20.10.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Strategien für invasive Art: Kontrazeption könnte Waschbär-Populationen gezielt begrenzen
Der Waschbär ist in Deutschland längst etabliert und gilt vielerorts als problematisch. Auf EU-Ebene ist er als invasive Art gelistet, weshalb wirksame Management-Maßnahmen zum Schutz der lokalen Biodiversität ergriffen werden müssen. Forschende des Leibniz-IZW und der Universität Potsdam zeigen mit einer neuen Studie auf, wie ein stärker auf einzelne Tiere und deren Lebensräume zugeschnittenes Management aussehen könnte. Eine besondere Bedeutung spielt dabei die Kontrolle der Fortpflanzung: In Gebieten mit dauerhaft hohen Waschbärdichten könnte eine Unfruchtbarmachung einzelner Individuen langfristig dazu beitragen, das Populationswachstum zu begrenzen – ohne die Tiere zu töten.
Kaum ein Wildtier sorgt in Deutschland für so gegensätzliche Reaktionen wie der Waschbär (Procyon lotor). Für die einen ist er ein putziger, hochintelligenter Kulturfolger, für andere ein gefährlicher Eindringling mit negativen Auswirkungen auf heimische Amphibien- und Vogelarten. Als ursprünglich aus Nordamerika stammendes Wildtier steht er auf der EU-Liste der invasiven Arten gemäß der EU-Verordnung Nr 1143/2014 über invasive gebietsfremde Arten. Da er in Deutschland bereits weit verbreitet ist, steht nicht eine europaweit verbindlich festgelegte Reduktionsquote oder eine generelle Ausrottungspflicht im Vordergrund wirksamer Managementmaßnahmen, sondern die Begrenzung seiner negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Dazu zählen unter anderem Bestandskontrolle, rechtlich zulässige Entnahme, gezielter Schutz gefährdeter heimischer Arten und Maßnahmen zur Verringerung anthropogener Nahrungsquellen. Die konkrete Umsetzung obliegt in Deutschland den Bundesländern.
Der Waschbär ist als Raubsäuger ein Allesfresser und äußerst anpassungsfähig. Klassische Bejagung allein reduziert stabile Populationen vielerorts nicht nachhaltig, da unter anderem die hohe Fortpflanzungsrate des Waschbären eine schnelle Wiederbesiedlung der durch Bejagung frei gewordenen Lebensräume ermöglicht. Forschende schlagen daher eine andere Möglichkeit für ein gezieltes Populationsmanagement vor: Unfruchtbarmachung (Kontrazeption) durch Arzneimittel – die allerdings nicht flächendeckend, sondern lokal und auf die jeweilige Waschbärpopulation zugeschnitten verabreicht werden sollen.
Nicht jeder Waschbär ist ein gleich großes Problem
Grundlage für mögliche Managementstrategien ist eine GPS-Tracking-Studie aus der Uckermark. 20 Waschbären wurden dort mit GPS-Halsbändern ausgestattet und über mehrere Monate beobachtet. Dabei zeigte sich, dass sich die Tiere in ihrer Raumnutzung deutlich unterschieden: Rund 80 Prozent nutzten vor allem größere Gewässer und bewegten sich in relativ stabilen Streif- und Jagdgebieten. Etwa 20 Prozent der Tiere zeigten dagegen eine besonders hohe Mobilität und suchten gezielt verschiedene Kleingewässer auf. Solche Gewässer gelten in strukturarmen Agrarlandschaften als wichtige Biodiversitätshotspots: Wo geeignete Lebensräume selten sind, konzentrieren sich hier zahlreiche Arten auf wenige verbliebene Rückzugsorte. Für den Waschbären kann dies einem reichgedeckten Buffet gleichkommen – auf kleinem Raum trifft er auf ein vielfältiges Nahrungsangebot und muss vergleichsweise wenig Aufwand für die Nahrungssuche betreiben. Als opportunistischer Allesfresser kann er dabei unterschiedlichste Beute nutzen und dank seiner hohen Mobilität sowohl am Boden, in Bäumen als auch an Ufern und im flachen Wasser jagen. Damit können gerade die für viele bedrohte Arten besonders wichtigen Kleingewässer zu Hotspots der Prädation werden. Die Beutetiere sind dort räumlich konzentriert und können dem Waschbären kaum ausweichen, während dieser die verschiedenen Nahrungsquellen flexibel nutzen kann. Die ausgeprägte Nutzung der Kleingewässer könnte darauf hindeuten, dass die besonders mobilen Waschbären einen überproportionalen negativen Einfluss auf empfindliche Amphibien-, Vogel- und Kleinsäugerpopulationen ausüben.
Der Waschbär erreicht in urbanen Gebieten in Deutschland, beispielsweise in Kassel, mitunter Dichten von etwa 100 Tieren pro km² – ein Wert, der unter vergleichbaren Raubsäugern einzigartig ist. Die urbanen Lebensräume bieten ihm nicht nur ein reiches Angebot an Nahrungsquellen wie Müll, Kompost und Gartenfrüchte, sondern auch vielfältige Unterschlupfmöglichkeiten auf Dachböden, in Schuppen oder unter Carports. Waschbären gelten als äußerst erfolgreiche Kulturfolger und kommen in urbanen Gebieten in sehr viel höheren Populationsdichten vor als in ländlichen Gebieten. Die Forschenden gehen davon aus, dass sich die Tiere auch in urbanen, ressourcenreichen Räumen in ihrer Mobilität unterscheiden. „Wenn wir den Einfluss des Waschbären auf heimische Wildtiere – insbesondere auf bereits bedrohte Arten – reduzieren wollen, sollten wir nicht nur fragen, wie viele Waschbären es in einem Gebiet gibt, sondern auch, wo und wie sie jagen und was sie fressen“, sagt Dr. Carolin Scholz vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW). „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, Managementmaßnahmen stärker auf die individuelle Population und die jeweiligen Lebensräume zuzuschneiden.“
Das bedeutet: Wo einzelne, besonders mobile Waschbären nachweislich einen hohen Druck auf die lokale Vogel- und Amphibienpopulation ausüben, könnte eine gezielte Entnahme sinnvoller sein als eine flächendeckende Bejagung. In Gebieten mit dauerhaft hohen Dichten – etwa in Städten oder an besonders ressourcenreichen Gewässern – könnten dagegen Kontrazeptionsstrategien gefragt sein.
Fortpflanzung kontrollieren statt Tiere entnehmen
Grundsätzlich stehen verschiedene Verhütungsverfahren zur Verfügung: von Kastration und Sterilisation bis hin zu hormonellen oder immunologischen Methoden. Diese können neben der Fallenjagd der weiteren Populationszunahme entgegenwirken. Einige Präparate werden bereits bei anderen Tierarten eingesetzt und getestet. Für den Waschbären ist jedoch bislang nur sehr wenig über ihre konkrete Eignung bekannt.
„Kontrazeption könnte für Waschbären langfristig eine wichtige Methode sein, die Fortpflanzung gezielt zu begrenzen.“, sagt Dr. Myriam Schröder, Tierärztin am Leibniz-IZW. „Auch bei invasiven Arten müssen Wirksamkeit, Dauer der Behandlung und mögliche Nebenwirkungen sehr sorgfältig untersucht werden. Tierschutz und wissenschaftliche Evidenz müssen dabei die Grundlage jeder Anwendung sein.“
Ein möglicher zusätzlicher Vorteil der Fortpflanzungskontrolle besteht darin, dass sie neben der Begrenzung des Nachwuchses auch den Energiebedarf reproduzierender Weibchen beeinflussen könnte. Während der Trächtigkeit und insbesondere während der Säugephase steigt der Energiebedarf weiblicher Waschbären, da sie ausreichend Nahrung aufnehmen müssen, um die Milchproduktion und die Entwicklung ihrer Jungtiere sicherzustellen. Wird die Fortpflanzung verhindert, entfällt dieser reproduktionsbedingte Mehrbedarf. Dies könnte dazu führen, dass die betroffenen Weibchen weniger Nahrung benötigen. Auf diese Weise könnte die Fortpflanzungskontrolle neben der Reduktion des Nachwuchses indirekt dazu beitragen, den Prädationsdruck auf bedrohte Tierarten zu verringern.
Kontrazeption durch Medikamente und KI-unterstützte Fallen
Eine Herausforderung besteht darin, die Tiere gezielt zu erreichen. Eine flächendeckende Verabreichung von Kontrazeptiva wäre kaum mit einem selektiven Wildtiermanagement vereinbar, da auch andere Tiere den Wirkstoff aufnehmen könnten. Die Forschenden skizzieren deshalb eine technologische Perspektive: Automatisierte Fallen könnten künftig mithilfe von Kameras und künstlicher Intelligenz einzelne Waschbären anhand ihrer individuellen Merkmale erkennen und gezielt Medikamente ausgeben.
Für eine erfolgreiche Umsetzung möglicher Kontrazeptionsmaßnahmen seien klare Zuständigkeiten und eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Naturschutz, Jagd und Politik entscheidend, betonen die Forschenden. Eine wissenschaftliche Begleitung – etwa durch Monitoring, GPS-Tracking und Kamerafallen – könne die Grundlage schaffen, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu überprüfen, sie bei Bedarf anzupassen und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung zu stärken. Langfristig brauche es zudem geeignete Finanzierungsmodelle, die kontinuierliche Management-Maßnahmen und deren Evaluation ermöglichen. Ziel solle ein ökologisch fundiertes und tierschutzkonformes Waschbär-Management sein, das zum Schutz der Biodiversität sowohl in ländlichen wie auch urbanen Landschaften beiträgt.
Originalpublikation:
Scholz C, Schröder M, Jeltsch F, Roeleke M (2026): Intelligenter Umgang mit dem Waschbär – Individuenbasiertes Management invasiver Arten. Naturschutz und Landschaftsplanung 58 (10), 28–33. DOI: 10.1399/NuL.279322.
21.10.2026, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
Natürlicher Schutz vor Meeresspiegelanstieg: die Rolle von Seevögeln, Korallenriffen und Wäldern für Atollinseln
Der Schutz von Seevögeln und die Wiederherstellung der natürlichen Vegetation könnten tropischen Atollinseln helfen, sich an den steigenden Meeresspiegel anzupassen. Das zeigt die neue Studie eines internationalen Forschungsteams unter Leitung der Lancaster University und mit Beteiligung des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen. Die im Fachmagazin Science Advances veröffentlichte Studie untersucht, wie von Seevögeln eingetragene Nährstoffe tropische Atollinseln und ihre umliegenden Korallenriffe beeinflussen und welche Bedeutung dies für ihre Anpassung an den Meeresspiegelanstieg hat.
Mit der fortschreitenden globalen Erwärmung steigt auch der Meeresspiegel. Für flache Riffinseln im Indischen und Pazifischen Ozean wächst damit die Gefahr von Überschwemmungen. Rattenbekämpfung zum Schutz von Seevögeln und die Wiederherstellung der dort heimischen Vegetation könnten dazu beitragen, das natürliche Wachstum dieser Inseln zu fördern.
„Der Ersatz alter Kokospalmen-Plantagen durch natürliche Vegetation und die Wiederherstellung der Seevogelpopulationen durch die Ausrottung invasiver Ratten könnten entscheidend für das Überleben dieser kleinen, flachen Inseln sein“, erklärt Erstautor Professor Nick Graham von der Universität Lancaster. „Schon von Natur aus sind Atollinseln keine statischen Gebilde, sondern dynamische Systeme, die sich verändern und an ihre Umweltbedingungen anpassen können, wenn man ihnen dies ermöglicht.“
Die Untersuchungen zeigten, wie gesunde, vor invasiven Arten wie Ratten geschützte Seevogelpopulationen in Verbindung mit intakten natürlichen Wäldern dazu beitragen könnten, dass Atolle mit dem bei einer globalen Erwärmung um 2 °C bis zum Ende des Jahrhunderts prognostizierten Meeresspiegelanstieg Schritt halten könnten, so Graham weiter.
+++ Drei natürliche Schutzmechanismen für Atollinseln +++
Die Forschenden kombinierten ökologische Datensätze für 28 Atollinseln im Indischen Ozean und im Pazifik, darunter die Seychellen und der Chagos-Archipel im Indischen Ozean sowie das Tetiaroa-Atoll in Französisch-Polynesien im Pazifik.
Anhand von Seevogel-Bestandszählungen errechneten sie die Menge an Nährstoffen, die Seevögel bei ihrer Nahrungssuche im offenen Ozean aufnehmen und über ihren Kot auf die Inseln bringen. Zudem untersuchten sie, wie sich diese Nährstoffeinträge auf die Inseln und die umliegenden marinen Ökosysteme auswirken.
Sie stellten fest, dass das Vorkommen von Seevögeln und heimischer Vegetation einen positiven Einfluss auf drei zentrale Prozesse hat, die Riffinseln widerstandsfähiger gegenüber dem Meeresspiegelanstieg machen können:
• das Wachstum von Korallenriffen
• die Sedimentbildung
• die Bodenstabilisierung
+++ ZMT erforschte den Beitrag von Korallen und anderen Rifforganismen zum Erhalt tropischer Atollinseln +++
An der Studie war auch Dr. Marleen Stuhr vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) beteiligt. Gemeinsam mit Forschenden der Universität Exeter untersuchte sie im Chagos-Archipel im zentralen Indischen Ozean, wie Korallen und andere Rifforganismen zur Kalk- und Sedimentproduktion beitragen.
Dazu erfasste das Team die Kalkbildung von Korallen und die Sedimentproduktion durch Papageifische, Seeigel und andere Organismen. Ergänzend untersuchten die Forschenden den Stoffwechsel lebender Korallen und konnten so zeigen, wie der Nährstoffeintrag durch Seevögel mit der Produktivität und Kalkbildung der Korallenriffe zusammenhängt.
Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Seevögel eine entscheidende Rolle beim Nährstofftransport vom offenen Ozean zu den Inseln spielen. Sie nehmen die Nährstoffe bei der Nahrungssuche im Meer auf und bringen sie zu den Inseln, auf denen sie rasten und brüten.
Marleen Stuhr dazu: „Seevögel verbinden den offenen Ozean mit den Inseln und ihren Korallenriffen. Sie transportieren Nährstoffe aus dem Meer an Land, die von dort wieder in die umliegenden Riffe gelangen und deren Produktivität fördern. Unsere Untersuchungen zeigen, wie diese Nährstoffeinträge die Kalkproduktion und das Wachstum der Korallenriffe beeinflussen können. Gleichzeitig entstehen in den Riffen Sedimente, die zum Erhalt der Inseln beitragen. Die neue Studie verdeutlicht, wie eng diese Prozesse miteinander verknüpft sind und welche Bedeutung der Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Seevogelpopulationen für die Widerstandsfähigkeit tropischer Atolle gegenüber dem Meeresspiegelanstieg haben können.“
+++ Seevogelpopulationen und natürliche Vegetation unter Druck +++
Viele tropische Inseln haben jedoch inzwischen ihre Seevogelpopulationen verloren – bedingt durch eine Kombination aus dem Verlust von Brut- und Rastplätzen und der Bedrohung durch invasive Ratten, die in vergangenen Jahrhunderten als blinde Passagiere auf Schiffen ankamen und die Vogelpopulationen dezimierten.
Auf vielen Atollen wurde zudem die heimische Vegetation abgeholzt und das Land für Bebauung oder den Anbau von Nutzpflanzen umgewandelt; Schätzungen zufolge nehmen Kokospalmen-Plantagen mittlerweile rund 60 % der Wälder auf pazifischen Atollen ein.
+++ Korallenriffe wachsen schneller rund um seevogelreiche Inseln +++
Die Forschenden fanden heraus, dass Korallen auf Riffen rund um Inseln mit gesunden Seevogelpopulationen deutlich schneller wachsen als auf Inseln ohne Seevögel. Korallen lagerten zudem schneller Kalk ein und trugen so stärker zum Aufbau des harten Riffgerüsts bei. Riffwachstum ist entscheidend für die Verringerung der wellenbedingten Erosion der Inselküsten.
Für die Inseln berechneten die Wissenschaftler:innen anhand dieser Daten das Potenzial der Korallenriffe, durch Kalkablagerungen an Höhe zu gewinnen (Riffakkretion)“. So zeigten sie auf, wie Naturschutzmaßnahmen etwa zur Bekämpfung von Ratten das gesamte Netto-Wachstum der Riffe beeinflussen könnten.
Die Forschenden stellten fest, dass die Raten des Riffaufbaus in Lagunen und an der offenen See rund um rattenfreie Inseln mit großen Seevogelpopulationen 1,8- bzw. 2,5-mal höher waren als bei Riffen rund um von Ratten befallene Inseln.
Die Aufbauraten der Lagunenriffe könnten damit ausreichen, um bei einer globalen Erwärmung um 2 °C mit dem bis zum Ende des Jahrhunderts prognostizierten Meeresspiegelanstieg weitgehend Schritt zu halten.
Ein solches Riffwachstum würde zugleich helfen, die Wellenenergie und damit die Erosion der Inselküsten zu verringern. Ohne Seevogelpopulationen wäre das Riffwachstum dagegen voraussichtlich zu gering, um mit dem Meeresspiegelanstieg mitzuhalten.
+++ Mehr Sediment für den Erhalt der Inseln +++
Neben dem Riffwachstum profitiert auch die Sedimentproduktion von den Nährstoffeinträgen der Seevögel. Das entstehende Material kann zum Aufbau und Erhalt der Inseln beitragen. Bei Inseln mit Seevögeln war das Potenzial zur Sedimentproduktion aufgrund einer größeren Biomasse an Papageifischen und anderen sedimentproduzierenden Organismen deutlich höher.
Die Sedimentproduktionsraten lagen an Lagunenriffen und zum offenen Meer hin gelegenen Riffen rund um diese Inseln schätzungsweise 2,3- bis 2,8-mal höher. Für eine etwa 14 Hektar große Insel entspricht dies jährlich rund 170 Kubikmetern zusätzlichen Sediments, das zum Erhalt und Wachstum der Insel beitragen kann.
+++ Heimische Vegetation schützt vor Erosion +++
Auch die heimische Vegetation auf den Riffinseln trägt zur Widerstandsfähigkeit bei. Ihre dichten Wurzelsysteme stabilisieren Böden und Sedimente und schützen sie vor Erosion – deutlich effektiver als die auf vielen Atollen angepflanzten Kokospalmen.
In Gebieten mit hohem Anteil einheimischer Pflanzen war die ermittelte Feinwurzellänge 4,6-mal höher als in Gebieten mit wenig heimischer Vegetation. Das Vorkommen von Seevögeln fördert zusätzlich das Wurzelwachstum.
„Unsere Ergebnisse liefern neue Belege dafür, dass die Renaturierung von Inseln nicht nur der Artenvielfalt zugutekommt, sondern auch ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Meeresspiegelanstieg stärken kann“, erklärt Mitautorin Dr. Jennifer Appoo von der Universität der Seychellen. Dies sei insbesondere dort von Bedeutung, wo kostspielige technische Schutzmaßnahmen nicht durchführbar oder ungeeignet sind, etwa auf unbewohnten oder dünn besiedelten Atollen.
Originalpublikation:
Nicholas A. J. Graham et al., Seabirds and native vegetation drive ecosystem processes that support atoll island resilience. Sci. Adv.12, eaei1145 (2026). DOI: 10.1126/sciadv.aei1145. Link: https://www.doi.org/10.1126/sciadv.aei1145
21.10.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Klimawandel verändert Verfügbarkeit von Beutetieren – Serengeti-Hyänen passen sich erfolgreich an
Der Klimawandel verändert Lebensräume und hat damit direkten Einfluss auf die Wanderbewegungen vieler Tierarten. Wenn wandernde Pflanzenfresser weniger Zeit in den Revieren potenzieller Raubtiere verbringen oder sie seltener durchqueren, kann das weitreichende Folgen für Raubtiere haben, die auf Beutetiere wie Gnus und Zebras angewiesen sind. Eine Langzeitstudie von Forschenden des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und internationalen Partnern zeigt nun, dass Hyänen in der Serengeti bemerkenswert flexibel auf diese Veränderungen in den Wanderungsmustern von Beutetieren reagieren.
Obwohl sich die Hauptnahrungsquelle der Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta), das Streifengnu (Connochaetes taurinus), deutlich weniger Tage pro Saison in den Revieren der Hyänen aufhält als noch vor 30 Jahren, bleiben die Hyänenpopulationen in der Serengeti weitgehend stabil. Für die neue Studie konnte das Forschungsteam vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung auf umfangreiche Datensammlungen aus drei Jahrzehnten zurückgreifen, die Tausende Individuen über mehrere Generationen hinweg umfassen. Das Team untersuchte, wie sich klimabedingte Veränderungen in der Verfügbarkeit von Beute innerhalb der Clan-Reviere auf die Jagdmöglichkeiten und letztlich auf den Hyänenbestand im Serengeti-Nationalpark in Tansania auswirken.
In den vergangenen Jahrzehnten haben die Niederschlagsmengen in der Serengeti zugenommen. Es wird vermutet, dass die Veränderung der Niederschlagsmenge die Wanderungsbewegungen und die Verteilung großer Herden beeinflusst und dazu führt, dass die großen Gnu-Herden mittlerweile weniger Zeit in den zentralen Revieren der Tüpfelhyänen verbringen. Während sich die wandernden Herden zwischen 1990 und 1994 noch etwa 12 Prozent des Jahres innerhalb der Clan-Reviere aufhielten, war dieser Anteil zwischen 2015 und 2019 kontinuierlich auf nur noch etwa 7 Prozent zurückgegangen.
Wie gelingt es großen Raubtieren, die Abwesenheit ihrer Hauptbeutetiere zu kompensieren?
Mit dem Rückgang der Anwesenheit wandernder Beutetiere innerhalb der Clan-Reviere nahm auch die Anzahl der beobachteten Fütterungsereignisse im Untersuchungszeitraum ab. Die Forschenden stellten jedoch fest, dass sich die Hyänen der Serengeti weiterhin überwiegend von wandernden Beutetierarten ernähren und dafür weite Strecken zurücklegen. In den Revieren ansässige Beutetierarten werden zwar gelegentlich verspeist, kommen jedoch in weitaus geringerer Dichte vor und reichen nicht aus, um ganze Clans zu ernähren.
„Tüpfelhyänen sind das, was Ökologen als ‚Central-Place-Forager‘ bezeichnen“, erklärt Dr. Mellina Sidous, Hauptautorin der Studie. „Sie bewältigen saisonale Schwankungen in der Beuteverfügbarkeit, indem sie zwischen ihrem Clan-Revier und den Gebieten pendeln, in denen sich wandernde Pflanzenfresser gerade aufhalten. Diese Pendelstrecken sind besonders bei Weibchen mit jungen Welpen üblich, da die Welpen im gemeinsamen Bau bleiben und ihre Mütter nicht begleiten können.“ Die Welpen der Hyänen können dabei durchaus mehrere Tage ohne Muttermilch auskommen. Die Nahrungssuchexpeditionen können bis zu einer Woche dauern und Strecken von bis zu 150 Kilometern umfassen. Hyänen unternehmen diese Ausflüge dann, wenn wandernde Beutetiere in ihren eigenen Revieren nicht vorhanden sind.
Bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit trotz schwankender Beuteverfügbarkeit
Doch obwohl die Jagdmöglichkeit innerhalb ihrer Reviere in den vergangenen Jahrzehnten abnahm, wuchsen zwei der drei untersuchten Clans im Verlauf der Studie sogar an. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Tüpfelhyänen derzeit in der Lage sind, den Rückgang der lokalen Beuteverfügbarkeit zu kompensieren“, sagen die beiden leitenden Autorinnen Dr. Sarah Benhaiem und Dr. Sarah Cubaynes, Wissenschaftlerinnen am Leibniz-IZW und am CEFE. „Ihre Verhaltensflexibilität scheint es ihnen zu ermöglichen, die eingeschränkten Jagdmöglichkeiten in ihren Revieren auszugleichen“, fügt Dr. Sonja Metzger, Mitautorin der Studie, hinzu.
Auch andere Faktoren, etwa insgesamt wachsende Bestände wandernder Huftiere im gesamten Serengeti-Ökosystem oder geringere Sterblichkeit bei Hyänen durch Krankheiten, Löwenjagd oder Wilderei, könnten zur positiven Entwicklung der Clans beigetragen. Welche Mechanismen dabei wichtige Rollen spielen, sollen zukünftige Studien klären. Der Klimawandel ist möglicherweise nicht der einzige Faktor, der die Veränderungen im Wanderungsverhalten der Tierherden vorantreibt. Eine aktuelle Studie eines Forschungsteams der Universität Glasgow hat ergeben, dass Gnus stark erschlossene Gebiete in der zentralen Serengeti zunehmend meiden, was darauf hindeutet, dass menschliche Störungen beispielsweise durch Tourismus möglicherweise zur beobachteten Umverteilung der Beutetiere beitragen.
Die Ergebnisse der Studie liefern neue Erkenntnisse darüber, wie große Raubtiere auf Veränderungen reagieren können. Dieses Wissen ist nicht nur für die Serengeti von Bedeutung. Weltweit verändern sich durch den Klimawandel die Wanderbewegungen vieler Tierarten. Wie erfolgreich sich Raubtiere an diese räumlichen und zeitlichen Verschiebungen anpassen können, wird entscheidend dafür sein, wie ihre Populationen auf den fortschreitenden Klimawandel reagieren.
Originalpublikation:
Sidous M, Gicquel M, Metzger S, East ML, Hofer H, Nyahongo JW, Benhaiem S, Cubaynes S (2026): How did spotted hyaenas respond to decreased prey availability in their clan territories over the last decades? ECOSPHERE 17 (10), DOI: 10.1002/ecs2.70800
22.10.2026, Wilderness International
Ein Schutzkorridor für ein Paradies der Artenvielfalt: Wilderness International gründet Schutzgebiet „Secret Forest Manu“ – präsentiert von TV-Moderatorin Hannah Emde und unterstützt von Ecosia
Neues Schutzgebiet in Peru schließt eine Lücke zwischen Manu Nationalpark und Amarakaeri Communal Reserve. Gemeinsam mit indigenen Gemeinschaften stellt es sich so unter anderem gegen die drohende Öl- und Gasförderung. TV-Moderatorin Hannah Emde begleitet das Projekt in einer 6-teiligen YouTube-Doku.
Neues Schutzgebiet im Amazonas als strategischer Wildniskorridor: Wilderness International kauft ein über 1.200 Hektar großes Regenwaldgebiet in der Provinz Manu in Peru. Der „Secret Forest Manu“ schließt künftig eine entscheidende Schutzlücke zwischen dem Manu Nationalpark und dem Amarakaeri Communal Reserve.
Allianz gegen Erschließung: Wilderness International bildet damit eine Allianz mit indigenen Gemeinschaften vor Ort, um einer drohenden Öl- und Gasförderung sowie illegalem Holzeinschlag und Goldabbau zuvorzukommen.
Doku-Serie mit prominenter Unterstützung: TV-Moderatorin, Tierärztin und Artenschützerin Hannah Emde begleitete die Organisation für eine 6-teilige Doku-Serie auf YouTube.
Starker Partner Ecosia: Die grüne Suchmaschine Ecosia teilfinanziert die Produktion der Dokumentation und gründet als einer der ersten Partner einen Unternehmenswald im neuen Schutzgebiet mit einer Spende.
Die Umweltstiftung Wilderness International gibt die Gründung eines neuen strategischen Schutzgebiets bekannt: Der Secret Forest Manu. Das über 1.200 Hektar große Areal liegt in der peruanischen Provinz Manu, die als einer der artenreichsten Orte der Erde gilt. Mit Höhenunterschieden von über 4.000 Metern in den Ausläufern der Anden bis hinab ins Amazonas-Tiefland beheimatet die Region ein weltweit einmaliges Mosaik an Lebensräumen und Tausende teils endemische Arten.
Ein Wildniskorridor gegen die Zerstörung
Mit dem Erwerb der Fläche gelingt Wilderness International ein wichtiger strategischer Schritt: Der Secret Forest Manu bildet künftig einen essentiellen Schutz- und Wildniskorridor zwischen zwei bereits bestehenden Großschutzgebieten – dem berühmten Manu Nationalpark und dem Amarakaeri Communal Reserve.
Trotz der Nähe zum Manu Nationalpark, der den Status „UNESCO Weltnaturerbe“ hat, steht die Region unter massivem wirtschaftlichem Druck. Für das Gebiet liegt eine staatliche Konzession zur Öl- und Gasförderung vor. Zudem bedrohen illegaler Holzeinschlag und Goldabbau das fragile Ökosystem und die Gesundheit der Bevölkerung. Zwar gehören Bodenschätze in Peru rechtlich dem Staat, doch der rechtssichere Kauf des Landes durch eine internationale Naturschutzorganisation in enger Allianz mit den lokalen indigenen Gemeinschaften schreckt Investoren ab und verhindert so häufig auch den Bau von Zufahrtsstraßen und Infrastruktur zur Öl- und Gasförderung.
Schulterschluss mit der indigenen Gemeinschaft der Shintuya
Indigene Gemeinschaften kämpfen in dieser Region seit Jahrzehnten gegen die Ausbeutung ihrer Heimat und Lebensgrundlagen. Um den Lebensraum langfristig zu bewahren, arbeiten die Stiftung und die Gemeinschaft nun in gemeinsamen Projekten Hand in Hand:
Anstellung lokaler Waldhüter: Angehörige der Shintuya sichern das Gebiet teils als fest angestellte Waldhüter:innen gegen illegale Aktivitäten.
Gemeinsame Waldwiederherstellung: Kürzlich wurden mehr als sechs Hektar durch früheren Holzeinschlag geschädigte Flächen nahe der Gemeinschaft wieder aufgeforstet.
Umweltbildung und Agroforst: Es werden Agroforstprojekte und Umweltbildungsaktionen mit der lokalen Schule in Shintuya umgesetzt.
„Der Schutz des Regenwaldes kann nur gemeinsam mit den Menschen funktionieren, die ihn seit Generationen kennen und bewohnen. Indigene Gemeinschaften sind vom weltweiten Hunger nach Rohstoffen besonders stark bedroht und profitieren gleichzeitig am wenigsten vom Raubbau an den von ihnen behüteten Ressourcen“, erklärt Kai Andersch, CEO der Stiftung. Durch den Goldabbau geraten Schwermetalle wie Quecksilber in die Flüsse, was die Lebensgrundlage und Gesundheit der Menschen vor Ort massiv gefährdet. Zudem drohen bei der Erschließung durch Öl- und Gaskonzerne die Zerstörung heiliger Stätten sowie der Verlust ihrer kulturellen Identität. Mit Wilderness International hat Shintuya nun einen internationalen Partner an der Seite.
„Wir kämpfen seit Jahrzehnten gegen die Ausbeutung unserer Territorien. Durch die Zusammenarbeit und Allianz mit Wilderness International wird unserer Stimme hoffentlich mehr internationales Gehör verschafft und unser Schutzschild gegen die Waldzerstörung gestärkt“, sagt Victoria Corisepa aus der Shintuya Community.
Expedition mit Hannah Emde und Unterstützung durch Ecosia
Zum offiziellen Start des Schutzgebiets gingen Wilderness International und die bekannte TV-Moderatorin, Tierärztin und Artenschützerin Hannah Emde auf eine Expedition tief in den Dschungel. In einer 6-teiligen Doku-Serie auf YouTube nimmt Hannah Emde die Zuschauerinnen und Zuschauer mit in den Secret Forest Manu. Sie begleitet das Forschungs- und Waldhüter:innen-Team bei der Arbeit, zeigt hautnah Begegnungen mit der faszinierenden Tierwelt – von der Korallenotter über die Baumkronen hinweg bis zur eigenen schmerzhaften Begegnung mit einer Bullet Ant. Anhand von Interviews mit den lokalen Akteur:innen erklärt sie die Bedrohungslage und trifft Vertreter:innen der Shintuya, um über die Bedeutung des intakten Waldes für Mensch und Natur zu sprechen.
„Ich durfte auf dieser abenteuerlichen Reise tief in den Wald und in die Arbeit von Wilderness International eintauchen. Daraus ist diese schöne Doku entstanden. Ich freue mich, wenn durch sie viele Menschen sehen, wie schützenswert dieses Stück Erde ist und mit wie viel Herzblut dort jeden Tag für seinen Erhalt gearbeitet wird“, so Hannah Emde über das Projekt.
Ermöglicht wird dieses Projekt auch durch einen starken Unternehmenspartner: Die grüne Suchmaschine Ecosia hat nicht nur einen Teil der Produktionskosten der Dokumentation übernommen, sondern engagiert sich auch direkt vor Ort. Als eines der ersten Unternehmen unterstützt Ecosia den Schutz des Secret Forest Manu mit einer Spende und gründet so einen eigenen Unternehmenswald.
„In wenigen Wochen verhandelt die Welt bei der nächsten UN-Klimakonferenz in Antalya darüber, ob die in Belém versprochene Wende beim Waldschutz tatsächlich kommt. Im Secret Forest Manu passiert sie schon jetzt: Hier bleibt der Wald stehen, weil die Menschen vor Ort ihn schützen und weil viele Menschen bei uns mit ihrer ganz alltäglichen Suche dazu beitragen. Wir haben bei Ecosia über 250 Millionen Bäume gepflanzt, aber kein neuer Baum ersetzt einen intakten Primärwald wie diesen. Unsere Vision ist ein Internet, das dem Planeten mehr zurückgibt, als es ihm nimmt. Dazu gehört, Wälder zu sichern, bevor Straßen und Bohrtürme kommen“, sagt Christian Kroll, Gründer und CEO von Ecosia.
Die Doku-Reihe ist ab sofort auf dem YouTube-Kanal von Wilderness International zu sehen. Der Kauf des Schutzgebiets und sein langfristiger Schutz sollen durch Spenden refinanziert werden. Das Prinzip: 1 EUR schützt 1 m² Regenwald dauerhaft und finanziert auch die Projekte mit den indigenen Gemeinschaften.
22.10.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Krähen entscheiden doppelt so schnell wie Menschen und Affen
Forscher der Universität Tübingen entdecken im Vogelgehirn neuronale Signale, die grundlegenden Entscheidungsmechanismen bei Primaten ähneln
Krähen entscheiden im Experiment bei einer klassischen visuellen Entscheidungsaufgabe ungefähr doppelt so schnell wie Menschen und Affen. Zwei Aaskrähen benötigten durchschnittlich nur 235 Millisekunden, um die Bewegungsrichtung eines Punktmusters auf einem Bildschirm zu erkennen und ihre Wahl anzuzeigen – bei hoher Genauigkeit. Philipp Schmidbauer und Professor Andreas Nieder vom Institut für Neurobiologie der Universität Tübingen haben nun eine Studie im Fachjournal Science veröffentlicht, in der sie zeigen, wie sich diese bemerkenswerte Geschwindigkeit in der Aktivität von Nervenzellen im Krähengehirn widerspiegelt.
In der Aufgabe mussten die Tiere erkennen, ob sich bewegte Punkte auf einem berührungsempfindlichen Monitor überwiegend nach links oder rechts bewegten. Die Krähen zeigten ihre Entscheidung dadurch an, dass sie auf einen Punkt links oder rechts vom Punktemuster pickten. „Selbst bei schwer erkennbaren Bewegungsmustern lagen ihre Entscheidungen über dem Zufallsniveau“, berichtet Philipp Schmidbauer. „Bei eindeutigen Signalen erreichten sie eine Trefferquote von nahezu 100 Prozent.“
Um die neuronalen Grundlagen zu untersuchen, zeichneten die Forscher die Aktivität von Nerven-zellen im Nidopallium caudolaterale auf, einer wichtigen Assoziationsregion im Vogelgehirn, die in ihrer Funktion unserem Präfrontalkortex gleicht. Bereits etwa 70 Millisekunden nach Beginn des visuellen Reizes unterschieden sich die neuronalen Signale für verschiedene Bewegungsrichtungen – lange bevor die Krähen ihre Reaktion ausführten. Die Aktivität nahm während der Entscheidungsbildung schrittweise zu, bis sie schließlich die Entscheidungsgrenze erreichte und die Krähe ihre Wahl anzeigte. Die Neuronen spiegelten sowohl die Stärke der verfügbaren visuellen Informationen als auch die gewählte Richtung wider.
Unterschiedlicher Aufbau der Gehirne
„Die Ergebnisse zeigen, dass im Vogelgehirn neuronale Dynamiken auftreten, die mit etablierten Rechenmodellen der Entscheidungsfindung menschlicher und nichtmenschlicher Primaten vereinbar sind“, sagt Andreas Nieder. Obwohl Vögel keine geschichtete Großhirnrinde besäßen, könnten ihre anders organisierten Gehirne offenbar vergleichbare grundlegende Prinzipien der Entscheidungsbildung umsetzen, und das doppelt so schnell wie ein Primat.
Die außergewöhnliche Geschwindigkeit könnte mit den evolutionären Anforderungen an schnelle visuelle und motorische Reaktionen bei Vögeln zusammenhängen, sagt der Forscher. „Vögel müssen ihr Sehvermögen nutzen, um schnelle Flugmanöver präzise zu steuern und ihren Schnabel bei der Nahrungssuche gezielt zum Objekt zu führen.“ Welche Mechanismen diesen Zeitvorteil genau ermöglichen, müssten weitere Untersuchungen klären.
Originalpublikation:
Philipp Schmidbauer und Andreas Nieder: Ultrarapid decision-making in an avian brain, Science, 22. Oktober 2026, https://doi.org/10.1126/science.aed6459
23.10.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Faszination Stadtnatur auf dem Berliner Wittenbergplatz: Deutsche Wildtier Stiftung zeigt spektakuläre Makroaufnahmen von Award-Gewinner Alexis Tinker-Tsavalas

Dichtpunktiertes Walzenhalsbockpaar beim Sex. Foto: Alexis Tinker-Tsavalas / Royal Entomological Society Photography Competition 2025)
Am Berliner Wittenbergplatz blicken Passanten derzeit nicht nur auf Straßen und Fassaden, sondern in faszinierende Facettenaugen: In einer Freiluft-Ausstellung präsentiert die Deutsche Wildtier Stiftung gemeinsam mit der Wall GmbH noch bis zum 29. Oktober zwanzig eindrucksvolle Makroaufnahmen des Berliner Nachwuchsfotografen Alexis Tinker-Tsavalas. Er ist der diesjährige Gewinner des „Rising Star Portfolio Award“ – eine Auszeichnung im Rahmen des renommierten internationalen Fotowettbewerbs „Wildlife Photographer of the Year“, der jährlich vom Natural History Museum in London verliehen wird.
Ob farbenprächtige Goldwespen, plüschige Weinschwärmer oder blitzschnelle Springspinnen – die Motive der Ausstellung wirken auf den ersten Blick wie Einblicke in eine exotische Welt. Doch alle gezeigten Arten sind in Berlin und Brandenburg heimisch. Alexis Tinker-Tsavalas hat die Fotos im Grunewald, im Freizeitpark Marienfelde, aber auch auf ganz gewöhnlichen Grünstreifen mitten an vielbefahrenen Straßen und in kleinen Parks gemacht. „Ich muss nicht weit reisen, um beeindruckende und faszinierende Natur zu entdecken und sichtbar zu machen“, sagt der 19-Jährige.
Tiere zu fotografieren, die oft nur ein oder zwei Millimeter groß sind, erfordert extrem hohe Präzision und technisches Geschick. Um die winzigen Motive bei starker Vergrößerung von den Augen bis zum Hinterleib gestochen scharf abzubilden, nutzt Alexis Tinker-Tsavalas die Technik des sogenannten Focus Stacking. Dabei fügt er zahlreiche Einzelaufnahmen auf unterschiedlichen Schärfeebenen zu einem detailreichen Gesamtkunstwerk zusammen. Ein entscheidendes Gestaltungselement ist dabei das Licht, das den Blick des Betrachters lenkt und kleinste Details der Insekten sichtbar macht.
Mit der Ausstellung „Klein und bunt – wilde Berliner“ auf dem Wittenbergplatz möchte die Deutsche Wildtier Stiftung das Bewusstsein für den Schutz urbaner Lebensräume schärfen. Passend dazu lädt die Stiftung mit Stadtnatur-Rallyes in allen Berliner Bezirken dazu ein, die heimische Tierwelt selbst zu erkunden. Die Rallyes entstanden im Rahmen des von der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt geförderten Projekts „Mehr Bienen für Berlin“ und sind in der App Actionbound (https://www.wildbiene.org/stadtnatur-rallyes) abrufbar. Preisträger Alexis Tinker-Tsavalas rät allen Nachwuchsentdeckern, sich möglichst oft die Zeit zu nehmen, um ganz genau hinzusehen: „Wer Geduld und Neugier mitbringt, der entdeckt ganz schnell das faszinierende Leben, das überall umherfliegt und krabbelt.“

