02.04.2026, Sorbisches Institut / Serbski Institut
Buchvorstellung: Wölfe erzählen. Eine Ethnografie vielartiger Narrative der Lausitz
Lausitz, Frühjahr 2000: Das erste Wolfsrudel etabliert sich in der Bundesrepublik Deutschland. Eine vormals ausgerottete Art erkundet ein stark verändertes Land. Die Ausbreitung der großen Beutegreifer wird von Anfang an von Erzählungen begleitet und erzählend mitgestaltet. Dabei trifft überliefertes Wissen auf neue Erkenntnisse über das Zusammenleben von Wolf und Mensch. Doch wer erzählt da eigentlich über wen? Und was wird verhandelt, wenn es um die „Rückkehr der Wölfe“ geht?
Am Donnerstag, 21. Mai 2026, 18:00 Uhr stellt Marlis Heyer ihr Buch, das als Band 73 der Schriftenreihe des Sorbischen Instituts bei Frank & Timme erschienen ist, im Museum der Westlausitz in Kamenz (Sachsen) vor.
Basierend auf empirischen Studien in der Lausitz zeichnet Marlis Heyer das komplexe Bild einer Region im Umbruch. Dabei lotet sie nicht nur Fragen nach dem Zusammenleben von Menschen und Wölfen aus, sondern nimmt mithilfe unterschiedlicher Theorien auch die Möglichkeiten und Grenzen von Erzählforschung über Menschen hinaus in den Blick.
(siehe auch hier)
Die Dissertationen von Irina Arnold und Marlis Heyer beschäftigen sich mit der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland und beleuchten dieses Thema aus teilweise unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Perspektiven. Beide Arbeiten entstanden im Rahmen eines Forschungsprojekts zur gesellschaftlichen Wahrnehmung und zum Umgang mit Wölfen und verfolgen einen sogenannten Multispecies-Ansatz, der nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Umwelt als handelnde Akteure betrachtet.
Irina Arnolds Dissertation „Wo Schafe arbeiten und Wölfe leben“ untersucht niedersächsische Schäfereien und deren Umgang mit der Rückkehr des Wolfs. Im Mittelpunkt stehen die Veränderungen, die Schäferinnen und Schäfer in ihrem Alltag bewältigen müssen. Arnold zeigt, dass durch die Anwesenheit des Wolfs neue Lernprozesse entstehen, etwa bei Herdenschutzmaßnahmen oder der Organisation des Arbeitsalltags. Sie beschreibt Schäferei als ein komplexes Zusammenspiel zwischen Menschen, Schafen, Hunden, Wölfen und Landschaft. Besonders hervorzuheben ist ihre praxisnahe ethnografische Herangehensweise, durch die der Alltag der Schäfereien anschaulich dargestellt wird. Gleichzeitig argumentiert Arnold für neue Formen des konfliktärmeren Zusammenlebens zwischen Mensch und Tier.
Marlis Heyers Dissertation „Wölfe erzählen“ richtet den Blick dagegen stärker auf die kulturelle und narrative Ebene. Sie analysiert, wie über Wölfe gesprochen und erzählt wird und welche gesellschaftlichen Vorstellungen dadurch entstehen. Im Fokus stehen Narrative aus der Lausitz, in denen der Wolf als Bedrohung, Symbol für Wildnis oder politisches Konfliktthema erscheint. Heyer untersucht, wie diese Erzählungen das Verhältnis zwischen Menschen und Wölfen beeinflussen und reflektiert zugleich die Möglichkeiten und Grenzen ethnografischer Erzählforschung.
Zusammen ergänzen sich beide Dissertationen: Arnold beleuchtet vor allem die praktische Ebene des Zusammenlebens von Mensch und Wolf, während Heyer die symbolische und kulturelle Bedeutung des Wolfs untersucht. Beide Arbeiten zeigen, dass die Rückkehr des Wolfs nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein gesellschaftliches und kulturelles Thema ist.
Beide Studien sind online kostenlos als pdf-Dateien verfügbar
Irina Arnold: „Wo Schafe arbeiten und Wölfe leben. Eine Multispezies-Ethnografie niedersächsischer Schäfereien“, Würzburg 2025
https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/frontdoor/index/index/docId/42186
Marlis Heyer: „Wölfe erzählen. Eine Ethnografie vielartiger Narrative der Lausitz“, Berlin 2026
https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/woelfe_erzaehlen

