Der Edelpapagei in Brehms Tierleben

Auf Neuguinea, den Molukken und Philippinen leben die Edelpapageien (Eclectus), große Vögel mit sehr kräftigem, auf der Firste abgerundetem, mit schwachem Zahnausschnitte versehenem Schnabel, langem Fittige, unter dessen Schwingen die dritte die längste ist, weit vorragender Flügelspitze, mittellangem, etwas abgerundetem Schwanze und hartem, weitstrahligem Gefieder, welches auch die Gegend um das Auge sowie Nasenlöcher und Wachshaut bedeckt und in lebhaft grüner oder rother Färbung prangt.
Bis in die neueste Zeit glaubte man, sieben Arten dieser Gruppe zu kennen und zwar drei grüne und vier rothe Edelpapageien, deren Männchen und Weibchen dasselbe oder doch ein sehr ähnliches Kleid tragen sollten; diese Ansicht stellten jedoch die höchst überraschenden Mittheilungen Adolf Bernhard Meyers als zweifelhaft dar. Als der genannte Reisende die auf Masoor von ihm erlegten Vögel musterte, fiel es ihm auf, daß alle von ihm erbeuteten grünen Edelpapageien männlichen und alle rothen weiblichen Geschlechtes waren. Spätere umfassendere Untersuchungen hatten, wie er versichert, dasselbe Ergebnis, und Nachfragen bei malaiischen Jägern wurden dahin beantwortet, daß die grünen und rothen Edelpapageien Männchen und Weibchen einer und derselben Art seien. Meyer betrachtet letzteres als erwiesene Thatsache, sieht alle drei als Arten aufgestellten Grünpapageien als Abarten des männlichen, alle vier rothen als Abarten des weiblichen Geschlechtes an und vereinigt somit sämmtliche Edelpapageien zu einer einzigen Art. Ich will dem insofern Rechnung tragen, als ich, anstatt eines Vertreters der Sippe, deren zwei beschreibe.

Der Grünedelpapagei (Eclectus polychlorus, Psittacus sinensis, pectoralis, aurantius, magnus, viridis und lateralis, Mascarinus polychlorus und prasinus, Psittacodus und Polychlorus magnus), ein stattlicher Vogel, welcher den Jako an Größe merklich übertrifft, ist lebhaft grasgrün, oberseits etwas dunkler als unterseits. Ein großer Fleck an den Brustseiten wie die Achseldeckfedern und unteren Flügeldecken haben scharlachrothe, der Eckflügel und die kleinen Deckfedern längs des Unterarmes hellblaue, die innen schwarz gerandeten Handschwingen indigoblaue, die außen bis über die Wurzelhälfte grünen Armschwingen dunkelblaue, die drei hinteren grüne Färbung; die drei äußersten Schwanzfedern jederseits sind dunkel indigoblau, innen schwarz gerandet, die vierte und fünfte nur am Ende blau, übrigens aber grün wie die beiden Mittelfedern. Der Augenstern ist orangegelb, der Oberschnabel korallroth, an der Spitze wachsgelb, der Unterschnabel wie die Füße schwarz.

(Roter) Edelpapagei (Brehms Tierleben)

Die noch zu beschreibende zweite Form, der Rothedelpapagei (Eclectus grandis und ceylonensis, Psittacus grandis, roratus, ceylonensis, guebensis und janthinus, Mascarinus puniceus), ist scharlachroth, auf Kopf und Nacken lebhafter als an den übrigen Theilen, ein Querband über Rücken, Brust und Bauch dunkel, der Flügelrand heller ultramarinblau; die innen schwarzgerandeten Handschwingen, deren Decken und der Eckflügel, die außen bis gegen die Spitze hin rothen, schwarzgerandeten Armschwingen haben indigoblaue, die drei letzten an der Innenfahne grüne, die Armschwingendecken an der Wurzel der Innenfahne blaue, übrigens grüne, die Enden der an ihrer Wurzel schwärzlichen Steuer- und die Unterdeckfedern hoch citrongelbe Färbung. Ich verkenne nicht, daß Meyers Ausführungen bestechend erscheinen; beweisend aber sind sie nicht. Auch von Stölker erfahre ich, daß alle von ihm zergliederten Grünedelpapageien Männchen alle untersuchten Rothedelpapageien Weibchen waren; demungeachtet habe ich mich von der Arteinheit beider oder aller Edelpapageien nicht überzeugen können. Der Zufall treibt oft neckisches Spiel. Meyers Annahme wird widerlegt, sobald nachgewiesen werden kann, daß ein einziger Grünedelpapagei weiblichen, ein einziger Rothedelpapagei männlichen Geschlechtes ist. Wie es mir scheinen will, ist dieser Beweis bereits erbracht worden. »Das alle Grün- und Rothedelpapageien«, so schreibt Brown an Sclater, »Männchen und Weibchen einer Art sein sollen, ist ein grober Irrthum.

Unsere Aufmerksamkeit war auf den Gegenstand gerichtet worden, und ich bin vollkommen überzeugt, daß die genannten verschiedene Arten bilden. Wir erlegten ebensowohl Männchen als Weibchen des Grü nedelpapageis.« Neuerdings erhielt das Berliner Museum aber auch einen Rothedelpapagei, welcher von dem Sammler als männlich bezeichnet wurde.

Ueber das Freileben der Edelpapageien insgemein fehlen uns noch immer Berichte. Nur das Verbreitungsgebiet konnte bisher ziemlich genau festgestellt werden. Beide oben beschriebenen Arten wurden auf Ternate, Halmatera und Batjan, der Grünedelpapagei außerdem auf Neuguinea, Guebe, Waigiu und Mysol eingesammelt. Aus der Bemerkung Eduard von Martens‘, daß die Edelpapageien im Walde eher einsam als scharenweise leben, scheint hervorzugehen, daß sie minder gesellig sind als andere Arten. Weiteres über ihr Freileben ist mir nicht bekannt. Denn die Aussage eines von Meyer befragten Malaien, daß grüne und rothe Edelpapageien anwechselnd die Eier eines Nestes bebrüten sollen, wird von Meyer selbst nicht für gewichtig erachtet, bleibt daher einstweilen besser unberücksichtigt.

Ueber gefangene Edelpapageien sind wir etwas genauer unterrichtet. Die stattlichen Vögel gelangen noch immer, obschon weit seltener als vor zehn bis zwanzig Jahren, auf unseren Thiermarkt und zwar die grünen wie die rothen Arten in annähernd gleicher Anzahl. Sie gehören nicht zu den besonders anziehenden Gliedern ihrer Ordnung. Ihre Farbenpracht fesselt das Auge, ihr ernstes, um nicht zu sagen trauriges Wesen unterstützt den ersten Eindruck jedoch in keiner Weise. Auch sie werden leicht zahm oder kommen, wie alle indischen Vögel überhaupt, bereits bis zu einem gewissen Grade gezähmt, freilich oft auch verdorben, in unsere Hände, zeigen sich hingebend gegen Pfleger, welche ihr anfängliches Mißtrauen zu besiegen mußten und lernen auch wohl sprechen. Hinfällig oder nicht so widerstandsfähig als andere Arten gleicher Größe, ertragen sie die Gefangenschaft selten lange und gehen oft aus nicht erkennbaren Ursachen plötzlich ein. Fortpflanzung im Käfige hat, so viel mir bekannt, bisher noch niemals stattgefunden; man hat aber auch kaum irgendwo so viele dieser Vögel gleichzeitig in Gefangenschaft gehabt, als zu maßgebenden Versuchen in dieser Hinsicht erforderlich sein dürften. Einzelne, und zwar rothe, haben im Käfige Eier gelegt, ohne befruchtet worden zu sein; andere haben Jahre lang miteinander gelebt, und zwar grüne ebensowohl mit grünen wie mit rothen, ohne sich fortpflanzungslustig zu zeigen. Auf ihr gegenseitiges Verhalten ist kein Gewicht zu legen. Denn wenn Meyer, wie er später mittheilt, beobachtete, daß ein Grünedelpapagei, welcher zu einem Rothedelpapagei gesetzt wurde, diesem Zärtlichkeiten erwies, so wissen wir andererseits, daß auch das Gegentheil stattfindet, also Grün- und Rothedelpapageien sich bitter befehden, wenn sie nach längerer Einzelhaft in einem Käfige zusammengesperrt werden. Selbst wenn die Meyer’schen verschiedenartigen Gefangenen sich begattet, Eier gelegt und Junge erbrütet hätten, wäre dadurch der Beweis für ihre Arteinheit nicht erbracht worden. Denn ähnliches geschieht, wie auch bereits bemerkt, bei verschiedenartigen Papageien gar nicht selten: kommt es doch sogar vor, daß zwei Weibchen mit einander sich paaren, das eine von dem anderen sich treten läßt, dann Eier legt und diese eifrig, in solchem Falle natürlich ohne Erfolg, bebrütet.

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