Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

Stunde der Wintervögel (vom 9. – 11. Januar)

06.01.2026, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Wandernde Süßwasserfische fallen in der Bonner Konvention durch das Raster
Die Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten berücksichtigt wandernde Süßwasserfische bislang unzureichend. Von den mehr als 1.100 gelisteten wandernden Arten sind lediglich 23 Süßwasserfische, obwohl diese weltweit bedroht sind und dringend international koordinierte Schutzmaßnahmen benötigen. Ein neuer Artikel in Nature Reviews Biodiversity, der von Forschenden der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) sowie der University of Nevada, Reno, veröffentlicht wurde, zeigt das bislang ungenutzte Potenzial der Bonner Konvention zur Verbesserung des Schutzes wandernder Süßwasserfische auf.
Viele wandernde Tierarten wie Vögel, Fledermäuse, Wale und Fische überqueren Ländergrenzen, um ihren Lebenszyklus zu vollenden, und sind daher auf international koordinierte Schutzmaßnahmen angewiesen. Um diesem Bedarf gerecht zu werden, trat 1983 die Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals, CMS) in Kraft. Als Umweltabkommen der Vereinten Nationen mit 133 Vertragsparteien – darunter 132 Staaten und die Europäische Union – bietet sie einen weltumspannenden Rahmen für die Koordinierung der internationalen Zusammenarbeit zur Verbesserung des Schutzes gefährdeter, grenzüberschreitend wandernder Arten, die in den Anhängen I und II gelistet sind. Obwohl die Anhänge I und II der Bonner Konvention mehr als 1.100 Arten umfassen, sind Süßwasserfische dort stark unterrepräsentiert. Lediglich 23 Süßwasserfischarten sind in den Anhängen aufgeführt, darunter 19 Arten aus der Ordnung der Acipenseriformes (Störe und Löffelstöre).
Ungleichgewicht zwischen Schutzbedarf und Berücksichtigung von Süßwasserfischen in der Bonner Konvention:
„Süßwasserfische gehören zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen überhaupt. Laut der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) ist etwa ein Viertel aller bewerteten Süßwasserfischarten vom Aussterben bedroht. Alarmierend ist auch, dass die Bestände wandernder Süßwasserfische, für die es ein Monitoring gibt, weltweit zwischen 1970 und 2020 im Durchschnitt um 81 Prozent zurückgegangen sind“, erklärt Prof. Sonja Jähnig, kommissarische Direktorin des IGB und Koautorin der Studie.
Fengzhi He, Professor am Northeast Institute of Geography and Agroecology der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Gastwissenschaftler am IGB, ist der Hauptautor der Studie. Er ergänzt: „Es besteht ein deutliches Ungleichgewicht zwischen dem Schutzbedarf von Süßwasserfischen und ihrer derzeitigen Repräsentation in den Anhängen der Bonner Konvention. Dieses Ungleichgewicht spiegelt Forschungslücken zur Lebensgeschichte von Süßwasserfischen sowie Defizite bei gezielten Schutzmaßnahmen wider.“
Süßwasserfische sind ein „blinder Fleck“:
Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren gibt es mehrere Gründe dafür, dass wandernde Süßwasserfische in der Bonner Konvention unterrepräsentiert sind. Erstens fehlen umfassenden Bewertungen darüber, wie viele Fischarten im Süßwasser und über nationale Grenzen hinweg wandern, um ihren Lebenszyklus zu vollenden. Zweitens sind etwa ein Drittel aller beschriebenen Süßwasserfischarten auf der Roten Liste als „Nicht bewertet“ oder „Daten unzureichend“ eingestuft. Ohne belastbare Basisdaten ist es aber schwierig festzustellen, welche Arten die Kriterien der grenzüberschreitenden Wanderung und eines schlechten Erhaltungszustands gemäß Bonner Konvention erfüllen. Drittens sind viele Länder mit grenzüberschreitenden Flusseinzugsgebieten – insbesondere in Asien und Nordamerika – keine Vertragsparteien des Abkommens. Das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass Arten aus diesen Regionen vorgeschlagen und in die Anhänge aufgenommen werden.
Die Aufnahme weiterer wandernder Süßwasserfischarten in die Bonner Konvention könnte ihren Schutz erheblich verbessern:
Ohne ein abgestimmtes Management auf Einzugsgebietsebene können gezielte Befischung, Beifang, Lebensraumveränderungen und physische Barrieren verhindern, dass Fische ihre Laich- oder Nahrungsgebiete erreichen. Die Autorinnen und Autoren empfehlen daher dringend, das Potenzial der Bonner Konvention zum Schutz wandernder Süßwasserfische vollständig auszuschöpfen. Ein erster Schritt sollte darin bestehen, mehr bedrohte, grenzüberschreitend wandernde Süßwasserfischarten zu identifizieren und in die Anhänge aufzunehmen. Zudem sollte die internationale Zusammenarbeit in Flusseinzugsgebieten mit hoher Vielfalt wandernder Süßwasserfische, wie dem Mekong- und dem Amazon-Becken, gestärkt werden.
„Die CMS COP15 wird im März 2026 in Campo Grande, in Brasilien stattfinden. Diese Konferenz der Vertragsparteien bietet eine Gelegenheit, den Schutz wandernder Fischarten zu stärken, einschließlich der Prüfung von Vorschlägen zur Aufnahme weiterer Süßwasserfische in die Anhänge der Bonner Konvention“, sagt Fengzhi He.
Originalpublikation:
He, F., Hogan, Z., Jähnig, S.C. et al. The untapped potential of CMS for migratory freshwater fishes. Nat. Rev. Biodivers. (2026). https://doi.org/10.1038/s44358-025-00115-z

07.01.2026, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Frühe Homininen aus Marokko gehören zu einer afrikanischen Abstammungslinie nahe dem Ursprung von Homo sapiens
Mithilfe einer hochauflösenden magnetostratigraphischen Analyse, die die Brunhes-Matuyama-Grenze, die letzte große Umkehrung der geomagnetischen Polarität, sowie präzise zeitliche Marker des Quartärs detailliert erfasst, lassen sich die Fossilien sehr genau auf ein Alter von 773.000 ± 4.000 Jahre datieren. In der Studie von einem internationalen Team um Jean-Jacques Hublin werden afrikanische Populationen nahe der Basis der Abstammungslinie beleuchtet, aus der schließlich der Homo sapiens hervorging. Zudem liefert die Studie neue Erkenntnisse über die gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen.
Auf den Punkt gebracht
– Präzise datierte Fossilien: Mithilfe hochauflösender magnetostratigraphischer Analysen im Steinbruch „Thomas Quarry I” konnten die Forschenden die Matuyama-Brunhes-Polumkehrung vor rund 773.000 Jahren erfassen. Somit liegen nun für eine afrikanisch-pleistozäne Homininenfundstätte äußerst genaue Datierungen vor.
– Nahe dem Ursprung unserer Abstammungslinie: Unterkiefer und andere Überreste zeigen ein Mosaik aus archaischen und abgeleiteten Merkmalen, die mit denen einer afrikanischen Schwesterpopulation des Homo antecessor übereinstimmen – nahe der Aufspaltung der eurasischen und afrikanischen Homininenlinien im mittleren Pleistozän.
– Nordwestafrikas Schlüsselrolle: Jahrzehntelange Forschungen eines marokkanisch-französischen Teams führten zur Entdeckung außergewöhnlich gut erhaltener Höhlenablagerungen in den Küstenformationen von Casablanca; die Höhlen waren zeitweise von Raubtieren genutzt worden. Die Fossilien-Funde unterstreichen die zentrale Bedeutung der Region für die Evolution der Gattung Homo.
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin (Collège de France und Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie), David Lefèvre (Université de Montpellier Paul Valéry), Giovanni Muttoni (Università degli Studi di Milano) und Abderrahim Mohib (marokkanisches Institut National des Sciences de l’Archéologie et du Patrimoine, INSAP) berichtet über die Analyse neuer Homininenfossilien aus der Fundstätte Thomas Quarry I (Casablanca, Marokko).
Mithilfe einer hochauflösenden magnetostratigraphischen Analyse, die die Brunhes-Matuyama-Grenze, die letzte große Umkehrung der geomagnetischen Polarität, sowie präzise zeitliche Marker des Quartärs detailliert erfasst, lassen sich diese Fossilien sehr genau auf ein Alter von 773.000 ± 4.000 Jahre datieren. In der in Nature veröffentlichten Studie werden afrikanische Populationen nahe der Basis der Abstammungslinie beleuchtet, aus der schließlich der Homo sapiens hervorging. Zudem liefert die Studie neue Erkenntnisse über die gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen.
Jahrzehnte marokkanisch-französischer Feldforschung ergeben bedeutende neue Entdeckungen
Die hier vorgestellten Ergebnisse stammen aus über drei Jahrzehnten kontinuierlicher archäologischer und geologischer Forschung im Rahmen des marokkanisch-französischen Programms Préhistoire de Casablanca. Im Rahmen dieses Programms wurden umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt, systematische stratigraphische Untersuchungen vorgenommen und groß angelegte geoarchäologische Analysen im Südwesten der Stadt Casablanca durchgeführt.
Die sorgfältigen Ausgrabungen brachten nach und nach die außergewöhnlichen stratigraphischen, paläoökologischen und archäologischen Gegebenheiten des Steinbruchs Thomas Quarry I zutage und führten schließlich zur Entdeckung der Homininenüberreste und geologischen Abfolgen, die der aktuellen Studie zugrunde liegen.
Wie Abderrahim Mohib erklärt: „Der Erfolg dieser Langzeitforschung spiegelt eine enge institutionelle Zusammenarbeit wider, an der das marokkanische Ministerium für Jugend, Kultur und Kommunikation (über das INSAP) und das französische Außenministerium (über die französische archäologische Mission Casablanca) beteiligt sind.“ Unterstützt wurde die aktuelle Studie außerdem von der Università degli Studi di Milano (Italien), dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, dem LabEx Archimède der Université de Montpellier Paul Valéry, der Université de Bordeaux und dem Musée National d’Histoire Naturelle (Frankreich).
Eine einzigartige geologische Kulisse: Die marokkanische Atlantikküste als Schatzkammer des Pleistozäns
Jean-Paul Raynal, Co-Direktor des Programms bei den Ausgrabungen, die zur Entdeckung der Fossilien führten, erläutert: „Thomas Quarry I liegt innerhalb der erhöhten Küstenformationen des Küstenstreifens von Rabat–Casablanca. Diese Region ist international für ihre außergewöhnliche Abfolge von paläo-Küstenlinien, Küstendünen und Höhlensystemen aus dem Pliozän und Pleistozän bekannt. Diese geologischen Formationen sind durch wiederholte Schwankungen des Meeresspiegels, äolische Phasen und eine schnelle frühe Zementierung der Küstensande entstanden und bieten ideale Bedingungen für die Erhaltung von Fossilien und archäologischen Funden.“ Infolgedessen hat sich die Region Casablanca zu einem der reichsten Fundorte Afrikas für paläontologische und archäologische Funde aus dem Pleistozän entwickelt. Sie dokumentieren das frühe Acheuléen und seine Entwicklungen, vielfältige Faunen als Ausdruck von Umweltveränderungen sowie mehrere Phasen der Besiedlung durch Homininen.
Der Thomas Quarry I, der in die Oulad-Hamida-Formation gehauen wurde, ist besonders bekannt für die ältesten Acheuléen-Industrien Nordwestafrikas. Diese werden auf etwa 1,3 Millionen Jahre datiert und befinden sich in der Nähe anderer berühmter Fundstätten wie Sidi Abderrahmane, das als klassische Referenz für die Frühgeschichte des mittleren Pleistozäns in Nordwestafrika gilt. David Lefèvre erklärt: „Innerhalb dieses größeren Komplexes bildet die ‚Grotte à Hominidés‘ ein einzigartiges Höhlensystem. Es wurde durch einen Hochstand des Meeresspiegels in frühere Küstenformationen geschlagen und später mit Sedimenten gefüllt, die die Fossilien der Homininen in einem sicheren, ungestörten und unwiderlegbaren stratigraphischen Kontext konservierten.“
Eine einzigartig gut datierte Homininenfundstätte in Afrika
Die Datierung von Fossilien aus dem frühen und mittleren Pleistozän ist aufgrund diskontinuierlicher Stratigraphien oder von erheblicher Unsicherheit geprägter Methoden bekanntermaßen schwierig. Die Grotte à Hominidés ist insofern außergewöhnlich, als schnelle Sedimentation und kontinuierliche Ablagerung ein hochauflösendes magnetisches Signal ermöglichten, das mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit in den Sedimenten aufgezeichnet wurde.
Im Laufe der geologischen Zeit kehrt das Magnetfeld der Erde episodisch seine Polarität um. Diese paläomagnetischen Umkehrungen treten weltweit auf und vollziehen sich auf geologischem Zeitmaßstab nahezu augenblicklich. Sie hinterlassen in Sedimenten ein deutliches, global synchrones Signal. Der Matuyama-Brunhes-Übergang (MBT), der vor rund 773.000 Jahren stattfand, ist die jüngste dieser großen Umkehrungen und stellt einen der präzisesten Marker dar, die Geologen und Archäologen nutzen können. Serena Perini erklärt: „Die hochauflösende Dokumentation des Matuyama-Brunhes-Übergangs in den Höhlenablagerungen ermöglicht eine für das afrikanische Pleistozän außergewöhnlich präzise Datierung dieser Homininen.“
Die Grotte-à-Hominidés-Sequenz umfasst das Ende der Matuyama-Chron (umgekehrte Polarität), die MBT selbst sowie den Beginn der Brunhes-Chron (normale Polarität). Mithilfe von 180 magnetostratigraphischen Proben – eine beispiellose Auflösung für eine pleistozäne Homininenfundstätte – ermittelte das Team die genaue Position des Wechsels von umgekehrter zu normaler Polarität. Dieser wird derzeit auf 773.000 Jahre datiert. Sogar die kurze Dauer des Übergangs (8.000 bis 11.000 Jahre) konnte erfasst werden. Die Homininenfossilien wurden in Sedimenten gefunden, die genau während dieses Übergangs abgelagert wurden. Unabhängig davon bestätigen begleitende Tierfunde dieses Alter und stützen damit die chronologische Einordnung zusätzlich zur Magnetostratigraphie.
Homininen nahe der Wurzel der Abstammungslinie des Homo sapiens
Die Überreste der Homininen stammen aus einer Höhle, die offenbar von Raubtieren bewohnt war. Ein Homininen-Oberschenkelknochen mit deutlichen Kau- und Fraß-Spuren legt dies nahe. Zu den Funden zählen ein nahezu vollständiger Unterkiefer eines Erwachsenen, ein weiterer halber Unterkiefer eines Erwachsenen, ein Unterkiefer eines Kindes, mehrere Wirbel und einzelne Zähne.
Hochauflösende Mikro-CT-Bildgebung, geometrische Morphometrie und vergleichende anatomische Analysen zeigen ein Mosaik aus archaischen und abgeleiteten Merkmalen. Mehrere Merkmale erinnern an Homininen aus Gran Dolina, Atapuerca, die vergleichbar alt sind – den sogenannten Homo antecessor. Dies deutet darauf hin, dass es in der Vergangenheit Kontakte zwischen Populationen im Nordwesten Afrikas und in Südeuropa gegeben haben könnte. Zum Zeitpunkt des Matuyama-Brunhes-Übergangs waren diese Populationen jedoch bereits klar voneinander getrennt, was bedeutet, dass solche Kontakte früher stattgefunden haben müssen.
Matthew Skinner, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, merkt an: „Mithilfe der Mikro-CT-Bildgebung konnten wir die Dentinkrone untersuchen – eine unter dem Zahnschmelz verborgene innere Struktur der Zähne. Sie ist bekanntermaßen taxonomisch aufschlussreich und bleibt auch in Zähnen erhalten, deren Schmelzoberfläche stark abgenutzt ist. Die Analyse dieser Struktur zeigt durchweg, dass sich die Homininen aus der Grotte à Hominidés sowohl vom Homo erectus als auch vom Homo antecessor unterscheiden und dass sie repräsentativ für Populationen sind, die als Vorläufer des Homo sapiens und archaischer eurasischer Linien angesehen werden können.“
Shara Bailey fügt ergänzend hinzu: „In ihrer Form und ihren nicht-metrischen Merkmalen weisen die Zähne aus der Grotte à Hominidés viele primitive Merkmale auf. Die für Neandertaler charakteristischen Merkmale fehlen hingegen. In diesem Sinne unterscheiden sie sich vom Homo antecessor, der in einigen Merkmalen bereits Ähnlichkeit mit den Neandertalern aufweist. Die zahnmorphologischen Analysen deuten darauf hin, dass regionale Unterschiede in den menschlichen Populationen möglicherweise bereits am Ende des frühen Pleistozäns vorhanden waren.“
Neue Erkenntnisse über den letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Neandertalern
Diese Entdeckung unterstreicht, dass Nordwestafrika in der menschlichen Evolutionsgeschichte eine wichtige Rolle spielte, als klimatische Schwankungen regelmäßig ökologische Korridore durch das heutige Sahara-Gebiet öffneten. Denis Geraads merkt dazu an: „Die Vorstellung, dass die Sahara eine permanente biogeografische Barriere darstellte, trifft für diesen Zeitraum nicht zu. Paläontologische Funde belegen wiederholte Verbindungen zwischen Nordwestafrika und den Savannen im Osten und Süden.“
Die Homininen aus der Grotte à Hominidés lebten fast zeitgleich mit den Homininen aus Gran Dolina. Sie sind älter als die Fossilien aus dem mittleren Pleistozän, die als die Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen gelten, und fast 500.000 Jahre älter als die frühesten Überreste des Homo sapiens aus Jebel Irhoud (datiert auf etwa 300.000 Jahre). Durch ihre Kombination aus archaischen afrikanischen Merkmalen und solchen, die sich den späteren eurasischen und afrikanischen Morphologien des mittleren Pleistozäns annähern, liefern die Homininen aus der Grotte à Hominidés wichtige Hinweise auf den letzten gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen. Dieser soll nach genetischen Erkenntnissen vor 765.000 bis 550.000 Jahren gelebt haben. Die paläontologischen Funde aus der Grotte à Hominidés stimmen am ehesten mit dem früheren Teil dieses Zeitraums überein.
Jean-Jacques Hublin unterstreicht: „Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés sind die derzeit wohl besten Belege für afrikanische Populationen, die nahe an der Wurzel dieser gemeinsamen Abstammung liegen, und stützen damit die Sicht eines tiefen afrikanischen Ursprungs unserer Spezies.“
Originalpublikation:
Jean-Jacques Hublin et al.
Early Hominins from Morocco basal to the Homo sapiens lineage
Nature, 7 January 2026, https://doi.org/10.1038/s41586-025-09914-y

07.01.2026, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Erste internationale Leitlinie zu Demenzerkrankung beim Hund veröffentlicht
Ein internationales Gremium hat im Journal of the American Veterinary Medical Association (JAVMA) die ersten internationalen Leitlinien zur Diagnose und zum Monitoring des Canine Cognitive Dysfunction Syndrome (CCDS) veröffentlicht. Das Canine Cognitive Dysfunction Syndrome ist eine fortschreitende, altersbedingte Hirnerkrankung bei älteren Hunden, die über normale altersbedingte Veränderungen hinausgeht. Ähnlich wie Alzheimer beim Menschen. „Die Leitlinien sind ein Startpunkt, um kognitive Veränderungen bei Hunden früh zu erkennen und klinische wie wissenschaftliche Arbeit zu vereinheitlichen“, sagt Professor Holger Volk, PhD, Leiter der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo). „Sie sind bewusst praxisnah gestaltet – für Tierärztinnen und Tierärzte in der Primärversorgung und für Tierhalterinnen und Tierhalter – und sollen eine systematische Abklärung ermöglichen.“ Volk war Teil des Expertengremiums, in dem zwölf Fachleute aus Neurologie, Verhaltensmedizin, Grundlagenforschung, Neuropharmakologie, Neuropathologie, Radiologie und der haustierärztlichen Primärversorgung gemeinsam die Leitlinien erarbeiteten. Geleitet hat das Team Professorin Natasha J. Olby, von der North Carolina State University in den USA.
Betroffene Hunde verhalten sich häufig anders. Sie sind desorientiert, zeigen veränderte soziale Interaktionen und Schlafmuster, werden unrein und haben vermehrt Angst. Nach aktuellen Studien sind etwa jeder dritte Hund mit 12 Jahren und sogar jeder zweite Hund mit 15 Jahren von CCDS betroffen.
CCDS ist ein chronisches, sich stetig verschlechterndes, altersassoziiertes neurodegeneratives Syndrom und gilt als veterinärmedizinisches Analogon zu frühen Stadien der Alzheimer Erkrankung beim Menschen. Die Leitlinien sollen helfen, CCDS frühestmöglich zu erkennen:
• Sechs unterschiedliche Verhaltensfelder helfen, die kognitive Gesundheit zu bewerten. Das sind die sogenannten DISHAA-Domänen: Desorientierung, soziale Interaktion, Schlaf-Wach-Rhythmus, Hausunreinheit, Aktivität, Angst
• Die Leitlinien führen die drei Schweregrade mild, moderat und schwer ein, um die Kommunikation zwischen Tierärztin und Patientenbesitzer sowie die Therapieplanung besser zu unterstützen
• Das Gremium definiert zwei diagnostische Niveaus: Level 1 basiert auf einer passenden Anamnese fortschreitender DISHAA-Symptome, klinischer, orthopädischer, und neurologischer sowie Labor-Untersuchungen, inklusive Ausschluss differenzialdiagnostischer Ursachen sowie die erneute Bewertung nach Behandlung von zusätzlichen Erkrankungen. Das Level 2 umfasst zusätzlich ein MRT vom Gehirn (kortikale Atrophie) und die Überprüfung der Zellzahl im Hirnwasser (Liquor)
• Für Obduktionen benennen die Leitlinien die histopathologischen Merkmale kortikale Atrophie, Amyloidablagerungen, Myelinverlust, Neuroinflammation, Amyloidangiopathie als Goldstandard
„Für die Praxis ist entscheidend, dass wir jetzt standardisierte Kriterien haben, die frühere und konsistentere Diagnosen ermöglichen – mit direktem Nutzen für das Tierwohl und die Beratung der Halterinnen und Halter“, betont Volk. „Gleichzeitig schaffen wir die Grundlage für robuste Studien, inklusive künftiger Blut-Biomarker und kognitiver Testbatterien. So stärken wir auch die translationale Brücke zur Humanmedizin.“
Die Arbeitsgruppe begann ihre Arbeit im Januar 2025 und finalisierte die Empfehlungen in einem zweitägigen Präsenztreffen im August in den USA in Raleigh/Durham – ermöglicht durch eine Förderung des American Kennel Club (AKC). Ein White Paper ist online beim Journal of the American Veterinary Medical Association verfügbar: https://avmajournals.avma.org/view/journals/javma/aop/javma.25.10.0668/javma.25….
Originalpublikation:
https://avmajournals.avma.org/view/journals/javma/aop/javma.25.10.0668/javma.25….

07.01.2026, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Warum nicht alle Tiere gleich erfinderisch sind
• Unterschiedliche Weibchen treffen unterschiedliche Entscheidungen: Je nach eigener Problemlösefähigkeit bevorzugen Weibchen andere Männchen.
• Ungleiche Paare sind kein Zufall: In naturnahen Populationen entstehen solche Paarungen häufiger, als es bei zufälliger Partnerwahl zu erwarten wäre.
• Erfindergeist hat seinen Preis: Männchen, die besonders gut neue Lösungen finden, sind im Schnitt leichter und weniger körperlich durchsetzungsstark.
Warum sind manche Tiere besonders einfallsreich, während andere selbst einfache neue Aufgaben meiden? Diese Frage beschäftigt die Verhaltens- und Evolutionsbiologie seit Jahrzehnten. Eine neue Studie von Forschenden am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, jetzt veröffentlicht in der Fachzeitschrift Current Biology, liefert darauf eine überzeugende Antwort – und zeigt, warum solche Unterschiede in einer Population nicht verschwinden.
In der Studie untersuchten die Forschenden Hausmäuse über einen Zeitraum von sechs Monaten in naturnahen Gehegen. Die Tiere konnten freiwillig verschiedene Aufgaben lösen, um an Futter zu gelangen. Nur ein Teil der Mäuse nutzte diese Möglichkeiten regelmäßig. Mithilfe genetischer Analysen wurde anschließend nachvollzogen, welche Tiere sich erfolgreich verpaart hatten. Der Vergleich mit einem Zufallsmodell ergab ein klares Ergebnis: Paare aus erfinderischen und weniger erfinderischen Tieren kamen deutlich häufiger vor, als man erwarten würde.
Um die Ursachen dafür zu verstehen, ging das Team einen Schritt weiter. In standardisierten Partnerwahltests konnten Weibchen zwischen zwei Männchen wählen – einem erfinderischen und einem weniger erfinderischen. Die Ergebnisse dieser Versuche erklären das Muster aus den Gehegen überraschend gut: Erfinderische Weibchen bevorzugten eher kräftige Männchen, auch wenn diese selbst nicht besonders gut im Problemlösen waren. Weniger erfinderische Weibchen entschieden sich dagegen häufiger für Männchen, die neue Aufgaben besonders geschickt lösten, unabhängig von deren Körpergröße.
Die Studie zeigt zudem, dass diese Entscheidungen nicht zufällig sind. Männchen, die häufig neue Lösungen fanden, waren im Durchschnitt leichter, während schwerere Männchen Vorteile in direkten Auseinandersetzungen haben. Erfindergeist und körperliche Stärke lassen sich offenbar nicht beliebig kombinieren. Genau dieses Zusammenspiel aus Partnerwahl und körperlichen Grenzen sorgt dafür, dass unterschiedliche Verhaltensweisen nebeneinander bestehen bleiben.
Die Autorinnen und Autoren machen damit deutlich, wie wichtig es ist, bei der Partnerwahl beide Seiten zu betrachten. Wer nur fragt, ob erfinderische Männchen attraktiver sind, übersieht den entscheidenden Punkt: Welche Eigenschaften attraktiv sind, hängt davon ab, wer auswählt. Diese Einsicht hilft, widersprüchliche Ergebnisse früherer Studien einzuordnen – und eröffnet neue Perspektiven auf die Rolle von Verhalten in der Evolution.
Die vollständige Studie liefert detaillierte Daten, Abbildungen und statistische Auswertungen aus sowohl naturnahen Populationen als auch kontrollierten Experimenten und richtet sich an alle, die verstehen möchten, wie Verhalten, Partnerwahl und Evolution zusammenwirken.
Originalpublikation:
Vezyrakis et al. (2025). Variation in innovation is maintained by disassortative mating and female choice. Current Biology. https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.11.077

08.01.2026, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
Meeresverschmutzung stört die zelluläre Energieproduktion von Seevögeln
• Quecksilber führt zu einer ineffizienten Energieverwertung in den Zellen von Sepiasturmtauchern. Bestimmte per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) können Schutzreaktionen auf Zellstress verhindern.
• Ältere und männliche Vögel weisen aufgrund der Ernährung und lebenslanger Anreicherung im Blut einen höheren Quecksilbergehalt auf. Bei PFAS zeigt sich dieser Zusammenhang nicht, was auf unterschiedliche Kontaminationswege hindeutet.
• Forschende befürchten, dass sich die zellulären Effekte mit anderen Bedrohungen (z.B. globale Erwärmung und Überfischung) verstärken könnten. Dies wirft Fragen zu den langfristigen Auswirkungen auf die Fortpflanzung und das Überleben der Vögel auf.
Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass gängige Schadstoffe die zelluläre Energieproduktion bei wildlebenden Seevögeln stören und möglicherweise deren Fitness beeinträchtigen. Die in Environment & Health veröffentlichte Studie konzentrierte sich auf Sepiasturmtaucher. Diese Vögel brüten auf Linosa, einer kleinen und abgelegenen Vulkaninsel im Kanal von Sizilien. Die Forschenden fanden heraus, dass weit verbreitete Schadstoffe wie Quecksilber und bestimmte per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) die Funktion der Mitochondrien beeinträchtigen. Das sind die winzigen Kraftwerke in den Zellen, die Energie für Aktivitäten vom Flug bis zur Fortpflanzung erzeugen.
In den Ozeanen wird Quecksilber durch Bakterien häufig in das hochgefährliche Methylquecksilber umgewandelt. Dieses reichert sich im Gewebe an und konzentriert sich in der Nahrungskette, sodass die höchsten Werte bei Spitzenprädatoren (Räuber an der Spitze der Nahrungspyramide) gemessen werden. PFAS sind synthetische „ewige Chemikalien“, die unter anderem in antihaftbeschichtetem Kochgeschirr und schmutzabweisenden Stoffen enthalten sind. Trotz internationaler Bemühungen, ihre Verwendung zu kontrollieren, reichern sie sich in immer größeren Mengen an. Diese Schadstoffe sind bereits in geringen Konzentrationen hochgiftig und gelangen über die Atmosphäre sowie den Oberflächenabfluss in die Ozeane. Laborstudien haben gezeigt, dass sie die Energieerzeugung in den Mitochondrien beeinträchtigen können. Allerdings spiegeln diese Studien möglicherweise nicht die aktuellen Schadstoffkonzentrationen in Ökosystemen wider. Zudem waren die Auswirkungen auf Wildtiere bisher unbekannt.
Ein internationales Team, geleitet von Stefania Casagrande, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, hat sowohl die Schadstoffwerte als auch die Mitochondrienfunktion bei Sepiasturmtauchern gemessen. Mitochondrien bauen eine elektrische Ladung auf, die die Produktion von Adenosintriphosphat (ATP), der zellulären Energiequelle, antreibt. Bei Vögeln mit höheren Quecksilberwerten werden die Mitochondrienmembranen durch einen als „Protonenleck” bekannten Prozess poröser: Dadurch geht mehr Energie verloren, ohne dass ATP produziert wird – ähnlich wie Wasser, das an den Turbinen eines Wasserkraftwerks vorbeifließt. Hohe Konzentrationen bestimmter PFAS haben den gegenteiligen Effekt: Sie versteifen die Membranen und reduzieren den Energieverlust, blockieren jedoch ein Sicherheitsventil, das die Ansammlung schädlicher Moleküle verhindert. Dies kann möglicherweise zu einer anderen Art von oxidativem Zellschaden führen.
„Schadstoffe von globaler Bedeutung, wie PFAS und Quecksilber, sind bekanntermaßen giftig. Doch erst jetzt ermöglichen uns Fortschritte in der Feinmesstechnik und minimalinvasive Methoden im Feld, ihre Auswirkungen auf Wildtiere auf Ökosystemebene zu verstehen. Dies hat wichtige Implikationen für die Entwicklung von Umweltschutzkonzepten“, sagt Guadalupe Lopez-Nava, Erstautorin und Doktorandin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz. „Wir haben festgestellt, dass Quecksilber und bestimmte PFAS die Energieproduktion in den Zellen von wildlebenden Sturmtauchern stören und die Energieeffizienz der Zellen beeinträchtigen. Die Zellen können dies zwar durch eine Steigerung der Energieproduktion kompensieren, doch das ist mit hohen Kosten verbunden – selbst geringfügige Veränderungen der Zelleffizienz können die Fitness unbemerkt beeinträchtigen.“
Zusammenhang zwischen Ernährung, Exposition und Zellschäden
Als Spitzenprädatoren mit einer Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten reichern Sturmtaucher im Laufe der Zeit Schadstoffe an und sind somit Indikatoren für die Gesundheit der Ozeane. Das Team untersuchte in zwei Saisonen 52 brütende, ausgewachsene Vögel. Es maß bei allen Vögeln den Quecksilbergehalt und die Mitochondrienfunktion und analysierte bei 20 Vögeln aus einer Saison den PFAS-Gehalt. Stabile Isotope – chemische Fingerabdrücke, die Aufschluss über die Ernährung und die Futterstellen geben – stellten einen Zusammenhang zwischen der Ernährung der Vögel und ihrer Schadstoffbelastung sowie den Auswirkungen auf ihre Zellen her. Der Quecksilbergehalt war bei älteren Vögeln und Männchen höher (Weibchen scheiden Quecksilber durch die Eiablage aus). Bei PFAS zeigte sich kein Zusammenhang mit Alter, Geschlecht oder Ernährung, was auf grundlegend andere Kontaminationswege als bei Quecksilber hindeutet. Das Verständnis dieser unterschiedlichen Expositionswege trägt entscheidend zum Schutz der Seevogelpopulationen und der Entwicklung gezielter Strategien zur Verringerung der Umweltverschmutzung bei.
„Chemische Verschmutzung ist aufgrund ihrer Unauffälligkeit und vielfältigen Auswirkungen eine der komplexeren Bedrohungen für marine Ökosysteme“, sagt Lucie Michel, Erstautorin und Doktorandin and der Universität Giessen. „Die Brutzeit ist für erwachsene Vögel besonders anspruchsvoll: Sie wechseln zwischen langen Selbstversorgungstouren und kurzen Futtersuchexpeditionen und versorgen gleichzeitig ihre Küken. In dieser Zeit könnten die Energiekosten aufgrund der Schadstoffbelastung besonders hoch sein. Zukünftige Arbeiten müssen nun die Auswirkungen auf das Überleben, den Bruterfolg und die allgemeine Fitness untersuchen. Es ist auch wichtig, diese Auswirkungen im Zusammenhang mit anderen Bedrohungen für die Tierwelt zu verstehen, wie zum Beispiel Überfischung, Plastikverschmutzung und globale Erwärmung. Dazu ist eine langfristige Überwachung unerlässlich – was auch Einfluss auf das Verständnis der menschlichen Gesundheit hat, da wir ähnlichen Belastungen ausgesetzt sind.“
Originalpublikation:
Pollutant Exposure Shapes Mitochondrial Bioenergetics in a Wild Seabird
Guadalupe Lopez-Nava*, Lucie Michel*, Giacomo Dell’Omo, Petra Quillfeldt, Paco Bustamante, Stefania Casagrande
* contributed equally to this work
Environment & Health, online 22 December 2025
DOI: 10.1021/envhealth.5c00297

08.01.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Film ab für die zweiten European Wildlife Film Awards
Start der Publikumswahl für den besten Kurzfilm über das wilde Europa
Vierzehn Tage, zehn Kurzfilme, ein Preis: Vom 16. bis 29. Januar 2026 können die Besucher der Botschaft der Wildtiere in der Hamburger HafenCity über den besten Natur-Kurzfilm abstimmen.
In je maximal 15 Minuten bringen die Filme den Zuschauern die Welt der Wildtiere näher. Sie zeigen unter anderem, wie Kröten auf der Wanderung zu ihren Geburtsgewässern vielfältigen Gefahren trotzen, wie eine junge Spürhündin lernt, ihre feine Nase zum Schutz der Wildtiere einzusetzen und wie eine Tierdokumentation buchstäblich vor der eigenen Haustür des Filmemachers entsteht.
Die Kurzfilmrolle ist Teil der European Wildlife Film Awards (EWFA). Sie ist täglich außer montags um 16 Uhr in der Botschaft der Wildtiere zu sehen. Der Eintritt ist im Ticketpreis für die Ausstellung enthalten. Das Programm dauert rund 75 Minuten. Im Anschluss können die Zuschauer für ihren Favoriten stimmen. Bei der offiziellen Gala am 7. Februar wird der Kurzfilm mit den meisten Stimmen prämiert – es winken ein Preisgeld in Höhe von 2.500 Euro und eine der begehrten EWFA-Eulen-Trophäen.
Dabei sein und bei der Abstimmung mitmachen lohnt sich: Unter allen Teilnehmern werden zwei Karten für die feierliche Preisverleihung der European Wildlife Film Awards am 7. Februar verlost, an der nur Filmschaffende und geladene Gäste aus Naturschutz, Kultur, Wissenschaft und Politik teilnehmen. Der Kurzfilmpreis wird gestiftet von der Frankonia Handels GmbH & Co. KG.
Über die European Wildlife Film Awards
Präsentiert von der Deutschen Wildtier Stiftung, sind die European Wildlife Film Awards der erste Naturfilmwettbewerb, der ausschließlich Filme über die europäische Tier- und Pflanzenwelt auszeichnet. Es gibt insgesamt sechs Preiskategorien. Die Preise wurden 2025 zum ersten Mal verliehen. Für den Wettbewerb 2026 wurden 165 Produktionen eingereicht.
Eine unabhängige Jury kürt die Gewinner in den Kategorien Tierwelt, Biodiversität, Naturschutz und Story. Auch das Publikum kann die Filme bewerten. Kinobesucher wählen den besten Kurzfilm, und ihre Stimmen entscheiden auch über den Publikumspreis. Die zur Wahl stehenden 44 Filme laufen nach dem Wochenende der Preisverleihung im Rahmen des Naturfilm-Mittwochs im Kino der Wildtiere. Der Lieblingsfilm der Zuschauer wird Anfang 2027 bei der dann dritten Preisverleihung ausgezeichnet. Der Publikumspreis wird gestiftet vom Norddeutschen Rundfunk (NDR).
Eine Übersicht aller Filme gibt es hier: www.EuropeanWildlifeFilmAwards.eu/de/wettbewerb-2026#offizielle-auswahl
Einer der zu sehenden Filme:

09.01.2026, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Wenn Evolution die Regeln bricht: Eine „Hulk“-Mauereidechse löscht Farbformen aus, die Millionen Jahre überdauert haben
Ein Evolutionsthriller in Echtzeit: Eine neu auftauchende „Hulk“-Mauereidechse breitet sich von Rom aus – und innerhalb kurzer Zeit kippt ein System, das seit Millionen Jahren stabil war.
Aus drei wird eins: Wo „Hulk“ ankommt, verschwinden Gelb und Orange – übrig bleibt fast nur noch Weiß. Die Studie zeigt das Muster anhand von 220 Populationen in Italien.
Mehr als Farbe: Macht verschiebt das Spiel: Es geht nicht um Kosmetik, sondern um Strategien, Verhalten und Fortpflanzung. Die neue Form ist größer und aggressiver – und verändert offenbar die sozialen Regeln so stark, dass Vielfalt nicht mehr bestehen kann.
Seit Millionen von Jahren folgen mediterrane Mauereidechsen denselben Spielregeln. In ihren Populationen zeigen die Männchen eine von drei auffälligen Kehlfarben – weiß, gelb oder orange – und diese Farben sind weit mehr als bloße Zierde. Sie stehen in Verbindung mit Unterschieden im Verhalten, in sozialen Interaktionen und in der Fortpflanzung; sie bilden alternative Strategien, die innerhalb derselben Art nebeneinander bestehen können.
Nun haben Forschende festgestellt, dass diese lange bestehende Vielfalt in großen Teilen Italiens zusammenbricht. Eine neu entstandene Form der Mauereidechse – größer, ausgesprochen aggressiv und mit einem markanten grün-schwarzen Muster – breitet sich seit einiger Zeit aus der Gegend um das heutige Rom heraus aus. Das Team gab ihr wegen ihres Aussehens und ihres Verhaltens den Spitznamen „Hulk“. Doch diese Eidechse hat eine entscheidende Besonderheit: Sie zeigt nur eine Kehlfarbe – weiß.
Auf Grundlage von Daten aus 220 Mauereidechsen-Populationen stießen die Forschenden auf ein eindeutiges Muster: „Überall, wo sich diese grün-schwarzen „Hulk“-Eidechsen ausbreiten, verschwinden die gelben und orangenen Kehlfarben“, sagt der Erstautor Prof. Tobias Uller von der Lund University (Schweden). In mehreren Regionen werden Populationen, die einst alle drei Farbvarianten umfassten, inzwischen von Weiß dominiert – oder sind sogar ausschließlich auf Weiß festgelegt.
Der Verlust beschränkt sich dabei nicht auf die evolutionäre Linie der „Hulk“-Form selbst. Auch in benachbarten Linien, die das grün-schwarze Erscheinungsbild durch Hybridisierung übernommen haben, zeigt sich derselbe Zusammenbruch der Kehlfarbenvielfalt – ein Hinweis darauf, dass sich die evolutionsbiologischen Dynamiken dieser Eidechsen großflächig verändern sobald die neue Form einmarschiert.
Mit anderen Worten: Eine Farbpolymorphie, die sowohl Millionen Jahre Evolution und große Umweltveränderungen – wie etwa Eiszeiten oder das Entstehen des modernen Menschen – überstanden hat, scheint sich nach der Ausbreitung einer einzigen neuen Variante überraschend schnell aufzulösen.
Was treibt diesen Zusammenbruch an?
Um zu verstehen, was hier geschieht, analysierte das Team detaillierte Genomdaten. Die Ergebnisse zeigen: Während sich die grün-schwarze Form ausbreitet, gehen genetische Varianten verloren, die mit gelben und orangenen Kehlfarben verbunden sind.
„Nur weil wir über detailliertes Wissen darüber verfügten, wie die grün-schwarze Form und die Kehlfarbe genetisch kodiert sind, konnten wir die Zusammenhänge herstellen“, sagt Dr. Nathalie Feiner vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Deutschland, die die Studie mitverfasst hat. Es zeigte sich dass es sich nicht um einen einfachen Fall genetischen „Mitziehens“ (genetic hitchhiking) handelt – also kein Szenario, in dem die Kehlfarben-Gene rein physisch an jene Gene gekoppelt sind, die die grün-schwarze Form steuern. Stattdessen sprechen die Ergebnisse dafür, dass sich das Kräfteverhältnis innerhalb der Population verschiebt – mit Folgen für Konkurrenz und Fortpflanzung.
„Während sich die „Hulk“-Form ausbreitet, scheint sie grundlegend zu verändern, wie Eidechsen miteinander interagieren“, sagt Associate Professor Geoff While von der University of Tasmania, der die Studie leitete. Gesteigerte Aggressivität und Dominanz könnten das soziale Gleichgewicht stören, das zuvor mehrere Farbstrategien nebeneinander bestehen ließ. „Als sich die Regeln des Spiels änderten, brach das Spiel selbst zusammen.“
Warum das wichtig ist
Farbpolymorphismen gelten oft als Lehrbuchbeispiele dafür, wie Evolution Vielfalt über lange Zeiträume erhalten kann – etwa durch frequenzabhängige Selektion, alternative Paarungsstrategien oder wechselnde Umweltbedingungen. Diese Studie zeigt eine unerwartete Gegenperspektive: Selbst sehr alte evolutionäre Gleichgewichte können erstaunlich fragil sein.
Vielfalt, die Millionen Jahre Bestand hatte, kann verschwinden, wenn neue Merkmale – insbesondere solche, die Verhalten und soziale Konkurrenz prägen – die Bedingungen dafür verändern, wer sich durchsetzt, wer sich paart und welche Strategien überleben. Evolution bewahrt nicht immer ein Gleichgewicht – manchmal genügt ein einziger starker Neuankömmling, um es zu brechen.
Originalpublikation:
Tobias Uller et al. Adaptive spread of a sexually selected syndrome eliminates an ancient color polymorphism in wall lizards.Science391,64-68(2026).DOI:10.1126/science.adx3708

09.01.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Eiswinter setzt Wildtieren zu – Rücksichtnahme und Futter helfen
Der Winter zeigt sich derzeit von seiner harten Seite: Schnee und Eis bedecken die Böden, in manchen Regionen kommt starker Wind dazu. Für viele Wildtiere bedeutet das eine ernste Gefahr. Gefrorene Böden und Gewässer erschweren die Nahrungssuche, die größeren Anstrengungen sowie die niedrigen Temperaturen rauben den Tieren wertvolle Energiereserven. „Menschen sollten daher möglichst viel Rücksicht nehmen und Wildtiere nicht zusätzlich in kräftezehrenden Stress versetzen“, sagt Jenifer Calvi von der Deutschen Wildtier Stiftung.
Eichhörnchen beispielweise kommen derzeit oft nicht mehr an ihre im Herbst angelegten Vorräte. Viele ihrer Nahrungsdepots liegen unter einer harten Schneedecke oder im gefrorenen Erdreich. Die Tiere müssen länger suchen und größere Strecken zurücklegen – das kostet Energie, die sie brauchen, um den Winter zu überstehen.
Dort, wo der Schnee kurzzeitig antaut und dann wieder friert, bildet sich an der Oberfläche eine harte, scharfkantige Kruste. Dieser sogenannte Harschschnee ist vor allem für Wald- und Feldtiere wie Rehe gefährlich. Beim Scharren nach Gräsern können sie mit ihren dünnen Beinen durch scharfkantige Schneeschicht brechen und sich dadurch Schnitt- und Sehnenverletzungen zuziehen.
Auch Bergbewohner wie Gämsen kostet die Suche nach Gräsern und Flechten in Eis und Schnee viel Kraft. Um Energie zu sparen, versammeln sie sich an möglichst windgeschützten Hängen. Jede zusätzliche Störung, etwa durch Wintersportler abseits der Pisten, treibt den Energieverbrauch der Gämsen in die Höhe und macht sie anfällig für Krankheiten.
Feldhasen kommen an ihre Grenzen, sobald der Schnee nicht locker-flockig, sondern schwer und nass fällt. Dann bildet er keine schützende Isolierschicht um die Tiere, sondern durchnässt ihr Fell. Das ist vor allem für junge Hasen lebensgefährlich: Sie haben noch keine isolierende Unterwolle und kühlen durch Nässe, Wind und tiefe Temperaturen schnell aus.
Auch viele Vogelarten leiden unter den aktuellen Bedingungen. Singvögel finden in gefrorenen Böden kaum noch Insekten oder Samen. Für Enten und Schwäne werden offene Wasserflächen rar, die Nahrungssuche an Land wiederum ist gefährlich. Besonders kritisch ist die Lage für Zugvögel, die ihren Abflug in den Süden hinausgezögert haben oder unterwegs vom Wintereinbruch überrascht wurden. Für geschwächte Tiere bedeutet der anhaltende Frost oft den Tod.
„Gerade in solchen Extremwintern können Menschen viel zum Schutz der Wildtiere beitragen“, sagt Calvi. „Wichtig ist vor allem, die Tiere nicht unnötig zu stören. Spaziergänger sollten auf den Wegen bleiben, Hunde anleinen und Rückzugsräume respektieren – besonders in Wäldern, an Waldrändern und in den Bergen. Wintersportler sollten ausgewiesene Routen nutzen und Wildruhezonen meiden.“ Wer einen Garten oder Balkon hat, kann Vögeln und Eichhörnchen mit geeignetem Futter und eisfreien Wasserstellen helfen.

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft/Naturschutz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert