Der letzte wilde Karolinasittich starb nach 1927 in Florida, der vermutlich letzte in Gefangenschaft lebende mit dem Namen Incas starb am 21. Februar 1918 im Zoo von Cincinnati, kurze Zeit nach dem Tod seiner Partnerin, mit der er 30 Jahre zusammenlebte.
Über seine Parasiten ist erstaunlich wenig bekannt, da kaum lebende Tiere parasitologisch untersucht wurden. Erst durch Untersuchungen an Museumsexemplaren konnten einige spezialisierte Ektoparasiten nachgewiesen werden. Und wie der Karolinasittich sind sie (vermutlich) ausgestorben.
Der Karolinasittich ist dennoch eines der besten Beispiele für Koaussterben von Parasiten. Nach heutigem Kenntnisstand gingen mit seinem Verschwinden mindestens sechs Federmilbenarten und eine Federkielmilbenart verloren – also mindestens sieben hochspezialisierte Parasitenarten. Weitere, noch unentdeckte wirtsspezifische Läuse oder Milben könnten ebenfalls zusammen mit dem Karolinasittich ausgestorben sein.
Gerade bei ausgestorbenen Vögeln zeigt sich zunehmend, dass mit jeder verschwundenen Wirtsart oft ein ganzer Verbund hochspezialisierter Parasiten verschwindet – ein Aspekt des Artensterbens, der lange Zeit kaum beachtet wurde.
Untersuchungen an Parasiten, die mit ausgestorbenen Vogelarten assoziiert waren, bieten einzigartige Einblicke in die Ökologie und Evolution sowohl der Wirte als auch ihrer Parasiten.
2005 wurden an Museumsexemplaren gleich sechs zuvor unbekannte Federmilbenarten beschrieben. Alle gelten als hochgradig wirtsspezifisch und dürften zusammen mit ihrem Wirt ausgestorben sein.
Als Federmilben bezeichnet man auf oder in den Federn von Vögeln parasitierende Milben. Sie kommen weltweit vor und nach neueren epizootiologischen Untersuchungen sind alle rezenten Vögel mit Ausnahme der Pinguine betroffen. Bei etwa jedem zweiten Tier lassen sich diese Milben nachweisen, häufig jedoch ohne Krankheitssymptome.
Die verschiedenen Gruppen der Federmilben sind zum Teil nicht eng miteinander verwandt und stehen in verschiedenen Ordnungen der Milben.
Auf Karolinasittichen wurden bisher folgende Arten identifiziert:
Genoprotolichus simplex
Lopharalichus beckeri
Neorhytidelasma conuropsis
Chiasmalges carolinensis
Fainalges gracilitarsus
Protonyssus proctorae
Sie wurden in einem jungen Karolinasittich im Übersee-Museum Bremen entdeckt.
In einer 2023 erschienenen Revision der Gattung Lopharalichus wurden zusätzliche historische Exemplare von L. beckeri berücksichtigt.
Die Forscher untersuchten Fotografien eines Männchens und eines Weibchens aus einem Karolinasittich-Präparat mit der Herkunftsangabe Tampa, Florida unbekannten Funddatums.
Für keine der sechs Arten ist eine lebende Population nachgewiesen. Allerdings sollte man zwischen nicht mehr nachgewiesen und nachweislich ausgestorben unterscheiden. Der Karolinasittich war für alle sechs der einzige bisher dokumentierte Wirt. Da er ausgestorben ist, gelten auch seine spezialisierten Federmilben als vermutlich ausgestorben. Ihre vollständige Wirtsspezifität ist aber nicht für jede Art abschließend geklärt, sofern nicht andere Exemplare (auf anderen Vögeln) gefunden werden.
Mironov, S. V., Dabert, J., & Ehrnsberger, R. (2005). Six new feather mite species (Acari: Astigmata) from the carolina parakeet Conuropsis carolinensis (Psittaciformes: Psittacidae), an extinct parrot of North America. Journal of Natural History, 39(24), 2257–2278. https://doi.org/10.1080/00222930400014155
Hernandes, F.A. A Review of the Feather Mite Genus Lopharalichus Gaud & Atyeo, 1996 (Acariformes: Pterolichidae), with Descriptions of Three New Species from Brazilian Parrots (Psittaciformes: Psittacidae). Animals 2023, 13, 2360. https://doi.org/10.3390/ani13142360
Interessant ist, dass die Forscher durch die Untersuchung eines einzigen historischen Vogelbalgs sechs bis dahin unbekannte Arten nachweisen konnten. Es ist durchaus denkbar, dass weitere Karolinasittich-Präparate in Museen noch unentdeckte Milben, Federlinge oder andere Ektoparasiten beherbergen. Die historische Parasitenfauna des Karolinasittichs dürfte daher noch nicht vollständig erfasst sein.
Zumal 2024 eine weitere Milbe des Karolinasittichs beschrieben wurde:
Skoracki M, Unsöld M, Patan M, Sikora B. Lost companions: a new quill mite species and its possible coextinction with the Carolina parakeet. Parasitology. 2024 Apr;151(5):463-467. doi: 10.1017/S0031182023001373. Epub 2023 Dec 27. PMID: 38148679; PMCID: PMC11106503.
Peristerophila conuropsis lebte im Inneren der Federkiele und ist wahrscheinlich ebenfalls ausgestorben.
Die Entdeckung gelang bei der Untersuchung eines historischen Karolinasittich-Balgs aus der Zoologischen Staatssammlung München. Der ursprüngliche Fundort des Vogels ist lediglich mit Nordamerika angegeben. Sammelort und -datum sind nicht bekannt.
In einem Federkiel einer kleinen Flügeldeckfeder fanden die Wissenschaftler insgesamt 19 Milben unterschiedlicher Entwicklungsstadien.
Das zeigt, dass die Milben den Federkiel nicht nur vorübergehend besiedelten, sondern dort wahrscheinlich ihren gesamten Entwicklungszyklus durchliefen.
Die Entdeckungen dieser Arten ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass selbst mehr als ein Jahrhundert nach dem Aussterben eines Vogels noch unbekannte, möglicherweise ebenfalls ausgestorbene Tierarten in Museumssammlungen entdeckt werden können.
Ein vielleicht nicht für jeden spannendes Thema, das es wert ist im Auge behalten zu werden. Wer weiß, welche Parasiten noch mit ihren Wirten ausgestorben sind.
Beispiele findet man u. a. hier, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass man noch einige mehr finden wird.


