Jörg Schneider: Wildbienen haben es auch nicht leicht (Rezension)

Wildbienen gelten als Inbegriff von Fleiß und Nützlichkeit. Doch ihr Alltag ist kein friedliches Summen, sondern ein Überlebenskampf voller List, Gefahr und erstaunlicher Strategien. Hornissen überfallen sie beim Sammeln, Spinnen spannen Netze in ihre Flugbahnen, Parasiten plündern ihre Vorräte oder fressen ihren Nachwuchs auf. Und was tun die Wildbienen? Sie kontern mit ausgetüftelten Vermehrungsstrategien, betonharten Nestern und perfekter Tarnung. All dies ist Ausdruck eines fein austarierten biologischen Gleichgewichts; ein hochkomplexes, faszinierendes Netzwerk, das direkt vor unserer Haustür existiert und beobachtet werden kann. Das vorliegende Buch lädt Sie ein, diese spannende und aufregende Welt zu entdecken – bestimmt auch in Ihrem Garten.
Noch ein Buch über Wildbienen?
Bienen erfreuen sich ja weithin großer Beliebtheit. Da sind zum einen die Honigbienen, die von zahlreichen Hobbyimkern gepflegt werden, zum anderen die Wildbienen (einschließlich der Hummeln), denen man mit mehr oder weniger sinnvollen Insektenhotels das Leben erleichtern möchte. Und natürlich gibt es Bücher zum Thema …
Christoph Nietfeld: Der wilde Weg der Honigbienen
Robert E. Page: Die Kunst der Bienen
Jürgen Tautz: Auch Bienen haben Schweißfüße
Und es gibt noch mehr …
Also… braucht man noch ein Buch über Bienen? Nun, so einfach lässt sich diese Frage gar nicht beantworten, aber eines ist sicher: WILDBIENEN HABEN ES AUCH NICHT LEICHT, ist kein Buch über Bienen. Selbst der Untertitel „Mundraub, Giftmischerei und Meuchelmord im Garten“ sagt nicht viel über den Inhalt aus. Absolut sicher kann man sich aber mit dieser Aussage sein: Es ist ein Buch über Insekten. Und ja Wildbienen und ihre Verwandten spielen eine große Rolle, aber auch Spinnen haben ihre Auftritte und neben artenspezifischen Erklärungen und Darstellungen wird es auch sehr allgemein, wenn es darum geht zu erklären, was ein Insekt ist. Und ja, es wird wissenschaftlich, vor allem was die Bezeichnungen der Tierarten anbelangt. Aber wenn man es genau nimmt… Arge Pagana ist irgendwie leichter zu merken als Blauschwarze Rosenbürstenhornblattwespe.
Mit seinem ebenso unterhaltsamen wie informativen Buch WILDBIENEN HABEN ES AUCH NICHT LEICHT richtet der Biologe und Naturfotograf den Blick auf eine Seite der heimischen Insektenwelt, die in vielen populären Wildbienenbüchern eher am Rande behandelt wird: ihre Feinde, Parasiten und ökologischen Gegenspieler.
Anders als klassische Bestimmungsbücher oder Ratgeber zum Wildbienenschutz stehen hier nicht die Bienenarten selbst, ihre Blütenpräferenzen oder geeignete Nisthilfen im Mittelpunkt. Schneider interessiert sich vielmehr für die komplexen Beziehungen zwischen den verschiedenen Bewohnern eines Lebensraums. Seine Wildbienen sind Teil eines vielschichtigen ökologischen Beziehungsgeflechts, in dem sie gleichzeitig als Bestäuber, Beutetiere, Wirte und Konkurrenten auftreten. Reizvoll erscheint die ausführliche Beschäftigung mit den zahlreichen Formen des Parasitismus. Kuckucksbienen, Goldwespen und andere spezialisierte Insekten haben höchst unterschiedliche Strategien entwickelt, um die aufwendige Brutfürsorge anderer Arten für ihre eigene Fortpflanzung auszunutzen. Während manche ihre Eier heimlich in fremden Nestern unterbringen, müssen andere zunächst ausgeklügelte Verteidigungsmechanismen ihrer Wirte überwinden. Und es gibt noch viel mehr …
Bienenwölfe, Hornissen und Krabbenspinnen zeigen, dass die Jagd auf Bienen ganz unterschiedliche Formen annehmen kann.
Mehr als 600 Aufnahmen dokumentieren Tiere, Verhaltensweisen und biologische Zusammenhänge, die dem flüchtigen Gartenbesucher meist verborgen bleiben. Schneider ist nicht nur Biologe, sondern auch ein leidenschaftlicher Naturfotograf, der sich seit einigen Jahren intensiv mit der Artenvielfalt seines eigenen Gartens beschäftigt.
Bemerkenswert ist außerdem der Perspektivwechsel, den Schneider seinen Lesern anbietet. Parasiten und Räuber erscheinen nicht einfach als schädliche Gegenspieler schützenswerter Wildbienen. Vielmehr sind auch sie Bestandteile natürlicher Lebensgemeinschaften und besitzen häufig bemerkenswerte evolutionäre Anpassungen.
WILDBIENEN HABEN ES AUCH NICHT LEICHT hebt sich durch seinen ungewöhnlichen Schwerpunkt von der Vielzahl populärer Wildbienenbücher ab. Statt eines weiteren allgemeinen Plädoyers für den Schutz der Bestäuber bietet Jörg Schneider einen Einblick in die faszinierende Welt ihrer Räuber, Parasiten und Brutparasiten. Und trotzdem bleibt es ein Buch für jeden mit Interesse an Wildbienen (im eigenen Garten).

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(Rezensionsexemplar)

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