Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

16.04.2019, BUND
Niedlich aber wild: Wildkätzchen nicht mitnehmen
Nicht nur Rehe, Wildschweine und Füchse bekommen in diesen Monaten Nachwuchs. Auch von der Europäischen Wildkatze, die in einigen Teilen Deutschlands wieder beheimatet ist, gibt es nun Jungtiere in den Wäldern. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) appelliert an Spaziergänger und Wanderer, die Wildkätzchen nicht anzufassen oder gar mitzunehmen, auch wenn sie scheinbar allein und mutterlos sind. „Das Muttertier ist in der Regel nicht weit weg, gerade kurz auf Mäusejagd oder versteckt sich in unmittelbarer Nähe“, erklärt Friederike Scholz, Wildtierexpertin des BUND.
Häufig werden die grau-getigerten Wildkätzchen für Nachwuchs verwilderter Hauskatzen gehalten. „Insbesondere junge Wildkatzen sehen Hauskatzen zum Verwechseln ähnlich“, erläutert Scholz weiter. „Wenn sie älter werden, verblasst die Fellzeichnung und sie sind durch ihren kräftigen Körperbau und den buschigen Schwanz mit stumpfer, schwarzer Spitze als Wildkatze besser zu erkennen.“
Da die Europäische Wildkatze unter strengem Schutz steht, empfiehlt der BUND, im Zweifel die Tiere immer in Ruhe zu lassen. „Wir raten dazu, wenn überhaupt, die Tiere nur aus großer Entfernung zu beobachten“, so Friederike Scholz. „Die Haltung von Wildkatzen in Privathaushalten ist darüber hinaus verboten. Mitgenommene Tiere landen dann bestenfalls in Schutzstationen. Auswilderungen zurück in die freie Natur klappen leider nicht immer. Daher gilt: bitte nicht anfassen oder stören.“ Wenn Spaziergänger aber unsicher sind, ist es sinnvoll, den BUND zu kontaktieren und die Stelle, an der die Kätzchen gesichtet wurden, mitzuteilen.
Die größte Bedrohung für die Europäischen Wildkatzen ist die Zerschneidung ihres Lebensraums. Beim Überqueren von Straßen und Autobahnen kommt es immer wieder zu Todesfällen. Aber auch weite ausgeräumte Ackerflächen stellen für die Wildkatze eine Gefahr dar. Sie verlassen ungern ihre Deckung, so dass sie große Felder nicht überqueren können. Inzucht und genetische Verarmung drohen. Deshalb sind die Europäischen Wildkatzen – und mit ihr viele andere Waldtierarten – auf ein Netzwerk aus Wäldern angewiesen. Scholz weiter: „Verbindungen aus Bäumen und Büschen helfen ihnen, neue Lebensräume zu erobern und Paarungspartner zu finden. Der BUND engagiert sich deshalb seit nunmehr 15 Jahren für ein „Rettungsnetz Wildkatze“ mit einem Waldverbund von 20.000 grünen Kilometern über ganz Deutschland.“

16.04.2019, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sieht die Rückkehr der Wölfe positiv
Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hält die Rückkehr der Wölfe für eine gute Sache, berichten Senckenberg-Wissenschaftler*innen aktuell im Fachmagazin „Biological Conservation“. Eine neutrale Haltung zur Rückkehr der Wölfe haben demgegenüber Bewohner*innen des Landkreises Görlitz, in dem sich Wölfe schon lange angesiedelt haben. Da beide Gruppen gar keinen bis kaum direkten Wolfkontakt haben, wird ihre Einstellung vorwiegend durch Medien geprägt. Personen, die ihre Informationen nicht nur aus den Medien, sondern auch aus Büchern – oder im Landkreis Görlitz vom Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“ – bezogen, haben insgesamt eine positivere Einstellung zum Wolf.
Ob der Wolf in Deutschland eine Zukunft hat, hängt maßgeblich davon ab, ob die Bevölkerung seine Rückkehr toleriert. Wie eine Studie von Senckenberg-Wissenschaftler*innen nun zeigt, sieht es damit überwiegend gut aus. „Deutschlandweit wurden rund tausend Haushalte telefonisch befragt. Dabei wurde pro Bundesland eine repräsentative Stichprobe der Land- und Stadtbevölkerung interviewt, mit dem Ergebnis, dass die Mehrheit der in Deutschland Lebenden der Rückkehr der Wölfe positiv gegenüber steht“, sagt Dr. Ugo Arbieu, Leiter der Studie vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.
Während jede*r Bundesbürger*in durchschnittlich rund 140 Kilometer vom nächsten Wolfsterritorium entfernt lebt, sind es in der ‚Wolfsregion‘ Görlitz, in der bereits seit neunzehn Jahren wieder Wölfe leben, im Durchschnitt nur vierzehn Kilometer. Diese Nähe beeinflußt auch die Einstellung zur Rückkehr der Tiere, wie eine zusätzliche Befragung von 250 Bewohner*innen des Landkreises Görlitz ergab. Sie stehen der Rückkehr der Wölfe im Gegensatz zur Mehrheit der in Deutschland Lebenden im Durchschnitt eher neutral gegenüber, d.h. weder befürworten sie die Rückkehr der Wölfe noch lehnen sie diese ab.
Die Bewohner*innen der ‚Wolfsregion‘ fühlen sich eigenen Angaben zufolge besser über Wölfe informiert und haben ein größeres Wissen über die Tiere, als die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. „Da jedoch beide Gruppen niemals oder kaum direkt mit einem Wolf zu tun gehabt haben, erwerben sie ihre Informationen fast ausschließlich durch die Nutzung externer Informationsquellen. Sie prägen daher die Einstellung zum Wolf entscheidend“, so Prof. Dr. Thomas Müller, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.
Spitzenreiter unter den Informationsquellen über den Wolf und seine Rückkehr sind die klassischen Medien: „Rund 67 Prozent der Befragten aus ganz Deutschland und rund 55 Prozent der Bewohner*innen der ‚Wolfsregion‘ informieren sich durch Zeitungen, Fernsehen und Radio über die Tiere. Bücher und Filme spielen in der Information über den Wolf eine weitaus geringere Rolle. In der ‚Wolfsregion‘ nutzen rund 21 Prozent der Befragten zusätzlich das lokale Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“ als Informationsquelle“, so Arbieu.
Wie die Studie zeigt, sind Menschen, die sich außer über die Medien noch zusätzlich mittels Büchern und Filmen über Wölfe informieren, deutlich positiver gegenüber der Rückkehr eingestellt, als Personen, die sich ausschließlich über Medien informieren. Einen ähnlichen Effekt hat das Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“: Bewohner*innen der ‚Wolfsregion‘ Görlitz, die angeben, das Wolfs-Informationszentrum zu nutzen, haben auch insgesamt eine positivere Einstellung zu Wölfen als die Gesamtheit der Bewohner*innen dieses Gebietes.
„Faktenbasierte Informationen, wie sie das „Kontaktbüro Wölfe in Sachsen“ oder die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf bereitstellen, helfen über Kosten und Nutzen der Wölfe aufzuklären und vereinfachen das Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf. Wenn der Wolf langfristig ein Zuhause in Deutschland haben soll, sollte daher über die Einrichtung weiterer Informationszentren in anderen Regionen nachgedacht werden“, kommentiert Müller.
Originalpublikation:
Arbieu, U. et. al. (2019): Attitudes towards returning wolves (Canis lupus) in Germany: Exposure, information sources and trust matter. Biological Conservation,
doi: 10.1016/j.biocon.2019.03.027

16.04.2019, Ruhr-Universität Bochum
Wie Dohlen sich merken, was sie wann wo getan haben
Krähenvögel sind zu Gedächtnisleistungen im Stande, die denen von Menschen nahekommen. Wie ihr Gehirn, das ganz anders als das menschliche aufgebaut ist, diese komplexen Leistungen erbringt, wollen Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum (RUB) herausfinden. Seit einem Jahr trainieren sie zwei Dohlen in einem komplexen Verhaltensversuch, in dem die Vögel lernen, sich zu merken, was sie wann wo getan haben. Neurophysiologische Untersuchungen sollen später Aufschluss über die zugrunde liegenden Prozesse im Gehirn geben.
Über die Forschung der Arbeitsgruppe Avian Cognitive Neuroscience, geleitet von Dr. Jonas Rose, berichtet das Wissenschaftsmagazin Rubin der RUB.
Orte merken
Für den Versuch lernen die Tiere, sich eine Sequenz von Orten zu merken, die sie besucht haben, sowie welche Farben sie dort gesehen haben. Diese Information müssen sie dann an einem anderen Ort wieder abrufen; machen sie das richtig, erhalten sie eine Futterbelohnung. Mit dieser Aufgabe wollen die Forscher die Basis für das sogenannte episodische Gedächtnis untersuchen. Es speichert einzigartige Erlebnisse und beruht darauf, dass Individuen sich merken können, was sie wann wo getan haben. In einer Reihe von Verhaltensversuchen zeigten andere Gruppen bereits, dass Krähenvögel dazu in der Lage sind. Die neuronale Basis für dieses Können ist bislang jedoch unerforscht.
Die Dohlen absolvieren den Versuch an der RUB in einer sechseckigen Voliere, in der sie rund zweieinhalb Stunden pro Tag seit einem Jahr trainieren. Die Voliere enthält an vier Seiten einen Touchscreen. An dreien davon tauchen nacheinander farbige Punkte auf, die das Tier anpicken muss. Erst wenn der erste Punkt angepickt ist, erscheint der nächste und so weiter. An einem vierten Ort muss der Vogel dann abrufen, welche Farbe er an welchem Ort gesehen hat.
In einem Monat gelernt
Um die Reihenfolge der Orte abfragen zu können, haben die Tiere zunächst gelernt, den Orten Symbole zuzuordnen: einen Campingplatz, ein Toilettenhäuschen und einen Hafen. Die Symbole wurden allerdings nie an den Orten selbst präsentiert. Die Dohlen sehen sie nur auf dem vierten Touchscreen, auf dem sie ihre Antwort geben müssen. Anfangs pickten sie einfach zufällig auf die Symbole; nur wenn die Reihenfolge stimmte, gab es eine Futterbelohnung. So lernten sie, Campingplatz, Toilettenhäuschen und Hafen einem der drei anderen Touchscreens zuzuordnen.
„Wir waren uns nicht sicher, ob die Tiere in der Lage sein würden, das zu lernen“, erklärt Jonas Rose. „Es ging dann relativ schnell, innerhalb von einem Monat.“ In 60 bis 80 Prozent aller Versuchsdurchgänge geben die Tiere alle drei Orte korrekt an. Die Wahrscheinlichkeit, durch Raten richtig zu antworten, liegt bei diesem Versuchsdesign bei knapp 17 Prozent.
Arbeitsgedächtnis überlastet?
Nun trainieren die Vögel, sich zu merken, an welchem Ort sie welche Farbe gesehen haben, wobei die Reihenfolge der Orte und die Zuordnung der Farben sich in jedem Versuchsdurchgang ändern. Anfangs hatten die Dohlen damit große Probleme. „Wir versuchen gerade, herauszufinden, ob es einfach zu viele Informationen für das Arbeitsgedächtnis der Tiere sind“, erklärt Rose, „oder ob sie ein Problem mit der Farbaufgabe an sich haben.“
Dazu fragen die Forscherinnen und Forscher nicht in jedem Durchgang die Zuordnung der Farben zu den Orten ab; in manchen Durchgängen müssen die Dohlen auch nur die Reihenfolge der Orte oder nur die Reihenfolge der Farben angeben. Mittlerweile antworten die Tiere in 20 Prozent der Versuchsdurchgänge richtig, in denen sie Orte und Farben angeben sollen; damit liegen sie über der Rate-Wahrscheinlichkeit, die 5,5 Prozent betragen würde. Noch sind die Bochumer Biopsychologen daher zuversichtlich, dass die Tiere die Aufgabe lernen können. Falls nicht, würden sie den Versuch schrittweise vereinfachen.
Förderung
Jonas Rose erhält für seine Studien Fördermittel aus dem Sonderforschungsbereich 874, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und aus einem Freigeist-Fellowship der Volkswagen-Stiftung, das speziell für Forschungsvorhaben gedacht ist, in denen Neuland betreten wird und der Ausgang ungewiss ist.
Ausführlicher Beitrag im Wissenschaftsmagazin Rubin

17.04.2019, Deutsche Wildtier Stiftung
Schöner Wohnen für Wildtiere
Deutsche Wildtier Stiftung: Dichte Hecken sind perfekte Lebensräume für Igel, Schmetterling, Haselmaus und Co.
Der Frühling ist da; große Möbelhäuser locken jetzt mit Supersonderangeboten. Wohntrend 2019: helles Holz und sanftes Grün. Natur liegt voll im Trend! Nicht nur der Mensch ist im Frühling im Verschönerungsrausch. Auch die Wildtiere sind dabei, sich häuslich einzurichten. Schöner Wohnen heißt für viele: Ab in die Hecke! Sie ist der ideale Lebensraum für Igel, Haselmaus, Erdkröte, Hummel, Wildbiene, Schmetterling und Co. „Hecken und Büsche bieten auch einen tollen Nist- und Nahrungsplatz für Vögel wie Neuntöter, Goldammer oder Heckenbraunelle. Sie finden in Hecken Zuflucht und können gut versteckt ihre Jungen aufziehen“, sagt Eva Goris, Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung. „Denn im April und Mai beginnt die Brutzeit.
Haselmäuse benötigen vor allem Hecken, die eng beieinanderliegen. „Die winzigen Wildtiere fühlen sich auf Freiflächen nicht wohl; sie klettern lieber von Hecke zu Hecke, um sich neuen Lebensraum zu erschließen.“ Darum unterstützt die Deutsche Wildtier Stiftung Hecken-Projekte für Wildtiere und pflanzt unter anderem auf dem Stiftungsgut in Klepelshagen in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Norddeutschland Wildgehölze, die wie „grüne Trittsteine“ zusammenhängende Lebensräume für kleine Wildtiere bieten.
Und worauf achten Wildtiere bei der „Inneneinrichtung“? „Da sind sie alle konservativ“, so die Pressesprecherin. Das perfekte Wohnzimmer für Wildtiere ist dicht verzweigt und buschig. Auch Blattgrün an den Zweigen, Blüten und eine dicke Laubschicht auf dem Boden dürfen nicht fehlen. Das alles zieht Insekten und Käfer an – eine wichtige Nahrungsquelle für Jungvögel“, sagt Eva Goris.
Wer eine Hecke im eigenen Garten pflanzen möchte, wählt am besten standortgerechte Gehölze wie z.B. Haselnuss, Kornelkirsche, Schneeball, Pfaffenhütchen, Sanddorn, Eberesche, Holunder oder Hagebutte. Besonders beliebt bei Vögeln sind Weißdorn und Schwarzdorn, weil ihre Stacheln und Dornen Schutz bieten und die Pflanzen gleichzeitig Früchte tragen. Bestehende Hecken müssen geschützt werden, damit Wildtiere und ihr Nachwuchs keinen Schaden nehmen. Das Bundesnaturschutzgesetz sagt in § 39 Abs. 5: Hecken dürfen in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September nicht gerodet, beschnitten oder auf den Stock gesetzt werden!

17.04.2019, NABU
So wird der Balkon zum Paradies für Vögel und Insekten
Um Insekten und Vögeln zu helfen, braucht man nicht unbedingt einen Garten. Auch auf Balkon und Fensterbrett kann jeder etwas für die Tiere in der Stadt tun. „In Deutschland gibt es viele Millionen Balkone und Terrassen“, so NABU-Gartenexpertin Marja Rottleb, „Da kommt viel Fläche zusammen, die wertvoll für Wildbienen, Schmetterlinge, Meisen und Spatzen sein kann. Viele füttern bereits im Winter Vögel auf ihrem Balkon und beobachten sie beim Fressen. Aber auch im Sommer kann man ihnen helfen.“
Etwa indem man an heißen Tagen eine Wasserstelle für Vögel anbietet. Nistkästen für Kohl-, Blaumeisen und Haussperlinge können auch auf dem Balkon angebracht werden. Wer im obersten Stockwerk wohnt, kann auch einen Nistkasten für Mauersegler anbringen und damit die Wohnungsnot für Gebäudebrüter lindern. Sie brüten gern am höchsten Punkt eines Gebäudes.
Insekten kann man ebenfalls gut auf Balkonien fördern. Wer ihnen helfen möchte, pflanzt viele verschiedene heimische Pflanzen und Kräuter, lässt diese auch über den Winter stehen. „Einige Insekten überwintern in abgeblühten Pflanzenteilen“, so Rottleb. „Und die Samenstände sind wertvolles Futter für Vögel, wie den Distelfinken.“
Geeignete Pflanzen für den schattigen Balkon sind beispielsweise Efeu, Vergissmeinnicht, Beinwell und Blutampher. Wer einen eher sonnigen Balkon hat, sollte Lavendel, Fetthenne, Storchschnabel oder Jelängerjelieber pflanzen. „Sie bieten Insekten Pollen und Nektar als Nahrung – viele klassische Balkonpflanzen, wie Geranien und Petunien, hingegen nicht“, so Rottleb.
Eine Wasserstelle oder ein Mini-Teich hilft auch Schwebfliege, Wildbiene und Co. über heiße Tage. Rottleb: „Wer dann noch ein Insektenhotel und als Ergänzung einen Balkonkasten mit Sand und Lehm für Sandbienen und andere Solitärbienen anbietet, bei dem wird es auf Balkonien bald summen und brummen.“
Alle Tipps zu finden unter: www.NABU.de/balkon

17.04.2019, Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere
Acht neue Süßwasserfischarten in der Türkei entdeckt
Eine umfassende Überarbeitung der 30 Arten von Steinbeissern der Gattung Cobitis brachte jetzt acht neue Süßwasserfischarten aus der Türkei zu Tage. Zwei Wissenschaftler aus Leibniz-Instituten in Bonn und Berlin -Deutschland- sowie ein Forscher der Erdogan Universitiy in Rize –Türkei – führten die Untersuchungen mit modernsten morphologischen, morphometrischen und molekularen Analysen durch.
Für zwei Arten – Cobitis amphilekta und C. kellei – muss leider angenommen werden, dass sie ausgestorben sind, da sie seit Jahrzehnten nicht mehr aufgefunden werden konnten. Die Veröffentlichung in der Zeitschrift „Zootaxa“ weist gleichzeitig eine umfassende Revision der Gattung im Nahen Osten auf. Gleichzeitig wurden Bestimmungsschlüssel aller Artengruppen publiziert.
Die neuen Arten gehören alle zur Gattung Cobitis, bodenlebende Süßwasserfische aus der Familie der Steinbeißer. Ihre auffälligen Farbmuster sind nicht nur schön, sondern können auch zur Klassifizierung genutzt werden, also zur Abgrenzung der Arten untereinander. „Bei genetisch sehr ähnlichen Populationen folgten wir einem Konzept, bei dem Arten nur dann als solche anerkannt werden, wenn die morphologischen Merkmale inklusive der Farbzeichnung die Benennung als unterschiedliche Arten absicherte“ erläutert Dr. Matthias Geiger, Biologe am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn. Nur im Zusammenspiel von morphologischen und molekularen Merkmalen sind belastbare und nachhaltige Interpretationen möglich betonen die Autoren in ihrer Studie. Die Bestimmung von Arten aufgrund molekulargenetischer Merkmale ist zwar mittlerweile Standard in vielen biologischen Disziplinen, doch nur die klassischen Einordnungen über integrative Ansätze verhindern fehlerhafte Interpretationen.
„Noch sind bei Weitem nicht alle Fischarten der Gattung bekannt und weitere Neubeschreibungen folgen in Zukunft“ freut sich Dr. Jörg Freyhof, Ökologe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, auf die künftigen Herausforderungen bei der Bearbeitung der Süßwasserfische aus dem Nahen Osten.
Quelle:
Freyhof, J., Bayçelebi, E., Geiger, M.F. (2018): Review of the genus Cobitis in the Middle East, with the description of eight new species (Teleostei: Cobitidae). – Zootaxa 4535 (1): 001–075 https://doi.org/10.11646/zootaxa.4535.1.1

17.04.2019, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Flexibel gewinnt: Asiatischer Elefant überlebt Stegodon
Senckenberg-Wissenschaftler haben mit chinesischen Kolleg*innen die Ernährungsgewohnheiten des Asiatischen Elefanten und dessen ausgestorbenen Verwandten Stegodon während des Pleistozäns untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass sich die Asiatischen Elefanten vielfältiger ernährten und sich dadurch einen Vorteil verschafften. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal „Quaternary Science Reviews“.
Stegodon orientalis ist eine ausgestorbene Art aus der Familie der Rüsseltiere und – trotz seines relativ langen, niedrigen Körpers – ein naher Verwandter des heutigen Asiatischen Elefanten (Elephas maximus). „Zur Zeit des Pleistozäns, vor etwa 700.000 Jahren, lebten in Südostasien Stegodon- und Elefantenherden in überraschender Koexistenz“, erklärt Prof. Dr. Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und fährt fort: „Doch nur der Asiatische Elefant hat bis in die heutige Zeit überlebt – wir sind nun den Gründen hierfür nachgegangen.“
Gemeinsam mit chinesischen Wissenschaftler*innen hat der Tübinger Wissenschaftler fossile, etwa 80.000 Jahre alte Zähne der beiden Rüsselträger aus der südchinesischen Höhle Quzai untersucht. „Wir konnten anhand von Kohlen- und Sauerstoffisotopie im Zahnschmelz der Tiere zeigen, dass sich die Asiatischen Elefanten flexibler ernährten, als Stegodonten“, erläutert Jiao Ma, Erstautorin der Studie von der Chinese Academy of Sciences.
Sogenannte C4-Pflanzen, wie krautige Gewächse in der Savanne, hinterlassen im Gewebe von Pflanzenfressern eine andere Signatur, als Gehölz- oder C3-Pflanzen aus bewaldeten Gebieten.
Diese über Jahrmillionen erhaltenen Signale zeigen, dass Stegodon die Nahrungsaufnahme in dichten Wäldern bevorzugte, während die Asiatischen Elefanten sich sowohl in der Savanne, als auch in den bewaldeten Gebieten ernährten.
„Diese unterschiedliche Ernährungsmethode könnte sowohl eine Erklärung für die parallele Existenz der beiden Rüsseltiere im Pleistozän, als auch einer der Gründe für das Aussterben von Stegodon sein. Während ihres gemeinsamen Auftretens besetzten die Tiere unterschiedliche Nischen und der Konkurrenzdruck war nicht so hoch. Der Asiatische Elefant konnte sich aber aufgrund seiner flexiblen Ernährung besser auf veränderte Umweltbedingungen einstellen – dies war dann wahrscheinlich der ausschlaggebende Faktor für sein Überleben“, schließt Bocherens.
Originalpublikation:
Jiao Ma, Yuan Wang, Changzhu Jin, Yaowu Hu, Hervé Bocherens (2019): Ecological flexibility and differential survival of Pleistocene Stegodon orientalis and Elephas maximus in mainland southeast Asia revealed by stable isotope (C, O) analysis. Quaternary Science Reviews, Volume 212, 2019,
Pages 33-44
https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2019.03.021.

23.04.2019, Max-Planck-Institut für Ornithologie
Fledermäuse hören in 3D
Die Echoortung von Fledermäusen verwendet trotz der unterschiedlichen Anatomie von Augen und Ohren Informationen über dreidimensionale Raumstruktur, wie sie auch der Sehsinn verwendet. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen und der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigen in einer neuen Studie, dass Echos Informationen enthalten, die es den Tieren ermöglichen, verschieden strukturierte Oberflächen voneinander zu unterscheiden. So sticht zum Beispiel eine zappelnde Beute selbst auf einer bewegten Wasseroberfläche für die Fledermäuse akustisch heraus.
Echoortende Fledermäuse haben sich die Nacht zum Tag gemacht. Sie beschallen ihre Umwelt mit lauten Ultraschallrufen und lauschen auf zurückgeworfene Echos. Über tausend Arten an Fledertieren besetzen alle erdenklichen Nahrungsnischen, von Mückenjägern über Nektarschlecker bis hin zu fischenden Fledermäusen. Jagen Fledermäuse nahe vor einem Hintergrund, müssen sie das Beuteecho aus einer Vielzahl zurück reflektierter Echos heraushören – die Nadel im Heuhaufen.
Warum jedoch das Jagen dicht über der Wasseroberfläche, wie es zum Beispiel Wasser- und Teichfledermäuse tun, von Vorteil ist, erklärt Holger Goerlitz, Leiter der Forschungsgruppe Akustische und Funktionelle Ökologie am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen: „Eine glatte, unbewegte Wasseroberfläche wirkt akustisch wie ein Spiegel: Im gleichen Winkel, in dem der Schall auf die Oberfläche trifft, wird er auch reflektiert. In unserem Fall hauptsächlich von der Fledermaus weg, da sie schräg nach unten-vorne aufs Wasser ruft. Ein treibendes Insekt reflektiert Schall jedoch direkt zur Fledermaus zurück, als ein einzelnes auffälliges Beuteecho inmitten von Stille.“ Aber was passiert, wenn die Wasseroberfläche nicht spiegelglatt ist? Fledermäuse jagen schließlich auch bei Wind und Regen oder über fließenden Gewässern.
Viele aquatische Räuber wie Egel, Spinnen oder Amphibien können die dreidimensionale Struktur von Wasserwellen wahrnehmen und sie so von Beute unterscheiden. Für Lutz Wiegrebe vom Biozentrum der Ludwig-Maximilians-Universität drängte sich die Frage auf, ob echoortende Fledermäuse diese Leistung nur mit dem Hörsinn erbringen – eine echte Herausforderung. Denn es muss erst über den Vergleich der eingehenden Signale an linkem und rechtem Ohr errechnet werden, aus welcher Richtung der am Trommelfell beider Ohren eintreffende Schall ursprünglich kommt: „Kommt ein Geräusch von links, trifft es am linken Ohr lauter und früher ein als am rechten“ sagt Leonie Baier, Erstautorin der Studie. „Und kommt ein Geräusch von vorne, klingt es minimal anders als von hinten. Dafür sorgen die Ohrmuscheln.“ Fledermäuse berechnen auch Entfernungen: „Je mehr Zeit zwischen Aussenden des Rufs und Empfangen des Echos verstreicht, desto weiter weg ist das angepeilte Ziel“, so Leonie Baier.
Um nun der Frage nach der Wahrnehmung räumlicher Struktur auf den Grund zu gehen, brachte Baier ihren Fledermäusen bei, eine glatte Oberfläche von einer geriffelten Oberfläche zu unterscheiden – im Dunklen, also nur mit Hilfe von Echoortung. Es zeigte sich, dass die Tiere sehr viel besser darin waren, geriffelte Oberflächen zu detektieren, wenn diese eine hohe Raumfrequenz, also viele Wellen auf enger Fläche hatten. Dann konnten sie sogar Wellen von nur etwa ein bis zwei Millimeter Höhe wahrnehmen. War die Raumfrequenz jedoch sehr niedrig, also nur wenige Wellen auf der gesamten Fläche abgebildet, konnten die Tiere keinen Unterschied zwischen der glatten und der geriffelten Fläche feststellen, selbst wenn die Wellen über drei Zentimeter hoch waren. Im Vergleich mit natürlichen Gegebenheiten deuten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse so, dass sanfte Hintergrundwellen, wie sie durch Wind entstehen, für die Fledermäuse praktisch unsichtbar sind. Im Gegensatz dazu sticht eine in den Wellen zappelnde Beute ins Auge – oder besser gesagt, ins Ohr.
„Vergleicht man die Empfindlichkeit der Echoortung für Raumfrequenzen mit der des menschlichen Sehsinns, ergeben sich erstaunliche Parallelen“, erklärt Lutz Wiegrebe. Da sich aber die Anatomie von Auge und Ohr grundlegend unterscheiden, begaben sich die Forscher auf die Suche nach dem Mechanismus, der hinter der Leistung der Fledermäuse stecken könnte. Am Computer simulierten sie die neuronale Aktivität, wie sie im Hörnerv der Tiere vorliegt. Tatsächlich fanden sie, dass die Echos jede Menge Information enthalten, um verschieden strukturierte Oberflächen voneinander zu unterscheiden. Holger Goerlitz fasst zusammen: „Wir konnten zeigen, dass bloße physikalische Eigenschaften von Oberflächenstrukturen dem Hörsystem Informationen zur Verfügung stellen, wie sie auch das visuelle System verwendet, um Rauminformation zu verarbeiten.“
Originalpublikation:
A. Leonie Baier, Lutz Wiegrebe & Holger R. Goelitz (2019). Echo-Imaging Exploits an Environmental High-Pass Filter to Access Spatial Information with a Non-Spatial Sensor. iScience (open access, DOI 10.1016/ j.isci.2019.03.029

23.04.2019, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Feldversuch mit Neonicotinoiden: Honigbienen sind deutlich robuster als Hummeln
Das Insektengift Clothianidin wirkt im Freiland bei verschiedenen Bienenarten unterschiedlich: Während das Mittel keine nachweisbaren negativen Folgen für Honigbienen hat, stört es das Wachstum von Hummeln und bedroht das Überleben ganzer Völker. Beide Arten werden durch das Insektizid aber nicht anfälliger für Krankheiten, wie ein bislang weltweit einmaliger Feldversuch in Schweden zeigt. Über neue Erkenntnisse des Projekts berichtet ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“.
Die Daten der Studie stammen von einem einzigartigen Forschungsprojekt in Südschweden: 2013 wurden dafür 96 Honigbienenvölker an Rapsfeldern angesiedelt, bei denen die Samen der Pflanzen zuvor entweder mit dem Neonicotinoid Clothianidin behandelt wurden oder nicht. Die Forscher beobachteten genau, wie sich die Völker entwickelten, suchten nach typischen Krankheitserregern und analysierten auch den von den Honigbienen eingesammelten Pollen. Ein Jahr später wurde der Versuch dann noch einmal mit einem Teil der Honigbienenvölker des ersten Versuchsjahrs wiederholt. „Die meisten vorherigen Studien zu den negativen Folgen von Neonicotinoiden auf Bienen fanden im Labor statt. Das Projekt sollte die Frage klären, ob sich die Ergebnisse aus dem Labor auch im Feld bestätigen lassen“, sagt die Erst-Autorin der Studie Julia Osterman, die am Institut für Biologie der MLU und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) promoviert wird. Geleitet wurde das Großprojekt von Dr. Maj Rundlöf von der Universität Lund in Schweden.
Bereits 2015 sorgte das Forscherteam mit einer ersten Veröffentlichung im Fachblatt „Nature“ für Aufsehen, in der es vor allem die negativen Folgen des Insektengifts für Wildbienen beschrieb. In der neuen Studie erweitert das Team die vorangegangenen Erkenntnisse nun um zahlreiche Details. Ein Schwerpunkt der neuen Studie, sowie einer parallel laufenden Studie zu Hummeln, war die Frage, ob Hummeln und Honigbienen durch Pflanzenschutzmittel anfälliger für Krankheiten werden können. Hierfür fanden die Forscher jedoch keine Belege. Stattdessen machten sie in den Völkern, die neben dem mit dem Insektengift behandelten Raps platziert worden waren, weniger Krankheitserreger aus. Die Analyse ihres Pollens belegte aber, dass die Honigbienenvölker mit Clothianidin in Kontakt gekommen waren, während der von den Kontrollvölkern gesammelte Pollen fast keine Spuren des Neonicotinoids aufwies.
Auch die Größe der Honigbienenvölker blieb konstant. „Honigbienenvölker können wohl aufgrund von ihrer enormen Größe negative Auswirkungen auf individuelle Bienen deutlich besser kompensieren als Solitärbienen oder Hummeln“, sagt Osterman. Anders sah die Sache für Hummeln aus: Lebten diese in der Nähe von mit Clothianidin behandelten Feldern, waren ihre Nachkommen nicht nur deutlich kleiner, die Völker brachten auch wesentlich weniger Königinnen und männliche Drohnen hervor. „Da bei Hummeln nur die neugeborenen Königinnen überwintern, ist der negative Einfluss auf deren Anzahl besonders besorgniserregend“, erklärt Dimitry Wintermantel vom Französischen Institut für Agrarwissenschaften INRA, der ebenfalls maßgeblich an der neuen Studie beteiligt war.
Die neuen Ergebnisse bestätigen nicht nur die Analysen der ursprünglichen Feldstudie. Sie zeigen den Forschern zufolge auch die Bedeutung von Versuchen an Wildbienen für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Gleichzeitig lege die Studie nahe, dass es schwierig sein kann, Ergebnisse aus Laborversuchen auf reelle Bedingungen im Feld zu übertragen. Beides könnte bedeuten, dass die Risikobewertung für Pflanzenschutzmittel möglicherweise geändert werden müsste. Aufgrund ihrer bienenschädlichen Wirkung hat die Europäische Union 2018 den Einsatz von drei von fünf Neonicotinoiden, darunter auch Clothianidin, im Freiland innerhalb der EU verboten. Deshalb müssen Bauern nun auf alternative Pflanzenschutzmittel zurückgreifen. „Allerdings ist noch unklar, inwiefern Bienen von diesen beeinflusst werden und wie sich der Anbau von Massentrachten, wie Raps, in Europa aufgrund des Verbotes verändert“, so Osterman abschließend.
Weitere Studien zum Thema:
Rundlöf et al. Seed coating with a neonicotinoid insecticide negatively affects wild bees. Nature (2015). doi: 10.1038/nature14420
Wintermantel et al. Field-level clothianidin exposure affects bumblebees but generally not their pathogens. Nature Communications (2018). doi: 10.1038/s41467-018-07914-3
Originalpublikation:
Osterman et al. Clothianidin seed-treatment has no detectable negative impact on honeybee colonies and their pathogens. Nature Communications (2019). doi: 10.1038/s41467-019-08523-4

23.04.2019, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Deutschland sucht die Nachtigall
Das vom Museum für Naturkunde Berlin initiierte Citizen Science Projekt „Forschungsfall Nachtigall“ erforscht ab April 2019 deutschlandweit den Gesang der Nachtigallen. Singt die Nachtigall in Dialekten, gibt es regionale Unterschiede? Welche Brutstätten bevorzugt sie und welche Sehnsüchte verbinden Menschen mit dem Nachtigall-Gesang? Das Bürgerforschungsprojekt ruft daher Menschen in ganz Deutschland auf, Nachtigallen in ihrer Umgebung aufzunehmen und mit automatischer Orts- und Zeitangabe mit der Datenbank des Projekts zu teilen. Dazu benötigt man die vom Museum für Naturkunde Berlin entwickelte kostenfreie App „Naturblick“.
Über 1100 zumeist Berliner Bürgerinnen und Bürger haben im Frühjahr 2018 bereits die Liebeslieder der in der Hauptstadt vorkommenden Nachtigallen dokumentiert. So kamen über 2000 neue Strophentypen zu dem bisher wissenschaftlich bekannten Gesangsrepertoire hinzu, das die Liebeslieder der Nachtigall-Männchen ausmacht. Doch die Berliner Nachtigallen singen komplexer als gedacht. Um besser zu verstehen, ob nicht nur die Nachtigallen der Hauptstadt so vielseitig singen, benötigen die Wissenschaftlerinnen am Museum für Naturkunde deutschlandweite Gesangsaufnahmen der Nachtigall. Vielleicht trällern Nachtigallen im Süden oder Westen Deutschlands andere Lieder als in Berlin?
Das Bürgerforschungsprojekt „Forschungsfall Nachtigall“ ruft daher Menschen in ganz Deutschland auf, Nachtigallen in ihrer Umgebung aufzunehmen! Wer ein Smartphone besitzt, kann mithilfe der kostenlosen App „Naturblick“ anonym oder mit Pseudonym mit einem Klick Gesänge aufzeichnen und mit automatischer Orts- und Zeitangabe mit der Datenbank des Projekts teilen.
Anhand der Ortsangaben untersuchen die Forscherinnen des Teams dann, ob Nachtigallen anderswo auch wirklich anders singen als die Berliner Vögel, wo und in welchen Lebensräumen sich Nachtigallen in eher ländlichen Gebieten aufhalten und ob sie sich von Licht oder Lärm stören lassen. Die Aufnahmen der Gesänge werden genau analysiert und auf regionale Unterschiede untersucht. Nachtigallen könnten die Anzahl der unterschiedlichen Strophentypen, die Reihenfolge in der diese vorgetragen werden oder Details innerhalb der Strophentypen im Gesang variieren.
Über das Jahr hinweg sind gemeinsam mit den Bürgerforscherinnen und Bürgerforschern eine Vielzahl an Veranstaltungen geplant, um das Phänomen Nachtigall und deren Gesang im kulturwissenschaftlichen Rahmen zu beleuchten. Die Auftaktveranstaltung zum Projekt – die NachtiGala – wird am Abend des 26. April im Dinosauriersaal des Museums für Naturkunde stattfinden. Am 10. Mai findet im Volkspark Friedrichhain das Event „Picknick& Poesie“ statt. Von Ende April bis Anfang Juni wird es jeden Freitag und Samstag eine Mitternachts-Exkursion in einer Berliner Grünanlage geben. Alle Details dazu finden sich hier: https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/museum/veranstaltungen

24.04.2019, Dachverband Deutscher Avifaunisten
Schreiadler überwintert auf Sizilien
Ein aus dem Bestandsstützungsprogramm in Brandenburg stammender junger Schreiadler hat den vergangenen Winter auf Sizilien verbracht. Es ist die erste Überwinterung eines besenderten Schreiadlers dort. Weitere Überwinterungen von Schreiadlern sind aus der Region unbekannt und dürften – wenn überhaupt – sehr selten sein. Üblicherweise überwintern Schreiadler im südlichen Afrika.
Der junge Adler befindet sich aktuell auf dem Heimzug ins Brutgebiet und hat in den letzten Tagen Norditalien erreicht. In Südtirol wurde er zuletzt nahe der österreichische Grenze geortet. Der Schreiadler trägt einen Sender mit extremer Sendeleistung von bis zu einer GPS-Ortung pro Sekunde. In den kommenden Tagen könnte er eventuell auch über das östliche Süddeutschland fliegen.
Die Routen einiger anderer besenderter Schreiadler, sowie auch den Weg des bekannten Schelladlers Tönn, können http://birdmap.5dvision.ee/DE/ abgerufen werden. Tönn hielt sich in diesem Frühjahr nur ganz kurz am 24. und 25. März in Deutschland auf und zog grob entlang einer Linie vom Dreiländereck bei Basel über München und Bad Füssing. Seit Anfang April hält er sich wieder im Brutgebiet in Estland auf. Neben besenderten Greifvögeln können auf der genannten Homepage auch die Zugwege mehrerer Rohrdommeln, Schwarzstörche und Kraniche verfolgt werden.

25.04.2019, Veterinärmedizinische Universität Wien
Was Hasen Bauchweh macht
Immer häufiger werden beim Europäischen Feldhasen Erkrankungen des Verdauungstrakts festgestellt. Der Grund sind oftmals Veränderungen der aus Mikroorganismen bestehenden Darmflora, dem sogenannten Mikrobiom. Über die Ursachen dafür war bisher wenig bekannt. Eine soeben erschienene Studie der Vetmeduni Vienna zeigt nun erstmals, dass für die Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien lebensraumbedingte Umweltfaktoren verantwortlich sein könnten.
Das Forschungsteam der Vetmeduni Vienna, welches aus Forschern des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie (Gabrielle Stalder) unter Beteiligung zweier Abteilungen des Instituts für Lebensmittelsicherheit, Lebensmitteltechnologie und öffentliches Gesundheitswesen (Arbeitsgruppen Evelyne Mann-Selberherr und Beate Pinior) besteht, untersuchte im Rahmen der Studie Mikrobiota von drei verschiedenen Hasenpopulationen, die an unterschiedlichen Orten leben.
Umweltfaktoren beeinflussen die Darmflora von Hasen
Wie die Ergebnisse zeigen, haben die geographische Lage und damit potentiell verbundene Umweltfaktoren einen erheblich größeren Einfluss auf die Zusammensetzung der Mikrobiota als Wirtsfaktoren. Dazu Studienleiterin Gabrielle Stalder vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna: „Die vorliegende Pilotstudie ist von großer wissenschaftlicher Bedeutung, da sich aus den Ergebnissen neue Hypothesen ableiten lassen, welche eine Erklärung dafür geben, welche Populationsschwankungen die Darmgesundheit bei Feldhasen zur Folge haben kann. Unser Ziel war es, eine breite Basis zu schaffen, um Hypothesen an der Schnittstelle von Darmgesundheit und Landnutzung in Bezug auf den Europäischen Feldhasen und potentiell anderer Arten zu generieren, die von einer schnellen Änderung oder intensiven Nutzung ihres Lebensraums betroffen sind. Dabei handelt es sich um Informationen, die bisher fehlten, aber sehr wichtig sind, um zu verstehen, wie sich Umweltfaktoren auf das Mikrobiom und damit auf die Gesundheit von Europäischen Feldhasen und generell von Wildtieren auswirken können.“
Der Europäische Feldhase – weit verbreitet, aber regional bedroht
Der Europäische Feldhase (Lepus europaeus) ist eine weit verbreitete und wichtige Wildtierart in ganz Europa. Trotz der Einstufung ihres Populationsstatus als „am wenigsten besorgniserregend“ durch die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN, International Union for Conservation of Nature) wurde in den letzten 50 bis 60 Jahren ein mancherorts signifikanter Populationsrückgang festgestellt, der zu einem „nahezu bedrohten“ oder „bedrohten“ Status auf nationalen Roten Listen führte. Eine Reihe von Faktoren wie ungünstige klimatische Bedingungen, Fressfeinde sowie mehrere Krankheitsepidemien haben zu dieser unerfreulichen Entwicklung beigetragen. Die wahrscheinlich größte Bedrohung für diese Art ist jedoch die intensive moderne Landwirtschaft – eine Vermutung, die nun in der Studie der Vetmeduni Vienna Anhaltspunkte findet.
„Die Fragmentierung von Lebensräumen, die Mechanisierung der Landwirtschaft, Monokulturen, die unvorhersehbare Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln sowie die Verwendung von Pestiziden und Düngemitteln könnten sich auf Arten wie den Europäischen Feldhasen besonders stark auswirken, da sie sich bei der Auswahl ihrer Nahrung auf wenige, sehr energiereiche Pflanzenarten beschränken. Darüber hinaus ist bekannt, dass Hasen sehr empfindlich auf Futterveränderungen und -ungleichgewichte reagieren, was eine Störung der Darmflora und Magen-Darm-Erkrankungen zur Folge hat, die sogar zum Tod führen können“, so Gabrielle Stalder.
Bakterien im Darm: Wichtig für die Gesundheit von Wirbeltieren
Jüngste Forschungen in der Human- und Veterinärmedizin haben gezeigt, wie sehr das Mikrobiom, also die Zusammensetzung aller Mikrobiota im Darm, die Gesundheit ihres Wirtstieres beeinflussen. So ist beispielsweise bekannt, dass eine Vielzahl spezifischer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Körperzustand, Genetik und Wirtsphylogenie die Mikrobiota in einem Individuum prägen. Außerdem wirken sich Umweltfaktoren wie Lebensstil, Ernährung, Klima und Lebensraumbedingungen sowie Änderungen in der Landnutzung auf die mikrobielle Zusammensetzung im Gastrointestinaltrakt aus. Dieses von Haus- und Labortieren bekannte Wissen kann jedoch nicht ohne weiteres auf wildlebende Tiere übertragen werden. Die vorliegende Studie der Vetmeduni Vienna liefert deshalb einen wesentlichen Beitrag, um das Mikrobiom von Wildtieren besser zu verstehen.
Originalpublikation:
Der Artikel „Gut microbiota of the european Brown Hare (Lepus europaeus)“ von G. L. Stalder, B. Pinior, B. Zwirzitz, I. Loncaric, D. Jakupović, S. G. Vetter, S. Smith, A. Posautz, F. Hoelzl, M. Wagner, D. Hoffmann, A. Kübber-Heiss und E. Mann wurde in Scientific Reports veröffentlicht.
https://www.nature.com/articles/s41598-019-39638-9

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