Als Marissa mit sechs Jahren ihre Mutter verliert, beschließt ihr Vater, ein Meeresbiologe, die Forschungsarbeit seiner Frau fortzuführen. Vater und Tochter gehen nach Thailand. Dort trifft sie Arielle, und eine geradezu märchenhafte Freundschaft entsteht. Unter der Woche leben die Mädchen in dem Resort von Arielles Eltern; an den Wochenenden verbringen sie ihre Zeit mit Marissas Vater auf einer nahe gelegenen Insel. Gemeinsam entdecken die Mädchen die zerbrechlichen Wunder der Riffe, Wälder und Strände. Gemeinsam lernen sie, in die Tiefe zu tauchen und minutenlang den Atem anzuhalten. Sie bewegen sich ebenso mühelos im Wasser wie die Mantarochen, die sie mit Namen kennen. Gemeinsam lernen sie, aus Gefahren herauszuschwimmen. Doch dann kommt eine riesige Welle, der Arielle nicht entkommen kann.
Jahre später ist Marissa zurück in New York, orientierungslos und verfolgt von der Erinnerung an ihre Freundin, erneut bedroht durch eine Naturkatastrophe. Als im Laufe zweier schicksalhafter Tage die Vergangenheit zurückkehrt, entdeckt sie, wie sie sich in einer unsicheren Welt behaupten kann.
Tara Menons UNTER WASSER hat einen vielversprechenden Ansatz. Es geht um Verlust, Entfremdung und das Gefühl, nicht mehr richtig am Leben teilzunehmen. Doch was nach einem intensiven, psychologischen Kammerspiel klingt, verliert sich in der Umsetzung häufig in seiner eigenen Ästhetik.
Menon schreibt bewusst reduziert, mit einer teilweisen starken Bildsprache rund um das Motiv des Wassers, was teilweise philosophisch anmutet. Anfangs erzeugt das tatsächlich eine dichte, fast beklemmende Atmosphäre. Mit der Zeit wirkt diese stilistische Konsequenz jedoch zunehmend monoton. Die Metapher des „Unter-Wasser-Seins“ wird so oft variiert, dass sie an Kraft verliert und stellenweise beinahe bemüht erscheint.
Auch die Handlung bleibt auffallend dünn. Statt einer Entwicklung bekommt man vor allem Zustände präsentiert: Erinnerungsfragmente, innere Monologe, vage Andeutungen. Die Geschichte tritt über weite Strecken auf der Stelle, sodass sich das Lesen eher wie ein Kreisen als wie ein Fortschreiten anfühlt.
Die Protagonistin bleibt dabei überraschend schwer greifbar. Zwar ist man nah an ihren Gedanken, aber dieser Nähe steht eine erschreckende emotionaler Kälte gegenüber, die zu einer Distanz zwischen Leser und Protagonistin führen. Hinzu kommt, dass der Roman kaum Kontraste bietet. Nebenfiguren bleiben blass, Dialoge sind rar, und die Außenwelt wirkt wie eine unscharfe Kulisse. Menon erzählt eine erschreckende Geschichte, die emotional und intensiv mitreißend sein kann, bzw. könnte, denn selbst potenziell einschneidende Momente verpuffen, weil sie nicht ausreichend ausgearbeitet werden. Spannung sucht man vergeblich und manchmal hat man das Gefühl belehrt zu werden, wenn es gar nicht nötig wäre oder nicht zur Situation passt. Und so ist ein langatmiger, wenig zugänglicher Roman entstanden, der als Biografie einer realen Person vielleicht sogar noch reizvoll wäre, aber sich als fiktive Geschichte in Belanglosigkeiten ergibt. Und daran kann (in der Hörbuchfassung) Merle Wasmuth nichts ändern.
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(Rezensionsexemplar)

