Der Bartaffe in Brehms Tierleben

Bartaffe (Brehms Tierleben)

Zu den abweichenden Arten der Gruppe zählt einer der schönsten aller Affen, der Wanderu oder Nilbandar der Inder, unser Bartaffe (Macacus Silenus, Vetulus Silenus, Simia ferox, Silenus veter). Ihn kennzeichnet der gedrungene Bau, ein reicher Vollbart, welcher das ganze Gesicht umschließt, und der mittellange, am Ende gequastete Schwanz. Der sehr reiche lange Pelz ist glänzend schwarz, unterseits lichtbräunlichgrau, der mähnenartig verlängerte Vollbart dagegen weiß, in der Jugend graulich; Hände und Füße haben mattschwarze Färbung, die gutmüthigen Augenbraune Iris. Erwachsen erreicht der Wanderu eine Länge von 1 Meter und darüber, wovon der Schwanz 25 bis 35 Centim. wegnimmt.

Ueber das Vaterland des Wanderu ist man bis in neuerer Zeit in Irrthum gewesen, weil man gewöhnlich Ceilon als solches angesehen hat. Nach den neueren Berichten scheint das Thier nicht auf dieser Insel, sondern in Malabar heimisch zu sein und hier ausschließlich die dichten Waldungen zu bewohnen. Tennent erwähnt in seinem trefflichen Werke des Bartaffen nicht, wendet vielmehr den Namen Wande ru auf die Schlankaffen an und bemerkt ausdrücklich, daß alle von Ceilon nach Europa gebrachten Bartaffen erst auf der Insel eingeführt wurden. Ueber das Freileben unseres Thieres wissen wir so viel wie nichts. Seine Nahrung besteht aus Knospen und Baumblättern. Er besucht ebenfalls die Gärten und richtet dort unter Umständen bedeutenden Schaden an. Thierbach erzählt, daß die von diesen Affen herrührenden Verwüstungen oft wirklich jammervoll anzusehen sind. In manchen Kokosgärten sieht man nicht eine einzige Frucht auf den Bäumen, aber den Boden ganz besäet mit ihnen, zumal mit halbreifen, welche diese Affen abgerissen und herabgeworfen haben.

Demungeachtet werden sie von den Malabaren geschätzt. Die Fürsten dieses Volkes achten sie sehr hoch wegen ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Klugheit. Sie lassen Junge aufziehen und zu allerlei Spielen abrichten, wobei dieselben sich zum Verwundern gut benehmen.

»Der weißbärtige Affe«, sagt Heydt, »stellt einen alten Indier mit seinem Barte nicht übel vor. Er hält sich die meiste Zeit in den Wäldern auf und verursacht wenig Schaden. Von anderen Affen unterscheidet er sich dadurch, daß er nicht so boshaft und eher heiter ist. Er scheint mehr Nachdenken zu haben als diese, kann gläsernes Geschirr lange gebrauchen, ohne es zu zerbrechen, weiß sogleich, wenn er Un recht gethan hat, und gibt seine Traurigkeit darüber durch Geberden zu erkennen, welches er noch mehr thut, wenn er geschlagen worden ist, da man ihn oft Thränen vergießen sieht.« Ein anderer Berichterstatter versichert, daß die übrigen Affen die größte Achtung vor dem Wanderu hätten und sich in seiner Nähe anständig benähmen, weil sie seine Uebermacht anerkennen müßten.

Bennett erzählt von zwei Gefangenen, welche er pflegte, daß sie sehr gutartig waren und sich damit vergnügt hätten, an ihrer Kette sich zu schaukeln. »Sobald Jemand hereintrat, stieg der eine plötzlich von seiner Stange herab und paßte den Augenblick ab, um auf den Besucher zu springen und ihn unversehens zu erfassen und zu necken; dann kletterte er wieder auf seine Stange, als ob nichts geschehen sei, und freute sich seines Erfolges.« Ich habe mehrere Wanderus gesehen, auch einen längere Zeit gepflegt, und muß sagen, daß ich mit den Indern übereinstimme. Der Bartaffe macht den Eindruck eines überlegenden Geschöpfes, eines durchaus würdigen Affen, und jede seiner Bewegungen entspricht dem vollständig. Sein Thun und Handeln ist gemessen, jede seiner Bewegungen gleichsam vorbedacht. Den größten Theil der Zeit scheint er sich nur mit sich selbst zu beschäftigen und zuweilen längere Zeit in tiefstem Nachdenken versunken zu sein. Um die Außenwelt bekümmert er sich viel weniger als andere Affen, obwohl das geweckte Auge deutlich genug bekundet, daß sie nicht spurlos an ihm vorübergeht. Auch er achtet auf jeden Menschen und auf jedes Thier, welches ihm sich nähert: aber es geschieht dies mit würdiger Ruhe; denn er betrachtet alles, was er ansieht, mit dem ihm eigenen Ernste. Von Natur entschieden gutmüthig, kann es unter Umständen doch geschehen, daß der alte Adam in ihm lebendig und die auf dem Affen unzweifelhaft ebenfalls lastende Erbsünde in ihm rege wird. Das ruhige und sanfte Auge blitzt dann in eigenthümlichem Feuer auf; das Gesicht nimmt den Ausdruck entschiedenen Zornes an, und seine Haltung bekundet, daß er jetzt nur auf den Augenblick lauere, zuzufassen und seinen Ingrimm zu bethätigen. Doch wie bemerkt, solche Gemüthserregungen gehören zu den Seltenheiten; im allgemeinen denkt er nicht daran, irgend einem anderen Geschöpfe etwas in den Weg zu legen oder zu Leide zu thun.

Zuweilen sieht man ihn im Affentheater als mitwirkenden Schauspieler in der Rolle eines würdigen Alten, zu welcher er sich seines Aussehens halber ganz vorzüglich eignet, und er verfehlt dann nicht, seines gemessenen, anscheinend tief durchdachten Spieles halber die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um den verdienten Beifall sich zu erwerben. Demungeachtet steht er bei den Leitern jener Theater nicht eben in besonderer Gunst; Broekmann wenigstens versicherte mir, daß er, wenn auch nicht ungelehrig, so doch schwerfällig von Begriffen sei, lange Zeit brauche, um etwas zu behalten, und nicht mit der Willfährigkeit anderer abgerichteter Affen »arbeite«.

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