Der Seidenreiher in Brehms Tierleben

Silberreiher (Brehms Tierleben)

Der Seidenreiher (Ardea garzetta, nivea, xanthodactylos, orientalis, longicollis, nigripes und immaculata, Herodias garzetta, jubata und Lindermayeri) ähnelt dem Edelreiher in Ansehen und Wesen, ist aber bedeutend kleiner: seine Länge beträgt nur zweiundsechzig, die Breite einhundertundzehn, die Fittiglänge zweiunddreißig, die Schwanzlänge elf Centimeter.
Das Gefieder ist ebenfalls reinweiß, das Auge hochgelb, der Schnabel schwarz, der Fuß schwarz, in den Gelenken grüngelb.

Hinsichtlich seiner Verbreitung stimmt der Seidenreiher mit seinen edleren Verwandten überein, tritt aber überall häufiger auf als dieser. In den Tiefländern der Donau, Wolga und des Nils ist er nicht selten, auf den Reiherständen einer der zahlreicheren Bewohner. Zierlichkeit und Anmuth des Wesens zeichnet ihn vor vielen seiner Verwandten aus. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus kleinen Fischen. Die Brutzeit fällt in die Monate Mai und Juni; die vier bis fünf Eier des Geleges sehen lichtgrünlich aus.

Der Edelreiher bevölkert, wie der Fischreiher, Gewässer verschiedener Art, am liebsten jedoch ausgedehnte Sümpfe und in ihnen stets diejenigen Stellen, welche möglichst ruhig und von dem menschlichen Treiben abgelegen sind; denn er gehört überall zu den vorsichtigen und da, wo er Verfolgungen erfährt, zu den scheuesten Vögeln. In seinem Betragen unterscheidet er sich zu seinem Vortheile vom Fischreiher. Er ist, wie Naumann treffend bemerkt, ein durch Zierlichkeit und hohe Einfachheit seines Gefieders ausgezeichneter, die anderen weißen Reiher durch seine ansehnliche Größe überstrahlender, herrlicher Vogel.

Vom Fischreiher unterscheidet er sich im Stehen, Gehen und Fliegen. Auch er nimmt höchst sonderbare Stellungen an, verbirgt z.B. Kopf und Hals und eines seiner Beine derart im Gefieder, daß man von diesen Gliedern nicht das geringste bemerkt, sondern nur einen umgestürzten Kegel zu sehen vermeint, welcher auf einer dünnen Stütze ruht; aber so sonderbar auch diese Stellung sein mag, anmuthiger als die des Fischreihers erscheint sie immer noch. Der Gang ist, meines Erachtens nach, wenn auch nicht leichter, so doch würdevoller als der des Fischreihers, der Flug entschieden schöner, schon weil der Vogel fliegend viel schlanker und jede Bewegung kräftiger, rascher erscheint als bei jenem. An Sinnesschärfe und Verstand steht er wahrscheinlich auch obenan, und ebenso besitzt er, nach meinen Erfahrungen, keineswegs die Tücke und Bosheit anderer Reiher, befreundet sich, gefangen, z.B. weit eher und inniger als diese mit seinem Pfleger.

Der Edelreiher brütet in Ungarn regelmäßig in den ungeheueren Rohrwaldungen der Sümpfe, ohne jedoch Bäume zu meiden. Glaubhafte Leute aus Semlin erzählten Naumann, daß der Vogel auf einer Insel in der Donau alljährlich niste, dort standesgemäß die höchsten Bäume besetzt halte und seinen Horst hoch oben auf dem Wipfel gründe; Baldamus, welcher zur Brutzeit die Donautiefländer besuchte, erfuhr zwar dasselbe, fand jedoch den Edelreiher nicht in den Siedelungen auf, sondern entdeckte seine Horste in dem Rohrwalde des weißen Morastes. »Ich stieg«, so erzählt er, »auf eine der mitten im Moraste liegenden Fischerhütten, feuerte nach der bezeichneten Gegend einen Schuß ab, und siehe, es erhoben sich aus dem urwäldlichen Rohrdickichte eine Anzahl von zwölf bis dreizehn Edelreihern, um sich alsbald an demselben Orte wieder niederzulassen. Die Richtung wurde nun bezeichnet und die nöthige Zubereitung zum Eindringen getroffen. Zwei ziemlich große Schinakel wurden mit je drei Mann besetzt, Nahrungsmittel für zwei Tage eingepackt, und, nachdem die beiden walachischen Führer vom Leben Abschied genommen, setzten wir uns anderen Tages früh vier Uhr in Bewegung. Obwohl von der Mühseligkeit des Unternehmens im voraus überzeugt, hatten doch sowohl die beiden braven Jäger wie wir selbst keine Vorstellung von der Gefahr, aus diesem einförmigen und schrecklichen Durcheinander von altem und neuem, mehr als zwei bis drei Meter hohem Rohre, von über und unter dem bis anderthalb Meter tiefen Wasser befindlichen Storzeln und bodenlosem Schlamme jemals wieder herauszukommen, und gestehen muß ich, daß dieser Tag der beschwerdenreichste meines Lebens ist, daß wir ohne die ausdauerndsten und allseitigen Anstrengungen schwerlich zum Ziele und wieder ans Land gekommen sein würden. Wir fanden am dreiundzwanzigsten Juni, nachdem wir an einigen Purpurreihernestern vorübergekommen, fünf Horste der Edelreiher mit je drei und vier Eiern. Die Horste ruhen auf Rohrstengeln und Storzeln, welche aus ziemlichem Umkreise zusammengezogen und umgeknickt wurden, sind aus einem starken Haufen von gleichen Stoffen erbaut, innen mit Rohrblättern ausgelegt und sowohl infolge der Menge der umgeknickten Rohrstengel, wie infolge der Masse der aufgehäuften Neststoffe so fest, daß ich mehrere derselben besteigen konnte. Die Anzahl der Eier scheint zwischen drei und vier zu schwanken; fünf fanden sich nirgends. Das Hauptkennzeichen derselben ist das Korn; denn die Größe gibt ebensowenig wie die Gestalt ein untrügliches Merkmal zu ihrer Bestimmung, obgleich sie die der Purpurreiher um vieles, die der Fischreiher noch bedeutend an Größe übertreffen. Das Korn ist ein anderes, die Eier sind fühlbar glätter, als die der genannten beiden Arten, die Erhöhungen weniger scharf und spitzig, die Poren weiter von einander entfernt und größer, die Färbung hat einen mehr bläulichen Ton, die Gestalt eine gestrecktere Eiform. Der Edelreiher scheint in der Regel gegen Mitte des April und um eine Woche später als der Purpurreiher in seiner Sommerherberge einzutreffen; gewiß ist, daß er seine Brutgeschäfte wenigstens um so viel später beginnt.«

Einen Horst, welchen Alexander von Homeyer im Jahre 1863 in der Nähe von Glogau aufzufinden das Glück hatte, und das Betragen des Edelreihers schildert er wie folgt: »Der Horst sitzt in einer nicht ganz starken Kiefer am Rande der eigentlichen Reiheransiedelungen, ist nur dürftig gebaut, fast durchsichtig und jedenfalls in diesem Jahre neu durch die Edelreiher selbst aufgeführt. Der nächste Horst des Fischreihers ist acht Schritte davon entfernt und um so viel höher gestellt, daß dessen Inhaber bequem den Edelreiherhorst einsehen kann. Letzterer steht ganz oben in einer starken Gabelung, nur von anderthalb bis zwei Meter langen Aesten seitwärts überragt, während gerade über ihm alles frei ist. Auf demselben Baume, fünf Meter weiter unten, steht auch ein Horst des Thurmfalken. Der Edelreiher richtet sich erst nach mehrmaligem Klopfen auf. Sein schlanker Hals ist lang aufwärtsgestreckt, sein Schnabel wird wagerecht gehalten, der Körper bewegt sich nicht, der Kopf indeß dreht sich rechts und links. Ich klopfe noch einmal. Da fliegt der Vogel ab, verschwindet auf drei Minuten und kehrt zurück, umkreist zweimal den Horst baumhoch und setzt sich auf eine benachbarte Kiefer. Um nicht das Brutgeschäft zu stören, gehen wir nach dem Forsthause zurück. Das heutige Verhalten des Vogels läßt mit Bestimmtheit annehmen, daß er stark bebrütete Eier habe«. Homeyer findet am funfzehnten Juni, daß das Weibchen sehr fest brütet und sich nur auf wenige Augenblicke erhebt, wenn geklopft wird, bemerkt am achtundzwanzigsten Juni, daß die Jungen ausgekommen und wohl schon einige Tage alt sind, auch lebhaft, ähnlich wie junge Fischreiher, aber reiner und minder rauh »Keck, keck, keck« schreien, und verfolgt ihr Wachsthum bis zum zehnten Juli, um welche Zeit der letzte von den jungen Edelreihern auf dem äußersten Nestrande steht, der zweite sich im Horste aufrichtet und der kleinste noch festsitzt. Zwei Tage später erfährt er, daß der ältere bereits den Horst verläßt, sich fliegend auf den nächsten Baum begibt und fast den ganzen Nachmittag daselbst verweilt, das zweite Junge neben dem Horste auf dem Aste, das dritte aufrecht in dem Horste selbst steht, welcher abends alle drei wieder vereinigt. Da erhält das Regiment Befehl, nach der polnischen Grenze abzurücken, und unserem wackeren Homeyer bangt natürlich für seine Schützlinge. Er beeilt sich, mit allen Jagdliebhabern zu sprechen, stellt die Thiere gleichsam unter den Schutz der ganzen Stadt, macht auf das seltene Vorkommen aufmerksam und hebt hervor, daß, im Falle das Brutgeschäft in keiner Weise gestört wird, ein Wiederkehren der alten und jungen Vögel im nächsten Jahre durchaus nicht unmöglich sei. Seine Worte finden so viel Anklang, daß er wirklich auf guten Erfolg hoffen darf. Er verläßt am achtundzwanzigsten Juli Glogau; die jungen Reiher entfliegen an demselben Tage ihrem Horste und – werden auch an demselben Tage zusammengeschossen!

Naumann meint, daß der Edelreiher leichter erlegt werden könne als der Fischreiher: ich muß das Gegentheil behaupten; denn ich habe ersteren stets sehr scheu gefunden. Der Vogel hatte auch alle Ursache, dies zu sein. Man stellt ihm in seiner Heimat eifrig nach, insbesondere der prachtvollen Rückenfedern wegen, aus denen die berühmten Reiherbüsche zusammengesetzt werden. In den Augen der Ungarn und Walachen gilt es als ein Kunststück, einen der vorsichtigen Vögel überlistet zu haben. Neuerdings sieht man den prächtigen Vogel in allen Thiergärten, hat auch in dem zu Berlin wiederholt die Freude gehabt, Junge zu züchten.

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