07.08.2026, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung
Dem Schneckenschleim auf der Spur
Wie schaffen es Schnecken, mit demselben Schleim zu kriechen, zu haften und sich zu schützen? Forschende zeigen, dass sie dessen chemische Zusammensetzung je nach Aufgabe gezielt anpassen.
Nach einem Regenschauer sind Schnecken besonders aktiv. Auch auf dem Max-Planck-Campus in Potsdam-Golm hinterlassen gewöhnliche Bänderschnecken (Cepaea nemoralis) ihre glänzenden Schleimspuren. Forschende aus der Abteilung „Biomaterialien“ erkannten im Schleim ein vielversprechendes Naturmaterial. Denn die Schnecke produziert nicht nur eine einzige Art von Schleim, sondern kann ihn je nach Bedarf so variieren, dass er flüssig, fest, klebrig oder rutschig wird.
Für das Forschungsteam wurde der Schneckenschleim damit zum Gegenstand einer materialwissenschaftlichen Analyse: Wie schafft es die Schnecke mit denselben Grundbausteinen völlig unterschiedliche Materialeigenschaften zu erzeugen? Die Antwort liefern die Forschenden in einer Studie, die nun im Fachjournal Science erschienen ist. Darin zeigen sie erstmals umfassend, mit welchen biochemischen Rezepten die Bänderschnecke ihren Schleim gezielt an unterschiedliche Aufgaben anpasst.
„Schneckenschleim mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, ist aber ein unglaublich vielseitiges Material,“ sagt Dr. Franziska Jehle, korrespondierende Autorin der Studie. „Dass die Schnecke mit den gleichen Grundbausteinen gezielt die Eigenschaften ihres Schleims verändern kann, macht sie für die Forschung so spannend.“
Der Baukasten des Schneckenschleims
Um zu verstehen, wie die Natur diese Materialvielfalt erzeugt, analysierten die Forschenden fünf verschiedene Schleimarten. Sie untersuchten Schleim, der die Fortbewegung ermöglicht, als starker Klebstoff an Oberflächen wirkt, das Tier vor Austrocknung schützt, das Gehäuse während längerer Ruhephasen verschließt und zur Verteidigung dient.
Dabei zeigte sich, dass die Schnecke für die verschiedenen Schleime stets die gleichen Komponenten verwendet, die sie in unterschiedlichen Mengen zusammenmischt. Bei den chemischen Bausteinen handelt es sich um Proteine, vor allem Kollagen, und Kalzium.
Überrascht hat die Forschenden, dass sie Kollagen VI als zentralen Bestandteil des Schleims identifiziert haben. Denn das Protein ist vor allem für seine strukturgebende Funktion in menschlicher Haut, Knochen und Gelenken bekannt. Gemeinsam mit ungeordnetem Kalziumkarbonat, das die Schnecke im Drüsengewebe speichert und bei Bedarf zusammen mit dem Schleim abgibt, trägt der Anteil von Kollagen VI entscheidend dazu bei, die Eigenschaften der verschiedenen Schleime zu steuern. Offenbar verändert die Schnecke über die Gesamtmenge an Proteinen und den Anteil an Kollagen VI, wie dicht das Proteinnetzwerk im Schleim ist. Das wirkt sich unmittelbar auf die mechanischen Eigenschaften aus: Je engmaschiger das Proteinnetz ist, desto zäher ist der Schleim. Kalzium dient in seiner Ionenform entweder der Vernetzung oder als Calcit der Verstärkung des Materials.
Von der Natur lernen
„Die Erkenntnisse dieser Studie reichen weit über die Biologie der Schnecke hinaus“, sagt Prof. Peter Fratzl, Co-Autor der Studie und Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. „Natürliche Materialien erzielen mit wenigen Bausteinen eine enorme Vielfalt an Funktionen. Wenn wir die Prinzipien dahinter verstehen, ist das für die Entwicklung nachhaltiger Materialien von großer Bedeutung.“
So könnten sich nach dem Vorbild von Schneckenschleim beispielsweise umweltfreundliche Klebstoffe, funktionelle Beschichtungen oder Materialien für medizinische Anwendungen herstellen lassen.
Originalpublikation:
Mariella Gabler, Emeline Raguin, Ernesto Scoppola, Barbara Steigenberger, Assa Yeroslaviz, Peter Werner, Peter Fratzl, Franziska Jehle. Calcium tunes snail mucus–based materials to multiple functions. Science 393 (6811), S. 596 – 600 (2026).
https://doi.org/10.1126/science.adx7367
10.08.2026, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Wenn Fleisch keine Rolle spielt: Weibliche Guinea-Paviane bevorzugen keine Männchen als Partner, die bessere Jäger sind
Eine neue Studie des Deutschen Primatenzentrums zeigt, dass weibliche Guinea-Paviane beim Zugang zu Fleisch weniger auf ihre Hauptpartner angewiesen sind als bisher angenommen
Für wildlebende Guinea-Paviane (Papio papio) ist Fleisch eine seltene und hochgeschätzte Ressource. Eine neue Studie des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ) zeigt jedoch, dass weibliche Guinea-Paviane im Gegensatz zu langjährigen Annahmen nicht bevorzugt Männchen als Partner wählen, die geschickter darin sind, Fleisch zu beschaffen. Das Forschungsteam um William J. O’Hearn (DPZ & University of Exeter, Großbritannien) hat darüber hinaus den ersten Fall einer von einem Weibchen initiierten Beutejagd dokumentiert und zeigt, dass weibliche Guinea-Paviane für den Zugang zu Fleisch weniger auf ihren Hauptpartner angewiesen sind als bisher angenommen. Die im „American Journal of Biological Anthropology“ veröffentlichten Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die evolutionären Ursprünge der Fleischbeschaffung als Signal für die Qualität eines Männchens bei Primaten.
Die Praxis, Beute zu erlegen und zu teilen, um die Qualität eines Mannes als Versorger zu signalisieren, hat tiefe evolutionäre Wurzeln. In menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften kann das Erlegen von Beute die Qualität eines Mannes als Versorger signalisieren und durch das Teilen der Beute wird dieses Signal in der gesamten Gemeinschaft verbreitet. Guinea-Paviane bieten aufgrund ihrer parallelen Entwicklung mit frühen menschlichen Vorfahren eine wertvolle Analogie zur Evolution menschlicher Praktiken des Nahrungsteilens. Darüber hinaus weisen sie eine mehrstufige soziale Organisation auf, die den verschachtelten sozialen Ebenen menschlicher Gesellschaften gleicht. Die unterste Ebene besteht bei Pavianen aus einem Hauptmännchen, einem bis zu mehreren zugehörigen Weibchen und deren Nachkommen, das Äquivalent einer menschlichen Kernfamilie.
Eine frühere DPZ-Studie, die ebenfalls von O’Hearn geleitet wurde, zeigte, wie Guinea-Paviane Fleisch innerhalb dieser sozialen Organisationen teilen. Häufigeres Teilen findet auf der Ebene der engsten sozialen Einheit statt, ähnlich wie bei menschlichen Jäger- und Sammlergemeinschaften, die ihre erlegte Beute zunächst innerhalb ihrer unmittelbaren Familie teilen. Die aktuelle Studie untersuchte, ob der Erfolg bei der Fleischbeschaffung und das Teilen von Fleisch bei Guinea-Pavianen als Signal für die Qualität des Männchens fungiert. Dies würde ebenfalls den Mustern in menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften ähneln.
Weibliche Paviane sind weniger stark von ihrem Hauptpartner abhängig als erwartet
Um diese Frage zu beantworten, stützten sich die Forscher der Abteilung Kognitive Ethologie am DPZ auf Beobachtungen, die über einen Zeitraum von neun Jahren an der DPZ-Feldstation Simenti im Senegal durchgeführt wurden. Sie kombinierten kommentierte Aufzeichnungen von 109 konkreten Fleischfressvorgängen Fleischfress-Ereignissen mit demografischen und Verhaltensdaten von 465 individuell identifizierten Pavianen. In 11 Prozent dieser Fälle wurde die Beute von einem Weibchen erlegt – dies ist das erste Mal, dass dieses Verhalten bei Guinea-Pavianen beobachtet wurde – und 41 Prozent des von den Weibchen verzehrten Fleisches stammten aus anderen Quellen als von ihrem Hauptmännchen.
In der vorherigen Studie zur Fleischverteilung bei Guinea-Pavianen gaben männliche Paviane bis zu 40 Prozent ihrer Beute an die Weibchen in ihrer Gruppe weiter. Während die Ergebnisse der vorherigen Studie darauf hindeuteten, dass weibliche Paviane für den Zugang zu Fleisch von ihren Männchen abhängig sind, zeigen die neuen Erkenntnisse, dass diese Abhängigkeit nicht so ausgeprägt ist. Dennoch stammte ein großer Teil des Fleisches, zu dem weibliche Paviane Zugang hatten, von ihrem Hauptmännchen.
Keine Präferenz der Weibchen für geschicktere männliche Beutejäger
Zudem zeigten statistische Modelle keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der ein Männchen Fleisch beschaffte oder weitergab, und der Anzahl der Weibchen in seiner Gruppe oder der Dauer der Verbindungen zwischen Männchen und Weibchen. „Entgegen unserer Vorhersage fanden wir keine Hinweise darauf, dass Weibchen es bevorzugten, sich Gruppen von Männchen anzuschließen oder länger in diesen zu verbleiben, wenn diese Männchen häufiger Fleisch beschafften oder teilten. Stattdessen scheinen Weibchen einen erheblichen Teil ihres Fleisches aus anderen Quellen als den Männchen ihrer Gruppe zu beziehen, unter anderem, indem sie Beute selbst erlegen“, sagt Hauptautor William J. O’Hearn.
Der wichtigste Faktor für den Paarungserfolg der Männchen war hingegen das Alter: Männchen im frühen bis mittleren besten Alter hatten mehr Weibchen in ihrer Gruppe als ältere Männchen.
Andere Faktoren könnten die Fortpflanzungsentscheidungen der Weibchen beeinflussen
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Beutejagd und die Weitergabe von Fleisch bei Guinea-Pavianen wahrscheinlich keine verhaltensrelevanten Indikatoren für die Qualität der Männchen sind. Dies ließe sich durch die Seltenheit des Fleischverzehrs im Leben wild lebender Paviane erklären, der weitaus seltener vorkommt als erfolgreiche Jagden in menschlichen Jäger- und Sammlergemeinschaften.
Stattdessen könnten die Fortpflanzungsentscheidungen der Weibchen durch körperliche Signale der Männchen beeinflusst werden, beispielsweise durch stärker rot gefärbte Flecken am Hinterteil. Ähnliche Signale weisen bei anderen Primaten nachweislich auf die Qualität der Männchen hin. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass sich die Weibchen auf Verhaltens- oder soziale Signale konzentrieren, wie beispielsweise die Neigung eines Männchens, sich um seinen Nachwuchs zu kümmern, oder sein Verhalten gegenüber anderen Weibchen in der Gruppe.
„Guinea-Paviane bieten einen besonders interessanten evolutionären Vergleich zum Menschen, da ähnliche ökologische Bedingungen und soziale Systeme zu Unterschieden in der Bedeutung der Fleischverteilung für die Partnerwahl der Weibchen geführt haben. Wo Weibchen viele Möglichkeiten haben, an Fleisch zu gelangen, muss dies bei der Partnerwahl kein Faktor sein“, sagt William J. O’Hearn.
Originalpublikation:
O’Hearn, W. J., F. D. Pesco, R. Mundry, and J. Fischer. 2026. “Meat Acquisition Skill and Male Reproductive Success in Guinea Baboons.” American Journal of Biological Anthropology 190, no. 4: e70327. DOI: https://doi.org/10.1002/ajpa.70327
11.08.2026, Universität Wien
Gehirnscans zeigen: Hunde können Emotionen in menschlichen Gesichtern unterscheiden
Forscher*innen lieferten den ersten Beweis überhaupt dafür, dass Hunde Emotionen in menschlichen Gesichtsausdrücken erkennen können
Wissenschafter*innen – und Hundeliebhaber*innen – wissen schon lange, dass Hunde bemerkenswert gut darin sind, menschliches Lachen, Stirnrunzeln und Tränen zu deuten. Doch die biologischen Grundlagen dieser Fähigkeit waren bislang weitgehend unerforscht – bis jetzt. In einer aktuellen Studie, die in der Cell-Press-Zeitschrift iScience veröffentlicht wurde, warfen Forscher*innen der Universität Wien einen Blick in die Gehirne von Hunden, während diese Bilder verschiedener Gesichtsausdrücke betrachteten. Die Gehirnscans zeigten, dass Hunde menschliches Lächeln auf einzigartige Weise verarbeiten, und lieferten erstmals den Nachweis, dass Hunde zwischen bestimmten negativen Gesichtsausdrücken unterscheiden können.
„Wenn wir Menschen mit Primaten vergleichen, betrachten wir Fähigkeiten, die möglicherweise von einem gemeinsamen Vorfahren stammen“, sagt die leitende Autorin Laura Cuaya von der Universität Wien. „Bei Hunden sieht die Sache ganz anders aus. Sie sind einen ganz anderen evolutionären Weg gegangen, haben aber durch die Domestizierung die sozialen Fähigkeiten entwickelt, die nötig sind, um uns Menschen zu verstehen und mit uns zusammenzuarbeiten.“
Die Forscher*innen konzentrierten sich zunächst auf glückliche Ausdrücke, diese könnten laut früheren Studien für Hunde von besonderer Bedeutung sein. Sie untersuchten acht Hunde mittels MRT, während ihnen Bilder von Fremden mit entweder glücklichen oder neutralen Gesichtsausdrücken gezeigt wurden. Glückliche Gesichter aktivierten den temporalen Kortex und strahlten bis in den Nucleus caudatus aus – Gehirnregionen, die jeweils mit höheren kognitiven Funktionen und der Belohnungsverarbeitung in Verbindung stehen.
Glückliche menschliche Gesichter könnten für Hunde eine emotionale Bedeutung haben
„Die Aktivität im Nucleus caudatus ist besonders interessant“, sagt Cuaya. „Sie deutet darauf hin, dass glückliche menschliche Gesichter für Hunde eine emotionale Bedeutung haben könnten.“
Das Team ging daraufhin der Frage nach, ob dieselben Gehirnregionen auch auf andere Emotionen reagieren. Sie zeigten 12 Hunden Bilder von Menschen, die Glück, Wut, Angst und Traurigkeit ausdrückten, und analysierten deren Gehirnaktivität mithilfe von Machine Learning. Die besagten Hirnregionen reagierten ausschließlich auf Glück, sodass die Forscher*innen ein Lächeln von allen drei negativen Gesichtsausdrücken unterscheiden konnten.
Hunde können verschiedene Emotionen in menschlichen Gesichtern unterscheiden
Das Hundegehirn sortierte die Welt jedoch nicht lediglich in „gut“ und „schlecht“. Eine Analyse des gesamten Gehirns ergab unterschiedliche Aktivitätsmuster, die Angst von Wut und Traurigkeit unterschieden, und lieferte damit den ersten Beweis dafür, dass Hunde zwischen bestimmten negativen Gesichtsausdrücken unterscheiden können.
„Menschen sind sehr gut darin, kleine Details im Gesicht wahrzunehmen, und Hunde sind es auch“, sagt Erstautor Raúl Hernández-Pérez, ebenfalls von der Universität Wien. „Das macht Hunde sehr interessant. Indem wir ihr Gehirn untersuchen, können wir verstehen, welche Anpassungen sich entwickelt haben, um ihr bemerkenswertes soziales und emotionales Verständnis von Menschen zu unterstützen.“
Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass Hunde Emotionen genauso erleben wie Menschen. Außerdem handelte es sich bei den teilnehmenden Hunden ausschließlich um Haustiere aus liebevollen Familien. Freilaufende Hunde, wie beispielsweise Straßenhunde, bewegen sich in einer ganz anderen sozialen Welt und verarbeiten menschliche Signale möglicherweise anders. Außerhalb des Scanners liest ein Hund nicht einfach nur ein unbewegtes Gesicht; er beobachtet die Körpersprache, hört auf Nuancen in der Stimme und nimmt Informationen über den Geruch wahr.
Als Nächstes plant das Team, eine stärker auf Hunde ausgerichtete Perspektive einzunehmen, um zu verstehen, wie Hunde diese Signale integrieren, um die Menschen in ihrer Umgebung einzuordnen. In ihrer zukünftigen Arbeit werden sie außerdem vergleichen, wie das menschliche und das Hundegehirn dieselben emotionalen Signale verarbeiten.
„Ich möchte, dass die Menschen Hunde als emotionale Wesen sehen“, sagt Cuaya. „Sie haben sich gemeinsam mit uns weiterentwickelt, um unsere Mimik zu verstehen und mit uns zusammenzuarbeiten, und diese Erkenntnis kann die Art und Weise verändern, wie wir mit ihnen kommunizieren und für sie sorgen.“
Originalpublikation:
Laura V. Cuaya, et al: Dog brain representations of human facial expressions: Encoding happiness and differentiating specific negative expressions. iScience, 2026.
DOI: 10.1016/j.isci.2026.116900
https://www.cell.com/iscience/fulltext/S2589-0042(26)02278-9?_returnURL=https%3A…
11.08.2026, Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
Studie: Größte Artenvielfalt auf Wiesen, Heiden und Magerrasen
Buntes Leben in Hülle und Fülle: Den weltweiten Entwicklungen zum Trotz lebt die biologische Vielfalt im Nationalen Naturerbe der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) auf. Studienergebnisse der Stiftungstochter, dem DBU Naturerbe, aus 64 Gebieten in neun Bundesländern belegen, dass vor allem das Offenland reich an Wildpflanzen ist – Lebensgrundlage für Insekten, Vögel und Säugetiere. Die Daten unterstreichen somit die herausragende Bedeutung von Biotoppflegemaßnahmen für nährstoffarme, sehr trockene und feuchte bis nasse Offenstandorte.
DBU Naturerbe veröffentlicht Jahresbericht 2025
Osnabrück. Hungerkünstler blühen auf im DBU Naturerbe: Einer Studie zufolge gibt es dort ein Fünftel mehr Farn- und Blütenpflanzenarten als auf vergleichbaren, zufällig ausgewählten Flächen in der Umgebung. Ein Grund: Viele Wildpflanzen bevorzugen karge, nährstoffarme Böden und wachsen an sehr trockenen oder ganz nassen Standorten. Während solche Gebiete in der agrargeprägten Landschaft selten geworden sind, sorgt die Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) auf ihren 66 Flächen im Nationalen Naturerbe für deren Erhalt und Entwicklung. Die Studie ist Teil des vom DBU Naturerbe herausgegebenen digitalen Jahresberichts 2025.
DBU-Naturerbe: Artenanzahl um 22 Prozent, Rote-Liste-Arten um 32 Prozent erhöht
Auf einer Gesamtfläche von 63.058 Hektar – kleiner als die Insel Rügen – verfügt das DBU Naturerbe über mehr als die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Farn- und Blütenpflanzen. „Von den auf unseren Flächen des Nationalen Naturerbes rund 1.500 vorkommenden Arten stehen 266 in der Roten Liste Deutschlands“, sagt Susanne Belting, Fachliche Leitung im DBU Naturerbe. Die sogenannten Roten Listen geben Auskunft über die Gefährdungssituation von zum Beispiel Pflanzenarten. Im Vergleich zu ähnlichen Flächen der Umgebung war die Artenanzahl in den 64 untersuchten Gebieten um ein Fünftel (22 Prozent), die der Rote-Liste-Arten sogar um ein Drittel (32) erhöht. „Diese Ergebnisse sprechen für eine hohe biologische Vielfalt auf den DBU-Naturerbeflächen“, so Belting. Die Vielzahl an Pflanzen sei ihr zufolge Nahrungs- oder Fortpflanzungsgrundlage für eine riesige Zahl teils spezialisierter Insekten und anderer Kleintiere, die wiederum zahlreichen Vögeln, Amphibien, Reptilien und Säugetieren als Lebensgrundlage dienen. Belting: „Gleichzeitig sind die Zahlen ein großartiger Erfolg, weil sie bestätigen, dass unsere Strategien im Naturschutzmanagement Wirkung zeigen.“ Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) warnt vor einem weltweiten Rückgang der biologischen Vielfalt. Auch für Deutschland wird die Lage der Biodiversität als dramatisch eingeschätzt, so der Faktencheck Artenvielfalt von 2024.
Größte Pflanzenvielfalt auf nährstoffarmen Böden trockener oder nasser Standorte
Mit der Studie konnte das Naturerbe-Team zudem nachweisen, „dass sich die größte Artenvielfalt und die höchste Anzahl von Rote-Liste-Arten in den vielfältigen Offenlandbiotopen finden – nicht etwa im Wald“, sagt Dr. Charlotte Seifert vom DBU Naturerbe und meint mit Offenland die selten gewordenen Zwergstrauchheiden, Magerrasen, artenreiches Grünland sowie Hoch- und Niedermoore. Sie sind angepasst an nährstoffarme Böden auf besonders trockenen oder ganz nassen Standorten. Solche Bedingungen seien Seifert zufolge in der vielgenutzten „Normallandschaft“ selten geworden. Seifert: „Die dauerhafte Erhaltung dieser besonders gefährdeten Biotope durch Pflegemaßnahmen ist ein wichtiges Ziel der Naturerbe-Entwicklungsplanung.“ Die Pflegemaßnahmen im Offenland reichen von Beweidung mit Pferden, Rindern, Ziegen und Schafen über regelmäßige Mahd bis hin zu Entbuschungsaktionen mit Handsägen, Astscheren, Freischneider und Hacken. Eins haben alle DBU-Naturerbeflächen gemeinsam: „Auf den Wiesen, Weiden und Äckern des DBU Naturerbes kommen weder künstliche Düngemittel noch Pestizide zum Einsatz“, so Seifert. So bleiben die Böden weiterhin nährstoffarm und bieten Lebensraum für Hungerkünstler wie Sand-Strohblume, Frühlings-Adonisröschen und Lungen-Enzian.
Rückblick auf „20 Jahre Nationales Naturerbe“ und praktische Naturschutzarbeit vor Ort
Neben den Studienergebnissen finden Interessierte im digitalen Jahresbericht 2025 Informationen über Naturschutzplanungen und Netzwerkarbeit sowie die wirtschaftliche Entwicklung im DBU Naturerbe. Rückblickend steht das im vergangenen Jahr gefeierte Jubiläum „20 Jahre Nationales Naturerbe“ im Fokus. Aber auch die praktische Naturschutzarbeit vor Ort in Kooperation mit dem Bundesforst kommt nicht zu kurz. So werden Wiesen, Heiden, Magerrasen und andere offene Lebensräume durch Pflege bewahrt, strukturarme Forste zu naturnahen Wäldern umgewandelt, Wälder möglichst ohne menschlichen Eingriff ihrer natürlichen Entwicklung überlassen und Feuchtgebiete sowie Gewässer ökologisch aufgewertet oder erhalten. Wie das gelingen kann, zeigt die Jahresschau mit praktischen Beispielen aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Bayern und weiteren Bundesländern.
Weitere Informationen:
https://www.dbu.de/ne-jahresbericht/jahr-2025/
13.08.2026, Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Natürliches Bioplastik ist Nahrung für Tiere
Eine neue Studie liefert überraschende Erkenntnisse darüber, wie PHA-Kunststoffe in der Natur abgebaut werden.
Auf den Punkt gebracht
Darmloser Wurm: Der winzige Meereswurm Olavius algarvensis besitzt keinen Darm und keine Ausscheidungsorgane, lebt von Bakterien unter seiner Haut und nutzt Polyhydroxyalkanoate (PHA) als Energiequelle.
Verbreitung der Enzyme: Verwandte PHA-abbauende Enzyme fanden sich in über 66 Tierarten aus neun Tierstämmen, darunter Meereswürmer, Seesterne, Regenwürmer und Schwämme.
Nachhaltigkeit und Forschung: Den natürlichen Abbau von PHAs zu verstehen, ist wichtig, um ihre nachhaltige Nutzung als Alternative zu herkömmlichen Kunststoffen zu fördern.
Bioplastik gilt oft als moderne Erfindung. Dabei stellen Mikroorganismen solche Stoffe schon seit langem her. Viele Bakterien und Archaeen produzieren sogenannte Polyhydroxyalkanoate, kurz PHAs. Sie speichern diese natürlichen Kunststoffe in ihren Zellen als Kohlenstoff- und Energiequelle für schlechte Zeiten.
Bisher nahm man an, dass nur die Mikroorganismen selbst diese Speicherstoffe wieder abbauen können. Forschende am Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen zeigen nun: Auch Tiere besitzen dafür die nötigen Werkzeuge. In einer neuen Studie beschreiben sie Enzyme, mit denen Tiere – von Meereswürmern und Seesternen bis hin zu Landbewohnern wie Regenwürmern – mikrobielle PHAs zerlegen können. Über diesen bislang übersehenen Weg kann also Kohlenstoff von Mikroorganismen in tierische Nahrungsketten gelangen.
Wurm mit Untermietern
Die Entdeckung begann mit einem ungewöhnlichen Meereswurm namens Olavius algarvensis. Dieser kleine Wurm hat weder Mund noch Darm. Stattdessen lebt er von verschiedenen Bakterien, die direkt unter seiner Haut sitzen. Der Wurm „züchtet“ diese symbiontischen Untermieter gewissermaßen in seinem Körper – und verdaut sie, wenn er Nahrung braucht. „Einer der bakteriellen Symbionten des Wurms speichert enorme Mengen Kohlenstoff in Form von PHA“, sagt Nicole Dubilier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie und Autorin der Studie. „Wir wollten wissen, ob der Wurm einen Weg gefunden hat, diese energiereiche Reserve zu nutzen.“
Die Antwort lautet: Ja. Das Team fand im Wurm ein Enzym, das mikrobielle PHAs in kleine Bausteine zerlegt. Diese Moleküle können die Tiere anschließend nutzen. Hochauflösende Aufnahmen zeigten zudem, dass das Enzym genau dort gebildet wird, wo der Wurm seine Symbionten verdaut. Das lässt vermuten, dass der Wurm das von seinen Symbionten produzierte PHA nutzen kann.
Verwandte Enzyme in anderen Tieren
Die Forschenden suchten dann in Genomdaten aus dem gesamten Tierreich nach ähnlichen Enzymen – und wurden überraschend oft fündig. Sie entdeckten verwandte Enzyme in mehr als 66 Tierarten aus neun verschiedenen Tierstämmen. Laborexperimente bestätigten, dass auch Enzyme aus sehr weit entfernten Tiergruppen, darunter ein Schwamm, ein Regenwurm und ein Springschwanz, mikrobielle PHAs abbauen können. „Das war die eigentliche Überraschung“, sagt Erstautorin Caroline Zeidler vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie. „Es begann mit einem einzelnen Meereswurm und fand sich dann in ganz unterschiedlichen Tieren.“
Mikrobielle PHAs kommen weltweit in Böden, Sedimenten und Gewässern vor. Sie werden von Mikroorganismen gebildet, wenn sie überschüssigen Kohlenstoff für eine spätere Nutzung speichern. Sie gehören zu den wenigen natürlich vorkommenden Kunststoffen, die vollständig biologisch abbaubar sind. Da PHAs zunehmend als nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Kunststoffen hergestellt werden, ist es wichtig, ihren natürlichen Abbau zu erforschen und zu verstehen.
Die Studie von Dubilier und ihrem Team lässt vermuten, dass Tiere neben Mikroorganismen am Abbau dieser natürlichen Biokunststoffe beteiligt sein könnten. Vor allem aber zeigt sie, dass Tiere auf eine mikrobielle Kohlenstoffreserve zugreifen können, von der man bisher dachte, dass sie nicht nutzbar sei.„Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese mikrobiellen Speicherstoffe nicht nur Nahrung für Mikroben sind“, sagt Autorin Maggie Sogin, die einen Großteil der Studie am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie durchgeführt hat und inzwischen als Assistenzprofessorin an der University of California, Merced, tätig ist. „Bioplastik kann auch Nahrung für Tiere sein, wahrscheinlich schon seit Hunderten von Millionen Jahren, und wir entdecken das erst jetzt.“
Noch ist offen, wie stark dieser Prozess in der Natur zum Kohlenstoffkreislauf beiträgt. Die Entdeckung liefert aber neue Einblicke in das Zusammenspiel von Mikroorganismen und Tieren – und zeigt einmal mehr, dass ungewöhnliche Organismen völlig unerwartete biologische Fähigkeiten ans Licht bringen können.
PHA-Bioplastik
PHAs sind nicht nur mikrobielle Speicherstoffe, sondern werden auch zur Herstellung biologisch abbaubarer Kunststoffe genutzt. In der industriellen Produktion werden Bakterien in großen Fermentern kultiviert und mit Zucker, Stärke oder Pflanzenölen gefüttert. Unter geeigneten Bedingungen speichern sie große Mengen PHA, das anschließend zu kunststoffähnlichen Materialien verarbeitet werden kann.
PHA-Kunststoffe sind formbar, relativ wasserabweisend und vielfältig einsetzbar. Sie werden unter anderem für Lebensmittelverpackungen und Hygieneprodukte benutzt. In der Landwirtschaft können Düngemittel in PHA-Kügelchen eingeschlossen werden, die ihren Inhalt beim Abbau des Plastiks langsam freisetzen. Die Medizin nutzt PHAs für Wundverbände, Systeme zur Medikamentenfreisetzung und als resorbierbare Implantate oder Nähte, die sich im Körper allmählich auflösen.
Besonders interessant ist der biologische Kreislauf der PHAs: Sie werden von Mikroorganismen hergestellt und können auch biologisch wieder abgebaut werden. Trotz dieser Vorteile machen PHAs bislang nur einen kleinen Teil des weltweiten Biokunststoffmarkts aus. Mit der steigenden Nachfrage nach biologisch abbaubaren und biobasierten Materialien sowie dem Ausbau globaler Produktionskapazitäten könnte sich das in den kommenden Jahren ändern.
Originalpublikation:
Caroline Zeidler, et al.
Animal degradation of microbial storage polyhydroxyalkanoates.
Nature Ecology & Evolution; 13 August 2026
DOI: 10.1038/s41559-026-03153-8
13.08.2026, Universität Hamburg
Genetische Faktoren veranlassen männliche Rotrückenspinnen zum „Salto“ bei der Paarung
Männchen der australischen Rotrückenspinne „Latrodectus hasselti“ vollführen während der Paarung einen Rückwärtssalto in die Giftzähne des Weibchens. Eine Studie von Forschenden des Fachbereich Biologie der Universität Hamburg zeigt nun, dass dieses ungewöhnliche Verhalten offenbar auf einer einfachen genetischen Grundlage beruht. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift „Biology Letters“ veröffentlicht.
Bei vielen Spinnenarten kann die Paarung für die Männchen tödlich enden. Denn während oder unmittelbar nach der Kopulation versuchen die Weibchen, ihre Partner zu fressen. Im Laufe der Evolution haben Männchen daher unterschiedliche Strategien entwickelt, um die Paarung zu überleben oder ihre Fortpflanzungschancen zu erhöhen.
Eine besonders ungewöhnliche Strategie zeigt die australische Rotrückenspinne (Latrodectus hasselti), die auch oft als „Schwarze Witwe“ bezeichnet wird. Während der Kopulation vollführt das Männchen einen Rückwärtssalto und bewegt dabei seinen Hinterleib gezielt in Richtung der Giftzähne des Weibchens. Gleichzeitig verengt sich sein Hinterleib während der Paarung stark und soll die Folgen des Bisses minimieren. Männchen, die die erste Begattung überleben und sich ein zweites Mal mit dem Weibchen paaren, können ihr Sperma in beide Samentaschen abgeben und so alle Eier des Weibchens befruchten.
Überraschenderweise fehlen diese männlichen Verhaltensweisen bei der mit der Rotrückenspinne eng verwandten neuseeländischen Spinnenart Latrodectus katipo. Diese Weibchen zeigen keinen sexuellen Kannibalismus. „Da sich die beiden Arten erst vor etwa 100.000 Jahren voneinander getrennt haben, bietet ihr unterschiedliches Paarungsverhalten eine Möglichkeit, die genetischen Grundlagen dieser Verhaltensmuster zu untersuchen“, sagt Kardelen Özgün Uludağ, Doktorandin am Fachbereich Biologie der Universität Hamburg und Erstautorin der Studie.
Kreuzungsexperimente geben Aufschluss über die Vererbung
Um herauszufinden, wie die unterschiedlichen Paarungsverhalten genetisch vererbt werden, kreuzten die Forschenden der Universität Hamburg zusammen mit Forschenden der Universitäten Trier und Rostock zunächst Weibchen von L. katipo mit Männchen von L. hasselti. Die daraus hervorgegangenen Hybrid-Weibchen wurden anschließend erneut mit Männchen einer der beiden Arten gekreuzt. So entstanden Männchen mit unterschiedlichen Kombinationen des Erbguts beider Arten.
Diese Hybrid-Männchen paarten die Forschenden anschließend mit L. katipo-Weibchen. Auf diese Weise konnten sie untersuchen, ob die Männchen den Salto sowie die Verengung des Hinterleibes zeigten.
„Fast die Hälfte der Männchen der dritten Generation vollführte ebenfalls Saltos, zeigte aber keine Verengung des Hinterleibs“, sagt Dr. Jutta Schneider, Professorin am Fachbereich Biologie und Co-Autorin der Studie. „Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die beiden Merkmale genetisch weitgehend unabhängig voneinander vererbt werden. Die für die Verhaltensweisen verantwortlichen genetischen Faktoren könnten daher entweder auf unterschiedlichen Chromosomen liegen oder auf demselben Chromosom so weit voneinander entfernt sein, dass sie bei der Vererbung häufig voneinander getrennt werden.“
Die Studie zeigt damit, dass selbst komplex erscheinende Verhaltensweisen wie der Salto auf einer vergleichsweise einfachen genetischen Grundlage beruhen können. Welche konkreten Gene an der Ausprägung der Merkmale beteiligt sind und wie sich diese im Verlauf der Evolution entwickelt haben, untersuchen die Forschenden derzeit in weiteren Studien.
Originalpublikation:
Kardelen Özgün Uludağ, Vladislav Ivanov, Henrik Krehenwinkel, Jutta M. Schneider; Crossing experiments suggest a simple genetic basis of complex male self-sacrifice phenotypes in widow spiders. Biol. Lett. 1 August 2026; 22 (8): 20260211.
https://doi.org/10.1098/rsbl.2026.0211
13.08.2026, Universität Hohenheim
Insekten & Mähmaschinen: Neue Technik soll Insekten bei der Grünland-Mahd retten
Forschende von Uni Hohenheim und Uni Tübingen wollen Insektensterben auf Wiesen deutlich verringern. Dafür erproben sie zwei neue Techniken: Bügel- und Gebläsescheuchen.
Wenn das Mähwerk durchs hohe Gras fährt, beginnt für zahllose Insekten ein makaberer Wettlauf. Denn schaffen sie es nicht rechtzeitig aus der Gefahrenzone, werden sie vom Mähwerk erfasst und getötet. Millionen Insekten sterben so jedes Jahr bei der Mahd von Grünland. Auf den Versuchsfeldern der Universität Hohenheim in Stuttgart suchen Forschende deshalb nach Möglichkeiten, diese Verluste zu verringern und so die Artenvielfalt zu schützen. Ihre Idee: Insektenscheuchen, die Tiere unmittelbar vor den tödlichen Mähwerken aus der Gefahrenzone retten. Erste Ergebnisse stimmen optimistisch: Vor allem eine Gebläsescheuche scheint viele Insekten erfolgreich zu verscheuchen.
Grünland kann zu den besonders artenreichen Flächen zählen. Doch gerade hier sterben bei jeder Mahd Millionen Zikaden, Fliegen, kleine Wespen, Spinnen und andere wirbellose Tiere.
Dabei geht es nicht nur um das Überleben der Insekten: „Insekten stehen am Beginn der Nahrungskette vieler Tiere“, erklärt Prof. Dr. Johannes Steidle. „Das aktuelle Insektensterben führt unmittelbar dazu, dass zum Beispiel Vögel, Amphibien oder Fledermäuse keine Nahrung mehr finden.“
Neuer Forschungsansatz: Verscheuchen, was man retten will
Ein Forschungsteam der Universitäten Hohenheim (Fachgebiet Chemische Ökologie, Fachgebiet Grundlagen der Agrartechnik) und Tübingen (AG Evolutionsbiologie der Invertebraten) will die Insekten vor der rollenden Todesfalle zukünftig schützen.
„Wir haben bereits in zahlreichen Versuchen im Vorgängerprojekt ‚InsectMow‘ festgestellt, dass sich am Mähwerk selbst nur wenig zum Positiven verändern lässt“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Johannes Steidle, Leiter des Fachgebiets chemische Ökologie an der Universität Hohenheim. „Deshalb verfolgen wir einen anderen Ansatz: Wir versuchen, die Insekten zu retten, indem wir sie unmittelbar vor dem Mähwerk wegscheuchen.“
Dafür testen die Forschenden zwei unterschiedliche Systeme: Eine sogenannte Bügelscheuche fährt mit Metallzinken durch den Grasbestand und bringt die Tiere dazu, wegzuspringen, wegzufliegen oder sich auf den Boden fallen zu lassen. Die sogenannte Gebläsescheuche hingegen arbeitet mit Luft: Ein quer vor dem Mähwerk montiertes Gebläse pustet die Insekten aus der Gefahrenzone.
Die Gebläsescheuche: Eine vielversprechende Kandidatin
Ob die Scheuchen tatsächlich funktionieren, untersuchen die Forschenden in Feldversuchen. Dazu mähen sie eine standardisierte Fläche mit einer der beiden Techniken und fangen unmittelbar darauf alle verbleibenden Insekten, indem sie Quadratmeter große Gazewürfel (auch Biozönometer genannt) auf die Fläche stellen, die sie dann mit einem umgebauten Laubbläser leersaugen. Zusätzliche Netze über und neben dem Mähwerk fangen Tiere auf, die über das Mähwerk flüchten oder zur Seite wegspringen.
Anschließend beginnt die eigentliche Auswertung: Über Monate werden sämtliche Proben sortiert, Spinnen und Insekten bestimmt und gezählt. Erst dann lässt sich vergleichen: Wie viele Tiere sind nach der Mahd ohne Scheuche, mit Bügelscheuche oder mit Gebläsescheuche auf der Fläche verblieben? Und wie viele Tiere sind weggescheucht worden und finden sich in den Netzen über und seitlich des Mähwerks?
„Mit den Ergebnissen aus dem Vorgängerprojekt ‚InsectMow‘ sieht es so aus, als würde die Gebläsescheuche bereits erhebliche Anteile der Insekten seitlich aus dem Gefahrenbereich befördern“, so das Zwischenfazit von Prof. Dr. Steidle. „Ob sich dieser Eindruck bestätigt, wissen wir aber erst genau nach einer detaillierten Auswertung.“
Unsichtbare Zahnräder des Ökosystems
Die Untersuchungen zeigen auch, wie vielfältig das Leben im Grünland tatsächlich ist. Auf einem einzigen Quadratmeter Grünland finden sich nämlich häufig mehrere Hundert Zikaden, Fliegen, Mücken oder parasitische Wespen. Teilweise konnten die Forschenden in Einzelproben sogar mehr als 1.000 Zikaden auf einem Quadratmeter nachweisen.
„Diese kleinen Arten kennt kaum jemand. Trotzdem sind sie unverzichtbar für das Ökosystem. Jede Art ist wie ein kleines Zahnrad, das zum Funktionieren des gesamten Systems beiträgt“, erläutert Prof. Dr. Steidle.
Das Ziel: Von der Forschung zur Standardtechnik
Langfristig sollen Insektenscheuchen zum Standard bei der Grünlandmahd werden. Zunächst richtet sich das Vorhaben vor allem an den ökologischen Landbau. Perspektivisch könnten die Systeme jedoch in der gesamten Landwirtschaft eingesetzt werden und so helfen, die Insektenverluste auf Wiesen deutlich zu verringern.
Das Forschungsprojekt verbindet Agrartechnik und Biodiversitätsforschung an der Universität Hohenheim. Während Ingenieure die Mähtechnik weiterentwickeln, untersuchen Biolog:innen das Verhalten der Insekten und bewerten den Erfolg der verschiedenen Systeme. Gemeinsam wollen sie einen Beitrag leisten, die Artenvielfalt in der Landwirtschaft wirksam und praxistauglich zu schützen.
14.08.2026, Universität Potsdam
Unter Druck – Genomforschung belegt die genetische Verwundbarkeit asiatischer Elefanten
Die DNA der als gefährdet geltenden asiatischen Elefanten erzählt eine besorgniserregende Geschichte: Obwohl alle vier Unterarten unter erheblichem Druck stehen, unterscheiden sie sich deutlich in ihrer genetischen Gesundheit. Ein internationales Forschungsteam zeigt, wie Ganzgenomanalysen präziser identifizieren können, welche Populationen besonders gefährdet sind und wo Schutzmaßnahmen die größte Wirkung entfalten können. Die Ergebnisse der Studie, an der Biologe Dr. Patrick Arnold von der Universität Potsdam beteiligt war, wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Genome Biology and Evolution“ veröffentlicht.
Der Asiatische Elefant (Elephas maximus) lebt in Süd- und Südostasien und wird von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als stark gefährdet eingestuft. Der fortschreitende Verlust des Lebensraums, zunehmende Mensch-Elefant-Konflikte sowie Wilderei führen dazu, dass die Bestände schrumpfen und zunehmend voneinander isoliert werden. Dadurch steigt das Risiko von Inzucht, was den Verlust genetischer Vielfalt und eine geringere Anpassungsfähigkeit der Populationen zur Folge haben kann.
Für die Studie analysierte das internationale Forschungsteam die vollständigen Genome von 81 Asiatischen Elefanten aus allen vier anerkannten Unterarten – darunter auch die seltenen Borneo-Elefanten. Ein Großteil der Blutproben stammt von wild geborenen Tieren, die heute in europäischen und nordamerikanischen Zoos leben. Möglich wurde dies durch die EAZA-Biobank, eine internationale Blut- und Gewebeprobenbank für Zootiere. Die Genomanalysen zeigen deutliche Unterschiede in der genetischen Gesundheit der vier Unterarten. Besonders betroffen ist der Borneo-Elefant: Bei ihm weisen rund 65% des Genoms identische Erbanlagen von beiden Elternteilen auf – ein eindeutiges Zeichen langfristiger Inzucht. Auch Sumatra-Elefanten zeigen mit etwa 35% erhöhte Inzuchtwerte. Demgegenüber weisen die Populationen auf dem asiatischen Festland und auf Sri Lanka deutlich weniger Anzeichen von Inzucht auf (~10%).
„Das Risiko von Inzucht ist gleich doppelt problematisch“, erklärt Jeroen Kappelhof, Erstautor der Studie und Doktorand an der Wageningen Universität, der zugleich am Zoo Rotterdam tätig ist. „Zum einen nimmt die genetische Vielfalt ab. Dadurch fällt es Populationen schwerer, sich an neue Krankheiten oder den Klimawandel anzupassen. Zum anderen steigt durch Inzucht die Wahrscheinlichkeit, dass schädliche Erbanlagen ausgeprägt werden, was zum Beispiel eine verminderte Fruchtbarkeit zur Folge haben kann. Beide Prozesse machen Populationen anfälliger und erhöhen langfristig ihr Aussterberisiko. Deshalb ist es entscheidend, Inzucht frühzeitig zu erkennen.“
Überraschenderweise teilen die vier Unterarten trotz der deutlichen Unterschiede im Inzuchtniveau noch immer einen großen Teil ihrer ursprünglichen genetischen Vielfalt. „Auf einer tiefen evolutionären Zeitskala sind die Borneo-Elefanten genetisch den übrigen Asiatischen Elefanten sehr ähnlich“, schlussfolgert Koautor Dr. Patrick Arnold von der Universität Potsdam, der die Genome der wildlebenden Borneo-Elefanten sequenziert hat. „Die Unterschiede, die wir heute beobachten, sind daher wohl darauf zurückzuführen, dass einige Populationen – insbesondere Inselpopulationen – mehr genetische Variation verloren haben als andere.“ Diese Erkenntnis eröffnet neue Perspektiven für den Artenschutz.
Eine Möglichkeit, die negativen Folgen von Inzucht zu verringern, ist die gezielte Einbringung von Tieren aus einer anderen Population. Dadurch gelangt neue genetische Variation in den Bestand, was die Widerstandsfähigkeit und langfristige Überlebensfähigkeit der Population erhöhen kann. Dieser Ansatz wird als genetische Rettung (genetic rescue) bezeichnet. Für den Borneo-Elefanten sehen die Forschenden darin eine grundsätzlich vielversprechende Option für das Populationsmanagement. Gleichzeitig betonen sie, dass ein solcher Eingriff sorgfältig abgewogen werden muss. So gilt es insbesondere zu vermeiden, dass lokal angepasste genetische Eigenschaften verloren gehen, die für das Überleben in der jeweiligen Umwelt wichtig sind. Bevor entsprechende Maßnahmen verantwortungsvoll umgesetzt werden können, sind daher weitere wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich.
Publikation: https://doi.org/10.1093/gbe/evag183
14.08.2026, Hochschule München
Warum Weberknechte im Dunkeln leuchten
Ein Forschungsteam der Hochschule München (HM), der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und der LMU München hat untersucht, warum Weberknechte im Regenwald fluoreszieren. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, wie Tiere visuelle Signale zur Artenerkennung nutzen.
Im dichten Regenwald Perus zeigen Weberknechte ein auffälliges Naturphänomen: Sie leuchten. Ein Forschungsteam der Hochschule München (HM), der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und der LMU München hat bei nächtlichen Exkursionen mehrere Weberknechtarten entdeckt, deren Rücken bei schwachem Licht bläulich-grün fluoresziert. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht und liefern Hinweise darauf, dass das Leuchten den Tieren bei der Arterkennung helfen könnte.
Lichtverhältnisse im Regenwald untersucht
Einen zentralen Beitrag zur Studie leistete HM-Professorin Martina Schwager. Sie untersuchte mit Fluoreszenzspektroskopie, wie Licht mit den Körperstrukturen der Weberknechte wechselwirkt. Bei diesem analytischen Verfahren der Lichtmikroskopie wird vereinfacht gesagt gemessen, welches Licht eine Struktur zum Fluoreszieren bringt und welches Licht sie anschließend abgibt. Dafür analysierte Schwager zuerst die natürlichen Lichtverhältnisse im Lebensraum der Tiere – also Mond- und Dämmerungslicht unter den spezifischen Bedingungen des tropischen Regenwalds nahe dem Äquator. Anschließend untersuchte sie, welche Anteile dieses Lichts die Fluoreszenz der charakteristischen Rückenmuster auslösen.
Optimal an den Lebensraum angepasst
Die Ergebnisse zeigen: Genau die Lichtanteile, die im Regenwald vorkommen, regen das Leuchten der Weberknechte besonders effektiv an. Die Tiere sind vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv. Darüber hinaus konnte Schwager nachweisen, dass der mehrschichtige Aufbau des Rückens die Fluoreszenz verstärkt, ähnlich wie bei technischen optischen Materialien. Weitere Untersuchungen legen nahe, dass das Leuchten für die Weberknechte selbst gut sichtbar ist.
Kommunikation im Dunkeln
Das Forschungsteam vermutet, dass die fluoreszierenden Muster eine wichtige biologische Funktion erfüllen. Weberknechte könnten sich damit auch bei schlechten Lichtverhältnissen erkennen – ein entscheidender Vorteil für die Partnersuche, da die Tiere vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv sind.
Das Phänomen der Biofluoreszenz ist im Tierreich weit verbreitet, seine Funktion jedoch oft ungeklärt. Die aktuelle Studie liefert nun konkrete Hinweise darauf, wie solche Signale zur Kommunikation innerhalb einer Art beitragen können.
Originalpublikation:
Friedrich, S., Schwager, M., Heß, M., Glaw, F. & Lehmann, T. Evidence for fluorescence-supported species recognition in syntopic harvestmen. Sci Rep 16, 2631 (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-36335-2

