Tiere spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte des Kolonialismus, sowohl in der historischen Aneignung fremder Gebiete, in Methoden kolonialer Erschließung und Ausbeutung als auch im Export kolonialer ‚Güter‘ in die europäischen Staaten und in der dortigen Darstellung der Kolonialgebiete. Sie tauchen in Reise- und Jagdberichten, Fotografien, Spielfilmen und nicht zuletzt in Zoos auf. Zugleich sind im Zuge des Kolonialismus auch Tiere auf eine vorher nicht gekannte Weise global mobil geworden und in Gegenden gebracht worden oder selbst eingewandert, die ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten fern lagen. Das hat nicht nur zu einer Veränderung der lokalen Fauna geführt, sondern auch zu veränderten sozialen und kulturellen Strukturen in Kolonialgebieten, zu veränderten Mensch-Tier-Verhältnissen.
Dieser Tierstudien -Band versammelt mit Kaninchen, Giraffen, Straßenhunden, Papageien, Walen, Jaguaren, Bisons, Schlangen, Pferden, Tigern und fantastischen Mischwesen eine vielgestaltige Kartografie tierlicher Präsenz im Kontext kolonialer, neokolonialer und dekolonialer Machtverhältnisse. Die Beiträge zeigen Tiere als Jagdtrophäen, modische Luxusartikel, Rohstoffe, Archiv- und Wissensobjekte sowie Projektionsflächen, aber auch als widerständige Akteur*innen, die koloniale Ordnungen irritieren und durchkreuzen. Die Texte fragen, wie Tiere in kolonialen Kontexten genutzt, verschleppt, klassifiziert und ausgebeutet wurden – und wie diese Logiken bis heute fortwirken. Zugleich untersuchen sie Spannungen dekolonialer Praxis: zwischen Fürsorge und Gewalt, zwischen indigenem Wissen und seiner Aneignung. So entsteht ein facettenreiches Panorama, das Tiere nicht nur als Opfer, sondern als zentrale Figuren (de-)kolonialer Geschichte sichtbar macht, und es werden – insbesondere durch die künstlerischen Positionen – neue Perspektiven auf ein mehr-als-menschliches Zusammenleben eröffnet.
Mit dem 29. Band der Tierstudien aus dem Neofelis-Verlag widmet sich die von Jessica Ullrich herausgegebene Zeitschrift einem der aktuellsten und zugleich anspruchsvollsten Themen der Human-Animal Studies: der Verflechtung von Kolonialismus und Mensch-Tier-Verhältnissen. Der Band untersucht, wie Tiere nicht nur Objekte kolonialer Herrschaft waren, sondern selbst Akteure in Prozessen von Aneignung, Mobilität, Wissensproduktion und Widerstand.
Bereits in ihrem Editorial weist Jessica Ullrich darauf hin, dass die prominentesten Forschende in den Bereichen Tierethik und Animal Studies, trotz einiger wichtiger Ausnahmen (welche wohl die Regel bestätigen), zum größten Teil weiß sind.
Mit Beiträgen von Nils Berliner/Sophie-Madlin Langner, Mona Marie Eilers, Kai Horsthemke, Helene Hundt, Dina Kagan, Susanne Karr, Anu Pande, Martin Pesch, Dafni Tokas, Denilson Baniwa, Juliana Huxtable und Adrian Stimson.
Was bedeutet es eigentlich, Tiere zu dekolonisieren? Das könnte man als Leitfaden des Bandes sehen. Die Beiträge gehen davon aus, dass koloniale Machtverhältnisse nicht nur Menschen betrafen, sondern auch Tiere durch Klassifizierung, Verschleppung, Zucht, Ausbeutung und symbolische Vereinnahmung geprägt wurden.
Die Beiträge betonen die Vielfalt indigener Wissenssysteme und zeigen, wie koloniale Eingriffe lokale Tierwelten und kulturelle Praktiken verändert haben. Dadurch wird verhindert, dass „das Indigene“ romantisiert oder als zeitlose Gegenwelt zum Kolonialismus dargestellt wird.
De-Koloniale Tiere gehört zu den bislang interessantesten Themenheften der Tierstudien und kann als Ergänzung/Erweiterung zum ebenfalls im Neofelis-Verlag erschienenen Buch KOLONIALE TIERE? gesehen werden. Interessant und zum Nachdenken anregend, ein durchaus kritisch zu betrachtendes Thema.
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De-Koloniale Tiere bei neofelis
(Rezensionsexemplar)

