27.07.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Gefährdete Schreiadler
Kurze Jagdwege für mehr Küken: aufwendiges Artenschutzprojekt zeigt erste Erfolge
„Tjüück, Tjüück“ – mit diesem typischen Ruf eines Schreiadlers nähert sich ein Adlermännchen seinem Horst. Im Hakenschnabel eine tote Maus, die er ins Nest fallen lässt. Das Weibchen zerteilt die Beute in mundgerechte Stücke, damit ihr Jungvogel sie gut schlucken kann: Schreiadlerpaare sind fürsorgliche Eltern. Oft müssen beide Partner gleichzeitig auf Beutejagd gehen, um den Nachwuchs satt zu bekommen. Dann bleibt das Nest schutzlos zurück – eine Einladung für Fressfeinde: „Für Habicht, Marder oder Waschbär sind die wehrlosen kleinen Adler ein willkommener Happen“, sagt Andrea Andersen, Leiterin des Projekts „Gemeinsam für den Schreiadler“ im Nationalen Artenhilfsprogramm (nAHP).
Das Überleben des Kükens ist nur dann gesichert, wenn immer ein Elternteil am Horst Wache hält. Genau hier setzt das Verbundprojekt der Deutschen Wildtier Stiftung, der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe und der Stiftung Umwelt und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern an: Es wertet Nahrungs- und Brutgebiete so auf, dass die seltenen Greifvögel direkt im Umfeld ihres Nestes ausreichend Nahrung finden. Wenn die Adler keine weiten, zeitraubenden Flüge mehr auf sich nehmen müssen, kann ein Elternvogel stets beim Küken bleiben und Fressfeinde erfolgreich vertreiben. Das Projekt wird im Rahmen des Nationalen Artenhilfsprogramms durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) gefördert.
Damit die Elternvögel kurze Wege bei der Nahrungssuche haben, beraten Mitarbeiter aus dem Projekt Landwirtinnen und Landwirte in der Nähe von Brutwäldern: Wie lässt sich Grünland naturnah und schreiadlerfreundlich bewirtschaften und welche Förderprogramme stehen für einen finanziellen Ausgleich der Maßnahmen zur Verfügung? Ein bewährtes Mittel ist die sogenannte Staffelmahd: Ein Teil der Wiese wird kurz gemäht, ein anderer bleibt hoch stehen und dient Kleinsäugern, Amphibien und Reptilien als Rückzugsraum. „Verlässt nun etwa eine Maus ihr Versteck, kann der Adler, der ein geschickter Bodenjäger ist, sie mühelos zu Fuß jagen und in sein nah gelegenes Nest tragen“, sagt Andersen. Durch die Staffelmahd gelangt der Schreiadler leichter an Beute – ein einfacher, aber wirkungsvoller Beitrag zum Schutz der Art.
Auch ehrenamtliches Engagement trägt wesentlich zum Erfolg bei: Freiwillige kontrollieren regelmäßig Nester und Bruterfolg der Schreiadler und melden Gefahren wie störende Forstarbeiten frühzeitig. Gegen natürliche Feinde jedoch sind selbst sie oft machtlos: Sechs Küken wurden im vergangenen Jahr trotz aller Schutzbemühungen Opfer von Beutegreifern.
Solche Verluste wiegen schwer, und die aktuellen Zahlen aus dem Nationalen Artenhilfsprogramm zeigen, wie fragil der gesamte Bestand und die Anzahl der ausgeflogenen Jungvögel sind: Bei rund 130 Brutpaaren in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verließen insgesamt 65 Jungvögel im vergangenen Jahr das Nest. In Mecklenburg-Vorpommern war das Jahr mit 53 Jungvögeln – 22 Vögel mehr als im Jahr 2024 – ein echter Erfolg. In Brandenburg dagegen lag der Bruterfolg 2025 bei nur 12 Jungvögeln (2024 waren es noch 17).
Ergänzend zur Verbesserung der Lebensräume setzen die Projektpartner daher auch auf das sogenannte Jungvogelmanagement: 2025 sammelten Mitarbeiter der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe 26 Eier aus Nestern ein, um sie in einer Potsdamer Aufzuchtstation künstlich auszubrüten. Drei Küken überlebten die kritische Anfangsphase nicht, die Aufzucht der übrigen Vögel verlief jedoch erfolgreich: Im September können nun 23 gesunde Jungvögel ausgewildert werden. Den langen Weg ins afrikanische Winterquartier müssen sie ohne ihre Eltern bewältigen. Kehren sie in einigen Jahren wohlbehalten zurück, um selbst zu brüten zeigt sich: Die intensive Artenschutzarbeit trägt Früchte.
29.07.2026, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie
Ölkäferlarven duften wie Blüten, um Bienen zu manipulieren
Ein Forschungsteam am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie zeigt, dass die parasitären Larven des Schwarzblauen Ölkäfers Blütenduft verströmen, um Wildbienen anzulocken. So gelangen sie als blinde Passagiere in deren Nester.
Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie und der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat erstmals nachgewiesen, dass Insekten in der Lage sind, Blütendüfte nachzuahmen, um Bestäuber zu manipulieren. Die parasitischen Larven des Schwarzblauen Ölkäfers (Meloe proscarabaeus) locken durch flüchtige Verbindungen, die dem Duftbouquet von Blumen stark ähneln, Wildbienen an. Die Forschenden analysierten den Duft der Larven und stellten fest, dass er aus einer komplexen Mischung von Monoterpenoiden besteht, Duftstoffen, die von sehr vielen Blüten verströmt werden. Verhaltensexperimente zeigten: Bienen reagieren auf den Larvenduft, auch wenn keine Larven sichtbar sind. Die Forschenden konnten zudem nachweisen, dass die Käferlarven die Duftstoffe nicht aus der Umwelt aufnehmen, sondern selbst synthetisieren. Durch genetische Analysen identifizierten sie zwei Cytochrom-P450-Enzyme, die an der Bildung der blütenähnlichen Verbindungen beteiligt sind. Dies ist das erste dokumentierte Beispiel dafür, dass ein Tier Blütenduftstoffe nachahmt, um eine ökologische Interaktion zu manipulieren.
Überleben durch Täuschung
Der Lebenszyklus des Schwarzblauen Ölkäfers ist äußerst spektakulär. Seine winzigen Larven müssen in das Nest von solitären Bienenarten gelangen, um zu überleben. Nur dort können sie sich vom Ei der Biene und den Nahrungsvorräten, die eigentlich für den Bienennachwuchs bestimmt sind, ernähren und weiterentwickeln. Da die Überlebensrate der einzelnen Larven extrem gering ist, legt ein Ölkäfer-Weibchen mehrere Tausend Eier, um die Art zu sichern. Um in ein Bienennest zu gelangen, setzt der Käfernachwuchs auf Täuschung: Als Ansammlung an einem Halm könnte man die orangefarbenen Larven für eine Grasblüte halten. Wie Forschende am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie jetzt herausfanden, ist bei der Strategie, per Bienentaxi das Bienennest zu erreichen, auch chemische Mimikry im Spiel.
Von der Hypothese zum chemischen Detektivspiel
Für das Forschungsprojekt am Schwarzblauen Ölkäfer wurde das Team um Ryan Alam und Tobias Köllner aus der Abteilung Naturstoffbiosynthese durch frühere Forschungsarbeiten inspiriert, die zeigten, dass eine verwandte Ölkäferart derselben Gattung aus Nordamerika, Meloe franciscanus, eine bestimmte Wirtsbienenart anlockt, indem sie die Sexuallockstoffe der Biene nachahmt. „Wir fragten uns, ob der europäische Verwandte, der Schwarzblaue Ölkäfer, dessen Larven sich auf Pflanzen ansammeln und offenbar ein breites Spektrum an Wildbienenarten als Wirte nutzt, eine ähnliche Strategie oder eine völlig andere Form der chemischen Täuschung anwendet“, sagt Studienleiter Tobias Köllner.
Um das Rätsel zu lösen, sammelten die Forschenden zu Beginn des Frühlings Ölkäfer in der Umgebung von Jena und ermöglichten ihnen die Paarung und Eiablage. Nach etwa drei Wochen schlüpften die Larven, und das Team konnte die von ihnen abgegebenen flüchtigen Verbindungen analysieren. Chemische Untersuchungen ergaben, dass die Ölkäferlarven 17 verschiedene Monoterpenoide freisetzen. Dabei handelt es sich um bekannte Blütenaromen, die beispielsweise von Pflaumen- und Kirschblüten verströmt werden. Diese blühen zur selben Zeit, in der die kleinen Ölkäferlarven auf den Bienentransport warten. Verhaltensexperimente im Olfaktometer bestätigten, dass Bienen den Larvenduft gegenüber Kontrollen bevorzugen – selbst wenn die Larven nicht sichtbar waren. Dies beweist, dass die Anlockung primär chemisch erfolgt. Bei Freilandexperimenten, für die das Forschungsteam die isolierten Monoterpenoide auf Wattestäbchen tropfte, um ihre Wirkung auf freilebende Bienen zu testen, konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten, dass Sandbienen der Gattung Andrena den Kopf des Wattestäbchens häufig anflogen. Diese Beobachtung bestätigt noch einmal, dass die flüchtigen Monoterpene ausreichen, um die potenziellen Wirte der Larven anzulocken.
Ölkäferlarven produzieren den Blütenduft selbst
Das Team fragte sich nun, wie die Larven an die blütenduftähnlichen Substanzen gelangten, die ihnen die Reise ins Bienennest ermöglichen sollen: Was dies das Ergebnis einer Aufnahme von Pflanzenstoffen aus der Nahrung oder das Ergebnis einer Übertragung durch die Käfermutter bei der Eiablage? Oder bildeten die Larven die Substanzen selbst? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten weder in den Eiern noch in den Käfern blütenähnliche Monoterpenoide nachweisen. Dem Team gelang es schließlich mittels genetischer Analysen zu zeigen, dass zwei bestimmte Cytochrom-P450-Enzyme in den Larven, CYP347BT1 und CYP345BZ1, die biosynthetischen Vorstufen für die Bildung der blütenähnlichen Substanzen herstellen. Die Larven produzieren die Duftstoffe also de novo und die identifizierten Enzyme sind somit der Schlüssel zur chemischen Täuschung.
Ein neues Paradigma der Mimikry
„Diese Entdeckung beschreibt eine bislang unbekannte Form der Mimikry und erweitert unser Verständnis davon, wie Parasiten chemische Signale nutzen, um andere Lebewesen zu manipulieren“, sagt Erstautor Ryan Alam. Die Studie zeigt erstmals, dass ein Tier chemische Signale selbst herstellt und nutzt, um eine Pflanzenidentität zu imitieren.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass die Larven des Schwarzblauen Ölkäfers die chemische Anziehungskraft von Blüten ausnutzen, um verschiedene Bienenarten parasitieren zu können. „Indem sie eine Ressource imitieren, von der viele verschiedene Wildbienenarten angezogen werden, können die Larven ein breiteres Spektrum potenzieller Wirte erreichen“, sagt Ryan Alam.
Diese Entdeckung veranschaulicht die Komplexität der Beziehungen zwischen Lebewesen: Tiere, die Pflanzensignale nachahmen, um andere Tiere zu täuschen, beeinflussen nicht nur Nahrungsnetze, sondern offenbaren auch die komplexen Kommunikationsstrukturen in natürlichen Ökosystemen.
„Unser nächstes Ziel ist es, den gesamten Biosyntheseweg der Duftstoffe zu entschlüsseln“, sagt Sarah O’Connor, Leiterin der Abteilung Naturstoffbiosynthese. „Dazu wollen wir auch verwandte Käferarten untersuchen, um zu verstehen, wie weit diese Strategie verbreitet ist und wie sie sich im Laufe der Evolution entwickelt hat“.
Originalpublikation:
R.M. Alam, D. Kessler, H. Vogel, K. Luck, A. David, M. Kunert, G. Brehm, M. Kaltenpoth, S.E. O’Connor, & T.G. Köllner,
The floral illusion: A parasitic beetle mimics the scent of flowers to attract bees, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (31) e2602521123, https://doi.org/10.1073/pnas.2602521123 (2026).
https://doi.org/10.1073/pnas.2602521123
29.07.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Nächster Halt Wildbienenparadies
hvv und Deutsche Wildtier Stiftung erhalten Auszeichnung der UN-Dekade für das Projekt „Blühende Haltestellen“
Große Auszeichnung eines Projekts für kleine Bestäuber: Eine Jury des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) und des Bundesamts für Naturschutz (BfN) hat das Hamburger Wildbienenprojekt „Blühende Haltestellen“ als einen von nur drei Gewinnern des UN-Dekade-Projektwettbewerbs zur Wiederherstellung von Ökosystemen ausgezeichnet.
Seit Herbst 2020 verwandeln der hvv und die Deutsche Wildtier Stiftung artenarme Grünflächen rund um U- und S-Bahnhaltestellen in vielfältige Blühflächen für Wildbienen und andere Insekten. Gestartet mit vier Standorten im Jahr 2020 – Burgstraße, Ohlsdorf, Schlump und Sternschanze –, ist das Projekt mittlerweile auf zwölf Haltestellenumfelder in ganz Hamburg angewachsen, von Bergedorf bis Sternschanze. Dort wurden heimische Wildblumen eingesät, Stauden gepflanzt sowie zusätzliche Nist- und Strukturelemente geschaffen. Informationstafeln und Medienarbeit machen die Flächen für Fahrgäste sichtbar und stärken das Bewusstsein für Biodiversität im Alltag.
Das begleitende Monitoring zeigt den ökologischen Erfolg der Blühenden Haltestellen und weiterer Blühflächen der Deutschen Wildtier Stiftung: 2022 und 2024 wurden insgesamt 198 Wildbienen- und Wespenarten nachgewiesen – darunter sind 19 Arten, die auf der Roten Liste der Stechimmen für Deutschland in der Kategorie „gefährdet“ stehen. Das zeigt, dass auch kleine urbane Standorte wichtige Trittsteine im Biotopverbund sind.
„Diese Auszeichnung freut uns riesig und zeigt, welches Potenzial selbst kleine Flächen mitten in der Stadt entfalten können, wenn man sie naturnah gestaltet“, sagt Freya Simonsohn aus dem Hamburger Wildbienenteam der Deutschen Wildtier Stiftung. „Unsere Flächen an den hvv-Haltestellen dienen als Trittsteine zwischen begrünten Balkonen, insektenfreundlichen Gärten, Parks und Friedhöfen – und laden auch Menschen zum Staunen ein.“
Unter den nachgewiesenen Arten gibt es auch eine echte Besonderheit. Auf der Blühfläche am Schlump wurde die Schöterich-Mauerbiene (Osmia brevicornis) gefunden – ein klassischer Klimawandel-Gewinner, der sein Verbreitungsgebiet zunehmend nach Norden ausweitet. 2021 erstmals in Hamburg nachgewiesen, war dieser Fund erst der dritte Nachweis der Art in der Stadt.
„Für den hvv sind die Blühflächen ein Gewinn auf mehreren Ebenen: Sie werten unsere Haltestellenumfelder optisch auf und sie leisten einen echten Beitrag zum Artenschutz mitten in der Stadt. Unsere Haltestellen vernetzen nicht nur Menschen, sondern auch Lebensräume in der Stadtnatur“, sagt Simon Henze von der Schnellbahn-Haltestellenumfeld-Koordination beim hvv. „Die Ergebnisse bestärken uns darin, das Projekt gemeinsam mit der Deutschen Wildtier Stiftung weiter auszubauen.“
Aktuell umfasst das Projekt „Blühende Haltestellen“ zwölf Standorte: Bergedorf, Billstedt, Burgstraße, Hagenbecks Tierpark, Horner Rennbahn, Langenhorn Nord, Mittlerer Landweg, Neugraben, Oldenfelde, Rauhes Haus, Schlump, Sternschanze – teils in Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen wie der Zukunftswerkstatt Lokstedt oder dem Bunten Band Eimsbüttel. Umweltpädagogische Angebote informieren vor Ort zudem über das Projekt und die heimischen Wildbienen. Die Umgestaltung von Flächen in weiteren Haltestellenumfeldern wird gerade vorbereitet. Von Anfang an haben zahlreiche Partner, Förderer und private Spenderinnen und Spender das Projekt „Blühende Haltestellen“ in diesem Umfang möglich gemacht.
30.07.2026, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Spektakulärer Fund: Einblick in die inneren Organe eines Meeressauriers
Ein internationales Forschungsteam hat ein einzigartiges Fossil aus China untersucht und dabei erstmals das Verdauungssystem eines langhalsigen Meeresreptils entschlüsselt. Das Tier lebte vor 245 Millionen Jahren in den Ozeanen.
Wissenschaftler aus China, Europa und den USA, darunter Dr. Stephan Spiekman, Paläontologe am Naturkundemuseum Stuttgart und an der Universität Hohenheim, haben ein bemerkenswertes Fossil des langhalsigen Meeresreptils Austronaga minuta aus China beschrieben. Obwohl dieser Saurier, der vor rund 245 Millionen Jahren lebte, von landlebenden Reptilien abstammt, war er bereits hervorragend an das Leben im Wasser angepasst. Das fast vollständig erhaltene Fossil ermöglicht erstmals einen detaillierten Blick auf das gesamte Skelett und große Teile des Verdauungssystems dieses urzeitlichen Tieres. Mithilfe moderner Analysemethoden konnten verschiedene innere Organe wie Magen, Leber und Darm eindeutig identifiziert werden. Damit handelt es sich um das bislang älteste bekannte Beispiel eines weitgehend vollständigen Verdauungssystems bei einem Reptil. Die Forschungsergebnisse zu diesem außergewöhnlichen Fund wurden nun in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.
Frühe Anpassungen an das Leben im Wasser:
Langhalsige Meeresreptilien waren in den Meeren des heutigen Chinas zur Zeit der Trias keine Seltenheit, von mehreren Arten sind Fossilien bekannt. Doch das Fossil von Austronaga minuta ist in vielerlei Hinsicht besonders. Das Tier war mit nur 60 Zentimetern Länge zwar recht klein, besaß aber einen auffallend langen Hals und einen langen Schwanz. Beeindruckend ist vor allem, wie gut Austronaga an das Leben im Wasser angepasst war: Er nutzte seinen langen Schwanz als Antrieb, die verlängerten, flossenähnlichen Vorderbeine dienten zum Steuern und Stabilisieren. Die Hinterbeine hingegen waren stark verkürzt und beim Schwimmen kaum noch wichtig. Diese ungewöhnliche Körperform ist überraschend, denn Austronaga ist eng verwandt mit landlebenden Reptilien, den sogenannten Archosauriern, zu denen auch Krokodile und Dinosaurier gehören. Die meisten anderen bekannten Meeresreptilien mit vergleichbarer Schwimmtechnik – wie die Ichthyosaurier oder die riesigen Mosasaurier – stammen dagegen aus ganz anderen Reptiliengruppen.
„Die Archosaurier und ihre Vorfahren waren zur Zeit der Dinosaurier die artenreichste Gruppe der Landreptilien, doch wir gingen stets davon aus, dass ihre Anpassung an das Leben im Meer begrenzt war. Die Entdeckung von Austronaga zeigt jedoch, dass frühe Vertreter dieser Linie bereits komplexe Anpassungen an das Leben in den Ozeanen entwickelt hatten – vergleichbar mit denen anderer, bekannterer Gruppen fossiler Meeresreptilien“, so Dr. Stephan Spiekman, Spezialist für langhalsige Meeresreptilien und Co-Autor der Studie.
Einzigartiger Blick ins Innere eines Meeressauriers:
Zwischen den Rippen des Fossils stießen die Forschenden auf dunkle Flecken, die sich bei genauerer Untersuchung als Überreste des Verdauungstraktes herausstellten, was wissenschaftlich von besonderer Bedeutung ist. Mithilfe verschiedener Untersuchungsmethoden, darunter UV-Licht-Fotografie und Massenspektrometrie, konnten die Forschenden erstmals mehrere innere Organe eindeutig identifizieren.
„Im Vergleich zur hochspezialisierten Körperform von Austronaga scheinen seine inneren Organe weniger verändert zu sein. Zu den erhaltenen Organen gehören ein großer, sackartiger Magen im vorderen Bereich, gefolgt von einer auffallend roten Leber, in der noch Spuren des Blutfarbstoffs Hämoglobin nachweisbar sind. Dahinter befindet sich ein langer, einfacher Schlauch, der den Dünn- und Dickdarm bildet. Die Gesamtanordnung zeigt, dass das Verdauungssystem von Austronaga relativ einfach aufgebaut war“, sagt Dr. Wei Wang, Hauptautor der Studie und Experte für Meeresreptilien am Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking. „Dieses Fossil ist das älteste bekannte Beispiel für ein weitgehend vollständiges Verdauungssystem eines Reptils.“
„Während heutige Vögel und Krokodile einen zweigeteilten Magen besitzen, hatte Austronaga nur eine einzelne Magenkammer. Das zeigt, dass die Mägen der Archosaurier zunächst recht einfach strukturiert waren und sich erst später im Laufe der Evolution weiterentwickelten“, erklärt Dr. Nick Fraser von den National Museums Scotland, einer der Autoren der Studie. „Auffällig ist auch, dass Austronaga über einen recht kurzen und unkomplizierten Verdauungskanal verfügte – ganz ähnlich wie ihn heutige fischfressende Reptilien besitzen.“
Weitere Forschung zur Evolution und Ökologie der Meeresreptilien:
Diese Studie wurde von Forschern des Instituts für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking (China), der National Museums Scotland (UK), des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart und der Universität Hohenheim, des Field Museums in Chicago (USA), des Luoping Biota National Geoparks (China) und der Universität Zürich durchgeführt. Sie ist Teil einer umfassenden Analyse der Frühgeschichte moderner Reptiliengruppen und ihrer Vielfalt in den Meeren der Trias. Die Forscher hoffen, in Zukunft weitere bedeutende Entdeckungen zu machen, die Aufschluss über die Evolutionsgeschichte der Meeresreptilien und ihrer landlebenden Verwandten geben werden.
Das Fossil befindet sich in Peking.
Originalpublikation:
Wei Wang, Nicholas C. Fraser, Stephan N. F. Spiekman, Zhiheng Li, Olivier Rieppel, Hong Lei, Torsten M. Scheyer and Chun Li: Highly aquatic marine stem archosaur with soft tissue preservation, Science Advances.
DOI: 10.1126/sciadv.aeb7528
Publikationsdatum: 29.07.2026
http://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aeb7528
31.07.2026, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Amöben als Tunnelbaumeister
Forschende aus Jena, Cambridge und Bengaluru entdecken besonderen Kommunikationsweg bei sozialen Amöben – und einen möglichen Baustein bei der Evolution komplexer Lebensformen
Wie kommunizieren Einzeller miteinander? Welche Kanäle nutzen sie, wenn Gefahr droht? Ein internationales Forschungsteam des Leibniz-HKI und des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“ der Universität Jena konnte nun erstmals einen besonderen „direkten Draht“ bei sozialen Amöben nachweisen: winzige Membrantunnel, die benachbarte Zellen miteinander verbinden. Diese „Nano-Pipelines“ dienen den Mikroben als Kommunikations- und Transportsystem für wichtige Zellbestandteile – ein potenzielles „Erste-Hilfe-Netzwerk“. Die kürzlich im Fachjournal PNAS Nexus erschienene Studie liefert damit neue Hinweise darauf, wie sich aus einzelnen Zellen komplexe vielzellige Organismen wie Pflanzen, Tiere und Menschen entwickelt haben könnten.
Soziale Amöben sind faszinierende Naturkünstler: Meist leben sie als eigenständige Einzeller im Boden. Wenn die Nahrung knapp wird, schließen sie sich jedoch zu mehrzelligen Fruchtkörpern zusammen. Deren Sporen können ähnlich wie die Samen eines Löwenzahns an neue, nahrungsreichere Orte gelangen. Bisher gingen Expertinnen und Experten davon aus, dass sich die Mikroorganismen dabei vor allem über chemische Botenstoffe verständigen, die sie in ihre Umgebung abgeben – vergleichbar mit einer Flaschenpost im Ozean.
Kommunikationssystem aus Nanoröhren
Ein Team des Jenaer Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie (Leibniz-HKI) und des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat in Kooperation mit Forschungsteams aus Cambridge (UK) und Bengaluru (Indien) nun entdeckt, dass Amöben zusätzlich eine Art direkte Tunnelleitung nutzen. Mithilfe hochauflösender Live-Mikroskopie wiesen die Forscher bei Amöben sogenannte „Tunneling Nanotubes“ (TNTs) nach. Diese winzigen Membranschläuche können mehr als 200 Mikrometer lang werden, was für eine Amöbe einer enormen Langstreckenverbindung entspricht.
„Die mikroskopischen Tunnelleitungen auf Bildern festzuhalten, war für uns eine echte technische Herausforderung“, sagt der Erstautor der Studie, Dr. Harikumar R. Suma. „Amöben sind wahrlich keine Fans heller Lichtquellen und bewegen sich bei Beleuchtung rasch davon. Dadurch reißen die Tunnelverbindungen schnell ab und sind nur für wenige flüchtige Momente sichtbar. Wir mussten bei der Beobachtung also mit den flinken Zellen Schritt halten.“
Tunnel-Netzwerk im Stresstest
Besonders überraschend war die Reaktion der Amöben im Stresstest. Dafür beeinträchtigten die Forschenden gezielt das innere Zellgerüst, das den Zellen Form und Beweglichkeit verleiht und zugleich die Nanoröhren stabilisiert. Doch der Tunnelbau kam bei geschwächtem Zellskelett nicht etwa zum Erliegen. Im Gegenteil: Die Amöben bildeten rund 25-mal so viele Tunnel wie unter normalen Bedingungen.
Im Inneren des Tunnelsystems beobachteten die Forschenden eine wertvolle zelluläre Fracht: Mitochondrien, die „Kraftwerke der Zellen“, und andere Zellbestandteile. Auch im Stresstest war zu sehen, wie diese Fracht zwischen benachbarten Zellen transportiert wurde. „Dieses Verhalten erinnert an eine Art zelluläres Erste-Hilfe-Netzwerk“, erklärt Suma. „Die Amöben scheinen die Tunnelverbindungen zu nutzen, um wichtige Zellbestandteile weiterzugeben. Welche Rolle dieser Transportmechanismus unter Stress genau spielt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.“
Spurensuche in der Evolution der Zellkommunikation
Die Ergebnisse, die im Fachjournal PNAS Nexus erschienen sind, reichen weit über die Mikrobiologie hinaus. Bislang kannte man solche oder ähnliche Tunnelverbindungen vor allem aus Zellen von Säugetieren und Bakterien. Dass nun auch vergleichsweise ursprüngliche Einzeller wie Amöben diese Technik beherrschen, liefert neue Hinweise auf frühe Formen der Zellkommunikation.
„Damit sich im Laufe der Evolution vielzelliges Leben entwickeln konnte, mussten einzelne Zellen lernen, eng miteinander zu kooperieren“, erläutert Prof. Pierre Stallforth, Professor für Bioorganische Chemie und Paläobiotechnologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Leiter der Paläobiotechnologie am Leibniz-HKI. „Die Nanoröhren der Amöben zeigen uns einen direkten Mechanismus, der eine solche Zusammenarbeit bei der Entstehung von Vielzelligkeit ermöglicht haben könnte.“
Originalpublikation:
Harikumar R Suma, Robert R Kay, Sandeep M Eswarappa, Pierre Stallforth, Nanotubes enable intercellular communication in early-branching eukaryotes, PNAS Nexus, Volume 5, Issue 7, July 2026, pgag238, https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgag238

