08.09.2026, NABU
Luftakrobat oder Liebessymbol: Wahl zum Vogel des Jahres 2027 gestartet
Fünf Vögel wollen Nachfolger des Rebhuhns werden
Am 8. September haben der NABU und sein bayerischer Partner LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) wieder die öffentliche Wahl zum Vogel des Jahres gestartet. Alle können mitmachen und entscheiden, wer 2027 die Krone der Vogelwelt tragen soll. Dabei sind Kolkrabe, Kranich, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Wasseramsel. „Die Kandidaten zeigen, wie vielfältig unsere Vogelwelt ist: Trauerschnäpper und Mehlschwalbe ziehen im Winter nach Afrika, der Kranich nur eine kurze Strecke Richtung Süden, Kolkrabe und Wasseramsel leben ganzjährig bei uns“, sagt NABU-Vogelschutzexperte Martin Rümmler. „So unterschiedlich sie leben, jeder der Kandidaten bringt ein wichtiges Naturschutzthema mit, das unsere Aufmerksamkeit braucht – darum hat jeder der fünf es verdient, gewählt zu werden.“
Der Kolkrabe (Corvus corax) ist aus vielen Märchen und Mythen bekannt. Der besonders intelligente und soziale Vogel gilt als Götterbote, Lichtbringer und Vermittler zwischen den Welten. Da die Paare ein Leben lang zusammenbleiben, wird er auch als Vogel der Treue bewundert. Weil manche Menschen ihn nicht mögen, ist sein Leben durch Abschüsse und Vergiftungen bedroht. Männchen und Weibchen sind kaum zu unterscheiden. Beide haben schwarz glänzendes Gefieder, einen dicken Schnabel und die Körpergröße eines Bussards. Der Kolkrabe ist damit der größte Singvogel der Welt. Sein Slogan: „Schwarze Federn, helles Köpfchen!“
Mit seinem typischen Trompeten stellt sich der Kranich (Grus grus) zur Wahl. Der Zugvogel ist in vielerlei Hinsicht ein spektakulärer Kandidat. Mit bis zu 116 Zentimetern Körperhöhe ist er größer als ein Weißstorch. Seine eleganten Balztänze im Frühjahr und sein Zug in großen Keilformationen im Herbst sind Naturschauspiele, die jedes Jahr viele Menschen faszinieren. In vielen Ländern gilt er als Symbol für Glück, Liebe und Frieden. Weil er Feuchtgebiete zur Rast und Brut braucht, lautet sein Slogan: „Allzeit nasse Füße!“
Die Mehlschwalbe (Delichon urbicum) hat als Insektenfresser und Gebäudebrüter gleich zwei Probleme, die ihren Bestand gefährden: Durch den Insektenschwund hat sie weniger Nahrung zur Verfügung. Zudem werden ihre Nistplätze, Halbkugeln aus Lehm, die sie an die Außerseite von Häusern baut, oft entfernt, etwa bei Gebäudesanierungen. Die Mehlschwalbe ist laut Roter Liste gefährdet. Ihr Wahlkampfslogan lautet: „Auf gute Nachbarschaft!“
Anders als sein Name vermuten lässt, ist der Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) ein munterer Luftakrobat. Er fängt sein Futter oft im Flug von einer Sitzwarte aus. Doch Insekten gibt es immer weniger. Außerdem hat er ein Zeitproblem: Weil der Frühling durch die Klimakrise immer früher beginnt, geht der Trauerschnäpper oft leer aus bei der Suche nach geeigneten Bruthöhlen und Nahrung für seinen Nachwuchs. Wenn er aus seinem Winterquartier südlich der Sahara zurück ist, sind viele Baumhöhlen und Nistkästen schon besetzt und die Insektenentwicklung zum Teil weit vorangeschritten. Auch er ist gefährdet. Sein Slogan: „Mach Tempo fürs Klima!“
Die Wasseramsel (Cinclus cinclus) ist der einzige einheimische Singvogel, der tauchen, schwimmen und sogar unter Wasser laufen kann. Ihr überwiegend braunes Gefieder ist sehr dicht und somit perfekt an die aquatische Lebensweise angepasst. Sie brütet vor allem in Mittel- bis Süddeutschland in der Nähe von geröllreichen, schnell fließenden Bächen und Flüssen im Wald- und Bergland. Ihr Nest baut sie in der Uferböschung oder in Mauerlöchern. Sie ist das ganze Jahr über zu beobachten und derzeit ungefährdet. Ihr Slogan: „Klarer Bach, klarer Fall!“
Ab 8. September ist das virtuelle Wahllokal unter www.vogeldesjahres.de freigeschaltet. Bis zum 15. Oktober, 11 Uhr, kann abgestimmt werden. Noch am selben Tag wird der Sieger bekanntgegeben. Der „Vogel des Jahres“ wurde in Deutschland erstmals im Jahr 1971 gekürt. Seit 2021 wird er durch eine öffentliche Wahl bestimmt. Der aktuelle Vogel des Jahres ist das Rebhuhn.
Mehr Infos und Stimmabgabe: www.vogeldesjahres.de
Vogelporträts: www.NABU.de/vogelportraets
10.09.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Kormorane, Seetaucher und Adler aus der Menschenaffen-Fundstelle Hammerschmiede
Team der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Universität Tübingen ordnet mehr als elf Millionen Jahre alte Vogelfossilien früherem fischbasierten Nahrungsnetz zu
Die Grube Hammerschmiede bei Pforzen im Ostallgäu ist für ihre reichen Funde bekannt: Neben Fossilien von zwei frühen Menschenaffen wurden dort Überreste zahlreicher Wirbeltierarten aus den 11,6 Millionen Jahre alten Flusssedimenten geborgen – bisher allerdings nur wenige Vögel. Nun hat das Team um Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, den Grabungsleiter der Hammerschmiede Dr. Thomas Lechner sowie Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und dem Tübinger Exzellenzcluster TERRA sechs weitere Vogelarten der Kormorane, Seetaucher und Adler entdeckt und beschrieben, darunter zwei für die Wissenschaft neue Gattungen und Arten. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Swiss Journal of Palaeontology veröffentlicht.
„Vögel gehören zu den seltenen Fossilfunden an der Hammerschmiede. Nur jeder vierzigste Knochenfund gehört dieser Klasse der Landwirbeltiere an, heute ist sie auf der Erde die artenreichste“, berichtet Grabungsleiter Lechner. Bisher konnten die Forscher das Vorkommen von Schlangenhalsvogel, Riesenkranich sowie von mehreren Gänsevögeln belegen, darunter die ungewöhnliche Allgäu-Gans und eine Zwerg-Ente.
Fischfressende Tauchvögel dominieren
Bis heute tauchen Kormorane als Fischfresser an den Küsten der Ozeane und in einigen Binnengewässern nach ihrer Beute. Die neu beschriebene Kormorangattung und -art Bavaricarbo brevirostris (Bayrischer Kurzschnabelkormoran) aus der Hammerschmiede sei der jüngste bekannte Vertreter der ausgestorbenen Stammgruppe der Kormorane, sagt Mayr: „Bei Bavaricarbo sind die Knochen des Oberarms als Teil des Flügels und die Laufbeine anders geformt als bei modernen Kormoranen. Daher konnte Bavaricarbo vermutlich besser als diese fliegen, aber wahrscheinlich nur in flachen Gewässern wie dem Fluss in der Hammerschmiede tauchen.“ Eine zweite Kormoranart aus der Hammerschmiede ist eine noch unbenannte Art in der Größe der heutigen Zwergscharbe (Microcarbo pygmaeus). Kormoranfunde habe es häufiger gegeben, von einem Seetaucher bisher hingegen nur einen Oberarmknochen. „Doch zusammengerechnet mit den ebenfalls häufigen Funden vom Großen Schlangenhalsvogel Anhinga pannonica wird deutlich, dass die Flüsse der Hammerschmiede von fischfressenden Tauchvögeln dominiert wurden“, sagt Böhme.
Ein Adler aus Pforzen
Unter den weiteren Vogelfunden der Hammerschmiede sind häufiger Krallen von Habichtartigen, einer Familie der Greifvögel, zu verzeichnen. „Wir haben einen Laufbeinknochen eines Greifvogels entdeckt, der in wesentlichen Details von heutigen Vertretern abweicht und entfernt an einen Fischadler erinnert“, berichtet Mayr. Der neu entdeckten Gattung gab das Forschungsteam den Namen Mioaetus – „Adler aus dem Miozän“ – und zu Ehren der Gemeinde und der Bürgerinnen und Bürger von Pforzen den Artnamen Mioaetus pforzenensis – Pforzener Miozän-Adler. Die Knochenform des Laufbeins weise darauf hin, dass der Vogel wahrscheinlich eine Flügelspannweite von mehr als einem Meter erreichte und vermutlich ebenfalls ein Fischgreifer war, so Böhme.
Doch es gibt auch andere Ernährungstypen bei den Vogelfunden: Ein kleiner Segler wurde nachgewiesen, Apus cf. gaillardi. ein insektenfressender Dauerflieger. Sein Oberarm hatte eine Länge von lediglich 9,9 Millimetern. Damit war er deutlich kleiner als die heutigen Fahl- und Mauersegler. „Aufgrund der Lebensweise im Dauerflug sind Fossilfunde von Seglern sehr selten“, berichtet Böhme. Dieser Segler sei die 161. Wirbeltierart, die in der Hammerschmiede entdeckt wurde.
Ungewöhnlich große Diversität
Die neuen Ergebnisse deuteten auf besonders komplexe Nahrungsnetze in den Gewässern der Hammerschmiede hin, sagt Böhme. „Die Zahl der fischfressenden Räuber ist an dem miozänen Ökosystem um ein Vielfaches höher als die in heutigen europäischen Binnengewässern.“ Neben den beiden Kormoranarten, dem Schlangenhalsvogel, dem Seetaucher und dem Pforzener Miozän-Adler waren in früheren Studien fünf fischfressende Säugetiere in der Hammerschmiede nachgewiesen worden, drei Otterarten und zwei Robben. Hinzu kamen fischfressende Schildkröten wie die Weichschildkröte und die Schnappschildkröte sowie Salamander wie der bis zu 1,5 Meter lange Riesensalamander. „Nimmt man schließlich noch die Raubfische wie Hecht, Wels und Donau-Lachs hinzu, ernährten die zehn weiteren Fischarten der Hammerschmiede, darunter Grundeln, Schmerlen, Weißfische und Kleinbarsche mindestens 13 bisher identifizierte Fischräuber“, stellt Böhme eine vorläufige Bilanz auf.
Die fischbasierten Nahrungsketten könnten einen Schlüssel bieten, um die mit 161 Arten außergewöhnlich hohe Zahl an Wirbeltieren in der Hammerschmiede zu verstehen, überlegt die Forscherin. „Die fischfressenden Vögel und Otter koten an Land und transferieren damit essenzielle Pflanzennährstoffe wie Stickstoff und Phosphor vom Fluss in die Landschaft“, erklärt sie. „Wie dieser Düngeeffekt die Ökosysteme auf dem Land beeinflusste und ob er die beobachtete hohe Biodiversität verursacht haben kann, ist aktuell Gegenstand der Forschung im Rahmen des Exzellenzclusters TERRA an der Universität Tübingen.“
Originalpublikation:
Gerald Mayr, Thomas Lechner, Madelaine Böhme: A new short-beaked stem group cormorant (Phalacrocoracidae), an unusual new hawk (Accipitridae), a small swift (Apodidae), and other avian remains from the early late Miocene hominid Fossil-Lagerstätte Hammerschmiede, southern Germany. Swiss Journal of Palaeontology, https://doi.org/10.3897/sjp.145.200204
10.09.2026, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft
Käfer mit Geweih gefunden! Mehr als 2.300 Hirschkäfer gemeldet
Die Suche nach Bayerns „Käfer mit Geweih“ war erfolgreich: Im ersten Jahr der neuen Citizen-Science-Aktion der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) gingen bisher 1.905 Meldungen ein. 1.805 Meldungen konnten sicher dem Hirschkäfer zugeordnet werden. Insgesamt wurden dabei 2.338 Hirschkäfer gesichtet.
„Wir sind begeistert von der hohen Beteiligung und der Qualität der Meldungen“, freut sich LWF-Präsident Dr. Peter Pröbstle. „Ohne das Engagement der vielen Helferinnen und Helfer wäre diese Datengrundlage nicht möglich gewesen. Die Ergebnisse zeigen, welchen wichtigen Beitrag Bürgerinnen und Bürger zur Erforschung und zum Schutz unserer heimischen Arten leisten können.“
Juni ist Hirschkäfermonat
Besonders häufig wurden Hirschkäfer im Juni beobachtet: Mehr als die Hälfte aller gemeldeten Tiere entfiel auf diesen Monat. Bereits im Mai waren zahlreiche Käfer unterwegs, im Juli gingen die Beobachtungen deutlich zurück. Auch bei der Tageszeit zeigt sich ein deutliches Muster: Zwar wurden Hirschkäfer über den ganzen Tag hinweg beobachtet, am häufigsten aber in den Abendstunden zwischen 18 und 21 Uhr. Das passt zur bekannten Dämmerungsaktivität der Art.
„Die vielen Meldungen zeigen uns, wann und wo Menschen Hirschkäfern begegnen“, erklärt Anna Kanold von der LWF, die das Hirschkäfermonitoring betreut. „Besonders häufig sind Beobachtungen aus Gärten und Siedlungsbereichen. Dort erhielten wir teilweise sogar Hinweise auf mehrjährige Reproduktionsstätten. Bei der Auswertung müssen wir allerdings berücksichtigen, dass Citizen-Science-Daten auch davon beeinflusst werden, wo Menschen besonders häufig unterwegs sind.“
Hirschkäfer vor der Haustür
Viele Hirschkäfer wurden im unmittelbaren Umfeld des Menschen entdeckt. Rund 43 Prozent der Fundpunkte lagen auf Wohnbauflächen, knapp zehn Prozent im Wald. Insgesamt bestätigen die Meldungen das bisher bekannte Verbreitungsgebiet des Hirschkäfers in Bayern weitgehend. Einzelne Funde außerhalb der bekannten Gebiete sollen in den kommenden Jahren weiterverfolgt werden.
Regentonnen können zur Falle werden
Erfreulich ist: 82 Prozent der gemeldeten Hirschkäfer waren unverletzt. Totfunde gehören dennoch zum natürlichen Lebenszyklus, denn die erwachsenen Käfer leben nur wenige Wochen. Auffällig häufig wurden Hirschkäfer aber auch in Regentonnen und anderen Wasserstellen gefunden. Die LWF bittet deshalb darum, Regentonnen abzudecken oder einfache Ausstiegshilfen für die Käfer anzubringen. Bretter, Äste oder Steine können Käfern und anderen Insekten helfen, sich selbstständig zu retten.
Citizen Science geht weiter
Die LWF bedankt sich bei allen Bürgerinnen und Bürgern, die ihre Beobachtungen und Fotos beigesteuert haben. Jede Meldung verbessert das Wissen über Verbreitung und Lebensräume des Hirschkäfers und unterstützt damit den Schutz dieser besonderen Art. Die nächste Meldesaison startet im Mai 2027. Dann hofft die LWF erneut auf zahlreiche Beobachtungen aus der Bevölkerung.
Weitere Informationen, die Meldeseite sowie das Merkblatt „Hirschkäfer erkennen und schützen“ finden Sie unter: https://www.lwf.bayern.de/hirschkaefer.
09.09.2026, Max-Planck-Institut für Chemie
Düngung schädigt robuste Korallenriffe
• Stress trotz hoher Resilienz: Eines der widerstandsfähigsten US-Riffe leidet zunehmend unter Nährstoffbelastung und Erwärmung.
• Mississippi als Quelle: Der Großteil des Stickstoffs stammt aus dem Einzugsgebiet des Mississippi.
• Umweltarchiv Koralle: Bohrkerne enthüllen die Siedlungsgeschichte des Mississippi der letzten 270 Jahre.
• Verschlechterung des Zustandes: Nährstoffüberschuss und Hitzestress führen zu ersten Korallenbleichen und Krankheitsausbrüchen.
Wer kennt nicht die farbenfrohen Korallenriffe aus Filmen wie „Findet Nemo“ oder „Arielle, die Meerjungfrau“? Die Realität sieht leider oft anders aus, da die wichtigen Ökosysteme weltweit unter Druck stehen. Klimawandel und Umweltverschmutzung lassen Korallen ausbleichen und absterben. Selbst die widerstandsfähigsten Korallenriffe der USA sind nun bedroht. Die Riffe im Naturschutzgebiet Flower Garden Banks National Marine Sanctuary im nördlichen Golf von Mexiko galten wegen ihrer hohen Korallenbedeckung lange als außergewöhnlich gesund. Doch steigende Wassertemperaturen und ein Zuviel an Nährstoffen führen dazu, dass auch diese Riffe ihre Widerstandsfähigkeit verlieren.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Louisiana State University fand nun heraus, dass die hohen Stickstoffeinträge im nördlichen Golf aus dem Mississippi stammen und auf den Einsatz von Düngemitteln zurückzuführen sind.
Das Team untersuchte Stickstoffisotope im Kalkskelett von Korallen und nutzte die Daten, um rückwirkend daraus für die letzten 270 Jahre die Quelle des Stickstoffs im Meerwasser zu rekonstruierten. Die Ergebnisse zeigen, dass in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 60 Prozent, in bestimmten Zeiten sogar bis zu 80 Prozent, des Stickstoffgehalts der Flower Garden Banks aus dem Einzugsgebiet des Mississippi stammten.
Korallenbleiche und Krankheitsausbrüche stimmen mit hohen Stickstoffzuflüssen überein
Die höchsten Stickstoffeinträge fanden laut der nun in der Fachzeitschrift Science Advances erscheinenden Studie im Jahr 2016 sowie zwischen 2022 und 2023 statt. Genau in diesen Jahren litten die Riffe unter außergewöhnlichen Hitzephasen, massiven
Korallenbleichen und verstärkten Krankheitsausbrüchen.
Die Mainzer Forschenden untersuchten Bohrkerne von sogenannten Sternchenkorallen aus dem nördlichen Golf von Mexiko. Diese Steinkorallen wachsen zwar langsam, aber kontinuierlich und werden sehr alt. Ähnlich den Jahresringen von Bäumen bilden sie ihr Kalkskelett in Schichten und sind so ein hervorragendes Archiv ihrer Umweltbedingungen. Daher konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die in den Korallen gebundenen Stickstoffisotope über den Zeitraum von 1753 bis 2023 ermitteln. Der isotopische Fingerabdruck von Stickstoff (N) – genauer gesagt das Verhältnis von schwerem 15N zu leichtem 14N – liefert Informationen über die Herkunft der von der Koralle aufgenommenen Nährstoffe. So konnte das Team den Ursprung des Wassers bestimmen, in dem die Korallen wuchsen. Die Korallenbohrkerne stammten von einer Expedition der US-amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde „National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA)“.
Korallen offenbaren die jüngere Siedlungsgeschichte des Mississippi
Von 1753 bis etwa 1850 zeigen die Korallenbohrkerne keine Veränderung zu natürlichen Stickstoffisotopenverhältnissen, was darauf hindeutet, dass es in dieser Zeit kaum bis gar keine direkten Stickstoffeinträge aus Flüssen gab. Ab 1850 nimmt der Anteil von Stickstoff aus anthropogenen Quellen zu, was zeitlich mit der Einwanderung europäischer Siedler in die Mississippi-Region und dem beginnenden Einsatz von organischem Dünger übereinstimmt. Präzise lässt sich an den Korallen der vermehrte Einsatz von Guano ab 1856 ablesen, dem Jahr, in dem der US-Kongress den Abbau von Guano auf pazifischen und karibischen Inseln erlaubte.
„An den Stellen, an denen wir deutliche Änderungen im Stickstoffsignal der Korallen entdeckt haben, haben wir nachgeforscht, was in diesen Zeiten rund um den Mississippi passiert ist,“ berichtet Jonathan Jung, Erstautor der Studie und Postdoktorand am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie. „Wir waren erstaunt, wie präzise die historischen Ereignisse in den Bohrkernen dokumentiert sind.“
Das Stickstoff-Signal verstärkt sich nochmals nach der Beseitigung des „Second Great Raft“, eines riesigen natürlich entstandenen Holzstaudamms im Red River, einem Mississippi-Zufluss, Mitte der 1870er Jahre. Die Entfernung führte zwar zu weniger Überschwemmungen im Landesinneren, aber auch zu einer höheren Fließgeschwindigkeit im Mississippi und in seinem Mündungsarm Atchafalaya und damit zu einer schnelleren Nährstoffzufuhr in die Küstengewässer. Zudem begann man 1882 mit dem Ausbau von Deichen entlang des Mississippi, um Hochwasser einzudämmen, wodurch das Flusswasser zusammen mit Sedimenten und Nährstoffen direkt in den Golf floss.
Mississippi ist der Hauptnährstofflieferant im nördlichen Golf von Mexiko
Mit der Grünen Revolution und der Verfügbarkeit von synthetischem Dünger ab den 1960er Jahren steigt der Gehalt an anthropogenem Stickstoff in den untersuchten Korallen stark und rasch an. Dieser Trend hält weiter an, so dass der Anteil des aus dem Mississippi eingeschwemmten Stickstoffs Ende des 20. Jahrhunderts bei 30 bis 50 Prozent lag und im letzten Jahrzehnt 60 Prozent überstieg. Im Jahr 2023 erreichte der Wert sogar 80 Prozent. Die Forschenden schließen daraus, dass der Mississippi heutzutage die Hauptquelle für Nährstoffe im Golf von Mexiko ist.
Mehr Krankheitsausbrüche und Korallenbleichen erwartet
„Unsere Studie zeigt, dass die Kombination aus einer beispiellos hohen Nährstoffbelastung und extremer Hitze die entscheidenden Faktoren für die jüngste deutliche Verschlechterung des Zustands der Korallenriffe im Flower Garden Banks National Marine Sanctuary sind,“ schlussfolgert Alfredo Martínez-García, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie und leitender Autor der Studie. Die Forscher gehen davon aus, dass Krankheitsausbrüche und Korallenbleiche zunehmen werden, solange die Stickstoffbelastung aus dem Einzugsgebiet des Mississippi auf dem derzeit hohen Niveau bleibt und die Temperaturen weiter steigen.
„Die Korallen der Flower Garden Banks sind wertvolle Archive vergangener Meeres- und Umweltbedingungen,“ erklärt Zweitautorin Kristine DeLong. „Wir können viel daraus lernen, wenn wir die in den Korallenskeletten erhaltenen chemischen Aufzeichnungen „lesen“ und so Erkenntnisse über die Zustände der Ozeane vor der Industrialisierung gewinnen. Diese Korallenaufzeichnungen liefern natürliche Referenzwerte darüber, wie der Golf vor der Industrialisierung aussah, und helfen dabei die Riffe und den Golf zu schützen.“ Kristine DeLong ist Professorin an der Louisiana State University und Leiterin des Korallenprojekts.
Das Einzugsgebiet des Mississippi umfasst heute etwa 41 Prozent der Landfläche der kontinentalen USA und reicht von Idaho im Westen über Kanada im Norden bis nach New York im Osten. Durch Vermischung gelangt stickstoffreiches Wasser bis zu 448 Kilometer von der Flussmündung entfernt in die Korallenriff-Ökosysteme der Flower Garden Banks.
Originalpublikation:
Increasing nitrogen loading in the Gulf of Mexico undermines coral reef resilience
Jonathan Jung, Kristine L. DeLong, Paolo Montagna, Erin L. Murphy, Nicolas N. Duprey, Alan D. Foreman, Amy J. Wagner, Kylie Palmer, Julia Schröder, Carlos Alonso-Hernández, Denis Scholz, Daniel M. Sigman, Gerald H. Haug, and Alfredo Martínez-García
Science Advances, 2026
10.09.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Nach 200 Jahren: Erste Przewalski-Fohlen in der zentralkasachischen Steppe geboren
Im Wiederansiedlungszentrum Alibi in der Altyn-Dala-Steppe sind erstmals seit rund 200 Jahren Przewalski-Pferde auf zentralkasachischem Boden geboren worden. zwei männliche Fohlen wurden im August 2026 geboren und sind der erste Nachwuchs der Wildpferde, die im Rahmen eines internationalen Wiederansiedlungsprojekts in ihre ursprüngliche Heimat zurückgebracht wurden. Mütter sind zwei Stuten, die vor zwei Jahren aus dem Tierpark Berlin nach Kasachstan reisten. Möglich wurde dieser Erfolg durch die langjährige Zusammenarbeit von zoologischen Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Forschungsinstituten und politischen Institutionen aus Europa und Asien.
Für die Berliner Stute Tessa ist das am 22. August geborene Fohlen der erste Nachwuchs. Und es blieb nicht bei einer Geburt: Am 30. August kam ein zweites Fohlen in Alibi zur Welt. Seine Mutter Umbra wurde ebenfalls 2024 aus Berlin nach Kasachstan gebracht. Beide Stuten gehörten zu den ersten sieben Przewalski-Pferden, die unter Leitung des Zoo Prag nach Kasachstan transportiert wurden, um dort eine stabile Population aufzubauen. Beide Fohlen sind wohlauf und standen bereits kurze Zeit nach der Geburt auf eigenen Beinen. Die Jungtiere werden nun gemeinsam mit der Herde in der weitläufigen Steppe aufwachsen – in einem Lebensraum, aus dem Przewalski-Pferde rund 200 Jahre lang verschwunden waren.
Dieses Wiederansiedlungsprogramm wird von einem internationalen Konsortium koordiniert, zu dem der Tiergarten Nürnberg, der Prager Zoo, das Forestry and Wildlife Committee des Ministry of Ecology, Geology and Natural Resources der Republik Kasachstan, die ACBK, die ZGF, der Tierpark Berlin und der Hortobágy-Nationalpark gehören. Das Management vor Ort, die tierärztliche Betreuung und die ökologische Überwachung werden von der Altyn Dala Conservation Initiative gemeinsam mit dem Leibniz-IZW durchgeführt. Die Altyn Dala Conservation Initiative wurde 2005 zum Schutz und zur Wiederherstellung der einzigartigen Steppenökosysteme Kasachstans gegründet, 2023 als „UN World Restoration Flagship“ anerkannt und 2024 mit dem Earthshot Prize ausgezeichnet. Das langfristige Ziel des Konsortiums ist es, bis zum Jahr 2029 insgesamt 40 bis 45 Wildpferde in die Turgai-Steppe in Zentralkasachstan zu entlassen.
Das Przewalski-Pferd (Equus przewalskii) war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Wildnis ausgestorben und überlebte nur dank internationaler Zuchtprogramme in Zoos. Heute soll sie im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ unter der Leitung des Zoo Prag wieder dauerhaft in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. In der Mongolei und China ist dies bereits gelungen ¬– Kasachstan ist damit das dritte Land, das wieder eine Heimat für die wilden Pferde werden könnte. Die ersten sieben Przewalski-Pferde aus dem Tierpark Berlin und dem Zoo Prag erreichten Kasachstan 2024. 2026 folgten vier Stuten aus dem Tiergarten Nürnberg, dem Marwell Zoo in Großbritannien und dem Tierpark Berlin sowie vier Hengste. Im Wiederansiedlungszentrum Alibi wurden sie zunächst in großzügigen Akklimatisierungsgehegen untergebracht. In den Bau des Zentrums ist die tierhalterische Expertise von Zoos eingeflossen; die ersten Anlagen in Alibi wurden bereits im Jahr 2012 in Zusammenarbeit der kasachischen Partner mit Fachleuten des Tiergarten Nürnberg angelegt. In Alibi konnten sich die Pferde ein Jahr lang an das Klima, die Landschaft und die natürlichen Bedingungen ihrer neuen Heimat gewöhnen. Temperaturen von bis zu -40 Grad im Winter und die raue Umgebung der kasachischen Steppe stellen besondere Anforderungen an die Tiere.
Das Wiederansiedlungsprojekt ist Teil der „Altyn Dala Conservation Initiative“ und damit eines umfassenden Vorhabens zur Wiederherstellung der zentralasiatischen Steppenökosysteme, zu dessen Zielen auch die Erholung der Bestände der Saiga-Antilopen gehört. Als große Pflanzenfresser halten Przewalski-Pferde die Landschaft offen, verbreiten Samen und schaffen Lebensräume für zahlreiche weitere Arten. Darüber hinaus können sie dazu beitragen, die Ausbreitung von Bränden in der Steppe zu begrenzen. Durch ihr Grasen halten sie die Vegetation kurz und reduzieren so potenziell die Menge an brennbarem Pflanzenmaterial. Neben den Przewalski-Pferden engagiert sich die Initiative auch für die Wiederansiedlung einer weiteren wichtigen Weidetierart, die aus der zentralkasachischen Steppe verschwunden war: dem Asiatischen Esel, auch Kulan genannt.
10.09.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Europas beste Naturfilme des Jahres: Nominierte für die European Wildlife Film Awards 2027 stehen fest
Ein Polarfuchs, der in Skandinavien dem Klimawandel trotzt, eine Bucht in Frankreich mit ihren meisterhaft angepassten Bewohnern, Quallen, die über Superkräfte zu verfügen scheinen oder ein schottisches Ehepaar, das sich dem Schutz der Wildtiere auf den Shetlandinseln verschrieben hat – das wilde Europa steckt voller faszinierender Geschichten. Die European Wildlife Film Awards (EWFA) zeichnen die besten von ihnen aus.
Eine unabhängige Jury hat nun die zwölf Filme ausgewählt, die 2027 ins Rennen um die begehrten Preise für die besten europäischen Filme in den Kategorien Tierwelt, Biodiversität, Naturschutz und Story gehen. Mit Preisgeldern von insgesamt 47.500 Euro sind die EWFA der höchstdotierte Naturfilmpreis der Welt. Ausrichterin ist die Deutsche Wildtier Stiftung, die feierliche Preisverleihung findet am 7. Februar 2027 in Hamburg statt.
Insgesamt wurden Filme aus 33 Ländern eingereicht, darunter zwölf in Spielfilmlänge. „Wir sind froh und stolz, auch in der dritten EWFA-Saison wieder einen riesigen Zuspruch erfahren zu haben“, sagt Festivalleiter Ivo Bozic. „Das Niveau der Produktionen ist enorm hoch, und die Erzählweisen sind vielfältig. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier steht häufig im Fokus – ein Zeichen für ein wachsendes Naturbewusstsein in der europäischen Gesellschaft. Das ist ein schöner Trend,“ so Bozic.
Die zwölf nominierten Filme sowie 32 weitere Einreichungen werden ab Februar 2027 jeweils am Naturfilm-Mittwoch in der Botschaft der Wildtiere in der Hamburger HafenCity zu sehen sein. Der Lieblingsfilm der Zuschauerinnen und Zuschauer wird bei der EWFA-Gala 2028 mit dem mit 5.000 Euro dotierten NDR-Publikumspreis ausgezeichnet.
Auch bei den Kurzfilmen hat das Publikum die Wahl. Zehn von ihnen laufen im Januar im Kino der Wildtiere. Der Kurzfilm mit den meisten Stimmen wird bei der Preisverleihung im Februar 2027 mit 2.500 Euro prämiert.
Die Jury der EWFA 2027 – bestehend aus der Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien Dr. Katrin Vohland, der Naturfilmproduzentin Melanie Haft, der Biologin und Journalistin Dagny Lüdemann, dem Filmproduzenten Arnd Greve sowie dem Verhaltensbiologen Prof. Dr. Heiko G. Rödel – hat folgende Filme nominiert:
Kategorie Tierwelt (15.000 Euro)
„Quallen – Hirnlos, aber oho“ (Regie: Sebastien Lafont)
„The Golden Fleece“ (Regie: Roberto Palozzi)
„The Journey of the Blue Fox“ (Regie: Claudia Zenkert, Katri Rannastu, Carl Herdenberg)
Kategorie Biodiversität (10.000 Euro)
„Kingdom of Fish – Living Sea“ (Regie: Martin Falklind)
„Magisches Frankreich – Von der Normandie zur Bretagne“ (Regie: Heike Grebe, Michael Riegler)
„The Wildlife in the Mountains of Spain“ (Regie: José Antonio Vallejo Oreja)
Kategorie Naturschutz (10.000 Euro)
„Lupi Nostri“ (Regie: Samer Angelone)
„Mythos Großglockner – Im Wandel der Zeit“ (Regie: Andrea Albrecht)
„The Cry of the Eider“ (Regie: Kimmo Ohtonheimo)
Kategorie Beste Story (5.000 Euro)
„Das Flüstern der Wälder“ (Regie: Vincent Munier)
„Hillswick: Beyond the Tides“ (Regie: Roman Willi, Matteo Clarke)
„Watching People Watching Birds“ (Regie: Ulrike Franke, Michael Loeken)
Ausdrücklich lobend erwähnt hat die Jury daneben die Dokumentation „No Shade in the Forest“ des ukrainischen Regisseurs Volodymyr Tykhyy. Obwohl die Produktion für keine der Preiskategorien habe nominiert werden können, verdiene sie besondere Anerkennung. Denn sie widmet sich einem Thema, das in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielt: den enormen Schäden in der Natur, die der Krieg in der Ukraine hinterlässt. Die Jury würdigt das Engagement des Teams, das den Film unter widrigen Bedingungen realisiert hat.
Die Filmpreise werden gestiftet von der Deutschen Wildtier Stiftung, GARBE Urban Real Estate, VHV Gruppe, POPULAR GmbH, Frankonia Handels GmbH & Co. KG und dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Die EWFA-Gala und der anschließende öffentliche Gewinner-Sonntag in der Botschaft der Wildtiere werden unterstützt von der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft der Stadt Hamburg sowie der M.M. Warburg & Co Bank.
Alle Filme der offiziellen Auswahl der European Wildlife Film Awards 2027 im Überblick: https://www.europeanwildlifefilmawards.eu/de/wettbewerb-2027
11.09.2026, Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Neues Leuchtmittel an Bahnhöfen verringert Lichtstress für Insekten
Eine neu getestete LED-Leuchte reduziert die Anziehung von fliegenden Insekten an Bahnhöfen drastisch. Das zeigt das Forschungsprojekt BALIN unter Realbedingungen im Natur- und Sternenpark Westhavelland. Anlässlich der heute stattfindenden Earth Night: https://www.earth-night.info, die ein Zeichen gegen übermäßiges künstliches Licht im Freien setzen soll, ist dies ein vielversprechendes Ergebnis für den Schutz von Insekten.
An sechs ländlichen Bahnhöfen im Westhavelland wiesen Forschende des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) gemeinsam mit ihren Projektpartnern nach, dass amberfarbene 1800 K LED-Leuchten im Vergleich zu aktuellen Standards bei Insekten rund 40 bis 50 Prozent weniger Individuen und bis zu 75 Prozent weniger Biomasse anziehen. „Wir konnten damit unter realen Bedingungen an Bahnhöfen zeigen, dass die Wahl der Lichtquelle und insbesondere ihre spektrale Zusammensetzung eine entscheidende Rolle für die Anziehung fliegender Insekten spielen“, erklärt Carmen Ludreschl, Forscherin des LIB im BALIN-Projekt. Der Impuls für die gemeinsame Studie kam von der Deutschen Bahn, die nach Wegen sucht, ihre Beleuchtung insektenfreundlicher zu gestalten. Die Ergebnisse erschienen kürzlich in der Fach-Zeitschrift Biological Conservation: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0006320726002764?via%3Dihub
Die Ergebnisse im Überblick
– Die amberfarbene 1800 K LED lockte signifikant weniger Insekten an als der aktuelle Standard (kaltweiße 4000 K LED) und die alten Natriumhochdruckdampflampen (2000 K).
– Die Zahl der betroffenen Arten sank bei der 1800 K LED um zehn bis 20 Prozent – darunter auch gefährdete und gesetzlich geschützte Arten.
– Obwohl Natriumhochdruckdampflampen ein optisch „wärmeres“ Licht (2000 K) abgeben, zogen sie Insekten ähnlich stark an wie kaltweiße 4000 K LEDs.
– Auch die optimierte 1800 K LED lockte mehr Insekten an als unbeleuchtete Kontrollorte.
Echtes insektenfreundliches künstliches Licht gibt es nicht – Ausschalten bleibt die beste Wahl. Wo dies keine Option ist, etwa an Bahnhöfen, können geeignete Lichtfarbe und Emissionsspektrum, Dimmen und Abschirmen die Auswirkungen auf Insekten reduzieren.
Vom Labor in die Praxis: Die Deutsche Bahn rüstet um
Die Deutsche Bahn hat auf Basis der Ergebnisse bereits reagiert: Alle untersuchten Bahnsteige sowie ein weiterer Bahnhof wurden dauerhaft auf die neuen 1800 K LEDs umgestellt. Zudem wurde das Leuchtmittel in die offizielle Leuchtenauswahlliste der DB InfraGO AG aufgenommen. Die Umrüstung zeigt ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit, das nicht nur Klimaschutz, sondern auch Biodiversitätserhalt im Fokus hat: Die amberfarbenen LEDs verbrauchen zwar geringfügig mehr Strom als herkömmliche kaltweiße 4000 K LEDs, bieten dafür aber einen messbaren Mehrwert für die Biodiversität. Ein positiver Nebeneffekt: In informellen Befragungen wurde das wärmere Licht von einigen Kundinnen und Kunden als angenehmer wahrgenommen.
Rechtliche Hürden bremsen den flächendeckenden Rollout
Ein flächendeckender Einsatz an allen Bahnhöfen ist für die Bahn derzeit jedoch kompliziert. Zum einen erlauben die geltenden EU-Beleuchtungsnormen und Sicherheitsrichtlinien den Einsatz der 1800 K LEDs aktuell nur an nicht überdachten Bahnsteigen. Zum anderen steht der Paragraf 46a des Bundesnaturschutzgesetzes (Schutz von Tieren und Pflanzen vor den Auswirkungen von Beleuchtungen) noch unter dem Vorbehalt einer ausstehenden Rechtsverordnung. Solange die rechtlichen Vorgaben unklar sind, sind die langfristige Planung und weitere Umrüstungen für die Bahn schwierig. Auch neue Forschungsausschreibungen zum Thema Lichtverschmutzung fehlen derzeit.
Signalwirkung für Gärten und Kommunen zur Earth Night
Die Initiatoren des Projekts, das im Bundesprogramm Biologische Vielfalt gefördert wurde, hoffen auf eine Signalwirkung weit über den Schienenverkehr hinaus. Pünktlich zur heutigen „Earth Night“ betonen die Forschenden, dass Lichtverschmutzung das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringt. Verlieren Insekten die Orientierung am Licht und verenden infolgedessen teilweise, fehlen sie als Nahrung für Vögel oder Fledermäuse und fallen für die Bestäubung aus.
Die Erkenntnisse lassen sich direkt auf den privaten Raum übertragen. „Auch bei Solarlampen sollte man darauf achten, dass sie nicht unnötig die ganze Nacht brennen“, betont Ludreschl. Auch im eigenen Garten gilt: Lichtfarbe anpassen, Leuchten abschirmen, dimmen oder am besten abschalten.
Originalpublikation:
Fachzeitschrift Biological Conservation: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0006320726002764?via%3Dihub
11.09.2026, MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen
Klimavariabilität und Korallenreaktionen im Pazifik
Fossile und moderne Korallen der Marshallinseln geben Einblicke in Klimavariabilität, Korallenkalzifizierung und Umweltbedingungen innerhalb der vergangenen 1.500 Jahre – bis hin zur gegenwärtigen Erwärmung des Ozeans, wie eine in Communications Earth & Environment veröffentlichte Studie zeigt.
Korallen speichern in ihren Skeletten detaillierte Informationen über das tropische Klima. Fossile und moderne Korallen gemeinsam zu untersuchen, eröffnet dabei eine besondere Perspektive: So lässt sich nachvollziehen, wie sich Klimavariabilität und die Reaktion der Korallen unter unterschiedlichen klimatischen Grundzuständen verändern – bis hin zum heute deutlich wärmeren Ozean.
Ein internationales Forschungsteam hat fossile und moderne Porites-Korallen des Arno-Atolls der Marshallinseln untersucht. Die Archive umfassen rund 1.500 Jahre und erfassen mit subsaisonaler Auflösung Veränderungen von Wassertemperatur und hydrologischen Bedingungen ebenso wie Korallenwachstum und Skelettdichte. So entsteht ein ungewöhnlich detailliertes Bild davon, wie sich Umweltbedingungen und die Kalzifizierung der Korallen verändert haben.
Unterschiedliche Signale zeigen unterschiedliche Aspekte des Klimas
Das älteste Korallenarchiv enthält zwei deutlich voneinander getrennte Abkühlungsereignisse im 6. Jahrhundert. Ihre Abfolge passt zu zwei großen bekannten Vulkanausbrüchen und liefert seltene Hinweise auf deren klimatische Auswirkung auf den tropischen Pazifik.
Bemerkenswert ist, dass die vulkanisch bedingte Abkühlung in der Sr/Ca-basierten Temperaturrekonstruktion der Koralle deutlich zu erkennen ist, nicht aber im δ¹⁸O-Signal, das an denselben Proben bestimmt wurde. Während Sr/Ca vor allem die Temperatur widerspiegelt, wird δ¹⁸O sowohl von der Temperatur als auch von der Isotopenzusammensetzung des Meerwassers beeinflusst. Dass das Abkühlungssignal im δ¹⁸O fehlt, deutet darauf hin, dass eine gleichzeitige Veränderung der hydrologischen Bedingungen das Temperatursignal überlagert hat. Die Koralle zeichnet während ihres Wachstums die Umweltbedingungen des sie umgebenden Meerwassers auf, die sich in der geochemischen Zusammensetzung ihres Kalkskeletts widerspiegeln.
„Das ist eine wichtige Erinnerung daran, dass geochemische Signale in Korallen nicht zwangsläufig dieselbe Geschichte erzählen. Das Sr/Ca-Signal erfasst die Abkühlung im Zusammenhang mit den Vulkanausbrüchen, während Veränderungen der hydrologischen Bedingungen das Temperatursignal im δ¹⁸O offenbar überlagert haben“, sagt Dr. Oliver Knebel vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, Erstautor der Arbeit.
Das Ergebnis zeigt, wie wertvoll die Kombination verschiedener Korallenproxies ist: Werden Temperatur und hydrologische Veränderungen gemeinsam betrachtet, lassen sich Klimasignale erkennen, die bei der Betrachtung nur eines geochemischen Parameters verborgen bleiben würden.
Eine sich verändernde ENSO-Diversität
Die Korallenarchive geben auch Aufschluss darüber, wie sich die ENSO-Diversität im Verlauf der vergangenen 1.500 Jahre verändert hat. ENSO steht für El Niño-Südliche Oszillation und beschreibt ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik, das zwischen den beiden Zuständen El Niño und La Niña wechselt und weltweit das Klima beeinflusst. Die Arno-Korallen und der Vergleich mit Korallenzeitreihen aus anderen Regionen des Pazifiks deuten darauf hin, dass die Aktivität von Zentralpazifischen El Niños zwischen dem ersten und zweiten Jahrtausend zunahm, während die Aktivität von Ostpazifischen El Niños weitgehend stabil blieb.
ENSO tritt in zwei wesentlichen Ausprägungen auf: als El Niño mit einem Schwerpunkt im östlichen oder im zentralen Pazifik. Dass sich diese beiden Formen unterschiedlich entwickelt haben, zeigt, dass Veränderungen der ENSO-Aktivität komplexer sind als eine einfache Zu- oder Abnahme von El Niño. Zugleich deutet das Ergebnis darauf hin, dass die ENSO-Variabilität nicht einfach die Veränderungen der globalen Temperatur widerspiegelt. Vielmehr ist die Beziehung zwischen dem klimatischen Grundzustand und der El-Niño-Aktivität komplexer.
Wärmerer Grundzustand, andere Reaktion der Korallen
Der Vergleich fossiler und moderner Korallen zeigt eine weitere wichtige Veränderung. Bei der modernen Koralle gingen Temperaturanomalien mit Veränderungen der Skelettdichte und der Kalzifizierung einher. Bei den älteren fossilen Korallen, die unter kühleren Bedingungen lebten, ließ sich ein vergleichbarer Zusammenhang nicht nachweisen.
Das deutet darauf hin, dass die Hintergrundtemperatur des Riffs beeinflusst, wie stark Korallen auf kurzfristige Temperaturschwankungen reagieren. Die moderne Koralle lebte bereits näher an ihrer oberen Temperaturgrenze, sodass zusätzliche Temperaturanomalien stärkere Auswirkungen auf ihre Kalzifizierung hatten.
„Der Vergleich gibt uns einen Einblick darin, wie sich die Empfindlichkeit von Korallen mit der Erwärmung verändern kann. Die fossilen Korallen zeigen uns, wie Korallen unter kühleren Bedingungen auf klimatische Veränderungen reagierten, während die moderne Koralle diese Reaktionen in einem deutlich wärmeren Ozean dokumentiert“, sagt Dr. Thomas Felis vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, Mitautor der Arbeit und Koordinator der ersten Phase des DFG-Schwerpunktprogramms „Tropical Climate Variability & Coral Reefs“ (SPP 2299).
Die Kombination fossiler und moderner Korallenarchive ermöglicht es, Klimavariabilität und die Reaktion der Korallen unter sich verändernden Umweltbedingungen zu untersuchen – einschließlich der Veränderungen während der modernen instrumentellen Messperiode.
Gemeinsam zeigen die Korallenarchive ein komplexes Zusammenspiel von vulkanischen Einflüssen, El-Niño-Variabilität, hydrologischen Veränderungen und der Kalzifizierung der Korallen. Ihre Kombination liefert ein umfassenderes Bild davon, wie tropisches Klima und Korallenriff-Ökosysteme miteinander wechselwirken, wenn sich der klimatische Grundzustand des Ozeans verändert.
Die Arbeit ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Schwerpunktprogramms „Tropical Climate Variability & Coral Reefs“ (SPP 2299), dessen Ziel es ist, unser Verständnis der tropischen marinen Klimavariabilität und ihrer Auswirkungen auf Korallenriff-Ökosysteme in einer sich erwärmenden Welt zu verbessern.
Das MARUM gewinnt grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse über die Rolle des Ozeans und des Meeresbodens im gesamten Erdsystem. Die Dynamik des Ozeans und des Meeresbodens prägen durch Wechselwirkungen von geologischen, physikalischen, biologischen und chemischen Prozessen maßgeblich das gesamte Erdsystem. Dadurch werden das Klima sowie der globale Kohlenstoffkreislauf beeinflusst und es entstehen einzigartige biologische Systeme. Das MARUM steht für grundlagenorientierte und ergebnisoffene Forschung in Verantwortung vor der Gesellschaft, zum Wohl der Meeresumwelt und im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Es veröffentlicht seine qualitätsgeprüften, wissenschaftlichen Daten und macht diese frei zugänglich. Das MARUM informiert die Öffentlichkeit über neue Erkenntnisse zur Meeresumwelt, und stellt im Dialog mit der Gesellschaft Handlungswissen bereit. Kooperationen des MARUM mit Unternehmen und Industriepartnern erfolgen unter Wahrung seines Ziels zum Schutz der Meeresumwelt.
Originalpublikation:
Knebel, O., Felis, T., Kölling, M., Kench, P., Eisenhauer, A., Diers, D., Dolman, A. M., Ryan, E., & Gischler, E. (2026). Western Pacific corals reveal Common Era changes in ENSO-diversity, thermal stress, and volcanic cooling. Communications Earth & Environment, 7, 725. https://doi.org/10.1038/s43247-026-03981-3
14.09.2026, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)
Waldbrandrauch verringert die Vogelvielfalt
Je stärker ein Gebiet im Vorjahr mit Waldbrandrauch belastet war, desto geringer war dort in der folgenden Brutsaison die Vogelvielfalt.
Die Forschenden analysierten über 15 Jahre Daten von rund 2800 Vogelzählrouten in den USA.
Der Effekt bleibt auch dann bestehen, wenn die Forschenden berücksichtigten, wo das Feuer tatsächlich Lebensräume zerstört hat, sowie zahlreiche andere Einflüsse.
Die Studie weist damit auf eine versteckte Folge von Waldbränden hin, die sich wirtschaftlich nur schwer beziffern lässt.
Wenn Wälder brennen, sind die direkten Folgen offensichtlich: Häuser gehen in Flammen auf, Lebensräume werden zerstört. Weniger sichtbar ist, was der Rauch weit über das Brandgebiet hinaus anrichtet. Sarah Meier, Umweltökonomin an der ETH Zürich, hat dies gemeinsam mit Eric Strobl von der Universität Bern für Vögel in den USA untersucht.
Dafür nutzten die Forschenden Daten des North American Breeding Bird Survey, eines seit 1966 laufenden Langzeitprogramms zur Beobachtung der Vogelbestände in Nordamerika. Jedes Jahr zählen geschulte Freiwillige entlang festgelegter, rund 40 Kilometer langer Routen an 50 Stopps alle Vögel, die sie sehen oder hören. Meier und Strobl werteten Daten von rund 2800 solcher Routen in den USA über einen Zeitraum von 15 Jahren, von 2008 bis 2022, aus und kombinierten sie mit hochaufgelösten Daten zur Feinstaubbelastung durch Waldbrände.
Neben der Artenzahl untersuchten sie auch, wie gleichmässig sich die Vögel auf verschiedene Arten verteilten und wie stark sich diese evolutionär voneinander unterschieden.
Rauch von Waldbränden hinterlässt Spuren bis ins Folgejahr
Das Ergebnis: War ein Gebiet im Vorjahr stärker mit Waldbrandrauch belastet, war dort in der folgenden Brutsaison die Vogelvielfalt geringer. Stieg die Rauchbelastung von einem durchschnittlichen auf ein deutlich rauchigeres Jahr, sank die Artenzahl um rund drei Prozent. Auf einer durchschnittlichen Zählroute mit 55 Arten entspricht das rechnerisch rund ein bis zwei Arten weniger. An den am stärksten belasteten Messpunkten sank die Artenzahl jedoch deutlich stärker.
«Ich war nicht sicher, ob wir über ein so grosses und ökologisch vielfältiges Gebiet überhaupt einen Effekt sehen würden», sagt ETH-Forscherin Meier. Umso bemerkenswerter sei, dass sich der Zusammenhang über die USA insgesamt zeigt.
«Der Effekt ist nicht riesig, aber er ist messbar. Und wir wissen nie, welche Arten verschwinden und welche davon für ein Ökosystem besonders wichtig sind. Selbst ein kleiner Rückgang kann deshalb im ungünstigsten Fall dazu führen, dass ein Ökosystem aus dem Gleichgewicht gerät.»
Ist wirklich der Rauch verantwortlich?
Waldbrände treten oft bei Hitze und Trockenheit auf – Bedingungen, die auch Vögel direkt beeinflussen können. Mit einem Verfahren aus der Ökonometrie isolierten die Forschenden deshalb den Effekt des Rauches von anderen Faktoren. Sie verglichen dieselben Gebiete über viele Jahre und berücksichtigten unter anderem Wetter, Landnutzung sowie Unterschiede bei der Durchführung der Vogelzählungen.
Zusätzlich prüften sie zwei besonders naheliegende Erklärungen. Erstens könnte die geringere Vogelvielfalt eine direkte Folge zerstörter Lebensräume sein. Doch selbst bei Zählrouten, in deren fünf Kilometer breitem Umfeld keine Fläche gebrannt hatte, blieb der Raucheffekt bestehen. Zweitens könnten Vögel dem Rauch lediglich in benachbarte Gebiete ausgewichen sein. Auch nachdem die Forschenden solche lokalen Verschiebungen in der Analyse berücksichtigt hatten, zeigte sich weiterhin eine geringere Vogelvielfalt.
Was genau mit den Vögeln passiert, zeigt die Studie nicht. Andere Arbeiten deuten darauf hin, dass Rauch Vögel schwächen kann: Sie können an Gewicht verlieren und Atemwegsschäden erleiden. Möglicherweise verändert sich auch ihr Verhalten während der Brutzeit.
Was sind die Schäden für die Wirtschaft und Ökosysteme?
Für Meier zeigt die Studie damit eine Folge von Waldbränden, die in klassischen Schadensrechnungen nur schwer zu erfassen ist. Vögel übernehmen in vielen Ökosystemen wichtige Funktionen: Sie verbreiten Samen, bestäuben Pflanzen und helfen, Schädlinge zu kontrollieren.
Ein Rückgang der Vogelvielfalt kann sich deshalb auch auf andere Tier- und Pflanzenarten auswirken – und letztlich auf Bereiche wie Land- und Forstwirtschaft.
Wie gross der wirtschaftliche Schaden ist, wenn die Vogelvielfalt zurückgeht, berechnet die Studie bewusst nicht. Meier konzentriert sich zunächst darauf, einzelne Auswirkungen möglichst zuverlässig nachzuweisen.
«Bei abgebrannten Gebäuden können wir relativ einfach beziffern, was der Schaden kostet. Bei Biodiversität ist das viel komplexer», sagt Meier. «Dabei gibt es weitere Folgen von Waldbränden, die wir bislang kaum erfassen, obwohl sie die Gesellschaft betreffen.»
Originalpublikation:
Meier S, Strobl E: The impact of wildfire smoke on local avian biodiversity. Journal of Environmental Economics and Management, 139, 103379 (2026). DOI: 10.1016/j.jeem.2026.103379
14.09.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Stacheltiere entdecken, Hügel sichten: Deutschland sucht Igel und Maulwurf
Herbstliche Mitmachaktion vom 18. bis 28. September
Der eine wühlt oberirdisch nach Insekten, der andere geht unterirdisch auf Würmerjagd: Igel legen sich derzeit ordentlich Winterspeck zu, Maulwürfe füllen ihre Vorratskammern für den Winter. Der Herbst ist ein guter Zeitpunkt, um zu bestimmen, wie es um die beiden Tierarten steht. Daher ruft die Deutsche Wildtier Stiftung gemeinsam mit weiteren Naturschutz-Partnern dazu auf, gezielt Ausschau nach Igeln sowie Maulwürfen und Maulwurfshügeln zu halten und die Sichtungen zu melden. Es ist bereits die vierte Herbstzählung dieses sogenannten Citizen-Science- Projekts, das auf mindestens zehn Jahre angelegt ist. Tausende haben bereits mitgemacht und ihre Igelsichtungen auf dem Feldweg oder die Maulwurfshügel auf ihrer Wiese im Dienst der Wissenschaft gemeldet.
„Jede einzelne Meldung liefert wertvolle Daten zu den Tieren, die Forschende allein flächendeckend kaum erheben könnten“, sagt Lea-Carina Hinrichs, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Das hilft, Wissenslücken zu schließen und den langfristigen Schutz zweier heimischer Arten zu sichern. Mitmachen kann jeder – ob als Familie, Spaziergänger oder Gartenbesitzer, oder gleich als ganze Schulklasse.“
Die Chancen, Igel zu entdecken, stehen momentan gut: Bevor sie im Oktober und November in den Winterschlaf gehen, müssen sich die Stacheltiere ein dickes Speckpolster anfuttern. In der Dämmerung und nachts durchstreifen sie Gärten und Parkanlagen auf der Suche nach Insekten, Regenwürmern und anderen Wirbellosen. Werden die Tage immer kürzer, baut der Igel schließlich sein Winterquartier in dichten Gebüschen, unter Ast- oder Laubhaufen. Das Nest kleidet er reichlich mit Laub aus und verdichtet es durch Hin- und Herrollen zu einem wärmenden Polster. Im Laufe des Novembers oder Dezembers heißt es dann: Augen zu und Energiesparen. Bis zum Frühjahr fahren Igel Stoffwechsel, Körpertemperatur, Atmung und Herztätigkeit auf ein Minimum herunter und leben von ihren Fettreserven. Jedes Aufschrecken in dieser Zeit kostet wertvolle Energie und kann für die kleinen Säuger lebensgefährlich sein.
Maulwürfe hingegen halten keinen Winterschlaf, sie müssen auch in der kalten Jahreszeit fressen. Dazu legen sie sich unterirdische Nahrungskammern an, in denen sie vor allem Regenwürmer horten. Die erbeuteten Würmer machen sie dafür durch einen gezielten Biss in den Kopf bewegungsunfähig; so bleiben sie lebendig, aber fluchtunfähig und können bequem als Vorrat eingelagert werden. „Beim Graben der Gänge zu den Vorratskammern schaufeln die Maulwürfe die Erde an die Oberfläche. So entstehen die typischen Hügel“, erklärt Hinrichs.
Auf der Website Igelsuche.de werden alle Igel- und Maulwurf-Beobachtungen mit Datum und Fundort gesammelt, auch Fotos und Hinweise zum Fund können dort dokumentiert werden. Sichtungen aus Bayern nimmt das LBV-Bürgerforschungsprojekt Igel in Bayern entgegen.
„Deutschland sucht Igel und Maulwurf“ ist ein gemeinsames Projekt der Deutschen Wildtier Stiftung, der NABU|naturgucker, des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 e. V., des NABU Bundesverbands und des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV). Ziel ist es, ein langfristiges Monitoring zu Verbreitung und Vorkommen von Igel und Maulwurf in Deutschland zu etablieren. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden zukünftig eine Bewertung der Bestandssituation der beiden Arten erlauben. Darauf aufbauend können gezielte Artenschutzmaßnahmen initiiert werden.
15.09.2026, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
Heimvorteil oder neue Ufer? Watvögel in der Arktis kehren selten zu denselben Brutplätzen zurück
• Rückkehrer zählen: Rund ein Drittel der in der Tundra brütenden Watvögel kehrt jährlich an den früheren Brutplatz zurück. In Wäldern, Graslandschaften und Trockengebieten sind es dagegen rund zwei Drittel.
• Breitengrad wirkt nur in der Tundra: Am südlichen Rand der Arktis kehrt etwa die Hälfte der Individuen zurück, in der hohen Arktis, weit im Norden, jedoch nur rund jedes zehnte Tier. In anderen Lebensräumen hat der Breitengrad hingegen kaum Einfluss auf die Rückkehrrate.
• Jenseits der Tundra: Die Rückkehrrate beeinflusst den Genfluss und die Ausbreitung von Krankheiten. Die Studie wirft die Frage auf, ob andere unbeständige Lebensräume ähnlich mobile Brutvögel hervorbringen.
Watvögel sind zu einigen der längsten Tierwanderungen der Erde fähig und kehren doch oft zur Brut in dieselben Gebiete zurück. Die Rückkehr hat deutliche Vorteile, darunter die Kenntnis der besten Futter- und Rastplätze, Informationen darüber, wo Raubtiere lauern, und – hoffentlich – die Chance, den Partner aus dem Vorjahr wieder zu finden. Jedoch kehren einige Arten, wie zum Beispiel der Graubruststrandläufer oder der Tundraschlammläufer, so gut wie gar nicht in dasselbe Gebiet zurück. Und selbst unter zuverlässigen Rückkehrern, wie den Austernfischern, entscheiden sich manche Individuen dafür, sich in der nächsten Saison an einem neuen Ort niederzulassen. Wie aber beeinflusst der frühere geografische Brutort eines Watvogels seine Entscheidung, zurückzukehren oder lieber anderswo zu brüten?
Ein Team von Wissenschaftler*innen unter der Leitung von Bart Kempenaers, Direktor der Abteilung für Ornithologie am Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz (MPI-BI), hat nun in einer Studie in „Ecography“ Licht auf diese Frage geworfen. Die Grundlage dafür bildeten veröffentlichte Felddaten zu Watvogelpopulationen der gesamten nördlichen Hemisphäre aus den letzten Jahrzehnten. Das Team stellte fest, dass in der arktischen Tundra brütende Watvögel weitaus seltener zurückkehren als Vögel, die in Wald- und Trockengebieten oder Graslandschaften brüten. Dieses Muster verstärkt sich dabei noch innerhalb der Tundra Richtung Norden. Für alle anderen Lebensräume spielt es für die Rückkehrwahrscheinlichkeit dagegen kaum eine Rolle, wie weit im Norden ein Individuum gebrütet hatte.
„Es ist bekannt, dass mehrere Faktoren beeinflussen, ob ein Vogel zum Brüten an denselben Ort zurückkehrt oder nicht. Dazu gehören beispielsweise, wie eine Art die Brutpflege aufteilt, das Geschlecht, oder die Körpergröße eines Individuums. Inwieweit die geografische Lage eine Rolle spielt, war bisher jedoch nicht systematisch untersucht worden“, sagt Peter Santema, Postdoktorand am MPI-BI und Erstautor der Studie. „Zunächst schienen die Daten ein einfaches Muster zu zeigen: Je weiter nördlich Vögel brüten, desto weniger häufig kehren sie zurück. Doch dieser Eindruck erwies sich als irreführend, da Tundra-Vögel nun einmal in den höchsten Breitengraden brüten und am seltensten zurückkehren, was den scheinbaren Zusammenhang zwischen Breitengrad und Rückkehrraten erklärte. Als wir die Lebensräume jedoch separat verglichen wurde deutlich, dass dieser Effekt ausschließlich auf die Tundra zurückzuführen ist.“
Ein Blick in die Zahlen
In der weiten arktischen Tundra können die Bedingungen von Jahr zu Jahr stark schwanken. Ein Brutplatz, der im Juni eines Jahres noch perfekte Bedingungen geboten haben mag, kann im Folgejahr noch schneebedeckt, oder einer größeren Bedrohung durch Raubtiere ausgesetzt sein. Da den Watvögeln für die Brut nur ein relativ enges Zeitfenster zur Verfügung steht, haben sie kaum Zeit, auf eine Verbesserung der Bedingungen zu warten.
Mitautorin Eunbi Kwon, Wissenschaftlerin am MPI-BI, hatte jahrelang Schätzungen zu Rückkehrraten für 120 Populationen von 55 Watvogelarten aus der gesamten nördlichen Hemisphäre zusammengetragen. Die Daten stammten aus veröffentlichten Feldstudien und Aufzeichnungen, die von Forschenden zur Verfügung gestellt wurden. Frühere Auswertungen hatten bereits gezeigt, dass Arten, bei denen sich beide Partner die elterlichen Pflichten teilen, zuverlässiger zu ihren Brutplätzen zurückkehren als solche, bei denen nur ein Elternteil die Eier bebrütet und die Jungvögel versorgt. Die Rolle der geografischen Lage blieb jedoch eine offene Frage. Bei der Durchsicht der Aufzeichnungen fiel Peter Santema auf, dass viele der Arten mit den niedrigsten Rückkehrraten in der Tundra brüteten. Dies veranlasste das Team, zu untersuchen, ob der Lebensraum – und nicht allein der Breitengrad – dieses Muster erklären könnte.
Die neue Auswertung zeigte zunächst einen allgemeinen Zusammenhang zwischen nördlicheren Brutgebieten und geringeren Rückkehrraten. Als jedoch Mihai Valcu, ein weiterer Wissenschaftler aus der Abteilung und Mitautor, die Analyse nach Lebensraum aufschlüsselte, wurde deutlich: Dieser Effekt beschränkt sich auf die Tundra. Dort kehrt am südlichen Rand, etwa auf der Breite von Oslo, rund die Hälfte der Vögel zurück; in der hohen Arktis ist es nur etwa jeder Zehnte. In Wald-, Grasland- und Trockengebieten kehren dagegen unabhängig vom Breitengrad etwa zwei von drei Individuen zu früheren Brutplätzen zurück. Das Muster zeigte sich auch innerhalb einzelner Arten: Unter den Vögeln, die sowohl in der Tundra als auch in anderen Lebensräumen brüteten, kehrten die Individuen in den Tundra-Populationen durchweg seltener zurück.
„Die Erkenntnis, dass ein einziger Lebensraum einen so großen Teil dieser Variation bestimmt, wirft faszinierende Fragen auf“, sagt Kempenaers. „Begünstigen auch andere, in der Studie nicht berücksichtigte Lebensräume – zum Beispiel temporäre Feuchtgebiete – nomadische Brutvögel? Was veranlasst einen einzelnen Vogel, zurückzukehren oder weiterzuziehen? Und da Brutlebensräume weltweit zunehmend unter Druck geraten: Trägt die Bereitschaft zum Umzug dazu bei, dass diese Vögel stabile Populationen aufrechterhalten können? Es liegt auf der Hand, dass der Ort, an dem ein Vogel von einem Jahr zum nächsten brütet, Einfluss darauf hat, in welchem Umfang sich Gene zwischen Populationen vermischen und wie schnell sich Krankheiten mit ihnen ausbreiten. Die Kombination umfassender Vergleichsstudien mit dem Tracking einzelner Vögel hat das Potenzial, noch viel mehr über diese Prozesse aufzudecken.“
Originalpublikation:
A global latitudinal decline in breeding site fidelity emerges from a single biome
Peter Santema, Eunbi Kwon, Luke Eberhart-Hertel, Mihai Valcu, Bart Kempenaers
Ecography, online 14.09.2026
DOI: http://doi.org/10.1002/ecog.08440
16.09.2026, Freie Universität Bozen
Borkenkäfer: Genetische Unterschiede beeinflussen das Vermehrungspotenzial
Warum entwickeln manche Populationen des Buchdruckers nur eine Generation pro Jahr, während andere zwei oder sogar drei hervorbringen können? Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Freien Universität Bozen und der Universität Göttingen hat die genetischen Unterschiede identifiziert, die mit dem unterschiedlichen Überwinterungsverhalten des Buchdruckers zusammenhängen. Die Ergebnisse können künftig helfen, das Risiko von Massenvermehrungen unter veränderten Klimabedingungen besser einzuschätzen.
Der Borkenkäferbefall stellt Europas Forstwirtschaft infolge des Klimawandels vor massive Herausforderungen. Vor allem eine der bekanntesten Arten, der auf Fichten spezialisierte Buchdrucker (Ips typographus), hat in den vergangenen Jahren beträchtliche Schäden verursacht. Wie zerstörerisch die Schädlinge zu Werke gehen, hängt vor allem vom Voltinismus des Insekts ab, also von der Anzahl an Generationen, die innerhalb eines Jahres ausgebildet werden können. Welche Gene dafür konkret verantwortlich sind, hat ein internationales Team unter Führung der Freien Universität Bozen (unibz) und der Universität Göttingen entschlüsselt.
Darin wurden unterschiedliche Diapause-Typen der Käfer genauer untersucht. Wie bereits frühere Laborversuche gezeigt haben, bilden Käfer in nördlichen Populationen eine Generation aus und gehen dann in Diapause, also in die Winterruhe. „In Mitteleuropa bilden die Käfer dagegen zwei oder noch mehr Generationen innerhalb eines Jahres“, sagt der Forscher Luciano Palmieri vom Kompetenzzentrum für Pflanzengesundheit der Freien Universität Bozen. Da pro Weibchen und Generation etwa 100 neue Käfer geboren werden, steige die Zahl der Nachkommen über mehrere Generationen exponentiell. „Unter günstigen Umständen können pro Jahr auf ein Weibchen bis zu 60.000 Nachkommen kommen, was enorme Auswirkungen auf das Schadpotential des Käfers hat“, so Palmieri.
In Kooperation mit Forschenden der BOKU Wien, der Universität Göttingen, der Jagellonian University Krakau sowie der University of Colorado Denver (USA) verglich Luciano Palmieri das Erbgut von Buchdruckern aus Populationen mit unterschiedlichen Diapause-Typen. Grundlage waren unter anderem Daten aus früheren Versuchen mit Borkenkäferpopulationen aus Skandinavien und Mitteleuropa, die an der BOKU in Wien durchgeführt wurden. Mit statistischen Verfahren und Methoden des maschinellen Lernens konnte das Team schließlich die Gene entschlüsseln, die für die Ausbildung von mehreren Generationen ausschlaggebend sind. Untersuchungen an im Freiland gesammelten Tieren bestätigten die deutlichen Unterschiede zwischen den Populationen. Während in nördlichen Populationen vor allem der genetische Typ mit einer Generation pro Saison vorkommt, finden sich in Mitteleuropa unterschiedliche Diapause- und Voltinismus-Typen nebeneinander.
„Mit dieser Studie konnten wir erstmals die genetischen Merkmale entschlüsseln, die zur Bildung von mehreren Generationen beim Buchdrucker führen und somit das Risiko einer Massenvermehrung wesentlich beeinflussen“, sagt Prof. Martin Schebeck von der Universität Göttingen. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels könnten die neuen genetischen Marker für das Borkenkäfer-Monitoring interessant werden. Das Forschungsteam geht davon aus, dass Populationen, die bei günstigen Bedingungen mehrere Generationen hervorbringen können, bei milderen Wintern und längeren Vegetationsperioden einen Vorteil haben könnten. Wie stark sich dadurch die Zusammensetzung der Borkenkäferpopulationen bereits verändert hat, ist allerdings noch offen.
Genau hier sollten künftige Forschungsprojekte ansetzen. Laut Prof. Hannes Schuler vom Kompetenzzentrum für Pflanzengesundheit der unibz liefert die Studie eine wichtige Grundlage, um zu untersuchen, wie sich das Vermehrungspotential dieses bedeutenden Forstschädlings unter dem Einfluss des Klimawandels verändert. Auch für Südtirol wäre es interessant zu untersuchen, wie sich die unterschiedlichen genetischen Typen auf verschiedene Höhenlagen verteilen. So ließe sich feststellen, wo Populationen mit dem Potenzial für mehrere Generationen besonders häufig vorkommen und wie sich dieses Verhältnis bei weiter steigenden Temperaturen verändert.
Die genetischen Marker könnten künftig bestehende Modelle zur Eindämmung des Borkenkäfers ergänzen. Direkt bekämpfen lässt sich der Buchdrucker damit zwar nicht, unterstreichen die Forschenden. Vielmehr geht es darum, ihre Populationsdynamik genauer zu erfassen und Risiken früher einschätzen zu können. Die Studie „Genomic predictors of diapause polymorphism in the bark beetle Ips typographus with implications for voltinism potential and outbreak dynamics“ wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Molecular Ecology veröffentlicht.
Originalpublikation:
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mec.70532
16.09.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Berberaffen in Norddeutschland: Forscher finden über 300.000 Jahre alten Zahn
Der äußerst seltene Fund aus Schöningen ist der nördlichste Nachweis eines Makaken in Kontinentaleuropa. Ein Forschungsteam des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der niederländischen Universität Leiden hat einen Zahn aus der archäologischen Fundstelle Schöningen in Niedersachsen untersucht. In ihrer jetzt in der Fachzeitschrift „Quaternary Environments and Humans“ erschienenen Studie zeigen die Forscher, dass es sich um einen Milchzahn eines jungen Makaken (Macaca cf. sylvanus) handelt, der vor mehr als 300.000 Jahren in dieser Region lebte. Der Zahn ist damit der nördlichste Fund dieser Primatenart in Kontinentaleuropa.
Berberaffen (Macaca sylvanus) sind die einzige heute lebende Makakenart, die nicht in Asien, sondern in Nordafrika heimisch ist und auch an der Südspitze Europas in Gibraltar vorkommt. Vor allem in den Bergregionen Algeriens und Marokkos leben heute noch etwa 8.000 der Tiere frei in Laub- und Nadelwäldern. Die kleine, aber berühmte Population in Gibraltar wurde ursprünglich vom Menschen eingeführt. Während des Pleistozäns erstreckte sich der Lebensraum dieser Primaten dagegen noch über weite Teile Süd- und Mitteleuropas, wie fossile Funde aus Spanien, Italien und Griechenland bis nach Deutschland und England zeigen.
„Der von uns jetzt untersuchte kleine Zahn wurde bei der Grabungskampagne 2004 in Seeufersedimenten der niedersächsischen Fundstelle Schöningen geborgen. Diese ist weltweit für ihre gut erhaltenen archäologischen und paläontologischen Überreste aus der Altsteinzeit bekannt und erlaubt sensationelle Einblicke in die damalige Umwelt und die klimatischen Bedingungen“, berichtet Dr. Jordi Serangeli vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und Grabungsleiter in Schöningen.
„Der Zahn ist fast vollständig erhalten und weniger als einen Zentimeter lang“, ergänzt Studienleiter Prof. Dr. Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden. „Es handelt sich um den Milchbackenzahn eines jungen, etwa einjährigen Makaken (Macaca cf. sylvanus), einer Art, die dem heute lebenden Berberaffen (Macaca sylvanus) sehr nahe steht. Schöningen liegt rund 1.800 Kilometer weiter nördlich als das heutige nördlichste Verbreitungsgebiet dieser Art. Damit gehört der Zahn zu den nördlichsten Funden von Makaken aus dem mittleren Pleistozän und ist der nördlichste Fund aus Kontinentaleuropa überhaupt.“
Der heutige Lebensraum der Berberaffen ist von mediterranem Klima mit warmen, trockenen Sommern und relativ feuchten Wintern geprägt. Die Population in den Hochgebirgsregionen Zentralmarokkos zeigt, dass die Art sehr kaltes Wetter recht gut verträgt, mit Wintertemperaturen von bis zu minus 22 Grad Celsius im Januar. „Ihre heutige Verbreitung in kleinen und zum Teil isolierten Rückzugsgebieten in Marokko – Mittlerer Atlas, Hoher Atlas und Rif-Gebirge – und Algerien – Schlucht von Chiffa, kleine und große Kabylei – spiegelt die Verfügbarkeit von Rest-Lebensraum wider und nicht ihren natürlichen Lebensraum. Auch Dank des Fundes aus Schöningen wissen wir, dass das Verbreitungsgebiet der Tiere früher um ein Vielfaches größer war“, erklärt Serangeli.
Moderne Makaken ernähren sich hauptsächlich pflanzlich, etwa von Blüten, Früchten, Samen, Keimlingen oder Blättern, ergänzt durch tierische Nahrungsquellen wie Schnecken, Insekten, Fische, Eier und kleine Wirbeltiere. Obwohl sie ökologisch von Bäumen abhängig sind, verbringen die geselligen, tagaktiven Primaten den Großteil der Tagesstunden am Boden, ziehen sich bei Gefahr jedoch in die Bäume zurück. „Vor circa 310.000 Jahren war die Landschaft am Ufer des damaligen Sees in Schöningen ein offenes Waldgebiet mit Birken- und Kiefernbeständen“, so Serangeli. „Das zeigen umfassende Umweltanalysen der Fundstelle. Die mittleren Sommer- und Winterlufttemperaturen entsprachen in etwa den heutigen, wobei die Winter mindestens ein Grad Celsius kälter waren. Das deutet auf ein ausgeprägteres Kontinentalklima hin.“
Ursprünglich entwickelte sich die Gattung Macaca im späten Miozän vor etwa 16 Millionen Jahren, vermutlich in Nordafrika. Danach breitete sich der Berberaffe über die gesamte Mittelmeerregion und weiter nördlich bis in die heutigen Niederlande und nach Deutschland aus. „Die Art war über einen sehr langen Zeitraum in Europa weit verbreitet. Mehrere Berberaffen-Reste wurden sogar in England gefunden“, erzählt van Kolfschoten. „In Norddeutschland waren die Tiere wahrscheinlich an der Grenze ihres möglichen Lebensraums angekommen. Die Verbreitung der Berberaffen ging später dramatisch zurück, bis sie in der letzten Eiszeit in Europa gänzlich ausstarben. Der Grund waren Klimawandel, Verlust des Lebensraums und wahrscheinlich der zunehmende Druck durch eine andere Primatenart, den frühen Menschen.“
Der Berberaffe ist heute stark vom Aussterben bedroht. „Der natürliche Lebensraum der Berberaffen schrumpft ununterbrochen, zudem sind sie Opfer einer rücksichtslosen Jagd auf ihre Jungtiere, die anschließend als Haustiere verkauft werden“, berichtet Serangeli. „Als Primaten gehören Berberaffen auch zu unseren engsten Verwandten. Wir müssen diese faszinierenden Tiere, die früher zur Vielfalt Europas gehörten, vom endgültigen Aussterben bewahren.“
Originalpublikation:
van Kolfschoten, T., Verheijen, I, Serangeli, J. 2026. The first primate (Macaca cf. sylvanus) from Schöningen (Germany). Quaternary Environments and Humans.
https://doi.org/10.1016/j.qeh.2026.100116
17.09.2026, Hochschule Trier
Erfolge bei der Steinkrebs-Wiederansiedlung im Hunsrück bei Koblenz – trotz Extrem-Sommer
Gekommen, um zu bleiben: Steinkrebse, die in den vergangenen Jahren in einem Bach im Hunsrück bei Koblenz ausgesetzt wurden, haben sich dort erfolgreich etabliert. Bei einem Monitoring in diesem Sommer fanden Wissenschaftler*innen des Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier Tiere aus mindestens zwei Jahrgängen.
Selbst der extrem heiße Sommer und die zeitweise sehr geringe Wasserführung konnten den jungen Bestand offenbar nicht stoppen. Der Steinkrebs ist in Deutschland stark gefährdet und in Rheinland-Pfalz nur noch an wenigen Stellen zu finden. Deshalb wird zum Erhalt und zur Wiederansiedlung dieser Art ein Projekt von der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD Nord) mit Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz gefördert. Ein in den letzten Jahrzehnten krebsfreier Bach konnte dadurch über drei Jahre mit Krebsnachwuchs besetzt werden, zum Teil mit hochrangiger politischer Unterstützung, z. B. durch die ehemalige Umweltministerin Katrin Eder.
Ein entscheidender Baustein des Projekts war die Nachzucht. Anders als viele andere Krebsarten sind Steinkrebse ausgesprochen schwierig zu vermehren. Gemeinsam mit Helmut Jeske von der Krebszucht Oeversee in Schleswig-Holstein,
Dr. Kai Lehmann vom Institut für nachhaltiges Ressourcenmanagement und dem Steinkrebsenthusiasten Jürgen Frechen als Partner vor Ort gelang es, dafür ein Verfahren zu entwickeln. „Die Bedingungen eines kleinen, kühlen Mittelgebirgsbaches in Zuchtanlagen zu kopieren ist fast unmöglich“, erläutert Helmut Jeske. „Die Steuerung der sehr niedrigen Temperatur und geringen Nährstoffgehalte ist in Zuchtanlagen sehr aufwändig.“
Für Prof. Dr. Stefan Stoll vom Umwelt-Campus Birkenfeld ist der Fund der Steinkrebse ein wichtiger Meilenstein: „Die Wiederansiedlung läuft bislang ausgesprochen gut. Besonders spannend wird das nächste Jahr: Wenn wir dann erstmals hier geborene Jungtiere finden, wäre der entscheidende Schritt zu einer sich selbst erhaltenden Population geschafft.“
17.09.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Heiß, kalt, trocken: Klimawandel prägte Säugetiervielfalt vor 66 bis 23 Millionen Jahren
Ein Forschungsteam des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums Frankfurt und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig sowie der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat den Einfluss von Klimaveränderungen auf die Säugetiervielfalt Zentralasiens während des Paläogens untersucht. Ihre jetzt im wissenschaftlichen Journal „Nature Communications“ erschienene Studie zeigt, dass im Zeitraum vor 66 bis 23 Millionen Jahren neben globalen Temperaturverschiebungen auch eine regionale Trockenphase die Entwicklung von Säugetiergemeinschaften entscheidend prägte.
Das Zeitalter des Paläogens vor circa 66 bis 23 Millionen Jahren ist eine Schlüsselperiode der Säugetierevolution. Nachdem die Dinosaurier vor etwa 66 Millionen Jahren ausgestorben waren, etablierten sich Säugetiere rasch als vorherrschende Gruppe der Landwirbeltiere. Wie haben sich diese Tiergemeinschaften im Laufe dieser langen Zeit verändert und welche Rolle haben Klimaveränderungen dabei gespielt? Diesen Fragen ist das interdisziplinäre Team unter Leitung von Dr. Gemma Louise Benevento, Forscherin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und der Friedrich-Schiller-Universität Jena, zuvor am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt, mit Blick auf Zentralasien nachgegangen.
„Wir haben anhand von Fossilfunden in der Mongolei und China die taxonomische Vielfalt und Zusammensetzung von Säugetiergemeinschaften und die Entwicklung der Körpermasse der Tiere im Laufe der Zeit rekonstruiert“, erklärt Benevento. „Dabei haben wir für unser Untersuchungsgebiet in Zentralasien während des Paläogens drei Phasen mit deutlichen Veränderungen identifiziert. Diese Umbrüche in der Entwicklung der Säugetiergemeinschaften fallen mit einschneidenden Klimaereignissen in diesem Zeitraum zusammen. Erstens mit der schnellen Erwärmungsphase des Paläozän-Eozän-Temperaturmaximums vor etwa 56 Millionen Jahren, zweitens mit der Abkühlung am Übergang vom Eozän zum Oligozän vor etwa 33,9 Millionen Jahren. Als dritte Klimaveränderung – zeitlich zwischen diesen beiden Ereignissen – konnten wir aber noch eine zusätzliche regionale Austrocknungsphase in Zentral-Ostasien während des mittleren Eozäns feststellen.“
Während des Paläozän-Eozän-Temperaturmaximums vor rund 56 Millionen Jahren erwärmte sich die Erde innerhalb eines vergleichsweise sehr kurzen Zeitraums von etwa 100.000 Jahren um etwa fünf bis zehn Grad Celsius. Diese „Treibhauswelt“ wandelte sich dann vor etwa 33,9 Millionen Jahren, als eine Phase allmählicher Abkühlung und Austrocknung langfristig den Übergang zu einer kühleren „Eishauswelt“ mit Eiskappen an den Polen einleitete.
„Neben diesen globalen Klimaereignissen haben einige kürzlich veröffentlichte geologische und ökologische Analysen Hinweise auf eine Austrocknungsphase in Zentral-Ostasien bereits während des mittleren Eozäns vor etwa 40 Millionen Jahren geliefert“, führt Benevento weiter aus. „Diese Untersuchungen stützen sich auf Indikatoren wie die Verwitterungsintensität, die in trockenen Gebieten abnimmt, oder Pollen, die als Anzeiger für frühere Umweltbedingungen dienen. Für diesen Zeitraum wurde eine Zunahme von Pollenarten festgestellt, die für Wüstenlandschaften typisch sind. Anhand von Klimamodellsimulationen konnten wir diese regionale Trockenphase nun noch einmal unabhängig bestätigen. Auch unsere Klimamodelle weisen darauf hin, dass die Umwelt in dieser Region bereits rund sechs Millionen Jahre früher trockener wurde als bislang angenommen.“
Die globale Erwärmung infolge des Paläozän-Eozän-Temperaturmaximums, die mit einer Begrünung der Wüsten im Landesinneren einherging, begünstigte laut der Studie eine hohe Säugetiervielfalt, die sich in diesem Zeitraum verdreifachte. Die spätere Austrocknung und Abkühlung hätten dagegen zu einem Rückgang der Artenvielfalt, Abnahme der Körpergröße und insgesamt zu einem starken Wandel der Tiergemeinschaften geführt.
„Dass die Trockenphase in Zentralasien bereits früher als in anderen Teilen der Erde einsetzte, hängt wahrscheinlich mit veränderten Luftströmungen durch den Rückzug des Paratethys-Meeres – ein riesiges, heute verschwundenes Binnenmeer in Eurasien – und der Anhebung des Tibetischen Plateaus zusammen“, so Benevento. „Besonders bemerkenswert ist, dass diese regionalen Austrocknungsphase offenbar einen ähnlich starken Einfluss auf die Säugetiergemeinschaften hatte wie die ‚großen‘ globalen Klimaereignisse. Daraus lassen sich auch wertvolle Schlüsse mit Blick auf den heutigen Klimawandel und die zunehmende globale Erwärmung ziehen. Um die wichtigsten Gefahren für die heutige Artenvielfalt zu erkennen, müssen unbedingt auch regionale und lokale Veränderungen berücksichtigt werden – etwa die Verfügbarkeit von Wasser, der Transport von Feuchtigkeit in der Atmosphäre oder die Verschiebung von Lebensräumen. Nur so können wir zuverlässig einschätzen, wie heutige Säugetiergemeinschaften auf künftige Veränderungen von Klima und Umwelt reagieren werden.“
Originalpublikation:
Benevento, G.L., Meijer, N., Brugger, J. et al. Global and regional climate change impacted Paleogene mammal faunas in Central Asia. Nat Commun 17, 9606 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-77374-7
18.09.2026, Veterinärmedizinische Universität Wien
Wenn der Körper im Weg ist: Goffinkakadus zeigen Anzeichen von Körperbewusstsein
Was passiert, wenn das Hindernis der eigene Körper ist? Forschende des Messerli Forschungsinstituts (MFI) der Vetmeduni zeigen erstmals bei Vögeln, dass Goffinkakadus ihren eigenen Körper als Hindernis erkennen: In einem „Körper-als-Hindernis“-Test traten die Tiere zur Seite, wenn ihr eigenes Gewicht eine Aufgabe blockierte. Die Ergebnisse deuten auf eine handlungsbezogene Form der Selbstrepräsentation hin und erweitern das Verständnis von Selbstwissen über Artgrenzen hinweg.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert greifen Wissenschafter:innen, die das Selbst von Tieren erforschen, häufig auf Spiegel zurück. Im klassischen Spiegel-Markierungstest muss ein Tier sein Spiegelbild mit dem eigenen Körper in Verbindung bringen und den Spiegel nutzen, um eine versteckte Markierung zu inspizieren.
Die Studie des MFI an der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersucht Selbstrepräsentation durch Handlung. Im ersten „Körper-als-Hindernis“-Test, der mit Vögeln durchgeführt wurde, erkannten Goffinkakadus, wenn ihr eigenes Gewicht sie an der Lösung einer Aufgabe hinderte und traten zur Seite.
„Wahrscheinlich müssen alle Tiere sich in der einen oder anderen Weise selbst repräsentieren“, sagt der Studien-Co-Autor Antonio J. Osuna-Mascaró. „Wie Frans de Waal einst argumentierte, muss ein Affe wissen, ob ein Ast sein Gewicht trägt, bevor er darauf landet, oder ob er die Stärke und Fähigkeiten hat, einen Kampf zu gewinnen, bevor er einen anderen herausfordert. Der Spiegeltest erfasst eine Dimension des Selbstwissens (das visuelle Erscheinungsbild) innerhalb eines viel breiteren Spektrums, das Geruch, Größe, Position, Gewicht und andere Merkmale umfasst, die Tieren helfen, physische und soziale Herausforderungen zu bewältigen.“
Ein Ball, eine Matte und ein gefiederter Stolperstein
Die Forschenden testeten 15 Goffinkakadus im Goffin Lab in Niederösterreich. Die Vögel hatten gelernt, auf die Aufforderung „Gib mir“ eine kleine Kugel aufzunehmen und einer Versuchsperson zu übergeben.
Im entscheidenden Test war die Kugel mit der Matte unter den Füßen des Kakadus verbunden. Wenn der Vogel an der Kugel zog, bewegte sich die Matte mit – während das Eigengewicht des Vogels alles an Ort und Stelle hielt. Um erfolgreich zu sein, musste der Kakadu von der Matte herabsteigen und die Übergabe neben der Matte fortsetzen.
Zwei Kontrollbedingungen sollten zeigen, ob die Vögel auf ihre eigene ursächliche Rolle im Problem reagierten. In einer Kontrolle war die Kugel nicht befestigt und konnte normal übergeben werden. In der anderen war sie am Tisch fixiert. Diese zweite Anordnung erzeugte Widerstand, aber das Verlassen der Matte hatte keinen Einfluss auf das Hindernis. Ein Vortest bestätigte zudem, dass Bewegungen unter den Füßen der Vögel sie nur selten veranlassten, wegzutreten.
„Die Lösung entfaltete sich oft in einer sehr klaren Abfolge“, sagt Studienerstautorin Paula Hundegger, die die Experimente durchführte. „Ein Kakadu nahm die Kugel auf, spürte den Widerstand, stieg von der Matte und vollendete die Übergabe. Dieses Muster sahen wir bereits in der ersten Sitzung.“
Die Kakadus stiegen in 97,8 % der Testdurchgänge von der Matte. In nur 0,7 % der Durchgänge taten sie dies, wenn die Kugel nicht befestigt war, und in 39,1 %, wenn sie am Tisch fixiert war. Das bedingungsabhängige Muster zeigte sich bereits in der ersten Sitzung und blieb über den gesamten Versuchsverlauf stabil. Im Vortest blieben die Vögel in 179 von 180 Durchgängen auf der sich bewegenden Matte stehen.
Insgesamt deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die Kakadus zwischen einem Problem, das durch ihren eigenen Körper verursacht wurde, und einer externen Blockade unterscheiden konnten.
Ein neues Fenster auf das tierische Selbst
Die „Körper-als-Hindernis“-Aufgabe nahm ihren Anfang in Studien mit Kleinkindern. In einer Version versucht ein Kind, eine Matte zu übergeben, während es darauf steht. Kinder beginnen im Allgemeinen im zweiten Lebensjahr damit, solche Probleme zu lösen – etwa zu der Zeit, in der auch die Selbsterkennung im Spiegel auftritt. Die beiden Aufgaben zeigen jedoch nur geringe Zusammenhänge, und kulturvergleichende Studien haben unterschiedliche Entwicklungsverläufe festgestellt. Das deutet darauf hin, dass sie unterschiedliche Aspekte der Selbstrepräsentation erfassen.
Später wurde die Aufgabe für Asiatische Elefanten, Hunde, Schimpansen und Gorillas adaptiert. Elefanten zeigten Evidenz sowohl im Spiegel- als auch im „Körper-als-Hindernis“-Test. Hunde bestehen die „Körper-als-Hindernis“-Aufgabe, obwohl sie in konventionellen Spiegeltests scheitern. Auch Schimpansen und Gorillas schnitten in „Körper-als-Hindernis“-Tests gut ab, ohne klaren Zusammenhang zu ihren Reaktionen auf Spiegel.
Goffinkakadus fügen diesem vergleichenden Bild den ersten avianen Befund hinzu. Diese hochgradig innovativen Papageien erkunden Objekte intensiv mit Schnabel, Zunge und Füßen. Ihre taktile, handlungszentrierte Art der Auseinandersetzung mit der Welt macht sie zu starken Kandidaten für Tests, die auf Körper-Umwelt-Beziehungen beruhen. Frühere Experimente konnten in dieser Art keine konventionelle Spiegel-Selbsterkennung nachweisen, wobei die Forschenden allerdings einige mögliche Kontingenzprüfungen beobachteten.
„Wir lernen, wie Selbstrepräsentation bei sehr unterschiedlichen Arten von Geist untersucht werden kann“, sagt Osuna-Mascaró. „Das entstehende Bild ist modular: Verschiedene Arten stützen sich auf die Formen des Selbstwissens, die für ihre Art der Fortbewegung und des Handelns am wichtigsten sind.“
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kakadus sensibel für ihre eigene ursächliche Rolle in einem physikalischen Problem waren. Die Forschenden betonen, dass die Befunde nicht als Hinweis zu verstehen sind, dass Kakadus ein menschenähnliches, reflektiertes Selbstkonzept besitzen. Ihre Art der Selbstrepräsentation wird wahrscheinlich durch die physischen und sozialen Herausforderungen geprägt, denen sie ausgesetzt sind. Die Resultate tragen zu der Evidenz bei, dass Selbstrepräsentation aus mehreren Komponenten bestehen kann, die sich je nach Art unterschiedlich ausdrücken und am besten mit komplementären Methoden untersucht werden, die an die jeweilige Wahrnehmung und Handlungsmöglichkeiten der Tiere angepasst sind.
„Anstatt Selbstbewusstsein als einzelne Schwelle zu behandeln, können wir fragen, welche Informationen Tiere über sich selbst nutzen, unter welchen Umständen und zu welchem Zweck“, fügt Osuna-Mascaró hinzu. „Die Erprobung des ‚Körper-als-Hindernis‘-Paradigmas bei Vögeln fügt diesem weitaus größeren Puzzle ein neues Teil hinzu.“
Originalpublikation:
Der Artkel „Body awareness in Goffin’s cockatoos (Cacatua goffiniana)“ von Paula Hundegger, Remco Folkertsma, Rachel Dale, Alice M. I. Auersperg und Antonio J. Osuna-Mascaró wurde in Scientific Reports veröffentlicht.
https://www.nature.com/articles/s41598-026-57500-7

