Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

08.07.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Die Sprache des Spiels: Hyänen deeskalieren mit Mimik und Stimme
In populären Filmen und Geschichten werden Hyänen meist lediglich als Jäger und Aasfresser dargestellt, jedoch verbringen sie in der Realität durchaus viel Zeit mit Spielen und Raufen. Eine neue wissenschaftliche Studie räumt mit Vorurteilen über diese ikonischen Raubtiere auf und zeigt: Tüpfelhyänen verfügen über ein hochentwickeltes Sozialverhalten und eine ausgefeilte Kommunikation mit Mimik und Stimme. Die Studie ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Abteilung für Ethologie der Universität Pisa, dem Ngorongoro-Hyänen-Projekt des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung und Siyafunda Wildlife & Conservation.
Das Forscherteam hat Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) in freier Wildbahn beim Spielen beobachtet und dabei festgestellt, dass ihre präzise Kommunikation durchaus mit der vieler Primatenarten vergleichbar ist. Hyänen spielen und raufen miteinander in allen Lebensphasen. Zwar spielen Jungtiere häufiger als erwachsene Tiere, doch auch bei ihnen ist die Freude am Spiel zu beobachten. Interessanterweise mögen adulte Hyänen offenbar besonders Spiele im Wasser.
Komplexe Kommunikation ist Grundlage für spielerische Kämpfe
Das spielerische Raufen ist eine Form der sozialen Interaktion, die eine fein abgestimmte Kommunikation zwischen den Tieren erfordert, um Missverständnisse zu vermeiden und das Risiko einer Eskalation zu minimieren. Das ist insbesondere bei großen und kräftigen Raubtieren wie den Hyänen sehr wichtig. Um sicherzustellen, dass der Spielpartner die friedliche Absicht versteht, nutzen Tiere verschiedene Signale der Körpersprache. Bei Säugetieren ist das „entspannte, offene Maul“ („Relaxed Open Mouth“, ROM) das häufigste visuelle Signal, das typischerweise im Sichtfeld des Gegenübers gezeigt wird, um friedliche Absichten zu vermitteln. Im Gegensatz dazu sind vokale Signale bislang nur unzureichend erforscht, was zum Teil daran liegt, dass die Tiere, die gerade Laute äußern, nicht zuverlässig identifiziert werden können.
Hyänen beherrschen Mimik und differenzierte Lautäußerungen
Die neue Studie zeigt, dass Hyänen visuelle und vokale Signale der Körpersprache kombinieren, um auch in der Gruppe ein gemeinsames Verständnis der spielerischen Absicht aufrechtzuerhalten. Das Forscherteam konnte beobachten, dass Hyänen das Spielsignal „entspanntes, offenes Maul“ (ROM) zwar häufig beim Eins-zu-Eins-Spiel, also beim direkten Blickkontakt, verwenden, in komplexeren Gruppensituationen dieses Spielsignal dann aber verstärkt mit Lautäußerungen kombinieren. Dr. Oliver Höner, Mitautor der Studie und Forscher am Leibniz-IZW erklärt: „Wenn mehrere Hyänen miteinander spielen und sie sich nicht sicher sein können, dass alle Teilnehmenden das entspannte ROM sehen, dann setzen sie zusätzliche Signale in Form von spielspezifischen Lautäußerungen ein, die von allen Teilnehmenden registriert und verstanden werden.“ Die vom Forscherteam beobachteten Hyänen nutzten beim Spielen insgesamt 13 verschiedene Lautäußerungen, wovon fünf noch nie zuvor beschrieben wurden. Diese differenzierten Lautäußerungen kompensieren vermutlich den fehlenden Blickkontakt beim Gruppenspiel, so die Forschenden.
Eine adaptive Nutzung mehrerer Kommunikationsformen unterstreicht die Fähigkeit der Tüpfelhyänen, ihre Körpersprache aktiv an den jeweiligen sozialen Kontext anzupassen – ein Hinweis auf ihre ausgeprägten kognitiven und sozialen Fähigkeiten.
Das Ngorongoro-Hyänen-Projekt des Leibniz-IZW erforscht seit mehr als 30 Jahren die Hyänenpopulationen im Ngorongoro-Krater in Tansania.
Originalpublikation:
Francesconi, M., Masciarelli, E., Schianini, V. et al. Eyes, ears, and play in the wild: flexible use of sensory channels in spotted hyena communication. Behav Ecol Sociobiol 80, 41 (2026). DOI: 10.1007/s00265-026-03711-x

10.07.2026, Universität Potsdam
Wenn Arten fliehen müssen – Vorhersagemodelle unterschätzen klimawandelbedingte Aussterberisiken
Der Klimawandel bedroht viele Tier- und Pflanzenarten nicht nur, wenn aufgrund klimatischer Veränderungen ihre Lebensräume verschwinden, sondern auch dann, wenn sie sich „nur“ verlagern. Ein Forschungsteam der Universität hat gezeigt: Ob die Lebensräume der Arten verschwinden oder sich verschieben, hat einen Einfluss darauf, wie gut verschiedene Modelle das Aussterberisiko vorhersagen können. Diese Erkenntnis spiegele sich aber in den aktuellen Standardverfahren zur Abschätzung des Aussterberisikos nicht wider. Da die frühzeitige Identifizierung gefährdeter Arten für rechtzeitige Schutzmaßnahmen von entscheidender Bedeutung sei, müsste dieses Vorgehen dringend überarbeitet werden.
Die Forscherinnen Raya Keuth, Susanne Fritz und Damaris Zurell haben die gegenwärtigen Richtli-nien der IUCN Red List zur Abschätzung des Aussterberisikos unterm Klimawandel systematisch untersucht. Die Rote Liste gefährdeter Arten der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) bildet seit 1964 den Zustand der weltweiten Artenvielfalt ab und hat kürzlich ihre Richtlinien für die Abschätzung des Aussterberisikos unterm Klimawandel erweitert. Um diese zu testen, haben die Forscherinnen in ihrer Studie verschiedene virtuelle Arten simuliert, die sich hinsichtlich ihrer Aus-breitungsgeschwindigkeit, Reproduktionsgeschwindigkeit und Wärme-/Kälteanpassung unter-scheiden.. Die Ergebnisse zeigen, dass die derzeit am häufigsten verwendeten Modelle, die Art-verbreitungsmodelle (SDMs), die Gefahr des Aussterbens bei Arten mit räumlicher Verschiebung ihrer Lebensräume unterschätzt. Der Grund dafür liegt in der Annahme einer linearen Beziehung zwischen Populationsgröße und Lebensraumverlust, die durch empirische Daten nicht gestützt wird. Tatsächlich wurde festgestellt, dass bei wandernden Arten schon kleine Verluste im Lebens-raum bereits zu starken Populationsrückgängen führen.
Weiterhin zeigen die Studienergebnisse, dass die derzeitigen Richtwerte für quantitative Ausster-berisiken, wie sie mithilfe von räumlich expliziten Populationsmodellen (SEPMs) berechnet werden können, zu konservativ sind und daher zu spät warnen, um noch effektive Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die Studie offenbart damit fundamentale Schwächen in der aktuellen Vorgehensweise der IUCN Red List zur Abschätzung des Aussterberisikos unter Einfluss des Klimawandels.
Die Forschenden betonen, dass es notwendig sei, die Richtlinien der IUCN Red List zu aktualisieren, um klimabedingte Aussterberisiken in Zukunft besser abschätzen zu können. Dafür geben sie Emp-fehlungen, wie die bestehenden Modelle neu verknüpft werden könnten und welche Maße ziel-führender sind.
„Unsere Forschung unterstreicht die Dringlichkeit, die Richtlinien der IUCN Red List zu verbessern, damit Naturschutzmaßnahmen rechtzeitig geplant und umgesetzt werden können“, erklärt die Hauptautorin der Studie Raya Keuth vom Institut für Biochemie und Biologie der Universität Pots-dam. „Nur durch eine präzisere Vorhersage können wir dem Verlust der Artenvielfalt effektiv be-gegnen.“
Originalpublikation:
Raya Keuth, Susanne A. Fritz, Damaris Zurell. Models used for Red List assessments underestimate climate-related extinction risk of range-shifting species. Nature Ecology & Evolution (2026). https://doi.org./10.1038/s41559-026-03125-y

10.07.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tiefseebergbau bedroht über 60 Prozent der Weichtiere an Hydrothermalquellen
Senckenberg trägt mit der Bewertung des Aussterberisikos von 17 Arten zum Update der Roten Liste bei. Das neue Update der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur) zeigt die hohe Gefährdung einzigartiger Tiefseearten und unterstreicht die Bedeutung wissenschaftlicher Daten für internationale Entscheidungen zum Tiefseebergbau. Für das Update koordinierte die Senckenberg Ocean Species Alliance am Frankfurter Forschungsinstitut die Bewertung des Aussterberisikos von 17 bisher nicht erfassten Weichtierarten. Künftig sollen 500 weitere Bewohner von Hydrothermalquellen hinzukommen, darunter auch Tiefseewürmer und Krebstiere.
Während sich Delegierte aus aller Welt in Kingston (Jamaika) zur 31. Sitzung der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) treffen, hat die IUCN eine neue Aktualisierung ihrer Roten Liste gefährdeter Arten veröffentlicht. Das Ergebnis ist alarmierend: 62 Prozent der weltweit bewerteten endemischen Weichtiere an Hydrothermalquellen gelten inzwischen als bedroht. Hauptursache ist die zunehmende Erschließung mineralischer Rohstoffe in der Tiefsee.
Hydrothermalquellen liegen in rund 5.000 Metern Wassertiefe und beherbergen einzigartige Lebensgemeinschaften, die ausschließlich an diesen Standorten vorkommen. Die aktuelle Aktualisierung umfasst 17 neu bewertete Arten und ergänzt damit die bereits mehr als 180 bewerteten endemischen Weichtierarten dieser außergewöhnlichen Ökosysteme.
Die neu bewerteten Arten machen deutlich, wie verletzlich hydrothermalquellengebundene Organismen angesichts des Tiefseebergbaus sind. Gleichzeitig stellen sie nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Biodiversität am Meeresboden dar. Hydrothermalquellen sind nur eines von drei Tiefsee-Ökosystemen, die derzeit für einen zukünftigen Rohstoffabbau in Betracht gezogen werden. Auch Manganknollenfelder und kobaltreiche Krusten beherbergen hoch spezialisierte Lebensgemeinschaften – von denen der überwiegende Teil bislang weder wissenschaftlich beschrieben noch hinsichtlich seines Aussterberisikos bewertet wurde.
„Diese Bewertungen zeigen eindrucksvoll, wie empfindlich die Lebensgemeinschaften an Hydrothermalquellen auf Tiefseebergbau reagieren könnten“, erklärt Dr. Ekin Tilic vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und Mitglied der internationalen Rote-Liste-Arbeitsgruppe. „Sie liefern wichtige wissenschaftliche Grundlagen für die aktuellen Verhandlungen über den Schutz dieser Lebensräume.“
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Tiefseeschnecke Lirapex felix, die ausschließlich an einem einzigen Hydrothermalfeld im Indischen Ozean vorkommt. Aufgrund der dortigen Explorationsaktivitäten wurde sie nun als vom Aussterben bedroht eingestuft. Im Gegensatz dazu wurde Provanna exquisita, deren Lebensraum innerhalb eines Meeresschutzgebietes im Pazifik liegt, als nicht gefährdet bewertet. Von den 17 neu bewerteten Arten gelten elf als bedroht.
Viele Arten an Hydrothermalquellen kommen ausschließlich an einem einzigen Quellensystem vor. Wird dieses durch Bergbau beeinträchtigt oder zerstört, kann dies das vollständige Aussterben einer Art bedeuten.
Um angesichts dieser Dringlichkeit bestehende Wissenslücken zu schließen, koordinierte die Senckenberg Ocean Species Alliance (SOSA) gemeinsam mit internationalen Expert*innen die aktuellen Bewertungen. Im Rahmen der von SOSA geleiteten Marine Invertebrates Red List Authority (MIRLA) arbeitet eine internationale Gruppe von 15 Freiwilligen daran, künftig mehr als 500 Arten aus Hydrothermalquellen hinsichtlich ihres Aussterberisikos zu bewerten. Neben Weichtieren sollen auch Tiefseewürmer und Krebstiere untersucht werden.
„Die nun veröffentlichten Weichtiere sind eher die Ausnahme als die Regel“, sagt Prof. Dr. Julia Sigwart, Weichtierexpertin und Mitinitiatorin der Senckenberg Ocean Species Alliance. „Für den überwiegenden Teil der Tiefseeorganismen fehlen grundlegende Daten. Ohne dieses Wissen lässt sich weder das Aussterberisiko verlässlich einschätzen noch ein möglicher Tiefseebergbau wissenschaftlich fundiert regulieren.“
Die Veröffentlichung der neuen Roten-Liste-Bewertungen geschieht zeitgleich mit den laufenden Verhandlungen der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) in Jamaika, bei denen über zukünftige Regelungen für einen möglichen kommerziellen Tiefseebergbau beraten wird. Die aktuellen Ergebnisse liefern wichtige wissenschaftliche Informationen darüber, welche Arten und Lebensräume durch Eingriffe in die Tiefsee besonders gefährdet wären.
Um diese Erkenntnisse direkt in den internationalen Dialog einzubringen, nehmen Dr. Alica Torkov und Carly Rospert von der Senckenberg Ocean Species Alliance als Beobachterinnen an der ISA-Sitzung in Kingston teil. Dort informieren sie Entscheidungsträger*innen über die Bedeutung von taxonomischer Forschung und Gefährdungsbewertungen als Grundlage für den Schutz der Tiefsee.
„Die aktuellen Bewertungen verdeutlichen, dass wissenschaftliche Daten eine zentrale Voraussetzung für fundierte Entscheidungen über die Nutzung der Tiefsee darstellen. Sie zeigen zugleich, wie dringend die Erforschung und Bewertung bislang unbekannter Tiefseearten vorangetrieben werden muss, bevor irreversible Eingriffe in diese einzigartigen Ökosysteme erfolgen“, schließt Sigwart.

10.07.2026, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Erste Hilfe für Wildtiere in Not
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover stellt neue KI-gestützte App „Wildtier SOS“ vor
Ein junges Eichhörnchen unter einem Baum, ein kleiner Vogel, der scheinbar verlassen über den Gehweg hüpft, oder ein Feldhase, der allein am Feldrand im Gras kauert: Gerade jetzt begegnen viele Menschen jungen Wildtieren, die auf den ersten Blick hilfsbedürftig erscheinen. Mit guten Absichten bringen sie sie zur Versorgung zum Beispiel in die Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) am Bünteweg – doch nicht alle dieser Wildtiere brauchen tatsächlich Hilfe.
„Viele Menschen möchten helfen, wenn sie ein Tier in Not vermuten“, sagt Klinikleiter Professor Dr. Michael Pees. „Dieses Engagement ist ja erst einmal sehr positiv. Bei vielen Wildtieren, die zu uns gebracht werden, stellen wir aber leider fest, dass sie gar nicht hilfsbedürftig waren und in ihrem natürlichen Lebensraum hätten bleiben können.“ Besonders häufig betrifft dies derzeit sogenannte Ästlinge – Jungvögel heimischer Arten wie Amseln, Rotschwänze oder Krähen. Sie haben das Nest bereits verlassen, sind aber noch nicht voll flugfähig und werden weiterhin von ihren Elterntieren versorgt.
Um Finderinnen und Findern eine schnelle und fundierte Entscheidungshilfe zu bieten, haben Mitarbeitende der TiHo mit tierärztlicher und biologischer Expertise die KI-gestützte App „Wildtier SOS“ entwickelt. Ermöglicht wurde das Projekt durch eine Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
Mit der App möchte die TiHo dazu beitragen, unnötige Eingriffe in die Natur zu vermeiden und gleichzeitig sicherzustellen, dass Wildtiere, die tatsächlich Hilfe benötigen, schnell und fachgerecht versorgt werden.
Schnelle Hilfe zu jeder Zeit an jedem Ort
„Mit ,Wildtier SOS‘ halten Nutzerinnen und Nutzer einen digitalen Wildtierexperten und Erste-Hilfe-Guide in der Hand“, beschreibt Pees die mobile Anwendung. Finden sie ein Wildtier, kann direkt in der App die Tierart bestimmt werden. „Jetzt geht das ganz praktisch mit der neuen KI-Integration. Per Foto kann die App in kürzester Zeit die Tierart erkennen, was Laien besonders bei Jungtieren schwer fallen kann“, so der Klinikleiter. Schritt für Schritt hilft „Wildtier SOS“ dem Nutzer oder der Nutzerin mit gezielten Fragen zum gefundenen Tier: Ob es sich irgendwo verfangen hat oder offensichtliche Verletzungen erkennbar sind, wo es aufgefunden wurde oder ob es sich um ein Jungtier handelt. Beispiel-Bilder und -Videos helfen bei der Einschätzung. „Die Fragen wurden auf wissenschaftlicher Basis und Erfahrungen aus der tierärztlichen Versorgung von Wildtieren erarbeitet. Neben der Tierart werden auch Jahreszeit, Wetterbedingungen und typische Verhaltensweisen berücksichtigt, um eine klare Einschätzung geben zu können: Sollte das Tier in Ruhe gelassen werden und in der Natur bleiben oder ist es auf Hilfe angewiesen und sollte daher vom Menschen eingegriffen werden“, so Pees.
Kurze Erklär-Videos weisen Finderinnen oder Finder an, wie das Tier aufgenommen, versorgt und transportiert werden kann. Ergänzend gibt es wichtige Hinweise zu gesetzlichen Vorgaben, Zoonosen und dem Schutzstatus des Tiers. Per GPS zeigt „Wildtier SOS“ die passenden Anlaufstellen in der Nähe an, die das Tier weiterversorgen oder weiterführend dazu beraten können. Dabei greift die App auf eine bundesweite Datenbank mit Wildtierstationen, Tierarztpraxen, Beratungsstellen und zuständigen Behörden zurück, die kontinuierlich erweitert wird – allein in den letzten vier Monaten haben sich über 250 neue Anlaufstellen registriert. Insgesamt listet die App so schon mehr als 4.300 Kontaktmöglichkeiten.
Digitales Lexikon der heimischen Tierwelt
Neben der hilfreichen SOS-Funktion bietet die App eine große Bandbreite an Wissen über die heimische Tierwelt – wie ein mobiles Lexikon, das Lust auf Natur macht. Mit Bestimmungsfunktionen zur Identifizierung von Tierarten und spannenden Steckbriefen lernen Nutzerinnen und Nutzer ihre heimischen Nachbarn besser kennen. Auch rechtliche Fragen, etwa zum Jagdrecht, werden verständlich erklärt.
„Die App ,Wildtier SOS‘ ist ein digitaler Meilenstein für den Tier- und Artenschutz in Deutschland“, fasst Professor Dr. Michael Pees zusammen. „Sie vermittelt wertvolles Wissen über die Wildtiere in unserer Umgebung, erkennt, ob ein Tier Hilfe benötigt, leitet Finderinnen und Finder bei der Erstversorgung an und unterstützt dabei, die richtigen Anlaufstellen in der Nähe zu finden.“
Die App ist kostenlos in den App-Stores verfügbar.
Hintergrund
2024 entstand bei Professor Dr. Michael Pees und seinem Team die Idee, eine Hilfestellung für Menschen zu entwickeln, die schnell und unkompliziert Rat gibt, wenn sie ein Wildtier in Not finden. Nach anderthalb Jahren Entwicklungszeit wurde schließlich „Wildtier SOS“ als mobile App entwickelt, basierend auf wissenschaftlich fundiertem Wissen und wertvoller Erfahrung aus der Praxis der Wildtierversorgung. Sie ist seit Frühjahr 2026 kostenfrei in allen App-Stores erhältlich.
Das Netzwerk für ortsgebundene Hilfe erstreckt sich über ganz Deutschland und erweitert sich stetig, sodass Finderinnen und Finder von hilfsbedürftigen Wildtieren auch in ihrer Nähe eine Anlaufstelle finden können.
Die smarte Technologie berücksichtigt neben der Tierart auch die Jahreszeit und die Wetterbedingungen vor Ort. Mit der neuen KI-Erweiterung seit Sommer 2026 ist die Tierart-Bestimmung zuverlässig und einfach für jeden umsetzbar.
Das Projekt „Wildtier SOS“ wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert und von zahlreichen Tier-, Umweltschutzorganisationen sowie Tierärzteverbänden unterstützt. Fachliche Unterstützung bei der Entwicklung erhielt das Team der TiHo auch von der Universität Leipzig und der Justus-Liebig-Universität Gießen.

10.07.2026, Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV) e. V.
LBV führt größtes nationales Artenhilfsprogramm für die Wiesenweihe
Bund fördert bundesweites Schutzprojekt mit über 10 Millionen Euro auf Grundlage der erfolgreichen Arbeit des LBV in Bayern
Der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) übernimmt die Federführung für das derzeit größte Nationale Artenhilfsprogramm zum Schutz der Wiesenweihe in Deutschland. Bundesumweltminister Carsten Schneider überreichte vorgestern dem LBV-Vorsitzenden Dr. Norbert Schäffer für das Verbundprojekt „Nationales Artenhilfsprogramm für den Schutz der Wiesenweihe“ die Förderzusage in Höhe von über zehn Millionen Euro im Rahmen des Symposiums „Naturschützer mit Herz und Kompass“. Die Fachveranstaltung des Bundesumweltministeriums erinnert an den verstorbenen Parlamentarischen Staatssekretär Carsten Träger. „Dass der LBV dieses bundesweite Projekt nun leitet, ist kein Zufall. Wir haben in Bayern über Jahrzehnte gezeigt, wie praktischer Artenschutz für die Wiesenweihe funktioniert: fachlich fundiert, nah an den Brutplätzen und gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten“, so Dr. Norbert Schäffer, LBV-Vorsitzender. Aus dieser Vorarbeit entsteht nun ein fünfjähriges Schutzprogramm für ganz Deutschland, das am 1. Oktober beginnen soll.
Bundesumweltminister Carsten Schneider: „Die Wiesenweihe gehört zu den vom Aussterben bedrohten Greifvögeln, es gibt nur noch wenige hundert Brutpaare in Deutschland. Das vom Bayerischen Landesbund für Vogel- und Naturschutz koordinierte Artenschutz-Vorhaben wird langfristig zu ihrem Schutz beitragen. Ich freue mich, dass wir dieses wichtige Projekt über das nationale Artenhilfsprogramm fördern können. Ein Teil davon wird in Bayern und damit in der Heimat unseres im März verstorbenen Parlamentarischen Staatssekretärs Carsten Träger umgesetzt. So werde ich es in besonderer Erinnerung behalten.“
Die Wiesenweihe ist eine echte Erfolgsgeschichte des LBV-Artenschutzes. Mitte der 1990er Jahre lebten in Bayern gerade mal drei bekannte Brutpaare. Heute brüten hier jedes Jahr mehr als 220 Paare. „Dieses Wissen bringen wir nun in ein bundesweites Projekt ein“, ergänzt Schäffer. Die Wiesenweihe lebt in offenen Agrarlandschaften und brütet heute in Deutschland überwiegend in Getreidefeldern. Genau dort kommt es auf schnelle Abstimmung, genaue Beobachtung und Vertrauen an. Viele Jungvögel können nur ausfliegen, wenn Nester rechtzeitig gefunden und bei der Bewirtschaftung geschützt werden.
In Bayern gelingt das seit mehr als 30 Jahren durch die Zusammenarbeit von LBV-Aktiven, Ehrenamtlichen, Landwirtinnen und Landwirten sowie dem Bayerischen Landesamt für Umwelt. Im Durchschnitt fliegen im Freistaat inzwischen rund 500 Jungvögel pro Jahr aus. „Die bayerische Wiesenweihen brüten mittlerweile sogar in Frankreich und erfüllen damit sogar die besondere biologische Funktion einer so genannten Geber-Population“, sagt Schäffer.
Die Erfahrungen aus dem bayerischen Wiesenweihenschutz können einen Beitrag dazu leisten, den Schutz der Art bundesweit mit allen Partnern weiterzuentwickeln. Gemeinsam mit Partnerorganisationen aus elf Bundesländern baut der LBV Schutznetzwerke auf, verbessert Lebensräume und sichert Gelege sowie Jungvögel gezielt vor Ort. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt soll den Bestand der gefährdeten Offenlandart in Deutschland langfristig stärken.
Mit der Förderung setzt der Bund zugleich ein klares Zeichen für Artenschutz in der Energiewende. Die Nationalen Artenhilfsprogramme richten sich besonders an Arten, die durch den Ausbau erneuerbarer Energien betroffen sind. Dazu zählen unter anderem kollisionsgefährdete Vogelarten wie Rotmilan, Schreiadler und Wiesenweihe. Die rechtliche Grundlage dafür schuf der Bund 2022 mit dem Artikel 45d Bundesnaturschutzgesetz.
Die Übergabe der Förderzusage beim Symposium würdigt auch das Vermächtnis von Carsten Träger, der sich für die Verbindung von Natur-, Arten- und Klimaschutz eingesetzt hat. Das bundesweite Wiesenweihen-Projekt führt diesen Anspruch praktisch fort: Es zeigt, dass Energiewende und wirksamer Artenschutz zusammen gedacht und vor Ort umgesetzt werden müssen.

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