Sophy Roberts: Die Schule der Elefanten (Rezension)

1879 startete König Leopold II. von Belgien einen sonderbaren Plan, um Afrikas Ressourcen zu plündern: Elefanten sollten als Arbeitstiere dienen. Dazu beauftragte er den irischen Abenteurer Frederick Carter, vier gezähmte Asiatische Elefanten von Indien an die ostafrikanische Küste zu verschiffen, von wo sie ins Landesinnere Richtung Kongo marschieren sollten. Ziel war nicht weniger als die Gründung einer Ausbildungsstätte für Afrikanische Elefanten.
Auf den Spuren dieser Expedition erzählt Sophy Roberts eine längst vergessene Geschichte, die sie nach Afrika und Asien führt, wo sie auf Elfenbein- und Menschenhändler trifft, mächtigen Häuptlingen begegnet und die Erhabenheit der Natur erlebt. Packend und fundiert berichtet sie von Ausbeutung, von kolonialer Gier, Unfähigkeit, Heuchelei und Torheit.

DIE SCHULE DER ELEFANTEN ist ein ungewöhnliches Sachbuch: zugleich Reisebericht, historische Spurensuche und eine Geschichte über das Verhältnis zwischen Mensch und Elefant. Im Mittelpunkt steht dabei eine heute beinahe vergessene Episode – der Versuch, afrikanische Elefanten zu Arbeitstieren auszubilden.
Dabei ist es gar nicht so ungewöhnlich Elefanten zu Arbeitszwecken zu verwenden, auch wenn man dabei eher an die Asiatischen Elefanten denkt. Afrikanische Elefanten stehen weniger im Fokus, aber nach einigem Nachdenken wird man sich aus dem Geschichtsunterricht auch an afrikanische Elefanten erinnern. Afrikanische Elefanten wurden durchaus als Arbeits- und Kriegstiere eingesetzt, allerdings wesentlich seltener und weniger kontinuierlich als Asiatische Elefanten. Tiere wurden unter anderem von den Karthagern, Numidiern und Ptolemäern eingesetzt. Bei den Ptolemäern kamen Elefanten aus Nordostafrika hinzu. Bei der Schlacht von Raphia 217 v. Chr. standen beispielsweise afrikanische Elefanten des ptolemäischen Heeres asiatischen Elefanten der Seleukiden gegenüber. Die bekannteste Verwendung afrikanischer Elefanten durfte Hannibals Kriegszug nach Rom sein. Der Zweite Punische Krieg wurde von 218 v. Chr. bis 201 v. Chr. zwischen Rom und Karthago ausgetragen. Spektakulär und jedermann in Erinnerung: Der Zug Afrikanischer Elefanten über die Alpen. Dabei handelte es sich hauptsächlich um inzwischen ausgestorbene nordafrikanische Elefanten. Nur Hannibals eigenes Tier namens Surus („der Syrer“) war wahrscheinlich ein Indischer Elefant.
Aber auch in der neueren Geschichte fanden afrikanische Elefanten Verwendung.
Roberts folgt den Spuren jener Menschen, die Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert davon überzeugt waren, dass sich afrikanische Elefanten ähnlich wie ihre asiatischen Verwandten zähmen und als Last-, Zug- und Arbeitstiere einsetzen ließen. Besonders wichtig wird dabei Gangala-na-Bodio im heutigen Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, wo unter belgischer Kolonialherrschaft eine regelrechte Elefantenstation entstand. Hier wurden junge Elefanten eingefangen und trainiert.
Ende des 19. Jahrhunderts stellte sich die belgische Kolonialverwaltung im damaligen Kongo-Freistaat die Frage, warum man Afrikanische Elefanten eigentlich fast ausschließlich wegen ihres Elfenbeins jagte, während ihre asiatischen Verwandten seit Jahrtausenden zum Transport, in der Forstwirtschaft und für andere schwere Arbeiten eingesetzt wurden.
Daraus entstand ein ehrgeiziges Projekt: Afrikanische Elefanten sollten gefangen, gezähmt und zu Arbeitselefanten ausgebildet werden.
Um 1899/1900 entstand zunächst eine Station bei Api im Nordosten des heutigen Staatsgebiets der Demokratischen Republik Kongo. Später wurde das Zentrum nach Gangala-na-Bodio verlegt.
DIE SCHULE DER ELEFANTEN ist keine geradlinige historische Abhandlung. Roberts reist selbst an die ehemaligen Schauplätze, sucht in Archiven nach Dokumenten und Fotografien, spricht mit Menschen, die Erinnerungen und Geschichten über die Elefanten bewahrt haben, und versucht, einzelne Tiere und ihre Lebenswege aus den Quellen wieder sichtbar zu machen. Dadurch entsteht stellenweise fast der Charakter einer historischen Detektivgeschichte.
Der Wunsch, den afrikanischen Elefanten zum Nutztier zu machen, entsprang keineswegs nur wissenschaftlicher Neugier. Elefanten sollten wirtschaftlich verwertbar werden, Transporte übernehmen und dabei helfen, Landschaft und Ressourcen für die Kolonialmächte zu erschließen. Die Vorstellung, Natur und Tierwelt müssten lediglich durch europäische Organisation und Technik „nutzbar“ gemacht werden, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Roberts urteilt dabei nicht ausschließlich aus der sicheren moralischen Distanz der Gegenwart. Sie lässt historische Quellen sprechen und zeigt die Widersprüche der beteiligten Personen. Gerade dadurch wird deutlich, wie selbstverständlich Vorstellungen von Herrschaft über Menschen, Tiere und Landschaften miteinander verbunden waren. Gleichzeitig verliert sie die Elefanten als empfindungsfähige Individuen nie aus den Augen.
Besonders interessant ist die grundsätzliche Frage, die hinter dem historischen Stoff steht: Warum wurden asiatische Elefanten über Jahrtausende als Arbeitstiere genutzt, während dies mit afrikanischen Elefanten nur in wenigen, meist kurzlebigen Projekten geschah? Roberts zeigt, dass die verbreitete Erklärung, afrikanische Elefanten seien schlicht „unzähmbar“, viel zu einfach ist. Historische Traditionen, wirtschaftliche Bedingungen, koloniale Vorstellungen und die unterschiedlichen Lebensräume spielten mindestens ebenso wichtige Rollen.
Allerdings bietet DIE SCHULE DER ELEFANTEN keine chronologische Geschichte der Elefantenausbildung in Afrika. Roberts schweift ab, folgt Nebenfiguren und persönlichen Reiseerlebnissen und springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Manche dieser Umwege schaffen Atmosphäre und eröffnen überraschende Zusammenhänge; andere wirken weniger zwingend und bremsen den eigentlichen historischen Erzählstrang. Aber trotz dieser Schwächen bleibt DIE SCHULE DER ELEFANTEN ein interessantes, leicht verständliches und sehr gefühlvolles Buch, vor allem für jene die an Tiergeschichte, ausgestorbenen oder aufgegebenen Formen der Tierhaltung und der historischen Nutzung von Wildtieren interessiert sind.

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(Rezensionsexemplar)

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