Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

02.12.2019, NABU
NABU zu den aktuellen Wolfszahlen: Frühzeitig um den Herdenschutz kümmern
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat die aktuellen Wolfszahlen veröffentlicht. Insgesamt leben 105 Wolfsrudel, 25 Paare und 13 Einzeltiere in Deutschland. Der NABU begrüßt diese Entwicklung, die aus biologischer Sicht völlig normal ist. Sie zeigt, dass es auch für einst ausgerottete heimische Tierarten in unserer Kulturlandschaft genügend Lebensraum gibt. Wölfe benötigen keine menschenleere Wildnis, sondern Rückzugsräume für die Aufzucht ihrer Jungen sowie genügend Beute. Bei der hohen Wilddichte in Deutschland ist ein jährlicher Zuwachs der Wolfspopulation um etwa ein Drittel üblich.
Die Rudel konzentrieren sich nach wie vor in den bewährten Wolfsregionen Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Neben Thüringen und Bayern wurden nun ebenfalls in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein territoriale Einzelwölfe bestätigt. Es zeigt, dass die Wölfe sich viele neue Lebensräume erschließen und die Ausbreitung Richtung Südwesten verdeutlicht, dass Wölfe in jedem Flächenbundesland einen passenden Lebensraum finden können. Der NABU plädiert deshalb auch an die Länder mit Einzelwölfen, rechtzeitig die Weichen für angemessene Fördermaßnahmen zu stellen.
NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller: „Ein Zusammenleben von Wölfen, Menschen und Weidetieren ist möglich, wenn der Herdenschutz funktioniert. Das kann in alten Wolfsregionen bei vielen Betrieben beobachtet werden. Guter Herdenschutz muss erst wieder erlernt werden, er ist eine zusätzliche zeitliche und finanzielle Herausforderung für Schäferinnen und Schäfer. Für die gesellschaftlich anerkannten Leistungen sollte die Schäferei mit ausreichend finanziellen Hilfen unterstützt werden. Eine Weidetierprämie wäre eine erste sinnvolle Maßnahme.“
Erneut ist die Zahl der Totfunde gestiegen. Insgesamt 83 Wölfe wurden durch den Verkehr getötet. Der NABU plädiert deshalb an alle Autofahrerinnen und Autofahrer, Geschwindigkeitsgrenzen zu wahren und besonders in der Dämmerung vorsichtiger zu fahren. So ließen sich viele Wildunfälle verhindern. Auch die Zahl der illegal getöteten Wölfe ist erneut gewachsen. Acht Mal wurde im vergangenen Monitoringjahr eine Straftat begangen. Der NABU fordert die Länder auf, mehr Kapazitäten in die Ermittlungen zu Wildtierkriminalität zu stecken. „Das Töten eines geschützten Wildtieres ist kein Kavaliersdelikt“, so Miller.

Und gleich noch einmal Wolf:

02.12.2019, BUND
BUND zu den neuen Wolfzahlen: Mehr Wölfe, mehr Herdenschutz
Die Wolfsbestände wachsen, dies zeigen die neuen Zahlen des Bundesamts für Naturschutz, die heute veröffentlicht wurden. Insgesamt 105 Rudel, 25 Paare und 13 sesshafte Einzeltiere durchstreifen vor allem Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen, aber auch andere Bundesländer. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bewertet diese Entwicklung positiv, warnt jedoch vor falschen Rückschlüssen. „Die Entwicklung der Wolfsbestände ist ein gutes Zeichen“, erklärt Magnus Wessel, Leiter der Naturschutzpolitik des BUND. „Mit rund 273 erwachsenen Wölfen ist die Art in Deutschland aber noch immer weit von einem günstigen Erhaltungszustand von 1000 erwachsenen Tieren entfernt. Das bestätigt auch der kürzlich veröffentlichte FFH-Bericht der EU.“
Betroffen von der Rückkehr der Wölfe sind vor allem Weidetierhaltende, und da hauptsächlich Schäfereien. „Statt weiter Öl ins Feuer zu gießen und Meinungsmache zulasten der Wölfe zu betreiben, sollte sich die Politik endlich auf konstruktive Lösungsansätze fokussieren, die den Betrieben wirklich helfen – der Herdenschutz steht dabei an erster Stelle“, so Wessel weiter. Neben der vollständigen Erstattung der Kosten von Elektrozäunen und gegebenenfalls Herdenschutzhunden muss auch die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Weidetierhaltenden im Vordergrund stehen. Wessel: „Vielen Schäferinnen und Schäfer steht das Wasser schon seit Jahren wirtschaftlich bis zum Hals – auch ganz ohne Wölfe. Deshalb braucht es endlich deutlich bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Weidetierhaltung, um diese ökologisch wertvolle Form der Landnutzung zukunftsfähig zu machen.“
Mit Blick auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs, der erst kürzlich klargestellt hat, dass die Tötung von Wölfen nur in klar belegten Ausnahmesituationen zulässig ist, kritisiert der BUND die lauter werdenden Stimmen für den pauschalen Abschuss von Wölfen. „Forderungen nach präventiven Abschüssen ganzer Rudel, nach wahllosen Quotenjagden und wolfsfreien Zonen, haben damit einen klaren Dämpfer erhalten“, so der Artenschutzexperte des BUND. „Der wahllose Abschuss von Wölfen ist kein Ersatz für Herdenschutz, mit EU-Recht unvereinbar und zudem unwirksam, da jederzeit neue Wölfe einwandern können.“ Tatsächlich problematische Wölfe könnten auch nach heutiger Rechtslage bereits getötet werden. Daher sind auch Änderungen der Gesetzeslage nicht zielführend. Wessel abschließend: „Die vorgeschlagene Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes muss vom Tisch. Wir fordern Bundesumweltministerin Svenja Schulze auf, den Vorschlag zurückzuziehen und diesen Dammbruch im Artenschutz zu verhindern. Ein Gesetz, das zum Ziel hat, die Tötung von Wölfen, aber auch von allen anderen geschützten Tieren, zu erleichtern, ist das Gegenteil von dem, was wir angesichts des Artensterbens brauchen.“

02.12.2019, Universität zu Köln
Die Augen von riesigen Seeskorpionen gibt es auch heute noch
Die ausgestorbene Seeskorpionart Jaekelopterus rhenaniae hatte Augen vergleichbar mit denen moderner Pfeilschwanzkrebse / Der zweieinhalb Meter lange Räuber konnte Kontraste und Konturen besonders gut erkennen
Die Augen des ausgestorbenen Seeskorpions Jaekelopterus rhenaniae weisen den gleichen Aufbau wie die Augen moderner Pfeilschwanzkrebse (Limulidae) auf, die zu seinen Verwandten zählen. Die Facettenaugen des riesigen Raubtieres wiesen Linsenzylinder und konzentrisch gelagerte Sinneszellen auf, die den Ausläufer einer hochspezialisierten Zelle umschließen. Dies ergaben elektronenmikroskopische Untersuchungen durch Privatdozentin Dr. Brigitte Schoenemann, Vertretungsprofessorin für Zoologie am Institut für Biologiedidaktik der Universität zu Köln, die in Zusammenarbeit mit Dr. Markus Poschmann von der Generaldirektion Kulturelles Erbe RLP, Direktion Landesarchäologie/Erdgeschichte und Professor Dr. Euan N.K. Clarkson von der Universität Edinburgh durchgeführt wurden. Die Ergebnisse der Studie „Insights into the 400 million-year-old eyes of giant sea scorpions (Eurypterida) suggest the structure of Palaeozoic compound eyes“ sind nun in Scientific Reports – Nature veröffentlicht worden.
Die Augen moderner Pfeilschwanzkrebse bestehen aus Facetten, sogenannten Ommatidien. Anders als z.B. bei Insekten, die Facettenaugen mit einer einfachen Linse besitzen, sind die Ommatidien der Pfeilschwanzkrebse mit einem Linsenzylinder ausgerüstet, der das einfallende Licht kontinuierlich bricht und zu den Sinneszellen weiterleitet.
Diese rosettenartig angeordneten Sinneszellen gruppieren sich um einen zentralen Lichtleiter, das Rhabdom, der Teil der Sinneszellen ist, die einfallenden Lichtsignale in Nervensignale umformt und an das zentrale Nervensystem weiterleitet. Im Zentrum dieses Lichtleiters befindet sich bei den Pfeilschwanzkrebsen der Ausläufer einer hochspezialisierten Zelle, die die Signale benachbarter Facetten so verschalten kann, dass Konturen schärfer wahrgenommen werden können. Dies kann vor allem unter diffusen Sichtverhältnissen im Ozean sehr nützlich sein. Im Querschnitt des Ommatidium ist dieser Ausläufer als heller Punkt im Zentrum des Rhabdoms zu erkennen. Brigitte Schoenemann untersuchte bei fossilen Exemplaren von Jaekelopterus rhenaniae mit Hilfe von Elektronenmikroskopen, ob sich die Facettenaugen des Riesenskorpions und die der verwandten Pfeilschwanzkrebse ähneln, oder ob sie vielleicht eher wie Insekten- oder Krebstieraugen aufgebaut sind. Es gelang ihr, die gleichen Strukturen wie beim Pfeilschwanzkrebs zu finden. Linsenzylinder, Sinneszellen und sogar die hochspezialisierte Zellen ließen sich klar ausmachen.
„Dieser helle Punkt gehört zu einer besonderen Zelle, die heutzutage nur bei Pfeilschwanzkrebsen vorkommt, offensichtlich aber schon bei den Eurypteriden vorhanden war“, erklärt Schoenemann. „In ihrem ganzen Aufbau sind die Systeme identisch. Daraus folgt, dass es sehr wahrscheinlich schon vor 400 Millionen Jahren eine Kontrastverstärkung gegeben hat“, so Schoenemann. Jaekelopterus jagte wahrscheinlich nach den zeitgleichen Panzerfischen und hatte mit seinem Sehapparat Vorteile im trüben Meerwasser.
Seeskorpione, die das erste Mal vor 470 Millionen Jahren nachweisbar sind, starben vor ungefähr 250 Millionen Jahren, am Ende des Perm-Zeitalters, zusammen mit ungefähr 95 Prozent aller Meereslebewesen aus. Manche Exemplare gehörten zu den großen Raubtieren der Meere, wie z.B. der untersuchte Jaekelopterus rhenaniae. Er erreichte eine Länge von 2,50 Metern und gehörte zur Familie der Eurypteriden, den ausgestorbenen Verwandten der Pfeilschwanzkrebse. Eurypteriden sind Gliederfüßer (Arthropoden), die zum Unterstamm der Chelicerata gehören und damit Verwandte von Spinnen und Skorpionen sind.
Bei den Arthropoden gibt es zwei große Gruppen: die Mandibulata (u.a. Krebstiere, Insekten, Trilobiten) und die Chelicerata (spinnenartige Tiere, wie z.B. Seeskorpione). Schoenemann konnte bereits in den letzten Jahren den Aufbau der Augen von verschiedenen Trilobitenarten klären und entscheidende Beiträge zur Erforschung der Evolution des Facettenauges leisten. „Bis vor kurzem dachte man noch, dass weiches Gewebe nicht fossiliert und hat diese Körperteile nicht untersucht.“
Die neuen Erkenntnisse zum Auge des Seeskorpions sind wichtig für die Erforschung der Evolution des Facettenauges nicht nur bei Spinnenartigen, sondern auch bei der Stellung von Seeskorpionen im Stammbaum dieser Tiere und für den Vergleich mit den Augen der verwandten Gruppe der Mandibulata.
Zur Publikation:
https://www.nature.com/articles/s41598-019-53590-8

04.12.2019, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Gesundheitsvorsorge bei Pavianen
Geschlechtskrankheit vermindert Paarungsbereitschaft bei Pavianweibchen
Geschlechtskrankheiten sind bei Tieren und Menschen weit verbreitet. Menschen kennen jedoch eine Vielzahl von Schutz- und Hygienemaßnahmen, um sich vor der Ansteckung zu schützen. Ob auch unsere nächsten Verwandten, die Affen, ihr Sexualverhalten ändern, um das Risiko zu minimieren sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken, das hat nun ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Wissenschaftlern des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung untersucht. Die Forscher beobachteten das Paarungsverhalten von Anubispavianen im Lake Manyara Nationalpark, Tansania, die mit Treponema pallidum infiziert sind. Dieses Bakterium verursacht beim Menschen Frambösie und Syphilis und ruft auch bei Affen ähnliche Krankheitssymptome hervor. Dabei zeigte sich, dass die Weibchen Paarungen vermeiden, wenn entweder das Männchen oder sie selbst sichtbar an der Infektion litten. Männchen änderten ihr Verhalten dagegen nicht. (Science Advances, 2019)
Treponema pallidum subsp. pertenue verursacht bei Pavianen in Ostafrika Geschwüre im Genitalbereich und führt im weiteren Verlauf der Infektion zu schweren Entstellungen der Geschlechtsorgane. Der Erreger befällt auch andere Affenarten. Beim Menschen verursacht das Bakterium die Frambösie, die vor allem bei Kindern zu Läsionen der Haut und im weiteren Verlauf zu schweren Knochen- und Knorpelschäden führt. Betroffene Menschen sind dadurch körperlich stark eingeschränkt und stigmatisiert. Die Frambösie wird hauptsächlich über Haut-zu-Haut-Kontakt übertragen und ist zur Zeit Gegenstand einer Kampagne der WHO, die bis 2030 zur Ausrottung der Krankheit führen soll. Eng verwandt mit dem Frambösieerreger ist der Erreger der Syphilis, Treponema pallidum subsp. pallidum, einer der beim Menschen am häufigsten über Sexualverkehr übertragenen Krankheiten.
Anubispaviane kommen von Mali in Westafrika bis Äthiopien, Kenia und Nordtansania in Ostafrika vor. Die Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums, unter der Leitung von Dietmar Zinner und Sascha Knauf, untersuchten das Paarungsverhalten der Anubispaviane im Lake Manyara Nationalpark in Tansania über einen Zeitraum von 18 Monaten. Die Paviangruppe umfasste etwa 170 Individuen. In der empfängnisbereiten Phase der Anubispavianweibchen, die sie durch eine prominente Regelschwellung ihrer Hinterteile anzeigen, paaren sie sich meistens mit mehr als einem Männchen. Filipa Paciência beobachtete für ihre Doktorarbeit 876 Paarungsversuche von insgesamt 32 Pavianweibchen und 35 Männchen, von denen 540 zu Kopulationen führten. In den allermeisten Fällen ging die Initiative zur Paarung von den Männchen aus. Dabei zeigte sich, dass die Weibchen Paarungsversuche von Männchen häufiger abwehrten, wenn das Männchen oder sie selbst sichtbare Anzeichen der Infektion zeigten. Im Vergleich zu anderen untersuchten Pavianpopulationen, die nicht infiziert waren, hatte ein Weibchen in der Studiengruppe durchschnittlich weniger männliche Fortpflanzungspartner.
„Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Gefahr einer Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit individuelle Verhaltensänderungen hervorrufen kann, die zu einer veränderten Partnerwahl führen und möglicherweise den Grad von Promiskuität in einer nicht-menschlichen Primatenpopulation reduzieren könnten,“ fasst Studienleiter Dietmar Zinner zusammen.
Originalpublikation:
Paciência FMD, Rushmore J, Chuma IS, Lipende IF, Caillaud D, Knauf S, Zinner D (2019): Mating avoidance in female olive baboons (Papio anubis) infected by Treponema pallidum. Science Advances

06.12.2019, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Der Stammbaum der Käfer steht
Die Käfer haben auf der Erde eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben. Mit gut 400.000 Arten ist Coleoptera die artenreichste Gruppe im Tierreich. Ein internationales Forscherteam um den US-Amerikaner Duane McKenna von der University of Memphis hat jetzt eine Studie zur Evolution und genomischen Grundlage der Diversität von Käfern veröffentlicht. Erschienen ist die Studie im Wissenschaftsmagazin PNAS – „Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America“. Zwei Wissenschaftler der Universität Jena waren daran beteiligt.
„Die Phylogenese der Käfer ist nun weitgehend bekannt, jetzt wird geforscht, was sich im Laufe der Evolution ereignet hat“, sagt Prof. Dr. Rolf Beutel von der Universität Jena. Der Insektenforscher gehört als „Senior Author“ zu den Autoren der Studie, gemeinsam mit PD Dr. Hans Pohl aus Jena und Fachkollegen aus den USA, Deutschland, China, Russland, Australien und Österreich. Die kühn formulierte Behauptung Rolf Beutels steht auf solider wissenschaftlicher Grundlage: Für ihre Studie analysierten die Forscher 4.818 Gene von Käfern. Die Auswertung des Datensatzes belege den Ursprung der Gruppe im Karbon – also vor etwa 380 Millionen Jahren – und eine große Bedeutung der Interaktion von Käfern mit angiospermen (bedecktsamigen) Pflanzen, sagt Prof. Beutel.
Pflanzenzellwände verdauen macht durchsetzungsfähig
Im Erdmittelalter, dem Mesozoikum, begann der Aufstieg der pflanzenfressenden Käfer, die heute über 100.000 Arten umfassen. Ein Schlüssel zum Erfolg dieser Käfer liegt in ihrer Fähigkeit, Pflanzenzellwände verdauen zu können. „Diese Fähigkeit erwarben die Käfer durch horizontalen Gentransfer von Pilzen und Bakterien“, erläutert Rolf Beutel. Vorher hatten sich die Käfer von Pilzen und sich zersetzenden Substanzen ernährt. Der Siegeszug der Blattkäfer, Bockkäfer und Rüsselkäfer geschah in Interaktion mit den bedecktsamigen Pflanzen – eine enge Beziehung, die bis heute andauert.
Die vorliegende Studie ist ein Ergebnis des 2011 gestarteten internationalen 1KITE-Projekts (1K Insect Transcriptome Evolution), das die Evolutionsgeschichte der Insekten nachzuzeichnen versucht. Weltweit sind an 1KITE rund 50 Experten aus den Bereichen molekulare Biologie, Morphologie, Paläontologie, Taxonomie, Embryologie und Bioinformatik beteiligt.
Originalpublikation:
McKenna K. Duane et al. „The evolution and genomic basis of beetle diversity“. Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America (2019), DOI: 10.1073/pnas.1909655116, www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1909655116

11.12.2019, Forschungsverbund Berlin e.V.
Beleuchtung von Höhlen vertreibt Fledermäuse – die Farbe des Lichts spielt nur untergeordnete Rolle
ForscherInnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Max-Planck-Instituts für Ornithologie (MPIO) haben untersucht, wie sich die Beleuchtung von Fledermaushöhlen auf das Verhalten der Tiere auswirkt und ob die Farbe des Lichts dabei eine Rolle spielt. Zwar irritiert rotes Licht die kleinen Säugetiere etwas weniger als weißes – dennoch sollten aus Sicht der ForscherInnen weder der Eingang noch das Innere von Fledermausquartieren beleuchtet werden.
Künstliches Licht beeinflusst das Verhalten vieler nachtaktiver Tiere wie Fledermäuse, die sehr sensibel auf alle Arten von Beleuchtung reagieren. Besonders kritisch ist die Illumination von natürlichen Höhlen, die in touristischen Gebieten weltweit verbreitet ist und die Tiere in ihrem Ruhequartier stört. ForscherInnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Max-Planck-Instituts für Ornithologie (MPIO) haben nun untersucht, wie sich die Beleuchtung von Fledermaushöhlen auf das Verhalten der Tiere auswirkt und ob die Farbe des Lichts dabei eine Rolle spielt. Zwar irritiert rotes Licht die kleinen Säugetiere etwas weniger als weißes – dennoch sollten aus Sicht der ForscherInnen weder der Eingang noch das Innere von Fledermausquartieren beleuchtet werden. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Global Ecology and Conservation“ publiziert.
Mit zwei Versuchen testeten die WissenschaftlerInnen, wie Fledermäuse auf die Beleuchtung von Höhleneingängen und Höhleninneren reagieren und ob sie eine Präferenz für bestimmte Farben zeigen. Der erste Versuch fand an einer natürlichen Quartiershöhle nahe der Siemers-Fledermaus-Forschungsstation in Tabachka im Norden Bulgariens statt. Hier leben vier Fledermausarten, darunter die Langflügelfledermaus Miniopterus schreibersii sowie Myotis capaccinii, die Langfußfledermaus. Der sechs Meter lange und vier Meter breite Eingang der Zorovitsa-Höhle, die mehr als 1.000 Tieren als Nachtquartier dient, wurde aufgeteilt: Im Wechsel blieb eine Hälfte unbeleuchtet, während die andere jeweils kurz mit weißen, bernsteinfarbenen oder roten LEDs beleuchtet wurde. „Mit akustischen Detektoren zählten wir, welchen Teil des Höhleneingangs die Fledermäuse nutzten“, erklärt Voigt. Das Resultat: die Tiere meiden alle Lichtfarben und bevorzugen jeweils den dunklen Eingang.
Um herauszufinden, wie Fledermäuse auf die verschiedenen Lichtfarben im Höhleninneren reagieren, machte das Forschungsteam ein Experiment in einem Flugraum. Dazu fingen sie 16 Exemplare von M. schreibersii und 21 M. capaccinii ein, die nach den kurzen Experimenten wieder freigelassen wurden. In einem simulierten Quartier – bestehend aus einem fensterlosen Raum, der mittig fast durchgehend durch eine Wand geteilt war – ließen sie die Tiere einzeln jeweils 14 Minuten fliegen. Die „Probanden“ konnten selbst entscheiden, ob sie sich lieber im beleuchteten oder dunklen Teil aufhielten und wurden dabei mit Infrarot-Kameras und Ultraschalldetektoren beobachtet. Auch hier zeigt sich, dass Fledermäuse sehr empfindlich auf jegliches Licht reagieren. Haben sie aber nur die Wahl zwischen rotem und weißem Licht, bevorzugen sie leicht das rote.
„Dass Licht Fledermäuse aus ihren Quartieren vertreibt, ist für uns nicht überraschend. Nun wissen wir aber auch, dass dies nahezu unabhängig von der Farbigkeit des Lichts geschieht“, erklärt Voigt. „Wir empfehlen deshalb, sowohl im Inneren als auch am Eingang von Höhlen, die auch von Fledermäusen genutzt werden, ganz auf Beleuchtung zu verzichten.“ Licht bedeutet für Fledermäuse ein hohes Risiko von einer Eule oder einem anderen Greifvogel, aber auch von Katzen angefallen zu werden. Deshalb meiden Fledermäuse in und an Quartieren eine helle Ausleuchtung, egal welcher Farbe.
In vielen Ländern Europas wird derzeit die Straßenbeleuchtung auf energiesparende LEDs umgestellt. LEDs lassen sich unkompliziert in nahezu jeder beliebigen Lichtfarbe einsetzen. Die preiswerten und langlebigen Leuchtdioden werden vielerorts aus rein ästhetischen Gründen eingesetzt, etwa um historische Bauwerke effektvoll zu beleuchten – oft zusätzlich zu herkömmlichen Strahlern. Vor allem in touristischen Gebieten werden zudem Höhlen, in denen mitunter Fledermäuse den Tag verbringen, als Touristenattraktion Tag und Nacht bunt angestrahlt. Einige LED-Hersteller geben an, ihre Produkte seien durch bernsteinfarbenes und rotes Licht – statt weißem – besonders fledermausfreundlich. Da die Sehpigmente der Tiere besonders empfindlich für kurzwelliges UV-Licht sind, sollten sie diese Farben, die am langwelligen Ende des Lichtspektrums liegen, weniger gut wahrnehmen können. Dass diese Theorie zwar nicht völlig falsch ist, in der Realität aber nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt, zeigt nun die wissenschaftliche Untersuchung von Voigt und seinen KollegInnen.
Originalpublikation:
Straka TM, Greif S, Schulz S, Goerlitz HR, Voigt CC (2019): The effect of cave illumination on bats. Global Ecology and Conservation. DOI: 10.1016/j.gecco.2019.e00808.

11.12.2019, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Experimente der Evolution: Neuer Raubdinosaurier aus Patagonien
Der SNSB-Paläontologe Oliver Rauhut hat in Patagonien einen bisher unbekannten Raubdinosaurier (Asfaltoventor vialidadi) aus der mittleren Jurazeit (ca. 172 Mio Jahre) entdeckt, der ein neues Licht auf die Evolutionsgeschichte dieser Tiergruppe wirft. Die Neuentdeckung veröffentlichte der Forscher gemeinsam mit einem Kollegen kürzlich in der Fachzeitschrift Scientific Reports.
Der in Patagonien neu gefundene Raubdinosaurier, Asfaltoventor vialidadi, gehört zur Großgruppe der Tetanuren, der wichtigsten Gruppe der zweibeinigen Raubdinosaurier. Zu dieser Gruppe gehören so bekannte ausgestorbene Tiere wie Allosaurus, Tyrannosaurus oder Velociraptor, aber auch die heutigen Vögel. Bei dem neuen Fossil handelt es sich um das vollständigste Raubdinosaurierskelett, das aus der frühen mittleren Jurazeit (vor ca. 174-168 Mio. Jahre) weltweit bekannt ist. Erhalten sind ein fast vollständiger Schädel, die gesamte Wirbelsäule bis zum Becken, vollständige Arme sowie Teile der Beine. Das Tier war insgesamt etwa 8m lang.
„Wir fanden bei dem Fossil eine sehr ungewöhnliche Kombination von Skelettmerkmalen, die die bisher angenommenen Verwandtschaften zwischen den großen Gruppen der Tetanuren – Megalosaurier, Allo-saurier und Coelurosaurier – in Frage stellt“, zeigen sich Oliver Rauhut, Oberkonservator an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) und Koautor Diego Pol vom Museo Paleontológico Egidio Feruglio, Trelew, Argentinien von den Untersuchungsergebnissen überrascht. Asfaltoventor vialidadi zeigt diverse Skelettmerkmale, die ansonsten nur von unterschiedlichen anderen Raubsaurierarten bekannt waren.
Aufgrund der ungewöhnlichen Merkmalskombination von A. vialidadi wurden die Forscher neugierig und untersuchten und verglichen andere Tetanuren-Arten. Dabei fiel auf, dass zur Zeit der raschen Ausbreitung dieser Raubsaurier-Gruppe viele unterschiedliche Arten gleichzeitig sehr ähnliche Skelettmerkmale entwickelten.
Die fast explosionsartige Evolution der Gruppe bringt Rauhut mit einem großen Massenaussterben im späten unteren Jura (vor ca. 180 Mio. Jahre) in Verbindung. Die Forscher deuten die Parallelentwicklungen von äußeren Merkmalen als „Experimentieren“ der Evolution während der raschen Ausbreitung der Tetanuren. Durch das Aussterben von möglichen Konkurrenten standen den überlebenden Gruppen, wie es die Tetanuren hier offenbar waren, deutlich mehr Lebensräume zur Verfügung, die sie besiedeln konnten.
„Dieses Muster beobachten wir auch bei anderen Tiergruppen, die sich nach Aussterbeereignissen oft rasend schnell entfalten, wie etwa bei den Säugetieren oder den Vögeln nach dem Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreide-Zeit vor 66 Mio. Jahren“, so Rauhut. Dies kann erklären, warum Verwandtschaftsverhältnisse am Ursprung vieler Tiergruppen oft so schwer entschlüsselt werden können.
Originalpublikation:
Rauhut OWM & Pol D. Probable basal allosauroid from the early Middle Jurassic Cañadón Asfalto Formati-on of Argentina highlights phylogenetic uncertainty in tetanuran theropod dinosaurs. Scientific Reports
DOI: 10.1038/s41598-019-53672-7

11.12.2019, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Baumhöhlen für wilde Honigbienen
Die Wälder in Europa bieten Lebensraum für rund 80.000 Kolonien wilder Honigbienen. Darum solle verstärkt darauf geachtet werden, die Nistplätze für diese bedrohten Insekten zu erhalten, so das Fazit eines Forschungsteams.
Wildlebende Vertreter der westlichen Honigbiene Apis mellifera galten in Europa lange als ausgestorben. „Doch jüngere Feldarbeiten haben gezeigt, dass es die wilden Bienen in Wäldern noch gibt: Sie nisten dort hauptsächlich in Baumhöhlen“, sagt Dr. Fabrice Requier vom Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).
Beobachtet wurden die wilden Honigbienen bislang nur in Nordpolen und Deutschland (hier im Nationalpark Hainich in Thüringen und im Biosphärengebiet Schwäbische Alb). Forschungsgruppen aus Deutschland, Frankreich, Italien und der Tschechischen Republik haben sich nun unter Federführung der JMU die Frage gestellt, wo es in Europa weitere passende Lebensräume geben könnte.
Die vier Teams analysierten 106 Waldgebiete quer durch Europa auf das Vorkommen geeigneter Baumhöhlen. Und kamen zu dem Schluss, dass es in den europäischen Wäldern Nistplätze für schätzungsweise 80.000 Wildbienenkolonien gibt. Das berichten sie im Fachjournal Conservation Letters.
Wo es Hotspots für wilde Honigbienen gibt
Die Forscher haben auch die Hotspots identifiziert, an denen die wilden Honigbienen besonders viele Nistplätze finden. Das sind zum einen unbewirtschaftete Wälder, etwa in Nationalparkgebieten. Überraschenderweise gehören zu den Hotspots aber auch Wälder, in denen die Nistbäume nicht so dicht gesät sind, etwa die ausgedehnten Nadelwälder in Schweden und Finnland.
Das Fazit der Wissenschaftler: Es lohnt sich, auch in Wirtschaftswäldern die Erhaltung von Bäumen mit Nisthöhlen ins Forstmanagement einzubeziehen. Das sei ganz im Sinne der EU-Strategie, dem zunehmenden Verschwinden der Bienen und anderer bestäubender Insekten entgegenzuwirken.
Originalpublikation:
Contribution of European forests to safeguard wild honeybee populations. Requier, F., Paillet, Y., Laroche, F., Rutschmann, B., Zhang, J., Lombardi, F., Svoboda, F., Steffan-Dewenter, I., Conservation Letters, e12693, 28. November 2019, https://doi.org/10.1111/conl.12693

12.12.2019, Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
Slowakei: Brutsituation für Wasservögel an der Donau verbessert
Mehr Brutpaare – Vogelinsel umgestaltet – Zusammenarbeit von NABU, BirdLife Slowakei und DBU
Berlin/Bratislava. In einem Projekt des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) in Zusammenarbeit mit BirdLife Slowakei ist es gelungen, die auf Grund massiver Eingriffe an der Donau durch den Bau des Wasserkraftwerks Gabcikovo problematische Brutsituation von Schwarzkopf- und Lachmöwe sowie Flussschwalbe in diesem Teil der Slowakei deutlich zu verbessern. „Der Bestand der Schwarzkopfmöwe ist um 113 Prozent gestiegen, der der Lachmöwe um 28 Prozent und der der Flussschwalbe sogar um 151 Prozent. Außerdem haben wir die Flussinseln eindeutiger als Schutzgebiet gekennzeichnet. So kann illegalen Besuchen und Störungen vorgebeugt werden“, betonte Projektleiter Lars Lachmann vom NABU zum Abschluss des Projektes. Es wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit 70.000 Euro fachlich und finanziell gefördert.
Inseln bieten keine ausreichenden Bedingungen
Die Donau-Auen bei Bratislava in der Slowakei seien jahrzehntelang ein wichtiger Standort für das Überwintern und Brüten von Wasservögeln gewesen. Mit dem Bau des Wasserkraftwerks 1992 seien viele Brutplätze zerstört oder stark beeinträchtigt worden. Zwar sei als Ausgleichsmaßnahme für das Kraftwerk eine neun Hektar große Vogelinsel errichtet worden: „Aber auch bei der Durchführung dieser Ausgleichsmaßnahmen wurden die Empfehlungen von Umweltfachleuten nicht berücksichtigt. Die Vogelinsel bietet bis heute keine ausreichenden Bedingungen für das Brüten der Vögel an“, so Lachmann. Die Folge sei gewesen, dass sich die Vögel zunehmend auf „technischen Inseln“, Steinschüttungen, die zur Navigation in der Schifffahrt dienen, niedergelassen hätten. Sie stellten die einzige Brutmöglichkeit an diesem Abschnitt der Donau dar, seien aber gleichzeitig eine Gefahr für die Jungvögel, da sie häufig in Felsspalten fallen würden und darin umkämen.
Umgestaltung der Brutbereiche auf der Vogelinsel
Im Zuge des Projekts seien jetzt auf der Vogelinsel Brutbereiche, die für viele Wasservögel nicht geeignet gewesen seien, umgestaltet worden. So seien Gehölze fremder Arten entfernt worden, um offene Flächen für die Anlage von Brutkolonien zu schaffen. Das Auffüllen grober Steinschüttungen sorge besonders bei den Jungvögeln für mehr Sicherheit und schaffe Platz. Mit neuen Flachwasserbereichen und kleinen Tümpeln innerhalb der Insel sei der Lebensraum für die Möwen, Seeschwalben und anderen Vögel verbessert worden. Auf zwei „technischen Inseln“ seien zusätzlich neue Brutbereiche auf einer Fläche von 600 Quadratmetern errichtet worden. Die größeren Maßnahmen seien mit Baumaschinen, die kleineren von Freiwilligen per Hand, durchgeführt worden.
Anzahl der Brutpaare gestiegen – Projekt erfolgreich abgeschlossen
Die Insel sei systematisch zwischen 2016 und 2019 beobachtet, die brütenden Tiere seien regelmäßig gezählt – und der Erfolg der Maßnahmen sei bestätigt worden. Abschließend wurde ein Buch für Besucher der Gegend, Politiker und Lehrkräfte mit dem Titel „Die Vogelinsel in der Donau – Veränderung und Bedeutung“ veröffentlicht, das alle getroffenen Maßnahmen und Ergebnisse aufzeigt. „Das Projekt stellt ein sehr gutes Beispiel wirkungsvoller Zusammenarbeit eines Naturschutzverbandes mit der zuständigen Wasserbehörde dar und eröffnet dadurch Perspektiven für weitere erfolgreiche Naturschutzmaßnahmen in der Region“, so DBU-Generalsekretär Alexander Bonde.

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