Der Hulman in Brehms Tierleben

Hulman (Brehms Tierleben)

Unter den Schlankaffen verdient zunächst berücksichtigt zu werden der Hulman oder Huneman, wie die Hindus ihn nennen, der Mandi der Malabaren oder der Marbur der Mahratten – der heilige Affe der Inder (Semnopithecus entellus, Simia entellus), welcher abgöttisch verehrt wird. Er ist der gemeinste und in den meisten Gegenden Niederindiens vorkommende Affe und verbreitet sich immer mehr, weil man ihn nicht allein schützt und hätschelt, sondern in gewissen Gegenden auch einführt. Doch kommt er nur jenseit des Ganges und Dschumma, nicht im Himalaya vor. Die Gesammtlänge des ausgewachsenen Männchens beträgt nach Elliot 1,57 Meter, wovon freilich 97 Centim. auf den verhältnismäßig ungemein langen, gequasteten Schwanz kommen, das Gewicht 11 Kilogramm.

Die Färbung des Pelzes ist gelblichweiß, die der nackten Theile dunkelviolett. Gesicht, Hände und Füße, so weit sie behaart sind, und ein steifer Haarkamm, welcher über die Augen verläuft, sind schwarz; der kurze Bart dagegen ist gelblich.

Der Hulman nimmt einen der ersten Plätze unter den dreißig Millionen Gottheiten der Hindu ein und erfreut sich dieser Ehre schon seit undenklichen Zeiten. Der Riese Ravan, so berichtet die altindische Sage, raubte Sita, die Gemahlin des Schri-Rama, und brachte sie nach seiner Wohnung auf der Insel Ceilon; der Affe aber befreite die Dame aus ihrer Gefangenschaft und führte sie zu ihrem Gemahle zurück. Seitdem gilt er als Held. Viel wird berichtet von der Stärke seines Geistes und von seiner Schnelligkeit. Eine der geschätztesten Früchte, die Mango, verdankt man ihm ebenfalls, er stahl sie aus dem Garten des Riesen. Zur Strafe für seinen Diebstahl wurde er zum Feuertode verurtheilt – von wem, wird nicht gesagt –, löschte aber das  Feuer aus und verbrannte sich dabei Gesicht und Hände, welche seitdem schwarz blieben. Dies sind die Gründe, welche die Brahmanen bestimmten, ihn zu vergöttern.

Schon seit vielen Jahren hat man diesen Affen in seinem Vaterlande beobachtet; allein gerade deshalb sind wir am spätesten mit ihm bekannt geworden. Viele Reisende, selbst Naturforscher der neueren Zeit, verwechselten den Hulman mit einem den Himalaya bewohnenden Verwandten (Semnopitheus schistaceus) und riefen dadurch Verwirrung hervor. Zudem war man der Meinung, daß ein so gemeines Thier auch oft nach Europa gebracht worden sein müsse, und verschmähte es daher, unseren Hulman auszustopfen und den Balg nach Europa zu senden. Hierzu kommt noch, daß es Schwierigkeiten oder vielmehr Gefahren hat, das heilige Thier zu tödten; denn bloß die Mahratten erweisen ihm keine Achtung, während fast alle übrigen Indier ihn hegen und pflegen, schützen und vertheidigen, wo sie nur können. Ein Europäer, welcher es wagt, das unverletzliche Thier anzugreifen, setzt sein Leben aufs Spiel, wenn er der einzige Weiße unter der leichterregbaren Menge ist. Der Affe gilt eben als Gott. Eine regierende Familie behauptet, von ihm abzustammen, und ihre Mitglieder führen den Titel: »geschwänzte Rana«, weil sie vorgeben, daß ihr Ahnherr mit dem uns unnöthig erscheinenden Anhängsel begabt gewesen sei. Ein portugiesischer Vicekönig von Indien, Constantino de Braganza, erbeutete einen Affenzahn aus dem Schatze eines Fürsten von Ceilon und erhielt bald darauf eine besondere Gesandtschaft des Königs von Pegu, welche ihm 300,000 Cruzaden anbieten ließ, wenn er ihr das kostbare Kleinod überlassen wolle. Solch eine hohe Summe dürfte wohl niemals für einen Zahn geboten worden sein; um so mehr aber muß es verwundern, daß jenes Gebot von den Europäern nicht angenommen wurde. Der Vicekönig versammelte seine Räthe, und die weltlichen suchten ihn selbstverständlich zu überreden, diese bedeutende Summe anzunehmen; ein Pfaffe aber war dagegen, und zwar aus dem Grunde, weil er behauptete, daß man durch solchen Handel dem heidnischen Zauber-und anderen Aberglauben nur Vorschub leisten würde, und da nun die Pfaffen, wie heutzutage so vor Zeiten, selbst das Verrückteste durchzusetzen wußten, gelang es dem blinden Eiferer, seiner albernen Einwendung Gehör zu verschaffen. Im Grunde könnte uns dies zwar gleichgültig sein, wäre nicht dadurch ein Ueberbleibsel zerstört worden, welches für die Geschichte der indischen Götterlehre und auch für die Naturwissenschaft von Wichtigkeit gewesen sein würde. Man hätte nach diesem einzigen Zahne recht gut bestimmen können, welcher Affe der Träger des kostbaren Kleinods gewesen sei – doch für den echten Pfaffen hat es ja niemals Wissenschaft und am allerwenigsten Naturwissenschaft gegeben!

Heutzutage noch ist die Achtung gegen das heilige Thier dieselbe wie früher. Die Indier lassen sich von dem unverschämten Gesellen ruhig ihre Gärten plündern und ihre Häuser ausstehlen ohne irgend etwas gegen ihn zu thun, und betrachten Jeden mit schelen Augen, welcher es wagt, den Gott zu beleidigen. Tavernier erzählt, daß ein junger Holländer, welcher erst kurz vorher aus Europa gekommen war, vom Fenster aus einen jener Affen erlegte; darüber entstand aber ein so großer Lärm unter den Eingeborenen, daß sie kaum beschwichtigt werden konnten. Sie kündigten dem Holländer sogleich ihre Dienste auf, weil sie der festen Meinung waren, daß der Fremdling und auch wohl sie mit ihm zu Grunde gehen müßten. Duvaucel berichtet, daß es im Anfange ihm unmöglich war, einen dieser Affen zu tödten, weil die Einwohner ihn stets daran verhinderten. So oft sie den Naturforscher mit seinem Gewehre sahen, jagten sie immer die Affen weg, und ein frommer Brahmane ließ es sich nicht verdrießen, einen ganzen Monat lang im Garten des Europäers Wacht zu halten, um die lieben Thiere augenblicklich zu verscheuchen, wenn der Fremde Miene machte, auf sie zu jagen. Forbes versichert, daß in Duboy ebenso viel Affen als Menschen anzutreffen sind. Die Affen bewohnen das oberste Stockwerk der Häuser und werden dem Fremden unerträglich. Wenn ein Einwohner der Stadt an seinem Nachbar sich rächen will, streut er Reis und anderes Getreide auf das Dach des Feindes, und zwar kurz vor Anfang der Regenzeit, vor welcher jeder Hausbesitzer die Bedachung in Ordnung bringen lassen muß. Wenn nun die Affen das ausgestreute Futter wahrnehmen, fressen sie nicht nur das erreichbare, sondern reißen auch die Ziegeln ab, um zu denjenigen Körnern zu gelangen, welche in die Spalten gefallen sind. Um diese Zeit ist aber wegen übergroßer Beschäftigung kein Dachdecker zu erhalten, und so kommt es, daß das Innere des Hauses den Regengüssen offen steht und dadurch verdorben wird.

Man trägt übrigens nicht nur für die gesunden, sondern auch für die kranken Affen Sorge. Tavernier fand in Amadabad ein Krankenhaus, worin Affen, Ochsen, Kühe usw. verpflegt wurden. Alle Söller werden zeitweilig für die Affen mit Reis, Hirse, Datteln, Früchten und Zuckerrohr bestreut. Die Affen sind so dreist, daß sie nicht nur die Gärten plündern, sondern um die Essenszeit auch in das Innere der Häuser dringen und den Leuten die Speise aus der Hand nehmen. Der Missionär John versichert, daß er bloß durch angestrengte Wachsamkeit seine Kleider und andere Sachen vor diesen Dieben habe schützen können. Einmal rief ein Fakie vor dem Zelte Hügels die Affen zusammen, gab ihnen aber nichts zu fressen. Da fielen drei der ältesten ihn so boshaft an, daß er sie kaum mit dem Stocke abwehren konnte. Die Bevölkerung stand jedoch nicht auf seiner, sondern auf der Affen Seite und schimpfte ihn tüchtig aus, weil er die heiligen Thiere erst getäuscht habe und noch prügele. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Heilighaltung der Affen mit dem Glauben an die Seelenwanderung zusammenhängt. Die Indier meinen nämlich, daß ihre und ihres Königs Seele nach dem Tode den Leib solcher Affen sich zur Wohnung wählen. Als man im Jahre 1867 infolge einer Bittschrift einer großen Anzahl hindostanischer Fortschrittsmänner Befehl gab, fünfhundert von den unverschämten Feld- und Gartendieben, welche die Umgegend Kischnagurs brandschatzten, mit Feuer und Schwert zu vertilgen, schrie eine nicht minder beträchtliche Menge über Vergewaltigung und Verfolgung der allerheiligsten Kirche und bat, die Verfügung zurückzunehmen, da man doch unmöglich ihre Vorfahren tödten dürfe. Zum großen Schmerz der frommen Gläubigen achtete man diese Vorstellung ebenso wenig als bei uns zu Lande ähnliche Nothschreie: der Fortschritt siegte, und die fünfhundert heiligen Spitzbuben verloren ihr Leben. Beklagenswerthe Heilige – auch euer goldenes Zeitalter nähert sich dem Ende!

Abgesehen von ihrer Unverschämtheit sind diese Affen schmucke und anziehende Geschöpfe. John sagt ausdrücklich, daß er niemals schönere Affen gesehen habe als die Hulmans. Ihr freundschaftlicher Umgang unter einander und ihre ungeheueren Sprünge fesseln jeden Beobachter. Mit ganz unglaublicher Behendigkeit steigen sie von der Erde auf die Gipfel der Bäume, stürzen von da sich wieder auf die Erde herab, brechen, wie zum Scherze, starke Zweige herunter, springen auf Wipfel weit entfernter Bäume und gelangen in weniger als einer Minute von einem Ende des Gartens bis zum anderen, ohne die Erde zu berühren. Sie sind oft in wenig Minuten in unglaublicher Menge versammelt, plötzlich verschwunden und ein paar Minuten später alle wieder da. In der Jugend haben sie einen ziemlich runden Kopf und sind sehr klug; sie wissen wohl zu unterscheiden, was ihnen schädlich oder nützlich ist, lassen sich auch sehr leicht zähmen, zeigen aber einen unwiderstehlichen Trieb zum Stehlen. Mit zunehmendem Alter verändern sich die geistigen Eigenschaften, wie sich ihr Kopf verändert. Dieser wird platter, der Affe also thierischer, und damit tritt Stumpfheit an die Stelle der Klugheit; der Hang zur Einsamkeit verscheucht die Zutraulichkeit, plumpe Kraft verdrängt die Geschicklichkeit, so daß die alten Affen mit den jungen kaum noch etwas gemein haben.

Das tägliche Treiben und gesellige Leben der Hulmans ist das aller Hundsaffen. Sie bilden im Walde, ihrem eigentlichen Wohngebiete, zahlreiche Banden, denen ein aus hartnäckigen Kämpfen siegreich hervorgegangenes Männchen vorsteht, und streifen unter dessen Führung plündernd, raubend und mehr verwüstend als verbrauchend in ihm und in den benachbarten Feldern und Gärten umher, Gebrandschatzten zur Geisel, frommen Narren und unbetheiligten Forschern zur Augenweide. Ihre Vermehrung in günstigen, d.h. unter dem Schutze der Dummgläubigkeit stehenden Gegenden ist eine Besorgnis erregende; dagegen sterben sie erwiesenermaßen in höher gelegenen Gegenden Oberindiens, woselbst sie eingeführt wurden und werden, bald wieder aus; denn auch [105] diese Heiligen können reine Luft nicht vertragen. Blyth berichtet, daß hier und da alle halberwachsenen oder besiegten Männchen einer Bande von dem sein Haremsrecht wahrenden Affensultan ausgetrieben und gezwungen werden, sich eigene Vereine zu bilden, erfuhr auch von den Eingeborenen, daß des Streitens und Kämpfens unter verschiedenen Männchen kein Ende wäre; Hutton beobachtete Aehnliches von dem auf dem Himalaya lebenden Verwandten des Hulman. Beide unternehmen, wie es scheint, zuweilen größere Streifzüge oder Wanderungen, jener bei Eintritt kalter Witterung in seinen Höhen, dieser, um nach Art bettelnder Mönche von der blindgläubigen Bevölkerung Zoll zu erheben. Wie die glaubenseifrige aber denkunfähige Bauernfrau dem faulen, nichtsnutzigen Strolche und Tagediebe, welcher in einer Mönchskutte bettelnd vor ihr erscheint, das letzte Ei oder Huhn überliefert, um ihrer Seele Nothdurft zu befriedigen, sieht auch der Hindu der Ankunft der Affenheiligen im Glauben entgegen. Sobald sie an den geweihten Orten eingetroffen sind, beginnt für die frommen Brahmanen eine Zeit der größten Sorge und Geschäftigkeit; sie haben nun ihre Heiligen zu pflegen und zu beschützen. Der eigenthümlichste Baum Indiens, die prachtvolle heilige Feige, soll der Lieblingsaufenthalt der Hulmans sein. Man erzählt, daß unter demselben Baume auch giftige Schlangen wohnen, mit welchen die Affen in beständiger Feindschaft leben. Hieran ist wohl nicht zu zweifeln, um so mehr aber an einem jener unschuldigen Märchen, welches von unseren Stubengelehrten frischweg für baare Münze genommen wird. Die Hulmans sollen nämlich, wenn sie eine schlafende Schlange finden, dieselbe hinten am Kopfe ergreifen, mit ihr auf den Boden herabsteigen und den Kopf des Kriechthieres so lange an Steine schlagen, bis sie ihn zermalmt haben, und dann, erfreut über die gelungene That, das sich windende und zuckende Thier ihren Jungen vorwerfen! Alle Affen haben gegen die Schlangen einen unüberwindlichen Abscheu und fürchten sich vor keinem Thiere in gleich hohem Grade, als eben vor ihnen: es ist deshalb gewiß nicht anzunehmen, daß auch nur eine Art eine derartige Ausnahme machen sollte.

Auch der Hulman zeigt große Anhänglichkeit an seine Jungen. Duvaucel erzählt, daß er ein Weibchen dieses Affen erlegt habe, dann aber Zeuge eines wirklich rührenden Zuges geworden sei. Das arme Thier, welches ein Junges mit sich trug, wurde in der Nähe des Herzens verwundet. Es raffte alle seine Kräfte zusammen, nahm sein Junges, hing es an einen Ast und fiel hierauf todt herunter. »Dieser Zug«, setzt unser Gewährsmann hinzu, »hat mehr Eindruck auf mich gemacht, als alle Reden der Brahmanen, und diesmal ist das Vergnügen, ein so schönes Thier er legt zu haben, nicht Meister geworden über die Empfindung der Reue, ein Wesen getödtet zu haben, welches noch im Tode das achtungswürdigste Gefühl bethätigte.«
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