Johannes Schiller, Uta Berghöfer, Stephanie Jahn: Rewilding am Oderdelta (Rezension)

Was bedeutet Rewilding in genutzten Kulturlandschaften wie dem Oderdelta? Wie bringt man Menschen zum Thema Rewilding zusammen? Was macht eine Landschaft wertvoll? Was wären Sie bereit zu tun, um diese Landschaften zu schützen und zu bewahren? Wie wird über Landschaften gesprochen und verhandelt? Welche Chancen sind mit Rewilding verbunden? Wie und wo macht man den Anfang, um Rewilding-Maßnahmen anzupacken?
Entstanden aus einem inter- und transdisziplinären Forschungsprojekt, verbindet das Buch ökologische, soziale und kulturelle Perspektiven auf Natur und Landschaft. Es dokumentiert Prozesse, Methoden, Konflikte und Visionen – lebendig, praxisnah und anschaulich. Das Oderdelta wird dabei zum Experimentierraum für neue Formen des Naturschutzes, die auf Teilhabe, Vielfalt und Prozessoffenheit setzen. Ein Buch für alle, die sich für Umwelt, Landschaft und Zukunft interessieren – und für neue Wege, wie wir mit der Natur leben wollen.

Rewilding (auf Deutsch oft Wiederverwilderung) ist ein Naturschutz-Ansatz, der darauf abzielt, Ökosysteme wieder sich selbst zu überlassen, statt sie dauerhaft aktiv zu bewirtschaften.
Rewilding will der Natur mehr Raum geben, die Biodiversität fördern und natürliche Prozesse (z. B. Beweidung, Überschwemmungen, natürliche Waldentwicklung) zulassen. Schlüsselarten wie große Pflanzenfresser oder Beutegreifer sollen zurückkommen (auch wenn man zumindest zu Beginn auch auf Haustiere wie Heckpferde und -rinder zurückgreift), während menschliche Eingriffe stark reduziert, aber nicht komplett verboten werden sollen.
Mit Rewilding am Oderdelta legen die Herausgeber ein Buch vor, das sich wohltuend von den oft spektakulären Debatten um Wildnis, Großsäuger und De-Extinction abhebt. Statt von Mammuts, Auerochsen oder der Rückkehr einer vermeintlich unberührten Natur zu träumen, richtet das Werk den Blick auf die Realität einer europäischen Kulturlandschaft: das deutsch-polnische Oderdelta.
Die zentrale Stärke des Buches liegt in seinem Verständnis von Rewilding als gesellschaftlichem Prozess. Natur wird hier nicht als Gegenwelt zum Menschen betrachtet, sondern als etwas, das in einem komplexen Geflecht aus ökologischen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Interessen entsteht. Auf die Natur wird geachtet, aber auch auf den Menschen (was sich auch in einigen Interviews wiederfindet, die Aufschluss geben, wie Menschen ihre Natur wahrnehmen/sehen). Rewilding erscheint dadurch weniger als Naturschutzmethode denn als Einladung, Landschaft neu zu denken und gemeinsam zu gestalten.
Die Beiträge verbinden ökologische Erkenntnisse mit sozialwissenschaftlichen Perspektiven und zeigen, dass die Wiederzulassung natürlicher Prozesse immer auch Fragen von Eigentum, Nutzung, Identität und regionaler Entwicklung berührt. Dadurch wird deutlich, warum Rewilding in Mitteleuropa weit mehr ist als die bloße Rückkehr von Wildtieren oder die Aufgabe menschlicher Kontrolle.
Natürlich ist Rewilding nicht konfliktfrei, und so versuchen die Herausgeber auch die negative Seite zu beleuchten.
Es wird gezeigt, dass die Zukunft naturnaher Landschaften in Europa nicht allein von ökologischen Konzepten abhängt, sondern ebenso von der Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen. Und so weißt REWILDING AM ODERDELTA keine spektakuläre Erfolgsgeschichte mit umherwandernden Rindern und Pferden auf, sondern zeigt auf vielfältige Weise den Umgang mit Rewilding und die Erfolge, welche die Initiatoren machen. Ein Werkstattbuch, wie es bezeichnet wird, mit vielfältigen Ansatzpunkten und damit interessant für jeden, der sich für das Thema interessiert.

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