Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

16.03.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Blaubein, Buntbein und Höhlenzwerg: Neun neue Spinnenarten entdeckt
Laos’ Kalksteinhöhlen sind Hotspots der Artenvielfalt: Senckenberg-Arachnologe Dr. Peter Jäger hat dort gemeinsam mit seinem Kollegen Liphone Nophaseud von der National University of Laos neun bislang unbekannte Spinnenarten entdeckt. Sie gehören zu drei Gattungen und zwei Familien; die Spinnenfamilie Ochyroceratidae konnte dabei erstmals für Laos nachgewiesen werden. Unter den Neubeschreibungen befinden sich winzige „Höhlenzwerge“, die ihre Eier oder Jungtiere in den Fangzähnen tragen, Spinnen mit farbig-schillernden Beinen und eine vollständig augenlose Art. Die Studie zeigt, wie wichtig die Karsthöhlen für den Schutz seltener Tierarten sind – und dass dort noch viele Entdeckungen warten.
Die Kalksteinhöhlen in Laos zählen zu den artenreichsten und zugleich empfindlichsten Ökosystemen Südostasiens: In den isolierten Karstlandschaften haben sich zahlreiche spezialisierte und teils ausschließlich dort vorkommende Tierarten entwickelt, die perfekt an Dunkelheit und nährstoffarme Bedingungen angepasst sind. Die Höhlensysteme fungieren damit als bedeutende Rückzugsräume für bedrohte Arten und spielen eine zentrale Rolle für die Biodiversität des Landes. „Wie wenig wir noch über diese Höhlen-Vielfalt wissen, zeigen unsere regelmäßigen Forschungsreisen in die Region. Tourismus und der Abbau von Kalkstein bedrohen die artenreiche Fauna, daher ist eine zeitnahe Dokumentation umso wichtiger“, erklärt Dr. Peter Jäger vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „In einer neuen Studie haben wir insgesamt neun neue Spinnenarten aus den Provinzen Vientiane, Khammouan und Champasak beschrieben sowie die Spinnenfamilie Ochyroceratidae erstmals für Laos nachgewiesen.“
Gemeinsam mit seinem Kollegen Liphone Nophaseud von der National University of Laos hat der Frankfurter Arachnologe die überwiegend in Höhlen lebenden Spinnen eingehend untersucht. „Die von uns ‚Höhlenzwerge‘ getauften Spinnen der Gattung Speocera sind winzige, nur etwa ein Millimeter große Spinnen, die ein interessantes Brutpflegeverhalten aufweisen. Ein Weibchen haben wir in seinem Deckennetz entdeckt, das es in die kleinen Hohlräume eines Stalagmiten gebaut hatte. Dort hielt es nur ein einzelnes Ei vorsichtig mit seinen Mundwerkzeugen fest. Wir erklären uns dieses Phänomen mit der geringen Verfügbarkeit von potenziellen Beutetieren in den Höhlen. So haben weniger, aber größerer Nachkommen eine bessere Chance, zu überleben und eine neue Generation zu bilden“, erläutert Jäger und weiter: „Ein anderes Weibchen konnten wir dabei beobachten, wie es zwei bereits geschlüpfte Jungspinnen mit den Giftklauen trug. Erstaunlich dabei: Die Jungtiere waren kurz nach ihrem Schlupf bereits fast halb so groß wie ihre Mutter.“
Auch Arten der Gattung Sinoderces legen offenbar eine stark reduzierte Anzahl an Eiern und verfolgen so eine ähnliche Strategie wie die Höhlenzwerge.
Aufgrund ihrer farbig schillernden Beine schlägt das laotisch-deutsche Forschungsteam für die Gattung Sinoderces den umgangssprachlichen Namen „Blaubein“ und für die Spinnenarten der Gattung Althepus „Buntbein“ vor.
„Eine der neuen Arten – Sinoderces phoukham oder das Phoukham-Blaubein – ist besonders bemerkenswert, da sie als erste der über 220 Arten der Familie Psilodercidae keine Augen besitzt, eine typische Anpassung an das Leben in Höhlen“, ergänzt Jäger. Die Sinoderces-Arten bauen allesamt extrem fragile Netze, die schon durch leichte Luftbewegungen zerstört werden. Deshalb leben sie nur unter Steinen oder in Höhlen – also in windgeschützten Lebensräumen. Das schränke die Ausbreitung von Sinoderces erheblich ein und könnte ihre starke regionale Begrenzung erklären, so die Forschenden. Die Areale dieser sogenannten Endemiten liegen teilweise nur wenige Kilometer auseinander und beschränken sich in Einzelfällen auf lediglich eine einzelne Höhle oder ein Höhlensystem.
Warum gerade in dieser Region so viele höhlenangepasste Arten vorkommen, sei noch unklar, heißt es in der Studie. Der Frankfurter Arachnologe hierzu: „Eine mögliche Erklärung hängt mit der Klimageschichte von Laos zusammen: Vor etwa 50 Millionen Jahren führte die Hebung des Himalayas zu klimatischen Veränderungen, woraufhin sich eine ausgeprägte Trockenzeit in Laos und benachbarten Ländern entwickelte. Arten, die feucht-warme Bedingungen bevorzugten, wurden möglicherweise in Höhlen zurückgedrängt, wo sie typische Höhlenanpassungen, wie den Verlust von Augen oder Pigmenten, entwickelten.“
Da viele Arten offenbar nur in sehr kleinen Gebieten vorkommen, halten die beiden Forschenden es für sehr wahrscheinlich, dass zukünftig noch zahlreiche weitere Arten in Laos entdeckt werden. „Unsere Neubeschreibungen unterstreichen die große Bedeutung der laotischen Karsthöhlen für den Artenschutz – nicht nur für Spinnen, sondern auch für andere wirbellose Tiergruppen“, resümiert Jäger.
Originalpublikation:
Jäger, P. & Nophaseud, L. (2026) Ochyroceratidae Fage, 1912 and Psilodercidae Machado, 1951 (Arachnida: Araneae) from Laos: nine new species, first records of Speocera Berland, 1914 for Laos and three new sexually dimorphic characters in Sinoderces Li & Li in Liu et al., 2017. Zootaxa, 5769 (1), 1–64. https://doi.org/10.11646/zootaxa.5769.1.1

17.03.2026, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Waldtyp prägt Vogelgemeinschaften das ganze Jahr über
Studie der Universität Jena, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt zeigt Potenzial von KI-gestütztem Vogelmonitoring
Vogelgemeinschaften in Wäldern verändern sich im Laufe des Jahres stark. Dennoch bleiben die Unterschiede zwischen verschiedenen Waldtypen über die Jahreszeiten hinweg deutlich erkennbar. Das zeigt eine neue Studie von Forschenden der Friedrich-Schiller-Universität Jena, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. Für die Untersuchung nutzte das Forschungsteam passive akustische Aufnahmen und wertete diese mithilfe Künstlicher Intelligenz aus. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Forest Ecology and Management“ veröffentlicht.
Vogelmonitoring über das Frühjahr hinaus erweitert
Für das klassische Vogelmonitoring begehen Ornithologinnen und Ornithologen Untersuchungsflächen und erfassen die Arten, die sie sehen oder hören. Solche Kartierungen finden in der Regel im Frühjahr und meist rund um den Sonnenaufgang statt, wenn viele Arten besonders aktiv singen. „Dieses Verfahren liefert jedoch vor allem Einblicke in Vogelgemeinschaften während der Brutzeit“, sagt Erstautorin Esther Felgentreff, Wissenschaftlerin an der Universität Jena und bei iDiv. „Waldvogelgemeinschaften in anderen Zeiten des Jahres werden dabei nicht berücksichtigt.“
Im Rahmen ihrer Doktorarbeit haben Esther Felgentreff und das Forschungsteam diese Perspektive nun deutlich erweitert. In Wäldern rund um Jena setzten die Forschenden auf das sogenannte passive akustische Monitoring. Dafür brachten sie auf den Untersuchungsflächen kleine Aufnahmegeräte des Typs „AudioMoth“ an, die über das Jahr verteilt regelmäßig kurze Tonsequenzen aufzeichneten – rund um die Uhr, viermal jährlich und jeweils über einen Zeitraum von 30 Tagen.
KI wertet große Mengen an Vogelstimmen aus
Die Auswertung der Tonaufnahmen erfolgte mit BirdNET, einer frei verfügbaren, KI-gestützten Methode zur Bestimmung von Vogelstimmen. Während die Anwendung vielen vor allem als App bekannt ist, lässt sie sich auch zur automatisierten Analyse großer Datensätze nutzen. In der Jenaer Studie wurden die automatisierten Ergebnisse zusätzlich stichprobenartig manuell überprüft: Für jede erfasste Art validierte das Forschungsteam bis zu 45 Detektionen. Insgesamt konnten auf diese Weise 58 Vogelarten nachgewiesen werden.
„Gerade diese Kombination aus automatisierter Auswertung und fachlicher Kontrolle macht die Methode für die Forschung besonders interessant“, unterstreicht Prof. Dr. Markus Bernhardt-Römermann, der die Doktorarbeit von Esther Felgentreff betreut. „So lassen sich Vogelgemeinschaften mit vergleichsweise geringem Aufwand über längere Zeiträume und in größerem Maßstab erfassen.“
Jahreszeiten wirken stark – Waldtypen bleiben dennoch unterscheidbar
Wie erwartet erwiesen sich die Jahreszeiten als wichtigster Einflussfaktor auf die Zusammensetzung der Vogelgemeinschaften. Das hängt vor allem mit dem Zugverhalten vieler Arten zusammen: Zahlreiche Brutvögel verlassen die Region im Herbst und überwintern in südlicheren Gebieten, während nur ein Teil der Arten ganzjährig vor Ort bleibt.
Innerhalb der einzelnen Jahreszeiten unterschieden sich die Artenzahlen zwischen Laub-, Laubmisch- und Nadelwäldern nur gering. Deutlich waren jedoch die Unterschiede in der Artenzusammensetzung. So sind etwa Haubenmeise und Tannenmeise typisch für Nadelwälder, während Höhlenbrüter wie Spechte, Baumläufer oder Kleiber stärker auf Laub- und Laubmischwälder mit Totholz angewiesen sind.
Die Ergebnisse unterstreichen damit auch die Relevanz von Entscheidungen im Waldmanagement für Vogeldiversität, insbesondere bei der Wahl der Baumarten – gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Waldumbaus. Ein Mosaik unterschiedlicher Waldstrukturen könnte dazu beitragen, eine hohe Vogeldiversität über das gesamte Jahr hinweg zu fördern.
Vielversprechend für Forschung und Naturschutz
Nach Einschätzung der Forschenden zeigt die Studie, dass passives akustisches Monitoring großes Potenzial für die Biodiversitätsforschung hat. Besonders vorteilhaft ist das Verhältnis von Aufwand und Nutzen: Artenvorkommen lassen sich standardisiert, wiederholt und über große Zeiträume hinweg erfassen.
Gerade in Zeiten des Wandels der Artenvielfalt und schwindender Artenkenntnis könnten solche Verfahren dazu beitragen, Monitoringprogramme auszuweiten. Zugleich bleibt Fachwissen unverzichtbar – etwa für die Validierung der Daten und ihre ökologische Einordnung. Perspektivisch lässt sich der Ansatz auch auf andere lautgebende Tiergruppen wie Fledermäuse oder Heuschrecken übertragen.
Die Studie war Teil des Langzeit-Monitoringprojekts „WZE@Jena“, in dem auf 22 Waldflächen rund um Jena eine Waldzustandserhebung sowie verschiedene Biodiversitätsmonitorings durchgeführt werden. Gefördert wurde die Studie durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
Originalpublikation:
Felgentreff, E. S., Singer, D. & Bernhardt-Römermann, M. (2026): Forest type consistently shapes bird communities across seasons: Insights from passive acoustic monitoring. Forest Ecology and Management 609, 123617. DOI: 10.1016/j.foreco.2026.123617, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0378112726001155

17.03.2026, Ludwig-Maximilians-Universität München
Schwämme im Indopazifik: ein Hotspot des Endemismus
LMU-Geobiologen zeigen mittels genetischer Analysen, dass viele Schwammarten im Indopazifik regional einzigartig sind.
Der Indopazifik ist die größte marine biogeographische Region der Erde und gilt als globales Zentrum mariner Biodiversität. Dennoch ist das Verständnis von Diversität, Ausbreitung und Endemismus vieler Tiergruppen in diesem riesigen Raum bislang lückenhaft, besonders in Bezug auf Schwämme. Dieses Wissen ist jedoch entscheidend, um Veränderungen der Biodiversität langfristig erfassen und bewerten zu können. Ein Team um den LMU-Geobiologen Professor Gert Wörheide hat nun mithilfe genetischer Analysen nachgewiesen, dass es bei Schwämmen ungewöhnlich viele endemische Arten gibt, die nur in einem bestimmten Gebiet des Indopazifiks vorkommen.
Schwämme spielen eine zentrale Rolle in Meeresökosystemen, insbesondere in Korallenriffen, wo sie wichtige ökologische Funktionen übernehmen. Beispielsweise schützen sie exponierte Bereiche durch Überwucherung vor bohrenden Organismen, stabilisieren Korallenfragmente in gestörten Riffen und fördern so deren Konsolidierung. Die Erforschung ihrer Biodiversität ist anspruchsvoll, da viele Arten sich äußerlich kaum unterscheiden und deshalb morphologisch nicht zuverlässig erkannt werden können.
DNA-Barcodes zur Artbestimmung
Eine zuverlässigere Identifizierung erlauben genetische Daten, sogenannte DNA-Barcodes. „Für unsere Studie haben wir die Daten zahlreicher DNA-Barcoding-Kampagnen zusammengeführt und umfassend ausgewertet“, erzählt Professor Dirk Erpenbeck, Erstautor der Studie. Das Untersuchungsgebiet erstreckte sich dabei vom Roten Meer über den Indischen Ozean bis nach Polynesien. Dadurch konnten die Forschenden das bislang größte molekulargenetische Datenset zu Korallenriff-Schwämmen im Indopazifik analysieren.
„Unsere Ergebnisse belegen einen sehr hohen Grad an Endemismus“, sagt Erpenbeck. Zwar fanden die Forschenden faunistische Überschneidungen zwischen dem Roten Meer und dem Persischen Golf, aber mit anderen Regionen des westlichen Indischen Ozeans hatten die Populationen in diesem Gebiet nur wenig gemeinsam. Darüber hinaus identifizierten die Forschenden eine deutliche biogeographische Grenze zwischen dem westlichen Indischen Ozean und dem zentralen Indopazifik. Auch die polynesischen Schwammfaunen erwiesen sich als vergleichsweise isoliert.
Kleinräumige Ausbreitung
„Auffällig ist zudem, dass sich die Ausbreitung von Schwämmen deutlich von der anderer mariner Organismengruppen unterscheidet“, sagt Erpenbeck. Dies hängt vermutlich mit ihrer vergleichsweise kurzen freischwimmenden Larvenphase zusammen: Die meisten Schwämme besitzen nur kurzlebige planktonische Larven, die innerhalb weniger Tage einen geeigneten Siedlungsplatz finden müssen. Deshalb können sie nur schwer große Distanzen überwinden. Zusätzlich fehlen häufig geeignete „Stepping Stones“ wie zusammenhängende Riffstrukturen, sodass die Populationen geographisch isoliert bleiben.
Auch historische geologische Trennungen, etwa während niedriger Meeresspiegelstände, haben nach Ansicht der Forschenden zur langfristigen genetischen Differenzierung und damit zum hohen Endemismus beigetragen.
„Unsere Ergebnisse bestätigen damit frühere Fallstudien, die das häufig postulierte Vorkommen kosmopolitischer, also weltweit verbreiteter Schwammarten infrage stellen“, sagt Erpenbeck. „Der stark ausgeprägte regionale Endemismus, den wir gefunden haben, deckt sich mit ähnlichen Beobachtungen bei anderen wirbellosen Meerestieren und unterstreicht die Notwendigkeit einer regional differenzierten Überwachung der Biodiversität.“
Originalpublikation:
D. Erpenbeck et al.: Barcoding-inferred biodiversity of shallow-water Indo-Pacific demosponges. Journal of Biogeography 2026
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jbi.70171

18.03.2026, Universität Wien
Galápagos-Goldwaldsänger: Gesänge von Männchen und Weibchen haben unterschiedliche Funktionen
Studie stellt Annahmen über Vogelgesang infrage
Jahrzehntelang konzentrierte sich die Vogelgesangsforschung fast ausschließlich auf Männchen. Dabei singen bei vielen Vogelarten auch die Weibchen. Eine neue Studie von Forschenden der Universität Wien und der Anglia Ruskin University zeigt nun, dass weibliche Galápagos-Goldwaldsänger häufig singen – jedoch offenbar aus anderen Gründen als die Männchen. In Experimenten, bei denen territoriale Eindringlinge simuliert wurden, stellten die Forschenden fest, dass der Gesang der Weibchen weder mit Konkurrenz unter Artgenossinnen noch mit der Signalisierung von Aggression zur Revierverteidigung in Verbindung steht. Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift Animal Behaviour veröffentlicht wurden, werfen neue Fragen zur Funktion von Vogelgesang auf.
Vogelgesang wird seit Jahrzehnten untersucht, um die Evolution der vokalen Kommunikation zu verstehen. Der Gesang von Weibchen wurde dabei lange weitgehend übersehen: Einerseits ging man lange davon aus, dass Weibchen in der sexuellen Selektion eine eher passive Rolle spielen. Andererseits konzentrierte sich die Forschung vor allem auf Arten der Nordhalbkugel, bei denen Männchen in der Regel häufiger singen als Weibchen. Neuere Studien, die auf zwei Jahrzehnten intensiver Forschung zum Gesang weiblicher Vögel aufbauen (Siehe https://femalebirdsong.org/), zeigen jedoch, dass weiblicher Gesang deutlich verbreiteter ist als lange angenommen wurde. Er kommt bei mehr als der Hälfte aller Singvogelarten vor, insbesondere in tropischen Regionen. Dennoch ist die Funktion des weiblichen Gesangs bislang kaum verstanden. Nutzen Weibchen ihren Gesang ähnlich wie Männchen – etwa zur Revierverteidigung oder im Wettbewerb mit Rivalinnen?
Über die Studie
Das Forschungsteam untersuchte Galápagos-Goldwaldsänger (Setophaga petechia aureola) auf der Insel Floreana im Galápagos-Archipel. Während einer Expedition im Jahr 2023 hörten die Forschenden einen Gesang, der in bisherigen Studien und Feldführern nicht beschrieben war. Der Ursprung: Ein weiblicher Vogel. Um die Funktion dieses Gesangs zu untersuchen, führten die Forschenden Playback-Experimente durch, bei denen territoriale Eindringlinge simuliert wurden. Sowohl während als auch außerhalb der Brutzeit wurden den ansässigen Vögeln Gesänge von Männchen, Weibchen und Duettpaaren vorgespielt. Die Forschenden achteten auf aggressives Verhalten, zeichneten Gesangsreaktionen auf und beobachteten über mehrere Jahre hinweg Reviere, um zu prüfen, ob Gesang oder Aggression mit dem langfristigen Erhalt eines Reviers zusammenhängen.
Überprüfung gängiger Hypothesen zum Vogelgesang
Die Studie testete zwei verbreitete Hypothesen zur Funktion männlichen Gesangs auch für weiblichen Gesang. Eine Möglichkeit wäre, dass Weibchen Gesang im innergeschlechtlichen Wettbewerb einsetzen, beispielsweise um Aggression gegenüber anderen Weibchen zu signalisieren. Alternativ könnte weiblicher Gesang der Revierverteidigung dienen und Ressourcen vor Eindringlingen beider Geschlechter schützen. Die Daten unterstützen jedoch keine der beiden Hypothesen. Weiblicher Gesang trat vor allem außerhalb der Brutzeit auf. In dieser Zeit reagierten Weibchen zwar deutlich aggressiv auf simulierte Eindringlinge und beteiligten sich auch an vokalen Interaktionen, dennoch zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Gesang und aggressivem Verhalten. „Der Gesang der Männchen stand bei territorialen Begegnungen in engem Zusammenhang mit Aggression“, erklärt Erstautor der Studie Alper Yelimlieş vom Department für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. „Bei den Weibchen hingegen scheinen Gesang und Aggression voneinander unabhängige Verhaltensweisen zu sein.“ Auffällig war außerdem, dass die Weibchen selten allein sangen. Die meisten ihrer Lautäußerungen traten vielmehr als Duette mit ihren Partnern auf und wurden in der Regel vom Männchen initiiert.
Gemeinsames Singen: Kommunikation innerhalb eines Paares
Da der Gesang der Weibchen nicht als aggressives Signal dient, vermuten die Forschenden, dass er stattdessen eine wichtige Rolle in der Kommunikation zwischen Partnern spielt. „Die meisten Gesänge der Weibchen traten als Duette mit ihren Partnern auf. Das deutet darauf hin, dass sie eher der Kommunikation innerhalb des Paares dienen könnten als der Revierverteidigung“, sagt Yelimlieş. „Die Erforschung weiblichen Gesangs ist daher entscheidend für ein vollständiges Verständnis der Evolution vokaler Kommunikation bei Vögeln.“ Mit der Dokumentation weiblichen Gesangs bei Galápagos-Goldwaldsängern trägt die Studie dazu bei, langjährige Vorurteile in der Verhaltensbiologie zu beseitigen.
Originalpublikation:
Yelimlieş, A., Morales, K. A., Akçay, Ç., & Kleindorfer, S., Solo songs, duets and territory defence across seasons in female Galápagos yellow warblers, Setophaga petechia aureola, in Animal Behaviour (2026).
DOI: 10.1016/j.anbehav.2026.123483
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0003347226000205

19.03.2026, Universität zu Köln
Neandertaler könnten Birkenpech zur Behandlung von Wunden genutzt haben
Studie zur Herstellung von Birkenpech und den antibiotischen Eigenschaften gibt Hinweise zu dessen Nutzung zu Zeiten der Neandertaler / Veröffentlichung in „PLOS ONE“
Forschende der Universität Köln, Oxford, Lüttich sowie der kanadischen Cape Breton University haben für eine neue Studie Birkenpech mit Methoden hergestellt, die schon Neandertaler nutzen, um dessen antibakterielles Potenzial zu analysieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bereits Neandertaler das Birkenpech neben der Werkzeugherstellung auch für medizinische Zwecke genutzt haben könnten. Die Studie wurde unter dem Titel „Antibacterial properties of experimentally produced birch tar and its medicinal affordances in the Pleistocene“ im Fachjournal PLOS One veröffentlicht.
Birkenpech ist eine zähflüssige Masse, die aus Birkenrinde gewonnen wird und sich in vielen archäologischen Neandertaler-Fundstellen Europas findet. Da die Birkenpechreste oft direkt an Steinartefakten angebracht sind, gingen Archäolog*innen lange davon aus, dass es hauptsächlich als Klebemittel für die Schäftung genutzt wurde. Schäften ist eine Methode, bei der mehrere Werkstücke, zum Beispiel bei der Werkzeugherstellung, miteinander verbunden werden. „Neue Studien deuten darauf hin, dass das Birkenpech jedoch auch für andere Zwecke genutzt worden sein könnte“, sagt Tjaark Siemssen von den Universitäten Köln und Oxford, der die aktuelle Studie geleitet hat. Ethnographische Befunde aus verschiedensten globalen Kontexten zeigen, dass es unter anderem auch medizinische Anwendung findet. „Da es neben diesen Befunden auch immer mehr Nachweise für medizinische Verhaltensweisen und Pflanzennutzung bei Neandertalern gibt, hat uns die Nutzung des Birkenpechs in diesem Kontext interessiert“, so Siemssen.
Die Forschenden stellten zunächst experimentell Birkenpech aus Birkenarten her, die es bereits zur Zeit der Neandertaler gab. Sie verwendeten dabei gezielt Methoden, die aufgrund früherer archäologischer Funde nachweislich auch bei den Neandertalern geläufig waren. Für ein Verfahren wurde etwa Birkenrinde unterirdisch in einer verschlossenen Grube verbrannt. Der Sauerstoffabschluss führt zu einer Trockendestillation, so dass von der Rinde lediglich das Birkenpech zurückbleibt. Eine andere Methode bestand darin, Birkenpech neben einer harten Oberfläche, beispielsweise einem Stein, zu verbrennen. Im Verlauf dieses Prozesses kondensiert das Pech an der Steinoberfläche.
Die gewonnenen experimentellen Birkenpechproben unterzogen die Forschenden weiteren Tests, um die antimikrobiellen Eigenschaften zu untersuchen. Es zeigte sich, dass alle Proben das Wachstum von Staphyloccocus aureus hemmen. S. aureus ist ein Bakterium, das bei Wundinfektionen eine große Rolle spielt und heute zu den Multiresistenten Krankenhauskeimen zählt. Die antibiotischen Eigenschaften von Birkenpech finden sich quer durch alle Produktionsmethoden. „Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass antimikrobielle Eigenschaften schon zu Zeiten der frühen Neandertalern eine Rolle spielten und gezielt eingesetzt werden konnten“, erläutert Siemssen.
Neben den archäologischen Erkenntnissen, die zu einem besseren Verständnis der Neandertaler-Kultur beitragen, sind die Ergebnisse auch im Hinblick auf die weltweit erhöhten Resistenz von Bakterien gegenüber gängigen Antibiotika relevant. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnen kann, sich intensiver mit gezielt wirkenden Antibiotika aus ethnographischen Kontexten oder, wie hier, auch prähistorischen Kontexten auseinanderzusetzen“, so Siemssen.
Originalpublikation:
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0343618

20.03.2026, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Wenn Tierpersönlichkeit und Umwelt gemeinsam bestimmen, wie Tiere leben
Auf den Punkt:
• Mut bedeutet nicht automatisch ein schnelles und kurzes Leben.
• Persönlichkeit und Lebensgeschichte sind je nach Umwelt unterschiedlich verknüpft.
• Die Futterqualität kann darüber entscheiden, ob Verhaltensunterschiede zu unterschiedlichen Lebensverläufen führen.
Leben „mutige“ Individuen in der Natur — also solche, die eher Risiken eingehen — zwangsläufig schneller und sterben früher? Eine neue Studie in Ecology and Evolution zeigt, dass es so einfach nicht ist: Der Zusammenhang zwischen Risikobereitschaft und Lebensspanne hängt stark von der Umwelt ab.
Wie beim Menschen zeigen auch viele Tiere konsistente Verhaltensunterschiede. Manche Individuen sind durchgängig explorativer, risikofreudiger oder aggressiver als andere — ein Phänomen, das in der Forschung als Tierpersönlichkeit bezeichnet wird. Forschende am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie konnten nun zeigen, dass die Wirkung solcher Persönlichkeitsunterschiede auf die Lebensgeschichte eines Tieres entscheidend von den Umweltbedingungen abhängt. Durch die Beobachtung des gesamten Lebensverlaufs von Hunderten Hausmäusen (Mus musculus domesticus) zeigte das Team, dass manche Tiere „zum Erkunden geboren“ sind — diese Eigenschaft aber nur dann zu einem schnelleren Lebenstempo führt, wenn die Futterqualität geringer ist.
Eine zentrale Frage der Verhaltensökologie
Seit Jahrzehnten diskutieren Ökologinnen und Verhaltensbiologen die sogenannte Pace-of-Life-Syndrome-Hypothese (POLS). Dahinter steht die Annahme, dass Persönlichkeitsmerkmale wie Explorationsverhalten und Risikobereitschaft mit lebensgeschichtlichen Merkmalen wie Wachstum, Fortpflanzung und Überleben verknüpft sind. Theoretisch lassen sich Individuen entlang eines schnell-langsam-Spektrums einordnen. „Schnelle“ Individuen gehen mehr Risiken ein, erschließen Ressourcen rascher, pflanzen sich früher fort, haben aber oft eine kürzere Lebensspanne. „Langsame“ Individuen verhalten sich vorsichtiger, entwickeln sich gradueller und investieren eher in ein längeres Leben mit geringeren Risiken. Persönlichkeit könnte also Teil umfassender Lebensstrategien sein, mit denen Tiere überleben und sich fortpflanzen.
Ob solche Zusammenhänge in natürlichen Populationen tatsächlich konsistent auftreten, ist bislang jedoch offen. Die empirischen Befunde sind widersprüchlich. Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass der ökologische Kontext entscheidend sein könnte, um diese Unterschiede zu erklären.
Vier Populationen, zwei Umweltbedingungen
Um dieser Frage nachzugehen, richteten die Forschenden vier große Populationen ein, in denen Hausmäuse ihr gesamtes Leben weitgehend ungestört verbrachten. Zwei der Gehege erhielten hochwertiges Futter, die beiden anderen Standardfutter und damit eine vergleichsweise nährstoffärmere Umgebung. Über die gesamte Versuchsdauer hinweg erfasste das Team Verhalten und Lebensverlauf aller Tiere — darunter Explorations- und Risikoverhalten, das Alter bei Geschlechtsreife, den Fortpflanzungserfolg und die Überlebensdauer.
Persönlichkeit wirkt nur im passenden Kontext
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der Kontext ist entscheidend. Ein klarer Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensgeschichte trat nur in den Umwelten mit Standardfutter auf. Unter diesen vergleichsweise ungünstigeren Bedingungen zeigten besonders explorative Weibchen eine klassische „schnelle“ Lebensstrategie: Sie wurden früher geschlechtsreif und reproduzierten schneller. Das passt zu der Idee, dass mutiges Verhalten helfen kann, Ressourcen rascher zu erschließen — allerdings um den Preis eines erhöhten Sterblichkeitsrisikos.
Anders sah es aus, wenn hochwertiges Futter verfügbar war. Dann war Explorationsverhalten nicht mehr in gleicher Weise mit der Lebensgeschichte verknüpft. Stattdessen wurden Verhaltensunterschiede relevant, die mit Stressbewältigung zusammenhängen. Individuen, die aktiver mit Stress umgingen, folgten eher einer langsameren Lebensstrategie: Sie verschoben ihre Fortpflanzung nach hinten und lebten länger. Das deutet darauf hin, dass bei reichlich vorhandener Energie andere Verhaltensaspekte — etwa im Umgang mit sozialen oder ökologischen Herausforderungen — stärker prägen, wie Tiere leben.
Warum die Ergebnisse wichtig sind
Insgesamt spricht die Studie dafür, dass der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensentscheidungen nicht fest vorgegeben ist, sondern aus dem Zusammenspiel von Verhaltenstendenzen und Umweltbedingungen entsteht. Vor allem die Qualität der verfügbaren Ressourcen kann darüber entscheiden, ob Persönlichkeitsunterschiede tatsächlich zu unterschiedlichen Lebensverläufen führen. Anders gesagt: Mutig zu sein bedeutet nicht automatisch, schnell zu leben — entscheidend ist der ökologische Kontext.
Für eine breitere Öffentlichkeit eröffnet die Studie einen spannenden Blick darauf, wie die Natur Risiken und Chancen austariert. Für die Forschung ist sie zugleich ein wichtiger Hinweis: Wenn sich in einer Population kein Pace-of-Life-Syndrom nachweisen lässt, heißt das nicht zwangsläufig, dass es nicht existiert — möglicherweise wurde die Umweltvariation einfach nicht ausreichend berücksichtigt.
Originalpublikation:
Darmis, F., and A.Guenther. 2026. “Evidence for Environment-Specific Pace-of-Life Syndromes.” Ecology and Evolution16, no. 3: e73234. https://doi.org/10.1002/ece3.73234.

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