Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

08.06.2026, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
Vom Schädling zum nützlichen Werkzeug: Wie Wachsmottenlarven helfen können, Tierversuche in der Forschung zu reduzieren
HIOH-Team validiert alternatives Infektionsmodell für bakterielle Studien
Forschende des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) haben gezeigt, dass sich Larven der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) als alternatives Infektionsmodell eignen, um die Gefährlichkeit von Bakterien im größeren Maßstab zu untersuchen. Dadurch könnten Tierversuche an Säugetieren künftig deutlich reduziert werden. Die Ergebnisse der Studie wurden in The Lancet Microbe veröffentlicht.
Das Erbgut von Bakterien lässt sich heute sehr schnell analysieren – und damit auch ihr Potenzial, Krankheiten auszulösen. Deutlich aufwendiger ist es jedoch zu überprüfen, wie stark virulent, also krankmachend, diese Erreger im lebenden Organismus tatsächlich sind. Solche Untersuchungen fanden bislang häufig an Mäusen oder anderen Säugetiermodellen statt und sind zeit- und ressourcenintensiv. Aus ethischen Gründen sind diese Untersuchungen zudem nicht für Testreihen im großen Durchsatz geeignet.
Ein interdisziplinäres Team des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) in Greifswald – einer Einrichtung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) – hat nun gezeigt, dass die Larve der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) ein robustes und ethisch vertretbares Modell ist, um das humanpathogene Bakterium Klebsiella pneumoniae in größerem Umfang zu untersuchen. Klebsiella pneumoniae zählt zu den weltweit gefährlichsten Erregern schwerer Infektionen, insbesondere im klinischen Umfeld. Anhand der Testung von 80 verschiedenen Stämmen dieses Erregers wiesen die Forschenden nach, dass sich unter standardisierten Bedingungen klassische und besonders virulente Varianten in den Wachsmottenlarven klar voneinander unterscheiden lassen.
Zuverlässige Ergebnisse durch standardisierte Bedingungen
In der Vergangenheit wurde die Forschung an Wachsmottenlarven teils kritisch betrachtet, da die Studienergebnisse aufgrund fehlender Standards oft schwer vergleichbar waren. Das Greifswalder Forschungsteam hat das Modell daher systematisch nach den ethischen Leitlinien des 3R-Prinzips (Replacement, Reduction, Refinement – Ersetzen, Reduzieren, Verfeinern von Tierversuchen) geprüft und optimiert.
Prof. Katharina Schaufler, Leiterin der Abteilung „Epidemiologie und Ökologie Antimikrobieller Resistenz“, erklärt: „Als Tierärztin ist mir das Tierwohl ein besonderes Anliegen. Um die Eigenschaften von antibiotikaresistenten Erregern besser zu verstehen, benötigen wir aber verlässliche In-vivo-Modelle. Unsere Arbeit zeigt im Detail, unter welchen Bedingungen das Insektenmodell reproduzierbare Ergebnisse liefert. Dies ermöglicht es uns, das 3R-Prinzip im Laboralltag praktisch umzusetzen und die Infektionsforschung gleichzeitig effizienter zu gestalten.“
Der entscheidende Vorteil des Modells ist seine breite Anwendbarkeit. Bevor Versuche an Säugetieren überhaupt in Betracht gezogen werden, erlaubt das Modell ein breites Screening zahlreicher Bakterienvarianten oder potenzieller neuer Wirkstoffe in einem lebenden Organismus. „Die Wachsmottenlarve bietet uns ein biologisches System, das wir sehr gut im großen Maßstab einsetzen können“, ergänzt Dr. Elias Eger, Letztautor der Studie und Wissenschaftler am HIOH. „Sie ist zwar kein vollständiger Eins-zu-eins-Ersatz für Säugetiermodelle, funktioniert aber hervorragend als Werkzeug für eine fundierte Vorauswahl. So müssen im Nachgang nur noch die wirklich aussagekräftigsten Isolate in komplexeren Säugetiermodellen validiert werden.“
Die Etablierung des Modells unterstützt den ganzheitlichen Forschungsansatz des HIOH. Ziel ist es, die Ausbreitung und Evolution von antibiotikaresistenten Erregern an den Schnittstellen zwischen Umwelt, Tier und Mensch zu entschlüsseln. Um diese Dynamiken im großen Stil analysieren zu können, benötigen Forschende praxistaugliche und skalierbare In-vivo-Modelle, also Untersuchungen im lebenden System. Das standardisierte Galleria-Modell schließt hier eine wichtige Lücke. Die Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Microbe veröffentlicht und ist das Ergebnis einer internationalen, interdisziplinären Zusammenarbeit. Sie unterstreicht, wie methodische Weiterentwicklungen dazu beitragen können, medizinischen Erkenntnisgewinn und Ethik erfolgreich miteinander zu verbinden.
Originalpublikation:
Schaufler K, Schmidt N, Schwabe M, Heiden SE, Fickenscher H, Woh PY, Tien SB, Velavan TP, Song LH, Neumann B, Idelevich EA, Becker K, Krumbholz A, Kocer K, Boutin S, Nurjadi D, Eger E.: Rethinking virulence screening in Klebsiella pneumoniae: a case for a standardised Galleria mellonella infection model. Lancet Microbe. 2026. 101421 [Epub ahead of print]. DOI: 10.1016/j.lanmic.2026.101421

09.06.2026, Humboldt-Universität zu Berlin
Wie Tiere Ungleichheit innerhalb von Gruppen verringern
Eine neue internationale Studie der Humboldt-Universität legt nahe, dass Macht in Tiergruppen kontrolliert werden kann. Das mächtige Individuum zahlt jedoch oft einen Preis dafür: Sein sozialer Einfluss nimmt ab und kann sogar zum Ausschluss aus der Gruppe führen.
Ungleichheit ist nicht nur ein Merkmal menschlicher Gruppen und Gesellschaften. Individuen mit geringem Machtanteil verfügen über verschiedene Verhaltensstrategien, um Machtunterschiede auszugleichen oder zu regulieren: Beim Menschen gehören dazu Kritik, Spott, Ungehorsam oder sogar die Vertreibung oder Hinrichtung von Mächtigen. Ungleichheitsmindernde Verhaltensweisen mit ähnlichen sozialen Kosten finden sich auch in Tiergesellschaften. „Wenn mächtige Tiere aggressives Verhalten an den Tag legen, um sich einen besseren Zugang zu Nahrung oder Paarungspartner und -partnerinnen zu verschaffen, können andere Gruppenmitglieder mit Ausgleichsverhalten reagieren“, sagt Dr. Danai Papageorgiou, Verhaltensbiologin und Leiterin der Emmy Noether-Gruppe „Aufrechterhaltung des Machtgleichgewichts in Tiergesellschaften“ an der HU. „Bislang wurde ausgleichendes Verhalten in Tiergesellschaften nur selten im Rahmen eines einheitlichen konzeptionellen Ansatzes untersucht.“
Ein internationales Team von Forschenden – neben Dr. Papageorgiou, Prof. Monique Borgerhoff Mulder, Prof. Sarah F. Brosnan und Prof. Eli D. Strauss – hat nun die erste theoretische Studie zum Konzept des ausgleichenden Verhaltens in der Fachzeitschrift Trends in Ecology and Evolution veröffentlicht. „Wir diskutieren für viele Tiergesellschaften¬ – dazu zählen Vögel, Primaten, Kleinsäuger und auch Wirbellose – ein breites Spektrum an Ausgleichsverhalten, das zwar unterschiedlich aussehen mag, aber auf ähnliche Weise funktioniert“, berichtet Dr. Papageorgiou. „Überraschend war die starke Überschneidung zwischen verschiedenen Kategorien des tierischen Ausgleichsverhaltens und denen, die aus kleinen menschlichen Gesellschaften bekannt sind.“
Das Bild vom Alpha-Tier ist nicht vollständig
Das Forschungsteam betrachtet soziale Dynamiken aus einer neuen, multidimensionalen Perspektive. „In der Vergangenheit lag der Fokus viel stärker auf Konkurrenz und Dominanz“, sagt die HU-Wissenschaftlerin. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen untersucht sie die kurz- und langfristigen Kosten und Vorteile von Macht für alle Mitglieder einer Gruppe. Sie interessieren sich auch dafür, wie ein Machtgleichgewicht aufrechterhalten werden kann, sodass jedes Mitglied auf die eine oder andere Weise profitiert. „Unsere Forschung zeigt, dass das Bild vom Alpha-Tier, das alles dominiert, nicht vollständig ist“, sagt Dr. Papageorgiou. „Macht kann auch kontrolliert werden. Das mächtige Individuum zahlt oft einen Preis dafür, dass es an anderer Stelle Macht ausübt.“
Schimpansen, Makaken, Geierhühner im Fokus der Forschung
Das Konzept der Nivellierung wurde aus Christopher Boehms Studien aus den 1990er Jahren über die Ursprünge des Egalitarismus in Jäger- und Sammlergesellschaften übernommen. Sowohl in menschlichen als auch in nicht-menschlichen Gruppen kann die Macht von Individuen, die andere ausbeuten, wieder abnehmen und sogar zu ihrem Ausschluss aus der Gemeinschaft führen. Das Forschungsteam um Dr. Papageorgiou diskutiert dies bei Schimpansen, Makaken, Geierperlhühnern und anderen Tieren, die in Gruppen leben. Bei Zwergmangusten, die für einen Ausgleich sorgen, wurde beispielsweise beobachtet, dass sie Nähe, soziale Unterstützung oder Fellpflege verweigern können. Individuen mit geringer Macht können auch Koalitionen bilden, um dominante Tiere anzugreifen. Die Forscher*innen untersuchten dieses Verhalten bei Tüpfelhyänen, Schimpansen, Mandrille und anderen Arten. Wenn zum Beispiel Alpha-Männchen bei Geierperlhühnern, Nahrungsressourcen monopolisieren, können ausgegrenzte Tiere eine Gruppenbewegung initiieren, die von der Nahrung wegführt und Alpha-Männchen dazu bringen, ihnen zu folgen.
Das Team stellte fest, dass sowohl Ungleichheit als auch ausgleichendes Verhalten in Tiergesellschaften weit verbreitet ist. Ob ausgleichendes Verhalten auftritt, hängt von Kosten und Nutzen ab. „Wir können Vorhersagen darüber treffen, unter welchen Bedingungen es auftritt und wann nicht.“ Weitere Forschungsfragen lauten: Zu welchem Zeitpunkt tritt es auf? Wie wichtig ist es für den Erhalt der Gruppe? Welche Risiken sind mit der Ausübung von Macht verbunden, und welche mit ausgleichendem Verhalten?
Um diese Fragen zu beantworten, plant die Emmy Noether-Gruppe für ihre weitere Forschung, öffentlich zugängliche Langzeitdatensätze zu nutzen. Moderne Technologien ermöglichen zudem die Verwendung von Drohnenvideoaufnahmen und GPS-Bewegungsdaten, um das Verhalten innerhalb der Gruppe im Detail zu analysieren. Playback-Experimente und Experimente an ergiebigen, räumlich konzentrierten Nahrungsquellen können eingesetzt werden, um Aggressionen dominanter Individuen zu simulieren und die darauffolgenden ausgleichenden Reaktionen besser zu verstehen. In Kombination dieser verschiedenen Methoden wird Dr. Papageorgiou die Bedingungen untersuchen, unter denen die Toleranzschwelle von Tiergesellschaften überschritten und ein Ausgleichsverhalten ausgelöst wird.
Originalpublikation:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0169534726001114?via%3Dihub

09.06.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Warum sind Faultiere so langsam? Ein Grund könnte in Genen liegen, die mit ihrem langsamen Stoffwechsel zusammenhängen
Faultiere sind die langsamsten Säugetiere der Welt. Da sie in dichtem Regenwald leben, ist es schwierig, sie wissenschaftlich zu untersuchen. Ein Forschungsteam hat nun erstmals das Genom des Zweifinger-Faultiers sequenziert und analysiert und dabei genetische Ursachen für ihren langsamen Stoffwechsel aufgedeckt. Das Team entdeckte faultierspezifische „springende Gene“, die seit Millionen von Jahren evolutionär erhalten geblieben sind und mit dem Stoffwechsel in Verbindung stehen. Die in „BMC Biology“ veröffentlichten Ergebnisse könnten den Weg für weitere Forschungen zu Stoffwechselerkrankungen und zum Alterungsprozess bei anderen Säugetieren, einschließlich des Menschen, ebnen.
Aufbauend auf Arbeiten am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) sequenzierten und analysierten Wissenschaftler:innen des Wellcome Sanger Institute in Cambridge, des Leibniz-IZW, des Hospital Sírio Libanês in São Paulo und ihre Kooperationspartner das Genom eines in menschlicher Obhut lebenden Eigentlichen Zweifinger-Faultiers (Choloepus didactylus). Das Team extrahierte DNA aus Gewebeproben, die anschließend am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden sequenziert wurde. Anschließend analysierten die Wissenschaftler:innen das Faultiergenom und verglichen die Sequenz mit den Genomen anderer Säugetiere, darunter eines Ameisenbären und eines Gürteltiers, mithilfe einer als „vergleichende Genomik“ bekannten Technik.
Die Forschenden fanden heraus, dass das Genom des Faultiers mehrere Kopien aktiv „springender Gene“, sogenannte Transposons, enthält. Dabei handelt es sich um DNA-Sequenzen, die sich selbst kopieren und an anderer Stelle im Genom wieder einfügen können. Einige Transposons sind auch im menschlichen Genom noch nachweisbar, diese sind jedoch in der Regel inaktiv, alt und fragmentiert. Aktive Transposons verursachen im Gegensatz dazu Neuanordnungen in den Chromosomen, was beim Menschen zu Krebs führen kann.
Mithilfe der Genomik blickten die Forschenden zudem in die Vergangenheit und zeichneten die Evolution der Faultiere nach. Sie fanden heraus, dass diese „springenden Gene“ beim letzten gemeinsamen Vorfahren der heute noch lebenden Faultierarten vor etwa 30 Millionen Jahren entstanden sind. Die Gene haben sich seitdem erhalten und sind so zu fest verankerten Genombestandteilen geworden, die einzigartig für Faultiere sind. Das Team war überrascht festzustellen, dass viele dieser Gene mit den Mitochondrien – den „energieerzeugenden Kraftwerken“ der Zellen – und Stoffwechselwegen in Verbindung stehen. Da Faultiere einen für Säugetiere einzigartigen Stoffwechsel haben, glauben die Forschenden, dass diese faultierspezifischen Gene mit deren ungewöhnlichen Anpassungen an die Umwelt und der Entwicklung eines extrem langsamen Stoffwechsels zusammenhängen.
Evolutionäre Anpassungen bei den einzigen Höheren Säugetieren, die ihren Ursprung in Südamerika haben
Neben Gürteltieren und Ameisenbären gehören Faultiere zu den Xenarthra (auch Nebengelenktiere genannt), der einzigen Gruppe der Höheren Säugetiere, die ihren Ursprung in Südamerika hat. Xenarthra gibt es seit 65 Millionen Jahren; zu den ausgestorbenen Vorfahren der Faultiere zählen unter anderem Riesenfaultiere von der Größe eines Elefanten. Heute sind alle Faultiere baumbewohnend und gehören zu zwei Gruppen – den Zweifingerfaultieren und den Dreifingerfaultieren.
Faultiere sind die langsamsten aller Säugetiere. Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit regungslos und getarnt in Bäumen. Wenn sie sich zwischen den Ästen bewegen, um Blätter und Früchte zu fressen, geschieht dies für menschliche Maßstäbe in Zeitlupe. Faultiere haben den niedrigsten Stoffwechsel unter den Säugetieren, oft weniger als die Hälfte dessen, was man bei ihrer Körpergröße erwarten würde. Um Energie zu sparen, können sie zwischen der Selbstregulierung ihrer Körpertemperatur und einer Anpassung an die Umgebungstemperatur wechseln. Obwohl sie langsam sind, sind sie gute Schwimmer und legen auf der Suche nach einem Partner manchmal große Entfernungen im Wasser zurück.
Neue Perspektiven für die Erforschung von Stoffwechsel- und altersbedingten Gesundheitszuständen bei Säugetieren
Mit Methoden der Genomik versuchten das Team und dessen Kooperationspartner ein tieferes Verständnis für die ungewöhnliche Biologie von Faultieren zu erlangen. In einem nächsten Schritt können diese Gene mithilfe von Zelllinien, Laborexperimenten und Einzelzellsequenzierungen genauer untersucht werden, um deren Funktion zu bestätigen. Das Team geht davon aus, dass Faultier-Zelllinien ein hervorragendes Modell für die Erforschung von Stoffwechsel- und altersbedingten Gesundheitszuständen bei Säugetieren, einschließlich des Menschen, darstellen könnten.
Originalpublikation:
Uliano-Silva M, da Conceição HB, Mercuri RLV, Winkler S, Guardia GDA, Myers E, McCarthy S, Tracey A, Suh A, Blaxter M, Galante PAF, Mazzoni CJ (2026): Elevated retrocopy burden and sloth-specific expansions illuminate mammalian genome evolution. BMC Biology. DOI: 10.1186/s12915-026-02632-5

09.06.2026, NABU
Kuck mal, wer da an der Nessel knabbert – Der NABU will wissen, welche Raupen an Brennnesseln zu finden sind
Bei Brennnesseln denken die meisten Menschen an Unkraut und juckende Quaddeln auf der Haut. Die Pflanze hat ein schlechtes Image und wird darum aus vielen Gärten verbannt. „Das ist schade, denn die Brennnessel ist für viele Schmetterlingsraupen eine wichtige Futterpflanze“, sagt NABU-Insektenexpertin Daniela Franzisi. „Mehr als dreißig heimische Falterarten leben von ihr.“ Welche das sind, kann jetzt jeder und jede mit der Aktion „Raupen an Brennnesseln“ von NABU und NABU|naturgucker entdecken, die heute startet.
„Besonders die Raupen von Admiral, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Landkärtchen, C-Falter und Nesselzünsler lieben Brennnesseln“, so Franzisi. „Wie sich die Bestände bereits bei den Raupen dieser Falter entwickeln, wird bisher nicht erfasst. Wir freuen uns darum, wenn viele Menschen bei der Meldeaktion mitmachen. Ein regelmäßiges und flächendeckendes Monitoring könnte die Daten liefern, um Veränderungen der Biodiversität in Deutschland zu erkennen und entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.“ Das wäre nicht nur für die Falter selbst wichtig: Schmetterlinge gelten als Bioindikatoren, die frühzeitig auf Veränderungen der Umwelt- und Lebensbedingungen hinweisen können.
Wie bei vielen anderen Insektenarten auch, gehen die Schmetterlingsbestände seit Jahren zurück. „Selbst häufige Arten nehmen regional ab. Da viele auf die Brennnessel angewiesen sind, wäre es wichtig, der unbeliebten Pflanze einen Platz in seinem Garten zu überlassen“, so Franzisi. „Die Belohnung dafür ist bunter Schmetterlingsbesuch.“
Für einige dieser Arten sind Brennnesseln sogar die einzige Nahrungspflanze, auf der die Weibchen ihre Eier ablegen und die Raupen sich entwickeln können. Für einige Arten, wie dem Admiral, ist die Brennnessel sogar ein kompletter Lebensraum. Eier, Raupe, Puppe und der Schlupf des fertigen Falters finden nur an der Brennnessel statt. Die Beziehung zwischen Raupen und Brennnesseln als Nahrung zeigt im Detail wie komplex und sensibel unsere Natur ist. Die Raupen nutzen die Brennnesseln als Nahrung und Schutzraum vor Fressfeinden. Einige Raupenarten haben sich so angepasst, dass sie die Abwehrstoffe entgiften können. Dadurch können sie die Blätter unbeschadet fressen. Die späteren Falter sind für viele weitere Blühpflanzen wichtige Bestäuber.
Und so geht das Mitmachen: Wer draußen unterwegs oder im Garten ist, sollte sich Brennnesseln ganz genau anschauen. Im Sommer können die Pflanzen zum Raupen-Hotspot werden. Wer eine Raupe findet, sollte sie fotografieren. Welche ist es und welcher Falter wird es einmal? Mit dem www.insektentrainer.de kann man das im Zweifelsfall herausfinden. Dann die Art mit Foto bis zum 8. Juli melden.
Raupen melden: www.NABU.de/raupen-melden

10.06.2026, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
Manakins: Die evolutionären Ursprünge ihrer beeindruckenden Tänze
• Früchte, dann Tanzschritte: Die Balztänze der Manakins – eine äußerst charismatische Vogelgruppe – sind auf tiefgreifende Veränderungen in der Abstammungsgeschichte zurückzuführen und hängen vielleicht mit ihrer fruchtreichen Ernährung zusammen
• Gleiche Antwort, unterschiedliche Wege: Manakins haben – wie Kolibris, Singvögel und Spechte – den süßen Geschmackssinn im Laufe der Evolution wiedererlangt, indem sie den Rezeptor für Herzhaftes umfunktionierten
• Genomgestützte Forschung: Manakins gehören zu den am intensivsten erforschten Vogelgruppen: Mit dem hier gewonnenen Genom-Set können nun die genetischen Grundlagen ihrer einzigartigen Verhaltensweisen und Physiologien erforscht werden
Nur wenige Tiere setzen sich so in Szene wie die Manakins. In den Regenwäldern Mittel- und Südamerikas versammeln sich die Männchen dieser kleinen tropischen Vögel mit ihrem auffallend bunten Gefieder oft an gemeinsamen Balzplätzen, sogenannten Leks. Dort räumen sie ihre Tanzflächen frei und verbringen den Großteil ihres Lebens damit rasante Rückwärtssaltos zu vollführen, rhythmisch mit den Flügeln zu schlagen und gemeinsam mit anderen Männchen choreografierte Tänze aufzuführen – alles, um eine Partnerin anzulocken. Hinter diesen scheinbar mühelosen Darbietungen steckt weit mehr, als man auf den ersten Blick erahnen mag: jahrelanges Training, Weibchen, die die Brut alleine großziehen, und, wie sich herausstellt, eine Ernährungsumstellung, die bereits bei ihren entfernten Vorfahren begann.
Es wird davon ausgegangen, dass der unerbittliche Wettbewerb um Partnerinnen über Millionen von Jahren hinweg das Gefieder und die Tänze der Manakins zu immer größeren Extremen getrieben hat. Die evolutionäre Kraft dahinter ist die sexuelle Selektion, welche auch für extravagante Merkmale wie den Pfauenschwanz und das Hirschgeweih verantwortlich ist. In der Regel wird nur eine kleine Anzahl der attraktivsten Männchen als Partner ausgewählt. Durch diese intensive Selektion seitens der Weibchen werden die bevorzugten Merkmale über Generationen hinweg noch weiter verstärkt.
Bei Manakins könnte auch die Ernährung eine Rolle bei der Entwicklung ihrer beeindruckenden Darbietungen spielen. Eine neue Studie in Current Biology hat nun einen Zusammenhang zwischen der Ernährung der Vögel und Veränderungen im Balzverhalten aufgedeckt. Geleitet wurde die Arbeit von Chris Balakrishnan (East Carolina University), Yasuka Toda (Institute of Science Tokyo und Meiji University) und Maude Baldwin (Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz) in Zusammenarbeit mit einem internationalen Team von fast sechzig Forschenden. Sie sequenzierten die Genome von Manakins, die sich auf Leks paaren, und detektierten genetische Fingerabdrücke, die sowohl auf eine starke sexuelle Selektion sowie auf Veränderungen im Geschmack und in der Verdauung hindeuten. Durch die Rekonstruktion von Ernährungsgewohnheiten sowie genomweite Untersuchungen und Laborexperimente untersuchten sie die zeitliche Reihenfolge dieser Veränderungen in der Evolutionsgeschichte der Vögel.
„Die Stärke der sexuellen Selektion variiert speziesübergreifend enorm, manchmal sogar zwischen nah verwandten Arten, und wir verstehen noch immer nicht ganz, warum“, sagt Christopher Balakrishnan, der die Genomanalyse leitete. „Wir wollten untersuchen, wie Manakins solch spektakuläre Balzrituale entwickelten – im Gegensatz zu ihren nahen Verwandten, die sich hauptsächlich von Insekten ernähren. Unser Hauptaugenmerk war zunächst nicht die Ernährung. Wir interessierten uns eher für die auffallenden Merkmale: die Muskeln, das Gefieder, die Tänze. Doch als wir das Erbgut der Manakins mit denen anderer Vögel verglichen, stachen die Gene für den Geschmackssinn und die Verdauung von Früchten hervor. Diese Veränderungen gehen weit zurück im Stammbaum der Vögel, lange bevor die aufwendigen Balzrituale und Verhaltensweisen zur Fortpflanzung entstanden sind.“
Zuerst Ernährungsumstellung, dann spektakuläre Balztänze
Männliche Manakins sind nicht nur Selbstdarsteller, sondern auch außergewöhnliche Athleten: Bei einigen Arten gehören die Flügelmuskeln zu den sich am schnellsten kontrahierenden in der Natur. Der Puls eines balzenden Männchens kann innerhalb von Sekunden von der Ruhephase fast bis ans Maximum ansteigen. Außerdem verbringen Männchen fast das ganze Jahr bis zu neunzig Prozent am Tag mit ihren Vorführungen. Das verbraucht viel Energie, und Manakins beziehen diese zum Großteil aus ihrer fruchtbasierten Ernährung. Doch das Fressen von Früchten ist für einen Vogel nicht ganz unkompliziert: Viele Pflanzen schützen ihre unreifen Früchte mit giftigen Bestandteilen, die schwer zur verdauen sind. Zudem können viele Vögel Süßes gar nicht schmecken, da sie den dafür notwendigen Rezeptor schon früh in ihrer Evolutionsgeschichte verloren haben.
Bemerkenswerterweise haben einige Vogelarten durch unabhängige evolutionäre Innovationen einen Weg gefunden, diese Probleme zu lösen. Frühere Studien unter der Leitung von Maude Baldwin und Yasuka Toda haben gezeigt, dass Kolibris, Singvögel und Spechte den Geschmacksinn für Süßes zurückerlangt haben. Dabei führten zufällige Veränderungen des Rezeptors für herzhaften Geschmack dazu, dass dieser auf Zucker reagiert. Die neue Studie fügt dieser Auflistung nun Manakins hinzu, was durch Tests an im Labor gezüchteten Zellen bestätigt wurde.
„Manakins haben den Geschmackssinn für Süßes neu entwickelt – und das auf ihre eigene Art und Weise, indem sie einen anderen Teil des Rezeptors veränderten als Singvögel“, sagt Yasuka Toda, die die Laborarbeit an den Geschmacksrezeptoren der Vögel leitete. „Die Evolution kam auf unterschiedlichen Wegen zur selben Antwort. Der Geschmack ist dabei Teil eines größeren Ganzen: Früchte in tropischen Wäldern sind auffällig und das ganze Jahr über reichlich vorhanden. Sie liefern wahrscheinlich die Energie, die die Weibchen benötigen, um die Jungen alleine aufzuziehen, und für Männchen, um ihre unglaublichen Balzrituale aufzuführen.“
Eine zweite entscheidende Veränderung betraf die Verdauung: Das Enzym Laktase, das bei Säugetieren Milchzucker abbaut, hat bei den Manakins einen Großteil seiner Aktivität verloren. Wenn Laktase aktiv ist, baut sie auch bestimmte Pflanzenstoffe ab, die in unreifen Früchten vorkommen. Dabei werden Abbauprodukte freigesetzt, die die Zuckeraufnahme blockieren. Dank der verminderten Laktaseaktivität können die Manakins diese Pflanzenstoffe möglicherweise unprozessiert ausscheiden und so mehr Energie aus den Früchten gewinnen. Die Veränderung lässt sich bis zu dem Zeitpunkt zurückverfolgen, als sich die Abstammungslinie der Manakins erstmals Früchten zuwandte. Die Einordnung dieser Veränderungen in einen Stammbaum von mehr als 1.300 verwandten Vogelarten ergab eine klare Reihenfolge: Tief in der Abstammungslinie der Manakins ereigneten sich zuerst die Ernährungsumstellungen – das ausgefeilte Paarungssystem und die Balzrituale folgten viel später.
„Als wir das Signal bei der Laktase zum ersten Mal sahen, war unsere Reaktion: Warum Laktase bei einem Vogel? Sie trinken doch keine Milch“, sagt Meng-Ching Ko vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, die die Analyse der Verdauung leitete. „Aber dieser Verlust an Enzymaktivität könnte den Manakins helfen, mit den Giftstoffen in unreifen Früchten umzugehen. Es klingt kontraintuitiv, da ein Funktionsverlust nicht unbedingt wie ein Vorteil erscheint. Für die Manakins verwandelt sich das, was wie eine Einschränkung in der Verdauung aussieht, allerdings in eine Chance. Das Wissen, in welcher Abfolge diese Veränderungen passiert sind, wirft weitere Fragen auf: Wie wirken sich Veränderungen in der Verdauung und der Enzymfunktion auf andere Aspekte der Lebensgeschichte aus? Etwas so Einfaches wie eine Ernährungsumstellung kann die gesamte Biologie eines Tieres neu formen – und führt bei Manakins zu den spektakulärsten Balztänzen im Wald.“
Manakins sind faszinierend und ziehen seit langem das Interesse einer breiten Forschungsgemeinschaft auf der ganzen Welt auf sich. Sie waren Gegenstand vielfältiger Studien zu Biomechanik und Hormonen sowie jahrzehntelanger Feldstudien, die ihre Verhaltensökologie und sexuelle Selektion untersuchten. Diese Forschungsarbeit ist Teil einer Reihe von Studien, die aus einem Förderungsprojekt des US-amerikanischen National Science Foundation Research Coordination Network hervorgegangen sind. Ziel war es, Forschende, die sich mit dem Verhalten, der Ökologie und der Physiologie von Manakins beschäftigen, mit Genombiolog*innen zusammenzubringen. Drei weitere Studien, die kürzlich in PNAS, Molecular Ecology und Science Advances veröffentlicht wurden, untersuchten verschiedene Facetten der Biologie der Manakins. Darunter sind Gefiedermerkmale, Gehirnregionen, die am Sozialverhalten beteiligt sind, und Gene, die in den einzigartigen „superschnellen“ Muskeln exprimiert werden. Weitere Erkenntnisse über diese ungewöhnlichen Vögel dürften bald folgen.
Originalpublikation:
Christopher N. Balakrishnan#, Yasuka Toda#, Meng-Ching Ko#, Morgan E. Wirthlin#, Robert J. Driver#, Peri E. Bolton#, Eliot T. Miller#, Daniel Mendez-Aranda#, Rebecca B. Dikow, Paul B. Frandsen, Elsie H. Shogren, Kevin F. P. Bennett, H. Luke Anderson, Madeline G. Bursell, Julia F. Cramer, Keren R. Sadanandan, Tomoya Nakagita, Marco A. Pizo, Daniel S. Caetano, Marina Anciaes, Carolina F. Ferreira, Jacob S. Berv, Kira M. Long, Haw Chaun Lim, Andre E. Moncrieff, Sarah E. Kingston, Noor D. White Carreiro, Samantha R. Friedrich, Camilo Alfonso Cuta, James B. Pease, Alexander A. Nevue, Chad Tomlinson, Aleksey Zimin, Matthew I. M. Louder, Michael S. Brewer, Rachel A. Bay, Kristin Ruegg, Thomas B. Smith, Yoshiro Ishimaru, Andreas R. Pfennig, Carolina Frankl-Vilches, Manfred Gahr, Claudio V. Mello, Rebecca T. Kimball, Edward L. Braun, John G. Blake, Lainy B. Day, T. Brandt Ryder, Ignacio T. Moore, Brent M. Horton, Barney A. Schlinger, Matthew J. Fuxjager, Wesley C. Warren, Emily H. DuVal, W. Alice Boyle, Bette A. Loiselle, Michael J. Braun, Maude W. Baldwin
# these authors contributed equally
Genomic and physiological changes in a sexually selected and frugivorous bird radiation
Current Biology, online June 10, 2026
DOI: 10.1016/j.cub.2026.05.021

10.06.2026, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Radardaten können Vögel vor Windrädern schützen
Windräder liefern klimafreundlichen Strom, können aber Zugvögel gefährden. Eine von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL geleitete Studie zeigt nun, dass sich mit Hilfe von Wetterradar-Daten das Risiko für Kollisionen mit nur geringen Einbussen bei der Stromproduktion mindern liesse: Durch gezielte Abschaltungen, wenn besonders viele Vögel unterwegs sind.
* Forschende der WSL nutzten Wetterradare, um Vogelzüge in Echtzeit zu erfassen und Risiken für Kollisionen mit Windrädern abzuschätzen.
* Gezielte Abschaltungen während viele Vögel unterwegs sind, könnten viele Zusammenstösse verhindern.
* Dabei ginge nur wenig Stromproduktion verloren.
Wie viele Vögel kollidieren mit Windrädern? Auf dem Festland der USA sind es jährlich geschätzt 140’000 bis 330’000, für Europa fehlen jedoch Schätzungen, insbesondere für Zugvögel während ihrer nächtlichen Wanderungen. Es gibt bereits Massnahmen, etwa Turbinen während starker Zugbewegungen abzuschalten – in einer einzigen Herbstnacht können in Europa schätzungsweise 188 Millionen Vögel gleichzeitig unterwegs sein. Am Gotthardpass – einem Zugkorridor, den jährlich 1,7 Millionen Zugvögel nutzen – schalten sich die Turbinen ab, wenn ein lokaler Vogelradar viele Vögel registriert. Dadurch lassen sich potenzielle Kollisionen reduzieren. Doch in Europa sollen in den nächsten Jahren rund 25’000 neue Windturbinen gebaut werden, um die Emissionsziele zu erreichen. Auch wenn die Zahl der jährlich getöteten Vögel unbekannt ist, wird die Gefährdung von Zugvögeln weiter zunehmen, und die gehen weltweit bereits stark zurück. Das erfordert automatisierte und skalierbare Überwachungsmethoden, die auf deutlich grossräumiger funktionieren.
Vögel statt Wetter beobachten
Um diese Herausforderungen anzugehen, nutzt das Team um Biodiversitätsforscherin Silke Bauer von der WSL Daten von Wetterradaren, die über den Kontinent verteilt sind und normalerweise Niederschlags- und Wolkenintensität in der Atmosphäre messen. Diese Radarsysteme erfassen jedoch auch die Bewegungen von Vogelschwärmen – und decken dabei wesentlich grössere Flächen ab als spezialisierte Vogelradare. Zudem liegen Wetterradar-Daten in hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung vor, mit Messungen etwa alle 15 Minuten.
In der aktuellen, in Nature Sustainability veröffentlichten Studie, wertete das Forschungsteam Wetterradar-Daten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande und Luxemburg aus. Dort befinden sich rund 42’000 Windturbinen, die im Untersuchungsjahr 2018 circa 718 Petajoule Energie erzeugten – das entspricht etwa der Jahresproduktion von 18 Kernkraftwerken. Mithilfe der Daten von 37 Wetterradaren und aufwendigen statistischen Analysen schätzten die Forschenden die Anzahl Vögel ab, die 2018 potenziell mit den Rotorblättern hätten kollidieren können. Im Durchschnitt galten fast 800 Vögel pro Turbine als gefährdet.
Nur geringe Einbussen bei der Stromproduktion
Anschliessend modellierten die Forschenden verschiedene Abschaltszenarien durch, mit denen entweder 50 oder 90 Prozent der potenziellen Kollisionen vermieden werden sollten. In einem Szenario wurden die Turbinen im Zeitraum des stärksten Vogelzugs abgeschaltet. Im zweiten Szenario stoppten die Anlagen immer dann, wenn die Vogeldichte in der Umgebung einen bestimmten Schwellenwert überschritt. Im dritten Fall schalteten die Turbinen ab, wenn die Zahl potenzieller Kollisionen pro erzeugbare Kilowattstunde Strom einen definierten Grenzwert überschritt.
Die beiden ersten Szenarien sind für Betreiber weniger attraktiv, denn sie reduzieren die Stromproduktion je nach Zielsetzung beim Vogelschutz um zwei bis 20 Prozent. Im dritten Szenario jedoch verlören die Betreiber lediglich 1,2 respektive 7,6 Prozent Strom – erstaunlich wenig angesichts der recht groben Annahmen der Studie. «Überraschend effiziente Kompromisse sind möglich, bei denen nur wenig Energieproduktion verloren geht», stellt Bauer fest. Sie möchte nun die Berechnungen auf ganz Europa und auf längere Zeiträume ausweiten.
Der halbjährliche Vogelzug ist ein wichtiger Teil der biologischen Vielfalt. Da der Grossteil der Migration in einem relativ engen Zeitfenster stattfinden und die Spitzen dieser Bewegungen auf relativ kurze Phasen konzentriert sind, könnten zeitlich begrenzte und somit kostengünstige Beschränkung der Windkraftproduktion ausreichen. Zu erreichen ist dies laut der Forschenden am ehesten über länderübergreifende Regelungen und Koordination – sowohl zum Schutz der Zugvögel als auch um die Klimaziele zu erreichen.
«Viele Menschen lehnen Windturbinen ab, weil sie glauben, dass diese eine enorme Menge an Vögeln töten», sagt Bauer. «Ich möchte nachhaltige Energieproduktion und Vogelschutz vereinbaren und aufzeigen, dass es Strategien gibt, um die Zahl gefährdeter Vögel zu reduzieren.»
Originalpublikation:
Bauer, S., Nussbaumer, R., Tito, D. a. R., Shamoun-Baranes, J., & Farnsworth, A. (2026). Bird migration and wind-energy production across Western Europe. Nature Sustainability. https://doi.org/10.1038/s41893-026-01853-4

11.06.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Diversität im Wald: Mehr Arten durch Totholz und Lücken
Unordnung bringt mehr Leben in den Wald: Darauf reagieren Vögel und Fledermäuse unterschiedlich. Das zeigt eine neue Studie aus dem Biozentrum der Uni Würzburg, veröffentlicht in Current Biology.
Über Jahrhunderte wurden die Wälder in Europa für die Holzproduktion optimiert. Das Ergebnis sind oft sehr ordentliche, gleichförmige Bestände, in denen alte, morsche Bäume oder natürliche Lichtungen fehlen.
Diese Monotonie kann für die Artenvielfalt zum Problem werden. Eine Forschungsgruppe aus dem Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat nun gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Marburg und München sowie des Nationalparks Bayerischer Wald im Projekt BETA FOR untersucht, wie sich gezielte Eingriffe zur Wiederherstellung einer abwechslungsreicheren Waldstruktur auf die Vielfalt an Fledermäusen und Vögeln auswirken.
Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht. Das Team des Waldökologen Professor Jörg Müller zeigt: Wenn der Mensch im Wald Lücken im Blätterdach schafft und Totholz liegen lässt, steigert das den Reichtum beider Artengruppen auf Ebene der Waldlandschaft. Dabei reagieren Vögel und Fledermäuse aber unterschiedlich auf die Veränderungen in ihrem Lebensraum.
Vögel als Heimwerker, Fledermäuse als Pendler
Vögel verhalten sich wie Heimwerker: Sie besetzen feste Reviere, wenn sie dort alles finden, was sie brauchen – vom Nistplatz bis zum Futter. Sie profitieren davon, wenn ihr angestammtes Waldstück mit Totholz und Lücken möglichst komplex strukturiert ist.
Fledermäuse dagegen sind wie Pendler: In einer Nacht legen sie weite Strecken zurück und besuchen dabei verschiedene „Spezialgeschäfte“. Mal jagen sie Insekten in einer dunklen, dichten Ecke des Waldes, mal nutzen sie helle Lücken als Einflugschneisen. Für sie ist es wichtig, dass sich die einzelnen Waldabschnitte räumlich voneinander unterscheiden.
Welche Arten neu auftauchten
Die Würzburger Studie zeigt, wie die Vielfalt durch Kronendachlücken und Totholz zunimmt. Bei den Fledermäusen kamen in unordentlicheren Wäldern im Schnitt zwei Arten neu dazu. „Das klingt wenig, ist aber dennoch viel, weil es in Deutschland insgesamt nur 25 Fledermausarten gibt“, sagt Doktorandin Clara Wild, die Erstautorin der Studie.
Die strukturreicheren Wälder zogen zum Beispiel Arten an wie die Nordfledermaus oder die Zweifarbfledermaus. Beide bevorzugen sonst offenes Gelände und sind in dichten, gleichförmigen Wäldern eher selten.
Die Vögel profitierten besonders stark von lokalen Eingriffen, wie künstlich geschaffenen Waldlücken mit Totholz. Bei ihnen stieg vor allem die sogenannte funktionelle Vielfalt – das heißt, es kamen Arten mit sehr eigenen Lebensweisen dazu – etwa Totholzspezialisten wie verschiedene gefährdete Spechtarten.
Das Experiment: 234 Waldflächen in sechs Regionen
Die Forschenden führten die Studie in sechs Regionen in Deutschland durch: bei Lübeck, im Saarland, im Forst der Universität Würzburg, bei Passau, im Nationalpark Hunsrück-Hochwald und im Nationalpark Bayerischer Wald.
Insgesamt untersuchten sie 234 exakt definierte Waldflächen von 50 mal 50 Metern. Dort manipulierten sie gezielt den Wald für diversere Strukturen: Auf einigen Flächen sorgten sie für Lücken im Blätterdach, auf anderen platzierten sie Totholz wie Baumstümpfe oder liegende Stämme. Wie sich daraufhin die Artenvielfalt änderte, untersuchten sie in den vier bis sieben Jahren danach.
Akustische Überwachung der Rufe und Gesänge
Um herauszufinden, welche Tiere in den Waldstücken leben, nutzten die Forschenden ein akustisches Monitoring. Zu Zeiten, zu denen die Tiere am aktivsten sind, nahmen Rekorder die Rufe oder Gesänge auf. Die unsichtbaren Spione überwachten den Wald über drei Monate hinweg, ohne dass die Tiere durch die Anwesenheit von Menschen gestört wurden. Auf diese Weise identifizierte das Forschungsteam insgesamt 17 Fledermaus- und 72 Vogelarten.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir auch in monotonen artenarmen Wäldern die Artenvielfalt fördern können “, erklärt Clara Wild. „Durch kleine Eingriffe, die die Strukturvielfalt erhöhen, können wir wertvolle Nischen schaffen. Das macht den Wald vielfältiger und zieht Schädlingsbekämpfer wie Vögel und Fledermäuse gleichermaßen an.“
Forstwirtschaft sollte Mut zur Lücke zeigen
Die neuen Erkenntnisse sind eine weitere Orientierungshilfe für die Forstwirtschaft. „Ein strukturreicher Wald ist durch seine Vielfalt viel widerstandsfähiger gegen den Klimawandel“, sagt Jörg Müller. Für Forstbetriebe bedeute das: Mut zur Lücke: „Totholz im Wald zu lassen, kostet kurzfristig zwar etwas Holzertrag, sichert aber langfristig die Stabilität des gesamten Ökosystems.“
Originalpublikation:
Restoring structural complexity in temperate forests increases bat and bird diversity. Current Biology, 20. Mai 2026, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.04.058

11.06.2026, Universität Greifswald
Wenn Fledermäuse Geschichten erzählen: Greifswalder Forschung macht den Wandel heimischer Artenvielfalt sichtbar
Tief in alten Kellern, Bunkern und Höhlen beginnt vielerorts Jahr für Jahr dieselbe stille Routine: Ehrenamtliche Naturschützer*innen zählen überwinternde Fledermäuse, notieren Bestände und dokumentieren Veränderungen. Lange blieben diese wertvollen Daten auf verschiedene Archive und Datenbanken verteilt. Mit „BATLAS“, einer an der Universität Greifswald entwickelten Plattform für Fledermausmonitoring, entsteht daraus erstmals ein deutschlandweites Bild der Bestandsentwicklung heimischer Fledermäuse.
Drei aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, wie das Zusammenspiel von ehrenamtlichem Engagement, innovativen Analysemethoden und digitaler Vernetzung neue Möglichkeiten für den Schutz der biologischen Vielfalt eröffnet.
Im Mittelpunkt des Bundesweiten digitalen Atlas zur Analyse von Fledermaus-Populationsdaten (BATLAS) https://batlas.info/ steht die Zusammenführung und Analyse bundesweiter Daten. Das an der Universität Greifswald konzipierte Tool wird heute in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Behörden, Ehrenamtlichen und der Kompetenzstelle für Fledermausschutz Sachsen-Anhalt weiterentwickelt. Aktuell enthält die Plattform rund 150 000 Datensätze von Winterquartierzählungen aus dem gesamten Bundesgebiet und liefert erstmals deutschlandweite Populationstrends für 16 heimische Fledermausarten. Damit schafft BATLAS eine Grundlage, um die Entwicklung heimischer Fledermauspopulationen deutschlandweit zu verfolgen und Bestandsveränderungen einzelner Arten verlässlich zu bewerten.
Die Auswertungen zeigen ein differenziertes Bild: Während sich einige Arten – etwa die Kleine Hufeisennase – positiv entwickeln, verzeichnen andere wie das Graue Langohr weiterhin Bestandsrückgänge. Die Ergebnisse liefern damit wichtige Hinweise für den Naturschutz und helfen dabei, Schutzmaßnahmen gezielter zu planen und ihre Wirksamkeit zu bewerten. „BATLAS zeigt, was möglich wird, wenn Menschen ihre Daten teilen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten“, sagt Dr. Marcus Fritze, der die Plattform gemeinsam mit Dr. Saskia Schirmer, Stefan Mayr und weiteren Forschenden an der Universität Greifswald entwickelt hat. „Viele Fledermausdaten wurden über Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich erhoben, lagen jedoch in unterschiedlichen Datenbanken, Tabellen und Archiven verteilt. BATLAS schafft daraus erstmals ein gemeinsames, analysierbares System“, ergänzt Schirmer.
Drei veröffentlichte Studien – ein gemeinsames Ziel
Die drei Studien betrachten das Projekt aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Ecological Indicators https://www.sciencedirect.com/journal/ecological-indicators stellt neue statistische Verfahren vor, mit denen sich auch aus lückenhaften Monitoringdaten belastbare Populationstrends ableiten lassen. Eine zweite Studie in Ecological Informatics https://www.sciencedirect.com/journal/ecological-informatics beschreibt BATLAS als digitale Plattform zur Zusammenführung, Standardisierung und Auswertung bundesweiter Fledermausdaten. Die dritte Veröffentlichung in Natur und Landschaft https://www.natur-und-landschaft.de/ rückt die Menschen hinter den Daten in den Mittelpunkt und zeigt, wie entscheidend das langjährige Engagement von Ehrenamtlichen für den Fledermausschutz ist. Gemeinsam schaffen die drei Arbeiten wichtige Grundlagen für die Naturschutzplanung, die Bewertung von Schutzmaßnahmen sowie die Berichterstattung zum Zustand geschützter Arten.
Die Grundlage von BATLAS bilden derzeit Winterquartierzählungen, die vielerorts seit Jahrzehnten mit hohem persönlichem Einsatz – meist durch Ehrenamtliche, Arbeitsgemeinschaften, Naturschutzverbände oder lokale Fachgruppen – durchgeführt werden. „Ohne dieses Engagement gäbe es BATLAS nicht“, betont Prof. Dr. Gerald Kerth, Leiter der Arbeitsgruppe Angewandte Zoologie und Naturschutz an der Universität Greifswald. „Die Plattform lebt vom Vertrauen, vom persönlichen Austausch und vom gemeinsamen Interesse am Schutz der Fledermäuse.“
Ehrenamt als Fundament des Fledermausschutzes
Die drei Studien zeigen, dass wirksamer Naturschutz auf langfristigen Daten und langfristigem Engagement beruht. Die Ergebnisse liefern wichtige Grundlagen für die Naturschutzplanung, die Berichterstattung Deutschlands zum Zustand geschützter Arten im Rahmen der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH Richtlinie) sowie für Rote-Liste-Bewertungen. Zugleich zeigen sie, wie wertvoll langfristige Bürgerforschung für den Schutz der biologischen Vielfalt ist. BATLAS macht deutlich, wie ehrenamtlich erhobene Daten durch moderne Analyseverfahren und digitale Werkzeuge zu einer belastbaren Grundlage für Forschung, Naturschutz und politische Entscheidungen werden können.
Die Forschenden sehen in BATLAS zugleich ein Modell für den zukünftigen Umgang mit Biodiversitätsdaten. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie Citizen Science, moderne Forschung und digitale Infrastruktur zusammenwirken können, um verlässliche Grundlagen für den Schutz der biologischen Vielfalt zu schaffen.
Weitere Informationen
BATLAS: Portal für Fledermauspopulationstrends https://batlas.info/
Publikationen
Schirmer, S., Fritze, M. & Scheuerlein, A., (2026): How to estimate overall population trends when sites show varying population counts over time? Ecological indicators 183, 114588. https://doi.org/10.1016/j.ecolind.2025.114588
Fritze, M., Mayr, S., Scheuerlein, A., Kerth, G., Schirmer, S. (2026): BATLAS: A scalable citizen science platform for integrating biodiversity monitoring data with automatic population trend analysis. Ecological Informatics, 103817. https://doi.org/10.1016/j.ecoinf.2026.103817
Fritze, M., Mayr, S., Scheuerlein, A., Kerth, G., Balzer, S., Neukirchen, M., Petermann, R., Bauer, J., Berg, J., Giese, G., Harbusch, C., Harder, J., Hoffmeister, U., Horn, J., Koch, R., Maetz, G., Meschede, A., Petzold, A., Pfalzer, G., Prüger, J., Rackow, W., Ripperger, S., Röse, N., Roßner, M., Roßner, S., Sauerbier, W., Schorcht, W., Schritt, K., Teubner, Ja., Teubner, Je., Thiele, K., Vollmer, A., Wielert, S., Zaenker, S., Zöphel, U., Schirmer, S. (2026): BATLAS: Bundesweiter digitaler Atlas zur Analyse von Fledermaus-Populationsdaten. Natur und Landschaft101 (1), S. 2-13. https://doi.org/10.19217/NuL2026-01-01

12.06.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Faszinierender Frosch- und Krötenregen: Tausende Miniaturamphibien gehen jetzt an Land
Mancherorts sieht es aus, als seien die Winzlinge vom Himmel gefallen: Im Juni verlassen tausende klitzekleine Jungfrösche und Kröten plötzlich wie auf ein unsichtbares Kommando hin ihre Geburtsgewässer. Nur zehn Millimeter klein, sehen sie aus wie Miniaturausgaben erwachsener Tiere. Denn ihre Metamorphose haben sie in den zwei bis vier Monaten Entwicklungszeit im Wasser abgeschlossen. Aus dem Laich – bei Kröten in Schnüren, bei Fröschen in Klumpen abgelegt – bildeten sich zuerst die Kaulquappen. Dann wuchsen Hinter- und Vorderbeine und die Kiemen wichen einer Lunge. Sobald dann der Schwanz vollständig zurückgebildet ist, krabbeln die fertigen Amphibien an Land. „Das geschieht immer nahezu zeitgleich“, sagt Kathrin Mayer, Biologin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Weil dann in einigen Regionen urplötzlich Tausende Miniaturamphibien auf dem Boden herumwuseln, spricht man im Volksmund auch vom Frosch- oder Krötenregen.“
Alle Amphibien sind auf feuchte Haut angewiesen – sie regulieren darüber ihren Wasserhaushalt und nehmen Sauerstoff auf. „Oft wird ihnen Trockenheit zum Verhängnis“, sagt Mayer: „Sie sterben durch den Wasserverlust über die Haut, noch bevor ein Sauerstoffmangel entsteht.“ Der Klimawandel mit zunehmend langen Trockenphasen und der damit einhergehende Lebensraumverlust setzen den feuchtigkeitsliebenden Tieren deshalb zunehmend zu – etwa die Hälfte aller 21 heimischen Amphibienarten wird auf der Roten Liste bereits als „gefährdet“ geführt. Lebensgefährlich wird es für die jungen Kröten und Frösche auch, wenn Menschen sie übersehen: Sie sind so klein, dass Rollerfahrer, Radfahrer und sogar Fußgänger sie oft unbemerkt zerquetschen.
Am wohlsten fühlt sich der Nachwuchs an schattigen und dunklen Orten. Totholz-, Laub- und Reisighaufen, alte Backsteinmauern mit Lücken und Hohlräume unter Baumwurzeln bieten Schutz vor Menschen und Fressfeinden wie Igeln, Mardern und Vögeln. Nachts gehen die kleinen Amphibien auf Beutezug. Auf dem Speiseplan stehen Insekteneier, Springschwänze, Blattläuse, kleine Spinnen und Milben. „Es ist wichtig, im Garten keine Chemie zu verwenden – die Gifte töten diese Beutetiere und damit die Nahrung für die Amphibien“, sagt Mayer.
Zwei bis fünf Jahre verbringen die jungen Amphibien jetzt an Land, bevor sie geschlechtsreif werden. Dann wandern sie zu dem Gewässer zurück, in dem sie selbst geschlüpft sind. Dort legen die Weibchen ihren Laich ab, der von den Männchen befruchtet wird – und wenn alles gut geht, beginnt der Kreislauf eines Amphibienlebens von Neuem.

16.06.2026, Veterinärmedizinische Universität Wien
Sensitivität gegenüber dauerhafter Nicht-Funktionalität bei Goffinkakadus
Für Menschen ist der Tod von Kultur, Emotion, Ritual und Sprache umgeben. Die Frage lässt sich jedoch auch viel grundlegender formulieren: Was müsste ein Tier verstehen, um zu erkennen, dass jemand gestorben ist?
Möglicherweise muss man nicht mit dem Tod in all seiner Komplexität beginnen. In seiner elementarsten Form könnte das Erkennen des Todes mit etwas Einfacherem anfangen: mit der Fähigkeit zu begreifen, dass ein Lebewesen, von dem erwartet wurde, dass es handelt, sich bewegt, reagiert oder sich auf bestimmte Weise verhält, diese Funktionen verloren hat — und dass sie nicht einfach zurückkehren.
Dieser Gedanke steht im Zentrum des Minimalbegriffs des Todes, eines philosophischen Vorschlags aus der vergleichenden Thanatologie. Dieses Forschungsfeld untersucht, wie Menschen und andere Tiere den Tod wahrnehmen und auf ihn reagieren. Nach dieser Auffassung erfordert ein Verständnis des Todes nicht zwingend eine menschenähnliche Vorstellung von Sterblichkeit, eine abstrakte Theorie des Lebens, Rituale, Sprache oder Trauer. In seiner einfachsten Form könnte es darauf beruhen, den anhaltenden Verlust erwarteter Funktionen zu erkennen.
Wenn etwas aufhört zu funktionieren
Eine neue Studie mit Goffin-Kakadus nähert sich dieser übergeordneten Frage über eine experimentell gut prüfbare Komponente dieses Minimalbegriffs: ob die Vögel lernen können, dass etwas, das zuvor zu einer Belohnung geführt hatte, in einem bestimmten Kontext nicht mehr funktioniert — und ihr Verhalten daraufhin flexibel anpassen.
Die Studie wurde von Forschenden am Messerli-Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführt. Sie entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen der Philosophin Susana Monsó, Autorin von Playing Possum: How Animals Understand Death (Princeton University Press, 2024), und den Kognitionsforschenden Antonio J. Osuna-Mascaró und Alice Auersperg, die Problemlösen und technische Kognition bei Goffin-Kakadus untersuchen.
„Den Tod zu verstehen, klingt nach einer Alles-oder-nichts-Frage, doch man kann sie in einfachere Komponenten zerlegen“, sagt Monsó. „Eine davon ist die Fähigkeit zu erkennen, dass eine erwartete Funktion nicht mehr vorhanden ist — und dass dieser Verlust nicht nur vorübergehend ist. Diese Studie ermöglichte es uns, diese Komponente unter kontrollierten Bedingungen zu testen.“
Goffin-Kakadus sind für diese Fragestellung besonders interessant. Sie sind hochinnovative Papageien, die dafür bekannt sind, komplexe physikalische Probleme zu lösen, Werkzeuge herzustellen, Werkzeugsets zu transportieren und Werkzeuge zu verwerfen, wenn sie in einem bestimmten Kontext nicht mehr funktional sind. In der neuen Studie untersuchten die Forschenden, ob die Vögel auch in einem abstrakteren, nicht werkzeugbezogenen Kontext etwas über länger anhaltenden Funktionsverlust lernen können.
Dazu entwickelte das Team eine Touchscreen-Aufgabe. Die Kakadus lernten zunächst eine einfache Regel: Wenn sie einen runden Button auf dem Bildschirm berührten, erhielten sie eine kleine Futterbelohnung. Außerdem konnten sie einen Pfeil antippen, um zur nächsten Versuchsrunde zu wechseln.
Anschließend führten die Forschenden eine Komplikation ein. Manchmal erzeugte der Bildschirm ein sehr auffälliges Blinken, wenn die Vögel den runden Button berührten. Von diesem Moment an funktionierte der Button nicht mehr — allerdings nur, wenn er vor genau diesem Hintergrund erschien. Vor anderen Hintergründen konnte derselbe Button weiterhin funktionieren.
Die Frage war, ob die Goffin-Kakadus mehr lernen konnten als nur: „Dieser Button funktioniert nicht mehr.“ Gefordert war eine flexiblere Regel: Wenn dieses Blinken auftritt, ist dieser spezifische Kontext nicht mehr nützlich. Entscheidend war außerdem, ob sie diese Erwartung in späteren Sitzungen auch auf neue Hintergründe übertragen würden.
Lernen, wann sich ein Versuch nicht mehr lohnt
Osuna-Mascaró, Co-Erstautor der Studie, beschreibt das Experiment so: „Das Experiment mag komplex wirken, aber die Idee ist ziemlich einfach. Stellen Sie sich vor, ein Button funktioniert einwandfrei und hört dann — nachdem etwas passiert — auf zu funktionieren, aber nur in einer ganz bestimmten Situation. Wir wollten wissen, ob die Goffin-Kakadus nicht nur lernen konnten, dass sich das Antippen dieses speziellen Buttons in diesem Kontext nicht mehr lohnt, sondern auch, was das Ereignis allgemeiner bedeutete: Wenn ein neuer Hintergrund blinkte, würden sie dann erwarten, dass dieser neue Kontext nun ebenfalls nicht mehr funktioniert?“
Genau das fanden die Forschenden. Mit zunehmender Erfahrung lernten die Goffin-Kakadus, die Hintergründe zu überspringen, bei denen der Button nicht mehr funktionierte, statt weiter darauf zu beharren. Gleichzeitig gaben sie den Button nicht grundsätzlich auf: Sie betätigten ihn weiterhin in Kontexten, in denen er noch funktionierte. Mit anderen Worten: Sie verloren nicht einfach das Vertrauen in den Touchscreen, sondern passten ihr Verhalten an den jeweiligen Kontext an.
Die Leistungen der Vögel waren nicht perfekt, und es zeigten sich deutliche individuelle Unterschiede. Einige Individuen passten sich schneller an als andere. Manche reagierten zudem sichtbar auf das Blinken, etwa mit Lautäußerungen oder aufgestellter Haube.
Eleonora Rovegno, Co-Erstautorin und die Forscherin, die die Tests durchführte, beschreibt die Reaktionen auf den plötzlich nicht mehr funktionierenden Button: „Es war auffällig, wie unterschiedlich die Individuen reagierten, als der Button plötzlich nicht mehr funktionierte. Obwohl diese emotionalen Reaktionen nicht Teil der statistischen Auswertung waren, zeigten einige Vögel sehr deutliche Reaktionen wie Lautäußerungen, das Aufstellen der Haube, Bettelrufe oder stärkere Erregung. Diese Beobachtungen ließen die Aufgabe aus Sicht der Vögel sehr real wirken: Etwas, das eben noch funktioniert hatte, tat es plötzlich nicht mehr.“
Die Forschenden betonen, dass die Studie nicht zeigt, dass Goffin-Kakadus Unumkehrbarkeit in einem menschenähnlichen begrifflichen Sinn verstehen. Vielmehr zeigt sie, dass die Vögel innerhalb des experimentellen Settings einen anhaltenden, kontextspezifischen Funktionsverlust erlernen und flexibel darauf reagieren können.
Monsó warnt vor Überinterpretationen: „Wir sollten vorsichtig sein, aus diesem Ergebnis den Schluss zu ziehen, dass die Vögel den Tod verstehen. Allerdings gehört die Fähigkeit, zu erkennen, dass eine erwartete Funktion nicht mehr vorhanden ist, und angemessen auf diesen Verlust zu reagieren, zu den Kompetenzen, die relevant sein könnten, um zu verstehen, wie Tiere auf den Tod und andere Formen dauerhafter Veränderung reagieren.“
Da die Aufgabe auf einem Touchscreen umgesetzt wurde und keinen Werkzeugeinsatz erforderte, ließe sich das experimentelle Design potenziell auf andere Arten übertragen. Touchscreen-Methoden sind in der vergleichenden Kognitionsforschung bereits bei zahlreichen Tierarten verbreitet. Künftige Studien könnten daher prüfen, wie andere Arten sich an dieses Paradigma anpassen.
Auersperg, Leiterin des Goffin Labs, ergänzt: „Was Goffin-Kakadus zu einem so interessanten Modell macht, ist, dass sie uns immer wieder überraschen, indem sie Wissen von einem Kontext in einen anderen übertragen. In freier Wildbahn und in Studien in menschlicher Obhut lernen sie den Umgang mit Werkzeugen, Objekten und physikalischen Problemen. Hier haben wir den Aufbau bewusst reduziert, um uns auf Funktionalität selbst zu konzentrieren. Indem wir das physikalische Problem ausgeklammert und eine abstrakte Touchscreen-Aufgabe verwendet haben, können wir beginnen zu fragen, in welchem Umfang verschiedene Tierarten verstehen können, dass etwas, das einmal funktioniert hat, aufhören kann zu funktionieren.“
Die Studie ergänzt eine wachsende Zahl von Hinweisen darauf, dass Goffin-Kakadus äußerst flexible Problemlöser sind. Zugleich bietet sie einen neuen experimentellen Ansatz, um eine der kognitiven Komponenten zu untersuchen, die für den Minimalbegriff des Todes relevant sind.
Originalpublikation:
Antonio J. Osuna-Mascaró, Eleonora Rovegno, Susana Monsó, Remco Folkertsma, Alice M.I. Auersperg (2026) Sensitivity to permanent non-functionality in Goffin’s cockatoos (Cacatua goffiniana). https://www.nature.com/articles/s41598-026-57007-1

16.06.2026, Bundesanstalt für Gewässerkunde
Rekord bei Maifischen in der Mosel – Rückkehr setzt sich fort
Die Rückkehr des einst im Rhein und seinen Nebenflüssen ausgestorbenen Maifischs (Alosa alosa) setzt sich in der Mosel deutlich fort: Im Jahr 2026 wurden an der Fischaufstiegsanlage in Koblenz bislang bereits 102 aufsteigende Tiere registriert. Im Vorjahr waren es insgesamt noch 32.
„Die Beobachtungen unseres automatischen Fischzählers in der Fischtreppe an der Moselstaustufe Koblenz deuten darauf hin, dass sich die Wiederansiedlung der Wanderfischart im Moselsystem zunehmend verstetigen könnte“, erklärt Bernd Mockenhaupt, Wissenschaftler der BfG. „Wichtiger als der Rekord ist, dass sich über mehrere Jahre hinweg eine klare Aufwärtsentwicklung abzeichnet. Das spricht dafür, dass die umfangreichen Maßnahmen zur Wiederansiedlung Wirkung zeigen.“
Der Maifisch galt in Mosel und Rhein seit den 1960er Jahren als ausgestorben. Erst mit der Verbesserung der Wasserqualität und dem Start des EU-LIFE-Maifischprojekts (www.maifischprojekt.de) im Jahr 2007 begann seine Rückkehr. Seitdem werden im Rheinsystem jährlich hunderttausende Larven ausgesetzt und durch Maßnahmen zur Verbesserung der ökologischen Durchgängigkeit begleitet.
Starke Indizien für dauerhafte Rückkehr des Maifischs
Seit der ersten Beobachtung eines Maifischs im Jahr 2013 in der damals neu errich-teten Fischaufstiegsanlage Koblenz stiegen regelmäßig Maifische in die Mosel auf, jedoch bis vor drei Jahren nur vereinzelt. Dies scheint sich nun zu ändern. Nachdem in 2025 bereits zahlreiche Tiere beobachtet werden konnten, hat sich die Zahl nun vervielfacht. Für die Mosel brachte dieses Jahr gleich zwei erfreuliche Ergebnisse: Neben einer Rekordanzahl an Nachweisen konnten erstmals auch zwei Maifische für das Maifischprojekt gefangen werden. Mit speziellen Methoden wird nun versucht zu klä-ren, ob die Tiere das Ergebnis einer natürlichen Vermehrung von Maifischrückkehrern sind – eventuell sogar aus der Mosel –, oder ob sie den Besatzmaßnahmen im Rheinsystem zuge-ordnet werden können. Ein Nachweis einer natürlichen Vermehrung des Maifischs in der Mo-sel hätte besondere Bedeutung, da dies die erste bestätigte Fortpflanzung der Art seit ihrem Aussterben vor 80 Jahren wäre.
Nach Mitteilung des Rheinischen Fischereiverbandes, der die Maßnahmen zur Wiederansied-lung der Wanderfischart im Rheinsystem koordiniert, konnten auch im Rhein auf Höhe der französischen Gemeinde Gambsheim zahlreiche Maifische beim Aufstieg beobachtet werden.
Ohne ökologische Durchgängigkeit ist die Rückkehr von Wanderfischen kaum denkbar
Die aktuellen Zahlen fügen sich somit in ein positiv stimmendes Bild ein. Die Renatu-rierungs- und Wiederansiedlungsmaßnahmen im Rheinsystem scheinen langfristig Wirkung zu zeigen. Gleichzeitig ist die weitere Verbesserung der ökologischen Durchgängigkeit eine zentrale Aufgabe, um die Rückkehr der Wanderfische dauer-haft zu sichern. Darunter ist zu verstehen, dass Hindernisse wie Wehre und Staustu-fen technisch so gestaltet werden, dass Fische sie überwinden können.
Die Bundesanstalt für Gewässerkunde trägt dazu bei, bestehende Wissenslücken zur ökologischen Entwicklung der Wanderfischarten im Rheinsystem zu schließen. Sie begleitet die Entwicklung der flussbaulichen Maßnahmen und berät auf Grundlage des aktuellen Stands von Wissenschaft und Technik.
Einmal Atlantik und zurück
Maifische sind nahe Verwandte von Heringen und Sprotten. Mit Körperlängen von 50 bis 70 cm und einem Gewicht von drei bis vier Kilogramm werden sie jedoch erheblich größer. Ihr Name leitet sich vom Monat ab, in dem sie ihre Hauptwanderaktivität haben. Wie beim Lachs und anderen Wanderfischarten schwimmen auch die jungen Maifische zum Aufwachsen ins Meer. Konkret zieht es den Maifisch in die Nordsee und den Atlantik. Im Alter von drei bis acht Jahren wandert er als erwachsenes Tier zum Laichen in sein Geburtsgewässer zurück.
Die Aufstiegszeit der Maifische endet in Koblenz erfahrungsgemäß spätestens Anfang Juli. Die Chance weitere Fische dieser streng geschützten Art beobachten zu können bleibt also noch einige Wochen bestehen.

16.06.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Wie wird man klein? Neue Studie enthüllt unterschiedliche Wachstumsstrategien bei Dimetrodon
Der ikonische Segelrückenräuber Dimetrodon gilt als eines der bekanntesten Tiere des frühen Perms – lange bevor Dinosaurier die Erde dominierten. Die meisten bekannten Arten dieses frühen Verwandten der Säugetiere erreichten Körperlängen von über drei Metern und ein Gewicht von bis zu 250 Kilogramm. Doch einige Vertreter blieben überraschend klein. Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams unter Leitung von Dr. Aurore Canoville von der Friedenstein Stiftung Gotha und dem Museum für Naturkunde Berlin zeigt nun, dass diese geringe Körpergröße durch unterschiedliche evolutionäre Strategien entstand.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die beiden kleinsten bekannten Arten: Dimetrodon natalis aus Nordamerika sowie Dimetrodon teutonis von der Bromacker-Fossillagerstätte in Thüringen – der einzigen bislang außerhalb Nordamerikas entdeckten Dimetrodon-Art. Während Dimetrodon natalis lange als kleinste bekannte Art galt, erwies sich Dimetrodon teutonis als noch kleiner.
Um herauszufinden, wie diese Tiere ihre geringe Größe entwickelten, analysierte das Forschungsteam die mikroskopische Struktur fossiler Knochen. Knochengewebe bewahren Informationen über Wachstumsgeschwindigkeit sowie Entwicklungsprozesse und ermöglichen damit direkte Einblicke in die Lebensgeschichte ausgestorbener Tiere.
Die Ergebnisse, veröffentlicht in Scientific Reports, zeigen deutliche Unterschiede: Dimetrodon natalis wuchs offenbar schnell, stellte das Wachstum jedoch früh ein. Die Tiere erreichten ihre geringe Erwachsenengröße somit durch eine verkürzte Entwicklungsphase. Dimetrodon teutonis hingegen entwickelte sich deutlich langsamer über einen längeren Zeitraum hinweg und wurde vermutlich erst später geschlechtsreif.
„Diese Arbeit zeigt, dass die Methode der Knochenhistologie uns Einblicke in die tatsächliche Paläobiologie längst ausgestorbener Tiere geben kann. Wer hätte gedacht, dass diese beiden kleinen Arten so unterschiedliche Lebensgeschichten hatten?“, sagt Dr. Tom Hübner, Kurator und Leiter des BROMACKER-Projekts an der Friedenstein Stiftung Gotha.
Die Forschenden führen die unterschiedlichen Wachstumsstrategien auf die jeweiligen Umweltbedingungen zurück. Nordamerikanische Dimetrodon-Arten lebten in feuchten Tieflandregionen mit reichhaltigen Nahrungsnetzen und hohem Räuberdruck. Unter solchen Bedingungen konnte ein schnelles Heranwachsen Vorteile für Überleben und Fortpflanzung bieten. Das Bromacker-Ökosystem dagegen war von saisonaler Trockenheit und begrenzten Ressourcen geprägt. Fossile Grabgänge deuten darauf hin, dass sich potenzielle Beutetiere während Trockenzeiten unterirdisch zurückzogen. Für Spitzenprädatoren wie Dimetrodon teutonis könnte langsameres Wachstum daher eine Anpassung an schwankende Nahrungsverfügbarkeit gewesen sein.
„Diese neuen Erkenntnisse unterstreichen erneut die Einzigartigkeit des Bromackers im Vergleich zu anderen Fundstellen des frühen Perms“, erklärt Dr. Aurore Canoville. „Das macht Dimetrodon noch faszinierender. Lange bevor Dinosaurier die Erde beherrschten, reagierten diese frühen Synapsiden bereits erstaunlich flexibel auf Klima, Nahrung, Konkurrenz und Räuberdruck.“
„Mit diesen faszinierenden Ergebnissen erhalten wir ein immer vollständigeres Bild des Bromacker-Ökosystems und seines Potenzials für viele weitere Jahrzehnte zukünftiger Forschung“, ergänzt Prof. Jörg Fröbisch vom Museum für Naturkunde Berlin.
Originalpublikation:
Publikation: Canoville, A., Knaus, P.L., Marchetti, L. & Fröbisch, J. (2026): Contrasting life history in the diminutive Dimetrodon species from North America and Germany. Scientific Reports. 10.1038/s41598-026-52199-y

19.06.2026, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Kornblume und Feldlerche geraten aus dem Blick: Jüngere Erwachsene kennen deutlich weniger typische Arten ihrer Umgebung
Viele junge Erwachsene kennen bekannte Arten wie Löwenzahn oder Spatzen. Deutlich weniger bekannt sind dagegen Pflanzen und Vögel, die typisch für Felder, Wiesen und andere Agrarlebensräume sind. Das zeigt eine neue Studie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im Fachjournal Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine. Für die Untersuchung befragte das Forschungsteam 463 Erwachsene verschiedener Altersgruppen in einer landwirtschaftlich geprägten Region Deutschlands. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Wissen über typische Arten der Agrarlandschaft insbesondere bei jüngeren Generationen abnimmt.
Für die Studie sollten die Teilnehmenden alle Wildpflanzen und Vogelarten nennen, die ihnen aus ihrer Umgebung bekannt sind. Anders als bei klassischen Artenkenntnistests mit Fotos untersuchte das Forschungsteam damit, welche Arten tatsächlich spontan im Wissen der Menschen verankert sind.​
Insgesamt nannten die Befragten 165 verschiedene Pflanzen sowie 116 Vogelarten und Vogelgruppen. Viele dieser Nennungen entfielen jedoch auf allgemein bekannte Arten. Typische Pflanzen und Vögel der Agrarlandschaft wurden deutlich seltener genannt. Im Durchschnitt konnten die Teilnehmenden lediglich zwei charakteristische Pflanzenarten und drei charakteristische Vogelarten nennen. Gleichzeitig kommen in der Untersuchungsregion 62 typische Pflanzenarten und 25 typische Vogelarten der Agrarlandschaft vor. Die große Mehrheit dieser Arten war den Befragten nicht bekannt oder wurde nur von sehr wenigen Personen genannt.​
Zu den bekanntesten Pflanzen gehörten Löwenzahn, Klatschmohn, Kornblume, Gänseblümchen und Brennnessel. Bei den Vögeln wurden vor allem Spatzen, Krähen, Meisen, Amseln und Störche genannt. Viele weitere Arten, die regelmäßig in Agrarlandschaften vorkommen, spielten dagegen im Wissen der Befragten kaum eine Rolle.​
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass viele Menschen nur einen kleinen Teil der Arten kennen, die ihre Landschaft prägen. Besonders typische Pflanzen und Vögel der Agrarlandschaft sind auch kulturell von besonderer Bedeutung. Sie geraten zunehmend aus dem Blick, was auf einer immer mehr entkoppelten Beziehung zwischen unserer Kultur und unseren Landschaften hindeutet“, sagt Dr. Maria Kernecker, Wissenschaftlerin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und Co-Autorin der Studie.
Deutliche Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Generationen
Die Analyse zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Alter und Artenkenntnis. Mit zunehmendem Alter stieg die Zahl der genannten Pflanzen- und Vogelarten deutlich an. Besonders groß waren die Unterschiede zwischen den jüngsten Erwachsenen und den mittleren Altersgruppen.​​
Typische Arten der Agrarlandschaft wie Kornblume, Kamille, Schafgarbe, Star oder Feldlerche wurden deutlich häufiger von Menschen über 45 Jahren genannt. Jüngere Erwachsene nannten dagegen häufiger sehr allgemeine oder weit verbreitete Arten wie Löwenzahn, Gänseblümchen oder Brennnessel sowie unspezifische Gruppen wie Greifvögel, Tauben oder Krähen.​
Die Forschenden sehen darin Hinweise auf einen schleichenden Verlust von Wissen über die biologische Vielfalt der eigenen Umgebung. Frühere Untersuchungen zeigen, dass Artenkenntnis eng mit Interesse an Natur und der Bereitschaft zum Engagement für den Naturschutz verbunden sein kann.​
Artenkenntnis als Grundlage für den Schutz der Biodiversität
Die Studie macht deutlich, dass viele Arten zwar noch in der Landschaft vorkommen, aber kaum noch Teil des gesellschaftlichen Wissens sind. Besonders betroffen sind Pflanzen- und Vogelarten, die typisch für artenreiche Felder und Wiesen sind. Sie helfen Fachleuten dabei, den Zustand von Lebensräumen zu bewerten und Veränderungen der biologischen Vielfalt sichtbar zu machen.​
Neu an der Untersuchung ist, dass sie nicht die Fähigkeit zur Bestimmung einzelner Arten getestet hat, sondern erforschte, welche Pflanzen und Tiere tatsächlich zum alltäglichen Wissen der Menschen gehören. Dadurch wird sichtbar, welche Arten im kulturellen Gedächtnis einer Region präsent sind und welche zunehmend in Vergessenheit geraten.​
Das Studiendesign hat zugleich Grenzen. Die Untersuchung wurde in zwei Städten und ihrem Umland in Nordwestsachsen durchgeführt. Die Ergebnisse liefern daher keine repräsentativen Aussagen für ganz Deutschland. Zudem erfasst die Methode vor allem spontan verfügbares Wissen und nicht die gesamte Artenkenntnis einer Person. Die Autorinnen und Autoren empfehlen deshalb weitere Untersuchungen mit ergänzenden Methoden.​
Die Forschenden sehen Potenzial in Umweltbildungsangeboten, die Menschen wieder stärker mit ihrer Umgebung in Kontakt bringen. Dazu gehören Unterricht im Freien, Naturbeobachtungen oder praktische Erfahrungen mit Pflanzen und Tieren. Solche Angebote könnten dazu beitragen, das Wissen über Artenvielfalt zu stärken und das Verständnis für die Bedeutung funktionierender Ökosysteme zu fördern.​
„Wer die Arten seiner Umgebung kennt, kann Veränderungen in der Natur leichter wahrnehmen und ihre Bedeutung für funktionierende Ökosysteme besser verstehen. Artenkenntnis ist deshalb mehr als reines Faktenwissen – sie ist eine wichtige Grundlage für den Erhalt der biologischen Vielfalt“, sagt Dr. Tobias Naaf, Co-Autor der Studie vom ZALF.​ ​ ​
Originalpublikation:
Naaf, T. & Kernecker, M. (2026). Y​​oung adults in eastern Germany know dandelion and sparrows but few farmland species. Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine, 22, 51. https://doi.org/10.1186/s13002-026-00908-2.

19.06.2026, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)
Ölpalme, Kokos und Soja sind für mehr Artensterben verantwortlich als gedacht
Ölpflanzen verursachen einen Verlust von rund 1,5 Prozent der Tier- und Pflanzenarten. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Der durch Ölpflanzen verursachte Biodiversitätsverlust hat demnach seit 1995 um rund 80 Prozent zugenommen. Wichtigster Treiber ist der Konsum pro Kopf und nicht das globale Bevölkerungswachstum.
Wir schminken sie uns ins Gesicht, streichen sie uns aufs Brot, schlucken sie als Träger medizinischer Wirkstoffe oder verfüttern sie an Tiere: Öle von Pflanzen wie Kokos, Ölpalme oder Soja. Diese sogenannten Ölpflanzen werden immer mehr konsumiert und angebaut. Das hat Folgen für die Umwelt. Aber welche genau?
Dieser Frage ist ein Forschungsteam um Stephan Pfister, Professor für Quantitative Nachhaltigkeitsbewertung an der ETH Zürich, nachgegangen. Konkret untersuchten die Forschenden, wie stark der zunehmende Anbau und Konsum von Ölpflanzen weltweit Tier- und Pflanzenarten gefährdet. Es ist die weltweit erste Studie, die dieser Fragestellung nachgeht. «Aus Sicht des Umweltschutzes ist der Biodiversitätsverlust ein ebenso grosses globales Problem wie der Klimawandel», erklärt Pfister die Motivation für die Studie. In ihr analysierten die Forschende globale Daten zu Produktion, Handel und Landnutzung über mehrere Jahrzehnte und kombinierten dabei mehrere Modelle, um den Einfluss der Ölpflanzen auf die Biodiversität zu ermitteln.
Zuerst erstellten die Forschenden globale Karten des Ölpflanzenanbaus auf Basis von Satellitendaten, landwirtschaftlichen Statistiken und globalen Datensätze zu Anbauflächen.
Ebenfalls berechneten sie, wie stark verschiedene Formen der Landnutzung Tier- und Pflanzenarten gefährden. Dazu nutzten sie sogenannte Artenverlust-Faktoren, die anzeigen, wie viel die genutzten Flächen zum weltweiten Artenverlusts beitragen – je nach Region und Intensität der Landwirtschaft.
Drei Pflanzen sind hauptverantwortlich für Artensterben
Zudem versuchten die Forschenden die Auswirkungen des Ölpflanzenanbaus entlang der globalen Lieferketten sichtbar zu machen, wie Pfister erklärt. Dafür verknüpften er und sein Team die bereits erhobenen Daten mit einem globalen Wirtschaftsmodell, das internationale Lieferketten abbildet – vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Endprodukt. So lässt sich etwa nachvollziehen, wie Soja aus Brasilien als Tierfutter in China oder Europa verfüttert wird und so letztlich den hohen Fleischkonsum ermöglicht.
Schliesslich analysierte das Team, wie die Faktoren Konsumverhalten, Bevölkerungswachstum und Effizienz in der Landwirtschaft zum Anstieg der Biodiversitätsverluste beitragen.
19 verschiedene Ölpflanzen wurden in der Studie untersucht. «Drei davon verursachen einen besonders grossen Teil der Auswirkungen: Ölpalme, Soja und Kokos», sagt Shuntian Wang, Doktorand bei Pfister. Zusammen stehen sie für rund 75 Prozent des Biodiversitätsverlusts durch Ölpflanzen.
Konsum als treibende Kraft für Verlust an Biodiversität
Gleichzeitig zeigt die Studie eine klare Entwicklung: Zwischen 1995 und 2020 ist der Verlust an Biodiversität um rund 80 Prozent gestiegen. Aber nicht in erster Linie wegen des weltweiten Bevölkerungswachstums.
Besonders betroffen sind tropische Regionen. Dort führt landwirtschaftliche Nutzung zu besonders grossen Verlusten an Biodiversität. Aber nicht nur, weil viele Ölpflanzen wie Ölpalmen oder Kokos nur dort wachsen. Sondern auch, weil es in diesen Regionen eine hohe Artenvielfalt gibt und die Erträge pro Fläche oft geringer sind und es deshalb oft zur Ausdehnung der Landwirtschaft und damit zur Zerstörung von Ökosystemen kommt, zum Beispiel durch Abholzung.
Globale Nachfrage treibt die Pflanzenöl-Produktion an
Diese Systeme liegen weit entfernt von den Verursachern: Wie die Studie aus Pfisters Team zeigt, ist mehr als die Hälfte der Auswirkungen dem Konsum in anderen Ländern zuzurechnen. Die Europäische Union, China und die USA stehen zusammen für über 80 Prozent dieser ausgelagerten Effekte. Während die EU vor allem Palmöl importiert, hängt der Einfluss Chinas vor allem mit Soja als Tierfutter zusammen.
Der Biodiversitätsverlust ist leider nichts, was man sofort stoppen könnte. Auch die langfristige Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen setzt Ökosysteme unter Druck. «Selbst wenn keine neue Entwaldung stattfindet, bleibt der Einfluss der aktuellen Landwirtschaft bestehen», sagt Pfister.
Ansätze für Lösungen
Um die bestehenden Probleme zu verringern, braucht es eine umweltfreundlichere Produktion, weniger Abholzung und eine Landwirtschaft, die Böden und Natur schützt. Auch unser Konsum müsste sich verändern. Doch globale Märkte erschweren einfache Lösungen. Die Nachfrage kann sich schnell in andere Regionen verlagern. «Ein wichtiger Hebel ist, in den Produktionsländern in bessere Produktion und den Schutz von Ökosystemen zu investieren», sagt Pfister.
Originalpublikation:
Wang S, Cabernard L, Bruckner M, Ajie M, Pfister S: Oil crop supply chains drive rising global biodiversity loss and outsource impacts to the tropics, Nature Food, 19. Juni 2026, DOI: 10.1038/s43016-026-01375-4

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