Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

20.05.2026, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
Insekten in der Stadt: Blumen allein genügen nicht
Was macht einen Stadtgarten attraktiv für Insekten wie solitäre Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen? Und wie gut bestäuben sie Pflanzen in Innenstädten? Eine Studie der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zeigt, dass Insekten Pflanzen in der ganzen Stadt bestäuben können, sie aber mehr insektenfreundliche Grünflächen brauchen.
* WSL-Forschende haben in Gärten der Stadt Zürich untersucht, wo und wann Insekten Pflanzen bestäuben – und dafür sogar Insektenzungen vermessen.
* Sie zeigen, dass ein grosses Blütenangebot in Privatgärten in der dicht bebauten Innenstadt zwar solitären Wildbienen und Hummeln hilft, aber Käfer und Schwebfliegen dort nicht zu Blumen finden.
* Entsprechend werden die Blumen, die von Käfern und Schwebfliegen bestäubt werden, in dicht bebauten Quartieren kaum bestäubt.
* Insekten in der Stadt brauchen insektenfreundliche Lebensräume auf Quartierebene und nicht nur auf der Ebene einzelner Gärten.
Die Bienensaison ist in vollem Schwung und überall suchen Bienen nach mit Nektar gefüllten Blumen. Wo werden sie und andere hungrige Insekten, die Pflanzen bestäuben, in dicht bebauten Städten fündig? Dieser Frage haben sich WSL-Forschende in einem aufwendigen Versuch gewidmet. Rund 30 unermüdliche Freiwillige haben sich über einen Monat hinweg wiederholt in 24 verschiedenen Gärten in der Stadt Zürich vor Blumentöpfe gesetzt und gewissenhaft jedes Insekt protokolliert und gefangen – für jeweils neun Stunden am Stück.
Dieser Einsatz zeigt erstmals auf, welche Insektenarten im Tagesverlauf welche Gärten und Blüten besuchen und wie gut sie die Blüten bestäuben. «Wir haben uns Stadtgärten angeschaut, die in unterschiedlich stark verdichteten Stadteilen lagen und ein unterschiedlich breites Blütenangebot aufwiesen. Dabei haben wir grosse Unterschiede im Vorkommen verschiedener Insektenarten gefunden», fasst die Ökologin und WSL-Gastwissenschaftlerin Merin Reji Chacko zusammen. Solche Unterschiede zu analysieren, hilft den Forschenden, herauszufinden, wie eine Stadt aussieht, in der Blüten bestäubende Insekten ein passendes Zuhause finden. Das ist wichtig, weil viele dieser Insektenarten, zum Beispiel Hummeln, eine wichtige Rolle bei der Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen spielen. Städte können eine grosse Vielfalt an Wildbienen beherbergen und sind deshalb wichtig für deren Schutz.
Insektenzungen vermessen
Um herauszufinden, wie sich die Insekten an ihre Umgebung anpassen, vermassen die Forschenden sogar die Zungenlänge der einzelnen Tiere. Diese verrät, welche Blüten ein Insekt nutzen kann: Nur Bestäuber mit langen Zungen, wie Hummeln, erreichen den tief verborgenen Nektar von spezialisierten Blüten. Bestäuber mit kürzeren Mundwerkzeugen, wie Schwebfliegen, sind hingegen auf leicht zugängliche Blüten angewiesen.
Die Forschenden stellten fest, dass in blütenreichen Gärten der dicht bebauten Innenstadt besonders grosse Wildbienen wie Hummeln aktiv sind, vermutlich weil sie wegen ihrer Grösse auch über grössere asphaltierte Flächen hinweg zu einzelnen «Blüteninseln» fliegen können. Sie profitieren somit selbst in dicht bebauten Innenstädten von einem vielfältigen Blütenangebot. Doch auch kleine Wildbienen mit relativ langen Zungen profitieren vom reichen Buffet im Garten, vermutlich eben darum, weil sie klein sind und so genügend Nahrung und auch Nistplätze finden. Pflanzen, an deren Nektar nur Insekten mit langen Zungen kommen, können also fast überall in der Stadt gut bestäubt werden.
Blüten fehlen die Bestäuber
Doch nicht alle Insekten bestäuben überall Blüten: Schwebfliegen und Käfer lassen sich mit zunehmend dichter Verbauung immer seltener blicken – und zwar unabhängig davon, wie attraktiv das Blütenangebot im einzelnen Garten ist oder wie lang ihre Zungen sind. Der Grund: Diese Gruppen finden in stark bebauten Quartieren keinen geeigneten Lebensraum. Die federleichten Schwebfliegen, die als Larven Blattläuse fressen, brauchen viele Grünflächen, um sich in der Stadt wohlzufühlen. Viele Käfer, die im Totholz brüten, finden zudem in zubetonierten Gegenden keine passenden Brutstätten. Die Folge ist, dass Blüten, die von solchen Insekten bestäubt werden, in dicht verbauten Stadtteilen seltener bestäubt werden und deshalb weniger Samen und Früchte produzieren.
Einsatz von Privaten und Städten nötig
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass es den Einsatz auf allen Entscheidungsebenen – von der privaten bis zur Ebene der Stadtplanung – braucht, um die Artenvielfalt und Ökosystemleistungen wie Bestäubung in der Stadt zu fördern. Private Gartenbesitzende können viel erreichen, sagt der Ökologe und WSL-Gastwissenschaftler David Frey, der das Experiment im Rahmen seiner Doktorarbeit an der WSL geleitet hat: «Es lohnt sich immer, auf kleiner Fläche etwas für die Biodiversität zu machen. Sogar wenn man in der Stadtmitte einen sehr isolierten Garten hat. Viele verschiedene Pflanzen anzupflanzen, hat übrigens auch positive Effekte auf die Bodenqualität und sogar den Erholungswert des Gartens.»
Aber die Bemühungen von Einzelpersonen genügen nicht. So sind Käfer und Schwebfliegen auf Lebensräume im ganzen Stadtquartier und nicht nur in einzelnen Gärten angewiesen. Die Co-Erstautorin Reji Chacko sagt dazu: «Wir haben eine erstaunlich grosse Biodiversität in den Städten. Aber es ist wichtig, dass wir sicherstellen, dass jene Grünflächen, die wir haben, geschützt werden. Dies gilt vor allem, wenn wir Städte nach innen und in die Höhe verdichten, wie es zum Beispiel der Richtplan 2040 der Stadt Zürich vorsieht.»
Originalpublikation:
Reji Chacko M., Frey D.J., Albrecht M., Ghazoul J., Moretti M. (2026) No one‐size‐fits‐all: trait‐dependent effects of local plant diversity on pollinators and pollination service in a densifying city. J. Appl. Ecol. 63(5). https://doi.org/10.1111/1365-2664.70384

20.05.2026, Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV) e. V.
Nach 20 Jahren wiederentdeckt: LBV findet seltene Heuschrecke im Allgäu
Türks Dornschrecke an der Trettach bei Oberstdorf nachgewiesen
Wildflüsse brauchen dringend Schutz
Pünktlich zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt am 22. Mai gibt es eine besondere Nachricht aus dem Allgäu: Dort haben die Gebietsbetreuer des bayerischen Naturschutzverbands LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) an der Trettach bei Oberstdorf die seltene Türks Dornschrecke entdeckt. Im Allgäu war die vom Aussterben bedrohte Heuschreckenart seit mehr als 20 Jahren verschollen – Experten gingen daher bereits von einem Erlöschen der Population aus. Deutschlandweit gibt es darüber hinaus nur noch wenige Vorkommen, die alle in Oberbayern liegen. „Der Fund zeigt, wie wichtig naturnahe Wildflüsse für viele bedrohte Arten sind. Solche Lebensräume sind heute selten geworden. Deshalb zählt jeder Meter, an dem ein Fluss noch wild fließen darf, wie hier an der Trettach“, sagt LBV-Gebietsbetreuerin Tanja König.
Die Türks Dornschrecke kommt nur dort vor, wo Flüsse noch Platz haben und durch Hochwasser immer wieder offene Kiesflächen entstehen. Auf dem Wildflussschotter findet ihr ganzes Leben statt: Sie ernähren sich von den Algen, Moosen und Gräsern, die dort vorkommen, pflanzen sich fort und legen ihre Eier gut getarnt in den Kies. Die Art ist nur etwa zehn Millimeter groß und reagiert sehr sensibel auf Veränderungen ihres Lebensraums: Werden Flüsse verbaut, beispielsweise durch Wasserkraftwerke, verschwindet auch die seltene Heuschrecke. Weil es in Deutschland kaum noch geeignete Lebensräume für die Türks Dornschrecke gibt, gilt die Art bundesweit als vom Aussterben bedroht.
Der betroffene Abschnitt der Trettach gehört zu den letzten weitgehend natürlichen Wildflusslandschaften im Allgäu. Dort finden nicht nur Türks Dornschrecken geeignete Bedingungen, sondern auch viele andere Tier- und Pflanzenarten wie der vom Aussterben bedrohte Flussuferläufer oder Alpenschwemmlinge wie die Alpen-Wachsblume. „Dieser Teil der Trettach bei Oberstdorf ist ein echtes Naturjuwel. Gerade solche wilden Flüsse zeigen, wie vielfältig und lebendig unsere Natur sein kann, wenn man ihr Raum lässt“, sagt Tanja König vom LBV.
Die Wiederentdeckung macht deutlich, wie wichtig naturnaher Flusslandschaften für die Artenvielfalt sind. Zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt erinnert der LBV deshalb daran, wie dringend diese Lebensräume geschützt werden müssen. „Schon kleine Veränderungen können empfindliche Arten verdrängen. Dort wo es noch wilde Abschnitte von Flüssen gibt, sollte deshalb jede Art von Eingriff konsequent vermieden werden“, mahnt die Gebietsbetreuerin. Nur so haben Arten wie die Türks Dornschrecke auch künftig eine Überlebenschance.
Um die Türks Dornschrecke und anderer spezialisierter Arten zu fördern, führt der LBV insbesondere in Oberbayern das Bundesprojekt „Bayerns Seltenste – Arten der Trockenlebensräume“ durch.

21.05.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Gemeinsam für die Stadtnatur: City Nature Challenge liefert erneut wertvolle Daten zur Biodiversität in Berlin
Die diesjährige City Nature Challenge Ende April 2026 hat erneut eindrucksvoll gezeigt, wie groß das Interesse an der Erforschung der urbanen Natur ist: In Berlin wurden über 20.000 Beobachtungen von 2326 Arten dokumentiert. Das Ergebnis unterstreicht das außergewöhnliche Engagement von Bürger:innen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Vereinen und Fachleuten, die gemeinsam zur Erfassung der biologischen Vielfalt in der Hauptstadt beigetragen haben. Eine aktuelle Fachpublikation zu den Berliner Ergebnissen der Jahre 2023 und 2024 verdeutlicht, dass die Ergebnisse der City Nature Challenge substanziell zur Erfassung der Berliner Biodiversität beitragen.
Das Projekt vereint ein breites Netzwerk aus Partnern der Natur- und Wissenschaftslandschaft, darunter Expert:innen, ehrenamtlich Engagierte sowie botanische und zoologische Einrichtungen. Zentral ist dabei das Zusammenwirken von professioneller Forschung und Bürgerwissenschaft, welches eine umfassende Datengrundlage ermöglicht.
Das Museum für Naturkunde Berlin hat die City Nature Challenge in der Stadt seit 2022 maßgeblich mit angestoßen und begleitet. Zugleich zeigt sich: Die besondere Stärke des Formats liegt in der Kooperation zahlreicher Akteur:innen wie dem Botanischen Garten, der Stiftung Naturschutz, dem NABU und vielen mehr, die gemeinsam Beobachtungen sammeln, Arten bestimmen und so die urbane Biodiversität sichtbar machen.
Wissenschaftliche Relevanz für die Hauptstadt
Eine nun veröffentlichte Studie (BMC Ecology and Evolution) macht deutlich, dass die City Nature Challenge in Berlin weit mehr ist als ein öffentlichkeitswirksames Mitmachformat. Sie liefert belastbare wissenschaftliche Daten zur biologischen Vielfalt im urbanen Raum.
Darüber hinaus erfasst die City Nature Challenge auch Arten von besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung, darunter seltene, geschützte und invasive Arten. Z.B. die invasive Schwebegarnele Hemimysis anomala oder der bedrohte Kammolch (Triturus cristatus).Die Autor:innen der Studie bewerten das Format daher als wichtige Ergänzung zum klassischen Biodiversitätsmonitoring.
Gerade in einer Metropole wie Berlin, in der ein flächendeckendes Monitoring bislang nur eingeschränkt vorhanden ist, können die im Rahmen der City Nature Challenge erhobenen Daten dazu beitragen, bestehende Wissenslücken zu schließen. Sie liefern wertvolle Hinweise auf Verbreitung, Vorkommen und Veränderungen der Artenvielfalt im städtischen Raum.
Auffällig sind zudem die hohe Beteiligung sowie die fachliche Vielfalt der Mitwirkenden. Neben der gestiegenen Zahl an Teilnehmenden zeigt sich, dass spezialisierte Expert:innen bestimmte Artengruppen besonders differenziert erfassen können. Dies trägt wesentlich zur Qualität und Aussagekraft der erhobenen Daten bei.
Die City Nature Challenge verdeutlicht damit eindrucksvoll, welches Potenzial in der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft liegt – und wie gemeinsames Engagement dazu beitragen kann, die biologische Vielfalt in Städten besser zu verstehen und langfristig zu schützen.
Originalpublikation:
https://link.springer.com/article/10.1186/s12862-026-02524-w

21.05.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Rückkehr nach zwei Jahrhunderten: Wildkatze in Vorpommern nachgewiesen
In Mecklenburg-Vorpommern galt die Europäische Wildkatze seit rund 200 Jahren als verschollen. Nun konnte erstmals ein Vertreter dieser scheuen Art in Vorpommern genetisch nachgewiesen werden – auf den Flächen der Deutschen Wildtier Stiftung bei Strasburg. Es handelt sich um das derzeit nordöstlichste bekannte Vorkommen überhaupt innerhalb ihres europäischen Verbreitungsgebietes. Bislang gab es lediglich einen genetischen Nachweis aus dem Jahr 2024 im mecklenburgischen Müritz-Nationalpark – jener Region, aus der auch die letzte historisch dokumentierte Wildkatze des Bundeslandes aus dem Jahr 1812 stammt.
Bereits vor drei Jahren hatten Wildkameras auf den Stiftungsflächen in Vorpommern erste verdächtige Aufnahmen geliefert. Nun gelang erstmals der genetische Nachweis: An sechs verschiedenen Standorten innerhalb eines Waldgebietes konnte eine Wildkatze nachgewiesen werden. „Dieser Fund ist sensationell“, sagt Malte Götz, Biologe bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Noch vor wenigen Jahren hätte kaum ein Experte erwartet, dass Wildkatzen jemals wieder so weit im Nordosten Deutschlands auftauchen würden – nur rund 50 Kilometer von der Ostsee entfernt.“
Grundlage des Nachweises war ein Monitoring im Frühjahr. Dafür wurden Haarfallen in einem systematischen Raster aufgestellt und über mehrere Wochen hinweg kontrolliert. „Die mit Baldrian besprühten Lockstöcke aus Holz ziehen Wildkatzen magisch an“, sagt Götz. Beim Reiben an dem rauen Holz bleiben Haare am Stock haften, die anschließend im Labor genetisch untersucht werden.
„Eine Wildkatze nachzuweisen, erfordert viel Geduld“, erklärt Kathrin Mayer, Leiterin Naturschutz auf Gut Klepelshagen, ein Modellbetrieb der Deutschen Wildtier Stiftung für wildtierfreundliche Landnutzung. „Man muss die Lebensräume der Wildkatze genau kennen, um die Lockstöcke genau dort zu platzieren, wo die Tiere ihre Streifzüge unternehmen. Duftende Lockstoffe wie Baldrian wirken bei Katzen nur auf geringer Distanz und nicht über Hunderte Meter weit wie etwa bei Füchsen.“
Die Laborergebnisse brachten nun den Beweis. „Es handelt sich um einen Kater, der sich offenbar über mehrere Wochen auf einer Fläche von rund zwei Quadratkilometern aufhielt. Ob diese Fläche Bestandteil eines stabilen Reviers des Katers ist, ist noch nicht sicher“, sagt Götz. Die Streifgebiete männlicher Wildkatzen umfassen in der Regel 30 bis 60 Quadratkilometer. Weitere Erhebungen sollen nun zeigen, ob der Kater bereits Anschluss zu anderen Wildkatzen hat.
„Ob die Wildkatze in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich ausgestorben war oder nur einzelne Tiere unentdeckt überdauert haben, ist unklar“, sagt Malte Götz. „Sicher ist jedoch: Die aktuellen Nachweise zeigen, dass die Art auch im Nordosten Deutschlands in naturnahen Wäldern wieder geeignete Lebensräume vorfindet.“

22.05.2026, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Wie Europas Landschaften Klima und Biodiversität gleichzeitig schützen können
Ein neues Konzept zeigt, wie europäische Regionen auf unterschiedliche, sich gegenseitig ergänzende Weise zu Klima- und Naturschutzzielen beitragen können.
Eine neue Studie in der Fachzeitschrift One Earth kommt zu dem Ergebnis, dass in vielen Landschaften Europas Klimaschutz, Klimaanpassung und Biodiversität gestärkt werden können – mit einem nur geringen sozioökonomischen Risiko. Grundlage der Studie ist ein neu entwickeltes Konzept zur Bewertung von „climate-smart Rewilding” (klimafreundliche Wiederverwilderung).
Climate-smart Rewilding knüpft an die Grundidee des Rewildings an, der Natur mehr Raum zu geben und natürliche Prozesse wiederherzustellen. Dazu gehören auch Maßnahmen, die Vorteile für Klima und Gesellschaft berücksichtigen, sogenannte Ökosystemleistungen.
Die Forscherinnen und Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und des EU-Horizon-Projekts WildE fanden regionale Unterschiede und Stärken.
Laut der Studie weisen Ost- und Südeuropa die höchste Gesamteignung für climate-smart Rewilding auf, während nördliche Regionen sich besonders durch ihr Potenzial für Klimaanpassung auszeichnen. Teile Osteuropas bieten ein hohes Klimaschutzpotenzial während Westeuropas Potenzial durch Landschaftszerschneidung eingeschränkt ist.
„Climate-smart Rewilding vereint Ökosystemwiederherstellung und Klimaschutz – zwei dringende Prioritäten der EU, die nicht immer im gleichen Tempo voranschreiten“, erklärt Erstautor Dr. Gavin Stark von iDiv und der MLU. „Unser Ziel war es, einen Ansatz zu entwickeln, der nicht nur die natürliche Wiederherstellung von Ökosystemen fördert, sondern gleichzeitig Klimaschutz, Klimaanpassung und gesellschaftlichen Nutzen integriert – ein echter Mehrwert für Natur und Mensch.“
Beispielsweise können landwirtschaftliche Brachflächen in einigen Ländern die Biodiversität und die Kohlenstoffspeicherung fördern – eine sogenannte Ökosystemleistung. Gleichzeitig kann dies das Risiko von Waldbränden erhöhen. Das Beispiel verdeutlicht, wie Klimavorteile mit ökologischen und wirtschaftlichen Zielkonflikten verknüpft sein können. Eine mögliche climate-smart-Rewilding-Maßnahme besteht darin, die Vegetation durch natürliche oder landwirtschaftliche Beweidung zu steuern. Beide Ansätze können die Ansammlung Waldbrand-fördernder Biomasse reduzieren.
Zwischen Menschen, Klima und Biodiversität vermitteln
Es ist bekannt, dass Strategien mit Schwerpunkt auf Kohlenstoffspeicherung den Schutz der Biodiversität in den Hintergrund drängen können und Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität mitunter keine schnell spürbares Klimawirkungen bringen. Schnellwachsende Monokulturwälder etwa können Kohlenstoff schneller speichern als artenreiche Wälder, bieten jedoch deutlich weniger Lebensraum für Pflanzen- und Tierarten.
Das Konzept des climate-smart Rewildings hilft, verschiedene Ziele miteinander in Einklang zu bringen – es zeigt auf, wo sie sich gegenseitig verstärken und wo gezielte Maßnahmen notwendig sind, um sie gemeinsam verfolgen zu können.
Ein weiteres Beispiel aus der Studie identifiziert Konnektivitäts-Hotspots in den baltischen Staaten, Finnland und Teilen Schwedens, in denen die Wiederherstellung ökologischer Korridore – die es Tieren ermöglichen, dem Klimawandel zu folgen – sowohl die Biodiversität als auch die Klimaanpassung unterstützen könnte. Gleichzeitig ist eine sorgfältige Planung erforderlich, um diese Maßnahmen mit landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen oder regionalen Entwicklungsinteressen in Einklang zu bringen.
„Das Konzept vermittelt ein klareres Bild davon, wie sich Vorteile in unterschiedlichen Ökosystemen erzielen lassen und gleichzeitig die Menschen unterstützt werden, die von ihnen abhängen – und wie ambitioniertere Naturschutzziele erreicht werden können“, erklärt Seniorautor Prof. Henrique Pereira von der MLU und iDiv. „Es hilft Praktikerinnen und Praktikern sowie Entscheidungsträgern zu erkennen, welche Maßnahmen in den richtigen Regionen die größte Wirkung entfalten können.“
Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass die Aussagekraft des Konzeptes stets kontextabhängig ist und Anpassungen an regionale und lokale Bedingungen erfordert. Zudem könne es nur begrenzt berücksichtigen inwieweit zukünftige politische und gesellschaftliche Veränderungen die Risikowahrnehmung oder die Eignung bestimmter Gebiete verändern.
Das Konzept und die räumlichen Ergebnisse sind über die WildE-Website, den WildE Knowledge Hub und das EBV Data Portal zugänglich. Alle Daten und Codes zur Reproduktion der Karten werden zudem bald auf Zenodo verfügbar sein. Damit erhalten Praktiker, Forschende, politische Entscheidungsträger und Landbewirtschafter die Möglichkeit, regionale Chancen zu erkunden, die Analysen an eigene Planungskontexte anzupassen und das Konzept auf weitere Fragen des Schutzes und der Wiederherstellung von Ökosystemen anzuwenden.
Originalpublikation:
Stark, G., Weissgerber, M., Fernández, N., Quintero-Uribe, L. C., Giergiczny, M., Poulsen, N. R., Villar, N., Mols, B., Bakker, E. S., Smith, A. M., Winkel, G., Alagador, D., Rey-Benayas, J. M., Espelta, J. M., Selwyn, M., Brotons, L., Kluvankova, T., Brnkalakova, S., Kloibhofer, J., Prestele, R., Smith, H. G., Lázaro-González, A., Buitenwerf, R., Pearce, E. A., Svenning, J.-C., Santana, J., Beja, P., Moreira, F., Wunder, S., Svoboda, M., Vancura, V., Arneth, A., Hampe, A., & Pereira, H. M. (2026). Towards Climate-Smart Rewilding: An Integrated Framework for Biodiversity, Climate Change, and Society. One Earth. DOI: https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101704

27.05.2026, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft
Auerhuhn-Monitoring in Bayern: Viele Nachweise, deutliche regionale Unterschiede
Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) hat 2025 ihr bayernweites Monitoring des Auerhuhns aus dem Jahr 2022 wiederholt. In enger Zusammenarbeit zwischen Forstverwaltung, Naturschutzbehörden und Ehrenamtlichen aus dem Naturschutz suchten 68 Beteiligte auf 57 Untersuchungsflächen nach Nachweisen dieser seltenen Vogelart. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.
Regionale Unterschiede in der Verbreitung
Trotz einer strengeren Qualitätskontrolle konnten im Rahmen des Monitorings 2025 insgesamt 604 Nachweise der seltenen Vogelart in Bayern erbracht werden. Die Zahl der erbrachten Nachweise bewegt sich damit weiterhin in einer ähnlichen Größenordnung wie bei der Erhebung im Jahr 2022. Nach Abschluss der Kontrollen waren 4,7 Prozent der Inventurpunkte mit einem Nachweis des Auerhuhns belegt. Zugleich zeigt das Monitoring weiterhin deutliche regionale Unterschiede bei der Verbreitung. Während die Art im Alpenraum und in Teilen Niederbayerns großflächig vorkommt, konnte im Fichtelgebirge trotz langjähriger Schutzmaßnahmen erneut nur ein einzelner Nachweis erbracht werden.
„Die Ergebnisse zeigen: Das Auerhuhn ist in Bayern weiterhin verbreitet, aber regional sehr unterschiedlich stark vertreten“ betont Dr. Peter Pröbstle, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF).
„Gerade deshalb brauchen wir langfristige Daten, um Schutzmaßnahmen gezielt weiterentwickeln zu können.“
Monitoringverfahren verbessert
Erstmals kam beim Monitoring eine speziell entwickelte App zum Einsatz. Sie erleichterte Navigation, Dateneingabe und Fotodokumentation im Gelände. Die Daten konnten dadurch zentral zusammengeführt, besser ausgewertet und systematisch qualitätsgesichert werden. Gegenüber der Ersterfassung sind die Ergebnisse durch das neue Qualitätsmanagement wesentlich belastbarer. Zwar sind einzelne Werte dadurch nicht in allen Punkten direkt mit der Erhebung von 2022 vergleichbar. Der Zugewinn an Datenqualität überwiegt jedoch deutlich – auch mit Blick auf künftige Auswertungen.
Belastung der Lebensräume nimmt zu
Die Ergebnisse verdeutlichen zugleich die zunehmenden Herausforderungen für den Schutz des Auerhuhns. Auch der steigende Erholungsverkehr in den Gebirgsregionen führt zu zusätzlichen Störungen. Extreme Wetterereignisse, Schadinsekten und die Folgen des Klimawandels beeinträchtigen zusätzlich die empfindlichen Lebensräume.
Schutzkonzepte weiterentwickeln
Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse zur Verbreitung des Auerhuhns und zum Schutz seiner Lebensräume. Bestehende Schutzkonzepte können auf dieser Grundlage räumlich angepasst und weiterentwickelt sowie die Pflege geeigneter Lebensräume fortgeführt werden. Maßnahmen zur Besucherlenkung sowie zur naturnahen Gestaltung lichter und strukturreicher Wälder bleiben dabei von zentraler Bedeutung.

27.05.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Blauer Planet mit weißem Fleck: Mehr als die Hälfte der Weltmeere ist unzureichend erforscht
In einer heute veröffentlichten Studie hat die Senckenberg-Forscherin PD Dr. Hanieh Saeedi rund 48 Millionen Datensätze zu mehr als 184.000 marinen Arten analysiert – die weltweit erste Auswertung, die Muster der marinen Biodiversität und deren Einflussfaktoren entlang des gesamten Tiefengradienten in dieser Detailtiefe beleuchtet. Sie zeigt, dass über die Hälfte der Weltmeere kaum wissenschaftlich erfasst ist. So stammen beispielsweise aus den zentralen Tropen weniger als 2,5 Prozent aller Biodiversitätsdaten. Die Ergebnisse betonen die Bedeutung international koordinierter Forschung, Datenerhebung, Digitalisierung und langfristiger Monitoringprogramme zum Schutz der Meeresökosysteme.
Ozeane bedecken mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche und bilden das größte zusammenhängende Ökosystem der Welt. Sie sind nicht nur Lebensraum für eine enorme Vielfalt an Organismen, sondern spielen auch eine zentrale Rolle für das globale Klimasystem und die Sauerstoffproduktion. „Trotz ihrer großen Bedeutung – auch für uns Menschen – sind Meere nach wie vor nur sehr lückenhaft erforscht. Schätzungen zufolge gibt es über 2,2 Millionen marine Arten, von denen aber etwa 90 Prozent noch nicht wissenschaftlich beschrieben sind“, erklärt PD Dr. Hanieh Saeedi, Leiterin des Bereichs Geobiodiversitätsinformation und Datenmanagement am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, und fährt fort: „Unser Wissen über die weltweite Artenvielfalt der Meere ist trotz jahrzehntelanger Forschung und umfangreicher Datensammlungen noch immer verzerrt und unvollständig. Wo liegen Hotspots mariner Artenvielfalt? Wo bestehen Wissenslücken? Und was sind Treiber für die Artenvielfalt?“
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, hat die Senckenberg-Datenspezialistin in ihrer neuen Studie rund 48 Millionen Datensätze zum Vorkommen von Meeresorganismen ausgewertet. Diese stammen aus globalen, frei zugänglichen Datenbanken wie dem Ocean Biodiversity Information System (OBIS) und der Global Biodiversity Information Facility (GBIF). Insgesamt umfasst der Datensatz Informationen zu über 184.000 marinen Arten. „Das entspricht etwa 90 Prozent der wissenschaftlich beschriebenen und akzeptierten Meeresfauna. Ziel war es – erstmals in diesem Umfang – ein globales Bild der marinen Biodiversität zu erstellen. Nicht nur, um Verbreitungsmuster zu erkennen, sondern auch, um systematisch aufzuzeigen, wo Daten fehlen und welche Faktoren diese Muster beeinflussen. Dies ist auch für die Planung gezielter Schutzmaßnahmen im Rahmen der Ziele der UN-Ozeandekade wichtig“, erläutert Saeedi ihren Ansatz.
Die Auswertung berücksichtigt Daten von flachen Küstengewässern bis hin zu extremen Tiefen von rund 11.000 Metern. Zusätzlich wurden statistische Methoden eingesetzt, um Verzerrungen durch ungleichmäßige Beprobung auszugleichen. „Es ist die erste Auswertung der marinen Biodiversität weltweit auf Grundlage eines derart umfangreichen Datensatzes, die Biodiversitätsmuster und ihre Einflussfaktoren über den gesamten Tiefengradienten hinweg analysiert – von der Wasseroberfläche bis in die Tiefsee. Auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Meerestiefen und Tiergruppen wurden systematisch berücksichtigt“, so Saeedi.
Die Ergebnisse der Meeresforscherin sind alarmierend: Mehr als die Hälfte der Weltmeere ist unzureichend untersucht oder die erhobenen Daten sind nicht öffentlich zugänglich. Das bedeutet, dass große Teile der Ozeane kaum „sichtbar“ sind. Besonders deutlich wird dies in der Tiefsee: Für mehr als 160 Millionen Quadratkilometer unterhalb von 200 Metern Tiefe gibt es praktisch keine verwertbaren Biodiversitätsdaten. Saeedi hierzu: „Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass die Artenvielfalt in der Tiefsee wahrscheinlich deutlich höher ist als bisher angenommen. Auch tropische und polare Regionen sind stark untererfasst, obwohl dort potenziell sehr viele Arten vorkommen.“
Aus den zentralen Tropen, einschließlich afrikanischer Meeresregionen, stammen weniger als 2,5 Prozent aller Datensätze. Anders sieht es in wirtschaftlich gut erschlossenen Regionen, wie dem Nordatlantik, und in flachen Meeresbereichen bis etwa 200 Meter Tiefe aus: Dort gibt es eine Konzentration von Daten. „Diese Ungleichverteilung führt dazu, dass bestimmte Muster der Artenvielfalt möglicherweise verzerrt dargestellt werden. In einigen Fällen werden Hotspots unterschätzt oder gar nicht erkannt, insbesondere in der Tiefsee und in wenig erforschten Regionen“, gibt Saeedi zu bedenken.
Auch die Treiber für die Artenvielfalt – also die Faktoren, die beeinflussen, wie viele Arten in einem Gebiet vorkommen und wie sich Biodiversität entwickelt oder verändert – lassen sich in den Weltmeeren nicht vereinheitlichen. Saeedis Studie zeigt, dass in flachen Meeresgebieten vor allem die Wassertemperatur eine zentrale Rolle für die Artenvielfalt spielt. In tieferen Meeresregionen sind Nährstoffkreisläufe und menschliche Aktivitäten entscheidend. Das liegt laut der Forscherin aber vermutlich auch daran, dass sich die bisherigen wissenschaftlichen Tiefseeexpeditionen nur auf bestimmte Regionen konzentrierten.
„Die Ergebnisse kommen zu einem entscheidenden Zeitpunkt für die globale Ozeanpolitik, da Regierungen im Rahmen der UN-Ozeandekade und internationaler Meeresschutzabkommen ehrgeizige Ziele zum Schutz der Biodiversität verfolgen. Schutzplanungen, die auf unvollständigen und geografisch verzerrten Daten beruhen, können dazu führen, dass besonders gefährdete Ökosysteme für Wissenschaft und Politik ‚unsichtbar‘ bleiben. Man kann nicht wirksam schützen, was nie beprobt, dokumentiert oder digital erfasst wurde“, warnt Saeedi und fährt fort: „Meine Studie zeigt, dass das globale Bild der marinen Biodiversität weiterhin stark davon geprägt ist, wo Forschende in der Vergangenheit Proben genommen und Daten veröffentlicht haben – weniger von der tatsächlichen Verteilung des Lebens im Ozean. Um die bestehenden Wissenslücken zu schließen, sind erhebliche internationale Investitionen notwendig – etwa in langfristige Monitoringprogramme, gezielte Tiefsee-Expeditionen, standardisierte Datenerhebungen, die groß angelegte Digitalisierung und Zusammenführung von Biodiversitätsdaten sowie stärker koordinierte internationale Forschungskooperationen. Nur so lässt sich die tatsächliche Vielfalt des Lebens in den Ozeanen realistisch erfassen und wirksam schützen.“
Originalpublikation:
Saeedi, H. Gaps and drivers of global marine animal biodiversity from the surface to abyss. Nat Commun 17, 4553 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-73613-z

27.05.2026, Ruhr-Universität Bochum
Einblicke in einzigartige anatomische Strukturen der Seescheide
Sie sind das evolutionäre Bindeglied zwischen Wirbeltieren und Wirbellosen, weshalb die Ascidiae, oder auch Seescheiden, in den vergangenen Jahren zu einem wertvollen Probanden für biologische Studien geworden sind. Erstmals konnte nun Forschende der Ruhr-Universität Bochum ausgeprägte Autofluoreszenz in Halocynthia papillosa, einer von über 3.000 Arten, nachweisen. Darüber hinaus liefert die Studie umfassende Einblicke in die Anatomie dieser Seescheide.
Deutlich wurde dabei das Potenzial moderner multimodaler Bildgebung – von Licht- und Konfokalmikroskopie bis hin zu MRT und hochauflösender Synchrotron-Tomografie, mit denen dreidimensionale Bildgebung von sogar kontrastarmen Geweben möglich war. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Communications Biology“ am 22. April 2026 veröffentlicht.
Ein zentrales Ergebnis ist die detaillierte Charakterisierung der Tunic, also des Mantels, der die Tiere umgibt. „Erstmals konnten wir ausgeprägte Autofluoreszenz in den Cuticular Spines nachweisen und die komplexe, spiralförmig organisierte Zellulosearchitektur des Mantels rekonstruieren“, erklärt Dr. Mareike Huhn vom Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität Bochum. Die Studie veröffentlicht die Ergebnisse der Masterarbeit von Lukas Hessel (Biologie RUB), die in Kooperation mit Forschenden vom Leibniz Institut für Neurobiologie in Magdeburg und dem Europäischen Molekularbiologielabor am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg durchgeführt wurde.
Offene Fragen bleiben
Die Funktion der fluoreszierenden Strukturen bleibt jedoch weitgehend ungeklärt und wirft grundlegende Fragen auf, da vergleichbare Phänomene bei adulten Seescheiden bislang kaum beschrieben wurden. „Unsere Daten deuten darauf hin, dass mechanische Zustände wie Kontraktion, die optischen Eigenschaften des Mantels beeinflussen könnten – mit möglichen ökologischen Funktionen, die weiter untersucht werden müssen“, so Mareike Huhn.
Bislang unbekannte Besonderheiten im Nervensystem
Darüber hinaus zeigt die Studie bislang unbekannte Besonderheiten im Nervensystem von Halocynthia papillosa. So weist ihr zentrales Nervensystem deutliche Unterschiede zu anderen Arten auf, insbesondere durch das Fehlen einer klar abgegrenzten Verdickung des Zerebralganglions. Dies legt nahe, dass zentrale neuronale Strukturen innerhalb der Seescheiden stärker variieren als bisher angenommen. „Vergleichende Analysen weiterer Arten könnten neue Organisationsformen des Zerebralganglions aufdecken und wichtige Hinweise auf deren funktionelle Bedeutung liefern“, ist sich Mareike Huhn sicher.
Grundlage für zukünftige Studien
Auch die dreidimensionale Rekonstruktion der Tentakel im oralen Siphon zeigt artspezifische Organisationsmuster, einschließlich unterschiedlicher Subtentakel-Strukturen sowie der Verteilung von Nerven und Blutgefäßen. „Die in dieser Studie etablierten Methoden bieten eine Grundlage, um solche Unterschiede künftig systematisch zwischen Arten zu vergleichen“, so Mareike Huhn. Dies eröffne die Perspektive, Zusammenhänge zwischen Anatomie, Filtrationsfunktion und Umweltfaktoren – etwa der Reaktion auf Unterwasserlärm – gezielt zu untersuchen.
Insgesamt unterstreicht die Arbeit, dass selbst häufig vorkommende, bislang wenig beachtete Arten wie H. papillosa überraschende anatomische Besonderheiten aufweisen. Sie zeigt zugleich, dass die Kombination innovativer Bildgebungstechnologien neue Wege eröffnet, um Struktur-Funktions-Beziehungen in marinen Organismen umfassend zu verstehen.
Originalpublikation:
Lukas Hessel, Jonas Albers, Annika Michalek, Till Böttner, Elisabeth Duke, Ida Siveke, Stefan Herlitze, Jürgen Goldschmidt, Mareike Huhn: Insights Into Unique Anatomical Structures of the Ascidian Halocynthia papillosa Obtained by Multimodal Imaging, in: Communications Biology, 2026, DOI: 10.1038/s42003-026-10102-5, https://www.nature.com/articles/s42003-026-10102-5

27.05.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Hohe Fettverbrennung: Stoffwechsel von Fledermäusen während der saisonalen Migration ähnelt dem von Vögeln
Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Viele Arten nutzen diese Fähigkeit für den saisonalen Zug, während dessen sie oft stundenlang ununterbrochen in der Luft sind. Diese Energieleistung würde den Stoffwechsel anderer Säugetiere überfordern, da diese nur in sehr begrenztem Umfang Fettsäuren verbrennen können. Forschende von Leibniz-IZW und Helmholtz Munich konnten nun durch die Messung von Stoffwechsel-Abbauprodukten im Blut von ziehenden Rauhautfledermäusen nachweisen, dass die Fettsäureverbrennung ein wichtiger Energielieferant für den Stoffwechsel der Fledermäuse ist – insbesondere während der Migrationszeit.
Die Forschungsergebnisse sind in der Fachzeitschrift „The FASEB Journal“ veröffentlicht. Für die Studie untersuchten die Forschenden um Alesia Walker (Helmholtz Munich), Shannon Currie und Christian Voigt (beide Leibniz-IZW) Blutproben von Rauhautfledermäusen (Pipistrellus nathusii), die in einem Windkanal unter kontrollierten Bedingungen flogen, sowie von Individuen derselben Art aus der freien Wildbahn während und außerhalb der Migrationszeit. Die untersuchten Fledermäuse wurden auf den Ornithologischen Forschungsstationen Engure und Pape in Lettland gefangen; 16 von ihnen flogen an der Universität Lund in einem Windkanal, durch den Luft mit einer Geschwindigkeit zwischen sechs und acht Metern pro Sekunde strömte. Von insgesamt 47 Rauhautfledermäusen wurden direkt nach dem Fangen oder nach einer Stunde Erholungszeit Blutproben genommen und analysiert – von 16 vor der Zugzeit und von 31 während der Zugzeit. Mit speziellen chromatographischen Methoden (Hydrophile Interaktionschromatographie/ Ultrahochleistungs-Flüssigchromatographie, HILIC/UHPLC) suchten die Forschenden nach Stoffwechselabbauprodukten (Metaboliten) und Fetten (Lipide).
Fledermauszug ist mit erhöhter Fettverbrennung verbunden
Die Untersuchung der Metabolite erbrachte deutliche Hinweise auf eine hohe Relevanz der Fettsäureverbrennung während der Migration. Bei länger fliegenden Fledermäusen sind beispielweise rund 70% der Acylcarnitine im Blut erhöht. Bei diesen handelt sich um die Transportform von Fettsäuren, die zur Verbrennung in die Mitochondrien (die „Kraftwerke“ der Zellen) eingeschleust werden. Ohne das Transportmolekül Carnitin ist die Mitochondrienmembran für Fettsäuren unpassierbar. Zudem registrierten die Forschenden bei ziehenden Fledermäusen im Vergleich zu den noch nicht ziehenden Fledermäusen deutlich höhere Konzentrationen an ungesättigte Fettsäuren tragenden Phosphatidylethanolaminen sowie mehrerer Phosphatidylcholine.
„Wir konnten nachweisen, dass die Metabolite des Fettstoffwechsels während des Zugs der Rauhautfledermäuse deutlich erhöht waren. Dies widerspricht der etablierten Lehrmeinung, dass Säugetiere nur eingeschränkte Fähigkeiten zum Transport und zur Oxidation von Fettsäuren während Phasen großer Anstrengung aufweisen“, erklärt Dr. Alesia Walker, Wissenschaftlerin in der Abteilung Analytische Biogeochemie am Helmholtz Munich. „Dies gilt insbesondere für die Metabolite von ungesättigten Fettsäuren, während die Konzentrationen von Stoffwechselprodukten von gesättigten Fettsäuren keine nennenswerten Unterschiede zwischen ziehenden und nicht ziehenden Tieren aufweisen.“ Wie alle Säugetiere können auch Fledermäuse mehrfach ungesättigte Fettsäuren nicht selbst synthetisieren und müssen diese über die Nahrung aufnehmen. Während der Zugzeit nehmen die Rauhautfledermäuse insbesondere Insekten zu sich, deren Larven in Gewässern leben. Diese sind oft reichhaltiger in langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren als waldbewohnende Insekten.
Physiologische Anpassungen von Fledermäusen ähneln jenen der Vögel
„Unsere Forschungsergebnisse zeigen, wie die Rauhautfledermäuse über die Verbrennung von Fettsäuren ihren Stoffwechsel für die lange Migration in die Winterquartiere fit machen“, sagt Prof. Dr. Christian Voigt, Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie am Leibniz-IZW. „Wir Menschen sind wie andere Säugetiere dazu nicht in diesem Umfang in der Lage, weil wir bei großer Anstrengung den hohen Energiebedarf nur sehr begrenzt über die Verbrennung von Fettsäuren bestreiten bedienen können. Wenn wir intensiv Sport treiben, stellt unser Körper die nötige Energie hauptsächlich aus Glykogenen, einer Kohlenhydrat-Speicherform, bereit.“ Nachdem die Glykogenspeicher während des Trainings oder Wettkampfs geleert wurden, hat der Körper nicht mehr genügend Energie, um die Muskelarbeit mit gleicher Intensität aufrechtzuerhalten. Dies kann zu einem Leistungsabfall und einer schnellen Ermüdung führen. Viele Sportler kennen dieses Phänomen als „hitting the wall“. Wenn Rauhautfledermäuse saisonal mehrere tausend Kilometer zwischen ihren Sommerlebensräumen in Nordosteuropa und ihren Winterlebensräumen in West- und Südeuropa zurücklegen, wäre ein solcher Leistungseinbruch fatal. „Fledermäuse machen es also ein Stück weit wie die Vögel und können dauerhaft hohe Leistung durch die Oxidation von Fettsäuren erbringen“, schließt Voigt. Damit könnten sie theoretisch, wie viele europäische Singvögel, sogar noch weiter bis nach Afrika ziehen. „Das tun sie jedoch nicht, ganz einfach weil sie es nicht müssen: Fledermäuse halten in ihren Winterquartieren einen mehrmonatigen Winterschlaf, was Vögel nicht können. Die Rauhautfledermaus kann beispielsweise im Mittelmeerraum gut über den Winter kommen und muss nicht in noch wärmere Gefilde ziehen.“
Originalpublikation:
Walker A, Truong TT, Klingenspor M, Hedenström A, Pētersons G, Schmitt-Kopplin P, Currie SE, Voigt CC (2026): High relevance of fatty acid oxidation in a migrating mammal, the Nathusius’ pipistrelle (Pipistrellus nathusii). The FASEB Journal 40/10, e71900. DOI: 10.1096/fj.202600860R.

28.05.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Altes Rätsel gelöst: Wo Schildkröten im Stammbaum des Lebens stehen
Die vermeintliche Ur-Schildkröte Eunotosaurus africanus ist kein direkter Vorfahr der Schildkröten. Das belegt eine neue Analyse der Verwandtschaftsverhältnisse ursprünglicher Schildkröten durch ein internationales Expertenteam. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht.
Die Verwandtschaftsverhältnisse der meisten Wirbeltiergruppen sind heute gut verstanden. Selbst stark abgewandelte Formen wie Wale oder Vögel lassen sich dank genetischer und morphologischer Daten eindeutig im Stammbaum des Lebens einordnen. Anders bei den Schildkröten: Genetische Studien sehen sie als Verwandte der sogenannten Archosaurier, einer Gruppe, zu der Vögel und Krokodile gehören. Doch eindeutige morphologische Belege dafür fehlten bislang – und frühe Fossilien schienen dieser Einordnung sogar zu widersprechen. Eine neue inter-nationale Studie unter Leitung von Xavier Jenkins, American Museum of Natural History, New York, und unter Beteiligung des Schildkröten-Experten Serjoscha Evers von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) liefert nun eine umfassende Neubewertung.
Die rein auf morphologischen Merkmalen basierende Verwandtschaftsanalyse liefert erstmals belastbare paläontologische Unterstützung für die genetisch vorhergesagte Nähe der Schildkröten zur Vogel-Krokodilgruppe. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Schildkröten tatsächlich die nächsten lebenden Verwandten der Archosaurier sind und eine sehr ursprüngliche Position im Stammbaum einnehmen“, sagt SNSB Paläontologe Serjoscha Evers. „Zugleich können wir die zeitliche Einordnung ihrer Entstehung vor 255 Million Jahren gegen Ende des Perms präzisieren.“
Im Zentrum der Studie stehen sowohl frühe Schildkröten mit bereits ausgebildetem Panzer als auch ihre panzerlosen Vorläufer. Besonders überraschend ist die Neubewertung von Eunotosaurus africanus, einem rund 260 Millionen Jahre alten Fossil aus Südafrika, das bislang als mögliche „Ur-Schildkröte“ galt. Die neuen Daten zeigen, dass dieses Tier nicht zur Stammlinie der Schildkröten gehört, sondern ein früher Vertreter der Reptilien insgesamt ist. Ausschlaggebend hierfür sind unter anderem neue Erkenntnisse zum Bau des Hirnschädels.
Das Forschungsteam untersuchte die Fossilien mithilfe hochauflösender Computertomographie und analysierte deren anatomische Merkmale im Detail. „Wir haben ein sehr breites Spektrum potenzieller Schildkröten-Verwandter in unsere Studie einbezogen“, sagt Evers. „Entscheidend war die Kombination aus moderner CT-Technologie und der Expertise eines interdisziplinären Teams.“ An der Studie waren 15 Forschende aus den USA, Südafrika, Großbritannien, Frankreich und Deutschland beteiligt.
Die detaillierten Analysen der Anatomie liefern auch neue Erkenntnisse zur Lebensweise ursprünglicher Schildkröten. Eunotosaurus war vermutlich eine grabende Echse, das zeigen Anpassungen des Skeletts wie verbreiterte Rippen oder robuste Krallen, wie etwa bei Gürteltieren. Andere frühe Vertreter der Schildkrötenlinie mit noch unvollständig entwickelter Schale zeigen Anpassungen an ein Leben im Wasser. Möglicherweise hat sich der Schildkrötenpanzer im Wasser entwickelt, vermuten die Forschenden.
Originalpublikation:
Xavier A. Jenkins, Brandon R. Peecook, Jonah N. Choiniere, Valentin Buffa, Julien Benoit, Claire Browning, Vincent Fernandez, Kathleen Dollman, Timothy W. Gomes, Gary A. McGaughey, Cy J. Marchant, Adam J. Fitch, Michael O. Day, Serjoscha W. Evers, Roger B.J. Benson. The phylogenetic origin of turtles, Current Biology, 2026, ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.04.070

28.05.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Ranking, aber richtig: Wie die Machtverhältnisse in der Hyänenwelt berechnet werden können
Tüpfelhyänen leben in hierarchisch organisierten Gruppen (Clans). Die Dominanz eines Individuums gegenüber einem anderen bestimmt den vorrangigen Zugang zu Ressourcen wie Nahrung oder Partnern und somit den Fortpflanzungserfolg. Die Rangfolge im Clan kann jedoch mit verschiedenen Methoden berechnet werden – mit weitreichenden Folgen: Anhand von Daten von fast 500 Hyänen aus 28 Jahren fanden Forschende des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) heraus, dass jeweils unterschiedliche Metriken den Fortpflanzungserfolg am besten vorhersagen – je nachdem, welches spezifische Merkmal der Reproduktion sie analysierten.
In der Fachzeitschrift „Ecology and Evolution“ legen die Forschenden dar, dass die Berechnung des sozialen Rangs und die Erklärungen für Machtverhältnisse in der Welt der Hyänen und anderen gruppenlebenden Tieren differenzierter werden müssen.
Der Zusammenhang klingt einfach und einleuchtend: Wer als Tüpfelhyäne höher in der sozialen Rangfolge des Clans steht, hat größeren Erfolg bei der Fortpflanzung. Obgleich diese Korrelation nicht falsch ist, muss sie in zweierlei Hinsicht präzisiert werden: Erstens lässt sich die Rangfolge auf unterschiedliche Art und Weise berechnen und zweitens gibt es viele verschiedene Indikatoren oder Variablen dafür, was „Erfolg in der Fortpflanzung“ ausmacht. Forschende der Ngorongoro- und Serengeti-Hyänenprojekte des Leibniz-IZW haben nun genauer hingeschaut und festgestellt, dass dieser differenzierte Blick auf die Mechanismen der sozialen Ordnung nicht nur Zahlenspielerei ist. Sie analysierten Daten aus 28 Jahren von 481 Hyänen aus den 8 Clans im Ngorongoro-Krater und verglichen, wie gut die beiden Ranking-Methoden ‚ordinal rank‘ und ‚standardised rank‘ sechs Variablen für Fortpflanzungserfolg abbilden: Für die weiblichen Hyänen die Überlebensrate der Jungtiere, die Zeitspanne zwischen zwei Geburten und das Alter bei der ersten Niederkunft; für die männlichen Hyänen die Zahl der Nachkommen pro Jahr, der Rang des Weibchens bei der Paarung und ebenfalls das Alter bei der ersten Geburt.
Ordinal-Rang erklärt vier von sechs Fortpflanzungsvariablen besser, standardisierter Rang eine Variable
„Die beiden Ranking-Verfahren unterscheiden sich darin, auf welche Teilaspekte der Rangfolge sie fokussieren“, erklärt die Erstautorin der Studie, Ella White vom Leibniz-IZW. Der ‚ordinal rank‘ bildet eine absolute Rangfolge aller Individuen im Clan. Das dominante Tier erhält die Position 1, das am weitesten unten in der Hierarchie stehende Tier die Zahl, die der Anzahl aller Individuen im Clan entspricht. „Dieser Rang bildet also die absolute Position in der Hierarchie ab und gibt Auskunft darüber, wie viele Tiere über diesem in der Rangfolge stehen“, so White. Der ‚standardised rank‘ hingegen ist mit der Gesamtgröße der Gruppe normalisiert, sodass das ranghöchste Tier den Rang 1 erhält und das rangniedrigste -1. Damit wird abgebildet, wie das Verhältnis von ranghöheren und rangniedrigeren Tieren im Vergleich mit dem betreffenden Individuum ist. Die Gruppengröße spielt dabei keine Rolle.
Die Forschenden errechneten für jedes Individuum den Rang nach beiden Methoden auf Basis von Interaktionen zwischen jeweils zwei Tieren: Anhand vom Verhalten bei Begegnungen lässt sich entscheiden, welches der beiden Tiere das ranghöhere ist und welches das rangniedrigere. Anschließend entwickelten sie für jede der sechs Reproduktionsvariablen mathematische Modelle, die bewerteten, wie gut aus dem Rang die jeweilige Variable abgeleitet werden kann. Das Ergebnis: Für die Überlebensrate der Jungtiere, das Alter der Weibchen bei der ersten Fortpflanzung, die jährliche Zahl der Nachkommen der Männchen und den Rang des Weibchens bei der Paarung des Männchens ist die absolute Position der Hyäne in der Clan-Hierarchie die beste Metrik zur Vorhersage; für die Zeitspanne zwischen zwei Geburten hingegen der standardisierte Rang des Weibchens. Das Alter der Männchen bei der ersten Fortpflanzung scheint hingegen nicht vom Rang abzuhängen, keines der Modelle auf Basis der beiden Metriken konnte diesen Wert zuverlässig vorhersagen.
Unterschiedliche Ranking-Methoden verweisen auf differenzierte biologische Mechanismen von Macht und Reproduktion
Weibliche Säugetiere benötigen während der Trächtigkeit, des Säugens und für die mütterliche Fürsorge viel Energie. Der prioritäre Zugang zu Nahrung ist daher für sie enorm wichtig. Die direkte Konkurrenz um begrenzte Ressourcen wird durch den Ordinalrang besser abgebildet, da entscheidend ist, wie viele andere Gruppenmitglieder vor einem selbst Zugang zur Nahrung erhalten. „Weniger Nahrungskonkurrenten vorlassen zu müssen, bedeutet mehr und protein- und fettereichere Milch für die Nachkommen produzieren zu können“, erklärt die Co-Leiterin des Ngorongoro-Hyänenprojekts, Dr. Eve Davidian von der Universität Montpellier. Gleiches gilt für das Alter der Weibchen bei der ersten Reproduktion, welches stark von Ernährung und Wachstum in jungen Jahren abhängig ist. Mit hohem Rang der Mutter wachsen Nachkommen schneller, überleben häufiger und pflanzen sich früher fort.
Für das ‚interbirth interval‘, den Zeitraum zwischen zwei Geburten, zeigt sich ein anderes Bild: „Wir nahmen an, dass auch hier der Zugang zu Nahrungsressourcen und damit die absolute Zahl der Nahrungskonkurrenten der entscheidende Faktor ist, da sich Weibchen schneller von der anstrengenden Stillzeit erholen können, wenn sie besseren Zugang zu Nahrung haben“, so Davidian. „Doch erwies sich hier der standardisierte Rang als erheblich aussagekräftiger als der Ordinalrang. Dies zeigt, dass andere Mechanismen bedeutender sind als die direkte Konkurrenz um Nahrung.“ Die Forschenden erklären sich den Zusammenhang von höherem sozialen Rang und kürzeren Intervallen zwischen Trächtigkeit und Geburten mit den komplexen sozialen Interaktionen im Gemeinschaftsbau, wo die Jungtiere gesäugt werden. „Das Säugen ist für alle Weibchen eine stressige Zeit, da Begegnungen mit anderen Clanmitgliedern im Bau an der Tagesordnung sind und die Fürsorge stören. Wie stressig diese Zeit genau ist, hängt dabei offenkundig von der relativen Position in der Rangfolge ab: Rangniedrigere Weibchen werden häufiger beim Säugen unterbrochen und müssen sich unterordnen, weshalb ihre Jungen langsamer wachsen und sie später wieder trächtig werden können“, erklärt Davidian. „Dabei kommt es für ein Weibchen nicht nur darauf an, wie viele andere Weibchen weiter oben in der Rangfolge stehen, sondern auch wie viele Artgenossen es zum Abbau von sozialem Stress dominieren kann – also die relative Position in der Rangordnung.“
Diese Beispiele zeigen, wie komplex und vielfältig die Dominanzmechanismen bei den Hyänen sind, fasst der Co-Leiter des Projekts am Leibniz-IZW, Dr. Oliver Höner zusammen. Will man diese differenzierten biologischen Prozesse bei den hochsozialen Tüpfelhyänen tiefgreifend verstehen, könnten scheinbare Details wie unterschiedliche Berechnungsmethoden für den sozialen Rang bereits einen bedeutenden Unterschied machen. Die Forschung müsse dies berücksichtigen und nicht ein „one fits all“-Ansatz wählen.
Originalpublikation:
White EW, Höner OP, Mosna M, Radchuk V, Benhaiem S, Davidian E (2026): The Effect of Social Rank on Reproductive Traits Depends on Rank Metric: Evidence From a Group-Living Carnivore. Ecology and Evolution 16:e73229. DOI: doi.org/10.1002/ece3.73229

29.05.2026, Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Der innere Kompass der Tauben

Tauben besitzen Immunzellen in der Leber, die mit Eisen angereichert sind. Diese helfen den Vögeln, sich im Erdmagnetfeld zu orientieren.
Wie Tauben Hunderte von Kilometern fliegen und dennoch den Weg nach Hause finden, fasziniert die Menschen seit langem. Nun sagen Forscher, dass eine überraschende Antwort möglicherweise nicht im Gehirn oder in den Augen der Vögel, sondern in der Leber verborgen liegt. Eine in Fachjournal ‚Science‘ veröffentlichte Studie legt nahe, dass spezielle Zellen in der Leber von Tauben das Erdmagnetfeld wahrnehmen können und den Vögeln so einen inneren Kompass geben.
Diese speziellen Zellen, sogenannte „Makrophagen“, sind Immunzellen, die alte rote Blutkörperchen abbauen. Dabei reichern sie Eisen an, die es ihnen möglicherweise ermöglichen, auf Magnetfelder zu reagieren. Ohne diese intakten Zellen können Tauben nicht nach Hause navigieren. „Wir hatten überhaupt nicht erwartet, dass Immunzellen wie Sensoren für Magnetfelder wirken“, sagt Christian Kurts, Direktor des Instituts für Molekulare Medizin und Experimentelle Immunologie des Universitätsklinikums Bonn und einer der Co-Seniorautoren der Studie. „Unsere Ergebnisse enthüllen einen bisher unbekannten Mechanismus der magnetischen Wahrnehmung bei Tieren.“ „Was bei der Navigation von Vögeln wie ein ‚Bauchgefühl‘ aussieht, könnte tatsächlich eine physikalische Grundlage haben“, fügt Martin Wikelski hinzu, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und der andere Co-Seniorautor der Studie.
Seit Jahrzehnten wissen Forschende, dass Zugvögel und Brieftauben sich bei der Navigation teilweise auf das Erdmagnetfeld stützen. Doch wie genau sie dieses wahrnehmen, bleibt eines der ungelösten Rätsel der Biologie. Konkurrierende Theorien gehen davon aus, dass Vögel Magnetfelder durch lichtempfindliche Moleküle im Auge „sehen“ oder sie mithilfe winziger magnetischer Partikel im Schnabel wahrnehmen könnten. Keine dieser Theorien konnte bisher überzeugende experimentelle Belege liefern.
Die neue Studie schlägt einen anderen Mechanismus für die magnetische Wahrnehmung vor, gestützt durch eine Kombination aus Labortests und Verhaltensexperimenten. Ein Team aus Immunologen der Universität Bonn und Physikern der Universität Duisburg-Essen arbeitete mit Ornithologen des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie zusammen.
Ort der Magnetwahrnehmung
Um festzustellen, wo sich bei Tauben magnetische Zellen befinden, nutzten die Forscher Techniken wie die „Vibrating-Sample-Magnetometrie“ und die „magnetische Zellseparation“, um Organe zu untersuchen, von denen angenommen wird, dass sie an der Magnetwahrnehmung beteiligt sind, darunter Augen, Schnabel und Gehirn. Sie untersuchten auch Leber und Milz. „Wir hatten einige Hinweise darauf, dass Leber und Milz magnetische Eigenschaften besitzen, da sie rote Blutkörperchen abbauen und somit viel Eisen im Körper speichern“, sagt Erstautorin Clivia Lisowski von der Universität Bonn und dem Universitätsklinikum Bonn, die die immunologischen Untersuchungen leitete.
Die Ergebnisse stützten diese Annahme. Von allen untersuchten Geweben wies die Leber die höchste Eisenkonzentration auf. „Eisen ist in Oxid-Nanopartikeln kristallisiert, was die Zellen superparamagnetisch macht und sie auf Magnetfelder reagieren lässt. Die mit Abstand stärkste magnetische Reaktion haben wir in der Leber gemessen“, fügt Ulf Wiedwald von der Universität Duisburg-Essen hinzu. Weitere Analysen identifizierten Makrophagen in der Leber als die verantwortlichen Zellen.
Von der Wahrnehmung bis zur Navigation
Um zu testen, ob Lebermakrophagen eine Rolle bei der Navigation spielen, führte das ornithologische Team Experimente an Tauben durch, die darauf trainiert waren, aus Entfernungen von über zwanzig Kilometern zu ihrem Taubenschlag am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz zurückzukehren. Ohne die Makrophagen verloren die Tauben an bewölkten Tagen, an denen die Sonne verdeckt war, ihren Orientierungssinn. Wenn die Sonne jedoch sichtbar war, navigierten die Tauben erfolgreich nach Hause. Wahrscheinlich orientierten sie sich am Stand der Sonne. Die Ergebnisse demonstrieren, wie Vögel neben der Sonnenausrichtung auch die magnetische Wahrnehmung zur Navigation nutzen.
Die Forschenden untersuchten zudem, wie Signale aus der Leber weitergeleitet werden könnten. Elektronenmikroskopische Untersuchungen zeigten, dass die eisenreichen Makrophagen in der Nähe von Nervenfasern sitzen, was auf einen Weg hindeutet, über den magnetische Informationen das Gehirn erreichen.
Neues Verständnis von Navigation
Die Studie verbindet bekannte biologische Prozesse, darunter den Eisenstoffwechsel und die Kommunikation zwischen Immun- und Nervensystem, zu einer klaren Antwort auf die grundlegende Frage, wie Tiere navigieren. „Diese Ergebnisse liefern den ersten Beweis dafür, wie das Erdmagnetfeld im Körper wahrgenommen und an das Gehirn weitergeleitet werden kann, um die Bewegung zu steuern“, erklärt Lisowski. „Die Navigation von Tieren ist eines der faszinierendsten Phänomene in der Natur“, sagt Wikelski. „Wenn Immunzellen Teil der Richtungswahrnehmung von Vögeln sind, würde dies unser Verständnis von Navigation grundlegend verändern.“
Viele Fragen bleiben offen, insbesondere wie Signale dieser Zellen im Gehirn verarbeitet werden. Über Vögel hinaus könnten diese Erkenntnisse Auswirkungen auf Tiere wie Haie haben, die ohne Licht navigieren. Es ist möglich, dass andere Tiere und vielleicht sogar Menschen auf Magnetfelder auf bisher noch nicht verstandene Weise reagieren.
Auf den Punkt gebracht
* Bisher unbekannter Navigationsmechanismus: Tauben könnten das Erdmagnetfeld
mithilfe eisenreicher Immunzellen in ihrer Leber wahrnehmen.
* Navigationsexperimente: Ohne eisenhaltige Immunzellen in der Leber ist der
Orientierungssinn der Tauben bei bewölktem Himmel beeinträchtigt.
* Wahrnehmung über das Immunsystem: Die Ergebnisse deuten auf einen neuen
Zusammenhang zwischen Immunität und Sinneswahrnehmung bei Vögeln und
möglicherweise auch anderen Tierarten hin.
Originalpublikation:
Clivia Lisowski et al.: Homing pigeon navigation relies on superparamagnetic macrophages under overcast conditions. Science, 28. Mai, 2026, DOI: https://www.science.org/doi/10.1126/science.ady2486

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