Der Blaubock … mal wieder

Der letzte Blaubock wurde 1799 oder 1800 geschossen, 16 Museumsexemplare sind erhalten und in vier Museen aufbewahrt: Stockholm (Naturhistoriska riksmuseet), Wien (Naturhistorisches Museum Wien), Leiden (Naturalis Biodiversity Center) und Paris (Muséum national d’histoire naturelle). In einer 2021 publizierten Studie wurde anhand genetischer Marker (mtDNA) nachgewiesen, dass von zehn der untersuchten Museumsexemplare nur vier tatsächlich zum Blaubock gehören, und zwar die beiden zu Lebendrekonstruktionen verarbeiteten Häute in Stockholm und Wien, ein Schädelfragment aus Leiden sowie ein Paar Hörner aus Uppsala (Evolutionsmuseet der Universität Uppsala). Als der Art zugehörig gelten ferner aufgrund früherer Untersuchungen die zu einer Lebendrekonstruktionen verarbeitete Haut aus Paris und die Haut eines erwachsenen Männchens aus Leiden (Naturalis).
Seit April 2026 gehört der Blaubock offiziell zum De-Extinction-Programm von Colossal Biosciences. Damit ist er nach Mammut, Beutelwolf, Dodo, Moa und dem Dire Wolf das sechste Projekt des Unternehmens. Und natürlich darf man die Ambitionen der Firma hinterfragen. Ob ihnen die De-Extinktion des Blaubocks (oder einer anderen Art) gelingen wird, bleibt fraglich und in meinen Augen auch ein fragwürdiges Ziel. Mit den Direwölfen hat es ja eher weniger geklappt.


Aber um Canis dirus soll es nicht gehen, Thema dieses Beitrags soll der Blaubock bleiben.
Der Blaubock war wahrscheinlich schon Jahrtausende vor seiner Entdeckung durch Europäer selten. Im Gegensatz zu vielen anderen ausgestorbenen Großsäugern war sein Niedergang also bereits im Gange, bevor der Mensch der Kolonialzeit den entscheidenden letzten Druck ausübte. Dadurch gilt er als klassisches Beispiel dafür, wie eine bereits kleine Restpopulation durch zusätzliche menschliche Einflüsse endgültig verschwindet.
Die vermutlich älteste bekannte Erwähnung stammt von 1681. J. Schreyer nennt „blaue Böcke“ in einer Liste südafrikanischer Säugetiere, beschreibt sie aber kaum. Es ist umstritten, ob sich die Angabe tatsächlich eindeutig auf den Blaubock bezieht.
Der deutsche Naturforscher P. Kolb beschrieb die „Blauen Böcke“ am Kap 1719. Lange hielt man seine Abbildung für die erste Darstellung des Blaubocks. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Zeichnung wahrscheinlich eine größere Kuduantilope darstellt und durch Übersetzungsfehler falsch gedeutet wurde. Seine textliche Beschreibung bleibt dennoch eine der frühesten Quellen.
P. S. Pallas war der erste, der den Blaubock wissenschaftlich als Antilope leucophaeus beschrieb (1766). Er untersuchte dabei ein bereits nach Europa gebrachtes Fell.
T.Pennant beschrieb den „Blue Goat“(1771) anhand eines Präparats aus Amsterdam und erwähnte die damals außergewöhnliche bläuliche Fellfarbe.
Der schwedische Naturforscher A. Sparrman erwähnte den Blaubock in seinem Reisebericht aus den 1770er Jahren. Er schrieb, lebende Tiere hätten wie „blauer Samt“ gewirkt und zitierte frühere Beschreibungen der Färbung.
F. Le Vaillant ist wahrscheinlich der wichtigste Augenzeuge. Er erlegte 1781 selbst einen Blaubock und bezeichnete ihn bereits damals als die „seltenste und schönste“ afrikanische Gazellenart. Er beschrieb außerdem den Lebensraum im Soetmelks-Tal und widersprach Sparrmans Behauptung, dass sich die Fellfarbe nach dem Tod stark ändere.
J. Barrow Barrow berichtete 1801, dass der Blaubock zu seiner Zeit bereits nahezu ausgerottet war. Vermutlich gab es sie zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr.
H. Lichtenstein schrieb, dass noch einige Tiere im Jahr 1800 geschossen worden seien und danach keine mehr gesehen wurden. Seine Berichte gehören zu den letzten zeitnahen Nachrichten über die Art.
eitgenössische Abbildungen des Blaubocks, und die meisten wurden nach ausgestopften Exemplaren angefertigt, nicht nach lebenden Tieren. Deshalb ist sein tatsächliches Aussehen bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.
Die Gattung Hippotragus ist heute nur noch durch zwei Arten vertreten: Rappenantilope und Pferdeantilope.

Und nun … Colossal Bioscience und der Blaubock. Der Plan des Unternehmers sieht wie folgt aus.
1. Das Genom des Blaubocks rekonstruieren
Aus Museumsexemplaren – insbesondere einem Präparat aus dem Schwedischen Naturhistorischen Museum – wurde hochqualitative DNA gewonnen. Daraus konnte ein nahezu vollständiges Genom des Blaubocks erstellt werden.
2. Vergleich mit einer lebenden Art
Als genetische Ausgangsbasis dient die Pferdeantilope
Colossal gibt an, dass sich beide Genome insgesamt um etwa 3 % unterscheiden – das entspricht rund 18 Millionen DNA-Unterschieden. Durch bioinformatische Analysen soll ermittelt werden, welche dieser Unterschiede tatsächlich für die charakteristischen Merkmale des Blaubocks verantwOrtlich sind.
3. Genomeditierung
Anstatt einen Blaubock zu klonen – was mangels lebender Zellen unmöglich ist – sollen Zellen der Pferdeantilope mithilfe von Genomeditierung (z. B. CRISPR) schrittweise in Richtung des Blaubock-Genoms verändert werden.
aus diesen bearbeiteten Zellen sollen anschließend Embryonen erzeugt werden.
4. Austragen durch Leihmütter
Die Embryonen sollen von weiblichen Pferdeantilopen ausgetragen werden.
5. Langfristiges Ziel
Langfristig möchte Colossal eine sich selbst erhaltende Population aufbauen und – gemeinsam mit südafrikanischen Naturschutzorganisationen – prüfen, ob eine Auswilderung in geeigneten Lebensräumen möglich wäre. Ob dies tatsächlich im historischen Verbreitungsgebiet geschieht, ist derzeit noch offen.

Warum gerade der Blaubock?
Colossal nennt mehrere Gründe:
Er ist eine der jüngst ausgestorbenen Antilopenarten, sodass relativ gut erhaltene DNA verfügbar ist.
Sein nächster lebender Verwandter existiert noch und eignet sich als genetische Ausgangsart.
Die entwickelte Technik könnte auch dem Schutz heute bedrohter Antilopen zugutekommen. Etwa ein Drittel aller Antilopenarten gilt als gefährdet oder potenziell gefährdet.
Wissenschaftliche Kritik

Wie bei den anderen De-Extinction-Projekten gibt es erhebliche Diskussionen:
Sehr geringe genetische Grundlage: Es existieren nur wenige Museumsexemplare. Dadurch lässt sich die genetische Vielfalt des ursprünglichen Blaubocks nur unvollständig erfassen.
Kein echter „wiederbelebter“ Blaubock: Das entstehende Tier wäre nach heutigem Stand kein genetisch identischer Blaubock, sondern eine genetisch veränderte Pferdeantilope mit vielen Blaubock-Merkmalen.
Ökologische Fragen: Das ursprüngliche Renosterveld-Grasland am Kap ist heute weitgehend verschwunden oder stark verändert. Es ist unklar, ob genügend geeigneter Lebensraum für eine freilebende Population existiert.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Projekt besonders interessant, weil der Blaubock im Vergleich zu Mammut oder Dodo eine vergleichsweise junge ausgestorbene Art mit gut erhaltener DNA und einem sehr nahen lebenden Verwandten ist. Dadurch könnte er tatsächlich einer der technisch aussichtsreicheren Kandidaten für ein De-Extinction-Projekt sein – auch wenn offen bleibt, inwieweit das Endergebnis biologisch und ökologisch einem ursprünglichen Blaubock entsprechen würde.

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