Die Griechische Landschildkröte in Brehms Tierleben

Griechische Landschildkröte (Brehms Tierleben)

Als Vertreter der drei in Europa vorkommenden Arten der Sippe der Landschildkröten wird gewöhnlich die griechische Schildkröte (Testudo graeca, Chersine graeca) aufgeführt. Ihr Panzer ist im ganzen eiförmig und hoch gewölbt, nach hinten etwas verbreitert und steiler abfallend als nach vorn; der beim Weibchen platte, beim Männchen etwas gewölbte Brusttheil vorn abgestutzt, hinten tief ausgerandet.

Die Platten sind hoch, die Wirbelplatten schwach buckelig, die drei mittleren sechs-, die vordere und hintere fünfseitig, die beiden mittleren Rippenplatten fast doppelt so lang als breit, undeutlich fünfeckig, d.h. viereckig mit gebrochener Linie der Innenseite, die beiden vorderen fünfeckig mit gebogenem Unterrande, die beiden hinteren verschoben viereckig. Unter den fünfundzwanzig Randplatten ist die Nackenplatte die kleinste, die obere, hinten vorgezogene und über den Schwanz herabgebogene die größte; die übrigen haben eine, unter sich meist verschiedene, un gleichseitig fünfeckige Gestalt. Die Mittelfelder aller Platten sind bei jüngeren Thieren gekörnelt, bei älteren glatt, und werden von deutlichen Anwachsstreifen umgeben. Der ziemlich plumpe Kopf ist merklich dicker als der Hals, die Schnauze vorn abgestumpft, das Auge mäßig-, das Ohr dem Auge annähernd gleichgroß, der Ober- und Seitentheil der Schnauze mit einem großen rundlichen Nasen-, einer kleinen Stirn-und einer sehr großen, langen Trommelschuppe, der Kopf übrigens oben mit kleinen unregelmäßigen Schildchen bekleidet. Jede Platte des Rückenpanzers ist in der Mitte schwarz, dann gelb und schwarz gesäumt; über den Brustschild verläuft ein breiter unregelmäßiger Längsstreifen von gilblicher Färbung; die Seiten sehen ebenfalls gelb aus; das übrige ist schwarz. Kopf, Hals und Glieder haben schmutzig grüngelbe Färbung. Wie bei den meisten Schildkröten überhaupt unterliegt die Farbenvertheilung mannigfachem Wechsel; selbst die Anzahl der Krallen der Vorderfüße kann bei einzelnen Stücken bis auf vier herabsinken. Die Weibchen unterscheiden sich von den Männchen durch bedeutendere Größe und längeren, an der Wurzel dickeren Schwanz, die Jungen von den Alten durch gedrungenere Form ihres Panzers. Die Länge des ausgestreckten Thieres, von der Schnauze bis zur Schwanzspitze gemessen, beträgt höchstens 30 Centimeter, das Gewicht selten über 2 Kilogramm.

Das ursprüngliche Vaterland unserer Schildkröte beschränkt sich auf die im Norden des Mittelmeeres gelegenen Länder, und zwar eigentlich nur auf die der griechischen und italienischen Halbinsel nebst den dazu gehörigen Eilanden; außerdem kommt sie noch in Kleinasien und, laut Tristram, ungemein häufig auch in Palästina vor. Nachweislich und allem Vermuthen nach als von jeher heimisches Thier hat man sie in Griechenland, Dalmatien und der Türkei, den Donautiefländern, in Unteritalien, einschließlich der Inseln Corsica, Sardinien und Sicilien sowie endlich bei Brussa und Angora in Kleinasien beobachtet, als freilebende, jedoch wahrscheinlich eingebürgerte, beziehentlich unzweifelhaft freigelassene oder der Gefangenschaft entflohene Fremdlinge in Südfrankreich und der Schweiz, auf den Balearen, ja sogar in Schweden gefunden. Laut Schreiber soll diese Schildkröte namentlich von Klosterleuten vor verhältnismäßig ziemlich langer Zeit häufig in vielen Gegenden als Hausthier eingeführt worden und dann verwildert sein. Sie bewohnt waldige und buschige Gegenden, einzelne in sehr großer Menge, ist insbesondere in Süditalien, Griechenland und bei Mehadia, am Fuße des Allion, sehr häufig.

Die Wärme liebt sie ungemein und setzt sich deshalb stundenlang mit höchstem Behagen den Strahlen der Mittagssonne aus: Dumeril fand sie in Sicilien, wo sie überall gemein ist, zu beiden Seiten der Straßen liegen, von der Sonne derartig durchglüht, daß er nicht im Stande war, seine Hand auf den Panzer zu legen. Gegen den Winter hin vergräbt sie sich tief in die Erde und verschläft hier die kühle Jahreszeit, anfangs April wieder zum Vorscheine kommend.

Ihre Nahrung besteht aus verschiedenen Kräutern und Früchten; nebenbei verzehrt sie Schnecken, Würmer und Kerbthiere, wird deshalb auch oft in ihrer Heimat in den Gärten gehalten, um hier dem Ungeziefer Einhalt zu thun. Abweichend von ihrer in den Ländern des Schwarzen Meeres lebenden Verwandten (Testudo campanulata), welche sich, nach Erbers Erfahrungen, streng an Pflanzenstoffe hält, zeigt sie sich durchaus nicht wählerisch in ihren Speisen. »Was mir die Eßlust auf Schildkrötensuppe gründlich verleidet hat«, schreibt mir Erber, »war die Beobachtung, daß sie mit Vorliebe Menschenkoth frißt. Ich fand oft größere Gesellschaften von ihr, welche sich wegen dieses ekelhaften Gerichtes versammelt hatten.« Die Gefangenen nehmen Obst, Salat, in Milch oder Wasser geweichtes Weißbrod, Mehl- und Regenwürmer zu sich, halten sich bei solchem Futter vortrefflich, falls man sie vor den Einwirkungen der Kälte schützt, und sollen mehrere Menschenalter in der Gefangenschaft ausdauern: so berichtet Tschudi von einer, welche auf einem Landgute in der Nähe von Adorf im Kanton Uri gegen hundert Jahre gelebt haben soll. »Eine Landschildkröte«, erzählt White, »welche einer meiner Freunde über vierzig Jahre in einem umschlossenen Raume hielt, und welche dann in meinen Besitz gekommen ist, vergräbt sich jährlich um die Mitte des November und kommt Mitte April wieder an das Tageslicht. Bei ihrem Erscheinen im Frühjahre zeigt sie wenig Freßlust, später im Hochsommer frißt sie sehr viel, gegen den Herbst hin wiederum wenig und, bevor sie sich eingräbt, mehrere Wochen gar nichts mehr. Milchige Pflanzen sind ihre Lieblingsspeise. Wenn sie im Herbste ihre Höhle gräbt, kratzt sie äußerst langsam und bedächtig mit den Vorderbeinen die Erde los und zurück und schiebt sie dann mit den Hinterbeinen noch weiter weg. Vor Regengüssen fürchtet sie sich: bei nasser Witterung bleibt sie auch den ganzen Tag über verborgen. Bei gutem Wetter geht sie im Hochsommer gegen vier Uhr nachmittags zur Ruhe, und am nächsten Morgen kommt sie erst ziemlich spät wieder hervor. Bei sehr großer Hitze sucht sie zuweilen den Schatten auf; gewöhnlich aber labt sie sich mit Behagen an der Sonnenwärme.« Reichenbach beobachtete, daß die Gefangenen dieser Art, welche er im Pflanzengarten zu Dresden hielt, weit umherwanderten, stets aber dieselbe Bahn einhielten und sich, wenn es kühler wurde oder die Sonne nicht schien, immer wieder unter einer bestimmten breitblätterigen Pflanze wiederfanden. Im Herbste gruben sie sich ein, im Frühjahre erschienen sie, als die Syngenesisten ausgetrieben hatten, um von deren Blättern sich zu nähren.

Auf Sardinien, woselbst die Winter zwar gelinde, aber doch immer noch rauh genug sind, um die Schildkröten zu nöthigen, in der Erde Zuflucht zu suchen, graben sie sich, laut Cetti, im November ein und kommen im Februar wieder zum Vorscheine. Im Juni legen sie bereits ihre Eier, vier bis fünf an der Zahl, welche an Größe denen der Haustaube ähneln und weiß von Farbe sind. »Zur Brutstelle erwählen sie einen möglichst sonnigen Ort, scharren mit den Hinterbeinen eine Grube aus, legen die Eier da hinein und vertrauen die weiteren Sorgen für ihre Nachkömmlinge dem großen Lichte der Welt. Beim Eintritte der ersten Septemberregen erscheinen die jungen Schildkröten, in der Größe einer halben Wallnußschale gleichend; die artigsten Dingerchen von der Welt.« Wenn man ihnen volle Freiheit läßt, benehmen sie sich selbst in sehr nördlichen Ländern ganz wie zu Hause, pflanzen sich auch fort oder begatten sich wenigstens. So fand, laut Sundevall, ein Arbeiter in der Gegend von Kalmar im südöstlichen Schweden zwei, offenbar der Gefangenschaft entkommene Schildkröten dieser Art, welche in Begattung begriffen waren. In einem gleichmäßig und stark geheizten Zimmer fallen sie nicht in Winterschlaf, leben dann aber, nach Fischers Beobachtungen, nicht so lange, als wenn man ihnen allwinterlich Ruhe gönnt.

Gefangene, welche längere Zeit einer Kälte unter Null ausgesetzt werden, gehen bald zu Grunde, so unempfindlich sie sich im übrigen zeigen. Ohne Schaden können sie fast ein Jahr lang fasten und Verwundungen der fürchterlichsten Art mit einer uns unbegreiflichen Gleichgültigkeit ertragen. Nimmt man ihnen das bohnengroße Gehirn heraus, so laufen sie noch sechs Monate umher; schneidet man ihnen den Kopf ab, so bewegt sich das Herz noch vierzehn Tage lang, und der abgeschnittene Kopf beißt noch nach einer halben Stunde. Lippi hat verschiedene hierauf bezügliche Versuche angestellt und Orioli darüber berichtet. Man hatte zwei Schildkröten ihres Hirnes beraubt und den Blutfluß bei der einen durch Brennen der Gefäße, bei der anderen durch einen Ueberzug von Gips gestillt. Beide bewegten sich fortan noch willkürlich und konnten gehen; da aber die Glieder der linken Seite gelähmt waren, drehten sie sich von der rechten zur linken in einem Kreise umher. Nur ihr Gefühl schien unverändert, ihr Geruch gänzlich verschwunden zu sein. Als man in die Nasenlöcher der einen mit Gips behandelten Weingeist goß, schrie sie, begann im Kreise umherzulaufen und gab auffallende Zeichen der Aufregung. Es schien dieses Betragen je doch eher Folge eines Reizes auf das ganze Nervensystem überhaupt, als auf die Riechnerven allein zu sein. Ueber den Geschmack konnte nichts sicheres erfahren werden, weil die gemißhandelten Thiere keine Speise mehr zu sich nahmen und deren Unterschied nicht mehr zu erkennen schienen. Beide aber verschluckten Zucker, welchen man ihnen in die Speiseröhre schob. Schall- und Lichtwellen schienen spurlos an ihnen vorüberzugehen, freilich hielten sie die Augen auch meistens geschlossen.

Daß ein Thier, bei welchem das Hirn eine so untergeordnete Rolle spielt, sich nicht durch höhere Begabung auszeichnen kann, versteht sich von selbst. Ein gewisses Verständnis kann man ihm jedoch trotzdem nicht absprechen. Alle Thierfreunde, welche längere Zeit Landschildkröten in Gefangenschaft hielten, versichern, daß sie sich nach und nach an den Pfleger gewöhnen, und ebenso geht aus den Beobachtungen Dumerils hervor, daß unsere Schildkröten sich auch zeitweilig aufregen lassen. »Wir haben«, sagt dieser Forscher, »einigemale zwei Männchen sich um den Besitz eines Weibchens mit unglaublicher Hartnäckigkeit streiten sehen. Sie bissen sich gegenseitig in den Hals, versuchten sich umzustürzen usw., und der Streit endete nicht eher, als bis einer der beiden Streiter besiegt und kampfunfähig gemacht wurde.« Wie lange ein zärtliches Verhältnis zwischen einer männlichen und weiblichen Schildkröte währen mag, weiß man nicht; soviel aber hat man beobachtet, daß die Begattung der unbehülflichen Thiere erst nach vielen vergeblichen Versuchen vor sich geht. Um die Mitte des Sommers, gewöhnlich anfangs Juli, gräbt sich das Weibchen eine kleine Grube an einer den Sonnenstrahlen ausgesetzten Stelle, nach Erbers Beobachtungen nur in sumpfigem Boden, und legt in diese seine vier bis zwölf kugeligen weißen, einer kleinen Nuß an Größe gleichkommenden Eier ab, bedeckt sie sorgfältig mit Erde, bekümmert sich aber fernerhin nicht mehr um die Jungen, welche gegen den Herbst hinausschlüpfen.

In Sicilien oder in Italien überhaupt bringt man diese Landschildkröten regelmäßig auf den Markt, weil das Fleisch überall gegessen und insbesondere die aus ihm bereitete Suppe geschätzt wird. In Kleinasien richtet man Hunde ab, welche sie aufspüren, vor ihnen stehen bleiben und bellen, bis der Fänger zur Stelle kommt.

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