01.04.2026, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie
Millionen Jahre alte Insekten-Symbiosen sind fragiler als gedacht
Ein eingeführtes Bakterium verdrängt den Symbiose-Partner von Getreideplattkäfern – und führt innerhalb weniger Generationen zum vollständigen Zusammenbruch einer bislang stabilen Symbiose.
Viele Insekten leben seit Millionen von Jahren in enger Symbiose mit Bakterien, die ihnen lebenswichtige Nährstoffe liefern – eine Verbindung, die so eng ist, dass beide Partner ohne den anderen nicht überleben können. Wie und warum Symbionten trotzdem gelegentlich im Laufe der Evolution ausgetauscht werden, war jedoch bislang unklar. In einer neuen Studie haben Forschende des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie in Jena und der Universität Utah nun gezeigt, dass ein neues Bakterium (Sodalis praecaptivus) innerhalb weniger Generationen die Millionen von Jahren alte Symbiose des Getreideplattkäfers Oryzaephilus surinamensis mit seinem Symbionten Shikimatogenerans silvanidophilus zerstören kann. Käferweibchen, denen Sodalis injiziert worden war, konnten das Bakterium über die Eier an ihre Nachkommen weitergeben. Bei mit Sodalis infizierten Käfern wurde jedoch eine verminderte Wirtsfitness festgestellt. Während die Käfer eine starke Immunreaktion auf Sodalis entwickelten, konnte der ursprüngliche Symbiont aufgrund seiner hochgradigen Spezialisierung auf die Nährstoffversorgung nicht auf den Eindringling reagieren und ging schließlich zugrunde. Die Studie zeigt, dass selbst Millionen von Jahren alte Symbiosen fragil sind. Ein neuer Bakterienpartner kann sich schnell durchsetzen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um die Dynamik von Symbiosen in der Evolution zu verstehen.
Ein Modell für die Dynamik von Symbiosen: Sodalis als Treiber des Symbiontenaustauschs
Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Insekten und ihren bakteriellen Symbionten ist das Ergebnis einer Millionen Jahre währenden Koevolution. Viele Insekten leben in enger wechselseitiger Beziehung mit symbiotischen Bakterien, die ihnen essentielle Nährstoffe liefern. Diese Partnerschaft hat sich über Jahrmillionen entwickelt und bewährt. Doch eine scheinbar stabile Symbiose ist nicht unveränderlich: Bei manchen Insektenarten beobachtet man gelegentlich den Verlust ursprünglicher Symbionten oder deren Ersatz durch neue Bakterien, obwohl die ursprünglichen Partner über lange Zeiträume hinweg eine enge Symbiose gebildet hatten. Wie und warum dieser Austausch abläuft, ist weitgehend unerforscht, was vor allem auf den Mangel an experimentell manipulierbaren Systemen zurückzuführen ist.
„Das Fehlen einfach handhabbarer Symbiosen war die treibende Kraft unserer Studie“, erklärt Erstautorin Ronja Krüsemer, aus der Abteilung Insektensymbiosen am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie. „Unser Ziel war es, ein kontrollierbares Modellsystem zu etablieren, das es ermöglicht, den Prozess des Symbiontenaustauschs direkt zu beobachten und zu untersuchen.“
Sodalis praecaptivus als Eindringling: Verdrängung des ursprünglichen Symbionten im Getreideplattkäfer
In Zusammenarbeit mit Colin Dale von der Universität Utah, der bereits eine künstliche Symbiose zwischen Getreiderüsselkäfern und dem Bakterium Sodalis praecaptivus hergestellt hatte, entschied sich das Team um Martin Kaltenpoth am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie für einen gezielten Ansatz: Die Forschenden injizierten Sodalis praecaptivus in weibliche Getreideplattkäfer (Oryzaephilus surinamensis), um den Einfluss des Bakteriums auf die natürliche Symbiose zu testen.
Das neue Bakterium zeigte sich als hoch anpassungsfähig: Es siedelte sich in fast allen Geweben und Organen der Käfer an und wurde erstaunlicherweise erfolgreich über die Eier von der Mutter an die Nachkommen übertragen. Die Forschenden konnten sogar mehrere Generationen aufziehen, was zu einer überraschenden und entscheidenden Erkenntnis führte: In der dritten Nachkommengeneration war der ursprüngliche Symbiont Shikimatogenerans silvanidophilus vollständig verschwunden.
Die Infektion mit Sodalis hatte jedoch nicht nur Auswirkungen auf den ursprünglichen Symbionten. Die Käfer wiesen eine hellere Färbung ihrer Außenhaut auf, ihre Lebenserwartung war verringert und ihre Fortpflanzungsrate war reduziert. Gleichzeitig war das Immunsystem der Käfer aktiviert, was anhand der erhöhten Expression von Immungenen nachweisbar war. Sodalis drang in die Bakteriome ein, die spezialisierten Organe, die den ursprünglichen Symbionten beherbergen, und veränderte die dort vorherrschenden Bedingungen zu dessen Nachteil.
Dabei spielt die Genomerosion eine entscheidende Rolle: Shikimatogenerans, das seit Millionen von Jahren mit seinem Wirt koexistiert und ausschließlich in Käfern zu finden ist, hat durch den fehlenden Selektionsdruck viele Gene verloren. Dadurch ist der Symbiont anfälliger für Veränderungen im Wirtsumfeld. Nach der Injektion von Sodalis war Shikimatogenerans nicht in der Lage, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, wies unregelmäßige Zellformen auf und wurde schließlich verdrängt.
„Wir hatten nicht erwartet, dass der Verlust des ursprünglichen Symbionten so schnell erfolgt“, sagt Ronja Krüsemer. „Diese Beobachtung war eine große Überraschung – und ist zugleich der Schlüssel zur Erforschung eines beginnenden Symbiontenaustauschs.“
Ein wegweisendes Modellsystem für die Zukunft der Symbioseforschung
Das System aus Oryzaephilus surinamensis und Sodalis praecaptivus erweist sich nun als vielversprechendes Modell, um die Mechanismen hinter dem Austausch von Symbionten, der Etablierung von Symbiosen und der Evolution von Mutualismen systematisch zu untersuchen. Zukünftige Studien sollen den Einfluss genetischer Mutationen auf die Fitness von Wirt und Symbiont testen und groß angelegte Fitnessexperimente mit infizierten Käfern und deren Nachkommen umfassen.
„Mit unserem System können wir die Dynamiken hinter einem Symbiontenaustausch direkt beobachten“, fasst Studienleiter Martin Kaltenpoth zusammen. „Unsere Studie zeigt, dass neue Bakterien die ursprünglichen Symbionten verdrängen können – und dass dieser Prozess schneller ablaufen kann, als bisher angenommen. Dabei kann der Verlust des ursprünglichen Symbionten im Rahmen eines beginnenden Symbiontenaustauschs erfolgen.“
Originalpublikation:
Krüsemer, R., Carvalho, A.S.P., Keller, J. et al. Experimental Sodalis infection eliminates ancient insect symbiont. Nat Commun 17, 3153 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71143-2
01.04.2026, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Nur ein Viertel der kolumbianischen Schutzgebiete schützt Süßwasserfische effektiv
Nur 25 Prozent der für den Schutz von Süßwasserfischen in Kolumbien identifizierten Prioritätsgebiete überschneiden sich mit bestehenden Schutzgebieten. Dies zeigt eine aktuelle Studie in Diversity and Distributions des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Dieses Ergebnis deckt sich mit einer europaweiten Betrachtung von Flüssen im Rahmen einer anderen Studie. Darin wurde festgestellt, dass Schutzgebiete oft nicht ausreichen, um die Biodiversität und Wasserqualität von Fließgewässern zu verbessern. Der Grund dafür ist, dass die meisten Schutzgebiete ursprünglich für Landökosysteme ausgewiesen wurden.
Das Forschungsteam untersuchte die geografische Verbreitung von 1.313 Süßwasserfischarten in 38.000 Gewässerabschnitten der Flüsse Kolumbiens. Sie verglichen diese Daten mit den bestehenden Schutzgebieten, die auf den Schutz aller Tierarten abzielen. Dabei stellten sie fest, dass die für den effektiven Schutz der Fischarten erforderliche Fläche zwar ähnlich groß ist wie die der bestehenden Schutzgebiete, jedoch eine erhebliche räumliche Diskrepanz besteht: Die optimalen Schutzgebiete und die aktuellen Schutzgebiete überlappen nur zu 25 Prozent.
„Diese Kluft macht deutlich, wie wichtig es sein kann, bestehende Schutzstrategien zu überarbeiten, um die Süßwasser-Biodiversität effektiver zu bewahren“, sagt Thomas Tomiczek, Erstautor der Studie und Forscher am IGB.
Besonders wichtig wäre ein Schutzstatus der oberen Abschnitte des Orinoco-Flusses, der mit 964 Fischarten ebenso artenreich wie der kolumbianische Teil des Amazonas ist, jedoch mehr endemische Fische beherbergt. Endemische Arten sind solche, die ausschließlich in einem bestimmten Gebiet vorkommen. Viele endemische und bedrohte Arten leben außerdem in den Becken von Magdalena-Cauca und Pazifik-Chocó, weshalb sie in den neu definierten Prioritätsgebieten mit großen Flächenanteilen vertreten sind.
Die Studie identifizierte lediglich ein Flussgebiet mit einer hohen Überlappung (72 Prozent) zwischen bestehendem Schutzstatus und priorisiertem Schutzgebiet: den Rio Bita im Nordosten Kolumbiens an der Grenze zu Venezuela, der seit 2018 unter Schutz steht. Insgesamt kommen die Forschenden zu dem Schluss, dass es wichtig wäre, mehr Quellflüsse zu schützen, da sie besonders sensibel auf Umweltveränderungen reagieren und essenzielle Funktionen für das gesamte Flussnetzwerk besitzen. Zudem sollten kleinere Nebenflüsse von großen Strömen berücksichtigt werden, da sie bei Überflutungen gemeinsam ein Mosaik aus verschiedenen Lebensräumen bieten können.
Diskrepanz der Schutzgebiete zeigt sich auch für andere Tiergruppen:
Die Diskrepanz zwischen Biodiversitäts-Hotspots und geschützten Gebieten in Kolumbien wurde in anderen Studien auch für Säugetiere, Vögel, Amphibien und Reptilien dokumentiert.
„Solche Erkenntnisse können daher ein Leitfaden sein, Gebiete mit hohem ökologischem Wert und geringer menschlicher Belastung in zukünftige Schutzstrategien zu integrieren, um möglichst viele Tierarten an Land und im Wasser zu schützen“, sagt Dr. Sami Domisch, Wissenschaftler am IGB und Leiter der Studie.
Eine andere Studie zu den Flüssen Europas zeichnet ähnliches Bild:
Die Ergebnisse der Studie fügen sich in das Bild, das eine Studie in Nature Communications unter Leitung der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung zeichnet. An dieser Studie war auch das IGB beteiligt. Das internationale Team analysierte darin über 1.700 Flussstandorte in zehn europäischen Ländern über fast vier Jahrzehnte. Die Ergebnisse zeigen, dass Schutzgebiete oft nicht ausreichen, um die Biodiversität und Wasserqualität signifikant zu steigern, weil sie oft für Landökosysteme ausgewiesen wurden.
Originalpublikation:
Tomiczek, T., J.García Márquez, R.Arlinghaus, and S.Domisch. 2026. “The Spatial Discrepancy Between Colombian Freshwater Fish Suitable Habitats and Existing Protected Areas.” Diversity and Distributions32, no. 3: e70168. https://doi.org/10.1111/ddi.70168.
01.04.2026, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Europas verborgene Pracht: Forschende präsentieren erstmals fossilen Schillerfalter
Der erste eindeutig nachgewiesene fossile Schillerfalter, Apaturinae, liefert neue Erkenntnisse zur Evolution der Schmetterlinge. Die neu beschriebene Gattung und Art ist 34 bis 28 Millionen Jahre alt und stammt aus Südfrankreich.
Schmetterlingsfossilien sind selten – und Funde mit erhaltenen, feinen anatomischen Details und Flügelmustern sind eine absolute Ausnahme. Ein internationales Forschungsteam aus Schweden, den USA und Deutschland unter der Leitung von Dr. Hossein Rajaei, Schmetterlingsforscher am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, und mit Beteiligung von Prof. Dr. Torsten Wappler vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt hat nun ein rund 34 bis 28 Millionen Jahre altes, außergewöhnlich gut erhaltenes Schmetterlingsfossil beschrieben. Der Fund stammt aus dem frühen Oligozän von Céreste in Südfrankreich. Das Exemplar, das einer neuen Gattung und der neu beschriebenen Art Apaturoides monikae angehört, ist ein Schlüsselfund für die Evolutionsforschung der Schmetterlinge. Es ist zudem das erste Fossil, das eindeutig der Unterfamilie der Schillerfalter (Familie der Edelfalter) zugeordnet werden kann.
Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Acta Palaeontologica Polonica veröffentlicht.
Ein besonderer Einblick in die frühe Schmetterlingsevolution:
Schmetterlinge zählen heute zu den am besten erforschten Insekten, doch ihre fossile Überlieferung ist lückenhaft. Viele bisher gemeldete „Schmetterlingsfossilien“ lassen sich nicht eindeutig zuordnen, und gut erhaltene Funde, die als Ankerpunkte für evolutionäre Zeitachsen dienen könnten, sind äußerst selten.
„Beim Fossil von Apaturoides monikae aus Céreste sind der Großteil des rechten Flügels sowie große Teile der linken Flügel mit vollständiger Flügeladerung und deutlich erkennbaren Flügelmustern, darunter Augenflecken, erhalten. Kopf und Thorax sind von beiden Seiten sichtbar, und auch ein Großteil des Abdomens blieb erhalten. Diese außergewöhnlichen Merkmale ermöglichen eine präzise Einordnung in den Stammbaum der Schmetterlinge“, erklärt Hossein Rajaei, Erstautor der Studie.
Für die Forschenden ein Schlüsselfund:
Molekulargenetische Untersuchungen gehen davon aus, dass sich die Hauptlinien der Edelfalter zur selben Zeit, aus der dieses Fossil stammt, aufgespalten haben. Da das nun beschriebene Exemplar datiert und sicher bestimmt ist, liefert es einen wichtigen Mindestalter-Ankerpunkt für evolutionäre Analysen und hilft, fossile Nachweise mit molekularen „Uhr“-Schätzungen abzugleichen.
„Dieser Fossilienfund legt nahe, dass die Apatura-Linie entweder älter ist, als es molekulare Analysen vermuten lassen, oder dass heutige Apatura-Arten Merkmale ihrer Vorfahren über lange Zeiträume hinweg bewahrt haben. In jedem Fall liefert der Fund eine wichtige empirische Grundlage, um besser zu verstehen, wann und wie sich die wichtigsten Schmetterlingsgruppen entwickelt und diversifiziert haben“, so Hossein Rajaei.
Neue Gattung und Art: Apaturoides monikae
Ein detaillierter Vergleich mit allen bekannten Gattungen der Apaturinae zeigt, dass das Fossil eine ausgestorbene Linie repräsentiert, die der heute in der Paläarktis verbreiteten Gattung Apatura am ähnlichsten ist. Der neue Gattungsname Apaturoides spiegelt diese Verwandtschaft wider. Das Fossil wurde bereits 1979 von Herbert Lutz aus den laminierten, süßwasserbildenden Kalksteinen der Campagne-Calavon-Formation geborgen. Diese Fundstätte in der Region Lubéron ist heute geschützt. Der Artname monikae ehrt Monika Lutz-Scholz, die Ehefrau des Entdeckers.
Vom Fossil zu aktuellen Fragen der Biodiversität:
Die Ablagerungen von Céreste (Alpes-de-Haute-Provence) in Südfrankreich sind für ihr breites Spektrum konservierter Organismen bekannt, doch Schmetterlingsfossilien bleiben selbst dort eine große Seltenheit. „Dieser Fund unterstreicht die Bedeutung geschützter Fossillagerstätten sowie den bleibenden Wert von Museumssammlungen und historischen Entdeckungen, die meist erst nach Jahrzehnten erkannt werden und durch neue Analysen wichtige wissenschaftliche Ergebnisse liefern“, so Torsten Wappler.
Originalpublikation:
http://doi.org/10.4202/app.01332.2026
07.04.2026, Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Neue Spinnenart im Amazonas imitiert parasitären Pilz
Ein internationales Forschungsteam hat eine neue Spinnenart aus dem ecuadorianischen Amazonasgebiet beschrieben: Taczanowskia waska.
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) hat eine neue Spinnenart aus dem ecuadorianischen Amazonasgebiet beschrieben: Taczanowskia waska. Die Art zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Form der Mimikry aus: Sie stellt den ersten dokumentierten Fall dar, in dem eine Spinne das Erscheinungsbild eines parasitären Pilzes imitiert. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Zootaxa veröffentlicht.
Die Entdeckung gelang im Llanganates-Sangay-Korridor, einem der artenreichsten Gebiete der Erde. Zunächst wurde das Tier bei einer nächtlichen Exkursion für einen Pilz gehalten – ein Hinweis auf die bemerkenswerte Tarnstrategie der neuen Art.
*Täuschung durch Form und Verhalten*
Taczanowskia waska ahmt den Fruchtkörper eines Pilzes der Gattung Gibellula nach, der auf Spinnen wächst. Auffällig sind dabei verlängerte Strukturen am Hinterleib sowie eine helle, pilzähnliche Oberfläche. Zusätzlich verharrt die Spinne regungslos an der Unterseite von Blättern – genau dort, wo auch der Pilz typischerweise vorkommt.
Diese Kombination aus äußerer Erscheinung und Verhalten deutet auf eine ausgeprägte Anpassung hin. Die Forschenden gehen davon aus, dass die Mimikry sowohl dem Schutz vor Fressfeinden als auch der Jagd dient: Als vermeintlich uninteressantes Objekt wird die Spinne möglicherweise seltener erkannt und kann ihre Beute leichter überraschen.
*Ein bislang einzigartiger Fall*
Laut Studie handelt es sich um den ersten dokumentierten Fall, in dem eine Spinne einen parasitären Pilz imitiert, der ihre eigenen Artgenossen befällt. Die Entdeckung liefert damit neue Erkenntnisse zur Evolution von Mimikry und zur ökologischen Rolle solcher Anpassungen.
Die Gattung Taczanowskia gilt als selten und wenig erforscht. Viele Aspekte ihrer Lebensweise sind bislang kaum bekannt – auch weil Vertreter dieser Gruppe in der Natur nur selten beobachtet werden.
An der Studie beteiligt war Nadine Dupérré vom Museum der Natur Hamburg des LIB. Sie untersuchte Vergleichsexemplare aus wissenschaftlichen Sammlungen und trug zur taxonomischen Einordnung der neuen Art bei.
*Citizen Science als Ausgangspunkt*
Die Entdeckung begann mit einer Beobachtung auf der Plattform iNaturalist. Dort wurde das vermeintliche Pilzexemplar von Nutzerinnen und Nutzern als Spinne erkannt und in der Folge wissenschaftlich untersucht. Der Fund unterstreicht die Bedeutung von Citizen Science für die Biodiversitätsforschung.
„Solche Funde zeigen, welchen Wert wissenschaftliche Sammlungen haben. Sie ermöglichen es, neue Arten einzuordnen und mit historischem Material zu vergleichen. In Kombination mit internationaler Zusammenarbeit und Citizen Science eröffnen sich so neue Möglichkeiten, Biodiversität zu erforschen“, erklärt Nadine Dupérré.
Die Entdeckung verdeutlicht die hohe, oft noch unerschlossene Artenvielfalt tropischer Regionen. Gleichzeitig zeigt sie, wie wichtig internationale Zusammenarbeit und neue Datenquellen für das Verständnis globaler Biodiversität sind.
Originalpublikation:
https://doi.org/10.11646/zootaxa.5760.5.4
07.04.2026, Universität Greifswald
Sauerstoff bestimmt offenbar nicht die Körpergröße von Insekten
Nature-Studie mit Beteiligung der Universität Greifswald widerlegt langjährige Annahme
Riesige libellenartige Insekten mit Flügelspannweiten von bis zu 70 Zentimetern, die vor 300 Millionen Jahren lebten, faszinieren Forschende seit Jahrzehnten. Sie gingen der Frage nach, wie solche Giganten überhaupt fliegen konnten. Eine neue Studie, an der auch die Universität Greifswald beteiligt ist, stellt nun eine langjährige Erklärung infrage: den Einfluss eines besonders hohen Sauerstoffgehalts der Atmosphäre während des Erdzeitalters Karbon.
Als riesige Insekten wie Meganisoptera lebten, sah die Erde grundlegend anders aus: In den äquatorialen Regionen des Superkontinents Pangäa breiteten sich weite Kohlesumpfwälder aus und der hohe Sauerstoffgehalt der Atmosphäre ließ Waldbrände häufig lodern. In den Gewässern wimmelte es von Fischen, während Amphibien und kriechende Gliederfüßer das Land dominierten. Über diesen Lebensräumen beherrschten riesige fliegende Insekten den Himmel – von eintagsfliegenähnlichen Arten mit Flügelspannweiten bis zu 45 Zentimetern bis zu den gewaltigen Meganisoptera, den sogenannten „Griffinflies“, mit bis zu 70 Zentimetern. Fossile Abdrücke dieser Giganten wurden bereits vor fast einem Jahrhundert in Kansas entdeckt.
Die seit den 1960er Jahren verbreitete Annahme, gigantische Insekten seien nur aufgrund des damals etwa 45 Prozent höheren Sauerstoffgehalts der Atmosphäre möglich gewesen, wird durch eine Untersuchung von Dr. Antoinette Lensink und Dr. Chris Weldon von der Universität Pretoria sowie Dr. Roger Seymour von der Universität Adelaide widerlegt. Prof. Dr. Philipp Lehmann vom Zoologischen Institut und Museum der Universität Greifswald trägt als vergleichender Physiologe maßgeblich zur Analyse der Insektenflugmuskeln bei. Die Publikation erschien kürzlich in der Fachzeitschrift Nature https://doi.org/10.1038/s41586-026-10291-3.
Neue Daten stellen Annahme infrage
Seit den 1960er Jahren gingen Wissenschaftler*innen davon aus, dass solche Größen heute unmöglich wären. Grundlage war das Insekten-Tracheensystem: Sauerstoff gelangt über ein verzweigtes Netzwerk von Röhren direkt in die Flugmuskulatur. Größere Körper und höherer Energiebedarf schienen daher nur bei deutlich höherem Sauerstoffgehalt möglich.
In den 1980er Jahren erhärteten geochemische Methoden diese Theorie weiter: Die Rekonstruktion der prähistorischen Gaszusammensetzung zeigte einen deutlich höheren Sauerstoffgehalt vor 300 Millionen Jahren – passend zu den Fossilien riesiger Insekten. Dies galt lange als plausible Erklärung.
Die neue Untersuchung zeigt jedoch, dass Insekten ihren Sauerstoffbedarf flexibel über das Tracheensystem regulieren können. Mithilfe von Hochleistungs-Elektronenmikroskopie analysierte das Team, wie Tracheolen – die feinsten Verzweigungen des Tracheensystems – die Flugmuskeln unterschiedlicher Insektenarten versorgen. Das Ergebnis: Tracheolen nehmen nur etwa ein Prozent oder weniger des Muskelvolumens ein – selbst bei den gigantischen fossilen Arten. Dies deutet darauf hin, dass Insekten auch bei unterschiedlichen atmosphärischen Sauerstoffkonzentrationen ausreichend versorgt werden könnten, indem sie die Anzahl der Tracheolen anpassen.
Dr. Edward Snelling von der University of Pretoria, der Erstautor der Studie, betont: „Wenn der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre tatsächlich eine Obergrenze für die maximale Körpergröße von Insekten darstellt, dann müsste es Anzeichen für einen Ausgleich auf der Ebene der Tracheolen geben.“ Bei größeren Insekten gebe es zwar einen gewissen Ausgleich, dieser sei jedoch insgesamt vernachlässigbar.
Sein Kollege Dr. Roger Seymour von der University of Adelaide ergänzt: „Kapillaren im Herzmuskel von Vögeln und Säugetieren nehmen etwa zehnmal so viel relativen Raum ein wie Tracheolen im Flugmuskel von Insekten.“ Dies spreche für ein großes evolutionäres Potenzial, die Anzahl der Tracheolen zu erhöhen, falls der Sauerstofftransport die Körpergröße begrenzen würde. Auch mögliche Einschränkungen des Sauerstoffflusses könnten laut Snelling durch eine verstärkte Ausbildung von Tracheolen kompensiert werden.
Grundlagenforschung an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Philipp Lehmann aus Greifswald ordnete die Daten nach Flugmuskeltypen und flugphysiologischen Parametern. Er zeigt sich „überrascht, dass die Muster über so große phylogenetische und physiologische Unterschiede hinweg bestehen“ und betont, dass es „sehr lohnend war, grundlegende biologische Erkenntnisse zu gewinnen, die lang gehegte Annahmen über die Körpergröße von Insekten in Frage stellen“. Lehmann bezeichnet die Veröffentlichung der Ergebnisse in Nature als wichtigen Meilenstein: „Es ist spannend, diese Erkenntnisse, die das Ergebnis von über fünf Jahren Arbeit sind, endlich in einer renommierten Fachzeitschrift wie Nature zu veröffentlichen.“ Er hofft, in den kommenden Jahren im Rahmen neuer Projekte weiter an diesen Fragestellungen arbeiten zu können.
Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass Sauerstoff und der Transport über das Tracheensystem die Körpergröße von Insekten offenbar nicht begrenzen. Das bedeute jedoch nicht, dass dies nicht bedeutet, dass Insekten von der Größe kleiner Flugzeuge existieren könnten. Andere Faktoren wie Prädation durch kleine Wirbeltiere oder mechanische Grenzen des Exoskeletts dürften die maximale Größe bestimmen.
Weitere Informationen
Snelling, E. P.; Lensink, A. V.; Clusella-Trullas, S.; Weldon, C.; Lehmann, P.; Terblanche, J. S.; Payne, N. L.; Harrison, J. F.; Hickey, A. J. R.; Donaldson, A.; Deschodt, C. M.; Seymour, R.: Oxygen supply through the tracheolar–muscle system does not constrain insect gigantism. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10291-3
08.04.2026, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Neandertaler in Mitteleuropa jagten Sumpfschildkröten
Neandertaler jagten in Mitteleuropa Sumpfschildkröten (Emys orbicularis) – allerdings wahrscheinlich nicht, um sich von ihnen zu ernähren, sondern möglicherweise, um Schöpflöffel aus ihren Panzern herzustellen. Das berichtet ein internationales Forschungsteam um Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz heute in der Zeitschrift Scientific Reports. Die Forschenden hatten rund 125.000 Jahre alte Stücke von Schildkrötenpanzern untersucht, die in der weltbekannten altsteinzeitlichen Fundstätte Neumark-Nord im heutigen Sachsen-Anhalt entdeckt worden waren.
Neandertaler jagten in Mitteleuropa Sumpfschildkröten (Emys orbicularis) – allerdings wahrscheinlich nicht, um sich von ihnen zu ernähren, sondern möglicherweise, um Schöpflöffel aus ihren Panzern herzustellen. Das berichtet ein internationales Forschungsteam um Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser, tätig am Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und am Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution, MONREPOS/LEIZA, Prof. Dr. Will Roebroeks von der Universität Leiden, Niederlande, und Dr. Lutz Kindler vom MONREPOS/LEIZA heute in der Zeitschrift Scientific Reports. Die Forschenden hatten rund 125.000 Jahre alte Stücke von Schildkrötenpanzern untersucht, die in der weltbekannten altsteinzeitlichen Fundstätte Neumark-Nord im heutigen Sachsen-Anhalt entdeckt worden waren. Wie sie unter anderem durch hochauflösende 3D-Scans herausfanden, weisen viele der 92 Stücke Schnittspuren an der Innenseite auf, die darauf hindeuten, dass die Schildkröten von Neandertalern sorgfältig geschlachtet wurden – dass Gliedmaßen abgetrennt, innere Organe entfernt und die Panzer gründlich gesäubert wurden. „Unsere Daten liefern den ersten Nachweis dafür, dass Neandertaler auch nördlich der Alpen, jenseits des Mittelmeerraums, gezielt Schildkröten jagten und verwerteten“, sagt Gaudzinski-Windheuser.
Leicht zu fangen und deshalb vielleicht von Kindern gejagt
Die Forschenden gehen davon aus, dass die Schildkröten nicht als Nahrungsquelle dienten. „Das können wir durch die Fülle von Überresten großer, ertragreicher Beutetiere an diesem Ort so gut wie ausschließen. Dort herrschte wahrscheinlich ein völliger Kalorienüberschuss“, sagt Gaudzinski-Windheuser. Insgesamt sind in Neumark-Nord bereits weit mehr als Hunderttausend Tierknochen oder Fragmente davon gefunden worden, darunter etliche Knochen von Hirschen, Rindern und Pferden und auch von den größten damals lebenden Landsäugetieren, den Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus), die mehr als zehn Tonnen wiegen konnten. Im vergangenen Jahr hatten Gaudzinski-Windheuser, Kindler und Roebroeks davon berichtet, dass Neandertaler dort eine Art „Fabrik“ betrieben, in der systematisch das Fett aus den Knochen von Großsäugern gewonnen wurde (siehe Pressemitteilung „Neandertaler betrieben bereits vor 125.000 Jahren ‚Fettfabriken‘“). „Sumpfschildkröten haben mit ihrem Gewicht von rund einem Kilogramm einen vergleichsweise geringen Nährwert“, sagt Gaudzinski-Windheuser. „Allerdings sind sie relativ leicht zu fangen und wurden deshalb vielleicht von Kindern gejagt. Ihre Panzer wurden dann vielleicht zu Werkzeugen, etwa Schöpflöffeln, verarbeitet.“ Möglich sei auch, dass sie wegen ihres Geschmacks oder wegen eines vermeintlichen medizinischen Nutzens gejagt worden seien. Das legten Erkenntnisse über spätere Naturvölker nahe. „Unsere aktuellen Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die ökologische Flexibilität und die komplexen Überlebensstrategien des Neandertalers, die weit über reine Kalorienmaximimierung hinausgingen“, sagt Gaudzinski-Windheuser.
Die nun in Scientific Reports veröffentlichte Studie ist die jüngste in einer Reihe laufender wissenschaftlicher Analysen von Fundmaterial aus dem ehemaligen Braunkohletagebau Neumark-Nord. Die Forschungsprojekte werden von einem gemeinsamen Team des Archäologischen Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS in Neuwied – einer Einrichtung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) – der JGU und der Universität Leiden durchgeführt. Ermöglicht werden sie durch die kontinuierliche Unterstützung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.
Originalpublikation:
S. Gaudzinski-Windheuser et al., Shell game: Neanderthal use of the European pond turtle (Emys orbicularis) in the Last Interglacial landscape of Neumark-Nord (Germany), Scientific Reports, 8. April 2026,
DOI: 10.1038/s41598-026-42113-x,
https://www.nature.com/articles/s41598-026-42113-x
08.04.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Mit Wölfen leben: Würzburger Studien zeigen Wege auf
Die Rückkehr der Wölfe sorgt für Konflikte. Zwei neue Dissertationen am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie / Empirische Kulturwissenschaft der Uni Würzburg zeigen, wie Menschen und Wölfe künftig koexistieren können.
Wölfe leben wieder in ganz Deutschland. Die meisten Territorien befinden sich in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. „Nach den aktuellen Monitoringdaten für 2024/25 leben in Deutschland circa 219 Rudel, 43 Wolfspaare und 14 Einzeltiere“, heißt es auf den Webseiten der Bundesregierung.
Doch die Rückkehr der Wölfe bringe Probleme mit sich, besonders für die Weidetierhaltung. Zudem habe das Konfliktpotenzial mit Teilen der Bevölkerung zugenommen.
Vor diesem Hintergrund entschied der Bundesrat Ende März 2026, den Europäischen Grauwolf (Canis lupus) ins Jagdrecht aufzunehmen. Damit erhalten Bundesländer, in denen es viele Wölfe gibt, die Möglichkeit, die Bestände über die Jagd einzuhegen.
Jagd ist nur eine Strategie der Koexistenz
„Den Wolf zu bejagen, ist aber nur eine von vielen Strategien, um das Zusammenleben mit den großen Beutegreifern zu gestalten“, sagt Professorin Michaele Fenske, Leiterin des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie und Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Würzburg.
Unter ihrer Leitung wurde am Würzburger Lehrstuhl über Wölfe geforscht – im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Die Rückkehr der Wölfe. Kulturanthropologische Studien zum Prozess des Wolfsmanagements in der Bundesrepublik Deutschland“. Dabei kooperierte Fenskes Team mit einem Schweizer Schwesterprojekt sowie mit Forschenden in Finnland, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Portugal und Russland.
Im Kontext der Würzburger kulturwissenschaftlichen Umweltforschung (Environmental Humanities) verortet, fragten die Promovendinnen Irina Arnold und Marlis Heyer danach, was die Rückkehr der Wölfe mit den Menschen macht. Ihre exemplarischen Untersuchungsgebiete waren das Bundesland Niedersachsen und die Lausitz.
Dissertationen plädieren für Wechsel der Perspektive
Die Dissertationen der zwei Forscherinnen wurden vor kurzem veröffentlicht. Sie plädieren für einen Perspektivwechsel, der neue Wege für das Zusammenleben mit Wölfen eröffnet.
* Irina Arnolds Buch „Wo Schafe arbeiten…und Wölfe leben“ setzt sich mit den Praktiken niedersächsischer Schäfereien im 21. Jahrhundert auseinander. Die Autorin rückt die komplexen Lernprozesse in den Fokus, die in Schäfereien durch die Rückkehr der Wölfe notwendig wurden. Nah am Alltag der Schäferinnen und Schäfer sowie ihrer Herden fängt sie die Herausforderungen ein und präsentiert Ansätze für ein konfliktärmeres, artenübergreifendes Zusammenleben.
* Marlis Heyer untersucht in ihrem Band „Wölfe erzählen“, wie die Rückkehr der Wölfe von Erzählungen begleitet und narrativ mitgestaltet wird. Heyer lotet Fragen nach dem Zusammenleben von Menschen und Wölfen aus und nimmt anhand unterschiedlicher Theorien auch die Möglichkeiten und Grenzen der Erzählforschung über Menschen hinaus in den Blick.
Beide Arbeiten verfolgen den Ansatz der Multispecies Studies: Wölfe, Schafe, Hunde, Pflanzen und Landschaften bereichern ihre Analysen um Perspektiven über die des Menschen hinaus. „Die dichten Beschreibungen laden auch zum Nachdenken über eine Ko-Existenz mit den Wölfen jenseits von Abschussgenehmigungen ein“, so Michaela Fenske.
Originalpublikation:
Beide Studien sind online kostenlos als pdf-Dateien verfügbar
Irina Arnold: „Wo Schafe arbeiten und Wölfe leben. Eine Multispezies-Ethnografie niedersächsischer Schäfereien“, Würzburg 2025
https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/frontdoor/index/index/docId/42186
Marlis Heyer: „Wölfe erzählen. Eine Ethnografie vielartiger Narrative der Lausitz“, Berlin 2026
https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/woelfe_erzaehlen
08.04.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Fünf gute Gründe, den Löwenzahn nicht auszustechen
Wer Vielfalt zulässt, tut Wildtieren etwas Gutes
Er taucht Wiesen in ein sattes Gelb und erobert als urbaner Überlebenskünstler selbst schmalste Asphaltfugen. Als Pusteblume kennt und liebt ihn jedes Kind. Doch der Gewöhnliche Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia) hat einen schlechten Ruf. „Leider wird Löwenzahn meist als Unkraut gesehen. Viele halten ihn für nutzlos – dabei gibt es viele gute Gründe, ihn stehenzulassen“, sagt Tom Bluth, Artenschützer bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Vor allem im April, wenn die Natur nach einem frostigen Winter langsam erwacht und das Nahrungsangebot noch spärlich ist, sind frühblühende Wildkräuter wie der Löwenzahn für einige Wildtiere überlebenswichtig. Hier sind fünf Gründe, warum das knallgelbe Wildgewächs in Gärten und auf öffentlichen Grünflächen willkommen sein sollte:
Rettung für Wildbienen: Für früh schlüpfende Wildbienenarten wie Sand- und Mauerbienen sowie Hummeln ist Löwenzahn oft die erste rettende Nektarquelle nach dem Winter. Als Korbblütler gehört er zudem zu den wichtigsten Pollenlieferanten des Frühjahrs. „Der proteinreiche Pollen ist essenziell für die gesunde Entwicklung der Wildbienen-Larven in den Brutkammern“, sagt Bluth. Eine Wildbienenart bevorzugt sogar Löwenzahnpollen für ihren Nachwuchs: die Löwenzahn-Dörnchensandbiene.
Tankstelle für Falter: Wenn Zitronenfalter, Tagpfauenauge, C-Falter und Kleiner Fuchs aus der Winterstarre erwachen, ist der Löwenzahn für sie eine wichtige Futterpflanze. Aurorafalter und Schwalbenschwanz schlüpfen im April aus ihren Puppen und finden dann in der Wildpflanze ebenfalls eine wichtige Nektarquelle. An den Blättern des Löwenzahns fressen die Raupen der Hausmutter und anderer Nachtfalterarten.
Energiespender für Vögel: Körnerfressende Gartenvögel wie Stieglitz, Gimpel und Spatz brauchen vor allem in der anstrengenden Brutzeit den fetthaltigen, Energie spendenden Samen des Löwenzahns. „Wer Löwenzahn im Garten stehen lässt, bietet Vögeln natürliche, gute Nahrung“, so Bluth.
Bestandteil der Hasenapotheke: Löwenzahnblätter enthalten viel Vitamin C. Damit sind sie wie Giersch, Huflattich, Sauerampfer und Schafgarbe ein wichtiger Bestandteil der sogenannten Hasenapotheke. Hasenartige wie der Feldhase, aber auch Wildkaninchen, brauchen frische Wildkräuter für eine gesunde Ernährung. Sie finden die anpassungsfähige Pflanze an Weg- und Ackerrändern.
Natürlicher Bodenbelüfter: Im Gegensatz zu flach wurzelnden Gräsern besitzt der Löwenzahn eine kräftige Pfahlwurzel. Sie dringt bis zu einem Meter tief in das Erdreich vor und bricht dabei verdichtete Erdschichten auf. Stirbt die Pflanze nach einigen Jahren ab, wirken die verbleibenden Kanäle als Belüftungsschächte. Dieser Sauerstoffeintrag ist nützlich für Lebewesen im Boden, etwa Regenwürmer oder Tausendfüßler.
„Wer Wildpflanzen und -tieren eine Chance geben möchte, lässt nicht nur den Löwenzahn stehen“, sagt Tom Bluth. „Taubnessel, wildes Veilchen, Gundermann, Huflattich und Schafgarbe fördern die Artenvielfalt – und verwandeln den Garten im Frühjahr in ein Farbenmeer.“
09.04.2026, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie
Ameisenlarven steuern elterliche Fürsorge per Duftsignal
Forschende des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie haben in den Larven klonaler Räuberameisen ein Brutpheromon entdeckt, das die Ablage weiterer Eier bei den erwachsenen Tieren vorübergehend unterdrückt. Larven sind demnach nicht nur passiv von der elterlichen Fürsorge abhängig, sondern spielen eine aktive Rolle bei der Gestaltung der Fortpflanzungsdynamik ihrer Kolonien.
Bei der klonalen Räuberameise (Ooceraea biroi) wechseln die Arbeiterinnen einer Kolonie in einem koordinierten Zyklus zwischen Larvenpflege und Eiablage. Forschende am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena haben nun herausgefunden, wie dieser Zyklus gesteuert wird. Die Larven senden ein spezifisches chemisches Signal aus, das die Fruchtbarkeit erwachsener Arbeiterinnen unterdrückt. Das Team identifizierte eine bisher unbekannte, ausschließlich von Larven produzierte flüchtige Verbindung: Methyl-3-ethyl-2-hydroxy-4-methylpentanoat (MEHMP). Wurden erwachsene Ameisen synthetischem MEHMP ausgesetzt, reduzierte dies die Eiablage drastisch, dieselbe Reaktion wie bei Anwesenheit der Larven. Das Forschungsteam konnte somit erstmals ein Brutpheromon bei Ameisen chemisch charakterisieren. Die Studie zeigt, dass Larven das Fortpflanzungsverhalten ihrer Eltern durch chemische Signale steuern können. Larven sind demnach nicht nur passiv von der elterlichen Fürsorge abhängig, sondern spielen eine aktive Rolle bei der Gestaltung der Fortpflanzungsdynamik ihrer Kolonien.
Die Lise-Meitner-Gruppe Sozialverhalten unter der Leitung von Yuko Ulrich forscht an einer besonderen Ameisenart, der klonalen Räuberameise Ooceraea biroi. Bei dieser Ameisenart gibt es keine Königin. Stattdessen können sich alle Arbeiterinnen asexuell ohne Paarung fortpflanzen, ein Prozess, der als Parthogenese bekannt ist. Bei den meisten sozialen Insekten hingegen legen die Königinnen die Eier, während sich die Arbeiterinnen um die Brut kümmern. Die Rollen sind klar verteilt und ein Wechsel zwischen Eiablage und Brutpflege findet nicht statt. Bei Ooceraea biroi hingegen sind alle Weibchen sowohl zur Fortpflanzung als auch zur Brutpflege fähig und die Kolonien wechseln zwischen diesen beiden Phasen. „Wir wollten wissen, welche Faktoren den Fortpflanzungszyklus, also den Wechsel zwischen den Phasen der Eiablage und der Pflege des Nachwuchses, in unserem Ameisensystem regulieren“, erklärt der Erstautor Baptiste Piqueret.
Chemische Signale statt Berührung
Frühere Arbeiten hatten gezeigt, dass die Anwesenheit von Larven für die Regulierung des Eiablageverhaltens erwachsener Ameisen entscheidend ist. Es war jedoch unklar, ob sich die Larven die elterliche Fürsorge durch physischen Kontakt, Verhalten oder chemische Signale sichern und das Legen weiterer Eier verhindern. „Da wir wissen, dass Ameisen einen sehr ausgeprägten Geruchssinn haben, vermuteten wir, dass die Larven einen ein chemisches Signal freisetzen, der die Eiablage hemmen könnte“, sagt Yuko Ulrich.
Diese Überlegungen motivierten das Forschungsteam, nach einem spezifischen chemischen Signal zu suchen, das von den Larven ausgesendet wird. Dazu sammelten die Forschenden flüchtige chemische Verbindungen, die in den verschiedenen Entwicklungsstadien der Ameisen – vom Ei über die Larve und die Puppe bis zur erwachsenen Ameise (Imago) – abgegeben wurden. Sie identifizierten eine Verbindung, die ausschließlich von den Larven abgegeben wurde: die flüchtige chemische Substanz Methyl-3-ethyl-2-hydroxy-4-methylpentanoat (MEHMP). „Die größte technische Herausforderung bestand darin, diese Verbindung in extrem geringen Mengen nachzuweisen und sie so zu synthetisieren, dass wir sie experimentell testen konnten, um schließlich ihre Rolle als Pheromon zu bestätigen“, sagt Yuko Ulrich.
Erstmalig beschriebenes Brutpheromon von Larven steuert Fruchtbarkeit der Eltern
Um den Einfluss körperlicher Berührungen auszuschließen, entwarfen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein experimentelles Setup, in dem die Ameisen die Larven zwar riechen, aber nicht berühren konnten. In Verhaltensexperimenten setzten sie die Ameisen außerdem synthetisiertem MEHMP aus und glichen die Ergebnisse dieser Experimente mit mehreren Kontrollexperimenten ab, um andere Ursachen für das beobachtete Verhalten auszuschließen. Diese Experimente zeigten eindeutig, dass das Duftsignal der Larven ausreichte, um das Legen weiterer Eier bei erwachsenen Ameisen zu unterdrücken – selbst wenn es sich um synthetisches MEHMP handelte und keine Larven in der Nähe waren.
„Ameisen durchlaufen verschiedene unreife Brutstadien, darunter Eier und Larven. Da sich ihre Physiologie stark unterscheidet, gingen wir zunächst davon aus, dass wir Dutzende Verbindungen in jedem Brutstadium finden würden und somit mehrere Kandidaten für die Hemmung der Fruchtbarkeit in erwachsenen Ameisen hätten. Bei unseren Untersuchungen haben wir jedoch nur einen einzigen Kandidaten entdeckt“, fasst Baptiste Piqueret das überraschende Ergebnis zusammen.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben auch eine Erklärung dafür, dass sich die Ameisenlarven eher auf einen chemischen Botenstoff, als auf Berührungssignale verlassen. Dies hängt wiederum mit der Lebensweise klonaler Räuberameisen zusammen. Deren Fortpflanzungsphasen wechseln zwar zwischen Brutpflege und Eiablage, dennoch gibt es eine Arbeitsteilung: Während sich einige Arbeiterinnen um die Larven kümmern, gehen andere auf die Jagd nach Futter. Dennoch ist der Fortpflanzungszyklus bei allen Arbeiterinnen in der Kolonie synchronisiert. Das Duftsignal erreicht also auch die Arbeiterinnen, die nicht mit den Larven in Berührung kommen.
Ein Paradigmenwechsel: Larven als aktive Mitglieder der Ameisengesellschaft
Mit MEHMP wurde erstmals ein Brutpheromon bei Ameisen beschrieben. Dies stellt die bisherigen Vorstellungen über die Rolle von Larven in einer Ameisengesellschaft infrage. „Larven und die Brut im Allgemeinen wurden häufig als passive Mitglieder der Ameisengesellschaft beschrieben. Dieses erste Ameisenbrutpheromon deutet jedoch darauf hin, dass Larven eine viel aktivere Rolle in dieser Gesellschaft spielen können als bisher angenommen“, sagt Baptiste Piqueret. In Kolonien klonaler Räuberameisen hilft MEHMP dabei, Brutpflege und Fortpflanzung zu synchronisieren. Da nur die Larven dieses Pheromon produzieren, wird die Fruchtbarkeit der erwachsenen Tiere nach der Verpuppung nicht mehr gehemmt. Die Ameisen pflanzen sich wieder fort, indem sie neue Eier legen. Sobald sich diese in Larven verwandelt haben, wird die Eiablage erneut gehemmt und die Ameisen widmen sich wieder der Brutpflege.
Für Yuko Ulrich und ihr Team ergeben sich aus der Studie neue Fragen. So wollen sie beispielsweise herausfinden, wie erwachsene Ameisen das neu entdeckte Pheromon wahrnehmen, wo der Duft im Gehirn der Ameisen kodiert wird und welche Auswirkungen die Duftwahrnehmung auf die hormonelle Steuerung der Fortpflanzung hat. Darüber hinaus möchten sie untersuchen, ob es in anderen Ameisenarten ähnliche Pheromone gibt, die ausschließlich bei Larven zu finden sind.
Originalpublikation:
Piqueret, B.; Weissflog, J.; Tretter, S.; Zetzsche, T.; Veit, D., Bartram, S.; Halitschke, R.; Ulrich, Y. (2026) Offspring chemical control of adult reproductive transitions in a social insect. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 123 (15) e2526776123
doi: 10.1073/pnas.2526776123 (2026)
https://doi.org/10.1073/pnas.2526776123
09.04.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Heimkehr in die Wildnis: 27 Pantherschildkröten in Südafrika ausgewildert
Genetische Datenbank verbessert Schutz und Auswilderung von Landschildkröten
Ein südafrikanisch-deutsches Forschungsteam unter der Leitung von Senckenberg-Forscherin Dr. Melita Vamberger und Dr. Adrian J. Armstrong (Ezemvelo KZN Wildlife) hat mithilfe einer genetischen Referenzdatenbank die Herkunft von beschlagnahmten und in Auffangstationen gehaltenen Pantherschildkröten ermittelt. Trotz ihres IUCN-Status als „nicht gefährdet“ sind die Landschildkröten erheblichen Bedrohungen wie illegalem Handel, Lebensraumverlust und menschlichen Eingriffen ausgesetzt. Die im Fachjournal „Conservation Genetics“ veröffentlichte Studie unterstreicht die zentrale Bedeutung genetischer Daten für verantwortungsvolle Auswilderungen: Bereits 27 von 50 genetisch untersuchten Tieren konnten nach einer kontrollierten Vorbereitung erfolgreich wieder in die südafrikanische Freiheit entlassen werden. Die Forschenden plädieren für eine engere internationale Zusammenarbeit, um Schutzmaßnahmen effektiver zu gestalten und den illegalen Handel einzudämmen.
Dreizehn verschiedene Landschildkrötenarten leben in Südafrika. Mit einem Panzer von über 50 Zentimetern Länge und einem Körpergewicht von mehr als 30 Kilogramm zählt die Pantherschildkröte (Stigmochelys pardalis) zu den größten Vertretern. Aufgrund ihrer weiten Verbreitung – Pantherschildkröten leben in weiten Teilen des südlichen und östlichen Afrikas von trockenen Halbwüsten und Savannen bis hin zu feuchteren Regionen – werden die Panzerträger aktuell von der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) als „nicht gefährdet“ eingestuft. „Allerdings sind die Schildkröten in Südafrika dennoch zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt“, erklärt Dr. Melita Vamberger von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden und fährt fort: „Zu den größten Gefahren zählen illegaler Handel und Besitz, die Nutzung als Nahrungsquelle und in der traditionellen Medizin, tödliche Unfälle an Elektrozäunen sowie der fortschreitende Verlust und die Zerstörung ihres Lebensraums durch Zersiedelung, Überweidung und Brandrodung.“
Die Dresdner Wissenschaftlerin hat gemeinsam mit einem südafrikanisch-deutschen Team eine genetische Referenzdatenbank für Pantherschildkröten erweitert und in der Praxis getestet. Untersucht wurden Tiere aus der Provinz KwaZulu-Natal in Südafrika sowie aus Eswatini. Zudem ergänzten die Forschenden die Datenbank um genetische Daten von 50 wildlebenden Schildkröten aus diesen Regionen. „Der illegale Handel mit Pantherschildkröten ist weit verbreitet. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden zunehmend Schildkröten in Auffangstationen und Zoos aufgenommen, wodurch sich dort große Bestände angesammelt haben. Oft ohne gesicherte Kenntnis ihrer ursprünglichen Herkunft“, erläutert Vamberger.
So nahm etwa die Auffangstation in KwaZulu-Natal zwischen 2016 und 2025 über 100 Pantherschildkröten auf und musste weitere Tiere aus Platzmangel abweisen, eine Einrichtung in Durban verzeichnete im gleichen Zeitraum sogar mehr als 300 Tiere.
„Der Umgang mit den Schildkröten ist umstritten, da es sich meist um illegal gesammelte, gehaltene, ausgesetzte oder entkommene Individuen handelt. Es bestehen eigentlich nur drei Optionen: lebenslange Haltung, Auswilderung oder Einschläferung“, ergänzt die Schildkrötenexpertin. „Da Pantherschildkröten sehr langlebig sind und hohe Ansprüche an Platz, Nahrung und medizinische Versorgung stellen, ist eine dauerhafte Haltung nur begrenzt realisierbar. Das Einschläfern gesunder Tiere wird glücklicherweise abgelehnt. So ist eine Auswilderung häufig die einzige sinnvolle Lösung.“
Frühere Auswilderungen erfolgten jedoch oft ohne klare Richtlinien und begleitende Nachkontrollen, wodurch Risiken wie Überpopulation, Abwanderung in ungeeignete Lebensräume, genetische Vermischung, Krankheitsübertragung und ungewisse Überlebenschancen unzureichend berücksichtigt wurden.
Für den Artenschutz sei es sehr wichtig, genau zu wissen, aus welcher Region ein Tier kommt – nur so könne man entscheiden, wie und wo es sinnvoll wieder ausgewildert werden kann, heißt es in der neuen Studie.
Das Ergebnis der genetischen Untersuchung war überraschend: Nur eine einzige Pantherschildkröte aus der Auffangstation in KwaZulu-Natal Tiere ließ sich genetisch auch dieser Region zuordnen. „Das zeigt, wie stark illegaler Handel, Umsiedlungen und private Haltung die natürlichen Verbreitungsmuster dieser Art durcheinanderbringen“, fügt Vamberger hinzu.
Die Tiere, deren regionale Herkunft sicher genetisch bestimmt werden konnten, wurden gezielt aufgepäppelt und schließlich an geeigneten Orten ausgewildert.
Bislang wurden 27 der 50 Pantherschildkröten wieder in die Natur entlassen. Die Tiere durchliefen zuvor eine etwa sechsmonatige „Soft-Release“-Phase: Dabei wurden sie zunächst in ausbruchsicheren Gehegen in ihrem späteren Lebensraum gehalten, um zu beobachten, wie gut sie sich an die Umgebung anpassen, bevor sie vollständig freigelassen wurden. „Je nach genetischer Herkunft brachte man die Schildkröten in unterschiedliche Regionen: Eine Gruppe wurde in einem privaten Schutzgebiet in der Ostkap-Provinz freigelassen. Andere kamen in Schutzgebiete in der Nordkap-, Freistaat- und Limpopo-Provinz“, so Vamberger.
Die Ergebnisse des Forschungsteams zeigen, dass sich mit Hilfe der erweiterten genetischen Datenbank zuverlässig bestimmen lässt, aus welcher Region einzelne Schildkröten stammen. „Das ist entscheidend, um sie an den richtigen Ort zurückzubringen und bestehende Populationen sinnvoll zu stärken. Unsere Studie macht außerdem deutlich, dass viele der Landschildkröten in Auffangstationen ursprünglich aus weit entfernten Regionen stammen. Das zeigt eindrücklich, wie stark illegaler Handel und Transport verbreitet sind. Um dem entgegenzuwirken, braucht es eine bessere Zusammenarbeit zwischen Naturschutzbehörden, Auffangstationen und Forschungseinrichtungen – idealerweise nicht nur innerhalb Südafrikas, sondern über Ländergrenzen hinweg“, resümiert Vamberger.
Originalpublikation:
Armstrong, A.J., Kropff, A.S., Kotze, A. et al. Back Home: first successful geographical assignment of rehabilitated leopard tortoises Stigmochelys pardalis using a conservation genetic database. Conserv Genet 27, 41 (2026). https://doi.org/10.1007/s10592-026-01773-y
10.04.2026, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
Unterwasserarchitekten: Wie gelingt Schneckenbuntbarschen das perfekte Nest?
• Nestbau bei Fischen: Schneckenbuntbarsche bauen aus leeren Schneckenhäusern Nester, um dort Schutz zu suchen und Nachwuchs großzuziehen
• Feste Verhaltensmuster: Mit einer typischen Abfolge verschiedener Verhaltensmotive verbuddeln sie das Schneckenhaus im Sand. Sie können jedoch flexibel auf Veränderungen (z.B. der Geometrie des Schneckenhauses) reagieren
• Angeborenes Verhalten: Auch Fische ohne vorherigen Kontakt mit Schneckenhäusern wissen, wie das Nest zu bauen ist. Beim ersten Mal brauchen sie zwar länger, werden durch Übung aber geschickter
• Kognitive Komponente: Beim Nestbau spielen neben angeborenen Verhaltensmustern auch die Fähigkeit zur Anpassung und zum Lernen eine Rolle
Mit einem Nest verbinden wir Schutz, Wärme und einen sicheren Rückzugsort – und denken meist an ein Vogelnest aus Zweigen, Gras und Federn. Doch die Vorteile eines solchen Rückzugsorts nutzen viele Tiere: Nester werden von Termiten bis hin zu Menschenaffen gebaut und beeindrucken durch die unterschiedlichsten Formen und die vielfältigsten Materialien, die zum Einsatz kommen.
Unter Wasser und „nur“ mit Flossen ausgestattet scheint der Nestbau bei Fischen auf den ersten Blick etwas schwierig. Doch auch hier gibt es erstaunliche Erfindungen: Höhlen im Sandboden, Schaumnester oder verlassene Schneckenhäuser, die zu Nestern umfunktioniert werden – so wie bei dem Schneckenbuntbarsch Lamprologus ocellatus.
Diese Fische kommen ausschließlich im Tanganjikasee in Afrika vor und nutzen leere Schneckenhäuser, um darin Schutz zu suchen und ihren Nachwuchs großzuziehen. Dazu wird das Schneckenhaus für die Art spezifische Weise in den Sand positioniert und bedeckt – erst dann ist es das perfekte Zuhause.
Und genau da ergeben sich aus biologischer Sicht interessante Fragen: Woher wissen die Schneckenbuntbarsche, wie das Nest auszusehen hat und wie sie ans Ziel kommen? Bekommen sie dieses Wissen vererbt oder müssen sie es erst erlernen? Ein Team aus Herwig Baiers Abteilung am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz hat nun genau diese Fragen in einer neuen Studie untersucht.
Zunächst zeigte das Team mit 3D-gedruckten Schneckenhäusern, dass der Nestbau aus einer klar definierten Abfolge von verschiedenen Verhaltensweisen besteht und etwa drei Stunden dauert: Nach dem ersten Kontakt mit dem Schneckenhaus graben die Fische mit dem Körper und dem Maul eine Grube. Dann greifen sie mit dem Maul das Schneckenhaus und manövrieren es im Uhrzeigersinn in diese Grube. Das wiederholen sie so oft, bis es mit der Spitze nach unten im Sand liegt und die Öffnung oben herausragt. Zuletzt wird mit schnellen Körperbewegungen Sand in die Richtung des Schneckenhauses geschleudert, um das Nest damit zu bedecken.
Um zu testen, ob dies ein angeborenes Verhaltensprogramm ist, zog das Team Fische in Aquarien ohne Schneckenhäuser auf. Wurden sie als ausgewachsene Fische dann mit Schneckenhäusern zusammengebracht, zeigten auch sie das typische Nestbauprogramm. Allerdings stellten sich die ungeübten Tiere etwas ungeschickt an und brauchten bis zum perfekten Nest im Durchschnitt etwa 12 Stunden.
Doch diese Unbeholfenheit war nicht von Dauer: Wurden die Tiere zu einem späteren Zeitpunkt erneut mit Schneckenhäusern zusammengebracht, waren sie deutlich schneller und geschickter (im Durchschnitt etwa viereinhalb Stunden bei ihrem dritten Nestbau).
Die einzelnen Schritte beim Nestbau sind demnach angeboren, zu richtigen Bau-Experten werden Schneckenbuntbarsche aber erst durch Übung. Das Erstaunliche: Erhielten die Tiere nach einem Jahr ohne Schneckenhaus wieder die Gelegenheit zum Nestbau, waren sie immer noch geübte Architekten und mussten nicht bei Null anfangen – sie konnten sich selbst nach dieser langen Zeit noch an das Erlernte erinnern.
Doch sind die Fische während des angeborenen Nestbau-Programms in der Lage, auf Veränderungen einzugehen oder läuft der Prozess nach einem starren Muster ab? Um das zu verstehen, statteten die Forscherinnen und Forscher die Aquarien mit 3D-gedruckten, linksdrehenden Schneckenhäusern aus. Diese kommen in der Natur nur äußert selten vor und sind genau spiegelverkehrt zu den Häusern, die die Tiere sonst gewöhnt sind. Interessanterweise hatten die Tiere nach kurzer Zeit sprichwörtlich den Dreh raus und passten ihr Verhalten an: Sie bewegten das Schneckenhaus nicht im, sondern gegen den Uhrzeigersinn in den Sand.
„Die längste Zeit wurde angenommen, dass der Nestbau aus rein angeboren Verhaltensmustern besteht. Untersuchungen bei Vögeln und unsere Studie zeigen aber, dass kognitive Fähigkeiten wie Lernen, Erinnern oder Anpassen eine wichtige Rolle spielen“, sagt Swantje Grätsch, Projektleiterin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz und Erstautorin der Studie. „Dementsprechend konnten wir zeigen, dass während des Nestbaus beim Schneckenbuntbarsch die Gehirnregionen aktiv sind, die genau für solche Fähigkeiten verantwortlich sind. Wir beginnen erst allmählich zu verstehen, wie komplex dieses zielgerichtete Verhalten und die zugrundeliegenden Vorgänge im Gehirn sind.“
Originalpublikation:
Cognitive ethology of nest building in a shell-dwelling cichlid
Swantje Grätsch, Alessandro Dorigo, Vaishnavi Agarwal, Ash V. Parker, Isabela Hernández Murcia, Manuel Stemmer, Abdelrahman Adel, Alex Jordan, Herwig Baier
Current Biology, online 10. April 2026

