Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

28.06.2021, Naturhistorisches Museum Wien
Fossiler Schatz im Naturhistorischen Museum Wien entdeckt: neue Meereskrokodile aus der frühen Kreidezeit
Alte Sammlungen sind immer für Überraschungen gut! Wissenschafter des Naturhistorischen Museums Wien, des Naturkunde-Museums Bielefeld, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, des Instituts für Geological Engineering aus Tschechien und der School of GeoSciences aus England entlocken fossilen Zähnen von kreidezeitlichen Urkrokodilen neue Erkenntnisse.
Schon im Jahr 1912 gelangten mit verschiedenen Meeresfossilien auch zwei rund 2 cm große Zahnkronen aus den Steinbrüchen der tschechischen Stadt Štramberk ans Naturhistorische Museum Wien, wo sie vorerst ohne nähere Bestimmung in die Sammlung aufgenommen wurden. Mehr als hundert Jahre später erkannte Sven Sachs vom Naturkunde-Museum Bielefeld während einer Studienreise ans NHM Wien die wahre Natur der 138 Millionen Jahre alten Fossilien. Die Zähne stammen von Vertretern der ausgestorbenen Meereskrokodile der Familie Metriorhynchidae. Ihren Namen verdanken diese Meeresreptilien ihrer nur moderat verlängerten Schnauze. Gemeinsam mit den Dinosauriern, Flugsauriern, Krokodilen und Vögeln gehören sie zur Gruppe der Archosaurier. Die Metriorhynchidae waren ein wichtiger Bestandteil in seichten marinen Ökosystemen des mittleren Jura bis in die frühe Kreidezeit. Sie waren von Nord- und Südamerika bis hin zum europäischen Archipel verbreitet und gehörten zu den am besten an das Leben im Wasser angepassten Archosauriern. Die Tiere waren bis zu 7 Meter lang und hatten zu Flossen umgewandelte Gliedmaßen.
Nun untersuchte ein internationales Team um Alexander Lukeneder, Paläontologe am Naturhistorischen Museum Wien, gemeinsam mit Daniel Madzia, Sven Sachs, Mark T. Young und Petr Skupien, die historischen Funde neu. Analysen des Zahnschmelzes zeigen, dass die Zahnkronen zu zwei verschiedenen Tieren gehörten: Plesiosuchus und Torvoneustes. Beide Gattungen hatten unterschiedliche Ernährungsweisen. So jagte Plesiosuchus andere Meeresreptilen wie Pliosaurier, während Torvoneustes auf Fische und Ammoniten spezialisiert war.
Die neu beschriebenen Exemplare aus dem Naturhistorischen Museum Wien gehören zu den geologisch jüngsten Vertretern der metriorhynchiden Krokodile weltweit. Noch während der Kreidezeit, lange vor dem Aussterben der Dinosaurier, verschwanden diese Meeresreptilien.
Die Studie zeigt die Bedeutung von isolierten Zahnfossilien für die Rekonstruktion vergangener Lebensräume und unterstreicht das große Potenzial von historischen naturwissenschaftlichen Sammlungen für die moderne Forschung. Auch Jahrzehnte nach der Akquise vermögen neue Methoden oder der Besuch von Spezialist*innen den Sammlungen neue Informationen zu entlocken.
Originalpublikation:
Madzia, D., Sachs, S., Young, M.T., Lukeneder, A., Skupien, P. 2021. Evidence of two lineages of metriorhynchid crocodylomorphs in the Lower Cretaceous of the Czech Republic. Acta Paleontologica Polonica.
https://doi.org/10.4202/app.00801.2020

28.06.2021, Universität Basel
Ungewöhnliche Beute: Spinnen fressen Schlangen
Es gibt Spinnen, die Schlangen fressen. Das zeigen Beobachtungen in verschiedenen Teilen der Welt. Zwei Forscher aus Basel und den USA haben über 300 Berichte über dieses spezielle Beuteschema zusammengetragen und analysiert.
Spinnen sind zur Hauptsache Insektenfresser, sie erweitern ihren Speiseplan aber, indem sie gelegentlich kleine Schlangen fangen und fressen. PD Dr. Martin Nyffeler, Spinnenforscher an der Universiät Basel, und der amerikanische Schlangenforscher Prof. Dr. Whitfield Gibbons von der University of Georgia, USA, sind diesem Phänomen im Rahmen einer sogenannten Meta-Analyse auf den Grund gegangen. Ihre Erkenntnisse aus der Untersuchung von 319 Vorfällen dieses aussergewöhnlichen Fressverhaltens sind jüngst im «Journal of Arachnology» erschienen.
Demnach kommt es auf sämtlichen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis vor, dass Spinnen auch Schlangen fressen. 80 Prozent der untersuchten Vorfälle sind in den USA und in Australien beobachtet worden. In Europa liess sich dieses Fressverhalten von Spinnen hingegen bisher nur ganz selten feststellen – das heisst in weniger als 1 Prozent der berichteten Vorfälle – und beschränkt sich auf den Verzehr von winzigen, ungiftigen Schlangen der Familie Blindschlangen (Typhlopidae) durch kleine Netzspinnen.
Schwarze Witwen sind besonders erfolgreich
In der Schweiz wurde noch nie eine Spinne beobachtet, die eine Schlange frass. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die einheimischen Nattern und Vipern auch als frisch geschlüpfte Jungtiere zu gross und zu schwer sind, als dass schweizerische Spinnen sie überwältigen könnten.
Die Datenanalyse zeigte weiter, dass Spinnen aus elf verschiedenen Familien in der Lage sind, Schlangen zu erbeuten und zu fressen. «Dass so viele verschiedene Spinnengruppen gelegentlich Schlangen fressen, ist eine völlig neue Erkenntnis», betont Nyffeler.
In etwa der Hälfte aller beobachteten Vorfälle waren Schwarze Witwen aus der Familie Kugelspinnen (Theridiidae) die erfolgreichen Jägerinnen. Ihr potentes Gift enthält ein Toxin, welches spezifisch auf das Nervensystem von Wirbeltieren einwirkt. Zudem bauen diese Spinnen Netze aus extrem reissfester Spinnseide, mit welchen sie auch grössere Beutetiere wie Eidechsen, Frösche, Mäuse, Vögel und eben Schlangen fangen können.
Fette Beute
Eine weitere neue Erkenntnis aus der Meta-Analyse: Spinnen können Schlangen aus sieben verschiedenen Familien überwältigen. Sie sind in der Lage, Schlangen zu bezwingen, die 10- bis 30-mal grösser sind als sie selber.
Die grössten von Spinnen erbeuteten Schlangen sind bis zu einem Meter lang, die kleinsten nur etwa 6 Zentimeter. Die mittlere Länge der erbeuteten Schlangen betrug gemäss den statistischen Auswertungen der beiden Forscher 26 Zentimeter. Die meisten erbeuteten Schlangen waren sehr junge, frisch geschlüpfte Tiere.
Mögliche Erkenntnisse über die Wirkung von Spinnengift
Eine Vielzahl von Spinnenarten, welche gelegentlich Schlangen töten und fressen, verfügen über Gifte, die auch für den Menschen tödlich sein können. Die Gifte verschiedener Spinnenarten wirken also in ähnlicher Weise auf das Nervensystem von Schlange und Mensch. Deshalb können Beobachtungen über wirbeltierfressende Spinnen auch für die Neurobiologie bedeutungsvoll sein, da sie Rückschlüsse auf den Wirkungsmechanismus von Spinnenneurotoxinen auf Nervensysteme anderer Wirbeltierarten gestatten.
«Während die Wirkungsweise des Gifts von Schwarzen Witwen auf das Nervensystem von Schlangen bereits gut erforscht ist, fehlt solches Wissen noch weitgehend für andere Spinnengruppen. Es besteht also noch grosser Forschungsbedarf, um herauszufinden, welche spezifisch auf das Nervensystem von Wirbeltieren wirkenden Giftkomponenten dafür verantwortlich sind, dass Spinnen wesentlich grössere Schlangen durch einen Giftbiss lähmen und töten können», sagt Martin Nyffeler.
Auch Giftschlangen sind Opfer
Die erbeuteten Schlangen sind allerdings selbst alles andere als wehrlos: Etwa 30 Prozent gehören zur Gruppe der Giftschlangen. In den USA und Südamerika werden gelegentlich hochgiftige Klapper- und Korallenschlangen von Spinnen getötet. In Australien fallen oft Scheinkobras (brown snakes), welche zur selben Familie wie die Kobras gehören, Rotrückenspinnen (Australische Schwarze Witwen) zum Opfer. Martin Nyffeler sagt: «Diese Scheinkobras gehören zu den giftigsten Schlangen der Welt, und es ist sehr faszinierend zu beobachten, dass sie im Kampf mit Spinnen jeweils unterliegen.»
Essen auf Vorrat
Wenn eine Spinne eine Schlange erbeutet hat, frisst sie oft stunden- bis tagelang an einem solch «fetten Happen». Spinnen sind Tiere mit einem unregelmässigen Fressrhythmus: Bei hohem Nahrungsangebot fressen sie im Übermass, um dann wieder lange Zeit zu hungern. Überschussnahrung speichern sie als Energiereserve und nutzen sie zur Überbrückung längerer Hungerperioden.
Dennoch frisst eine Spinne oft nur einen kleinen Teil einer toten Schlange. Was übrig bleibt, wird später von Aasfressern wie Ameisen, Wespen, Fliegen und Schimmelpilzen konsumiert.
Originalpublikation:
Martin Nyffeler and J. Whitfield Gibbons
Spiders (Arachnida: Araneae) feeding on snakes (Reptilia: Squamata)
Journal of Arachnology (2021), doi: 10.1636/JoA-S-20-050
https://doi.org/10.1636/JoA-S-20-050

28.06.2021, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Neue Werkzeuge für Forschung zur Pandemieprävention: DNA-Sequenzierung aus Wasser- und Blutegel-Blutproben
Unter der Leitung des Leibniz-IZW prüfte ein Wissenschaftsteam, ob Wasser aus afrikanischen und mongolischen Wasserlöchern sowie Blutproben von Blutegeln aus Südostasien Säugetierviren enthielten. Die Wissenschaftler*innen analysierten die Proben mittels Hochdurchsatz-Sequenzierung, um bekannte und bisher unbekannte Viren zu identifizieren. Dies könnte eine wirksame Methode des Virennachweises sein – die betreffenden Säugetiere müssten dafür nicht erst aufgespürt und gefangen werden. Beide Ansätze erwiesen sich als geeignete Werkzeuge für die Forschung zur Pandemieprävention, da sie das Auffinden und Überwachen von Reservoiren für Wildtierviren ermöglichen.
Unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) prüfte ein Wissenschaftsteam, ob Wasser aus afrikanischen und mongolischen Wasserlöchern sowie Blutproben von Blutegeln aus Südostasien Säugetierviren enthielten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten die Proben mittels Hochdurchsatz-Sequenzierung, um bekannte und bisher unbekannte Viren zu identifizieren. Dies könnte eine wirksame Methode des Virennachweises sein – die betreffenden Säugetiere müssten dafür nicht erst aufgespürt und gefangen werden. Beide Ansätze erwiesen sich als geeignete Werkzeuge für die Forschung zur Pandemieprävention, da sie das Auffinden und Überwachen von Reservoiren für Wildtierviren ermöglichen. So wurde beispielsweise ein bisher unbekanntes Coronavirus identifiziert, das wahrscheinlich mit südostasiatischen Hirschen assoziiert ist. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Methods in Ecology and Evolution“ veröffentlicht.
Es ist eine große Herausforderung, die Reservoire von Wildtierviren wie SARS-CoV-2 – für welches der Ursprung noch immer unbekannt ist – zu finden und zu überwachen. Viele Gebiete, die von Wildtieren bewohnt werden, sind schwer zugänglich und die betreffenden Arten schwer zu finden oder zu fangen. Um Pandemien wie COVID-19 in Zukunft zu verhindern, werden also dringend neue und effektive Methoden zur Entdeckung und Überwachung von in Wildtieren zirkulierenden Viren benötigt. Neue Ansätze, die auf Umwelt-DNA (eDNA) basieren, könnten in Verbindung mit Hochdurchsatz-Sequenzierung das verfügbare Instrumentarium erweitern, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Diesen Ansatz testete das Wissenschaftsteam mithilfe von Wasserproben aus Wasserlöchern und Proben von Blutmahlzeiten von Blutegeln, um darin nach Viren von Säugetieren zu suchen, die möglicherweise ins Wasser ausgeschieden oder von den Blutegeln aus den Säugetierwirten aufgenommen worden waren. Da Viren-DNA in Umweltproben üblicherweise von geringer Quantität und Qualität ist, verwendeten die Wissenschaftler*innen einen modernen „Hybridisierungs-Bindung“-Ansatz, um die Viren-DNA anzureichern. Diese Methode erlaubte es ihnen, sowohl bekannte also auch bisher unbekannte Viren im Wasser wie in den Blutegelproben nachzuweisen und zu identifizieren.
Die DNA aus Wasserproben zeigte mehrere Viren auf, die bei Zebras und Wildeseln vorkommen. Dies war zu erwarten, da diese Tiere die Wasserlöcher häufig in großer Zahl besuchen. Im Fall der Viren, die in afrikanischen Wasserlöchern gefunden wurden, zeigten die Autoren in einer vorangegangenen Publikation, dass die Viren auch im Wasser noch immer infektiös sind, was darauf hindeutet, dass das Wasser selbst die Viren übertragen könnte. In den Blutegeln aus Südostasien wurden mehrere bekannte sowie neuartige Viren identifiziert. Von besonderem Interesse ist ein bisher unbekanntes Coronavirus, welches möglicherweise eine neue Gattung in der Familie der Coronaviridae darstellt und mit Hirscharten assoziiert zu sein scheint.
„Bei vielen der tödlichsten Viren wie Ebola ist ihr genauer Ursprung noch immer unbekannt“, sagt Prof. Alex Greenwood, Leiter der Abteilung für Wildtierkrankheiten. „Die aktuelle Pandemie zeigt, dass wir noch sehr wenig über die virale Vielfalt in der Natur wissen. Neue Methoden könnten uns helfen, bisher unbekannte Viren und ihre potenziellen Wirte zu identifizieren ¬– ohne die üblichen logistischen und ethischen Probleme, die mit der direkten Entnahme von Wildtierproben verbunden sind.“ Umwelt-DNA wurde bereits für viele wissenschaftliche Fragestellungen verwendet. So konnte zum Beispiel die biologische Vielfalt in unzugänglichen Regionen erfasst werden. Neuerdings dienen diese Umwelt-DNA Quellen somit auch der Pathogenforschung. Umwelt-DNA aus Wasser und von blutsaugenden wirbellosen Tieren kann in verschiedenen Umgebungen nützlich sein. „Wasser ist eine essenzielle Ressource für das Leben und, besonders in Gebieten mit saisonaler Trockenheit, ein Konzentrationspunkt für Tiere“, sagt Greenwood.
„An Land lebende Blutegel sind in Gebieten in Südostasien, in den schon früher häufig neue Viren entdeckt wurden, sehr häufig. Ihre Blutmahlzeiten können sowohl zur Identifizierung ihrer Säugetierwirte als auch der im Säugetierblut enthaltenen Erreger verwendet werden“, erläutert Dr. Niccolò Alfano, ein ehemaliger Postdoktorand der Abteilungen für Wildtierkrankheiten und Ökologische Dynamik am Leibniz-IZW, der jetzt an der Universität Pavia in Italien arbeitet. „In den Blutegelproben identifizierten wir Säugetierviren aus fünf verschiedenen Virusfamilien und über 50% der Proben enthielten nachweisbare Säugetierviren. Einige davon, wie ein Circovirus oder ein Annellovirus, konnten dem Bartschwein und dem Malaienbär zugeordnet werden, ihren Säugetierwirten, die auch in den Blutegelproben nachgewiesen wurden. Am interessantesten war die Entdeckung eines neuartigen Coronavirus, da dies zeigte, dass wir mit unserer Methode in der Lage sind, bisher unbekannte virale Erreger zu entdecken, die in Wildtieren zirkulieren“, so Alfano weiter. Dies kann helfen, potenziell infektiöse Viren in einem frühen Stadium zu identifizieren und somit ein entscheidender Beitrag dafür leisten, zukünftige Epidemien zu verhindern.
Um die neu entdeckten Viren zu charakterisieren, zum Beispiel durch die Sequenzierung ihrer kompletten Genome und die Bestätigung der Wirtsvirusbeziehungen, ist weiterführende Forschung nötig. Wo es keine Wasserlöcher oder Blutegel gibt, könnten der Boden (oder Sedimente in ausgetrockneten Flussläufen), Fäkalien und andere blutsaugende Insekten weitere Quellen für Nukleinsäuren darstellen, die als Ergänzung zu direkten Tierproben verwendet werden könnten. Dies könnte die Fähigkeit verbessern, Viren zu entdecken und zu überwachen.
Originalpublikation:
Alfano N, Dayaram A, Axtner, J. Tsangaras, K. Kampmann, M.-L., Mohamed, A., Wong, S.T., Gilbert, M.T.P. Wilting, A., Greenwood, A. D. (2021). Non-invasive surveys of mammalian viruses using environmental DNA. METHODS ECOL EVOL, doi:10.1111/2041-210X.13661

28.06.2021, Ein Atlas des Hummelgehirns
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Vom Gehirn der Erdhummel gibt es jetzt einen dreidimensionalen Atlas. Mit ihm lässt sich künftig noch besser erforschen, wie Nervenzellen miteinander verschaltet sind und wie sie Informationen verarbeiten.
Die Erdhummel Bombus terrestris gehört zu den häufigsten Hummelarten in Europa. Sie ist nicht nur in der Natur als Bestäuberin aktiv – der Mensch setzt sie auch in Gewächshäusern und Folientunneln ein, um gute Ernten bei Tomaten oder Erdbeeren zu bekommen.
In der Wissenschaft wird die Erdhummel ebenfalls genutzt: „Der Grundlagenforschung dient sie zunehmend als Modellorganismus, um Lernen und Gedächtnis, das Sehsystem, Flugkontrolle und Navigationsfähigkeiten zu analysieren“, sagt Professor Keram Pfeiffer, Neurobiologe vom Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.
Pfeiffer erforscht die neuronalen Grundlagen der räumlichen Orientierung von Insekten. Zusammen mit seiner Doktorandin Lisa Rother und einem internationalen Team stellt er im Fachjournal Cell and Tissue Research jetzt den ersten Atlas eines Erdhummelgehirns vor, der auf computertomographischen (CT) Daten basiert.
Beteiligt an der Arbeit waren auch Nadine Kraft und Emmy-Noether Gruppenleiter Dr. Basil el Jundi (beide JMU) sowie die Forscher Dr. Richard J. Gill und Dr. Dylan Smith vom Imperial College in London.
Daten von zehn Hummelgehirnen gemittelt
Zur Erstellung des Atlas nahm das Forschungsteam zehn Köpfe von Erdhummeln mittels Mikro-CT auf. Daraus extrahierte es zunächst die Bilddaten, die die Gehirne zeigen. In jedem dieser Bilddatenstapel wurden manuell 30 Gehirnregionen der Hummel dreidimensional rekonstruiert. Auf dem Hochleistungsrechner-Cluster Julia der JMU wurde dann aus den zehn Datensätzen eine Art „Standardgehirn“ berechnet, das auf den Mittelwerten basiert.
Das Ergebnis kann man in der öffentlich zugänglichen Datenbank insectbraindb ansehen: https://hdl.handle.net/20.500.12158/SIN-0000010.3
„Der Atlas dient Forschungsarbeiten, bei denen neuronale Schaltkreise analysiert werden. Die Funktionsprinzipien solcher Schaltkreise sind oft allgemeingültig, sie treten also zum Beispiel auch beim Menschen auf“, erklärt Pfeiffer.
Mikro-CT bietet Vorteile
Ähnliche Gehirnatlanten gibt es bereits von einer Reihe anderer Insektenarten. Sie alle haben aber nicht Mikro-CT-Aufnahmen als Datenbasis, sondern eine Kombination aus Immunfärbungen von Synapsenregionen und Konfokalmikroskopie.
Gegenüber der Mikro-CT hat diese Technik zwei Nachteile: Erstens ist die Auflösung in der z-Richtung (von vorne nach hinten) viel geringer als die seitliche Auflösung. Zweitens muss ein Gehirn für Immunfärbungen präpariert werden. Dabei können vor allem die äußeren Hirnregionen beschädigt werden und sich in ihrer Lage verschieben.
Die Mikro-CT erlaubt es, das Gehirn im Tier zu lassen. Dadurch bleiben alle Teile intakt und in ihrer natürlichen Lage. Zudem ist die Auflösung von Mikro-CT-Aufnahmen in allen Richtungen gleich. Das vereinfacht das spätere Einfügen neuronaler Daten und bietet mehr Details bei seitlicher Betrachtung.
Ziel: Beide Methoden vereinen
„Wir arbeiten zurzeit auch an einem Atlas des Hummelgehirns, der mit der herkömmlichen Methode der Konfokalmikroskopie erstellt wird“, sagt Pfeiffer. Diese Methode habe – jedenfalls im Moment noch – den Vorteil, dass der Kontrast und die Auflösung der Daten besser sind.
Um die Vorteile aus beiden Methoden zu vereinen, wird der herkömmlich erstellte Atlas am Ende in den Mikro-CT-Atlas „hineingerechnet“. Das Ergebnis wird ein Atlas sein, der sowohl eine hohe Auflösung und einen hohen Kontrast als auch eine wirklichkeitsgetreue räumliche Lage der einzelnen Gehirngebiete zueinander bietet.
Zur Färbung einzelner Nervenzellen stehen im Moment nur mikroskopische Standardmethoden zur Verfügung. Die hiermit erhobenen Daten können nur mit Einschränkungen in das Standardgehirn eingefügt werden. „Wir wollen daher Färbeprotokolle entwickeln, die es erlauben, neuronale Strukturen direkt mit Mikro-CT aufzunehmen“, kündigt der JMU-Neurobiologe an.
Originalpublikation:
A micro-CT-based standard brain atlas of the bumblebee. Lisa Rother, Nadine Kraft, Dylan B. Smith, Basil el Jundi, Richard J. Gill, Keram Pfeiffer. Cell and Tissue Research, 28. Juni 2021, Open Access: https://doi.org/10.1007/s00441-021-03482-z

29.06.2021, Georg-August-Universität Göttingen
Ambiente und gutes Essen: Wildbienen brauchen vielfältige Agrarlandschaften
Massentrachten wie Raps oder Ackerbohnen bieten wertvolle Nahrungsquellen für Bienen, die bei ihren Blütenbesuchen zur Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen beitragen. Doch nicht jede blühende Ackerkultur wird von denselben Bienen besucht. Ein Team der Universität Göttingen und des Julius Kühn-Instituts (JKI) in Braunschweig hat untersucht, wie sich die Lebensraumvielfalt der Agrarlandschaft und der Anbau verschiedener Massentrachten, das heißt blühender Kulturpflanzen, auf Wildbienen auswirken.
Es hat sich gezeigt, dass vielfältige Agrarlandschaften den Artenreichtum von Wildbienen erhöhen. Blühende Ackerkulturen mit unterschiedlichen Blütenformen fördern unterschiedliche Wildbienenarten. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift Landscape Ecology erschienen.
Das Forschungsteam erfasste Wildbienen in blütenreichen halbnatürlichen Lebensräumen wie Hecken und Blühstreifen in insgesamt 30 verschiedenen jeweils einen Quadratkilometer großen Agrarlandschaften nahe Göttingen, Itzehoe und Leipzig. Die Bienen wurden hierbei entlang genormter Streckenabschnitte gezählt und mit einem Handkescher für die Artbestimmung gefangen. Die Untersuchungslandschaften unterschieden sich in ihrer Vielfältigkeit und hinsichtlich des Flächenanteils von Raps und Ackerbohnen.
„Die Blütenform einer Pflanze ist ein wichtiges Kriterium dafür, welche Wildbienenarten Nektar an deren Blüten sammeln“, so Doktorand Felix Kirsch von der Universität Göttingen, der die Untersuchung im Rahmen seiner Masterarbeit durchführte. „Die Blütenform muss beispielsweise zur Körpergröße und Rüssellänge der Biene passen. Der Nektar von Raps ist leicht zugänglich, während der Nektar der Ackerbohnen tief in den langen Blütenkelchen verborgen ist.“
„Unsere Studie zeigt, dass Ackerbohnen soziale Wildbienen, besonders langrüsselige Hummeln, fördern“, erläutert Dr. Doreen Gabriel vom JKI in Braunschweig. Ein anderes Bild ergab sich in Landschaften mit viel Raps: Hier wurde ein erhöhter Anteil an solitär lebenden Wildbienen festgestellt, zu denen oft kleinere Arten zählen. „Der Anbau einer bestimmten Massentracht reicht nicht aus, um vielfältige Bienengemeinschaften zu erhalten, welche ihrerseits den Bestäubungserfolg vieler blühender Ackerkulturen und Wildpflanzen sichern“, so die Erstautorin Dr. Nicole Beyer, Postdoktorandin in der Abteilung Funktionelle Agrobiodiversität der Universität Göttingen. Die Leiterin der Abteilung, Prof. Dr. Catrin Westphal, folgert: „Unsere Ergebnisse zeigen eindrücklich, dass diverse, blühende Ackerkulturen und insbesondere vielfältige halbnatürliche Lebensräume in der Agrarlandschaft notwendig sind, um ein breites Artenspektrum an Wildbienen zu fördern“.
Originalpublikation:
Beyer, N. et al. Identity of mass-flowering crops moderates functional trait composition of pollinator communities. Landscape Ecology 2021. https://doi.org/10.1007/s10980-021-01261-3

29.06.2021, Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie

Der Regenwurm in einem neuen Licht
Regenwürmer sind etwas ganz Besonderes, denn sie sorgen auf der ganzen Welt für die Gesundheit des Bodens. Von außen wirken sie unscheinbar und einfach. Wie sie aber von innen aussehen, von den Organen bis hin zu Mikroben und Parasiten, die diese besiedeln können, war bisher schwer zu erfassen. Forschende des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie haben jetzt eine Methode entwickelt, diese anatomischen Strukturen und deren Produkte des Stoffwechsels eines Regenwurmes zu visualisieren. Das eröffnet neue Wege in der Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie und wurde im Magazin Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) veröffentlicht.
Regenwürmer leben im Boden in ständiger Wechselwirkung mit Bakterien, Pilzen und anderen Kleinstlebewesen. In ihrem Gewebe beherbergen sie symbiotische Mikroben oder kleine tierische Parasiten. Während die symbiotischen Bakterien größtenteils willkommene Gäste im Gewebe sind, kämpft das Immunsystem des Regenwurms gegen die Parasiten an. Diese wiederum versuchen den Angriffen standzuhalten. Durch die Kombination neuartiger Bildgebungsverfahren gelang es nun einem Forscherteam um Benedikt Geier vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie (MPIMM) diese spannende Vielfalt an Interaktionen, die sich im Inneren des Regenwurms abspielen, abzubilden und in einem völlig neuen Licht zu betrachten.
Wurm-Chemie in 3D
Unser Verständnis der chemischen Interaktionen zwischen kleinen Tieren und Mikroorganismen, die sich in ihrem Körper aufhalten, ist extrem begrenzt. Diese Wissenslücke hat ihren Ursprung in einer methodischen Herausforderung: Um die grundlegenden Abläufe von Tier-Mikroben-Symbiosen aufzudecken, müssen wir verstehen welche chemischen Stoffe von den einzelnen Partnern wo produziert werden. Der Kern dieser Herausforderung ist es aber nicht nur bildlich darzustellen wie Moleküle auf Mikrometerebene verteilt sind. Es ist auch fast unmöglich, die chemischen Bilder bisheriger Methoden richtig zu interpretieren, wenn unbekannt ist, ob, wo und mit welchen nützlichen oder pathogenen Mikroben oder sogar tierischen Parasiten ein Gewebe infiziert ist.
Eine mögliche Lösung bietet die neue Kombination hochauflösender Bildgebungsverfahren, wie das Forschungsteam nun gezeigt hat. „Wir stellen in unserer Studie die Chemo-Histotomografie vor, eine besondere dreidimensionale Darstellung von Chemie und Anatomie millimetergroßer Tiere und ihrer Parasiten auf zellulärer Ebene“, sagt Benedikt Geier, Erstautor der Untersuchung. „Diese Methode bietet eine neue Möglichkeit, Produkte des Stoffwechsels in Kleintiersymbiosen zu visualisieren und somit die Chemie dem tierischen Wirt und seinen mikrobiellen Partnern im Mikrometerbereich räumlich zuzuordnen.“
Die Chemo-Histotomografie, von den Forschenden kurz CHEMHIST genannt, besteht aus der Kombination von Mikro-Computertomografie und bildgebender MALDI-Massenspektrometrie. Die hochauflösende Mikro-Computertomografie ist nicht-invasiv und ermöglicht eine 3D Darstellung von Histologie, die aus einer Vielzahl von Röntgenbildern einer Probe rekonstruiert wird. Die bildgebende MALDI-Massenspektrometrie wiederum ist das derzeit leistungsfähigste Werkzeug, um mikrometergroße, natürliche Verteilungen von Stoffwechselprodukten zu visualisieren und um die chemischen Profile ihrem Produktionsort und möglicher Weise ihrem Produzenten zuzuordnen.
„Dieser Fortschritt ermöglichte es uns, einen Regenwurm aus der Umwelt zu nehmen und einen 3D-Atlas seiner chemischen und physikalischen Wechselwirkungen mit Mikroorganismen zu erstellen, die natürlich in seinem Gewebe vorkommen“, sagt Manuel Liebeke, Leiter der Forschungsgruppe Metabolische Interaktion und Betreuer der Studie. „Wichtig zu erwähnen ist hierbei auch, dass uns nicht nur die Biologie des Regenwurms interessiert. Eines unserer Hauptziele war es, CHEMHIST auch auf Tiere anwendbar zu machen, die direkt ihrem natürlichen Lebensraum entnommen wurden und essentiell für die Symbioseforschung sind.“ CHEMHIST übertrifft bisher vergleichbare Anwendungen, die für die medizinische Forschung an Mäusen entwickelt wurden, bei einer bis zu zwei Größenordnungen höheren Auflösung. Dies kann auch neue Türen für die Forschung an Insekten oder Korallen eröffnen, die an Land wie im Wasser Schlüsselmodelle der Symbioseforschung darstellen.
Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile
Mit der Kombination verschiedener in-situ-Bildgebungen in CHEMHIST deckten die Forschenden des MPIMM in Bremen Metabolite – also Produkte des Stoffwechsels – im Regenwurm auf, die Aufschluss geben könnten, wie er sich chemisch gegen Parasiten wehrt und wie diese sich wiederum gegen die Immunantwort des Regenwurmes schützen. Um jedoch überhaupt zu erkennen, dass es sich in den chemischen Bilddataten um Metabolite von Parasiten im Gewebe des Regenwurms handelt, war das anatomische 3D-Modell unabkömmlich. Ein hochauflösender Mikro-Computertomograph am Deutschen Elektronen Synchrotron in Hamburg ermöglichte es erst, die Parasiten im Gewebe zu identifizieren.
In Symbiosen ist der Austausch von Stoffwechselprodukten zwischen Tieren und ihren Mikroben bemerkenswerter Weise nicht auf symbiotische Gewebe beschränkt. Ein Beispiel ist die Darm-Hirn-Achse, bei der chemische Verbindungen im Darm von Mikroben produziert werden, die dann das Gehirn des Wirtes erreichen und somit grundlegende Prozesse beeinflussen könnten. Hier kann die nun vorgestellte Erweiterung der korrelativen chemischen 3D Bildgebung entscheidend sein, um die Verteilung von Metaboliten in solchen Symbiosen über Organe hinweg zu erfassen und somit eine Verbindung herzustellen, wie sich chemische Signale von Mikroben entscheidende Prozesse in ihrem Wirt beeinflussen. Die Methode kann also vielfältig eingesetzt werden und das Forschungsteam mit Benedikt Geier wendet sie gerade mit Tiefseemuscheln an.
„Da ich mich seit Jahren mit der 3D-Visualisierung von wirbellosen Tieren befasse, war es für mich besonders interessant, die Moleküle zu sehen, die sich hinter den morphologischen Strukturen verstecken“ sagt Bernhard Ruthensteiner, Leiter der Sektion Invertebrate Varia an der Zoologischen Staatssammlung München. Ermöglicht wurden die Ergebnisse durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Wissenschaftler aus den Gebieten der Mikrobiologie, Zoologie, Chemie und Physik an einen Tisch gebracht hat. Dabei wurde schnell klar, dass eine Visualisierung wie der korrelative 3D-Atlas des Wurms die Wissenschaftskommunikation der Daten fördert.
Originalpublikation:
Benedikt Geier; Janina Oetjen; Bernhard Ruthensteiner; Maxim Polikarpov; Harald Gruber-Vodicka; Manuel Liebeke: Connecting structure and function from organisms to molecules in small animal symbioses through chemo-histo-tomography, PNAS, Juni 2021
https://doi.org/10.1073/pnas.2023773118

30.06.2021, Auch Affen lernen zu kommunizieren
Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Verhaltensstudie an Weißbüschelaffen liefert neue Erkenntnisse zur Evolution von Sprache
Sprache zeichnet uns Menschen aus, wir lernen sie durch Erfahrung und soziale Interaktionen. Insbesondere im ersten Lebensjahr verändern sich menschliche Lautäußerungen dramatisch, sie werden immer sprachähnlicher. Bei unseren nächsten Verwandten, den nicht-menschlichen Primaten, wurde bislang angenommen, dass die Sprachentwicklung weitgehend vorherbestimmt und innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt abgeschlossen ist. In einer jetzt veröffentlichten Verhaltensstudie konnten Forschende der Universität Tübingen, der Rockefeller Universität New York und des Deutschen Primatenzentrums zeigen, dass auch die kindliche Entwicklung der Lautäußerungen von Weißbüschelaffen eine verlängerte flexible Phase beinhaltet, ohne die die Sprachentwicklung beim Menschen nicht möglich wäre. Der Weißbüschelaffe ist daher ein geeignetes Tiermodell, um die Evolution frühkindlicher Sprachentwicklung besser zu verstehen (Science Advances).
Die menschliche Sprache verändert sich im ersten Jahr nach der Geburt deutlich. Sie entwickelt sich von präverbalen, noch nicht sprachähnlichen Rufen wie Lachen oder Schreien über vorsprachliche Vokalisationen bis hin zu einer Babbel-Phase, in der die Äußerungen immer sprachähnlicher und komplexer werden. Hierbei werden mehrere Faktoren als besonders kritisch für die Stimmentwicklung angesehen, darunter Reifung, Lernen und frühe soziale Interaktionen mit den Eltern.
Demgegenüber ging man jahrzehntelang davon aus, dass sich die Lautgebung bei Affen ausschließlich als Ergebnis körperlichen Wachstums und Reifung entwickelt und sie unabhängig ist von Lernprozessen oder äußeren Faktoren wie sozialer Interaktion. So zeigten frühere Studien, dass Taubheit oder soziale Isolation durch die Abwesenheit der Eltern wenig oder keinen Einfluss auf die Stimmentwicklung von nicht-menschlichen Primaten hat und dass die Stimmentwicklung bei den meisten Affenarten innerhalb weniger Wochen nach der Geburt abgeschlossen ist und diese Tiere daher bereits im Jugendstadium mit dem erwachsenen Stimmrepertoire ausgestattet zu sein scheinen. „Einer der Gründe für diese Ergebnisse liegt wohl darin begründet, dass sich die bisherigen Arbeiten zur Stimmentwicklung bei nichtmenschlichen Primaten hauptsächlich auf die ersten Wochen nach der Geburt konzentrierten und mögliche Veränderungen, die mit dem späteren Wachstum in den darauffolgenden Monaten bis zum Erwachsenenalter einhergehen, ignorierten“, sagt Yasemin Gültekin, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Deutschen Primatenzentrum.
Ein Team um Yasemin Gültekin und Steffen Hage vom Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung, der Universität Tübingen und der Rockefeller Universität New York hat die Lautentwicklung von Weißbüschelaffen, einer sozialen Primatenart, vom frühen Säuglingsalter bis zur Geschlechtsreife im Alter von 15 Monaten engmaschig untersucht. Während dieses Zeitraums wurde jeden Monat das Vokalisationsverhalten der an der Rockefeller Universität gehaltenen Tiere mit Mikrofonen aufgenommen. Insgesamt wurden so fast 150.000 Lautäußerungen von sechs Weißbüschelaffen aufgezeichnet und analysiert. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich das Vokalisationsverhalten von Weißbüschelaffen, ähnlich wie in den ersten Lebensmonaten des Menschen, durch verschiedene Entwicklungsstadien von den ersten Wochen nach der Geburt bis zum Erwachsenenalter verändert“, sagt Kurt Hammerschmidt, der am Deutschen Primatenzentrum die Daten der Studie ausgewertet hat.
Das Team stellte fest, dass alle artspezifischen Vokalisationstypen bereits im ersten Monat nach der Geburt vorhanden waren und dass deren entwicklungsbedingte Veränderungen in der akustischen Struktur sich weitgehend durch die körperliche Reifung erklären lassen. Diese Ergebnisse sind in Übereinstimmung mit früheren Arbeiten, die darauf hindeuteten, dass die akustische Struktur der Vokalisationen angeboren ist und kein Lernen durch auditives oder soziales Feedback erfordert. „Während Veränderungen in der akustischen Struktur hauptsächlich durch physisches Wachstum oder Reifung erklärt werden konnten, fanden wir jedoch heraus, dass die Art und Weise, wie diese Vokalisationen im Laufe der Entwicklung flexibel genutzt werden, auf erfahrungsbasierte Lernmechanismen hindeuten, die eines der Schlüsselmerkmale bei der menschlichen Sprachentwicklung sind“, sagt Erstautorin Yasemin Gültekin.
„Unsere Arbeit liefert einen wichtigen Baustein, um die evolutionären Grundlagen der frühkindlichen Sprachentwicklung des Menschen besser zu verstehen. Sie schafft die Voraussetzung für zukünftige Studien darüber, wie soziale Interaktionen die Sprachentwicklung beeinflussen können“, fasst Yasemin Gültekin zusammen.
Originalpublikation:
Yasemin B. Gultekin, David G. C. Hildebrand, Kurt Hammerschmidt, Steffen R. Hage (2021). High plasticity in marmoset monkey vocal development from infancy to adulthood. Science Advances 7: eabf2938.

01.07.2021,Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Aufstieg und Fall der Elefanten
Erdgeschichtliche Ereignisse wie Eiszeiten oder das Verschieben von Kontinentalplatten sind hauptverantwortlich für den evolutionären Erfolg von Rüsseltieren, aber auch für deren Niedergang. Dies ist die wichtigste Schlussfolgerung einer in dieser Woche in Nature Ecology & Evolution veröffentlichten Studie eines internationalen Forschungsteams aus Spanien, Finnland, Großbritannien, Deutschland und Argentinien unter Beteiligung des Museums für Naturkunde Berlin.
Anhand von Fossilienfunden wissen wir, dass die allermeisten Arten, die einst die Erde bewohnten, ausgestorben sind. Zum Beispiel leben heute rund 5.500 Säugetierarten auf dem Planeten, aber fossil kennen wir mindestens 160.000. Auf jede heute lebende Säugetierart kommen daher wenigstens 30 ausgestorbene. Wir wissen daher mit großer Gewissheit, dass die Abstammungslinien von Lebewesen entlang immenser Zeitskalen kommen und gehen. Welche Faktoren diese Abstammungslinien aber entstehen und verschwinden lassen, ist immer noch eine ungelöste Frage.
Um dieses Problem näher zu untersuchen, konzentrierte sich das Forschungsteam auf eine charismatische Gruppe: die Rüsseltiere, zu denen die heutigen Elefanten, aber auch die ausgestorbenen Mammuts, Mastodons und Dinotherien gehören. Die Geschichte der Rüsseltiere ist von Glanz und Niedergang geprägt. Obwohl es heute nur noch drei Elefantenarten in Asien und Afrika gibt, kennen wir fossil mehr als 180 Arten dieser Tiere, welche auch Europa, Südamerika und Nordamerika bewohnten. „In der Vergangenheit lebten mehr als 30 Arten dieser Riesen gleichzeitig auf dem Planeten, und viele Ökosysteme waren so produktiv und ökologisch komplex, dass es nicht ungewöhnlich war, dass drei oder mehr Arten von Rüsseltieren im selben Ökosystem zusammenlebten “, erklärt Juan López Cantalapiedra, Forscher an der Universität Alcalá in Spanien und Hauptautor der neuen Studie.
Wie die Forschenden zeigen konnten, waren Rüsseltiere jedoch nicht immer so vielfältig. In den ersten 30 Millionen Jahren ihrer Geschichte war die Gruppe auf Afrika und Arabien beschränkt, welche zusammen einen isolierten Kontinent bildeten, der nicht wie heute mit Asien verbunden war. Bis dahin verlief die Evolution dieser Tiere recht langsam, und die wenigen existierenden Arten waren ökologisch ziemlich ähnlich. Aber vor etwa 22 Millionen Jahren verband sich Afro-Arabien mit Eurasien und die Rüsseltiere verbreiteten sich über die ganze Welt. Die neuen Herausforderungen, mit denen sich die außerhalb Afro-Arabiens verstreuten Linien konfrontiert sahen, führten dazu, dass sich die Ökologie der Gruppe vervielfachte. Es entstanden Arten mit unterschiedlichen, höchst vielfältigen Zahnformen, einschließlich seltsamer, schaufelförmiger Stoßzähne. „Diese ökologische Vielfalt verringerte die Konkurrenz zwischen den Arten und ermöglichte mehreren von ihnen, gleichzeitig im selben Ökosystem zusammenzuleben“, betont Fernando Blanco, Forscher am Museum für Naturkunde Berlin. Damit begann das goldene Zeitalter der Rüsseltiere. „Wenn die Verbindung zwischen Afro-Arabien und Eurasien nicht oder zu einem anderen Zeitpunkt stattgefunden hätte, wäre die Evolutionsgeschichte der Rüsseltiere radikal anders verlaufen“, fügt Blanco hinzu.
Die neue Studie enthüllte auch jene Faktoren, welche den endgültigen Niedergang der Gruppe bestimmten. Vor 7 Millionen Jahren breiteten sich moderne Savannen-Ökosysteme auf allen Kontinenten aus, und aufgrund dieser Veränderung verschwanden viele an das Leben in bewaldeten Gebieten angepassten Rüsseltiere. Gleichzeitig erschienen aber auch neue Formen, welche in der Lage waren, sich von weniger nahrhaftem Pflanzenmaterial wie Holz und vor allem Gras zu ernähren, wie es für Savannen typisch ist. Die heutigen Elefanten gehören zu diesen evolutionären Neuankömmlingen.
Vor etwa 3 Millionen Jahren änderten sich die Spielregeln mit dem Beginn der Eiszeiten erneut. In Eurasien und Afrika verfünffachte sich das Aussterben. Aber wie die Forschenden zeigen konnten, stieg die Aussterberate vor 160.000 bzw. 75.000 Jahren in Eurasien und Amerika noch weiter an. Waren die Menschen für dieses Debakel verantwortlich? „Zu diesem Zeitpunkt hatte es der Homo sapiens noch nicht auf diese Kontinente geschafft“, erklärt Cantalapiedra. Die Analysen zeigten, dass die verschiedenen Aussterbephasen mit dem Rückgang und den schnellen Schwankungen der globalen Temperaturen als Folge der Eiszeiten verbunden waren. „Der Einfluss unserer Vorfahren hat wahrscheinlich etwas später zum Aussterben der wenigen überlebenden Arten, wie z.B. dem Wollhaarmammut, beigetragen.“
Publikation: Cantalapiedra JL, Sanisidro O, Zhang H, Alberdi MT, Prado JL, Blanco F, Saarinen J (2021) The rise and fall of proboscidean ecological diversity. Nature Ecology & Evolution. doi: 10.1038/s41559-021-01498-w

02.07.2021, Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) e. V.
Zwischenstand aus Deutschlands Bartgeier-Nische
Die von LBV und Nationalpark ausgewilderten Bartgeier Wally und Bavaria entwickeln sich prächtig – Jungfernflug steht bevor
Den beiden am 10. Juni vom bayerischen Naturschutzverband LBV und dem Nationalpark Berchtesgaden in einer Felsnische im Klausbachtal ausgewilderten jungen Bartgeierweibchen „Bavaria“ und „Wally“ geht es gut. Die noch nicht flugfähigen Vögel haben sich in den vergangen drei Wochen prächtig entwickelt. „Unsere Junggeier fressen große Mengen an fleischigen Knochen und haben seit der Auswilderung wahrscheinlich schon eineinhalb Kilo zugelegt“, berichtet LBV-Projektleiter und Bartgeierexperte Toni Wegscheider. Auch die Armschwingen der beiden Vögel sind länger geworden und ihre Flügel wirken breiter. „Waren die Flugübungen in den ersten Tagen nur wildes und eher zufälliges Geflatter, so hopsen die beiden Geierdamen jetzt schon wie auf einem Trampolin deutlich zielgerichteter auf und ab und schaffen Serien von 20 Flügelschlägen hintereinander“, so Wegscheider weiter. Der Jungfernflug der ersten beiden deutschen Bartgeier über 100 Jahre nach ihrer Ausrottung durch den Menschen wird deshalb nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. „Es kann durchaus passieren, dass Wally und Bavaria bereits kommende Woche zum ersten Mal aus der Nische abfliegen werden“, erklärt Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel. Wer die Entwicklungen bis zum ersten Flug live verfolgen möchte, der kann dies jederzeit über zwei Bartgeier-Live-Webcams miterleben unter www.lbv.de/bartgeier-webcam
Ein mittlerweile eingespieltes Team aus Biologen, Rangern und freiwilligen Helfern von LBV und Nationalpark Berchtesgaden überwacht seit dem Tag der Auswilderung die beiden Bartgeier nahezu rund um die Uhr von einer Beobachtungsplattform in rund 500 Metern Entfernung zur Nische. Vom Beginn der Dämmerung bis zum Einbruch der Dunkelheit entgehen Toni Wegscheider und seinen Kolleg*innen keine Bewegung. „Es vergeht keine Minute, wo nicht jemand durch ein Fernglas in die Nische schaut. Dabei dokumentieren wir jedes Stück Fressen, jede Ausscheidung und jeden Flügelschlag“, erzählt der LBV-Biologe. Diese Mengen an Beobachtungsdaten werden sorgfältig erfasst und liefern spannende Erkenntnisse für spätere Auswertungen.
Nur alle vier Tage werden die beiden Geier mit fünf bis sieben Kilo fleischigen Knochen von den Biologen gefüttert. Dabei nehmen sie durch das Fleisch auch die notwendige Flüssigkeit auf. Da die beiden Bartgeier bereits ab 5 Uhr wach und aktiv sind, werden sie nicht wie ursprünglich geplant morgens vor dem Aufwachen gefüttert, sondern am Abend. „Das dauert nur wenige Minuten und wir minimieren die Störungen, so dass sie schnell auch wieder vergessen haben, woher das Futter kam. Darüber hinaus bin ich beim Aufstieg zur Nische nur eine kurze Strecke für die Geier zu sehen und ich trage dabei immer die gleiche Kleidung und Ausrüstung“, sagt Wegscheider.
Nicht nur beim Körpergewicht, das zur Auswilderung rund fünf Kilogramm betrug, haben die beiden Bartgeierdamen deutlich zugelegt. Auch ihre bereits beeindruckende Spannweite ist weitergewachsen. Das zunächst teilweise noch etwas daunig wirkende Gefieder hat sich verändert und es sind großflächige schokoladenbraune Deckfedern zu sehen. Bavaria und Wally benötigen auch deswegen so viel Futter, weil sie täglich ihre Brustmuskeln für den bald bevorstehenden ersten Ausflug trainieren. „Derzeit schwankt die Anzahl der Flügelschläge pro Tag noch sehr stark und variiert zwischen 80 und 400. Doch erst wenn sie stabil 200 am Tag schaffen, haben sie auch die Ausdauer, um wirklich zum ersten Mal abheben zu können“, erklärt der Bartgeier-Experte.
Bartgeier mit unterschiedlichen Charakteren
Beim Verhalten unterscheiden sich die beiden Bartgeierdamen weiterhin deutlich. Gerade der zunächst deutlich kleineren Wally sieht man das Wachstum der letzten drei Wochen auch äußerlich stark an. Dominierte Bavaria die kleinere Wally am Anfang noch, setzt sich das jüngere der beiden Bartgeierweibchen mittlerweile erfolgreich zur Wehr. „Wir beobachten immer wieder Rangeleien wie unter Kindern zwischen den beiden. Da gönnt die eine der anderen nicht das Fleischstück, obwohl natürlich immer genügend herumliegen. Die beiden respektieren sich aber und es ist noch nie eskaliert. Das ist nicht immer so, denn viele gemeinsam ausgewilderte Junggeier gehen oft nicht gerade zimperlich miteinander um, wie wir von den anderen Auswilderungsstandorten in den Alpen wissen“, erzählt Wegscheider.
Auch wenn beide Bartgeier aktuell sehr tapsig wirken, ist Wally nach den Beobachtungen der Biologen erkennbar neugieriger und unternehmungslustiger. „Wally ist einfach leichtfüßiger und flattert schon viel agiler. Und obwohl sie die Jüngere ist, könnte sie sogar früher mit dem ersten Flug dran sein. Bavaria, die schwerer und größer ist, ist deshalb auch träger und unbeholfen und springt nie auf den abschüssigen Felsen herum, auf denen sich Wally gerne aufhält. Bavaria ist einfach vom Wesen her eher die Gelassene“, berichtet der LBV-Bartgeierexperte. Beide Vögel experimentieren auch gerne mit ihrer Nahrung und testen, wie sie große Knochen herunterbringen und versuchen manche sogar quer zu schlucken. „Wally hat es dann als Erste geschafft, die Knochen so zu drehen, dass sie auch 15-20 Zentimeter lange Stücke herunterbringt, Bavaria würgt dagegen lieber große Fleischbrocken herunter.“
Rings um die Auswilderungsnische der beiden Bartgeier tobt indes das alpine Leben. So zeigt sich fast jeden Tag ein Gamsrudel in direkter Nähe zur Nische, das die beiden Vögel interessiert verfolgen. Der benachbarte Steinadler fliegt täglich vorbei und dreht seine Runde. „Da in der Felswand über den Bartgeiern allerdings Turmfalken brüten, verhalten sich die beiden wie Bodyguards für das ausgelegte Geierfutter, da die Falken ihre Jungen gegen den Adler verteidigen wollen und deshalb unermüdlich Flugattacken auf ihn fliegen, um ihn in die Flucht zu schlagen“, berichtet Wegscheider.
Auch am offiziellen Bartgeier-Infostand für Wanderer an der Halsalm, der auf einer Wanderroute liegt, schauen derzeit täglich mehr als 60 Besucher*innen vorbei, um Bavaria und Wally von dort zu beobachten. Aus rund 800 Meter Entfernung hat jede*r mit den bereitgestellten Spektiven und Ferngläsern einen sehr guten Blick direkt auf das Treiben in der sechs mal 20 Meter großen eingezäunte Felsnische. Viele Besucher*innen zeigen sich dabei auch sehr beeindruckt von einem lebensgroßen Bartgeier-Plakat mit der ausgestreckten Flügelspannweite von knapp drei Metern.
Live dabei sein in der Bartgeier-Nische per Webcam
Sehr großer Beliebtheit erfreuen sich bei Bartgeier-Fans in ganz Deutschland die beiden Live-Webcams, auf denen im Internet das Geschehen in der Nische mitverfolgt werden kann. Hier ist über die Mikrofone auch immer wieder das Trillern der beiden Bartgeier gut zu hören, wenn sie miteinander interagieren. In den ersten drei Wochen wurde die LBV-Webseite knapp 170.000 Mal aufgerufen. Im begleitenden Gästebuch tauscht sich eine interessierte Community täglich über Neuigkeiten von Bavaria und Wally aus und die Bartgeier-Experten beantworten die gestellten Fragen.
Der selbständige erste Ausflug der beiden Vögel dürfte in Kürze bevorstehen. „Wir rechnen damit, dass die Wally und Bavaria im Alter zwischen 115 bis 120 Lebenstagen ihren Jungfernflug unternehmen, deshalb blicken wir mit großer Spannung auf die kommende Woche“, sagt Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel. .
Mehr Informationen zum Projekt unter www.lbv.de/bartgeier-auswilderung

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2 Antworten zu Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

  1. Wow! Unglaublich das es Spinnen gibt, die Schlangen fressen. Ich habe das schon einmal von einem Indianer in Kanada erzählt bekommen. Das ist wirklich faszinierend… aber glaubt habe ich ihm nicht wirklich 🙂
    Lieben Gruß Kevin

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