Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

01.10.2019, Veterinärmedizinische Universität Wien
Wie Rehen das Winterfutter auf den Pansen schlägt
Eine soeben erschienene Studie der Vetmeduni Vienna zeigt, dass die Winterfütterung von Rehen eine deutliche Veränderung der Mikrobiota im Pansen der Wildwiederkäuer verursacht – mit potentiell negativen Auswirkungen auf deren Gesundheit.
Rehe (Capreolus capreolus) bevölkern weite Teile Europas und sind jahreszeitlich bedingt mit einem saisonal schwankenden Nahrungsmittelangebot konfrontiert. In einigen europäischen Ländern – darunter auch in Österreich – ist es deshalb üblich, Wildtiere im Winter zusätzlich zu füttern.
Wie sich die Verfügbarkeit von leicht verdaulichem, energiereichem Futter im Winter auf den Verdauungsapparat der Wildwiederkäuer auswirkt ist jedoch bislang nicht ausreichend verstanden. Dies ist besonders bei diesen Tierarten relevant, da heimische Wildwiederkäuer ausgeprägte jahreszeitliche Veränderungen von physiologischen Vorgängen, unter anderem auch im Verdauungsapparat während der kalten Jahreszeit aufweisen.
Das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, das Institut für Lebensmittelsicherheit, Lebensmitteltechnologie und öffentliches Gesundheitswesen der Vetmeduni Vienna zusammen mit dem Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU sind deshalb in einer gemeinsamen Forschungsarbeit der Frage nachgegangen, inwieweit die winterliche Nahrungsergänzung die bakterielle Zusammensetzung im Pansen beeinflusst. Zu diesem Zweck untersuchten die WissenschafterInnen die Zusammensetzung der Pansenbakterien von freilebenden weiblichen Rehen. Dabei wurden Tiere aus einem Gebiet mit zusätzlichen Fütterungsstellen mit solchen verglichen, die ausschließlich auf natürliches Futter angewiesen waren.
Signifikante Unterschiede der Pansen-Mikrobiota
Bei der Analyse der Daten zeigten sich deutliche Unterschiede, wie Stefanie Wetzels und Gabrielle Stalder, LetztautorInnen der Studie, erklären: „Die Ergebnisse unserer Studie lassen darauf schließen, dass die Versorgung von Rehen mit leicht fermentierbaren Ergänzungsfuttermitteln im Winter die bakterielle Population im Pansen von Rehen signifikant beeinflusst und ähnlich negative Veränderungen wie bei domestizierten Wiederkäuern hervorrufen kann.“ Die soeben im renommierten Fachjournal „Wildlife Biology“ veröffentlichte Studie liefert damit grundlegende Basisdaten zur Diversität und Zusammensetzung von Pansenmikrobiota bei europäischen Rehen, die einen Ausgangspunkt zum besseren Verständnis der Veränderungen der Pansenmikrobiota bilden.
Mögliche negative Auswirkung durch Winterfütterung
Im Detail zeigen die Ergebnisse einen deutlichen qualitativen Unterschied zwischen der Mikrobiota-Zusammensetzung der beiden untersuchten Populationen. Demnach fördert beispielsweise auch bei Rehen leicht fermentierbares Ergänzungsfuttermittel die Entwicklung von Bakterienstämmen, die bei Hauswiederkäuern zu Azidosezuständen – einer Störung des natürlichen Säure-Basen-Haushaltes – führen. „Die Veränderung der Pansen-Mikrobiota durch die Winterfütterung lässt eine negative Auswirkung auf den Gesundheitszustand von Rehen vermuten“, so Wetzels und Stalder weiter.
Laut den ForscherInnen sind weitere Studien wünschenswert, um negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Tiere näher abzuklären. Die im Rahmen der Studie festgestellte hohe Häufigkeit nicht klassifizierter Bakterienstämme zeigt außerdem, dass mehr Wissen über die Mikrobiota in Pansen von Wildwiederkäuern nötig ist.
Service:
Der Artikel „Impact of supplemental winter feeding on ruminal microbiota of roe deer (Capreolus capreolus)“ von Sara Ricci, Robin Sandfort, Beate Pinior, Evelyne Mann, Stefanie U. Wetzels und Gabrielle Stalder wurde in Wildlife Biology veröffentlicht.
https://bioone.org/journals/Wildlife-Biology/volume-2019/issue-1/wlb.00572/Impact-of-supplemental-winter-feeding-on-ruminal-microbiota-of-roe/10.2981/wlb.00572.full

02.10.2019, Universität Wien
Fossiler Fisch gibt neue Einsichten in die Evolution
„Experiment der Natur“ nach Massen-Artensterben der Kreidezeit
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Giuseppe Marramà vom Institut für Paläontologie der Universität Wien entdeckte einen neuen und ausgezeichnet erhaltenen fossilen Stachelrochen mit einer außergewöhnlichen Anatomie, die sich stark von modernen Arten unterscheidet. Der Fund liefert neue Erkenntnisse über die Evolution des Tieres, aber auch über die Erholung mariner Ökosysteme nach dem großen Massensterben vor 66 Millionen Jahren. Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Stachelrochen (Myliobatiformes) sind eine sehr diverse Gruppe von Knorpelfischen, zu denen auch die Haie gehören, die für ihre giftigen und gezähnelten Schwanzstacheln bekannt sind, die sie gegen andere Raubfische, vereinzelt auch gegen Menschen einsetzen. Die Fische haben eine abgerundete oder flügelartige Brustscheibe und einen langen, peitschenartigen Schwanz, der einen oder mehrere gezackte und giftige Stachel trägt.
Fossile Überreste von Stachelrochen sind sehr häufig, vor allem deren isolierte Zähne. Vollständige Skelette jedoch gibt es nur von wenigen ausgestorbenen Arten an einigen besonderen Fossilfundstellen. Unter diesen ist Monte Bolca im nordöstlichen Italien eine der bekanntesten. Bisher wurden dort mehr als 230 Arten von Fischen entdeckt, die vor etwa 50 Millionen Jahre im sogenannten Eozän in einer tropisch marinen Küstenumgebung in Verbindung mit Korallenriffen lebten, ähnlich dem heutigen Great Barrier Reef in Australien.
Der dort entdeckte fossile Stachelrochen hat einen flachen Körper und die Brustscheibe mit den Brustflossen ist eiförmig. Auffällig ist der extrem kurze Schwanz, der nicht wie bei den übrigen Stachelrochen verlängert ist und aus der Körperscheibe herausragt. Dieser Bauplan ist bislang von keinem anderen fossilen oder lebenden Stachelrochen bekannt. Da dieses Tier einzigartig und eigenartig ist, nannten die Forscher den neuen Stachelrochen Lessiniabatis aenigmatica, was „bizarrer Rochen aus Lessinia“ (die Region Italiens, in der sich Bolca befindet) bedeutet.
Mehr als 70 Prozent der Organismen auf der Erde wie Dinosaurier, Meeresreptilien, mehrere Säugetiergruppen, zahlreiche Vögel, Fische und Wirbellose verschwanden während des fünftgrößten Aussterbeevents in der Erdgeschichte, das vor etwa 66 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit stattfand. Die Zeit nach diesem Ereignis ist in den Weltmeeren durch die Entstehung und Diversifizierung neuer Arten und ganzer Gruppen sowohl von Knochen- als auch Knorpelfischen (Haie und Rochen) gekennzeichnet, die die freigewordenen ökologischen Nischen neu besetzten.
Dabei experimentierten die neuen Arten manchmal auch mit eigenwilligen Körperbauplänen und neuen ökologischen Strategien. „Aus dieser Perspektive ist die Entstehung eines neuen Körperbauplans bei einem 50 Millionen Jahre alten Stachelrochen wie Lessiniabatis aenigmatica besonders faszinierend, wenn man ihn im Kontext der zeitgleichen und umfangreichen Diversifizierung sowie Entstehung neuer anatomischer Merkmale innerhalb mehrerer Fischgruppen betrachtet. Lessiniabatis aenigmatica kann daher als ein kurzfristiges Experiment der Evolution in einer Zeit angesehen werden, als sich das Leben nach dem Aussterbeereignis am Ende der Kreidezeit langsam wieder erholte“, so Giuseppe Marramà.
Publikation in Scientific Reports:
Marramà G., Carnevale G., Giusberti L., Naylor G., Kriwet J. 2019. A bizarre Eocene dasyatoid batomorph (Elasmobranchii, Myliobatiformes) from the Bolca Lagerstätte (Italy) reveals a new, extinct body plan for stingrays. Scientific Reports.
doi: 10.1038/s41598-019-50544-y
Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41598-019-50544-y

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