Ausgestorbene Kaninchenrassen sind weit weniger gut dokumentiert als ausgestorbene Nutztierrassen wie Schafe oder Rinder. Viele alte Kaninchenrassen verschwanden stillschweigend, weil sie durch leistungsfähigere oder wirtschaftlichere Rassen ersetzt wurden, ohne dass sie systematisch beschrieben oder erhalten wurden. Dennoch gibt es einige historische Hinweise auf ausgestorbene oder verschollene Kaninchenrassen, insbesondere aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert.
Viele heute ausgestorbene Kaninchenrassen trugen zur Entwicklung moderner Rassen bei. Nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Pelzindustrie starben viele Kaninchenrassen aus, obwohl einige hauptsächlich zur Pelzgewinnung gezüchtete Rassen erhalten blieben. Über diese fast vergessenen Rassen ist teilweise nur wenig bekannt. Bei manchen existieren lediglich Beschreibungen in alten Zuchtbüchern. Man geht davon aus, dass mMindestens sechzig Kaninchenrassen sind ausgestorben.
Das Blue Imperial wurde ursprünglich von Mabel Illingworth (1879–1955) gezüchtet, die als erste Frau eine Kaninchenrasse schuf. Aus ihr gingen mehrere moderne Rassen hervor, darunter das Amerikanische Kaninchen.
Der korrekte Name der Rasse war „Blue Imperial“. In den Vereinigten Staaten wurde sie gelegentlich auch „Imperial Blue“ oder kurz „Imperial“ genannt, was jedoch dem ursprünglichen Namen widerspricht.
Ab 1896 begann Mabel Illingworth mit der Züchtung des Blue Imperial. Die Inspiration für die Rasse fand sie in den blauen Katzen ihrer Mutter. Viele Jahre lang hielt Miss Illingworth die Ursprünge ihrer Rasse geheim, bis sie Mitte der 1920er-Jahre schließlich ihre Zuchtmethode preisgab. Sie verpaarte zunächst einen blauen und einen Schildpatt-Englischen Widder und anschließend den daraus entstandenen Wurf mit einem Weißen Angorakaninchen. Dies war eine alte Methode, um die dominante Erbfarbe der Kaninchen zu ermitteln. In der zweiten Generation traten einfarbig blaue Tiere mit langen, aufrechten Ohren auf. Diese wurden mit einem stark gezeichneten blau-falbfarbenen Holländer-Rammler sowie mit einem einfarbig blauen Holländer-Rammler verpaart. Weitere Verpaarungen verbesserten die Farbe. Illingworth stellte die Kaninchen erstmals 1903 auf einer Kaninchenausstellung im Crystal Palace in London aus.
Im zweiten Versuchsjahr tauchte eine Häsin auf, die den idealen Merkmalen und der idealen Farbe nach Illingworths Vorgaben entsprach. Sie wurde nach den Katzen von Illingworths Mutter, die die Rasse inspiriert hatten, „Blue Pussie“ genannt. Dieses Kaninchen wurde im Zuchtprogramm intensiv eingesetzt, um die gewünschten Merkmale zu festigen. Die Rasse wurde vor 1915 nach Amerika eingeführt und von der National Pet Stock Association (dem Vorläufer der National Breeders and Fanciers Association of America, die später zur American Rabbit Breeders Association wurde) anerkannt. Blue Imperials waren selten und in Amerika nie sehr beliebt; sie verschwanden bis 1934 aus den Rassestandards und starben dort und kurz darauf auch in England aus.
Die Rasse gab es nur in einer Standardvariante: Blau. Der Blue Imperial wurde 1920 im Standard of Perfection der National Breeders and Fanciers Association of America (die später zur American Rabbit Breeders Association wurde) beschrieben. Die Farbe wird wie folgt beschrieben: „Das Fell des Blue Imperial sollte ein gleichmäßiger, dunkler Blauton sein, weich und glänzend, und etwas länger als bei anderen kurzhaarigen Kaninchen.“ Die Rasse wog etwa sieben Pfund.
1913 kreuzte Mabel Illingworth ihre neu entwickelte Rasse mit Havaneserkaninchen und züchtete so ein lilafarbenes Kaninchen, das sie „Essex Lavenders“ nannte. Diese Rasse war die zweite von drei britischen Linien, die zur Entstehung der Lilac verwendet wurden.
Einige ausgestorbene Kaninchenrassen waren nicht offiziell anerkannt, sondern Landtypen, Farbvarianten oder frühe Zuchtansätze, die es nie in nationale oder internationale Standards geschafft haben und deshalb stillschweigend verschwanden, ohne erhalten zu werden.
Offiziell anerkannte, aber später ausgestorbene Kaninchenrassen sind äußerst selten dokumentiert, und in vielen Fällen verschwanden Rassen vor oder ohne eine offizielle Anerkennung durch nationale Verbände.
Das Blanc de Chauny ist eine heute ausgestorbene französische Kaninchenrasse aus der Stadt Chauny im Département Aisne (Region Picardie, Nordfrankreich). Die Rasse entstand vermutlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts und wurde vor allem als Mastkaninchen für die lokale Fleischproduktion gehalten.
Typisch war das reinweiße Fell mit roten Augen, was auf einen Albino-Typ hinweist. Das Haarkleid galt als dicht, mittellang und leicht glänzend. Der Körperbau war mittelgroß bis kräftig, mit einem Gewicht von etwa 4 bis 5 Kilogramm. Der Körper war kompakt und breit angesetzt, mit guter Bemuskelung an Rücken und Hinterpartie. Der Kopf erschien rundlich und kräftig, die Ohren standen aufrecht und waren mittellang.
Das Blanc de Chauny wurde vor allem regional gezüchtet und erreichte nie nationale oder internationale Anerkennung im offiziellen Rassestandard. In den 1920er- und 1930er-Jahren geriet es zunehmend unter Konkurrenzdruck durch leistungsstärkere weiße Rassen wie den Blanc de Vienne oder später den Neuseeländer Weiß.
Durch fehlende Standardisierung, kriegsbedingte Bestandsverluste und strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft verschwand die Rasse vermutlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig. Heute existieren keine bekannten Zuchtlinien mehr.
Das Old English Red ist eine englische Kaninchenrasse, die vermutlich im 18. oder frühen 19. Jahrhundert entstand. Er gilt heute als ausgestorben oder vollständig in modernen roten Rassen aufgegangen. Die Rasse wurde vor allem in Mittel- und Südengland gehalten und war für ihre intensive, gleichmäßige Rotfärbung bekannt.
Charakteristisch war das tiefe, warme Rot bis Rotbraun des Fells, das möglichst ohne dunkle Schattierungen oder graue Unterfarbe erscheinen sollte. Das Haarkleid war mittellang, dicht und leicht glänzend. Im Vergleich zu späteren Ausstellungstypen wirkte der Old English Red etwas robuster und weniger extrem ausgeprägt in Farbe und Körperform.
Das Gewicht lag vermutlich zwischen 3 und 4,5 Kilogramm. Der Körperbau war kompakt, mit gut gerundetem Rücken und kräftiger Hinterhand. Der Kopf zeigte eine breite Stirn, die Ohren standen aufrecht und waren mittellang. Die Augenfarbe wurde als dunkelbraun beschrieben.
Gezüchtet wurde der Old English Red sowohl für die Fleischgewinnung als auch als frühes Ausstellungstier. Mit der zunehmenden Standardisierung der Kaninchenzucht im späten 19. Jahrhundert wurde der ursprüngliche Typ stark selektiert und weiterentwickelt. Moderne rote Rassen – etwa englische oder kontinentale Rotvarianten – unterscheiden sich deutlich vom historischen Ursprungstyp.
Das Rouennais, auch Lapin de Rouen genannt, war eine regionale französische Kaninchenrasse aus der Normandie, insbesondere aus der Umgebung der Stadt Rouen. Die Rasse entstand vermutlich im 19. Jahrhundert und wurde hauptsächlich als Mastkaninchen für die lokale Fleischversorgung gehalten. Eine offizielle nationale Anerkennung im französischen Rassestandard erfolgte nie, weshalb das Rouennais heute als ausgestorben oder vollständig in anderen Linien aufgegangen gilt.
Typisch war vermutlich eine wildgraue bis dunkelgraue Fellfarbe mit leicht rötlicher Zwischenfarbe, ähnlich dem Hasengrau. Das Fell galt als dicht, wetterfest und gut an das feuchte Klima der Normandie angepasst. Das Gewicht lag schätzungsweise zwischen 4 und 5 Kilogramm. Der Körperbau war mittelgroß bis kräftig, mit gut bemuskelter Hinterpartie und breiter Brust. Der Kopf erschien mäßig kräftig, die Ohren standen aufrecht und waren mittellang.
Das Rouennais wurde auf regionalen Märkten und Ausstellungen im späten 19. Jahrhundert erwähnt. Mit der zunehmenden Standardisierung der Kaninchenzucht im frühen 20. Jahrhundert wurde es jedoch durch leistungsstärkere und offiziell anerkannte Rassen verdrängt. Durch fehlende Erhaltungszucht und die Umstrukturierung der Landwirtschaft verschwand die Rasse vermutlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig.





