Ich bin kein Präastronautiker (wie es z. B. Erich Däniken war), aber ich habe großen Spaß an der Serie ANCIENT ALIENS. Allerdings weiß ich auch, dass diese Serie durchaus mit Vorsicht zu genießen ist und man die dort enthaltenen Fakten mit Vorsicht zu genießen hat. Aber … aus Sicht eines SF/Fantasy-Fans mag das durchaus einen gewissen Unterhaltungswert haben. Und manchmal finde ich sogar Themen, mit denen ich meinen Blog füttern kann. Und nein, ich werde jetzt nicht fantastisch, ich bleibe auf dem Boden der Tatsachen.
Reden wir also über Hippocampus titicacanensis, dem Seepferdchen des Titicacasees.
Hippocampus titicacanensis
„Das Seepferd des Andenhochsees“
(zugeschrieben einem anonymen Reisenden der frühen Republikzeit)
„Unter den sonderbaren Geschöpfen des großen Hochsees von Titicaca befindet sich ein kleines Tier,
dessen Gestalt an das bekannte Seepferd der tropischen Meere erinnert,
obgleich es im Süßwasser lebt und von den Eingeborenen als heilig betrachtet wird.“
Beschreibung:
Länge: 3–4 Zoll
Körper: gegliedert, pferdeähnlicher Kopf, gebogener Schwanz
Farbe: aschgrau bis bläulich, im Wasser kaum sichtbar
Aufenthalt: dichte Wasserpflanzen nahe der Ufer
Fortbewegung: langsam schwebend, „wie von unsichtbarer Strömung getragen“
Der Autor vermutet eine Verwandtschaft mit dem marinen Hippocampus, erklärt jedoch das Süßwasserleben durch:
„eine lange Gewöhnung an die dünne Luft und das kalte Wasser der Anden,
wodurch sich das Tier vom Meeresgeschlechte gelöst habe.“
Tja … aber … alles Fake, denn natürlich darf folgender Hinweis nicht fehlen:
„Da kein Exemplar erhalten werden konnte, bleibt das Tier zweifelhaft,
doch stimmen mehrere Aussagen der Fischer überein.“
Aber woher kommt der Mythos des Titicacasee-Seepferdchens?
Es gibt keine authentischen modernen Fotos oder bestätigten Bilder von „Hippocampus titicacanensis“ – weil diese Art nie wissenschaftlich beschrieben oder nachgewiesen wurde. Der Name ist ein Nomen nudem (ein Name ohne gültige Veröffentlichung und Typusmaterial) und gilt als Fantasie-/Irrtumsbegriff in alten Berichten über Titicacasee-Seepferdchen-Gerüchte.
Es gibt Hinweise darauf, dass in älteren Sammlungen oder Reiseberichten gelegentlich von einem Seepferd-ähnlichen Exemplar aus dem Titicacasee die Rede war – teils sogar mit angeblichen Fotos oder Zeichnungen in frühen Werken (z. B. um 1911/1940 angeblich im Berliner Museum erwähnt), aber diese sind unbestätigt, unsachgemäß dokumentiert oder fehlinterpretiert.
Beweise, dass es Hippocampus titcanensis gibt fehlen also, aber … Seenadeln, nahe Verwandte der Seepferchen gibt es auch im Süßwasser und wer weiß, vielleicht gibt es ja tatsächlich irgendwo (nicht unbedingt im Titicacasee) eine ans Süßwasser angepasste Hypocampus-Art, die man nur noch nicht entdeckt hat. Denn es gibt noch so viel zu entdecken … die letzte neu beschriebene Seepferdchenart ist Hippocampus nalu, beschrieben 2020.
In historischen Berichten und Sammler-Anekdoten heißt es, dass ein angebliches Seepferdchen-Exemplar, das als Hippocampus titicacanensis bezeichnet wurde, in einem Museum ausgestellt gewesen sein soll.
Arthur Posnansky (* 12. April oder 13. April 1873 in Wien, Österreich-Ungarn; † 27. Juli 1946 in La Paz), ein Ingenieur und Amateurforscher, soll von Einheimischen ein kleines Seepferd-ähnliches Tier aus dem Titicacasee gezeigt bekommen haben.
In alten Notizen wird erwähnt, dass ein solches Exemplar in der Zoologischen Sammlung des Museums für Naturkunde in Berlin gelagert worden sei unter „Posnansky Collection, Series III, No. 1“.
Laut einem Bericht wurde in der Nähe des Sees im Museo Tiwanaku (Bolivien) ein Exemplar gezeigt, beschriftet als Hippocampus titicacanesis.
Dieser Fund wurde von Sammlern und Beobachtern als „Beweis“ interpretiert, dass dort einmal ein angeblicher Süßwasser-Seepferdchen-Fund existierte.
ABER … die angeblichen Museumsexemplare sind nicht eindeutig dokumentiert und es gibt keine gesicherten Katalogbelege.
Es könnte sich um getrocknete Meeresseepferdchen oder Fehletikettierungen handeln, nicht um echte Süßwasser-Funde aus dem See.
Posnansky selbst gilt nicht ganz als unumstritten, da viele seiner Daten fehlerhaft und unvollständig sind.
Posnansky ist bekannt für seine Behauptung, dass das kolumbianische Tiwanaku die „Wiege des amerikanischen Menschen“ sei und die Monumente von Tiwanaku vor mehr als 10.000 Jahren errichtet worden seien. Die Behauptungen von Arthur Posnansky werden allerdings als „pseudowissenschaftliche Exzesse“ bewertet. Trotz seiner fantasiereichen Interpretationen sind seine beschreibenden Informationen über Tiwanaku – wie Karten, Zeichnungen und Fotos – von unschätzbarem Wert.
Zurück zum Süßwasser-Seepferdchen des Titicacasees und Ancient Aliens.
Dort sind die Seepferdchen des Titicacasees nur eine Randbemerkung. Ein Satz mehr nicht, und vermutlich unbedeutend für die meisten, aber mein Interesse wurde geweckt, denn … bisher waren mir nur Süßwasser-Seenadeln bekannt, keine Seepferchen. Das hat sich allerdings nicht verändert, denn Mythen über Seepferdchen in Flüssen und Seen gibt es zahlreiche, die bisher aber nicht bewiesen werden konnten. Verwechslungen mit Seenadeln würde ich nicht ausschließen, da diese in Flüssen und Seen durchaus vorkommen. Zum Beispiel leben Microphis-Arten vor allem in Süßgewässern, in küstennahen Strömen, Flüssen und Seen oder im Brackwasser mit geringer Salinität. Aber … es sind Seenadeln, Verwandte des Seepferdchens, aber eben keine Seepferchen.
Und das sagt Ancient Aliens zu den Süßwasser-Seepferdchen:
Verifiziert: wo genau fällt der Satz mit den Seepferdchen?
In Staffel 2 der Serie, Folge 3: „Underwater Worlds“ (2010) und dem Spin-Off Ancient Aliens: Origins Staffel 1, Episode 10 „Submerged Evidence“ wird die Behauptung wiederholt.
„There is a type of seahorse that lives in Lake Titicaca…“ – inklusive der Bemerkung, dass Seepferdchen aus Salz-/Meerwasser stammen, aber dort auf ~13.000 ft leben würden.
Die Aussage fällt während eines Segments über den Titicacasee im Zusammenhang mit angeblich versunkenen Strukturen und Hinweisen auf eine „ungewöhnliche Vergangenheit“. Aber es wird keine Art genannt, kein Bild gezeigt, keine Quelle angegeben (okay, auf diesem Punkt muss und darf ich wohl nicht so sehr herumreiten … was Quellen anbelangt so bin ich da auch eher inkonsequent, man darf also gerne alle meine Behauptungen selber nachprüfen), kein Museum oder Forscher zitiert.
Die Aussage steht isoliert im Raum und wird nicht weiter überprüft.
Und wenn man sich selbst mal in den weiten des WWWs herumschaut: Es gibt keine Süßwasser-Seepferdchen. (Zumindest hat man noch keine entdeckt und Beweise dafür)




