29.06.2026, Freie Universität Berlin
Zeckenstich mit großen Folgen für Hunde: Blutparasit Babesia canis breitet sich in Deutschland aus
Die canine Babesiose, eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung des Hundes, kommt zunehmend auch in Deutschland vor. Für die Ansteckung ist die sogenannte Wiesenzecke (Dermacentor reticulatus) verantwortlich, die sich in den vergangenen Jahren in weiten Teilen Deutschlands etabliert hat. Vermutlich begünstigt durch klimatische Veränderungen und weitere Faktoren wie größere Brachflächen und steigende Wildtierzahlen sowie den Import infizierter Hunde aus dem Ausland ist damit eine Erkrankung auf dem Vormarsch, die vielen Hundehaltern kaum bekannt ist. Veterinärmediziner*innen der Freien Universität Berlin empfehlen einen lückenlosen Zeckenschutz über das gesamte Jahr
Nach einer Infektion des Hundes vermehren sich die Parasiten in den roten Blutkörperchen und führen zu deren massenhafter Zerstörung. Zu den typischen Krankheitsanzeichen zählen Mattigkeit, Appetitlosigkeit, hohes Fieber, blasse Schleimhäute durch Blutarmut sowie dunkel verfärbter Urin infolge des ausgeschiedenen Blutfarbstoffs. Die Diagnose der Babesiose erfolgt durch tierärztliche Untersuchung einer Blutprobe. Ohne rechtzeitige Behandlung verläuft die Erkrankung oft tödlich. In der Kleintierklinik der Freien Universität müssen seit einigen Jahren, wie in zahlreichen anderen Kliniken und Praxen in Berlin und Brandenburg, zunehmend Hunde intensivmedizinisch aufgrund einer Babesiose versorgt werden. Am besten ist es daher, die Infektion durch einen wirksamen Zeckenschutz von vorne herein zu verhindern.
„Wer einmal einen akut an Babesiose erkrankten Hund gesehen hat, wird nicht vergessen, wie sehr die Tiere leiden. Die gute Nachricht ist: Mit einem kontinuierlich aufgefrischten Zeckenschutz lässt sich eine Erkrankung zuverlässig vermeiden“, sagt Prof. Dr. Georg von Samson-Himmelstjerna, Geschäftsführender Direktor des Institutes für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin.
Für den Zeckenschutz stehen verschiedene zugelassene und hochwirksame Präparate zur Verfügung. Die Wirkstoffe wehren Zecken ab oder töten sie. Je nach Wirkstoff gibt es die Präparate als Hundehalsband, Auftropfbehandlung (Spot-on), (Kau-) Tabletten oder Injektion. Je nach Produkt hält die Wirkung zwischen einem Monat und einem Jahr an, so dass Wiederholungsbehandlungen eingeplant werden müssen. Da die Wiesenzecke ganzjährig aktiv sein kann, empfehlen Wissenschaftler*innen des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin einen lückenlosen Zeckenschutz für Hunde über das gesamte Jahr. Von vermeintlich „natürlichen“ Schutzmitteln wie Kokosöl, Knoblauch oder ätherischen Ölen ist hingegen abzuraten. Ihre Wirksamkeit gegen Zecken ist nicht ausreichend belegt; einzelne Produkte können zudem gesundheitsschädlich für Hunde sein.
29.06.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Spinnen profitieren von scheinbar einförmigen Wäldern
Eine neue Studie der Universität Würzburg zeigt, dass ein abwechslungsreicher Waldaufbau die Spinnenvielfalt beeinflusst. Durch das Anlegen von Waldlücken kann die Vielfalt teilweise deutlich abnehmen.
In der Ökologie gilt das Prinzip: Je unterschiedlicher und heterogener ein Habitat gestaltet ist, desto mehr unterschiedlichen Arten bietet es einen Lebensraum. Um die Artenvielfalt in Wäldern zu fördern, werden daher für Naturschutzzwecke Lichtungen angelegt, oder bewusst Totholz liegen gelassen. Für viele Arten wie Vögel, Fledermäuse oder Käfer ist diese Strukturvielfalt tatsächlich ein Gewinn.
Doch eine neue Untersuchung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) offenbart eine scheinbar markante Ausnahme: Für Spinnen ist der vermeintlich monotone, geschlossene Wald das wahre Refugium.
Diese Erkenntnis ist ökologisch brisant. Als bedeutende Raubtiere regulieren Spinnen die Insektenbestände und leisten einen wesentlichen Beitrag zur natürlichen Schädlingskontrolle. Dass sie als einzige der bisher untersuchten Tiergruppen negativ auf Waldveränderungen reagieren, zeigt, dass für ein vollständiges Bild ein Blick über Artgrenzen hinweg notwendig ist.
Verantwortlich für diese Studie war ein Team um Julia Rothacher und Jean-Léonard Stör, Erstautoren der Publikation, die im Rahmen des bundesweiten Forschungsprojektes BETA-FOR unter der Leitung von JMU-Professor Jörg Müller die Untersuchungen durchführten. Auch Forschende aus Kanada, Japan und Taiwan waren an der Studie beteiligt, die jetzt in der Fachzeitschrift Journal of Animal Ecology veröffentlicht wurde.
18.500 Spinnen unter der Lupe
Für seine Studie hat das Forschungsteam elf Standorte in ganz Deutschland untersucht. Dabei diente der Würzburger Universitätswald als ein zentraler Pfeiler der Untersuchung, ergänzt durch Flächen in den Nationalparken Bayerischer Wald und Hunsrück-Hochwald, im Saarland und in der Nähe von Lübeck. In den untersuchten Waldbeständen hatten die Forschenden zuvor für deutliche Unterschiede gesorgt: Während die eine Hälfte des Waldes so einfältig dicht und dunkel bleiben durfte, wie sie ursprünglich war, schufen sie in der anderen Hälfte teilweise Lücken im Blätterdach und legten unterschiedliche Totholzstrukturen an.
Das zentrale Ergebnis: „Überraschenderweise stellte sich heraus, dass Spinnen, anders als viele andere Artengruppen in heimischen Wäldern, nicht von dieser Strukturvielfalt profitieren“, erklärt Jean-Léonard Stör, der die Bestimmung der Tiere im Rahmen seiner Masterarbeit durchführte. „Dort, wo gezielt Lücken geschlagen wurden und Totholz liegen blieb, sank die Zahl der Spinnenarten um durchschnittlich fünf Arten pro Untersuchungsfläche“, ergänzt Doktorandin Julia Rothacher.
Konkret bedeutet dies:
Individuen: 18.540 erwachsene Spinnen haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit 1404 Bodenfallen an den elf Standorten gesammelt.
Artenreichtum: 206 Arten wurden nachgewiesen, was etwa 20 Prozent der deutschen Spinnenfauna entspricht. Darunter waren auch regional seltene Arten wie der Heide-Sichelspringer (Evarcha laetabunda) im Bayerischen Wald.
Der Wald: ein ökologisches Hochhaus
Zwar führten die Maßnahmen des Würzburger Forschungsteams dazu, dass sich die Zusammensetzung der Spinnengemeinschaft zwischen den einzelnen Untersuchungsflächen deutlich unterschied. Dies reichte jedoch nicht aus, um die Verluste auf lokaler Ebene auszugleichen, was insgesamt zu einer geringeren Spinnenvielfalt auf Landschaftsebene führte.
Das auf den ersten Blick überraschende Ergebnishinter diesen Effekten, lässt sich aber recht einfach erklären: „Ein geschlossener Wald mit intaktem Blätterdach gleicht einem ökologischen Hochhaus“, beschreibt Stör den Effekt. „Werden Lücken in den Wald geschlagen, profitieren zwar Arten wie die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia), die im Erdgeschoss auf lichte Strukturen angewiesen sind, das oberste Stockwerk dieses vielfältigen, dreidimensionalen Jagdreviers wird jedoch buchstäblich abgerissen.“
Gleiches zeigt sich den Daten der Forschenden: In die neuen Lichtungen wandern schnell mobile Wolfsspinnen ein. Dabei handelt es sich jedoch um häufige Generalisten. Die leidtragenden Verlierer sind sesshafte, teils hochspezialisierte Baum- und Stammbewohner wie die Gehörnte Kreuzspinne (Araneus angulatus) oder die Glänzende Sackspinne (Clubiona caerulescens). Sie werden durch den Filter der Waldöffnung lokal aussortiert und die gesamte Spinnengesellschaft verliert so an Variabilität.
Konsequenzen für den Wald der Zukunft
Die Ergebnisse der JMU-Forschenden zeigen, dass ein einseitiger Fokus auf die Maximierung von Waldlücken die Gemeinschaft der Achtbeiner deutlich verändern kann. Gleichzeitig zeichnen sich mitteleuropäische Wälder über weite Bereiche jedoch durch geschlossene Kronendächer aus, wodurch insbesondere licht- und lückenabhängige Arten vieler anderer Organismengruppen in heimischen Wäldern selten und gefährdet sind.
Zusammengenommen bedeutet dies für den Naturschutz, dass es keine pauschalen Lösungen geben kann, sondern dass die unterschiedlichen Ansprüche aller Artengruppen gezielt berücksichtigt werden müssen, um die Artenvielfalt in Wäldern zu erhalten.
Originalpublikation:
Temperate forest heterogeneity decreases local and landscape-scale spider diversity through habitat filtering despite increasing species turnover. Jean-Léonard Stör, Julia Rothacher, Marc Cadotte, Anne Chao, Maike Huszarik, Michael Junginger, Lisa Köstler-Albert, Oliver Mitesser, Akira S. Mori, Clara Wild, Jörg Müller. Journal of Animal Ecology, https://doi.org/10.1111/1365-2656.70297
30.06.2026, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Klimawandel lässt Meerestiere schrumpfen
Internationale Studie identifiziert ein uraltes Muster als Warnsignal für die Folgen der heutigen Erderwärmung
Ob Muscheln, Krebse oder Fische: Meerestiere reagieren seit Hunderten Millionen Jahren auf Umweltkrisen mit einem Rückgang ihrer Körpergröße. Eine neue Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) gemeinsam mit den Universitäten Warschau und Lille zeigt nun, dass dieser sogenannte „Lilliput-Effekt“ bei starken globalen Erwärmungsphasen besonders ausgeprägt ist. Die Forschenden sehen darin ein Warnsignal mit Blick auf den heutigen Klimawandel. Die Ergebnisse legen nahe, dass die aktuelle Erderwärmung die Meeresbewohner schrumpfen lassen wird.
Für die Studie analysierte das Forschungsteam fast 9.000 Größenänderungen aus fossilen, historischen und modernen Untersuchungen. Dadurch konnten Veränderungen der Körpergröße bei Meerestieren über einen Zeitraum von rund 450 Millionen Jahren hinweg miteinander verglichen werden.
„Unsere Daten belegen, dass die Abnahme der Körpergröße eine allgemeine Reaktion von Meerestieren auf Umweltkrisen ist“, sagt Dr. Paulina Nätscher, frühere Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Paläoumwelt an der FAU und Erstautorin der Studie. „Wir beobachten dieses Phänomen in sehr unterschiedlichen Tiergruppen, von Zwergwuchs in einzelnen Arten bis hin zu einer Dominanz kleinerer Arten in ganzen Lebensgemeinschaften. Er ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Ökosysteme unter Stress stehen.“
Besonders stark seien die Veränderungen während Erwärmungsphasen gewesen. „Bei allen Umweltkrisen, ob sie durch Erwärmung herbeigeführt wurden oder nicht, liegt ein Rückgang der Körpergröße in Lebensgemeinschaften vor“, erklärt ihr Kollege Dr. Kenneth De Baets von der Universität Warschau. „Besonders ist jedoch, dass Krisen mir starker Erwärmung zu deutlich stärkeren und wechselhafteren Veränderungen direkt innerhalb der Arten führen; also zu einer echten Verzwergung. Im Durchschnitt fallen diese Effekte etwa doppelt so stark bei Erwärmung aus, wie bei anderen Krisen.“
Auch der Zusammenhang mit der Temperaturentwicklung sei klar erkennbar, sagt Professor Wolfgang Kießling, Leiter des Lehrstuhls für Paläoumwelt an der FAU: „Je stärker die Temperatur steigt, desto ausgeprägter ist der Rückgang der Körpergröße. Die Erdgeschichte liefert damit ein deutliches Warnsignal für die Zukunft der Ozeane.“
Folgen für marine Ökosysteme
Die Studie legt nahe, dass der heute beobachtete Trend zu kleineren Fischen und wirbellosen Meerestieren kein kurzfristiges Phänomen ist, sondern einem langfristigen Muster folgt. Setzt sich die globale Erwärmung fort, könnten kleinere Körpergrößen in den Weltmeeren zunehmend zur Regel werden – mit weitreichenden Folgen für Nahrungsketten und Fischerei.
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2505564123
01.07.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Erfolgsmodell Braunbär: 3D-Analyse enthüllt das Geheimnis ihrer Klimaresilienz
Europäische Braunbären sind Überlebenskünstler: Die Tiere trotzen den pleistozänen Klimaschwankungen und überlebten die Wechsel von Eiszeiten und Warmzeiten bis heute. Zoologinnen gingen dieser evolutionären Flexibilität jetzt auf den Grund: 3D-Analysen an Bärenkiefern zeigen, dass sich bestimmte Kaustrukturen am Unterkiefer der Braunbären offenbar sehr flexibel an die wechselnden klimatischen Verhältnisse angepasst haben. Ihre Ergebnisse veröffentlichte SNSB Zoologin Anneke van Heteren nun in der Fachzeitschrift Comptes Rendus Palevol.
Braunbären (Ursus arctos) leben schon seit 175.000 Jahren bis heute in Europa. Eine neue Studie zeigt nun: Im Laufe ihrer Evolution veränderte sich die Kaufunktion der Unterkiefer europäischer Braunbären immer wieder signifikant – und zwar im selben Rhythmus wie das Klima, mit dem Wechsel von Warm- und Kaltzeiten. Zu diesem Ergebnis kam die Zoologin Anneke van Heteren von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und ihre Kollegin von der Universidad del País Vasco, Donostia-San Sebastián. Die beiden Forscherinnen verglichen in ihrer Studie die Unterkiefer fossiler und moderner Braunbären mit deren nächsten Verwandten, darunter auch zwei ausgestorbene Höhlenbärenarten (Ursus spelaeus und Ursus deningeri) sowie Eisbären (Ursus maritimus).
Detaillierte geometrische 3D-Analysen zeigen, dass der grundlegende Bauplan des Kiefers, das sogenannte Kauschema, bei europäischen Braunbären über Jahrtausende hinweg bemerkenswert stabil geblieben ist. Im Gegensatz zum spezialisierten pflanzenfressenden Höhlenbären oder dem fleischfressenden Eisbären behielt der Braunbär eine vielseitige, allesfressende Kieferstruktur bei. Diese hat sich seit dem Pleistozän nicht drastisch verändert. Die entscheidende Flexibilität liegt allerdings im Detail: Die Forscherinnen fanden feine Unterschiede der Unterkiefermorphologie im Bereich der Ansatzstelle des großen Kaumuskels Musculus masseter. Hier schwankt die Morphologie bei Braunbären im Laufe ihrer Entwicklung, je nachdem, ob sie in warmen oder kalten Klimaperioden lebten. Die Unterkiefer fossiler Braunbären aus Kaltzeiten ähneln denen heutiger Bären, die in kühleren Regionen der Nordhalbkugel und in großen Höhenlagen heimisch sind. Die Kiefer fossiler Braunbären aus Warmzeiten, egal welchen geologischen Alters, unterscheiden sich davon deutlich. Offenbar spiegelten sich Veränderungen im verfügbaren Nahrungsangebot bei Braunbären in der flexiblen Anpassung ihrer Kaumuskulatur wider.
“Diese morphologische Flexibilität der Kaustrukturen bei den Braunbären zeigt uns, dass die Tiere offensichtlich in der Lage waren, sich optimal an die selektiven Anforderungen ihrer Umgebung anzupassen. Ihre Fähigkeit, so extreme Klimaschwankungen zu bewältigen, spielte wahrscheinlich eine entscheidende Rolle für ihren evolutionären Erfolg. Braunbären sind seit dem mittleren Pleistozän kontinuierlich in Europa präsent. Spezialisiertere Arten wie der Höhlenbär starben hingegen aus”, erläutert Anneke van Heteren, Kuratorin für Säugetiere an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB), Hauptautorin der Studie.
Originalpublikation:
van Heteren A. H. & Villalba de Alvarado M. 2026. — Functional morphology of Pleistocene and Holocene brown bears (Ursus arctos Linnaeus, 1758): a 3D geometric morphometric approach to masseter biomechanics and evolutionary ecology. Comptes Rendus Palevol 25 (11): 189-205. https://doi.org/10.5852/cr-palevol2026v25a11
02.07.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Jagdverhalten prägt die Evolution der Spinnenaugen
Eine neue Studie eines internationalen Teams von Forschenden mit Beteiligung von Erstautor Atal Pande vom Museum für Naturkunde Berlin zeigt: Jagdspinnen entwickelten unabhängig voneinander nach vorne gerichtete Augenanordnungen – ihre Sehorgane entwickelten sich dabei als flexible, modulare Systeme. Der vordere Bereich des Spinnenkörpers wird damit zu einem vielseitigen visuellen Zentrum, in dem verschiedene Augen unterschiedliche Aufgaben übernehmen und dennoch gemeinsam dasselbe Ziel verfolgen.
Wie Tiere ihre Umwelt wahrnehmen, beeinflusst maßgeblich, wie sie Nahrung finden, Gefahren erkennen und sich orientieren. Bei Wirbeltieren mit zwei Augen verrät die Stellung der Augen häufig die Lebensweise: Räuber wie Löwen besitzen nach vorn gerichtete Augen für präzises räumliches Sehen, während Beutetiere wie Hirsche seitlich angeordnete Augen haben, die ein breites Sichtfeld ermöglichen. Doch wie funktioniert dieses Prinzip bei Spinnen, die meist über acht Augen in unterschiedlichsten Anordnungen verfügen?
Dieser Frage ist ein internationales Forschungsteam in einer neuen Studie nachgegangen. Anhand von 52 Spinnenarten untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mithilfe hochauflösender Röntgen-Computertomographie, geometrischer Morphometrie und evolutionsbiologischer Modellierungen, wie sich Position, Ausrichtung und Blickwinkel der Spinnenaugen im Verlauf der Evolution verändert haben.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Augenanordnungen der Spinnen im Laufe der Evolution stark diversifiziert haben. Während ursprüngliche Spinnenlinien, wie etwa Falltürspinnen, noch eine zentrale Anordnung der Augen besitzen, entwickelten Radnetzspinnen eine ringförmige Verteilung. Mehrere evolutionär jüngere Gruppen weisen hingegen eine auffällige Konzentration mehrerer Augenpaare im vorderen Bereich des Vorderkörpers auf.
Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung bei visuell jagenden Spinnen. Die Studie zeigt, dass ihre Augenanordnungen die größte morphologische Vielfalt sowie die höchsten Evolutionsraten aufweisen. Unabhängig voneinander entwickelten verschiedene Linien eine ähnliche Konfiguration, bei der mehrere Augenpaare nach vorne ausgerichtet sind. Dadurch können mehrere Augen denselben Bereich des Sichtfeldes gleichzeitig erfassen und ihre Informationen kombinieren. Dies verbessert vermutlich die Bewegungswahrnehmung, ermöglicht hochauflösendes Sehen und erleichtert die Einschätzung von Entfernungen. Der vordere Bereich des Spinnenkörpers wird damit zu einem vielseitigen visuellen Zentrum, in dem verschiedene Augen unterschiedliche Aufgaben übernehmen und dennoch gemeinsam dasselbe Ziel verfolgen.
Darüber hinaus zeigt die Studie, dass das visuelle System der Spinnen modular aufgebaut ist. Position und Ausrichtung einzelner Augenpaare können sich weitgehend unabhängig voneinander entwickeln. Das Sehsystem bildet somit keine starre Einheit, sondern eine flexible Struktur, die im Verlauf der Evolution unterschiedlich angepasst werden kann. Diese Modularität hat es Spinnen ermöglicht, ihre visuellen Fähigkeiten optimal an verschiedene Jagdstrategien und ökologische Lebensräume anzupassen.
„Spinnen sind ein außergewöhnliches Modellsystem, um zu verstehen, wie sich Sehen im Laufe der Evolution entwickelt“, erklärt Erstautor Atal Pande. „Im Gegensatz zu Tieren mit nur zwei Augen verfügen Spinnen über mehrere visuelle Module, die sich teilweise unabhängig voneinander verändern können. Dadurch eröffnet die Evolution deutlich mehr Möglichkeiten, das visuelle System anzupassen – und erklärt die bemerkenswerte Vielfalt der Augenanordnungen bei Spinnen.“
Die Studie liefert neue Erkenntnisse darüber, wie natürliche Selektion komplexe Sinnessysteme an ökologische Anforderungen anpasst. Gleichzeitig könnten die Ergebnisse langfristig auch Impulse für die Entwicklung neuartiger visueller Sensorsysteme in der Robotik und bei autonomen Technologien liefern.
Originalpublikation:
DOI to the paper: 10.1016/j.cub.2026.06.019
link to the paper: https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(26)00730-X
02.07.2026, Universität Greifswald
Frühlingsgefühle bei Fledermäusen? Neue Studie der Uni Greifswald liefert Hinweise auf Paarungen nach dem Winterschlaf
Bei Fledermäusen galt lange als gesichert, dass die Paarung ausschließlich im Herbst stattfindet. Eine internationale Studie unter Federführung der Universität Greifswald, erschienen im Fachjournal Mammalian Biology, liefert nun Hinweise darauf, dass diese Annahme möglicherweise nicht stimmt. Beim Großen Abendsegler (Nyctalus noctula) fanden die Forschenden im Frühjahr unter anderem Spermiennachweise und weitere Merkmale, die auf Paarungen nach dem Winterschlaf hindeuten.
Untersucht wurden mehrere hundert Tiere an vier Standorten in Nordostdeutschland – bei Havelberg in Sachsen-Anhalt, bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sowie an zwei weiteren Standorten in Brandenburg. Die Untersuchungen fanden in alten, strukturreichen Wäldern mit Baumhöhlen und Fledermauskästen statt.
„Unsere Daten liefern mehrere unabhängige Hinweise darauf, dass auch im Frühjahr noch Fortpflanzungsprozesse stattfinden“, sagt Erstautorin Xenia Mathgen, die die Studie im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Greifswald durchgeführt hat. „Das bedeutet, dass die Paarung im Herbst nicht der einzige relevante Zeitraum ist. Das Paarungsverhalten ist deutlich flexibler, als bislang angenommen“, so Mathgen.
Mehrere biologische Indikatoren sprechen für Aktivität
Das Forschungsteam untersuchte Reproduktionsorgane, hormonelle Merkmale und zytologische Proben der Tiere. Bei vielen männlichen Fledermäusen waren im Frühjahr noch Spermien in den Nebenhoden nachweisbar. Gleichzeitig zeigten beide Geschlechter eine Vergrößerung der Wangendrüsen, die während der Paarungszeit eine Rolle bei der Kommunikation spielen.
Auch bei den Weibchen ergaben die Untersuchungen Hinweise auf Fortpflanzungsaktivität: In Vaginalproben wurden Spermien nachgewiesen, obwohl sich viele Tiere im März noch nicht in der Phase des Eisprungs befanden.
„Die Kombination dieser Befunde ist konsistent mit aktiven Paarungen nach dem Winterschlaf“, erklärt Dr. Marcus Fritze von der Universität Greifswald, Angewandte Zoologie und Naturschutz. „Möglicherweise stellt das Frühjahr eine Art ‚letzte Chance‘ dar, falls es im Herbst nicht zu einer erfolgreichen Paarung gekommen ist, oder Männchen niedrigeren Ranges versuchen ihre im Herbst verpasste Chance zu nutzen.“
Bedeutung für Lebensräume und Naturschutz
Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung alter, höhlenreicher Wälder als zentrale Lebens- und Fortpflanzungsräume für den Großen Abendsegler. Diese Wälder bieten nicht nur Quartiere für den Winterschlaf, sondern auch Strukturen, die für die Fortpflanzung essenziell sind.
Fledermauskästen können natürliche Baumhöhlen zwar ergänzen, ersetzen jedoch keinen vollständigen Waldlebensraum. Der langjährige Fledermausschützer Peter Busse, der ein großes Kastenrevier im Havelberger Forst betreut, betont: „Wir sehen seit Langem, wie wichtig diese Wälder für die Abendsegler sind. Wenn diese Lebensräume verloren gehen, verlieren die Tiere weit mehr als nur Schlafplätze.“
Bedeutung im Kontext des Klimawandels
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Fortpflanzungszyklus des Großen Abendseglers flexibler sein könnte als bislang angenommen. Eine solche Anpassungsfähigkeit könnte in Zeiten klimatischer Veränderungen von Vorteil sein und gleichzeitig macht die Studie deutlich, wie wichtig stabile Lebensräume für die Erhaltung von Arten sind. „Ein besseres Verständnis der Reproduktionsbiologie ist eine wichtige Grundlage für wirksamen Fledermausschutz“, betont Fritze. „Nur wenn wir wissen, wann und wo Fortpflanzung tatsächlich stattfindet, können Schutzmaßnahmen gezielt greifen.“
Originalpublikation:
Mathgen, X., Busse, P., Fasel, N. J., Kravchenko, K., Scheuerlein, A., Holtze, S., Fritze, M. (2026): Reproductive timing in bats: evidence of spring mating following hibernation. Mammalian Biology, 15 April 26. https://doi.org/10.1007/s42991-026-00581-8
02.07.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Ameisen: Wer in einer Kolonie die Verletzten pflegt
Rossameisen amputieren verletzte Beine ihrer Artgenossinnen, um Infektionen zu minimieren. Eine neue Studie mit Würzburger Beteiligung zeigt: Darum kümmern sich vor allem Ameisen, die vom Innen- in den Außendienst umsatteln.
Wer im Krankenhaus als Patientin oder Patient ist, vertraut in der Regel den Pflegekräften. Schließlich durchlaufen diese eine Ausbildung und bringen gegebenenfalls mehrere Jahre Berufserfahrung mit.
Bei Rossameisen entscheidet nicht die Pflege-Expertise, wer die Patientinnen versorgt: „In den Kolonien gibt es keine spezialisierten ‚Krankenpflegerinnen‘. Vielmehr übernehmen diese Aufgabe Arbeiterinnen, die sich im Übergang von der Brutpflege zur Nahrungssuche befinden“, so Dr. Erik Frank, Seniorautor der Studie und Leiter einer Emmy Noether-Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg. Diese Übergangsphase der Ameisen dauert in der Regel 20 Tage.
Entscheidend sei zudem, wie viele vorherige Interaktionen die Pflegerin mit der verletzten Ameise gehabt habe, sagt Alba Motes-Rodrigo, Co-Autorin von der Universität Lausanne (Schweiz). Dazu zählen soziale Interaktionen wie sich gegenseitig zu säubern oder sich zufällig im Nest zu begegnen und sich gegenseitig zu antennieren, also sich mit den Fühlern abzutasten.
Ameisen im Übergang zwischen Innen- und Außendienst streifen durch das ganze Nest und sind dadurch besser vernetzt als andere Artgenossinnen. Die Beobachtungen veröffentlichte das Forschungsteam in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).
Vollautomatisches Tracking: 660 Ameisen genauestens im Blick
Für die Studie untersuchte das Team sechs Kolonien mit je 110 Ameisen der Art Camponotus fellah, die zur Gattung der Rossameisen zählt und vor allem im Nahen Osten lebt. Mithilfe eines vollautomatischen Trackingsystems konnten die Forschenden über Wochen die Bewegungen und hunderttausende von Interaktionen einer jeden Ameise sowie deren Wundversorgungen genauestens nachvollziehen.
„Wir wissen seit Langem, dass die räumliche Organisation einer Kolonie alltägliche Aufgaben wie Brutpflege oder Nahrungssuche steuert. Unsere Ergebnisse gehen aber noch weiter“, erklärt Dr. Ebi George, Co-Autor von der Universität Lausanne. Sie zeigen, dass auch die alltägliche räumliche und soziale Überschneidung zwischen den Arbeiterinnen vorübergehende Aufgaben wie die lebensrettende Wundversorgung bestimme, führt George aus.
Rossameisen: Meister der Amputation
In einer vorherigen Studie hat Frank mit seinem Team bereits beobachtet, wie Rossameisen Wunden versorgen: Sie amputieren die verletzten Beine ihrer Artgenossinnen, indem sie diese abbeißen und mit antimikrobiellen Stoffen behandeln. Dabei gilt stets die Devise: Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Die Ameisen nehmen prophylaktische Amputationen vor. Das schützt nicht nur die Kolonie vor Infektionen, sondern verdoppelt auch die Überlebensrate der verletzten Arbeiterinnen. „Wir konnten damals zeigen, wie die Wunden behandelt werden. Unsere aktuelle Studie zeigt nun, wer sich vorwiegend darum kümmert“, so Frank.
Originalpublikation:
Ebi Antony George, Alba Motes-Rodrigo, Laurent Keller, Erik T. Frank: “Social and Spatial Affinity Drive Wound Care in Ants”; in PNAS, 1. Juli 2026, https://doi.org/10.1073/pnas.2614400123
02.07.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Hast du ’nen Vogel? Birding-Trend: Tipps für Einsteiger
Vögel beobachten? Das ist doch was für Nerds, für Menschen mit grauen Haaren und beiger Funktionskleidung. Dieses Vorurteil war lange weit verbreitet – und sicherlich nicht ganz grundlos in der Welt. Aber derzeit ändert sich das Bild der Menschen, die in den Himmel starren: Birding heißt das Hobby nun, und es ist ein echter Trend geworden, auch und gerade unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie teilen ihre Beobachtungen auf ihren Social-Media-Kanälen, treffen sich im Morgengrauen in städtischen Parks und organisieren „Ornicamps“. Birding ist eine gleichzeitig spannende wie entspannende Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Und wer ein paar Dinge beachtet, kann schnell Einblicke in die Welt der gefiederten Arten erhaschen. Leonie Kütemeyer, Naturbildungspädagogin bei der Deutschen Wildtier Stiftung, ist Expertin für Vogelbeobachtungen und gibt Tipps, wie der Einstieg in das faszinierende Hobby rasch gelingt.
Zur richtigen Uhrzeit am richtigen Ort sein
„Wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Landschaft geht, begegnen einem Vögel fast überall – Rabenkrähen, Spatzen und Tauben in der Stadt, Silbermöwen am Strand oder ein Mäusebussard über einem Feld“, sagt Leonie Kütemeyer. „Manche Birder picken sich bestimmte Vogelarten heraus, die sie kennenlernen wollen, andere schauen einfach, was in ihrer Umgebung alles fliegt.“ Die beste Zeit für Vogelbeobachtungen sind die frühen Morgen- und Abendstunden: „Kurz vor Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sind die meisten Vögel aktiv“, sagt die Expertin. Eulen und Käuze sieht und hört man besser unter dem Sternenhimmel. Chancen auf spannende Entdeckungen bieten viele Orte: „Toll sind Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete, denn dort gibt es oft Aussichtsplattformen mit Blick auf besonders interessante Areale wie Sammelplätze oder Brutgebiete. Aber auch in Städten können Vogelfans schöne Beobachtungen machen, etwa auf Friedhöfen, in Kleingärten, in Parks oder auf alten Industriebrachen“, so Kütemeyer.
Ein Fernglas mitnehmen
Wer Vögel bestimmen möchte, braucht ein Fernglas. Wie sieht beispielsweise der Schnabel aus? Ist er lang und pinzettenförmig wie bei der Amsel und anderen Singvögeln, die mit seiner Hilfe Würmer und Larven geschickt aus dem Boden ziehen? Oder ist es der kompakte, kräftige Schnabel von Körnerknackern wie dem Kernbeißer? Greifvögel besitzen hakenartige Schnäbel, um ihre Beute töten und zerkleinern zu können. Wer solche Charakteristika entdecken möchte, ist mit einem 8×42-Fernglas gut beraten: achtfache Bildvergrößerung, 42 Millimeter Durchmesser der Frontlinse. Je größer die Linse ist, desto mehr Licht fängt das Glas ein und desto besser ist es für Beobachtungen auch bei schlechten Lichtverhältnissen geeignet. „Üblich sind in der Vogelbeobachtung acht- oder zehnfache Vergrößerungen mit Objektivdurchmessern zwischen 30 und 42 Millimetern“, sagt die Vogelkundlerin.
Bestimmungshilfen nutzen
Auch ein gutes Bestimmungsbuch gehört zur Grundausstattung. Empfehlenswert ist ein Vogelführer, der die Vogelarten Europas und angrenzender Regionen mit detaillierten Illustrationen in verschiedenen Kleidern zeigt – Sommer- und Wintergefieder, Jugendkleid und die Färbungen beider Geschlechter. „Wer lieber digital unterwegs ist, findet in Bestimmungs-Apps nützliche Helfer zur Bestimmung per Aufnahme des Gesangs, per Foto oder mithilfe eines Bestimmungsschlüssels“, sagt Kütemeyer.
Richtige Kleidung und angemessenes Verhalten
Manche Vögel lassen sich bequem von der heimischen Terrasse aus beobachten. Schöner ist es aber, raus in die Natur zu gehen, auf eine Wiese oder in einen Wald. Dafür braucht es robuste und praktische Kleidung. Taschen bieten Platz für ein Mücken- und Zeckenspray sowie ein Notizbuch, in dem besondere Beobachtungen – ein seltener Durchzügler etwa – mit Ort und Datum notiert werden können. Für einen längeren Ausflug lohnt es sich, etwas Proviant einzupacken. Wer Vögel beobachten möchte, sollte sich ruhig verhalten. Langsame, bedächtige Bewegungen sind wichtig: Vögel reagieren empfindlich auf plötzliche Gesten oder laute Geräusche. Also lieber an einer Hecke oder am Waldrand still stehen oder sitzen, statt umherzulaufen. Und natürlich gilt: Auf den Wegen bleiben.
Beobachtungen teilen – auch im Dienst der Wissenschaft
Wer seine Beobachtungen dokumentieren und gleichzeitig etwas für die Wissenschaft tun möchte, kann sie auf Internetplattformen wie ornitho.de oder der App NaturaList melden. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten, ein Partner der Deutschen Wildtier Stiftung, bündelt die Daten für wissenschaftliche Auswertungen und den Artenschutz. Auch Fotos lassen sich auf den Plattformen einstellen. In Online-Foren tauschen sich Vogelkundler aus und finden Gleichgesinnte. Viele Naturschutzorganisationen bieten Exkursionen an. Erfahrene Begleiter zeigen nicht nur, wo und wie man schaut, sondern helfen auch dabei, Vogelstimmen zu erkennen – eine Fähigkeit, die das Erlebnis Birdwatching enorm bereichert. Auch die Botschaft der Wildtiere in Hamburg stellt viele heimische Vögel vor. Die Erlebniswelt mit einer interaktiven Dauerausstellung bietet viel spannendes Wissen über die Natur – die beste Grundlage, um anschließend draußen auf eigene Faust auf Erkundungstour zu gehen.
Extra-Tipps: Bitte nicht stören – Verhaltensregeln im Feld
Bleiben Sie auf ausgewiesenen Wegen.
Gehen Sie nicht zu nah an die Vögel heran, um sie nicht zu stören.
Halten Sie sich vor allem von Nestern fern. Störungen können dazu führen, dass die Elternvögel die Brut verlassen. Eier oder Jungvögel kühlen dann aus.
Verfolgen Sie Vögel nicht – etwa um bessere Fotos oder Beobachtungen zu machen.
Versuchen Sie nicht, Vögel mit Tonaufnahmen anzulocken. Das kann Revierverhalten auslösen, Stress verursachen und die Brutpflege stören.
Vogelbestimmung für Einsteiger
Grundwissen Vogelbestimmung
Die Vögel Mitteleuropas
(ein paar Beispiele aus dem Blog)
03.07.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Forschende wollen Ursachen von Veränderungen in Singvögel-Population besser verstehen
Im Botanischen Garten der Universität Tübingen werden in den nächsten zehn Jahren Vögel vermessen und beringt – Daten sollen helfen, Artenschutz zu stärken
Forschende der Universität Tübingen sammeln in einem neuen Langzeitprojekt detaillierte Informationen zur Singvögel-Population. Sie wollen unter anderem verstehen, wie sich Bestände entwickeln oder warum manche Arten zunehmen, während andere zurückgehen. Dazu beteiligt sich seit Mai das Institut für Evolution und Ökologie mit dem Botanischen Garten am bundesweiten „Integrierten Monitoring von Singvogelpopulationen“ (IMS).
Für das Projekt werden Singvögel im Arboretum des Botanischen Gartens der Universität Tübingen gefangen, beringt, vermessen und umgehend wieder freigelassen. Die Abläufe sind so optimiert, dass die Interaktion mit den Tieren so schnell als möglich abläuft. Insgesamt zwölf Fangtermine in der Brutzeit von Mai bis August sind geplant, an denen für die Tiere ungefährlichen Netze eingesetzt werden.
Untersuchen, warum sich Populationen verändern
Das IMS ist ein Programm der deutschen Vogelwarten nach europaweiten Standards. Ziel ist es, die Ursachen von Bestandsveränderungen bei Singvögeln besser zu verstehen. Während klassische Vogelzählungen vor allem zeigen, ob Bestände zu- oder abnehmen, liefert das Beringungsprogramm zusätzliche Informationen darüber, warum sich Populationen verändern. So können Forschende aus den Daten Rückschlüsse auf den Bruterfolg und die Überlebensraten der Vögel ziehen. Anhand der beringten Vögel, die im Folgejahr erneut eingefangen werden, erkennen die Forschenden, ob Veränderungen vor allem während der Brutzeit oder im Winterhalbjahr entstehen.
„Wenn wir Vogelarten wirksam schützen wollen, müssen wir verstehen, welche Faktoren hinter Bestandsveränderungen stehen. Das gelingt nur mit langfristigen Daten, die über reine Bestandszählungen hinausgehen“, sagt Projektleiter Dr. Nils Anthes vom Institut für Evolution und Ökologie. Das Projekt ist deshalb langfristig angelegt und soll bis zu zehn Jahre fortgeführt werden.
Von Kohlmeise über Rotkehlchen bis zum Grauspecht
Im Fokus stehen alle Vogelarten, die regelmäßig im Botanischen Garten brüten – von häufigen Arten wie Kohlmeise, Rotkehlchen oder Mönchsgrasmücke bis hin zu regionalen Besonderheiten wie Halsbandschnäpper und Grauspecht. Die Vielfalt der Lebensräume im Arboretum macht das fünf Hektar große Gelände zu einem besonders attraktiven Standort für das Monitoring.
„Der Botanische Garten mit seinen vielfältigen Gehölzbeständen und naturnahen Strukturen bietet hervorragende Voraussetzungen für ein solches Langzeitmonitoring. Gleichzeitig eröffnet das Projekt neue Möglichkeiten, Besucherinnen und Besucher für die heimische Vogelwelt zu begeistern“, sagt Dr. Alexandra Kehl, Leiterin des Botanischen Gartens.
Außer der Forschung spielt auch die Umweltbildung eine wichtige Rolle. Die Ergebnisse des Monitorings sollen künftig über Informationstafeln im Botanischen Garten vermittelt werden. Darüber hinaus werden die Beringungsarbeiten in die Ausbildung von Lehramtsstudierenden sowie Studierenden der Biologie und Ökologie eingebunden. Perspektivisch sind außerdem öffentliche Führungen und Informationsveranstaltungen geplant.




