Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

24.11.2025, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Den leisen Pfoten auf der Spur: BUND startet Wildkatzen-Monitoring
Im Winter beginnt für Wildkatzen die spannendste Zeit des Jahres – und für den BUND die Spurensuche
Den leisen Pfoten auf der Spur: BUND startet Wildkatzen-Monitoring / Im Winter beginnt für Wildkatzen die spannendste Zeit des Jahres – und für den BUND die Spurensuche
Schulungen für Citizen-Science-Teilnehmende ab Ende November
Neue Wildkatzen-Nachweise 2025 in drei Bundesländern
Wenn der Winter Einzug hält, beginnt für die Europäische Wildkatze die Paarungszeit. Deshalb kann sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf die Spurensuche nach ihr begeben. Zwischen Januar und März sind die scheuen Tiere besonders aktiv. Die sogenannte Ranzzeit eignet sich ideal für das Lockstock-Monitoring. Mit dieser Methode erfasst der BUND gemeinsam mit zahlreichen Freiwilligen seit Jahrzehnten den Bestand der Wildkatze in Deutschland.
Beim Monitoring werden in ausgewählten Waldgebieten mit Baldrian präparierte Holzstäbe, sogenannte Lockstöcke, aufgestellt. Reiben sich Wildkatzen daran, bleiben Haare hängen, die anschließend genetisch untersucht werden. So lässt sich feststellen, wo die Tiere leben und welche Wanderungen sie unternehmen. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für den Schutz und die Vernetzung ihrer Lebensräume.
„Das Lockstock-Monitoring ist ein Beispiel für erfolgreiche Citizen Science,“ erklärt Anna-Katharina Hannappel, Projektleiterin beim BUND. „Viele helfende Hände leisten einen wertvollen Beitrag dazu, die Rückkehr der Wildkatze wissenschaftlich zu begleiten und unserer heimlichen Waldbewohnerin eine Stimme zu geben.“
Für das Monitoring sind Ausdauer und Naturverbundenheit gefragt: Einmal pro Woche müssen die Freiwilligen alle Lockstöcke kontrollieren. Das findet oft bei frostigen Temperaturen und manchmal im Schnee statt. Die gesammelten Daten fließen in naturschutzfachliche Planungen ein, zum Beispiel in das vom BUND durchgeführte Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“, das im Bundesprogramm Biologische Vielfalt gefördert wird. Ziel des Projekts ist es, Wälder ökologisch aufzuwerten und so die Lebensräume der Wildkatze wiederherzustellen und besser zu vernetzen.
Die Rückkehr der Wildkatze in Deutschland gilt als Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Dank vieler Schutzmaßnahmen breitet sie sich heute wieder aus. In diesem Jahr wurden neue Nachweise unter anderem in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Sachsen bestätigt.
Interessierte können sich jetzt für Schulungen von einigen BUND-Landesverbänden anmelden. „Wer im Winter draußen unterwegs sein möchte, kann Teil unseres Projektes werden“, sagt Hannappel. „Anstatt drinnen zu bleiben, hinterlassen Sie lieber Ihre Spuren im Schnee und helfen, eine faszinierende Wildtierart zu schützen.“

24.11.2025, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Die kleinsten Wächter des Nils: Zooplankton reagiert sensibel auf Wasserkraftwerk
Winzige im Wasser lebende Organismen – das Zooplankton – spielen eine zentrale Rolle in aquatischen Nahrungsnetzen. Das Zooplankton gilt zudem als wichtiger Indikator für die Gesundheit eines Flusssystems: Je größer die Vielfalt dieser Kleinstlebewesen, desto widerstandsfähiger reagiert ein Fluss auf Umweltveränderungen. Doch menschliche Eingriffe wie der Bau von Staudämmen hinterlassen selbst in diesen (mikroskopisch) kleinen Gemeinschaften deutliche Spuren. Das zeigt eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) am Beispiel des Nils.
Das IGB-Forschungsteam Samah Makawi und Prof. Michael Monaghan untersuchte das Zooplankton im Blauen und im Weißen Nil in der Nähe der sudanesischen Stadt Khartum, und zwar von Dezember 2017 bis April 2018 sowie von Oktober 2019 bis März 2020. Beide Zeiträume lagen in der Bauzeit des Grand Ethiopian Renaissance Dams (GERD). Das größte Wasserkraftwerk Afrikas liegt im Blauen Nil und wurde kürzlich im September 2025 eingeweiht.
„Dieser Damm ist ein großer Fortschritt für die Energieerzeugung in der Region. Allerdings wird er voraussichtlich erhebliche Auswirkungen auf das Ökosystem des Flusses haben“, erklärt Samah Makawi. Die gebürtige Sudanesin lehrt an der Universität von Khartum.
Natürliche Schwankungen des Wasserstands und des Nährstoffangebots schaffen Artenvielfalt:
Der Weiße und der Blaue Nil vereinigen sich nahe Khartum zum Hauptstrom. Wie die Studie zeigt, weist der Blaue Nil eine deutlich höhere Diversität und zeitliche Variabilität der Zooplankton-Gemeinschaften auf als der Weiße Nil. Letzterer beherbergt nur etwa die Hälfte der Arten, die im Blauen Nil vorkommen.
Das Forschungsteam führt dies auf die stärkeren natürlichen Schwankungen im Wasserfluss und im Nährstoffangebot des Blauen Nils zurück. Die Wasser- und Nährstoffflüsse im Weißen Nil haben sich dagegen bereits seit mehreren Jahrzehnten durch Staudämme erheblich verändert.
Staudämme beeinträchtigen nicht nur große Fische und Säugetiere sondern auch ganz kleine Lebewesen:
„Der Wasserstand des Nils schwankt naturgemäß stark. Die Lebensgemeinschaften haben sich an die Schwankungen des Wasserflusses, der Sedimentfracht und der Nährstoffe angepasst. Während Wanderfische oft im Mittelpunkt der Auswirkungen von Staudämmen stehen, betrifft der Bau eines Staudamms sogar die kleinsten Organismen, die eine wichtige Rolle für die Wasserqualität und das Nahrungsnetz spielen. Dies konnten wir in unserer Studie für den Weißen Nil nachweisen. Ähnliche Effekte erwarten wir durch den Bau des GERD nun auch im Blauen Nil“, betont Samah Makawi.
Ein Monitoring des Blauen Nils nach dem Bau des Staudamms ist daher wichtig:
Weil viele Zooplankton-Arten extrem klein sind und sich im Wasser nur schwer erfassen lassen, stoßen herkömmliche Methoden zur Biodiversitätsüberwachung schnell an ihre Grenzen. Die Studie verdeutlicht daher auch, wie wertvoll moderne eDNA-Methoden sind: Durch den Nachweis von Erbgutspuren im Wasser können Forschende die Artenvielfalt viel umfassender und schneller bestimmen – und so Veränderungen in einem Flusssystem frühzeitig erkennen.
„Angesichts der anhaltenden Veränderungen des Ökosystems besteht ein Bedarf an einer besseren Überwachung der Biodiversität im Nil-Ökosystem“, sagt Prof. Michael Monaghan, der die Studie leitete und am IGB forscht. „Wir haben festgestellt, dass eDNA-basierte Methoden wichtige Informationen liefern, obwohl tropische Zooplanktonarten in DNA-Datenbanken bisher nur unzureichend vertreten sind. Aufgrund der hohen Sensitivität, Kosteneffizienz und Zeitersparnis kann das eDNA-Metabarcoding ein vielversprechender Ansatz sein, um ein Programm zur Überwachung der Biodiversität zu implementieren, das im Nil im Sudan bisher fehlt.“
Originalpublikation:
Makawi, S. E. M., and M. T. Monaghan. 2025. “ Zooplankton Community Composition in the White and Blue Niles Near Khartoum: Combining Molecular and Morphological Approaches.” Environmental DNA 7, no. 6: e70218. https://doi.org/10.1002/edn3.70218

24.11.2025, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Verborgener Schatz der Tiefsee: Neue Korallenart auf Manganknollen entdeckt
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Senckenberg-Wissenschaftlerin Dr. Nadia Santodomingo und Dr. Guadalupe Bribiesca-Contreras vom britischen National Oceanography Centre (NOC) hat eine neue Art von Tiefseekoralle entdeckt, die auf Manganknollen lebt – denselben mineralreichen Gesteinsbrocken, die weltweit zunehmend das Interesse an Tiefseebergbau wecken. Deltocyathus zoemetallicus – jetzt erstmals in einer Studie im Fachjournal „Zoological Journal of the Linnean Society“ beschrieben – wurde in mehr als 4.000 Metern Tiefe in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) des Pazifischen Ozeans gefunden, als erste bekannte Steinkorallenart, die direkt auf diesen Knollen lebt.
Der Boden der Tiefsee galt früher als flach, schlammig und weitgehend unbelebt. Heute wissen wir jedoch, dass er eine Vielzahl von Lebensräumen und eine reiche Artenvielfalt beherbergt. Doch die Tiefsee ist zunehmend bedroht – durch Herausforderungen wie den Klimawandel, Verschmutzung und Tiefseebergbau. Damit wächst auch die Bedeutung der Tiefseeforschung, um diese wertvollen Ökosysteme besser zu verstehen.
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Guadalupe Bribiesca-Contreras (National Oceanography Centre in Southhampton) und Dr. Nadia Santodomingo vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, hat nun eine neue Steinkorallenart im östlichen Pazifik beschrieben. Ihr Name, Deltocyathus zoemetallicus, spiegelt den einzigartigen Lebensraum dieses Tieres wider – es lebt auf Polymetallknollen (zoemetallicus: zoe = Leben, metallicus = Metall). Die neue Art wurde in Tiefen zwischen 4.150 und 4.250 Metern in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) entdeckt, einem riesigen Meeresgebiet zwischen Hawaii und Mexiko. Die CCZ beherbergt die weltweit größten bekannten Vorkommen von Manganknollen – kartoffelgroße Mineralaggregate, die reich an Mangan, Nickel, Kobalt und anderen Metallen sind, die beispielsweise für Batterien von Elektrofahrzeugen und Technologien für erneuerbare Energien benötigt werden.
„Diese winzige Koralle ist ein verborgener Schatz der Tiefsee“, betont Santodomingo. „Sie lebt direkt auf den Knollen, die für die Industrie abgebaut werden sollen. Wenn diese Knollen entfernt werden, riskieren wir die Auslöschung einer ganzen Art, die wir gerade erst entdeckt haben.“
Im Gegensatz zu Flachwasserkorallen, die häufig symbiotische Algen beherbergen, die ihnen mithilfe sonnenabhängiger Photosynthese Nährstoffe liefern, überlebt Deltocyathus zoemetallicus in völliger Dunkelheit. Die azooxanthellate Steinkoralle hat keine Algenpartner, sondern ernährt sich von Partikeln, die im Wasser treiben. Während mehrerer Expeditionen an Bord der OSV Maersk Launcher und der RRS James Cook sammelten die Forschenden mithilfe von Boxcorern – Sammelwerkzeuge für weiche Meeressedimente – Exemplare der neuen Korallenart sowie Manganknollen, auf denen sie wachsen. Anschließend analysierte das Team die Tiere mit hochauflösenden Bildgebungsverfahren und 3D-Mikro-CT-Scans, um zu bestätigen, dass es sich um eine zuvor noch nicht wissenschaftlich beschriebene Art handelt.
Steinkorallen (Scleractinia) bilden harte Skelette aus Kalziumkarbonat. Während die meisten Menschen sie mit flachen tropischen Riffen verbinden, leben viele Arten – wie Deltocyathus zoemetallicus – in der Tiefsee, ohne jegliches Sonnenlicht. Einige Exemplare der neuen Art wurden in einer Tiefe gesammelt, in der sich Kalziumkarbonat bereits aufzulösen beginnt, der sogenannten Carbonat-Kompensationstiefe. Die Tiere besitzen offenbar besondere Anpassungen, um ihre harten Skelette unter solchen extremen Bedingungen bewahren zu können.
Korallen der Gattung Deltocyathus sind in allen Ozeanbecken zu finden, mit Ausnahme der Arktis und der Gewässer um die Antarktis. Sie besiedeln normalerweise Tiefen zwischen 200 und 1.000 Metern, wobei die tiefste bekannte Art in 5.080 Meter gefunden wurde. Die meisten Deltocyathus-Arten leben frei auf dem Meeresboden und liegen locker auf dem Sediment. Eine Ausnahme bilden die atlantische Art Deltocyathus halianthus sowie nun Deltocyathus zoemetallicus, die sich an harte Substrate anheften.
Ihr Siedeln auf Polymetallknollen markiert eine einzigartige ökologische Beziehung, die zum ersten Mal in dieser Art für eine Tiefsee-Steinkoralle dokumentiert wurde. Da die Knollen nur wenige Millimeter pro Million Jahre wachsen, würde ihre Entfernung durch den Tiefseebergbau nicht nur den Lebensraum der Koralle zerstören, sondern auch jede Möglichkeit zur Wiederbesiedlung verhindern.
„Diese Entdeckung zeigt, wie wenig wir über das Leben in der Tiefsee wissen“, erklärt Bribiesca-Contreras. „Jede neue Art, die wir finden, erinnert uns daran, dass der Meeresboden ein lebendiges Ökosystem ist – und dass noch viel Forschungsarbeit vor uns liegt, um ihn vollständig zu erkunden und zu verstehen.“
Während Regierungen und Unternehmen der Genehmigung des kommerziellen Bergbaus in der CCZ näher kommen, gehört die Entdeckung von D. zoemetallicus zur ständig zunehmenden Zahl von Hinweisen darauf, dass diese abyssalen Ökosysteme einzigartige, verletzliche und größtenteils unentdeckte Biodiversität beherbergen.
„Der Schutz dieser Lebensräume bedeutet nicht nur, eine Koralle zu bewahren“, ergänzt Santodomingo. „Es geht darum, eine ganze Welt von Tiefseeleben zu erhalten, die verschwinden könnte, bevor wir überhaupt wissen, dass sie existiert.“
Originalpublikation:
Guadalupe Bribiesca-Contreras, Nadia Santodomingo et al., Hidden gems of the abyss: first species of azooxanthellate scleractinian coral (Scleractinia: Deltocyathidae) attached to polymetallic nodules in the eastern Pacific Ocean, Zoological Journal of the Linnean Society, Volume 205, Issue 3, November 2025
https://doi.org/10.1093/zoolinnean/zlaf146

24.11.2025, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Fledermäuse vertilgen Schadinsekten über Agrarflächen – wenn ausreichend naturnahe Lebensräume in der Nähe sind
Fledermäuse wie der Große Abendsegler verzehren Schadinsekten über intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen und unterstützen dadurch eine nachhaltige Landwirtschaft. Eine neue Studie unter Leitung von Forschenden des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und der Universität Potsdam zeigt, dass im Nordosten Deutschlands 23 Prozent der von Großen Abendseglern vertilgten Insektenarten Schädlinge sind. Die Landwirtschaft kann von diesem kostenlosen Service der Fledermäuse nur dann profitieren, wenn ausreichend naturnahe Lebensräume in der Nähe der Agrarflächen vorhanden sind. Dort jagen Abendsegler überproportional häufig.
Bur in Kombination mit naturnahen Lebensräumen finden die Fledermäuse in einer intensiv genutzten Agrarlandschaft ausreichend Beute, so die Forschenden in der Fachzeitschrift „Agriculture, Ecosystems and Environment“. Das Team stattete innerhalb von drei Jahren insgesamt 128 Große Abendsegler (Nyctalus noctula) in der Uckermark mit miniaturisierten Sendern aus und nutzten ein automatisiertes Funkpeilsystem, um die Bewegung der Fledermäuse während ihrer Jagdflüge zu verfolgen. Die intensiv genutzte Agrarlandschaft im Nordosten Deutschlands ist mit kleinen naturbelassenen Lebensräumen wie Grasland, Waldstücken, Gewässern und Feuchtgebieten unterschiedlicher Größe durchsetzt. Diese machen zwar weniger als 5 Prozent der Gesamtfläche aus, die Forschenden nahmen jedoch an, dass diese von großer Bedeutung für die Fledermäuse als Jagdlebensraum sind. Um das Beutespektrum der Fledermäuse zu ermitteln, nutzte das Team die Methode des Metabarcoding, mit dessen Hilfe sich über Reste der Insekten-DNA im Fledermauskot die erbeuteten Insekten identifizieren lassen.
Fledermäuse bevorzugen naturbelassene Lebensräume bei der Jagd – und vertilgen häufig für die Landwirtschaft schädliche Insekten
Die Analyse der Bewegungen der Fledermäuse zeigt, dass Große Abendsegler die Lebensräume in der Landschaft nicht proportional zur Häufigkeit dieser Lebensräume nutzen: 55 Prozent der Orte, an denen sich Fledermäuse während der Jagd aufhielten, wurden über Feldern aufgezeichnet. Alle anderen Lebensräume wie zum Beispiel Gewässer (14 Prozent), Siedlungen (14 Prozent), Grasland (10 Prozent) sowie Wald (9 Prozent) wurden sehr viel seltener bei der Nahrungssuche aufgesucht. „Setzen wir allerdings die anteilige Raumnutzung bei der Jagd ins Verhältnis dazu, wie häufig dieser Lebensraumtyp in der Landschaft vorkommt, so zeigt sich, dass Fledermäuse die anderen Landschaftstypen klar bevorzugen, obwohl sie am häufigsten über Feldern anzutreffen sind“, erklärt Marit Kelling, Erstautorin des Aufsatzes und Doktorandin am Leibniz-IZW und der Universität Potsdam. Die landwirtschaftlichen Flächen machen knapp 95 Prozent der Fläche um die Tagesquartiere aus, während beispielsweise Waldstücke und Gewässer jeweils nur knapp 0,5% der Fläche bedecken. Die Großen Abendsegler nutzen die kleinen Reste naturnaher Landschaft also deutlich überproportional; vermutlich, weil sie dort zuverlässiger Nahrung finden.
Da intensiv bewirtschaftete Agrarflächen sind der dominante Lebensraumtyp in der Uckermark sind, jagen die Abendsegler trotzdem am häufigsten über diesen Flächen. „Wir teilten die Flüge anhand ihrer Charakteristik in Transferflüge und Jagdflüge ein und konnten so sehen, dass 55 Prozent der Jagdflüge dennoch über Ackerland stattfinden – was bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Nahrung dort aufgenommen wird“, so Kelling.
Das Team identifizierte 295 unterschiedliche Insektenarten im Kot der Fledermäuse, durchschnittlich 11 unterschiedliche Arten pro Probe. 23 Prozent der identifizierten Insektenarten – 67 Arten – sind als Schadinsekten bekannt: 28 als Agrarschädlinge, 20 als Fortschädlinge und 19 als Insektenarten, die Krankheiten übertragen können. Agrarschädlinge wie der Feldmaikäfer (Melolontha melolontha), die Wiesenschnake (Tipula paludosa) oder der Gerippte Brachkäfer (Amphimallon solstitiale) wurden am häufigsten in den Proben angefunden, im Schnitt fast eineinhalbmal pro Probe.
Kleine naturnahe Habitate – große Wirkung für Tierwelt und Landwirtschaft
„Das Verhalten der Abendsegler bei der Nahrungssuche, das wir in unserer Studie identifizieren konnten, zeigt, wie wertvoll der Erhalt auch kleiner naturnaher Lebensräume innerhalb intensiv genutzter Agrarlandschaften ist“, sagt Prof. Dr. Christian Voigt, Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie am Leibniz-IZW, Professor für Evolutionäre Ökologie am Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam und Seniorautor des Aufsatzes. „Die Fledermäuse vermeiden Agrarland, fressen dort aber aufgrund der Landschaftsstruktur am häufigsten. Die starke Bevorzugung der kleinen Reste naturnaher Grasländer oder Gewässer bei der Nahrungssuche deutet darauf hin, dass sie dort zuverlässiger Nahrung finden. Nur in Kombination mit diesen naturnahen Lebensräumen können die Fledermäuse ausreichend Beuteinsekten finden, da die Insektenbiomasse über den Agrarflächen aufgrund des Pestizideinsatzes in der Regel niedriger ist.“ Der Erhalt dieser naturnahen Lebensräume, etwa auf Toteislöchern (Söllen) in der Uckermark, tragen daher nicht nur zum Erhalt der Fledermäuse bei, sie sind auch für den Erhalt der Service-Leistungen der Fledermäuse beim Verzehr von Schadinsekten von großer Bedeutung. Naturnahe Lebensräume in einer Agrarlandschaft fördern somit eine nachhaltige Landwirtschaft.
Originalpublikation:
Kelling M, Scholz C, Roeleke M, Blohm T, Pufelski J, Nathan R, Toledo S, Jeltsch F, Voigt CC (2025): Pest suppression services of insectivorous bats in intensively managed arable land benefit from adjacent near-natural. Agriculture, Ecosystems and Environment 97,2026,110101. DOI: 10.1016/j.agee.2025.110101

25.11.2025, Universität Wien
Vampire der Tiefsee: Uralte Verbindung zwischen Oktopussen und Tintenfischen
Ein „genomisches lebendes Fossil“ enthüllt, wie die Kraken und Tintenfische vor mehr als 300 Millionen Jahren entstanden sind
In einer in iScience veröffentlichten Studie präsentieren Forscher*innen um Oleg Simakov von der Universität Wien, des National Institute of Technology – Wakayama College (NITW; Japan) und der Universität Shimane (Japan) das bisher größte sequenzierte Genom eines Kopffüßers. Ihre Analysen zeigen, dass der Vampirtintenfisch Teile einer alten, tintenfischähnlichen Chromosomenstruktur bewahrt hat und belegen damit, dass sich moderne Kraken von tintenfischähnlichen Vorfahren entwickelt haben.
Der Vampirtintenfisch (Vampyroteuthis sp.) zählt zu den rätselhaftesten Tieren der Tiefsee. Seinen dunklen Körper, den großen roten oder blauen Augen und den mantelartigen Schwimmhäuten zwischen seinen Armen verdankt er seinen dramatischen Namen – obwohl er kein Blut saugt, sondern sich friedlich von organischen Abfällen ernährt. „Interessanterweise heißt der Vampirtintenfisch im Japanischen ‚kōmori-dako‘, was so viel wie ‚Fledermaus-Oktopus‘ bedeutet“, erklärt Masa-aki Yoshida von der Universität Shimane, einer der drei Hauptautoren des Projekts. Doch hinter seinem Äußeren verbirgt sich ein noch tieferes Geheimnis: Obwohl er zu den Oktopussen zählt, weist er auch Merkmale von Tintenfischen und Sepien auf. Um dieses Paradoxon zu entschlüsseln, hat ein internationales Team unter der Leitung von Oleg Simakov von der Universität Wien zusammen mit Davin Setiamarga (NITW) und Masa-aki Yoshida (Universität Shimane) das Genom des Vampirtintenfischs entschlüsselt.
Ein Blick in die Tiefsee-Evolution
Durch die Sequenzierung des Genoms von Vampyroteuthis sp. rekonstruierten die Forscher*innen ein Schlüsselkapitel der Kopffüßer-Evolution. Die „modernen“ Kopffüßer (Coleoidea) spalteten sich vor über 300 Millionen Jahren in zwei Hauptlinien auf: die zehnarmigen Decapodiformes (Kalmare und Sepien) und die achtarmigen Octopodiformes (Kraken und der Vampirtintenfisch).
Obwohl der Vampirtintenfisch wie ein Krake acht Arme besitzt, teilt er wichtige genomische Merkmale mit seinen zehnarmigen Verwandten. Dadurch nimmt er eine wichtige Stellung zwischen beiden Linien ein. Obwohl er zu den Oktopussen gehört, zeigt sein Genom in der chromosomalen Struktur und Organisation viele ursprünglichere Charakteristika der sich früher abgespalteten Kalmare.
Ein enormes Genom mit uralter Architektur
Mit über 11 Milliarden Basenpaaren ist das Genom des Vampirtintenfischs fast viermal so groß wie das menschliche Genom – das größte jemals analysierte Genom eines Kopffüßers. Trotz dieser Größe weisen seine Chromosomen eine überraschend konservierte Struktur auf. Daher gilt Vampyroteuthis als „genomisches lebendes Fossil“ – ein moderner Vertreter einer uralten Abstammungslinie, der wichtige Merkmale seiner evolutionären Vergangenheit bewahrt hat. Das Forschungsteam fand heraus, dass er Teile eines zehnköpfigen Tintenfisch-ähnlichen Karyotyps bewahrt hat, während moderne Kraken im Laufe der Evolution umfangreiche Chromosomenfusionen und Umstrukturierung durchliefen. Diese konservierte Genomarchitektur liefert neue Hinweise darauf, wie sich die einzelnen Linien der Kopffüßer auseinanderentwickelten. „Der Vampirtintenfisch steht genau an der Schnittstelle zwischen Kraken und Tintenfischen“, sagt der Hauptautor Oleg Simakov vom Department für Neurowissenschaften und Entwicklungsbiologie der Universität Wien. „Sein Genom enthüllt tiefgreifende evolutionäre Geheimnisse darüber, wie zwei auffallend unterschiedliche Abstammungslinien aus einem gemeinsamen Vorfahren hervorgehen konnten.“
Oktopus-Genome bildeten ihre eigene evolutionäre Autobahn
Durch den Vergleich des Vampirtintenfischs mit anderen sequenzierten Arten, darunter dem Hochseeoktopus Argonauta hians, konnten die Forscher*innen die Richtung der Chromosomenveränderungen im Laufe der Evolution nachvollziehen. Das Genom von Argonauta hians („Papierboot“), einem ungewöhnlichen Hochseeoktopus, dessen Weibchen sekundär eine Schale entwickelten, wurde in dieser Studie ebenfalls erstmals präsentiert. Die Analyse legt nahe, dass frühe Coleoidea eine tintenfischähnliche Chromosomenorganisation besaßen, deren Einzelteile im Laufe der Evolution teilweise verschmolzen und sich in das moderne Oktopus-Genom verdichteten – ein Prozess, der als „fusion with mixing“ bekannt ist. Diese irreversiblen Umstrukturierungen führten wahrscheinlich zu wichtigen morphologischen Neuerungen wie der Spezialisierung der Arme und dem Verlust der äußeren Schalen. „Obwohl der Vampirtintenfisch zu den Oktopussen gezählt wird, besitzt er ein genetisches Erbe, das älter ist als beide Abstammungslinien“, ergänzt die Zweitautorin Emese Tóth von der Universität Wien. „Es ermöglicht uns einen direkten Einblick in die frühesten Stadien der Kopffüßer-Evolution.“
Eine grundlegende Erkenntnis der Evolution der Kopffüßer
Die Studie liefert den bisher deutlichsten genetischen Beweis dafür, dass der gemeinsame Vorfahre von Kraken und Tintenfischen tintenfischähnlicher war als bisher angenommen. Sie hebt hervor, dass eine umfassende chromosomale Reorganisation und nicht die Entstehung neuer Gene der Hauptgrund für die bemerkenswerte Vielfalt der modernen Kopffüßer war.
Originalpublikation:
Yoshida, M.A., Tóth, E., Kon-Nanjo, K., Kon, T., Hirota, K., Toyoda, A., Toh, H., Miyazawa, H., Terauchi, M., Noguchi, H., Setiamarga, D.H.E., Simakov, O., Giant genome of the vampire squid reveals the derived state of modern octopod karyotypes, iScience (2025).
DOI: 10.1016/j.isci.2025.113832
https://www.cell.com/iscience/fulltext/S2589-0042(25)02093-0

26.11.2025, Eberhard Karls Universität Tübingen
Flugsaurier und Vögel entwickelten auf unterschiedlichen Wegen flugbereite Gehirne
Internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Tübingen untersucht die Hirnevolution bei fliegenden Reptilien aus der Zeit der Dinosaurier
Ihre Flugfähigkeit erwarben Flugsaurier und Vögel unabhängig voneinander, das war bereits be-kannt. Nun ergab eine neue Studie, dass es auch keine großen Ähnlichkeiten zwischen den Gehir-nen der vor rund 215 Millionen bis 66 Millionen Jahren lebenden Flugsaurier und denen heutiger Vö-gel gibt – wohl aber zu den Gehirnen der Vogelvorfahren, bestimmten Dinosaurierarten, die nicht oder nur eingeschränkt fliegen konnten. Außerdem hatten die Flugsaurier vergleichsweise kleine Gehirne im Verhältnis zu ihrer Körpermasse. Diese Erkenntnis stellt die langjährige Annahme in der Wissenschaft in Frage, dass ein großes Gehirn ähnlich dem der Vögel Voraussetzung für die Fähig-keit zu fliegen sei. Die Studie eines internationalen Teams aus Spezialistinnen und Spezialisten stand unter der Leitung von Dr. Mario Bronzati aus den Geowissenschaften der Universität Tübingen und wurde in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht.
Die Flugfähigkeit entwickelte sich nur dreimal innerhalb der Wirbeltiere: bei Fledertieren, bei Vögeln und bei den ausgestorbenen Flugsauriern. „Die Grundstruktur des Gehirns heutiger Vögel ist klar als Erbe von nicht flugfähigen Dinosaurierverwandten erkennbar“, sagt Professor Lawrence Witmer von der Ohio University, USA, einer der Studienautoren. „Die Hirnstrukturen der Flugsaurier schienen hingegen wie aus dem Nichts entstanden zu sein.“ Diese Tiere waren vor mehr als 215 Millionen Jahren die ersten, die aktiv fliegen konnten, lange vor dem Auftreten der frühesten Vögel. „Erst seit einigen Jahren haben wir Hinweise auf enge Verwandte der Flugsaurier, auf die sogenannten Lager-petiden, kleine, zweibeinige und wahrscheinlich auf Bäumen lebende Tiere“, berichtet Bronzati. Die bisher bekannten Fossilien der Lagerpetiden hätten dabei geholfen, die Veränderungen im Körperbau der Flugsaurier nachzuvollziehen. „Uns interessierten die Veränderungen in ihrer Gehirnanatomie, die mit der Entwicklung des Fliegens zusammenhängen.“
Untersuchung zahlreicher Schädel
In seiner neuen Studie untersuchte das Forschungsteam Schädel von einer ganzen Reihe von Repti-lien, von ausgestorbenen landlebenden Reptilien, wie Flugsaurier und Dinosaurier, bis hin zu heutigen Krokodilen und Vögeln. Mithilfe von computertomografischen Scans vermaßen die Forscherinnen und Forscher die inneren Höhlungen, Vertiefungen und Löcher der Schädel, um die Form, Gestalt und Größe der Gehirne dreidimensional zu rekonstruieren. Unter den untersuchten Schädeln war der vollständigste bekannte versteinerte Schädel eines Lagerpetiden der Art Ixalerpeton pelesinensis, der in Südbrasilien gefunden und auf ein Alter von rund 233 Millionen Jahren datiert wurde.
Die Rekonstruktion ergab, dass die Lagerpetiden, die nächsten Verwandten der Flugsaurier, noch sehr ursprüngliche Reptiliengehirne besaßen, ähnlich dem der frühesten Dinosaurier, die zur glei-chen Zeit lebten. „Allerdings hatten sie bereits ein besseres Sehvermögen entwickelt. Ihre für das Sehsystem zuständigen Hirnlappen, das sogenannte Tectum opticum, waren vergrößert und seitlich angeordnet wie bei den Flugsauriern und den Vogelvorfahren“, sagt Bronzati. „Mit dieser Anpassung konnten sich die Lagerpetiden besser in einer baumbestandenen Umgebung zurechtfinden, und sie wird später vermutlich den Flugsauriern bei der Entwicklung des Fliegens geholfen haben.“ Insge-samt sei die Anatomie des Gehirns bei Flugsauriern und den Dinosauriervorfahren der Vögel ähnlich, berichtet der Studienautor Professor Akinobu Watanabe von der New York University von den ver-gleichenden Analysen. „Bei den heutigen Vögeln sieht sie hingegen anders aus.“
Schnelle Evolution
Der Untersuchung zufolge muss sich die Anatomie des Gehirns der Flugsaurier im Maßstab evoluti-onärer Zeiträume mit der Ausbildung der Flugfähigkeit sehr schnell entwickelt haben, sagt Bronzati. „Dies geschah mindestens 50 Millionen Jahre früher, als sich die Flugfähigkeit in der Abstammungs-linie von Dinosauriern zu Vögeln herausbildete.“ Das sei erstaunlich, da Fliegen eine physiologisch anspruchsvolle Art der Fortbewegung sei. „Flugsaurier hatten viel kleinere Gehirne als Vögel, was beweist, dass man zum Fliegen kein großes Gehirn braucht“, setzt der Studienautor Professor Matteo Fabbri von der Johns Hopkins University, USA, hinzu. Eine besondere Eigenschaft des Flug-sauriergehirns sei ein vergrößerter Flocculus, das ist eine Struktur des Kleinhirns, die mit der Verar-beitung von Sinnesinformationen zusammenhängt. Diese kamen von den membranbespannten Flü-geln und halfen den Tieren, ihre Augen im Flug fest auf ihr Ziel zu richten. „Bei heutigen Vögeln ist hingegen vor allem das Großhirn stark vergrößert, was darauf hindeutet, dass sie über ausgeprägte-re kognitive Fähigkeiten verfügen, etwa ein komplexes Sozialleben haben, höhere Fertigkeiten und Intelligenz“, sagt der Forscher.
„Funde aus Südbrasilien liefern beeindruckende Einblicke in die Ursprünge großer Tiergruppen wie Dinosaurier und Flugsaurier. Jeder neue Fossilfund bringt uns der Vorstellung näher, wie ihre frühen Verwandten aussahen – ein Wissen, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war“, erklärt der Studienautor Dr. Rodrigo T. Müller von der Universidade Federal de Santa Maria in Brasilien. „Die paläontologische Forschung gibt immer wieder faszinierende Einblicke in die Kraft der Evolution. Dazu haben unsere Forscherinnen und Forscher eine breite und tiefe Expertise aufgebaut“, sagte Professorin Dr. Dr. h.c. (Dōshisha) Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen.
Originalpublikation:
Mario Bronzati, Akinobu Watanabe, Roger B. J. Benson, Rodrigo T. Müller, Lawrence M. Witmer, Martín D. Ezcurra, Felipe C. Montefeltro, M. Belén von Baczko, Bhart-Anjan S. Bhullar, Julia B. Desojo, Fabien Knoll, Max C. Langer, Stephan Lautenschlager, Michelle R. Stocker, Alan H. Turner, Ingmar Werneburg, Sterling J. Nesbitt, Matteo Fabbri: Neuroanatomical convergence between pter-osaurs and non-avian paravians in the evolution of flight. Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.10.086

26.11.2025, Veterinärmedizinische Universität Wien
Zu wenig Wasser macht fett – Forscher:innen entdecken Zusammenhang
Wasser ist lebenswichtig. Wie sich der Wasserhaushalt auf wild lebende Tiere und Menschen auswirkt, untersuchte eine im „Journal of Internal Medicine“ erschienene internationale One-Health-Studie unter Beteiligung des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Demnach wirken beim Menschen vermutlich bei zu wenig Wasseraufnahme ganz ähnliche Mechanismen wie bei Wildtieren, die Winterschlaf halten.
Laut den Forscher:innen ergeben sich daraus wichtige Erkenntnisse zum besseren Verständnis von Übergewicht und Fettleibigkeit beim Menschen: Die Beobachtung, dass Wassermangel ein Stimulus für die Fettspeicherung im Winterschlaf sein kann, ist für die Fettleibigkeit beim Menschen von Bedeutung – insbesondere in Reaktion auf Salz und Zucker. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr könnte demnach schützend wirken. Die Studie liefert außerdem Erkenntnisse darüber, wie Glucagon-ähnliche Peptid-1-Agonisten zu Gewichtsverlust führen können.
In ihrer Studie analysieren die Forscher:innen jene biologischen Mechanismen, mit denen Tiere einer Dehydrierung vorbeugen – ein wichtiges One-Health-Thema für Tiere und Menschen, insbesondere vor dem Hintergrund von steigenden Temperaturen und Wasserknappheit. Fett und Glykogen produzieren während des Verstoffwechselns Wasser, welches einer Reihe an Tieren als Wasserquelle dienen kann. Bei Tieren, die Winterschlaf halten, läuft dieser Prozess folgendermaßen: Im Herbst wird die Fettproduktion durch einen Vasopressin-abhängigen, kohlenhydratbasierten Stoffwechsel angeregt. Dieser führt zu Durst, erhöhter Wasseraufnahme und der Speicherung von Glykogen und Fett. Im Laufe des Herbstes stellen die Tiere mit sinkendem Vasopressin-Spiegel dann auf einen fettbasierten Stoffwechsel um, wodurch potentiell der Eintritt in den Winterschlaf ausgelöst werden kann – eine Zeit, in der Wasser nicht mehr verfügbar ist.
Im Winterschlaf: Wasserproduktion aus Fett
Sobald der Zustand des Winterschlafs eintritt, wird durch den Fettstoffwechsel metabolisches Wasser gebildet, während gleichzeitig die Vasopressin-Ausschüttung unterdrückt wird und die Osmolalität des Serums sinkt, was wiederum das Durstgefühl unterdrückt. Dazu Studien-Co-Autorin Johanna Painer-Gigler vom FIWI der Vetmeduni: „Wir vermuten, dass die Wasserproduktion aus Fett aber nicht mit dem Bedarf Schritt halten kann und sich als Folge der Hypoventilation auch eine respiratorische Azidose entwickelt. Das führt zur Notwendigkeit während des Winterschlafs aufzuwachen. Diese Zwischenerwachungen (interbout arousals; IBA), bei denen sich das Tier durch einen Wechsel zum Kohlenhydratstoffwechsel wieder aufwärmt, resultieren in einem raschen Anstieg der Wasserverfügbarkeit aus dem Abbau von Glykogen, was die zur Korrektur der Azidämie erforderliche Ventilation erleichtert. Das Tier fährt danach seinen Stoffwechsel wieder herunter, sodass der Fettstoffwechsel des Winterschlafs fortgesetzt werden kann.“
Ausreichend Wasser als Schutz vor Fettleibigkeit beim Menschen?
Die Beobachtung, dass Fettleibigkeit einen natürlichen Zweck erfüllt – nämlich das Überleben zu sichern, insbesondere durch Wasserspeicherung in Zeiten der Knappheit –, könnte für das Verständnis der Fettleibigkeit beim Menschen von Bedeutung sein. Da Menschen ihr Gewicht normalerweise recht gut regulieren können, gibt es wahrscheinlich eine Art von Dysregulation, welche die Speicherung von Fett auslöst. „Unsere Forschung legt nahe, dass sowohl Fruktose aus der Nahrung als auch endogene Fruktose diese Dysregulation durch eine Veränderung der Leptin-Signalübertragung vorantreiben. Darüber hinaus fördert Fruktose die Vasopressin-Produktion und den Durst, ein Prozess, der durch Salzaufnahme zusätzlich stimuliert wird“, erklärt Studien-Co-Autorin Szilvia Kalgeropoulu vom FIWI.
Daher ist wenig überraschend, dass die meisten Menschen mit Adipositas erhöhte Vasopressin-Spiegel im Blut aufweisen und auch Anzeichen von Dehydrierung zeigen, wie z. B. erhöhte Serumosmolalität. Laut den Forscher:innen ist eine solche erhöhte Serumosmolalität ein starker Prädiktor für Stoffwechselerkrankungen, während eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr den Copeptinspiegel und den Plasmaglukagonspiegel senken kann.
Klimaerwärmung, Wassermangel, Adipositas und Peptid-1-Agonisten
Die Aufrechterhaltung einer ausreichenden Hydratation in einem sich verändernden, wärmer werdenden Klima scheint für eine gute Gesundheit von entscheidender Bedeutung zu sein. Tatsächlich können Personen, die klinisch gut hydriert erscheinen, aber ihren normalen Wasserhaushalt hauptsächlich durch Vasopressin-Stimulation und andere Mechanismen zur Wassereinsparung aufrechterhalten, ein erhöhtes Risiko für Adipositas und Stoffwechselerkrankungen aufweisen. „Vor diesem Hintergrund könnte die Wirksamkeit von Glucagon-ähnlichen Peptid-1-Agonisten bei der Reduzierung von Fettleibigkeit teilweise auf ihre bekannte Fähigkeit zurückzuführen sein, die Vasopressin- und Glucagonproduktion zu hemmen“, betonen Johanna Painer-Gigler und Szilvia Kalgeropoulu. Das Forscher:innen Team arbeitet interdisziplinär, bestehend aus Humanmediziner:innen, Veterinärmediziner:innen und Biolog:innen zusammen an einem biomimetischen Ansatz.
Originalpublikation:
Der Artikel „Water scarcity and conservation and their role in obesity in nature and in humans“ von Richard J. Johnson, Johanna Painer-Gigler, Szilvia Kalgeropoulu, Sylvain Giroud, Paul G. Shiels, Mehmet Kanbay, Ana Andres-Hernando, Bernardo Rodriguez-Iturbe, Miguel A. Lanaspa, Peter Stenvinkel und Laura G. Sánchez-Lozada wurde im „Journal of Internal Medicine“ veröffentlicht. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/joim.70003

26.11.2025, Deutsche Wildtier Stiftung
Nachts funkeln statt Sternen die Lichterketten
Deutsche Wildtier Stiftung: Fünf Maßnahmen gegen Lichtverschmutzung schützen Wildtiere
Straßenbeleuchtung, grelle Reklame, angestrahlte Gebäude und Plätze: Der nächtliche Sternenhimmel ist an vielen Orten nicht mehr zu sehen. In der Advents- und Weihnachtszeit verschärft sich diese Lichtverschmutzung noch einmal. Leuchtgirlanden in Einkaufsstraßen, blinkende Lichterketten auf Balkonen und sogar illuminierte Baukräne lassen die Nächte hell erstrahlen. Was festlich wirkt, gefährdet zahlreiche Wildtierarten – nicht nur, aber vor allem auch zur Weihnachtszeit. „In den Ballungsgebieten sind die Nächte viel zu hell. Für viele Wildtiere hat diese Lichtverschmutzung mitunter tödliche Folgen“, sagt Julia-Marie Battermann, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung.
Denn die biologischen Rhythmen zahlreicher Arten geraten durch künstliche Beleuchtung aus dem Takt: Blaumeisen beginnen unter zu viel Lichteinfluss verfrüht mit der Fortpflanzung. Ihre Küken schlüpfen dann im Frühjahr zu einem Zeitpunkt, an dem noch zu wenige Insekten als Nahrung verfügbar sind. Zugvögel wie Rotkehlchen oder Waldschnepfen verlieren bei nächtlichen Flügen die Orientierung, verfliegen sich und verlieren dadurch wertvolle Zeit und Energie. Nachtaktive Insekten, die auch in milden Winternächten unterwegs sind – Wintermücken, Florfliegen oder überwinternde Nachtfalter – umkreisen Lichtquellen bis zur tödlichen Erschöpfung. Sie fehlen dann als Bestäuber und als Nahrung für andere Tiere. Regenwürmer, die Licht über Sinneszellen in der Haut wahrnehmen und ab etwa zehn Grad aktiv sind, ziehen sich bei bodennaher Beleuchtung tiefer in den Erdboden zurück. Das kann die Bodenbelüftung und Humusbildung beeinträchtigen.
Die Deutsche Wildtier Stiftung empfiehlt Kommunen und Privatpersonen konkrete Schritte für weniger Lichtverschmutzung und mehr Schutz für Wildtiere:
1. Licht gezielt einsetzen: Nur notwendige Bereiche beleuchten. LEDs verwenden, da sie praktisch keine UV-Strahlung abgeben, und Modelle mit maximal 2.700 Kelvin wählen, die ein warmweißes Licht erzeugen. Darauf achten, dass das Licht nicht nach oben oder zur Seite abstrahlt. Bodenstrahler in Gärten und an Hecken vermeiden, da sie bodenlebende Tiere beeinträchtigen.
2. Beleuchtungszeiten begrenzen: Zeitschaltuhren oder Bewegungsmelder nutzen, um Licht nur bei Bedarf einzuschalten – etwa in den frühen Abendstunden. Beleuchtung am späten Abend und in der Nacht möglichst komplett ausschalten.
3. Weihnachtsbeleuchtung bewusst nutzen: Warmweiße und energiesparende Lichterketten und Festbeleuchtung nutzen und sparsam einsetzen sowie spätestens um Mitternacht ausschalten.
4. Vorhandene Beleuchtung überprüfen: Wo kann Licht abgeschirmt, gedimmt oder reduziert werden? Müssen (Klein-)Gärten beleuchtet werden, wenn niemand vor Ort ist? Ist grelles Licht am Hauseingang notwendig?
5. Gemeinsam aktiv werden: Nachbarn, Hausgemeinschaften und Kommunen ansprechen und mit ihnen nach Möglichkeiten zur Reduzierung von Lichtverschmutzung suchen. Bereits kleine Anpassungen tragen dazu bei, die Nächte wieder dunkler, natürlicher und damit sicherer für Wildtiere zu gestalten.

27.11.2025, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Fledermäuse in Siedlungen meiden Straßenlicht beim Pendeln zwischen Quartier und Jagdlebensraum
Einige Fledermausarten suchen tagsüber Unterschlupf in Dachstühlen großer, zumeist historischer Gebäude innerhalb menschlicher Siedlungen, obwohl sie in der Nacht im dunklen Umland nach Insekten jagen. Dies erfordert tägliches Pendeln zwischen teils hell erleuchtetem Siedlungsbereich und dunklem Jagdlebensraum. Ein Team am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) wies nach, dass Große Mausohren (Myotis myotis) – die größten heimischen Fledermäuse – beim Pendeln durch Siedlungsgebiete bevorzugt wenig ausgeleuchtete Bereiche nutzen.
Das Team plädiert in der Fachzeitschrift „Science of the Total Environment“ für den Erhalt und Ausbau von dunklen Korridoren in Siedlungen zum Schutz nachtaktiver Tiere. Die Forschenden um Erstautor Dr. Daniel Lewanzik und Projektleiter Prof. Christian Voigt vom Leibniz-IZW statteten Große Mausohren in drei Ortschaften in Baden-Württemberg und Thüringen mit miniaturisierten, hochauflösenden GPS-Empfängern aus. Nach wenigen Tagen nahmen sie die Empfänger wieder ab und analysierten die täglichen Routen der Fledermäuse beim Pendeln zwischen Tagesquartieren und Jagdgebieten. Insgesamt 38 Pendelrouten konnten die Forschenden rekonstruieren und mit Umweltvariablen – beispielsweise der Anzahl von Straßenlaternen und der Art ihres Lichts, der Vegetation, der Versiegelung und der Nähe zu Gewässern – in Zusammenhang setzen. „Unsere Analysen zeigen, dass die Fledermäuse keine zufällige Route durch das Siedlungsgebiet wählten, sondern dunkle Bereiche in möglichst großer Distanz zu Straßenlaternen nutzten“, erklärt Lewanzik, der mittlerweile Mitarbeiter am Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist. Dieses Meidungsverhalten gegenüber Straßenlaternen zeigten die Fledermäuse an allen drei untersuchten Standorten.
Landschaft und Vegetation beeinflussen Flugverhalten
Die Analysen zur Wechselwirkung der Bewegungen mit Landschaftsmerkmalen ergaben weitere Hinweise zum Flug des Großen Mausohrs durch das Siedlungsgebiet: In allen drei Untersuchungsgebieten flogen die Fledermäuse häufig entlang von Vegetation an Gewässern. „Dabei suchten sie vermutlich nicht direkt die Nähe zum Wasser, sondern nutzten die Flüsse und Bäche vielmehr als natürliche Dunkel-Korridore“, erklärt Lewanzik. In den beiden größeren Siedlungen zeigte sich zudem, dass die Fledermäuse unversiegelte Bereiche bevorzugten; Bereiche mit mehr als 50 Prozent Versiegelungsgrad wurden kaum noch überflogen. „Eine enge Bebauung sowie eine starke Ausleuchtung von Straßen, Gehwegen und selbst Grünanlagen lässt den Großen Mausohren nur noch schmale Korridore für die Pendelflüge zwischen Quartieren und Jagdlebensräumen“, fasst Voigt zusammen.
Dass diese Fledermausart sich dennoch regelmäßig in Gebäuden, teilweise sogar im Zentrum einer Siedlung ihr Tagesquartier sucht, hat historische Ursachen: Lokale Mausohrkolonien entwickeln über Jahrzehnte hinweg eine hohe Treue gegenüber ihren Quartieren, mitunter nutzen sie über viele Generationen – teilweise jahrhundertelang – die Dachstühle alter Kirchen oder Schlösser. Der Ausbau der Straßenbeleuchtung hat jedoch erst im letzten Jahrhundert in den Siedlungen stark zugenommen. An den Ortsrändern sind zudem in den vergangenen 50 Jahren neue Siedlungen entstanden. Dadurch hat auch die Lichtverschmutzung weiter zugenommen.
Empfehlungen für die Stadt- und Regionalplanung
Die fortschreitende Urbanisierung ist für viele Wildtiere einschließlich der lichtempfindlichen Fledermäuse eine Herausforderung. Sollten Dunkelkorridore zunehmend heller erleuchtet werden, könnten die siedlungsgebunden Fledermäuse gezwungen sein, ihre Kolonien aufzugeben, so das Autorenteam. Einen Ersatz hierfür gibt es jedoch nicht notwendigerweise. Gleiches könnte passieren, wenn Städte wachsen, aber Dunkelkorridore dabei nicht mitgedacht werden. In der Stadt- und Regionalplanung sei daher darauf zu achten, dass dunkle Grünkorridore, die naturbelassene Gebiete verbinden, erhalten oder sogar ausgebaut werden. Künstliches Licht, insbesondere in Grün- und Parkanlagen, aber auch darüber hinaus, sollte auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt werden. Auf diese Weise könne der negative Einfluss der Urbanisierung auf die Artenvielfalt abgemildert werden.
Das dieser Publikation zugrundeliegende Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unter dem Förderkennzeichen 01|O2104A gefördert.
Originalpublikation:
Lewanzik D, Melber M, Scholz C, Schüll I, Zebele M, Brandt M, Schumann A, Düsing K, van den Bogaert V, Greving H, Thomas J, Hensle E, Voigt CC (2025): Urban sprawl and light pollution disrupt commuting corridors of urban-roosting bats. Science of the Total Environment 1008, 181019. DOI: 10.1016/j.scitotenv.2025.181019

27.11.2025, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Wie einige Hunde zu „Wort-Genies“ werden
Dr. Ute Schönfelder Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Eine internationale Studie unter Beteiligung der Universität Jena zeigt: Neugier, Fokus und die Fähigkeit Verhalten zu unterdrücken prägen eine außergewöhnliche Lernfähigkeit von Hunden
Hunde, die Hunderte von Objekten allein anhand ihres Namens erkennen können, sind extrem selten. Ein internationales Forschungsteam der University of Portsmouth und der „HundeStudien“-Arbeitsgruppe der Universität Jena hat nun erstmals untersucht, welche Merkmale diese sogenannten Label-Lerner von anderen Hunden unterscheiden. Ihre soeben im Fachmagazin „Nature Scientific Reports“ veröffentlichte Studie zeigt, dass Neugier, gezielter Fokus und kontrolliertes Verhalten entscheidend dafür sind, dass einige wenige Hunde lernen können, dass Objekte Namen haben.
„Nicht jeder Hund kann eine so große Vielfalt an Objekten unterscheiden – diese Fähigkeit ist extrem selten und scheint eine natürliche Begabung zu sein“, sagt Dr. Juliane Kaminski von der University of Portsmouth, die die Studie gemeinsam mit Dr. Juliane Bräuer von der Universität Jena leitete.
Citizen-Science-Projekt mit Hunden aus fünf Ländern
Für die Untersuchung suchte das Forschungsteam weltweit nach Label-Lernern – und fand insgesamt elf geeignete Hunde aus Großbritannien, den USA, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland. In einem Vortest mussten die Tiere zeigen, dass sie Objekte zuverlässig anhand ihres Namens auswählen können.
Weil diese speziellen Hunde weit voneinander entfernt leben, wurde das Projekt als Citizen-Science-Studie durchgeführt: Die Besitzer filmten ihre Hunde in acht standardisierten kognitiven Tests, u. a. zu Problemlöseverhalten, Lernfähigkeit, Gedächtnisleistung und Reaktionen auf neue Objekte. Parallel führte das Forschungsteam dieselben Tests mit einer Kontrollgruppe aus gleichaltrigen, vergleichbaren Hunden ohne besondere Label-Lernfähigkeit durch.
Die Auswertung ergab deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Neben Neugier – einem außergewöhnlich starken Interesse an neuen Objekten – zeichneten sich die Label-Lerner auch durch eine besondere Aufmerksamkeit auf einzelne Gegenstände und die Fähigkeit aus, spontane Präferenzen zu unterdrücken.
„Mich überrascht nicht, dass diese Unterdrückung spontaner Präferenzen eine Rolle spielt“, sagt Dr. Juliane Bräuer, die kürzlich mit ihrer Arbeitsgruppe vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie an die Universität Jena gewechselt ist. „Die meisten Hunde können Lieblingsobjekte kaum ignorieren – das erschwert ihnen das Lernen.“
Bedeutung für Assistenzhunde-Forschung
Die Ergebnisse der aktuellen Studie haben auch praktische Relevanz. Sie könnten Grundlage für künftige Verfahren sein, die schon bei jungen Hunden Hinweise auf besondere Lernfähigkeit liefern – etwa für den Einsatz als Assistenz- oder Therapiebegleithunde. Die Forschenden der Uni Jena untersuchen aktuell neben der Objektbenennung u. a., wie Hunde menschliche Emotionen lesen und wie sich Mensch-Hund-Interaktionen kulturell unterscheiden.
Teilnahme an zukünftigen Studien
Die Arbeitsgruppe „HundeStudien Jena“ sucht permanent neue Probanden: Hunde und ihre Besitzerinnen oder Besitzer, die sich registrieren lassen, um dann zu Tests eingeladen zu werden. Informationen finden sich unter https://www.fsv.uni-jena.de/66220/hundestudien. Anmeldungen sind unter juliane.braeuer@uni-jena.de möglich.
Für weitere Studien zu Label-Lernern sucht das Forschungsteam außerdem Hunde, die diese außergewöhnlich Fähigkeit besitzen. Besitzerinnen und Besitzer solcher Hunde können sich melden unter: findingricodogs@gmail.com.
Originalpublikation:
Kaminski, J., Capitain, S., Kühr, F. et al. What makes a dog a label-learner: individual cognitive differences underlying label-learning abilities in domestic dogs (Canis familiaris). Sci Rep 15, 41616 (2025). https://doi.org/10.1038/s41598-025-25646-5

27.11.2025, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Später als gedacht: Hauskatze erreichte Europa erst vor 2000 Jahren
Genomische Analysen von Katzenfunden aus knapp 100 archäologischen Fundstätten aus Europa und Anatolien zeigen: Die Hauskatze kam offenbar erst vor rund 2000 Jahren aus Nordafrika nach Europa und nicht wie bisher angenommen mit jungsteinzeitlichen Ackerbauern und Viehzüchtern aus dem Vorderen Orient im 7. Jahrtausend vor heute. Die Studie wurde heute in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlicht.
Katzen gehören zu den beliebtesten Haustieren und sind heute weltweit bis in die entlegensten Gegenden verbreitet. Geschätzt wird ihre Zahl auf etwa eine Milliarde. Frühere Studien konnten zeigen, dass die Hauskatze Felis catus von der nordafrikanischen Wildkatze Felis lybica lybica abstammt. Außerdem belegen archäologische Funde, dass sich Katzen schon vor fast 10.000 Jahren dem Menschen angeschlossen haben, jedoch ist die komplexe Geschichte ihrer Domestikation, insbesondere die geographische Region, der Zeitpunkt und die Umstände ihrer Ausbreitung, bis heute weitgehend ungeklärt. Das hängt auch damit zusammen, dass archäologische Funde von Katzen selten und das Zuordnen von Knochenfragmenten zur Wild- oder Haustierform problematisch sind.
Ein internationales Forscherteam konnte nun mithilfe genetischer Analysen nachweisen, dass Hauskatzen nicht wie bisher angenommen vor 6000 bis 7000 Jahren mit jungsteinzeitlichen Bauern aus dem Vorderen Orient nach Europa gelangten. Vielmehr wurden sie erst mehrere Jahrtausende danach, vor etwa 2000 Jahren, nach Europa eingeführt, und zwar aus Nordafrika. Diese Schlussfolgerung beruht auf der Analyse der DNA-Proben von 225 Katzen aus 97 archäologischen Fundstätten in Europa und Anatolien. Dabei konnten die Forschenden insgesamt 87 Genome von alten sowie heutigen Katzen generieren, wobei die ältesten untersuchten Proben etwa 11.000 Jahre alt sind.
An der Konzeption der Studie maßgeblich beteiligt war SNSB Paläoanatom Prof. Joris Peters von der Staatssammlung für Paläoanatomie sowie der LMU München, zusammen mit den Leitern der Studie Prof. Claudio Ottoni von der Universität Tor Vergata in Rom und Prof. Wim van Neer vom Royal Belgian Institute of Natural Sciences, Brüssel. Die Münchner Sammlung trug zudem wichtiges Probenmaterial für die Studie bei.
Erstmals finden sich genetische Belege, dass der geografische Ursprung der heutigen Hauskatzen in Nordafrika und nicht wie bisher angenommen im Vorderen Orient liegt. Die Forschenden vermuten, dass es Seefahrer waren, die vor etwa 2000 Jahren Katzen von dort nach Europa brachten. Sie identifizierten zwei genetisch unterschiedliche Populationen aus Nordafrika. Die erste gelangte nach Sardinien und begründete die heute noch dort lebenden Wildkatzen-Population auf der Insel, während die zweite zur Römerzeit das europäische Festland erreichte und erheblich zum Genpool moderner Hauskatzen beigetragen hat.
„Die nordafrikanischen Wildkatzen haben sich aufgrund des reichhaltigen Angebots an Ratten und Mäusen oder Fischereiabfällen wohl dauerhaft in getreideanbauenden Siedlungen bzw. in Hafenvierteln aufgehalten und sich so an die Nähe des Menschen gewöhnt. Wir vermuten daher, dass Wildkatzenpopulationen aus unterschiedlichen Regionen und Kulturkreisen Nordafrikas an dem komplexen Domestizierungsprozess beteiligt waren. Eine der künftigen Forschungsaufgaben wird es somit sein, die Frühphase der Katzenhaltung in Nordafrika geografisch und zeitlich weiter einzugrenzen sowie die soziokulturellen und wirtschaftlichen Gründe zu klären, die zu ihrer Haustierwerdung und anschließend weltweiten Verbreitung geführt haben,“ sagt Prof. Joris Peters, Leiter der Staatssammlung für Paläoanatomie München.
Originalpublikation:
M. De Martino et al. The dispersal of domestic cats from North Africa to Europe around 2000 years ago. Science 390, eadt 2642 (2025). DOI: 10.1126/science.adt2642
https://www.science.org/doi/10.1126/science.adt2642

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