Rasend schnell breitet sich das Virus über die ganze Welt aus und die Menschen verlieren nach und nach ihre Erinnerungen. Auf der Suche nach einem Gegenmittel nimmt eine kleine Gruppe Freiwilliger an einem lukrativen Experiment teil. Unter ihnen: die 27-jährige Meeresbiologin Neffy. Neffy braucht das Geld. Ihr Arbeitgeber hat sie verklagt, weil sie einen Oktopus aus einem Labor befreit hat, der in ihr seltsame Erinnerungen an ihre Kindheit wach rief. Als das Experiment zutage fördert, dass das Gegenmittel nur bei Neffy wirkt, kippt die Stimmung in der Gruppe. Und Neffy versucht, irgendwie zu ihrem Stiefbruder Justin zu entkommen, von dem sie annimmt, dass er 100 Kilometer entfernt an der Küste Dorsets auf sie wartet.
Mit DAS GEDÄCHTNIS DER TIERE legt Claire Fuller einen ebenso spannenden wie nachdenklichen Roman vor, der dystopische Elemente mit psychologischer Tiefe verbindet, die nahe an einer schon fast vergessenen Realität liegt (auch wenn dieser Roman vor der realen Corona-Pandemie begonnen wurde). In einer Welt, die von einem Virus heimgesucht wird, das den Menschen nach und nach ihre Erinnerungen raubt, begleitet der Leser die junge Meeresbiologin Neffy, die an einem medizinischen Experiment teilnimmt, das ein Gegenmittel finden soll. Als sich herausstellt, dass die Behandlung offenbar nur bei ihr wirkt, gerät sie zunehmend zwischen Hoffnung, Misstrauen und die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit.
DAS GEDÄCHTNIS DER TIERE ist keine effektheißerische DYSTOPIE, die Erzählweise ist eher ruhig, dadurch aber besonders eingehend.
Fuller nutzt das Szenario einer globalen Gedächtniskrise nicht für spektakuläre Action, sondern als Ausgangspunkt für Fragen nach Identität, Erinnerung und Menschlichkeit. Was bleibt von einem Menschen, wenn die Erinnerungen verschwinden? Wie sehr bestimmen vergangene Erfahrungen unsere Persönlichkeit? Diese Themen durchziehen den Roman wie ein roter Faden und verleihen ihm eine bemerkenswerte emotionale Tiefe.
Aber obwohl die Handlung stellenweise eher langsam voranschreitet, entsteht ein stetiger Spannungsbogen, der weniger aus äußeren Ereignissen als aus den Beziehungen der Figuren und den allmählichen Enthüllungen ihrer Vergangenheit erwächst. Und Fuller schafft es, den Protagonisten Charakter zu verleihen, so dass zwar das Hauptaugenmerk auf Neff liegt, die anderen Figuren aber alles andere als blass und oberflächlich wirken.
Als zentrales Leitmotiv kann man den Oktopus sehen. Das Tier ziert nicht nur das Cover des Buchs, es kommt immer wieder in den Erinnerungen Neffys vor. Welche Bedeutung er für die Protagonistin besitzt offenbart sich in Briefen, welche sie an H schreibt, bei dem es sich wohl um einen Oktopus handelt. Aus dem Inhalt der Briefe bin ich aber nicht besonders schlau geworden. Manchmal haben sie eine Verbindung zur Handlung, mal geht es um die Lebensweisen/Besonderheiten von Kraken, mal wird H direkt angeschrieben, mal wirken die Briefe distanziert. Einen offensichtlichen Einfluss der Briefe auf die Handlung habe ich auch nicht erkennen können. Aber auch so ist DAS GEDÄCHTNIS DER TIERE ein beeindruckendes, durchaus beklemmendes aber nachhallendes Buch.
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(Rezensionsexemplar)

