Der Koala in Brehms Tierleben

Koala (Brehms Tierleben)

Die zweite Familie der Unterordnung macht uns mit einem der merkwürdigsten aller Beutelthiere, dem Koala oder Australischen Bären (Phascolarctus cinereus, Lipurus cinereus), der einzigen Art seines Geschlechtes, bekannt. Der schwanzlose Leib ist gedrungen, der Kopf sehr dick, kurzschnauzig, das Ohr groß und buschig behaart; die vorn und hinten fünfzehigen Pfoten bilden wahre Greiffüße. An den vorderen sind die beiden inneren Zehen den drei anderen entgegensetzbar; die Hinterfüße haben einen starken, nagellosen, aber ebenfalls gegensetzbaren Daumen und in der Größe sehr ungleiche Zehen, welche mit scharfen, langen und gekrümmten Nägeln bewaffnet und somit zum Klettern sehr geeignet sind. Im Gebisse fallen die ungleichen oberen Schneidezähne, unter denen der erste der größte und stärkste ist, die kleinen Eckzähne und die mehrhöckerigen Mahlzähne auf; von ersteren zählt man oben drei, unten nur einen, von Lückzähnen einen, von Backenzähnen vier in jedem Kiefer, während Eckzähne nur im Oberkiefer vorhanden sind.

Der wissenschaftliche Name, welcher »Beutelbär« bedeutet, ist bezeichnend; denn wirklich hat der Koala in der Gestalt wie in seinem Gange und in der ganzen Haltung entschiedene Aehnlichkeit mit einem jungen Bären. Seine Länge beträgt etwa 60 Centim., die Höhe am Widerriste ungefähr die Hälfte. Der Gesammteindruck ist ein eigenthümlicher, hauptsächlich wegen des dicken Kopfes mit den auffallend rauh behaarten, weit auseinander stehenden Ohren, den lebhaften Augen und der breiten und stumpfen Schnauze. Die Zehen der Vorderfüße sind wie bei dem Chamäleon in zwei Bündel getheilt und die Hinterfüße durch die Verwachsung der zweiten und dritten Zehe sehr merkwürdig. Der Schwanz besteht aus einem warzenartigen Höcker, welcher leicht übersehen werden kann. Die Behaarung ist sehr lang, fast zottig und dicht, dabei aber fein, weich und wollig, das Gesicht längs des Nasenrückens und von der Schnauze bis zu den Augen beinahe nackt, die Behaarung der Außen-und Innenseite der Ohren und die des übrigen Leibes um so dichter, die Färbung der Oberseite röthlichaschgrau, die der Unterseite gelblichweiß, die der Außenseite der Ohren schwarzgrau.

Neusüdwales und zwar die südwestlich von Port Jackson gelegenen Wälder sind die Heimat des Beutelbären. Er ist nirgends häufig und deshalb auch noch ziemlich unbekannt. Paarweise, mit seinem Weibchen, bewegt er sich auf den höchsten Bäumen mit einer Langsamkeit, welche ihm auch den Namen »Australisches Faulthier« eingetragen hat. Was ihm an Schnelligkeit abgeht, ersetzt er reichlich durch die unglaubliche Sorgsamkeit und Sicherheit, mit welcher er klettert, und welche ihn befähigt, selbst die äußersten Aeste zu betreten. Nur höchst selten, jedenfalls bloß gezwungen durch den Mangel an Weide, verläßt er die Baumkronen und wandert über den Boden, womöglich noch langsamer, träger und unbehülflicher als auf den Aesten, zu einem andern Baume, welcher ihm neue Nahrung verspricht. Er ist ein halb nächtliches Thier, wenigstens verschläft er die größte Helle und Hitze des Tages tief versteckt in den Kronen der Gummibäume, welche seinen bevorzugten Aufenthalt bilden. Gegen Abend beginnt er seine Mahlzeit. Ruhig und unbehelligt von den übrigen Geschöpfen der Wildnis, weidet er äußerst gemächlich die jungen Blätter und Schößlinge der Aeste ab, indem er sie mit den Vorderpfoten festhält und mit seinen Schneidezähnen abbeißt. In der Dämmerung steigt er wohl auch zuweilen auf den Boden herab und wühlt hier nach Wurzeln. In seinem ganzen Wesen und Treiben offenbart er eine mehr als gewöhnliche Stumpfheit. Man nennt ihn ein überaus gutmüthiges und friedliches Thier, welches nicht so leicht in den Harnisch zu bringen ist und schweigsam seinen Geschäften nachgeht. Höchstens dann und wann läßt er seine Stimme vernehmen, ein dumpfes Gebell, welches bloß, wenn er sehr hungerig ist oder hartnäckig gereizt wird, in ein gellendes, schrillendes Geschrei übergeht. Bei großem Zorne kann es wohl auch vorkommen, daß er eine wilddrohende Miene annimmt; dann funkeln auch die lebhaften Augen böswillig dem Störenfriede entgegen. Aber es ist nicht so schlimm gemeint, denn er denkt kaum daran, zu beißen oder zu kratzen.

Stumpfsinnig, wie er ist, läßt er sich ohne große Mühe fangen und fügt sich gelassen in das Unvermeidliche, somit auch in die Gefangenschaft. Hier wird er nicht nur bald sehr zahm, sondern lernt auffallender Weise auch rasch seinen Pfleger kennen und gewinnt sogar eine gewisse Anhänglichkeit an ihn. Man füttert ihn mit Blättern, Wurzeln u.dgl. Seine Speisen führt er mit den Vorderpfoten zum Munde, wobei er sich auf das Hintertheil setzt, während er sonst die Stellung eines sitzenden Hundes annimmt.

So viel man weiß, wirft das Weibchen bloß ein Junges. Es schleppt dieses, nachdem es dem Beutel entwachsen, noch lange Zeit mit sich auf dem Rücken oder den Schultern herum und behandelt es mit großer Sorgfalt und Liebe. Das Junge klammert sich fest an den Hals der Mutter an und sieht theilnahmslos in die Welt hinaus, wenn die Alte mit anerkennenswerther Vorsicht in den Kronen der Bäume umherklettert.

Die Europäer kennen den Koala erst seit dem Jahre 1803; die Eingebornen, welche ihn Goribun nennen, haben ihn von jeher als ein geschätztes Jagdthier betrachtet. Sie verfolgen ihn seines Fleisches wegen mit großem Eifer, und zwar kletternd, wie er, auf den Bäumen. Einen Koala jagend, lassen sie es sich nicht verdrießen, an den schlanken, über zwanzig Meter hohen Stämmen emporzuklimmen und in der Krone des Baumes eine Verfolgung zu beginnen, welche einem kletternden Affen Ehre machen könnte. So treiben sie das Thier bis zu dem höchsten Aste hinauf und werfen es von dort aus ihren Gefährten herab oder schlagen es oben mit Keulen todt.

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