvielfalt in jahrhundertealten Sammlungen wiederzuentdecken.“
Doch wie entstand diese Vielfalt? Dr. Guillermo Ponz Segrelles, ehemaliger Forscher an der Autonomen Universität von Madrid und Mitautor der Studie, erklärt: „Wir haben gezeigt, dass der Stammbaum von verzweigten Würmern – genau wie ihre Körper – viele Verästelungen aufweist. Jede davon ist eng mit einer bestimmten Schwammart verbunden. Es ist also die Art des Wirtes, welche die Evolution von verzweigten Würmen maßgeblich geleitet hat.“
Die Forschung löst damit nicht nur das Rätsel um die Klassifizierung der bizarren Lebewesen, sondern liefert auch neue Einblicke in die Evolution tierischer Körper im Allgemeinen: Alle verzweigten Würmer stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab, was bedeutet, dass sich ihre außergewöhnliche Körperarchitektur ein einziges Mal entwickelt hat. Die beiden Hauptlinien bildeten dann ihre Verzweigungen auf unterschiedliche Weise – ein Zeugnis für die Flexibilität der Evolution. Die Forschenden gehen davon aus, dass noch viele weitere Arten verzweigter Würmer unentdeckt sind, und dass diese Tiere ein wichtiges Modell für die Entschlüsselung der Evolution komplexer Körperformen, der Symbiose und der Artenvielfalt in marinen Ökosystemen darstellen könnten.
Originalpublikation:
Aguado Molina, MT et al. Many Branches, One Lineage: Museomic Insights into the Diversity and Evolution of Branching Syllid Worms. Zoological Journal of the Linnean Society (2026). DOI: http://10.1093/zoolinnean/zlag120
02.09.2026, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
Eine Sommer-Odyssey: Mornellregenpfeifer-Weibchen suchen in ganz Nordeuropa mehrere Partner auf
• Große Entfernungen: Bislang war eine weiträumige Partnersuche innerhalb einer Brutsaison nur bei Männchen von Arten beobachtet worden, bei denen die Weibchen die Aufzucht übernehmen. Eine neue Studie zeigt, dass sich weibliche Mornellregenpfeifer ähnlich zu verhalten scheinen.
• Starke Vernetzung: Weibchen besuchen im Median drei Standorte pro Saison, die bis zu ~1.000 km voneinander entfernt liegen. Populationen sind daher möglicherweise stärker miteinander vernetzt, als bisher angenommen.
• Neue Fragen: Die Ortung zeigt zwar, wohin die Weibchen gehen, aber nicht, was sie dort tun. Neue Studien sind erforderlich, bei denen die Ortung mit Verhaltensbeobachtungen kombiniert wird.
Auf einem hochgelegenen norwegischen Plateau tauchen Ende Mai erste kahle Stellen im Schnee auf – und mit ihnen einige der aufgeschlossensten Vögel Europas. Mornellregenpfeifer brüten auf exponierten Bergkämmen und in der arktischen Tundra, von Schottland über Skandinavien bis nach Sibirien. Sie sind bekannt für ihre Toleranz gegenüber Menschen – eine Eigenschaft, die sie seit jeher zu einer leichten Beute für Jäger gemacht hat. Auch in anderer Hinsicht sind sie ungewöhnlich: Bei dieser Art ist das Weibchen das größere und farbenprächtigere Tier der beiden Partner und übernimmt die aktive Rolle bei der Balz. Weibchen balzen und konkurrieren untereinander um einen Partner. Sobald ein Weibchen jedoch sein Gelege aus drei Eiern ins Nest gelegt hat, verlässt es in der Regel das Männchen. Dieses bebrütet daraufhin die Eier und zieht die Küken allein auf.
Lange war unklar, wohin sich die Mornellregenpfeifer-Weibchen anschließend begeben. Jahrzehntelange Feldbeobachtungen haben ergeben, dass die meisten Weibchen den Brutplatz kurz nach der Eiablage verlassen. Da es für die Rückwanderung in ihre nordafrikanischen Überwinterungsgebiete wahrscheinlich noch zu früh ist, vermuteten Ornithologen schon lange, dass die Weibchen auf der Suche nach weiteren Paarungsmöglichkeiten an einen anderen Ort ziehen. Keines dieser Tiere wurde jedoch jemals verfolgt, um diese Vermutung zu bestätigen. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz (MPI-BI) hat in einer neuen Studie weibliche Mornellregenpfeifer mithilfe von Satellitensendern verfolgt und dabei interessante Verhaltensmuster entdeckt.
„Traditionell geht man davon aus, dass Zugvögel ihre großen Wanderungen zwischen den Überwinterungs- und Brutgebieten unternehmen und die Brutzeit eine weitaus sesshaftere Phase des Jahres darstellt“, sagt Peter Santema, Postdoktorand am MPI-BI und einer der Erstautoren der Studie, die in Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde. „Wir haben nun gezeigt, dass weibliche Mornellregenpfeifer in nur einem Sommer Hunderte Kilometer zwischen ihren Brutplätzen zurücklegen können. Interessanterweise haben wir diesen Verhalten bereits bei den Männchen anderer Watvögel beobachtet, bei denen die Weibchen die Jungvögel allein aufziehen. Demnach scheint bei Arten, bei denen ein Geschlecht die Aufzucht allein übernimmt, das andere Geschlecht in einem Ausmaß nach weiteren Paarungsmöglichkeiten zu suchen, das wir uns bisher nicht vorstellen konnten. Diese Erkenntnis wirft neue Fragen auf: Wie nutzen weibliche Mornellregenpfeifer die Landschaft? Was bedeuten diese Bewegungen für ihren Fortpflanzungserfolg? Und wie verbinden sie möglicherweise Populationen, die Feldforschende lange Zeit getrennt untersucht haben?“
Mehrere Zwischenstopps
Bei einigen Vogelarten, wie dem Graubrust-Strandläufer und dem Kampfläufer, übernehmen die Weibchen die gesamte Aufzucht der Jungvögel. Vorangegangene Arbeit von Prof. Kempenaers und seinem Team haben gezeigt, dass die Männchen solcher Arten innerhalb einer einzigen Saison Tausende von Kilometern zwischen den Brutplätzen zurücklegen können, um weitere Paarungspartner zu finden. Bei den Mornellregenpfeifern sind die Rollen vertauscht: Die Männchen brüten die Eier aus und ziehen die Küken auf. Diese neue Studie ist die erste, die untersucht, wie weit Weibchen einer polyandrischen Art wandern können.
Das Team stattete 21 weibliche Mornellregenpfeifer mit zwei Gramm schweren, solarbetriebenen Satellitensendern aus und verfolgte ihre Bewegungen während der gesamten Brutzeit. Die Vögel wurden über drei Saisonen hinweg auf der Hochebene Hardangervidda im Süden Norwegens, sowie an Zugrastplätzen in den italienischen Alpen markiert. Während des etwa siebenwöchigen Zeitraums, in dem weibliche Mornellregenpfeifer typischerweise ihre Eier legen, ließen sich die einzelnen Weibchen an ein bis fünf verschiedenen Standorten nieder, wobei der Median bei drei Standorten lag. Aufeinanderfolgende Orte lagen in der Regel weniger als 100 km voneinander entfernt, doch ein Weibchen legte zwischen zwei Aufenthalten 973 km zurück, die größte Reichweite betrug insgesamt 1.343 km.
Die Bewegungen der Vögel folgten einem saisonalen Muster. Zu Beginn zogen die Weibchen überwiegend nach Norden. Möglicherweise folgten sie der sich zurückziehenden Schneegrenze, da sich in dem Zuge neue Brutgebiete auftaten. Später ließ das nach Norden gerichtete Muster nach und die Wanderungen wurden kürzer. Möglicherweise suchten die Weibchen eher lokal nach Männchen, deren frühere Brutversuche gescheitert waren. Die Wanderungen der weiblichen Mornellregenpfeifer waren geringer als die der Männchen polygamer Arten – ein Unterschied, der den höheren Aufwand widerspiegelt, den die Weibchen aufbringen müssen: Männchen benötigen nur eine einzige Paarung, um sich an einem Ort fortzupflanzen. Weibchen hingegen gehen eine kurzfristige Paarbindung ein und müssen ein volles Gelege ablegen.
Interessanterweise verweilten die Weibchen an ihrem letzten Standort im Median 41 Tage – weitaus länger als die kurzen Aufenthalte an früheren Standorten. Zwei Weibchen kehrten zudem an einen Standort zurück, den sie bereits verlassen hatten, eines davon nach zwanzig Tagen und aus einer Entfernung von 382 km. Frühere Studien haben gezeigt, dass an einigen Nestern die Brutpflege von Mornellregenpfeifer-Weibchen erfolgt und am häufigsten gegen Ende der Saison sowie am nördlichen Rand des Verbreitungsgebiets auftritt. Diese Beobachtungen legen nahe, dass es sich bei einigen der langen, letzten Aufenthalte um Weibchen handeln könnte, die dazu übergehen, ein Gelege zu bebrüten. Allerdings lassen sich solche Verhaltensweisen allein anhand von Satellitendaten nur schwer interpretieren. Um das Brutverhalten weiblicher Mornellregenpfeifer vollständig zu verstehen, sind Feldstudien erforderlich. Nur solche können erneute Paarungen und die Brutpflege durch Weibchen zweifelsfrei nachweisen.
„Lokale Populationen von Mornellregenpfeifern könnten tatsächlich auf eine Weise miteinander verbunden sein, die wir bisher übersehen haben – und zwar indem dieselben Weibchen zwischen weit voneinander entfernten Standorten hin- und herziehen“, sagt Bart Kempenaers, Leiter der Abteilung für Ornithologie am MPI-BI und einer der Erstautoren der Studie. „Die Wanderungen und das Brutverhalten dieser wunderschönen Vögel veranschaulichen, wie die Welt miteinander verbunden ist: Ihr Jahreszyklus erstreckt sich vom Hochland und der Tundra Nordeuropas und Russlands bis hin zu den Halbwüsten Nordafrikas. Die Kombination von Ortungsdaten mit Feldforschung an den Brutplätzen ist der nächste Schritt, um herauszufinden, was diese Wanderungen für die Evolution der Paarungssysteme bedeuten. Außerdem müssen wir mehr Vögel in verschiedenen Regionen mit Sendern ausstatten, um besser zu verstehen, wie ihre Populationen miteinander verbunden sind. Wir haben gelernt, dass uns selbst gut erforschte Vögel immer noch überraschen können.“
Originalpublikation:
Females of a socially polyandrous, sex-role reversed shorebird visit multiple breeding sites within a single season
Bart Kempenaers*, Peter Santema*, Margherita Cragnolini, Luke Eberhart-Hertel, Johannes Krietsch, Eunbi Kwon, Terje Lislevand
* shared first authors
Proceedings of the Royal Society B, online 02.09.2026
03.09.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Das Dach der Welt: Biodiversitäts-Hotspot seit 39 Millionen Jahren
Ein chinesisch-deutsches Forschungsteam unter Beteiligung von Senckenberg-Forscher Prof. Dr. Andreas Mulch hat untersucht, wann und unter welchen Bedingungen sich die außergewöhnliche Biodiversität im Osten Tibets entwickelte. Die neu veröffentlichte Studie zeigt, dass bereits vor rund 39 Millionen Jahren artenreiche Säugetiergemeinschaften in Höhenlagen von etwa 3.400 Metern lebten. Die Fossilien gehören zur bislang ältesten direkt datierten känozoischen Säugetierfauna des Tibetplateaus. Die Ergebnisse zeigen, dass die Gebirgshebung und die damit verbundenen klimatischen Veränderungen entscheidend zur Entstehung der frühen Hochgebirgs-Biodiversität beitrugen.
Gebirge gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde. Auf engem Raum treffen hier unterschiedlichste Bedingungen aufeinander – von tiefen Tälern bis zu hohen Gipfeln, von warmen bis zu kalten und von trockenen bis zu feuchten Lebensräumen. So entstehen vielfältige ökologische Nischen, die zahlreichen Arten Raum zur Anpassung und Entwicklung bieten. „Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sind die Hengduan-Berge im Osten Tibets. Die zerklüftete Gebirgslandschaft mit ihren hohen Gipfeln und tief eingeschnittenen Tälern reicht von subtropischen bis in alpine Klimazonen. Heute zählt die Region zu den bedeutendsten Biodiversitäts-Hotspots der Erde mit zahlreichen endemischen Arten“, erläutert Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktor am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Die Pflanzenfossilien der Hengduan-Berge wurden vielfach untersucht und liefern wichtige Erkenntnisse über die frühere Biodiversität, Höhenlage und das Klima. Die fossile Säugetierwelt der Region ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend und bietet bisher ungekannte Einblicke in die frühe Evolution der Hochgebirgsarten.“
Der Frankfurter Geowissenschaftler hat gemeinsam mit einem chinesisch-deutschen Forschungsteam in einer neuen Studie untersucht, wie und wann die außergewöhnliche Artenvielfalt auf dem Tibetplateau entstand. Durch die Datierung von Mineralablagerungen in fossilen Säugetierknochen und Paläo-Böden, kombiniert mit Höhenrekonstruktionen anhand stabiler Isotope aus dem Zahnschmelz von Pflanzenfressern und aus Bodenkarbonaten, konnten die Forschenden zeigen: Bereits vor rund 39 Millionen Jahren existierten im Osten Tibets ausgedehnte Hochgebirgslandschaften mit artenreichen Säugetiergemeinschaften. „Die Fossilien sind mit 39,2 bis 38,1 Millionen Jahren die älteste direkt datierte känozoische Säugetierfauna des Tibetischen Plateaus. Die von uns beprobten Pflanzenfresser lebten in Höhenlagen von etwa 3.400 Metern, also bereits in einem Lebensraum, dessen Höhenlage der heutigen Situation nahekommt“, ergänzt Dr. Songlin He, Wissenschaftler am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt und dem Institute for Tibetan Plateau Research, CAS in Peking.
Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der tibetischen Biodiversität spielte offenbar die Entstehung des Gebirges selbst. Als sich der Osten Tibets im Eozän – vor etwa 56 bis 34 Millionen Jahren – zunehmend anhob, veränderte sich auch das Klima. Es kam zu ausgeprägten jahreszeitlichen Niederschlägen. Mulch hierzu: „Dieses Klima kann nicht mit dem heutigen asiatischen Monsun gleichgesetzt werden, die starke Niederschlagssaisonalität war aber ein wichtiges Element der Umweltbedingungen im Hochland.“ Das entscheidende Indiz der Untersuchungen sind sogenannte falsche Jahresringe – Dichteschwankungen im Verlauf der Holzbildung – im 41,5 Millionen Jahre alten fossilen Holz. Diese entstehen, wenn das Pflanzenwachstum im Sommer unter Trockenstress gerät. „Dies ist typisch für ‚mediterranes‘ Klima wie es heute im Mittelmeerraum vorkommt und schuf günstige Umweltbedingungen für die Entwicklung einer artenreichen Hochgebirgsfauna und -flora“, ergänzt He.
Die neuen Ergebnisse liefern einen wichtigen zeitlichen Referenzpunkt für die frühe Entwicklung der Hochgebirgs-Biodiversität in Asien. Zugleich zeigen sie, wie eng Gebirgsbildung, Klimaentwicklung, Entstehung neuer Ökosysteme und die langfristige Entwicklung der Artenvielfalt verbunden sind. „Die Geschichte der Biodiversität im tibetischen Hochland reicht weiter zurück als bislang bekannt war. Der Osten Tibets spielte bereits sehr früh eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der heutigen Hochgebirgs-Biodiversität in Asien. Der Nachweis eines mediterranen Klimamusters vor 41,5 Millionen Jahre in Tibet zeigt, wie entscheidend Paläoklimarekonstruktionen zu unserem Verständnis des Klimasystems beitragen können“, schließt Mulch.
Originalpublikation:
He, S., Ding, L., Mulch, A. et al. Origins of biodiversity in eastern Tibet revealed by Eocene mammals and fossil tree rings. nature commun earth environ (2026). https://doi.org/10.1038/s43247-026-03967-1
03.09.2026, Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA)
Wie wurden wir zur letzten Menschenart auf der Erde? Neues Forschungsprojekt zur Altsteinzeit
Warum setzte sich in der Geschichte der Menschheit Homo sapiens durch, während andere Menschenformen wie die Neandertaler verschwanden? Und welche Rolle spielten dabei bereits Hunderttausende von Jahren zuvor Klima, Umwelt, technischer Fortschritt und Begegnungen zwischen verschiedenen Populationen? Diesen Fragen widmet sich ein neues Forschungsprojekt des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA). Das Vorhaben wird in den kommenden fünf Jahren durch einen „ERC Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrats mit 1,5 Millionen Euro gefördert.
Die weltweite Ausbreitung des Homo sapiens setzte vor etwa 50.000 Jahren ein. Dieser Prozess war auch von Begegnungen mit Neandertalern geprägt, die später ausstarben und unsere Art zur einzigen noch lebenden Menschenart auf dem Planeten werden ließen. Doch dies war nicht der erste Kontakt zwischen beiden Menschenformen: Bereits seit vor etwa 300.000 Jahren trafen sie wiederholt aufeinander. Die Spuren und Folgen dieser frühen Begegnungen sind jedoch bislang weitgehend unbekannt.
Hier setzt das Projekt mit dem Titel “Early ENCOUNTERS: Population dynamics and behavioral complexity across the Balkan Peninsula 300,000-100,000 years ago” an, das Dr. Tamara Dogandžić leitet. Sie ist Wissenschaftlerin am Archäologischen Forschungszentrum und Museum MONREPOS in Neuwied, einer Einrichtung des LEIZA. „Im Zentrum unseres Projekts steht die Frage nach den Ursprüngen der Komplexität und Vielfalt menschlichen Verhaltens. Neandertaler und Homo sapiens entwickelten in dieser frühen Phase bemerkenswerte Innovationen – von neuen Techniken zur Herstellung von Steinwerkzeugen bis hin zu spezialisierten Jagdmethoden. Entstanden solche Neuerungen durch Begegnungen und den Austausch von Ideen, oder entwickelten verschiedene Populationen sie unabhängig voneinander? Und warum führten manche Begegnungen zum Fortbestehen von Populationen, während andere mit ihrem Verschwinden endeten? Diesen Fragen wollen wir nachgehen, indem wir den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdynamik und kulturellem Wandel untersuchen, erläutert Dogandžić.
Der Balkan als Forschungsgebiet
Der Fokus liegt dabei auf der Balkanhalbinsel. Sie war bereits in der frühen Menschheitsgeschichte eine Region der Bewegung und Begegnung. Zwischen Europa, Asien und Afrika gelegen, konnte die abwechslungsreiche Landschaft je nach Klima als Rückzugsraum, Durchzugsgebiet oder Barriere dienen. Hier trafen unterschiedliche Populationen aufeinander und mussten sich immer wieder an neue Lebensbedingungen anpassen, wie fossile und archäologische Funde zeigen.
„Eine besondere Informationsquelle bietet uns die Fundstelle Suhi Dol in Bosnien und Herzegowina, die uns bei unseren umfangreichen Feldarbeiten als zentraler Fundplatz dient. Dort haben sich über mehrere Zeitperioden hinweg Steinwerkzeuge, Tierknochen und Spuren von Feuerstellen erhalten. Sie ermöglichen es, den Alltag früher Menschen Schritt für Schritt zu rekonstruieren – von der Herstellung von Werkzeugen über Jagd und Ernährung bis zur Nutzung der Landschaft“, berichtet Dogandžić.
Interdisziplinäre Methoden für neue Erkenntnisse
Für ihre Analysen will die Archäologin mit ihrem Team ein breites Spektrum moderner Methoden einsetzen. So geben detaillierte Untersuchungen der Funde Aufschluss über Veränderungen in Technologie und Jagdpraktiken. Die Ergebnisse werden mit Klima- und Umweltanalysen, chemischen Verfahren wie Isotopen- und Biomarkeranalysen sowie genetischen Daten verknüpft. Verschiedene Datierungsmethoden können zudem Aufschluss darüber geben, wann Menschen an einem bestimmten Ort lebten. Ein computergestütztes öko-kulturelles Nischenmodell führt die unterschiedlichen Informationen anschließend zusammen und macht sichtbar, wie Umweltbedingungen und menschliches Verhalten zusammenwirkten.
Das Forschungsprojekt ist Teil des LEIZA-Forschungsfelds „Menschwerdung: Die Evolution menschlichen Verhaltens“, das sich mit zentralen Fragen zur Entwicklung des Menschen und seiner Lebensweise beschäftigt. Es schließt an die langjährige Forschung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Archäologischen Forschungszentrums und Museums MONREPOS an.
Was können wir von den frühen Menschen lernen?
„Das Projekt ENCOUNTERS trägt dazu bei, eine der interessantesten Fragen unserer Vorgeschichte neu zu betrachten: Was machte den Homo sapiens so anpassungsfähig – und warum konnte er sich letztlich durchsetzen? Die Erkenntnisse aus dem ERC-Projekt werden zu einem besseren Verständnis grundlegender Prozesse der menschlichen Evolution beitragen“, führt die Generaldirektorin des LEIZA und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft Univ.-Prof. Dr. Alexandra W. Busch aus. „Die Forschung des LEIZA ist darauf ausgerichtet, unser Wissen zum Menschen und seiner Entwicklung durch eine archäologische Perspektive zu erweitern. Das Projekt ENCOUNTERS nimmt dabei eine zentrale Frage in den Blick: Wie konnten menschliche Populationen über sehr lange Zeiträume mit tiefgreifenden Veränderungen ihrer Lebensbedingungen umgehen und sich immer wieder an neue Herausforderungen anpassen?“, so Busch.
„Die Einwerbung eines ERC Starting Grants ist für junge exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein besonderer Erfolg, denn mit der Bewilligung dieser Förderung wird innovative Forschung auf höchstem Niveau ausgezeichnet“, betont Clemens Hoch, Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz. „Ich gratuliere Dr. Tamara Dogandžić sehr herzlich und wünsche ihrem Vorhaben ein gutes Gelingen. Wir freuen uns darüber, dass dieses Projekt auch auf internationaler Ebene das wissenschaftliche Potenzial unseres Landes sichtbar macht“, so Hoch weiter.
Förderung durch den European Research Council
Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) ist eine von der Europäischen Kommission eingerichtete Institution zur Finanzierung von grundlagenorientierter und exzellenter Forschung. Er wird über das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizon Europe“ finanziert. Ziel der ERC-Förderung ist es, die besten und kreativsten Wissenschaftler*innen dabei zu unterstützen, neue Ansätze in allen Fachgebieten zu entdecken und zu erforschen. Besonders interdisziplinäre, die Grenzen ihres Fachbereiches überschreitende Ansätze werden hierbei als innovationsversprechend begrüßt.
Mit Starting Grants unterstützt der Europäische Forschungsrat exzellente promovierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in einem frühen Karrierestadium. Ziel ist es, den Weg in die wissenschaftliche Unabhängigkeit und den Aufbau einer ersten eigenen Forschungsgruppe zu unterstützen. Für die Projekte erhalten sie bis zu 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren.
Weitere Informationen zum ERC Starting Grant:
https://erc.europa.eu/apply-grant/starting-grant
04.09.2026, Hochschule Koblenz – University of Applied Sciences
Welche Einflussfaktoren erklären die Bestandsentwicklung von Brutvögeln in Deutschland
Weltweit nimmt die biologische Vielfalt ab, auch viele Vogelarten sind betroffen. Es gibt jedoch deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Arten. Warum gibt es Gewinner und Verlierer? Warum nimmt der Bestand mancher Arten ab, während andere Arten einen konstanten Bestand oder sogar einen positiven Trend zeigen? Dies wurde mit einer statistischen Analyse von Prof. Dr. Markus Neuhäuser von der Hochschule Koblenz und Prof. Dr. Graeme Ruxton von der University of St. Andrews untersucht.
Im Oktober 2025 erschien eine aktuelle Bestandssituation der Vögel in Deutschland (Gerlach et al.: Vögel in Deutschland – Bestandssituation 2025. DDA, BfN, LAG VSW, Münster, 2025). Es zeigt sich kein einheitliches Bild, nicht alle Arten leiden unter einem Bestandsrückgang. Es gibt auch Arten, deren Bestand konstant oder sogar zunehmend ist. Warum gibt es solche Unterschiede, welche Faktoren beeinflussen die Entwicklung des Bestands? Eine neue statistische Analyse, in die insgesamt 140 in Deutschland brütende Vogelarten eingezogen werden konnten, beantwortet diese Frage. Neben einem Langzeittrend für die Zeit seit etwa 1860-1910 wurden in der Bestandssituation Trends für 12, 24 und 42 Jahre berichtet. Für alle vier Trends wurde nach Einflussfaktoren gesucht.
Es konnten drei wichtige Einflussfaktoren identifiziert werden. Es bestätigte sich, dass in der Agrarlandschaft lebende Arten signifikant häufiger an Bestandsrückgängen leiden.
Zudem zeigen die Analysen von Neuhäuser und Ruxton, dass negative Trends bei Arten mit engeren klimatischen Nischen wahrscheinlicher sind. Dies gilt sowohl für den langfristigen Trend als auch für neuere Populationsentwicklungen. Arten, die ein größeres Gebiet besiedeln, sind in der Regel einer größeren Vielfalt klimatischer Bedingungen ausgesetzt. Dies wurde dadurch berücksichtigt, dass die Breite der klimatischen Nische durch die Größe des Verbreitungsgebiets der Art dividiert wurde. Daraus ergibt sich ein Index, bei dem ein hoher Wert eine im Verhältnis zur Größe des Verbreitungsgebiets große Breite der klimatischen Nische bedeutet.
Ferner hat auch die Toleranz gegenüber vom Menschen veränderten Lebensräumen einen signifikanten Einfluss auf die Populationsentwicklung. Eine höhere Toleranz schützt vor negativen Trends. Beim Langzeittrend war auch die Körpergröße signifikant. Ein negativer Langzeittrend war bei größeren Arten seltener, was durch früher größeren Jagd- und Verfolgungsdruck erklärt werden kann.
Insgesamt zeigt sich, dass Generalisten, die unter vielfältigen klimatischen Bedingungen und in unterschiedlichen, vom Menschen veränderten Lebensräumen und nicht nur in der Agrarlandschaft leben können, vor negativen Populationsentwicklungen geschützt sind.
Originalpublikation:
Neuhäuser M, Ruxton GD (2026): Predictors of Population Trends of Breeding Birds in Germany. Journal of Biogeography 53(9): e70356, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jbi.70356

