23.02.2026, Universität Duisburg-Essen
Parasiten zeigen Umweltbelastung in Meeressäugern
Parasiten haben ein schlechtes Image. Dabei könnten sie helfen, Umweltprobleme sichtbar zu machen. Eine aktuelle Studie von Forschenden der Universität Duisburg-Essen zeigt, dass sie wertvolle Hinweise auf Schadstoffbelastungen in den Meeren liefern können. Untersucht wurde, wie sich Spurenelemente wie Cadmium, Arsen, Blei, Zink und Eisen in Schweinswalen und ihren Parasiten anreichern.
„Im Mittelpunkt unserer Untersuchung standen Schweinswale aus Nord- und Ostsee. Sie sind wichtige Indikatoren für den Zustand mariner Ökosysteme“, so Prof. Dr. Bernd Sures von der Fakultät für Biologie an der Universität Duisburg-Essen (UDE).
Die dabei untersuchten Proben stammen von gestrandeten Schweinswalen, die von Mitarbeitenden des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover im Rahmen des offiziellen Gesundheitsmonitorings geborgen und obduziert wurden. Neben verschiedenen Gewebeproben der Meeressäuger analysierte das Forschungsteam auch parasitische Würmer, sogenannte Helminthen.
Dabei zeigte sich ein bemerkenswertes Muster: Mehrere Spurenelemente wurden in den Parasiten teilweise in deutlich höheren Konzentrationen nachgewiesen als im Gewebe ihrer Wirte.
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Parasiten Schadstoffe wie Kobalt, Cadmium und Arsen besonders effektiv anreichern können“, erklärt Michelle Musiol von der UDE. Die Studie ist Teil ihres Promotionsvorhabens. Die Anreicherungsmuster hängen dabei stark von Parasitenart und Region ab. Eine entscheidende Rolle spielen außerdem Ernährungsweise und Lebensraum der Parasiten im Körper ihres Wirts.
Obwohl Parasiten Spurenelemente anreichern können, beeinflussen sie die Gesamtbelastung der Schweinswale jedoch nur gering. Die Säuger verfügen selbst über wirksame Mechanismen, um Schadstoffe zu regulieren und auszuscheiden.
Die Studie erweitert damit etablierte Methoden des Biomonitorings, bei denen Organismen genutzt werden, um Umweltbelastungen messbar zu machen. Während parasitenbasierte Ansätze bislang vor allem bei Fischen untersucht wurden, zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass dieses Konzept auch bei marinen Spitzenprädatoren neue Erkenntnisse liefern kann.
Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der komplexen Wechselwirkungen zwischen Umweltverschmutzung, Tiergesundheit und Ökosystemen und betonen das Potenzial von Parasiten als ergänzendes Instrument im Umweltmonitoring.
Originalpublikation:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0269749126000540?via%3Dihub
24.02.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Huckepack in den Frühling – die Krötenwanderung beginnt
Der einheimische Lurch ist ein toller Nützling, er verspeist sogar Nacktschnecken
Erst Eis und Frost, jetzt dauerhaft Regen und milde Temperaturen – was für ein Krötenwetter! Sobald das Thermometer nachts mindestens etwa 5 Grad anzeigt und der Boden feucht ist, beginnt in der Natur ein beeindruckendes Schauspiel: Tausende Erdkröten verlassen ihre Winterquartiere und machen sich auf den Weg zu ihren angestammten Laichgewässern. Nur späte Frosteinbrüche führen zur Unterbrechung der Wanderungen; die Tiere graben sich dann an Ort und Stelle ein und verharren in der Erde, bis die Wetterbedingungen eine Fortsetzung der Wanderung zulassen.
Ein besonderes Merkmal der Krötenwanderung ist die Fortbewegung im Huckepack-Verfahren: Oft treffen die Weibchen bereits auf dem Weg zu den Gewässern auf ihre männlichen Artgenossen. Diese klettern unverzüglich auf den Rücken der größeren Weibchen und lassen sich den Rest der Strecke tragen. Am Ziel angekommen, beginnt der Fortpflanzungsprozess, bei dem die Weibchen meterlange Laichschnüre mit bis zu 4.000 Eiern im Wasser ablegen. Aus diesen schlüpfen nach zwei bis vier Wochen die Kaulquappen, die im Juli als etwa zehn Millimeter kleine Jungkröten das Wasser verlassen.
Für den Menschen, insbesondere für Gärtner, ist die Erdkröte ein wertvoller Verbündeter. Auf ihrem nächtlichen Speiseplan stehen neben Käfern, Spinnen, Asseln und Fliegen auch Nacktschnecken und deren Eier. „Wer Erdkröten helfen möchte, sollte geschützte Plätze wie Holz- und Reisighaufen, Laubstreu und große Steine im Garten erhalten. Dort finden die Amphibien tagsüber den nötigen Rückzugsort, um nachts auf Jagd zu gehen“, sagt Sophia Christophersen, Artenschützerin der Deutschen Wildtier Stiftung.
In der Theorie können Erdkröten bis zu zwölf Jahre alt werden – in der Praxis erreichen sie dieses Alter kaum. „Die Bestände gehen immer weiter zurück“, sagt Christophersen. Hauptgründe dafür sind der Verlust feuchter Lebensräume durch fortwährende Entwässerung und den Klimawandel – und in der aktuellen Zeit vor allem der Straßenverkehr. Auf dem Weg zu ihren Laichplätzen überqueren die Kröten Straßen – und werden dabei nicht nur überrollt, sondern sterben oft auch durch den enormen Luftdruck der Fahrzeuge, der beim schnellen Vorbeifahren ihre inneren Organe zerreißen kann. „Tempo 30 schützt sie“, so Christophersen. Darum sollten Auto-, aber auch Motorradfahrer oder E-Biker achtsam fahren.
Wer zu Fuß unterwegs ist und eine Kröte auf der Straße sieht, sollte sie sicher auf die rettende andere Seite tragen und dort weiter wandern lassen. „Bitte anschließend die Hände waschen – Erdkröten können bei Stress über ihre Ohrdrüsen ein Schutzsekret absondern, das empfindliche Schleimhäute reizen kann“, sagt Christophersen.
24.02.2026, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Mehr Schutz und Forschung notwendig: Globale Artenvielfalt der Bienen bisher deutlich unterschätzt
Eine wissenschaftliche Studie liefert erstmals fundierte Schätzungen zur Bienenartenvielfalt auf globaler, kontinentaler und nationaler Ebene. Zugleich macht sie deutlich, wie wichtig die internationale taxonomische Grundlagenforschung ist, um Wissenslücken zu schließen und die Biodiversität wirksam zu schützen.
Forschende schätzen, dass es auf der Erde mindestens 1,5 Millionen Insektenarten gibt, wobei die tatsächliche Zahl vermutlich noch deutlich höher liegt und unbekannt ist. Diese Wissenslücken zu schließen ist grundlegend, um Artenrückgänge zu verfolgen, Lebensräume zu schützen und die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen besser beurteilen zu können. Ein internationales Team unter der Leitung von Dr. James Dorey von der University of Wollongong (Australien), darunter Dr. Michael Orr vom Naturkundemuseum Stuttgart, hat nun eine umfassende, statistisch fundierte Schätzung der Anzahl der Bienenarten auf allen Kontinenten und in allen Ländern weltweit vorgelegt. Mit ihren Berechnungen und veröffentlichten Methoden zur Artenerfassung liefern sie eine neue Grundlage für die globale Biodiversitätsforschung. Die Ergebnisse zeigen, wie viele Bienenarten noch nicht klassifiziert oder bislang übersehen wurden – ein Aspekt, der für den weltweiten Naturschutz und die Ernährungssicherheit entscheidend ist. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.
Bienen sind der Schlüssel für gesunde Ökosysteme:
Als zentrale Bestäuber sind Bienen für intakte Ökosysteme und eine nachhaltige Landwirtschaft unverzichtbar. Nur auf Basis verlässlicher Schätzungen der Artenvielfalt lassen sich Naturschutzmaßnahmen gezielt priorisieren, die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen beurteilen und evolutionäre Prozesse besser verstehen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine große Anzahl von Wildbienenarten noch unentdeckt ist, von denen viele möglicherweise bereits bedroht sind. Wir wissen sehr wenig über ihren Beitrag zu Ökosystemen und können die Folgen ihres Verschwindens für die Biodiversität und die Landwirtschaft nicht abschätzen. Umso dringlicher ist es, diese Arten zu entdecken, wissenschaftlich zu beschreiben und ihre Rolle genauer zu untersuchen“, sagt Dr. Michael Orr, Entomologe am Naturkundemuseum Stuttgart.
Bislang unterschätzte Artenvielfalt:
Frühere Schätzungen zur weltweiten Bienenvielfalt waren oft unsicher oder beruhten auf unvollständigen Daten. Mithilfe globaler Datensätze, Beschreibungen von Arten,
Länderchecklisten, wissenschaftlicher Aufzeichnungen sowie statistischer Schätzungen der Artenvielfalt haben die Forschenden die Zahl der Bienenarten auf globaler, kontinentaler und Länderebene ermittelt. Sie konnten die Zahl der Bienenarten auf mindestens 24.705 bis 26.164 beziffern. Dies legt nahe, dass weltweit 3.700 bis 5.200 bislang unbekannte oder unbeschriebene Wildbienenarten existieren. Durch die Quantifizierung dieser enormen Artenvielfalt, die die Grundlage für Ökosysteme und die globale Nahrungsmittelproduktion bildet, unterstreicht die Studie die dringende Notwendigkeit, biologische Vielfalt angesichts des weltweiten Umweltwandels besser zu schützen und zu erfassen.
Kooperationen wichtig für die globale Biodiversitätsforschung:
Laut den Autor*innen der Studie stehen der Schutz, die Erforschung und die Taxonomie von Wildbienen weltweit vor Herausforderungen wie zum Beispiel Datenmangel, Aussterben sowie politischen und kulturellen Hindernissen. Das Forschungsteam empfiehlt, dass wohlhabendere Staaten gezielt den wissenschaftlichen Kompetenzaufbau sowie länderübergreifende Kooperationen fördern.
„Diese Herausforderungen sind besonders deutlich in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika, wo eine hohe Artenvielfalt auf einen Mangel an Kapazitäten und Finanzmitteln trifft. Selbst in reichen Ländern wie Australien gibt es Probleme mit der Art und Weise, wie wir Arten beschreiben, und wir unterschätzen wahrscheinlich die Anzahl der Arten, die wir haben“, erklärt der Erstautor der Studie Dr. James Dorey von der University of Wollongong in Australien.
Eine verstärkte internationale Zusammenarbeit und die molekulare Erkennung von Arten werden sich als entscheidend erweisen, um die derzeitigen Wissenslücken zu schließen.
Innovatives Analysetool für weltweite Forschung:
Die meisten bislang unentdeckten Bienenarten erwarten die Wissenschaftler*innen in Asien, gefolgt von Afrika, Südamerika, Nordamerika, Europa und Ozeanien. Mit ihrem frei verfügbaren, statistischen R-Paket-Framework stellen die Forschenden ein Werkzeug bereit, das dabei hilft, das Wissen über verschiedene Tier- und Pflanzengruppen zu erweitern. Es ermöglicht zuverlässige Schätzungen der Artenvielfalt auf der Grundlage unterschiedlicher Datensätze, automatisiert Analysen, vergleicht Ergebnisse und führt Schätzungen für verschiedene Regionen durch. Dies ermöglicht es Forschern weltweit, nach einheitlichen Standards zu arbeiten und einen gemeinsamen internationalen Konsens über die Artenzahlen zu erzielen, was eine wichtige Grundlage für gezielte Schutzmaßnahmen darstellt.
Originalpublikation:
‘Estimating global bee species richness and taxonomic gaps’, by James Dorey, Amy-Marie Gilpin, Nikolas Johnston, Damien Esquerre, Alice Hughes, John Ascher, and Michael Orr, was published in Nature Communications
DOI: https://www.doi.org/10.1038/s41467-026-69029-4
24.02.2026, Universität Regensburg
Einzigartige Ameisenart entdeckt
Temnothorax kinomurai verzichtet sowohl auf Männchen als auch auf Arbeiterinnen
In einer internationalen Kooperation mit japanischen Forschenden ist Prof. Dr. Jürgen Heinze eine spektakuläre Entdeckung gelungen: Die Ameisenart Temnothorax kinomurai stellt die bisher bekannte Ordnung der Ameisengesellschaften auf den Kopf. Sie ist die erste bekannte Art, die vollständig auf Männchen und Arbeiterinnen verzichtet. Jürgen Heinze hatte vor seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Regensburg inne. Er forscht aber auch weiterhin über soziale Insekten, insbesondere über die Reproduktion von Ameisen. Im Rahmen der jetzt in „Current Biology“ erschienenen Studie war er sowohl an der Suche nach Ameisen in Japan als auch an der Aufzucht von Kolonien im Labor und der Auswertung der Daten beteiligt.
Wie bei den meisten Tierarten gibt es auch bei Ameisen zwei Geschlechter, Weibchen und Männchen. Bei den weiblichen Tieren gibt es außerdem zwei verschiedene „Kasten“: Königinnen, die für die Paarung und Fortpflanzung zuständig sind, und Arbeiterinnen, die alle anderen Tätigkeiten im Staat übernehmen. Die Männchen sterben nach der Paarung und spielen für den Staat keine weitere Rolle. Ihr Sperma wird jedoch von der Königin zeitlebens genutzt, um Eier zu befruchten. „Von diesem Grundschema gibt es eine Reihe von Abwandlungen“, so Heinze. „Einige parasitische Ameisenarten haben die Arbeiterinnenkaste verloren – bei ihnen dringt die Königin in Nester anderer Arten ein und lässt die dortigen Arbeiterinnen für sich arbeiten. Außerdem gibt es einige wenige Arten, bei denen weibliche Tiere ohne Paarung durch Jungfernzeugung – der sogenannten Parthenogenese – aus unbefruchteten Eiern neue Weibchen heranziehen können“, sagt der Zoologe.
In der japanisch-deutschen Zusammenarbeit konnte nun erstmals klar nachgewiesen werden, dass die Ameisenart Temnothorax kinomurai noch einen Schritt weiter geht: Sie ist die einzige bekannte Ameisenart, die sowohl auf Arbeiterinnen als auch auf Männchen verzichtet. Für die Aufzucht ihrer Nachkommen überfallen die Königinnen andere Ameisenstaaten von Temnothorax makora – einer verwandten Art. Sie übernehmen deren kleinen Staat und legen dann unbefruchtete Eier, die von den Wirtsameisen ausschließlich zu neuen Königinnen aufgezogen werden. Damit ist T. kinomurai die erste Ameisenart, bei der es weder Arbeiterinnen noch Männchen gibt.
Der passionierte japanische Ameisenforscher Kyoichi Kinomura hatte diese Besonderheit aufgrund seiner Beobachtungen zwar schon lange vermutet, doch die extreme Seltenheit dieser in Eicheln lebenden Art machte es schwierig, exakte Daten zur Brutproduktion zu erheben. Durch gezielte Aufzuchtversuche mit neuen, in Japan gefundenen Kolonien, konnte seine Vermutung jetzt bestätigt werden: T. kinomurai ist bislang die einzige Ameisenart, die nur aus Königinnen besteht.
Dies belegt nicht nur die Plastizität der Koloniestruktur von Ameisen, sondern stellt auch einen weiteren Schritt in der Evolution parasitischer Ameisen dar. „Die meisten arbeiterinnenlosen sozialparasitischen Ameisen vermehren sich dadurch, dass sich im Nest Geschwister verpaaren – es kommt also kaum zu einem genetischen Austausch. Ganz auf die Investition in Männchen zu verzichten und stattdessen alle verfügbaren Ressourcen in die Aufzucht von parthenogenetischen Jungköniginnen zu stecken, ist gerade bei Arten, bei denen mit der Koloniegründung die Wirtskönigin und damit die Quelle neuer Wirtsarbeiterinnen getötet wird, ein zwar unerwarteter, evolutionär gesehen, aber sinnvoller Schritt“, sagt Jürgen Heinze.
Originalpublikation:
“A parasitic, parthenogenetic ant with only queens and without workers or males”, https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.11.080
26.02.2026, Universität Konstanz
Hummeln sind effiziente Entscheider
Die meisten Insekten steuern bei ihrer Nahrungssuche gezielt jene Blüten an, die ihnen den besten Ertrag versprechen. Doch woran orientieren sie sich dabei? Forschende der Universität Konstanz und der Universität Würzburg haben nun untersucht, wie Hummeln Informationen über ihre Nahrungsquellen verarbeiten.
Welche Erdbeeren im Supermarktregal könnten wohl die süßesten sein? Wählt man besser die tiefroten, die mit den grünen Stellen oder doch diejenigen, die am intensivsten duften? Um Entscheidungen wie diese zu treffen, verarbeiten wir täglich Unmengen an Informationen und nutzen dafür all unsere Sinne. Welche Informationen wie zu deuten sind, lernen wir wiederum aus Erfahrung. Tieren geht es da nicht anders. Eine aktuelle Studie der Universität Konstanz in Kooperation mit der Universität Würzburg hat das Entscheidungsverhalten von Hummeln untersucht und fand heraus, dass diese Insekten eine „Abkürzung“ in der Informationsverarbeitung nehmen, wenn sie dadurch Zeit sparen können. Dabei sind sie dem Entscheidungsverhalten von Menschen gar nicht so unähnlich.
Viele Blüten erfordern viele Entscheidungen
Bei der Nahrungssuche für ihr Volk fliegen Hummeln täglich hunderte Blüten an und müssen dabei jedes Mal entscheiden, welche am lohnendsten sein könnten. „Aufgrund der Häufigkeit dieser Entscheidungen in kurzen Zeiträumen eignen sich Hummeln besonders gut, um Entscheidungsprozesse zu untersuchen“, sagt Anna Stöckl, Neuroethologin an der Universität Konstanz und Co-Autorin der Studie. Damit sie nicht zu viel Energie mit wenig aussichtsreichen Flügen verschwenden, hilft es den Insekten, sich zu merken, welche Blütenarten Nektar oder Pollen enthielten und welche beim nächsten Besuch somit wahrscheinlich Nahrung bieten. „Um sich die gute Quelle zu merken, orientieren sie sich vor allem an der Farbe der jeweiligen Blüte. Sie sind aber auch dazu in der Lage, Form, Muster und Düfte zu erkennen“, so Stöckl. Ganz ähnlich wie Menschen vor dem Supermarktregal, die aus Erfahrung wissen, dass eine bestimmte Farbe sowie der Geruch bei der Erdbeerwahl verlässliche Kriterien sind.
Doch wie viele Merkmale speichern Hummeln ab, um eine gute Nahrungsquelle schnell und sicher identifizieren zu können? Um das zu testen, haben die Forschenden die Insekten zunächst darauf trainiert, eine bestimmte Kombination von Merkmalen mit einer Belohnung zu verbinden. Dabei wurden Blütenattrappen in verschiedenen Farbkonstellationen mit einem Muster oder mit einer Form kombiniert. In einem Durchgang wurden die Hummeln beispielsweise bei einer blauen, sternförmigen Blüte mit Zuckerlösung belohnt, während eine gelbe, runde Blüte nur Wasser enthielt. Trainiert wurde in einem weiteren Versuchsaufbau auch mit Blüten, deren Farben sich sehr ähnlich waren (zum Beispiel gelb und orange). Nach mehreren Durchgängen konnten die Forschenden beobachten, dass die Hummeln vermehrt die Blüten anflogen, die ihnen Zuckerlösung boten. „Das war für uns das Zeichen, dass sie die Merkmale der Blüte abgespeichert hatten und in ihre Entscheidung einbezogen“, sagt Stöckl.
Abgespeichert wird nur, was nötig ist
Nun begann die eigentliche Forschung, um herauszufinden, nach welchen der Merkmale sich die Hummeln richten: eher nach Form, eher nach Farbe oder beides gleichwertig? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Forschenden die bereits antrainierten Farben und Formen miteinander vermischt und die Hummeln so vor die Wahl zwischen den erlernten Merkmalen gestellt: Die sternförmige Blüte war nun beispielsweise gelb, die runde Blüte blau. Das eindeutige Ergebnis: Die Hummeln orientierten sich weiter an der einmal gelernten Farbe – nicht an der Form – und erwarteten mehrheitlich bei der blauen Blüte ihren Nektar. In einem weiteren Schritt waren schließlich alle Blüten einheitlich grau und nur Form oder Muster ließen noch auf die Belohnung schließen.
Das Ergebnis des Versuchs war eindeutig: Nur wenn die Farben in der Trainingsphase nicht so einfach zu unterscheiden waren, hatten sich die Hummeln zusätzlich auch die Form gemerkt und wählten bei den später einheitlich grauen Blüten deutlich häufiger die mit der korrekten Form. Die Hummeln passten ihre Entscheidungsstrategie, bzw. was und wie viel sie sich merkten, also an die Eindeutigkeit der Blütenmerkmale an. Besonders interessant war für die Forschenden jedoch ein Blick auf die Zeit in der Trainingsphase: „Hummeln, die an den Blüten mit den eindeutigen Farben trainiert wurden, benötigten deutlich weniger Zeit, bis sie gelernt hatten, welche Blüten sie für die Belohnung anfliegen mussten. Die Hummeln an den farblich ähnlichen Blüten brauchten für den Lernprozess hingegen länger“, erläutert Biologe und Co-Autor Johannes Spaethe von der Universität Würzburg.
Mit diesem Vorgehen sparen die Hummeln laut Anna Stöckl wertvolle Ressourcen: „Das Lernen und Abspeichern der Farbe allein erfordert vermutlich weniger Verarbeitungsaufwand als das Merken von Farbe und Form zugleich. Erst wenn die Farben ähnlich waren, lernten die Hummeln auch Formen und Muster. Dadurch dauerte das Lernen jedoch wiederum länger. So kommen die Insekten stets mit dem Prinzip ‚so viel wie nötig und so wenig wie möglich‘ zum bestmöglichen Ergebnis“, fasst sie das Ergebnis der Studie zusammen. Dabei ist die Entscheidungsfindung der Hummeln dem der Menschen gar nicht so unähnlich: Aus vielen grünen Erdbeere wird wohl jeder die roten aussuchen. Sind hingegen alle Erdbeeren in der Auslage tiefrot, ist es zusätzlich hilfreich zu wissen, wie reife Erdbeeren duften.
Originalpublikation:
Johannes Spaethe, Selma Hutzenthaler, Alexander Dietz, Karl Gehrig, James Foster, Anna Stöckl (2026): Bees flexibly adjust decision strategies to information content in a foraging task. DOI: 10.1126/sciadv.adw9320
26.02.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Wie sich das Leben der Wildkatzen durch menschliche Einflüsse verändert
Haaranalysen der Tiere geben Team des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen Aufschluss über ihre Ernährungs- und Lebensweise
Die ursprünglich im Wald beheimatete Europäische Wildkatze nutzt in manchen Gebieten Deutschlands vor allem im Sommer, wenn das hochstehende Getreide Deckung bietet, zunehmend auch landwirtschaftlich genutzte Flächen als Jagdgebiet. Solche Verhaltensänderungen werden als Reaktion auf den Druck durch menschliche Einflüsse wie die Zerstückelung oder Zerstörung von Waldgebieten und die Intensivierung der Landwirtschaft gesehen. Wie und wo eine Katze lebt, wird indirekt über die Isotopensignatur der Nahrung in ihren Haaren dokumentiert. Das machte sich ein Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Chris Baumann und Dr. Dorothée Drucker vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen bei der Analyse von Katzenhaaren zunutze. Über diese nicht-invasive Untersuchungsmethode will das Team die lang-fristigen ökologischen Veränderungen in der Lebensweise der Wildkatzen verfolgen und mehr Informationen für deren Schutz gewinnen. Dafür sind zoologische Sammlungen als Langzeitarchive essenzielle Voraussetzung; sie erhalten neue Nutzungsmöglichkeiten. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht.
Die Europäische Wildkatze (Felis silvestris) steht in Deutschland seit 1935 unter Schutz. In den vergangenen Jahrzehnten breitete sie sich hier wie auch sonst in Europa wieder aus. Dabei kommen die dämmerungsaktiven Tiere, die als ortstreue Einzelgänger gelten und dem Menschen normalerweise aus dem Weg gehen, immer häufiger in Kontakt mit menschlichen Siedlungen und Straßen. „Ungestörte Waldgebiete als ideale Lebensräume der Wildkatzen werden kleiner, und das Risiko ist groß, dass sie auf unseren Straßen überfahren werden“, berichtet Chris Baumann. Eine Bedrohung für die Wildkatzen stellen auch streunende, verwilderte oder freilaufende Hauskatzen (Felis catus) dar, die Krankheiten übertragen können oder durch Artenkreuzung ihren genetischen Bestand beeinflussen.
Keine neuen Probenahmen
Zur weiteren Erforschung der Wildkatzen in Deutschland setzt das Team bei der Ernährungsweise an: Sie lässt indirekt erkennen, an welche Entwicklungen sich Tiere anpassen, wo sie sich aufhalten und mit welchen anderen Arten sie in Konkurrenz stehen. „Wir nutzten ausschließlich Proben von Katzenhaaren, die bereits bei vergangenen Studien gesammelt wurden“, sagt Baumann. Einbezogen haben die Forscherinnen und Forscher Proben aus einer Fallstudie, bei der eine Wildkatzenpopulation mit niedriger Hybridisierungsrate im Taunus mit einer im Markgräflerland verglichen wurde, wo es häufig zu Artenkreuzungen mit Hauskatzen kam. „Bei dieser Studie wurden für ein genetisches Monitoring der Wildkatzen Haarproben mithilfe von Klebefallen gesammelt“, erklärt der Forscher. Außerdem bewahrte das Phyletische Museum der Universität Jena in Thüringen Haarproben von Wildkatzen aus den vergangenen 26 Jahren auf, teilweise stammten sie von im Straßenverkehr getöteten Tieren.
In den Haarproben aus den drei deutschen Regionen wurden jeweils die Muster stabiler Isotope von Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel analysiert, das sind Atome des gleichen chemischen Elements mit unterschiedlicher Masse. Diese Muster, auch als Signaturen bezeichnet, sind jeweils für Lebewesen aus bestimmten Regionen und mit bestimmter Ernährungsweise charakteristisch. „Die Isotopensignatur in den Zellen der Beutetiere, die die Katzen gefressen haben, oder aus dem von Menschen bereitgestellten Futter geht in deren Isotopensignatur ein“, erklärt Baumann. Die Interpretation der Daten ist aufwendig, aber lässt einige stabile Aussagen zu.
Im Ergebnis zeigten sich verschiedene Ernährungsweisen der Katzen: „Wildkatzen, vor allem bei der Population im Taunus, die in ihrem typischen Waldhabitat lebten, hatten eine recht einheitliche Isotopensignatur, sie waren ökologisch stark spezialisiert“, sagt Baumann. „Die Hybride hingegen besetzten eine breite ökologische Nische, ihre Isotopensignatur hatte eine große Überlappung mit den Wildkatzen in den Regionen, wo beide nebeneinander vorkommen.“ Bei den Haus- und Wildkatzen gab es nur geringe Überlappungen, sie konkurrieren kaum in ihren Ernährungsweisen. „Der Langzeittrend bei den Thüringer Wildkatzen ergab Kohlenstoff-Isotopenwerte besonders bei im Sommer gewachsenen Fellhaaren, die auf einen steigenden Anteil von Beute von landwirtschaftlichen Nutzflächen hinweist.“
Die Studienergebnisse tragen zur Beobachtung des Wildkatzenbestands in Deutschland bei. Sie helfen aber auch, die nicht-invasive rückblickende Methode des Isotopen-Monitorings, bei der archiviertes Gewebe verwendet werden kann, besser zu etablieren.
Originalpublikation:
Chris Baumann, Sabrina Streif, Ayenne S. Akarsu, Carsten Nowak, Dorothée G. Drucker: Retrospective isotope monitoring reveals spatial and temporal effects of anthropogenic pressures on the trophic ecology of European wildcats (Felis sil-vestris) in Germany. PLOS ONE, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0343705
27.02.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Weibliche Wasserfledermäuse teilen sich knappe Nahrungsgründe am Rande ihres Verbreitungsge
Ein Forschungsteam der Universität Neapel Federico II, des Museums für Naturkunde Berlin und mehrerer internationaler Partnerinstitutionen verfolgte weibliche Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) mithilfe von Radiotelemetrie in neu besiedelten Gebirgsregionen des italienischen Apennins. Hier wechseln sich weibliche Wasserfledermäuse bei der Jagd ab, anstatt gleichzeitig nebeneinander zu jagen. Eine in der Fachzeitschrift „Global Ecology and Conservation“ veröffentlichte Studie zeigt, dass diese zeitliche Aufteilung den Fledermäusen hilft, Konkurrenz zu vermeiden und möglicherweise entscheidend für ihr Überleben am kalten Rand einer klimabedingten Verbreitungserweiterung ist.
Ein Forschungsteam der Universität Neapel Federico II, des Museums für Naturkunde Berlin und mehrerer internationaler Partnerinstitutionen verfolgte weibliche Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) mithilfe von Radiotelemetrie entlang eines 10 Kilometer langen Abschnitts des Oberlaufs des Flusses Sangro im Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise in Zentralitalien. Diese gebirgige Flusslandschaft, die sich zwischen etwa 800 und 1100 Metern über dem Meeresspiegel befindet, wurde erst vor kurzem von reproduktiv aktiven Weibchen besiedelt, da die Art als Reaktion auf die Klimaerwärmung ihr Verbreitungsgebiet hangaufwärts verlagert.
„Unsere Studie zeigt, dass weibliche Wasserfledermäuse an vorderster Front des Klimawandels nicht nur bergauf wandern, sondern auch ihren Lebensraum zeitlich aufteilen“, sagt die Hauptautorin Chiara Belli von der Universität Neapel Federico II und dem Museum für Naturkunde Berlin. „Anstatt gemeinsam nach Nahrung zu suchen, wechseln sich die Weibchen ab. Sie besuchen zwar dieselben ergiebigen Futterplätze, aber selten gleichzeitig.“ Das Team fand heraus, dass die Weibchen ihre Aktivität auf wenige bevorzugte Jagdgebiete konzentrierten. Die meisten Fledermäuse nutzten wiederholt nur ein bis fünf Futterplätze und verbrachten mindestens 75 Prozent ihrer Jagdzeit an ihren beiden am häufigsten aufgesuchten Orten – ein deutlicher Beweis für starke Standorttreue und Vertrautheit mit bestimmten Futterplätzen. Die gleichzeitige Nutzung desselben Futterplatzes war selten. Besenderte Weibchen konnten dabei beobachtet werden, wie sie sich über denselben Flussabschnitten abwechselten, wobei die Flugrouten der einzelnen Fledermäuse zeitlich genau voneinander abwichen.
„An diesen hochgelegenen Standorten ist das Insektenangebot begrenzt und die Nächte können kalt sein, was insbesondere für laktierende Weibchen mit hohem Energiebedarf problematisch ist“, erklärt der Hauptautor Danilo Russo von der Universität Neapel Federico II und dem Museum für Naturkunde Berlin. „Indem die Weibchen ihre Besuche zeitlich staffeln und immer wieder zu bekannten Gebieten zurückkehren, scheinen sie die kostspielige Konkurrenz zu reduzieren und das Beste aus dieser schwierigen Umgebung zu machen.“
Die geschlossene Ufervegetation entlang des Sangro-Flusses bietet nicht nur Schlaf- und Jagdplätze, sondern dient auch als grüner Korridor, der es den Weibchen ermöglicht, höhere Lagen zu besiedeln. Frühere Arbeiten desselben Teams zeigten, dass dieser bewaldete Flusskorridor für die Ausbreitung der Wasserfledermaus in höhere Lagen unerlässlich war; die neue Studie zeigt nun, wie das Verhalten diese Ausbreitung feinabstimmt, indem es möglicherweise die Konkurrenz am Rand des Verbreitungsgebiets verringert.
Originalpublikation:
Riparian bats temporally partition foraging at the cold edge of an up-hill climate-driven area expansion (2026) Belli C, Cistrone L, Knörnschild M, Sestovic B, Ekklisiarchos I, Aldasoro M, Borgonovo C, Migliaresi I, Di Domenico M, Ratcliffe J, Russo D. Global Ecology and Conservation, e04129 https://doi.org/10.1016/j.gecco.2026.e04129

