Sasha Filipenko: Die Elefanten

Eines Tages sind sie da. Wie aus dem Nichts leben sie plötzlich in der Stadt, stehen auf Straßen und Plätzen, leben mitten unter den Menschen und ziehen in die Häuser ein: die Elefanten. Doch niemand nimmt Anstoß an ihnen. Die Leute gehen weiter ihrer Wege, geben vor, es hätte sich nichts geändert. Allein der Stand-up-Comedian Pawel weigert sich zu schweigen und ruft von der Bühne dazu auf, sich der Realität zu stellen. Er riskiert damit alles, sein Leben, seine Freiheit und vor allem seine Liebe zu Anna.
Sasha Filipenko ist ein belarussischer Schriftsteller, Journalist und ehemaliger TV-Moderator. Er wurde 1984 in Minsk geboren und schreibt seine Bücher auf Russisch und lebt mit seiner Familie in der Schweiz, nachdem er 2020 Russland verlassen musste. Gesellschaftskritische und politische Romane mit viel Satire und Tiefgang.
Bisher hatte ich nichts von ihm gelesen, und wenn mich der Titel DIE ELEFANTEN nicht angesprochen hätte wäre das wohl immer noch so. Das Buch ist mir aufgefallen, weil ich Parallelen zu Gaea Schoeters Roman DAS GESCHENK zu erkennen glaubte, aber jetzt weiß ich, dass man da Birnen mit Äpfeln vergleichen würde und beide Romane ganz andere Geschichten erzählen.
DIE ELEFANTEN erzählt nicht nur eine absurde Geschichte erzählt, sondern eine politische und gesellschaftliche Metapher benutzt.
Die Elefanten stehen sinnbildlich für den Ausdruck „der Elefant im Raum“ – also für ein offensichtliches Problem, das jeder sieht, aber niemand anspricht. Die Elefanten sind einfach da, (fast) jeder nimmt sie war, aber niemand spricht darüber. Und wenn es jemand wagt außerhalb Regierungskreise davon zu reden wird er angefeindet. Das geht dann bis zur Entmenschlichung, was die Satire am Anfang gleichzeitig zu etwas Grausamen macht, bei dem man die eigene Menschlichkeit hinterfragen muss. Die Tiere selbst sind nur Mittel zum Zweck, sie sind da, spielen aber meist eine eher passive Rolle, beziehungsweise zeigen dem Leser, wie aus Angst geschwiegen wird, obwohl jeder die Wahrheit kennt und wie dieses Schweigen autoritäre Systeme begünstigen kann. Eine politische Parabel darüber, wie alltägliche Kompromisse und Wegsehen zur Entstehung autoritärer Strukturen beitragen können.
Ein ungewöhnliches Buch, dass durch seine Absurdität durchaus Realismus verbreitet und den Leser durch seinen ungewöhnlichen Stil in seinen Bann zieht. Da wird die Handlung oft durch Kommentare aus einem Literaturforum unterbrochen, die sich später … (selber lesen, ich sag nix).
Sprachlich überzeugt der Roman durch einen klaren, präzisen Stil mit trockenem Humor und viel Ironie. Trotz vieler absurder Momente bleibt stets ein bedrückendes Gefühl zurück, hinter der satirischen Oberfläche verbirgt sich eine ernste und erschreckend aktuelle Botschaft. Wer ein gesellschaftskritisches Buch erwartet wird eine skurrile Satire mit unglaublichen Szenen bekommen, genau das, was man erwarten kann. Wer ein Buch über/mit Elefanten erwartet, der wird eine skurrile Geschichte bekommen, in der Elefanten anwesend sind, die aber nur bedingt als Hauptcharaktere bezeichnet werden können. Irgendwie sind sie es schon, aber auf abstrakte Weise. Wenn man sich aber auf DIE ELEFANTEN einlassen will, dann bekommt man ein auf mehreren Ebenen fesselndes und nachdenkliches Buch.

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(Rezensionsexemplar)

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