Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

06.05.2019, NABU
NABU zum Welt-Artenbericht: Planetarer Notstand der Artenvielfalt – Merkel muss eingreifen
Der NABU fordert zur heutigen Veröffentlichung des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) zum globalen Zustand der Artenvielfalt, dass Staats- und Regierungschefs der Rettung der Artenvielfalt endlich Priorität einräumen. Laut Bericht drohen ansonsten in den nächsten Jahrzehnten bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten für immer von unserem Planeten zu verschwinden.
„Die Forscher liefern erdrückende Belege dafür, dass die Zerstörung der Ökosysteme unsere Wirtschaft und unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie die menschengemachte Überhitzung des Klimas. Angela Merkel lässt dabei ein machtloses Umweltministerium Lösungsvorschläge entwerfen, die anschließend von den Klöckners, Scheuers und Altmaiers der Regierung erfolgreich neutralisiert werden. Es ist einfach skandalös auf welch taube Ohren die Wissenschaft bei der Bundesregierung mit ihren Warnungen vor dem Kollaps der Natur stößt“, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke. „Beispiel Insektensterben: Zuerst werden Ausmaß und Ursachen geleugnet, dann das Problem relativiert und verdrängt. Und wenn das auch nicht mehr geht, schiebt man entschlossenes Handeln auf die lange Bank und begnügt sich mit Appellen und Symbolprojekten.“
150 führende Wissenschaftler aus 50 Staaten haben für den IPBES-Bericht drei Jahre lang nahezu 15.000 Studien ausgewertet. Als Haupttreiber für den Naturverlust benennt der Bericht gerade für Europa die sich verändernde Art der Landnutzung. Insbesondere der Verlust von natürlichen Lebensräumen und ihre Belastung durch Nährstoffeinträge und Pestizide lassen Schutzbemühungen häufig ins Leere laufen. Fehlgeleitete Subventionen bieten fatale Anreize für immer stärkere Intensivierung und die Monotonisierung von Feldern und Wäldern. Einzelne Erfolge bei der Ausweisung von Schutzgebieten werden durch mangelnde Finanzierung und ungenügendes Management zunichte gemacht, wichtige Vorgaben wie die EU-Wasserrahmenrichtlinie nicht ausreichend umgesetzt.
Der NABU sieht sich durch den IPBES-Bericht in seinen Forderungen nach einem grundlegenden Umbau der europäischen Agrarpolitik, einem EU-Naturschutzfonds in Höhe von 15 Milliarden Euro jährlich und der konsequenten Durchsetzung der bestehenden EU-Umweltbestimmungen im Bereich Natur-, Gewässer- und Meeresschutz bestätigt. Die Bundesregierung steht hier in der Verantwortung – und zunehmend in der Kritik. Deutschland drohen immer wieder Strafzahlungen wegen Nichteinhaltung des EU-Umweltrechts, aktuell etwa wegen der Nitrat- und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien. Hier gibt der wirtschaftlich stärkste EU-Staat ein denkbar schlechtes Beispiel in Europa und der Welt ab.
Förderungen aus öffentlichen Haushalten müssen sich künftig ausnahmslos am Prinzip der Umweltverträglichkeit ausrichten und zudem Anreize für eine nachhaltige Transformation bieten, so der NABU-Präsident. Nach einer aktuellen Untersuchung des Bundesamts für Naturschutz (BfN) werden jedes Jahr allein in Deutschland 22 Milliarden Euro Steuergelder naturschädlich ausgegeben. Rechnet man klimaschädliche Subventionen im Energiebereich dazu, sind es sogar 55 Milliarden Euro jährlich. Gleichzeitig beklagt die Bundesumweltministerin das Fehlen von fast einer Milliarde Euro im Jahr für die Naturschutzfinanzierung.
Der NABU kritisiert die Passivität der Bundeslandwirtschaftsministerin bei den Agrarverhandlungen in Brüssel scharf: „Julia Klöckner tritt auf die Bremse, wenn es darum geht, Betrieben attraktive finanzielle Anreize für den Naturschutz zu geben. Sie hält stattdessen an den umweltschädlichen und auch ökonomisch höchst fragwürdigen Flächenprämien per Gießkanne fest. Damit fährt sie Tausende Betriebe und die Natur gegen die Wand“, so Konstantin Kreiser, NABU-Leiter für Globale und EU-Naturschutzpolitik. Der NABU baut auf einen Neustart der Agrarverhandlungen nach der Europawahl – die er als Schicksalswahl für die Zukunft von Insekten und Vögeln ansieht.
(siehe auch hier)

06.05.2019, Universität zu Köln
Nahrungskette in Seen: Wasserfloh kann Fisch erschnüffeln und taucht zum Schutz ab ins Dunkle
Team um Eric von Elert hat Signalstoff in der Fisch-Kleinkrebs-Kommunikation entdeckt, der den Abbau von Algen erschwert
Wasserflöhe der Gattung Daphnia sichern ihr Überleben, indem sie auf einen Signalstoff des Fressfeindes Fisch mit einer Fluchtstrategie reagieren. Meike Anika Hahn aus der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Eric von Elert vom Institut für Zoologie der Universität zu Köln konnte diesen chemische Botenstoff, den der Fisch in das Wasser von Seen absondert, jetzt identifizieren. Wenn der Wasserfloh den Stoff „5α-Cyprinol Sulfat“ wahrnimmt – ein Salz aus der Galle von Fischen –, verlässt er die oberen Wasserschichten und wandert vertikal in die dunkleren Gefilde, wo er sich tagsüber aufhält und der Fisch ihn nicht sehen kann. Dieser Zusammenhang zwischen dem Signal des Jägers und dem Verhalten seiner Beute ist unter dem Titel „5α-cyprinol sulfate, a bile salt from fish, induces diel vertical migration in Daphnia“ in der Fachzeitschrift „eLife“ publiziert.
Eric von Elert macht deutlich, wo das Problem in dieser Fisch-Kleinkrebs-Kommunikation für die Gewässergesundheit liegt: „Der Wasserfloh ist ein wichtiges Glied im Ökosystem See, denn er ernährt sich hauptsächlich von den ständig nachwachsenden Mikroalgen. Für den See ist es daher entscheidend, dass die Daphnien an der Wasseroberfläche, ihrem natürlichen Lebensraum, bleiben und sich nicht tagsüber in der Tiefe aufhalten, wo sie gar keine Algen finden. Von daher ist es wichtig zu wissen, auf welches Signal genau der Wasserfloh hier reagiert.“ Daphnien wanderten täglich bis zu 60 Meter in der Wassersäule auf und ab.
Das Gallensalz ist lebenswichtig für den Stoffwechsel der Fische, weshalb sie evolutionsperspektivisch nicht aufhören können, den Stoff abzusondern. Nun, da man den Stoff kennt, lässt sich in Folgestudien auch untersuchen, ob eine hohe Konzentration von 5α-Cyprinol Sulfat tatsächlich immer nur auf Fische zurückzuführen ist. „Möglicherweise steckt der Stoff auch in verunreinigtem Wasser, das von Kläranlagen in Gewässer gegeben wird“, sagt Professor von Elert.
„In aquatischen Systemen wie dem See finden eine enorme Zahl an chemischen Reaktionen und Interaktionen statt, die es grundlagenwissenschaftlich zu begreifen gilt – insbesondere, wenn das eigentlich intakte System von außen gestört wird, kann das schwerwiegende Folgen haben. Ein Ziel wäre es durchaus, dass wir irgendwann bei dem Wissen sind, wie sich durch gezielte natürliche Beigaben das Gleichgewicht wiederherstellen ließe.“
Zur Publikation:
https://elifesciences.org/articles/44791

06.05.2019, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Bedrohter Stör lernt für die Fitness
Ein internationales Team unter Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) liefert in einer aktuellen Studie einen der ersten Nachweise für das komplexe Lernverhalten von Fischen. Der Baltische Stör gilt in Deutschland als ausgestorben. Das IGB koordiniert die Wiederansiedlung dieser Flussriesen und untersuchte, ob Störe durch Training ihre Fitness für die freie Wildbahn steigern können. Schon ein zweiwöchiger „Lernvorsprung“ machte die Nahrungssuche effizienter. Zudem konnte im Gehirn der trainierten Störe die vermehrte Bildung des Transkriptionsfaktors neurod1– einer wichtigen neuronalen Komponente des Lernens – nachgewiesen werden.
Störe gehören zu den am stärksten bedrohten Fischarten der Welt. Früher waren in den Nord- und Ostseezuflüssen Deutschlands zwei Arten dieser Wanderfische heimisch. Der Europäische Stör (Acipenser sturio) lebte in der Nordsee und den Einzugsgebieten der Elbe, der Baltische Stör (Acipenser oxyrinchus) besiedelte die Ostsee und die Einzugsgebiete der Oder. Das IGB erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen, um die beiden Arten wieder in Deutschland anzusiedeln. Dazu gehören auch Besatzmaßnahmen mit aufgezogenen Jungfischen. „Die höchste Sterberate von ausgewilderten Stören haben wir in den ersten Tagen in freier Wildbahn. Umso schneller die Tiere sich an die neuen Umweltbedingungen anpassen, desto höher ist die Überlebenschance. Mit unseren Untersuchungen wollen wir die Grundlagen schaffen, um die Tiere in der Aufzucht optimal vorzubereiten “, so beschreibt der IGB-Forscher und Studienleiter, Sven Würtz, den Hintergrund der Studie.
Bisher wenig zum Lernverhalten bei Fischen bekannt:
Im Vergleich zu Säugetieren ist die Bildung von Nervenzellen im Gehirn bei Fischen sehr dynamisch und bleibt zeitlebens aktiv. So können Fische sehr gut auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Bisher gibt es jedoch nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse zu den zugrundeliegenden physiologischen Prozessen des Lernverhaltens bei Fischen.
Wie ein Staubsauger nehmen Störe Kleinstlebewesen vom Gewässergrund auf:
In den Verhaltensstudien wurden die Störe in zwei Gruppen eingeteilt und in großen Fließrinnen mit Strömung gehalten. Störe ernähren sich in der Natur von Kleinstlebewesen wie Insektenlarven und Krebsen, die sie aus dem feinsandigen Gewässergrund aufsaugen. Die Tiere der Trainingsgruppe musste sich über zwei Wochen ihr Futter aus einer handgroßen Sandfläche in ihrem Aufzuchtbecken suchen, um die Nahrungsaufnahme unter naturähnlichen Bedingungen nachzuahmen. Die Gruppe ohne Training bekam die Insektenlarven auf dem blanken Rinnenboden vorgesetzt. Nach zwei Wochen mussten beide Gruppen ihre Beute in einer Fließrinne mit vollständig bedecktem Sandboden suchen, in dem das Futter vergraben war.
Das Fress-Training zeigte Wirkung:
Die trainierten Fische fanden die Nahrung doppelt so schnell wie ihre ungeübten Artgenossen und auch in der Gehirnstruktur zeigten sich Unterschiede. Neurod1 ist ein Transkriptionsfaktor, der bei der Neubildung von Nervenzellen vermehrt gebildet wird. Er dient als Indikator für die neuronale Komponente des Lernens. Die Genexpression von neurod1 war bei den trainierten Tieren deutlich höher als bei den untrainierten. Die komplizierte Futtersuche bewirkte bei den Tieren also, dass ihr Gehirn aktiver war und die Lernerfahrungen verarbeitet hat. „Die Ergebnisse sind aus wissenschaftlicher Sicht bedeutend, denn es gibt bisher nur wenige Beweise für das komplexe Lernverhalten von Fischen. Aus Sicht des Artenschutzes sind die Ergebnisse ebenfalls sehr wichtig. Wir können auf Basis der Ergebnisse die Aufzuchtbedingungen für unsere Störe weiter optimieren“, resümiert Jörn Gessner, Mitautor der Studie und Koordinator des Wiederansiedlungsprogramms.
Originalpublikation:
Maria Cámara-Ruiz; Carlos Espirito Santo; Joern Gessner; Sven Wuertz
How to improve foraging efficiency for restocking measures of juvenile Baltic sturgeon (Acipenser oxyrinchus)
Aquaculture. – 502(2019), S. 12-17

09.05.2019, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Eine Würdigung des „deutschen Darwins“
Biologiedidaktiker der Universität Jena geben Sonderband über Ernst Haeckel mit heraus
„Ernst Haeckel (1834-1919): The German Darwin and his impact on modern biology“, so ist eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Theory in Biosciences“ überschrieben, die gerade veröffentlicht wurde. In 13 Beiträgen würdigen die Autorinnen und Autoren Leben und Werk Ernst Haeckels, des „deutschen Darwins“, der in Jena lebte und forschte. Die Herausgeber des „Special-Issue“ sind Prof. Dr. Uwe Hoßfeld und PD Dr. Georgy S. Levit von der Universität Jena sowie der Kasseler Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera.
„Unsere Forschungsergebnisse etwa zu Haeckels Rezeption in Russland werden hier erstmals publiziert“, sagt Georgy S. Levit. Sein Kollege Uwe Hoßfeld ergänzt, Ernst Haeckel friste heute ein regelrechtes Schattendasein, weil seine wichtigsten wissenschaftlichen Werke nie ins Englische übertragen wurden: „Haeckels ,Generelle Morphologie‘ ist bis heute nicht übersetzt worden.“ Dabei seien manche Ergebnisse Haeckels höher einzustufen als Darwins, so Hoßfeld. Doch spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde davon kaum noch Notiz genommen. „Nach dem Krieg wurde Englisch weltweit zur führenden Wissenschaftssprache, das Deutsche geriet ins Hintertreffen“, sagt Levit. Erschwerend sei bei Haeckel hinzugekommen, dass sowohl von den Nazis wie auch von Marxisten versucht wurde, seine Ideen zu vereinnahmen. Außerdem passte Haeckels Weltanschauung nicht ins Bild: Der Jenaer Gelehrte war 1904 in Rom zum „Gegenpapst“ ausgerufen worden.
Haeckel erreichte zeitweise mehr Menschen als Darwin
In dem Haeckel-Sonderheft geht es um den theoretischen Nachlass des Jenaer Gelehrten und sein Wirken in verschiedenen Kulturen. Es kommen Autoren aus Kanada, den USA, Deutschland und Russland zu Wort. So haben Hoßfeld, Levit und Ko-Autoren die Haeckel-Rezeption in Russland, der Sowjetunion oder bspw. Schweden erforscht und zudem untersucht, welche Spuren Haeckels Ideen in Lehrbüchern in den USA und der DDR hinterlassen haben.
Es gehe keineswegs um eine Rehabilitierung Ernst Haeckels, betonen Hoßfeld und Levit. Gleichwohl sei es an der Zeit, dem „deutschen Darwin“ seinen gebührenden Platz in der Wissenschaftsgeschichte einzuräumen. Der in Chicago lehrende Wissenschaftshistoriker Robert J. Richards habe jüngst in einem Aufsatz nachgewiesen, dass am Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts mehr Menschen durch Ernst Haeckel von der Evolutionstheorie erfuhren als durch Charles Darwin. Eine mögliche Erklärung für diesen Befund sieht Uwe Hoßfeld darin, dass Haeckel viele gemeinverständliche Werke publizierte und Darwinismus zu einer Weltanschauung zu konvertieren versuchte und zuweilen durchaus kontrovers Stellung bezog: „Haeckel war kein Gelehrter im Elfenbeinturm!“
Die Haeckel-Sonderausgabe in „Theory in Biosciences“ soll ihren Teil dazu beitragen, das Bild Ernst Haeckels gerade zu rücken.
Originalpublikation:
Ernst Haeckel (1834-1919): The German Darwin and his impact on modern biology, https://doi.org/10.1007/s12064-019-00276-4 in „Theory in Biosciences“

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