02.11.2026, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Wie der Mensch das Verhalten von Fischen beeinflusst und warum das für den Artenschutz wichtig ist
Fische sind mehr als nur stille Schwimmer im Wasser. Sie zeigen komplexe Verhaltensweisen und unterscheiden sich in ihrem Verhalten voneinander. Zwei aktuelle Übersichtsartikel in den Fachzeitschriften „Trends in Ecology & Evolution“ und „Fish and Fisheries“, an denen Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) mitgewirkt haben, untersuchen, wie der Mensch die Vielfalt des Fischverhaltens beeinflusst und wie ein angepasstes Gewässermanagement dazu beitragen kann, diese Vielfalt zu erhalten.
Fische machen etwa die Hälfte aller Wirbeltierarten aus und zeigen eine beeindruckende Vielfalt an Verhaltensweisen innerhalb von Populationen, zwischen Populationen derselben Art sowie zwischen Populationen, die in verschiedenen Ökosystemen leben.
Wer hätte beispielsweise gedacht: Obwohl Amazonenkärpflinge als Klone der Mutter genetisch identisch sind, unterscheiden sich einzelne Fische systematisch in ihrem Verhalten voneinander, selbst wenn sie unter identischen Bedingungen aufgezogen wurden. Das gilt auch schon für Jungfische. Tatsächlich gibt es bei allen bislang untersuchten Fischarten eine hohe innerartliche Verhaltensvielfalt – schüchterne und mutigere, soziale und weniger soziale Tiere. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang von Verhaltenstypen.
Die Verhaltensvielfalt von Fischen entsteht wie bei anderen Tieren auch durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören der innere Zustand des Tieres – beispielsweise der Ernährungszustand –, seine genetische Ausstattung, seine Fähigkeit, das eigene Verhalten flexibel anzupassen, sowie die äußeren Bedingungen, denen es ausgesetzt ist. Der Mensch kann die Verhaltensvielfalt systematisch verändern.
Der Mensch verändert das Fischverhalten:
Robert Arlinghaus, Professor für Integratives Fischereimanagement am IGB und an der Humboldt-Universität zu Berlin, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Verhalten von Süßwasserfischen. Er war an den beiden Artikeln beteiligt, die einen Überblick darüber geben, wie menschliche Aktivitäten das Verhalten von Fischen beeinflussen und wie der Mensch einen Selektionsdruck ausübt, der sich von natürlichen Faktoren unterscheidet.
Robert Arlinghaus erklärt: „Zu den menschlichen Einflüssen auf das Fischverhalten zählen beispielsweise die Veränderung und Störung von Lebensräumen, Wanderbarrieren, Verschmutzung und Vermüllung, die Ausbreitung invasiver Arten, eine merkmalsselektive Fischerei, aus der Aquakultur entflohene Tiere sowie klimabedingte Verschiebungen ökologischer Prozesse. Diese sogenannten anthropogenen Faktoren können Aktivität und Bewegung, Fortpflanzungsverhalten, Reaktionen auf Raubtiere, Aggression, Sozialverhalten, Kognition und Lernen direkt oder indirekt beeinflussen.“
Die Fischerei selektiert mutige, aggressive und schwimmfreudige Fische aus:
Ein Beispiel hierfür ist die durch die Fischerei verursachte Selektion bestimmter Verhaltensmerkmale. Frühere Untersuchungen des IGB haben gezeigt, dass beim Angeln vor allem die mutigen und schwimmaktiven Karpfen und Hechte aus den Populationen entfernt werden. In stark befischten Gewässern kann Schüchternheit daher ein evolutionärer Vorteil sein und sich über Generationen hinweg etablieren. „Das bedeutet jedoch auch, dass Fische in stark befischten Gebieten nicht mehr so aktiv umherschwimmen. Dies kann die Verteilung der Fische, die Beziehungen zwischen Raub- und Beutetieren sowie die Konkurrenzverhältnisse verändern“, sagt Robert Arlinghaus. Auch Fischaufstiegsanlagen an Wasserkraftwerken können bestimmte Verhaltensweisen selektieren, wie beispielsweise die Fähigkeit zum Sprint, und so zu Verhaltensunterschieden zwischen den Teilpopulationen oberhalb und unterhalb von Wehren führen.
Verschiedene Arten von Umweltverschmutzung verändern das Verhalten systematisch:
Schwedische Forschende haben bei verschiedenen Fischarten nachgewiesen, dass Umweltverschmutzung deren Verhalten unter natürlichen Bedingungen in Flüssen und Seen beeinflusst. So zeigten Guppys, die einer umweltrealistischen Konzentration eines beim Menschen angstlösenden pharmazeutischen Schadstoffs ausgesetzt waren, ein vereinheitlichtes Aktivitätsniveau. Dabei sanken die individuellen Schwankungen der Bewegungsfreude auf weniger als die Hälfte des Wertes, der bei nicht exponierten Fischen beobachtet wurde. Barsche und Lachse, die Arzneimittelrückständen ausgesetzt waren, schwammen aktiver in Seen bzw. in Flüssen umher, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit erhöhte, von einem Raubfisch gefressen zu werden.
Künstliches Licht in der Nacht ist ein Beispiel für eine nicht stoffliche Verschmutzung von Gewässern. Es kann ebenfalls die Wechselbeziehungen zwischen Arten neu ordnen. So sammeln sich beispielsweise kleine wirbellose Tiere in beleuchteten Gewässerbereichen, was wiederum das Fressverhalten und die Lebensraumwahl von Fischen verändert.
Ein anderes Beispiel sind genetische Einflüsse durch entflohene Zuchtlachse aus Netzgehegen in norwegischen Fjorden. Lachse kehren zum Laichen in ihre Geburtsflüsse zurück. Dieses lokal angepasste Verhalten kann durch Kreuzungen mit aus Netzgehegen ausgebrochenen domestizierten Zuchtlachsen verloren gehen.
Rückkopplung des Zustands eines Ökosystems auf die Verhaltensvielfalt:
Ob die Vielfalt von Verhaltensweisen erhalten bleibt, hängt auch vom Zustand des jeweiligen Ökosystems ab. „In abwechslungsreichen und ökologisch anspruchsvollen Lebensräumen ist die Verhaltensvielfalt oft besonders groß, da sich die Individuen auf unterschiedliche Ressourcen oder Strategien spezialisieren“, sagt Robert Arlinghaus. Umgekehrt kann Verhaltensvielfalt zur Stabilität und Resilienz der Artengemeinschaften beitragen, da sie Populationen vor lokalen Störungen schützt – sowohl innerhalb einer Art als auch zwischen verschiedenen Arten.
Auch die Fischerei profitiert von Verhaltensvielfalt:
Insbesondere für die Fischerei ist die Verhaltensvielfalt wichtig. So wurde bei pazifischen Lachsen gezeigt, dass unterschiedliche Teilpopulationen in verschiedenen Flüssen verschiedene Laichzeitpunkte und Wanderdistanzen haben. Fällt die Reproduktion eines Bestands in einem Fluss witterungsbedingt aus, kann dies durch die Reproduktion in einem Nachbarfluss ausgeglichen werden. Die Existenz verschiedener Wanderungsmuster innerhalb des Kollektivs aller Lachsbestände stabilisiert somit die Fischereierträge in einer Region. Ein weiteres Beispiel ist der Kabeljau in Island: In der Vergangenheit stützten die eher standorttreuen Küstenfische und die stärker wandernden Hochseebestände verschiedene Fischereiflotten. Durch die selektive Entnahme der Küstenbestände wurden die entsprechenden Teilpopulationen ausgedünnt, wodurch die Küstenfischerei insgesamt unter Druck geriet.
Berücksichtigung der Verhaltensvielfalt von Fischen im Artenschutz:
Die Forschenden empfehlen, das Verhalten und vor allem die Verhaltensvielfalt im Artenschutz stärker zu berücksichtigen. Sie ist ein Reservoir für Anpassungen an Umweltveränderungen und stärkt somit die Resilienz. Dies betrifft beispielsweise die Muster der Futtersuche, der Habitatwahl und der Fortpflanzung. Robert Arlinghaus betont: „Wir appellieren, die Verhaltensvielfalt als Aspekt der biologischen Vielfalt anzuerkennen und beim Schutz von Arten und Beständen zu berücksichtigen.“
Dies kann durch angepasste Managementmaßnahmen geschehen. Ein Beispiel ist das sogenannte Entnahmefenster für die Fischerei, das nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Fische schont. Diese sind nicht nur besonders wichtig für die Fortpflanzung, sondern zeigen häufig auch ein besonders mutiges Verhalten. Es wäre vorzuziehen, die Fischerei auf größere Gebiete zu verteilen, statt sie auf einzelne Orte zu konzentrieren. Vielfältig gestaltete Lebensräume sorgen zudem für Verhaltensvielfalt. In der Fischzucht ist das Anbieten variabler Aufzuchtbedingungen die Garantie dafür, dass Satzfische, die ausgewildert werden sollen, unterschiedliches Verhalten zeigen.
Wie die Autorinnen und Autoren hervorheben, ist die Beurteilung von Verhaltensvielfalt herausfordernd. Ein Grund dafür ist, dass sich das Verhalten von Fischen dynamisch entwickelt und nicht anhand einer einzelnen Momentaufnahme beurteilt werden kann. Moderne Methoden wie die Biotelemetrie bieten jedoch vielversprechende Ansätze, um Rückschlüsse auf das Verhalten von Fischen in freier Wildbahn zu ziehen und darauf aufbauend kluge Entscheidungen im Fischereimanagement und im Artenschutz zu treffen.
Originalpublikation:
Ivan Jarić et al.: Behavioral diversity knowledge shortfall in biodiversity conservation. Trends in Ecology & Evolution, 2026, ISSN 0169-5347, https://doi.org/10.1016/j.tree.2026.09.002
Marie Prchalová et al.: Behavioural Diversity of Fishes: Concepts, Drivers and Its Role in Conservation and Management. Fish and Fisheries. – 27(2026)6, 1245-1268. https://doi.org/10.1111/faf.70107
02.11.2026, Universität Wien
Uhren von Tiefseemuscheln ticken im Tag-Nachtrhythmus
Erstmals gezüchtete Zellkulturen von Tiefseemuscheln zeigen: Selbst dort, wo weder Sonnen- noch Mondlicht hinreicht, steuert eine 24-Stunden-Uhr die Zellen.
Hydrothermalquellen in der Tiefsee liegen in ewiger Dunkelheit, dennoch folgen die Zellen der dort lebenden Muschel Bathymodiolus azoricus im Labor einem 24-Stunden-Rhythmus. Forschende der Universität Wien und der Partnerinstitutionen IFREMER in Frankreich, der Universität Oldenburg und des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Deutschland züchteten Zellkulturen aus diesen Tiefseemuscheln, die nun zelluläre und molekulare Einblicke in die Mechanismen der biologischen Zeitgebung in der Tiefsee ermöglichen. Die Studie erschien im Journal EMBO Reports. Sie zeigt, dass die Zeitgebung der Muscheln, die in einer von Gezeiten geprägten Umwelt leben, auf denselben Genen beruhen kann wie die 24-Stunden-Uhr, die auch Landlebewesen steuert.
Leben im Takt der Gezeiten
Die Tiefseemuschel Bathymodiolus azoricus prägt in 1.700 Metern Tiefe das Ökosystem der Hydrothermalquellen. Ihre Lebensbedingungen sind für Menschen extrem: Die Muscheln besiedeln den Meeresboden rund um die Schlote dieser Quellen und müssen hohem Druck sowie heißer, schwermetallreicher Flüssigkeit standhalten. Diese Flüssigkeit entsteht, wenn Meerwasser in den Meeresboden eindringt, durch darunterliegende Gesteine fließt und als hydrothermale Flüssigkeit wieder ins Meer austritt. Die Fließrichtung dieser hydrothermalen Flüssigkeit ändert sich mit den Gezeiten. Vermutlich zeigen die Muscheln an den Hydrothermalquellen deshalb Gezeitenrhythmen in ihrem Verhalten und ihrer molekularen Biologie. Wie Organismen ohne Gehirn diese Rhythmen generieren, war bisher unklar.
Weltweit einzigartig: Tiefseezellen im Kühlschrank
Dem Team gelang es erstmals, Zellkulturen aus Muscheln anzulegen, die bisher über drei Jahre lang im Labor erhalten werden konnten. Audrey Mat, Erstautorin der Studie und Initiatorin der Experimente, erklärt: „Während Zellen im Labor üblicherweise bei 25 bis 37 °C gedeihen, wachsen unsere Muschelzellen im Kühlschrank bei Tiefseetemperaturen heran. Dieser technische Fortschritt ist weltweit einzigartig und ermöglicht neue Einblicke in die Biologie dieser Tiere.“
Aus Gezeiten wird ein Tagesrhythmus
Im Labor änderte sich der vorrangige Rhythmus der Muscheln: Statt des Gezeitenrhythmus von 12,4 Stunden zeigen sie überwiegend circadiane Rhythmen von etwa 24 Stunden in den isolierten Zellen. Das deutet auf eine erhebliche Flexibilität der inneren Uhr hin.
Tiefseemuscheln besitzen die zentralen Gene der circadianen Uhr, die auch bei Fliegen und Menschen vorkommen – aber mit spezifischen Modifikationen. Diese könnten es ermöglichen, zwischen circatidaler (12,4 Stunden) und circadianer (24 Stunden) Zeitgebung umzuschalten, vermutlich über Änderungen in der Expression des Uhr-Gens mit dem Namen „period“.
Relevanz für den Schutz der Tiefsee
Die Tiefsee zählt zu den am wenigsten erforschten Ökosystemen der Erde. Sie steht unter erheblichem Druck durch menschliche Ausbeutung, beispielsweise durch den bevorstehenden Tiefseebergbau. „Dass diese Ökosysteme mechanistisch hochkomplex sind und Zeitgebungssysteme besitzen, die ebenso ausgefeilt sind wie jene an der Oberfläche, unterstreicht ihre Schutzwürdigkeit. An Land wissen wir, dass menschliche Eingriffe wie Licht oder Vibrationen zirkadiane Uhren stören. Tiefsee-Uhren sind sehr wahrscheinlich ebenso anfällig – mit erheblichen Folgen für Organismen und Ökosysteme.“, so Kristin Tessmar-Raible und Marjolaine Matabos, die gemeinsamen Koordinatorinnen der Studie.
Originalpublikation:
Mat AM, Scaramuzza F, Ćorić A, Klopp Ch, Matabos M, Tessmar-Raible K. Endogenous rhythms in deep-sea mussel cell culture and molecular clock characterization. In press. EMBO Reports.
DOI: 10.1038/s44319-026-00970-7
03.11.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Wo der Mensch ist, sind auch Wildtiere – aber nicht unbedingt zur selben Zeit
Menschen verändern die Lebensräume von Wildtieren grundlegend. Für Prädatoren, also Beutegreifer wie Wolf und Fuchs, kann der Mensch dabei gleichzeitig Quelle für Risiko und Ressourcen sein: Menschliche Aktivitäten vertreiben Wölfe, Füchse und Dachse; zugleich bieten menschlich geprägte Landschaften Nahrung und Schutz vor größeren Prädatoren. Wie große Beutegreifer ihre Lebensräume besetzen und miteinander teilen, untersuchten Forschende in einem Waldgebiet im Norden Polens. Die Ergebnisse zeigen: Wildtiere nutzen dieselbe Landschaft wie Menschen trotz deren Anwesenheit, sind dort aber zu unterschiedlichen Tageszeiten aktiv.
Die Studie wurde von Forschenden des Mammal Research Institute, Polish Academy of Sciences (MRI PAS), Białowieża, der Doñana Biological Station (EBD-CSIC), Sevilla, und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) durchgeführt.
Der vom Menschen verursachte globale Wandel hat ein beispielloses Ausmaß und eine nie dagewesene Intensität erreicht. Durch intensive Landnutzung und den damit einhergehenden Verlust von Arten verändern wir nachhaltig Lebensräume und Lebensgemeinschaften von Wildtieren. „Wie schaffen es Beutegreifer, sich in stark vom Menschen geprägten Landschaften zurechtzufinden und ihre Nische zu finden? Genau diese Frage hat uns interessiert“, sagt Kathi Kasper, Doktorandin am MRI PAS, EBD-CSIC und dem Leibniz-IZW und Autorin der Studie. Menschen agieren ebenfalls raubtierähnlich; sie stellen durch Jagd und Verkehrsstrukturen ein erhebliches Risiko für Wildtiere dar, schaffen aber auch neue Nahrungsressourcen für Wildtiere in Form von Abfall und manchmal auch Nutztierhaltung. Ähnliche Dynamiken gibt es auch zwischen den Wildtieren selbst: Wölfe können für kleinere Fleischfresser wie Fuchs und Dachs Gefahr bedeuten, gleichzeitig bieten von Wölfen zurückgelassene Kadaver Nahrungsquellen für andere Beutegreifer und Aasfresser.
Koexistenz zwischen Menschen und Raubtieren auf mehreren Ebenen
Forschende des MRI PAS und des Leibniz-IZW untersuchten die Wildtierpopulationen im Tuchola-Wald im Norden Polens, einem rund 3.400 Quadratkilometer großen Waldgebiet, in dem Wölfe nach über einem Jahrhundert der Abwesenheit die Landschaft nun wieder dicht besiedeln. Mithilfe systematisch aufgestellter Kamerafallen erfassten die Forschenden die Habitatnutzung von Wölfen (Canis lupus), Rotfüchsen (Vulpes vulpes), Dachsen (Meles meles) und Mardern (Martes spp.). Dabei erfassten die Kameras auch menschliche Aktivitäten, Beutevorkommen sowie freilaufende Hauskatzen.
Die Auswertung der Kamerafallendaten erfolgte auf zwei räumlichen Ebenen. Auf der größeren Landschaftsebene untersuchten die Forschenden, welche Faktoren das Vorkommen der verschiedenen Arten bestimmen. Auf der kleineren Ebene lag der Fokus darauf, wie die Tiere innerhalb dieser Landschaften ihre Aktivitäten und die Raumnutzung aneinander anpassen. Denn genau dieser Vergleich liefert einen entscheidenden Hinweis darauf, wie Koexistenz, also das Zusammenleben, zwischen Nahrungskonkurrenten und Fressfeinden funktionieren kann.
„Wenn wir verstehen wollen, wie Wildtiere mit Menschen und miteinander auskommen, müssen wir genau hinschauen, auf welcher räumlichen Ebene wir deren Vorkommen messen. Auf der Ebene der gesamten Landschaft können Wölfe durchaus mit Menschen zusammen vorkommen. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich auch am selben Ort und zur selben Zeit begegnen“, erklärt Dries P. J. Kuijper vom MRI PAS.
Nicht unbedingt räumliche Trennung, sondern zeitliches Ausweichen
Auf der großräumigen Ebene zeigt sich, dass Faktoren wie Straßenverkehr und menschliche Tagesaktivitäten für das Vorkommen der Wölfe primär entscheidend sind. Wölfe meiden den Menschen so gut wie möglich und besiedeln zunächst Gebiete, die die größte räumliche Distanz zu menschlichen Siedlungen bieten. Innerhalb der von ihnen genutzten Landschaft und auf einer kleinräumigeren Ebene priorisieren sie dann aber das Auffinden von Beute und das Vermeiden menschlicher Nähe ist nicht mehr der wichtigste Faktor für ihre räumliche Aktivität. Menschlich geprägte Landschaftsteile wie Straßen oder die Nähe zu Siedlungen werden jedoch vor allem nachts bzw. zu Zeiten genutzt, in denen das Risiko einer Begegnung mit Menschen am geringsten ist.
Bei kleineren Beutegreifern fanden die Forschenden kaum Hinweise darauf, dass Wölfe oder Menschen ihr Vorkommen beeinträchtigten. Füchse, Dachse und Marder nutzen vom Menschen geprägten Lebensräumen opportunistisch. Besonders auffällig war, dass sie eine ähnliche Nische besetzen wie freilaufende Hauskatzen.
Für den Schutz und das Management von Wildtieren bedeutet dies, dass Beobachtungen nicht auf einen einzigen räumlichen Maßstab reduziert werden sollten. Erst die Verbindung von Landschaftsebene und lokalen, zeitlichen Verhaltensmustern macht sichtbar, wie Wildtiere ihre Lebensräume unter den Bedingungen einer vom Menschen geprägten Umwelt aufteilen. Je enger verschiedene Arten denselben Lebensraum teilen, desto wichtiger wird für sie die tageszeitliche Trennung. Diese zeitliche Flexibilität kann auch die Konkurrenz zwischen verschiedenen Beutegreifern entschärfen.
Originalpublikation:
Kasper K, Kramer-Schadt S, Say-Sallaz E, Kirsch AJ, Gehrke M, Szafrańska PA, Churski M, Szewczyk M, Kuijper DPJ, Planillo A (2026): Who’s afraid of the big bad human? Multi-scale niche partitioning among wolves and mesocarnivores in a human-dominated landscape. Diversity and Distributions, 32, e70257. DOI: 10.1111/ddi.70257.
03.11.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Noch keine Nachteule: Außergewöhnliches Vogelfossil aus der Grube Messel beschrieben
Ein außergewöhnlich gut erhaltenes, rund 47 Millionen Jahre altes Eulenfossil aus dem UNESCO-Welterbe Grube Messel liefert neue Hinweise darauf, wann Eulen nachtaktiv wurden. Die neu beschriebene Art Masillastrix blattophaga war vermutlich noch tagaktiv – darauf deuten eine schillernde Schabe in ihrem Magen sowie die Struktur ihrer Federn und des Flügelskeletts hin. Das Senckenberg-Forschungsteam vermutet in seiner nun im Fachjournal „Current Biology“ veröffentlichten Studie, dass Eulen erst gegen Ende des Eozäns, vor etwa 47 bis 34 Millionen Jahren, zu nachtaktiven Jägern wurden.
Wenn es dunkel wird, beginnt für die meisten Eulen der Tag. Mit ihrem außergewöhnlich guten Gehör spüren sie ihre Beute selbst bei schwachem Licht auf und gleiten dank ihrer besonderen Flügel nahezu lautlos durch die Nacht.
„Wann sich in der Entwicklungsgeschichte der Eulen der Wechsel von einer tagaktiven zu einer nachtaktiven Lebensweise vollzog, ist bisher unklar“, erklärt Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Das liegt auch daran, dass zwar recht viele fossile Eulen bekannt sind, meist aber nur einzelne Knochen erhalten geblieben sind.“
Anders ist es bei dem Fossil, das während der Grabungssaison 2025 in der hessischen Fossillagerstätte und UNESCO-Welterbe Grube Messel geborgen und nun von dem Frankfurter Ornithologen und seinen Kolleg*innen als Masillastrix blattophaga neu beschrieben wurde. „Bis auf den Schädel ist das Skelett des Vogels vollständig und außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Mayr. „Es handelt sich um eine etwa 12 Zentimeter große Eule aus dem mittleren Eozän, die vor rund 47 Millionen Jahren lebte. Es ist erst die zweite bekannte Eulenart aus Messel, deren Fundort damals ein See inmitten eines dichten Waldes war.“
Der Erhaltungszustand des Eulenfossils ist einzigartig: Flügel- und Schwanzfedern sind überliefert und im Bereich des Magens fanden die Forschenden die Überreste eines grünlich-blau schillernden Insekts – offenbar die letzte Mahlzeit des Vogels. „Die Form und Struktur der Flügelreste – unter anderem ihre kräftigen Längsadern und zahlreichen Queradern – zeigen, dass es sich bei dem Insekt um eine fossile Schabe handelt“, erläutert Messel-Grabungsleiterin Dr. Sonja Wedmann vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fügt hinzu: „Nur einige Meter vom Eulenfossil entfernt haben wir in der gleichen Grabungsstelle eine sehr ähnliche, allerdings wesentlich besser erhaltene Schabe gefunden. Sie bestätigt, dass die grünlich-bläulich schillernden Reste im Magen der Eule tatsächlich von Schabenflügeln stammen.“
Bei Schaben und anderen Insekten entstanden schillernde Flügel im Zusammenhang einer tagaktiven Lebensweise. „Damit liefert die Schabe im Magen der kleinen Eule einen wichtigen Hinweis auf deren eigene Aktivitätszeit“, schlussfolgert Mayr. Und nicht nur das verschlungene Insekt spricht gegen eine Nachtaktivität der neu entdeckten Messel-Eule: Auch bei ihren Schwungfedern fehlen die typischen Merkmale heutiger nachtaktiver Eulen. „Zudem ist der Oberarmknochen der fossilen Eule deutlich kräftiger als bei heutigen Eulen. Das deutet darauf hin, dass ihre Flügel noch nicht so lang und auf den lautlosen Flug spezialisiert waren“, fügt Mayr hinzu.
Wann Eulen im Laufe ihrer Evolution von einer tagaktiven zu einer nachtaktiven Lebensweise wechselten, lässt sich anhand der Fossilien nur schwer bestimmen. Die Form des Oberarmknochens liefert jedoch einen wichtigen Hinweis: Die älteste Eule mit den für heutige Eulen typischen Oberarm-Proportionen lebte vor etwa 35 Millionen Jahren in Frankreich. Demnach entwickelte sich die Nachtaktivität vermutlich zwischen dem mittleren und späten Eozän, also vor etwa 47 bis 34 Millionen Jahren, so das Forschungsteam.
„Der Fund der neuen Eulenart zeigt eindrucksvoll, was die Grube Messel so einzigartig macht: Ihre außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen bewahren selbst feinste Details wie Federn und Mageninhalt über 47 Millionen Jahre. So können wir heute nicht nur sehen, wie der Vogel aussah, sondern auch nachvollziehen, wie er lebte und den Zeitraum eingrenzen, in dem die Eulen ihre nächtliche Lebensweise entwickelten“, schließt Wedmann.
Originalpublikation:
Gerald Mayr, Lucia Šmídová, Adrian Richter, Sonja Wedmann (2026): Evidence for diurnal habits in an exceptionally preserved Eocene owl, Current Biology. https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.09.079
04.11.2026, Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen
Mit der gepunkteten Laternenträgerzikade erreicht ein gefährlicher Quarantäneschadorganismus Europa
Das Auftreten der Zikadenart Lycorma delicatula ist meldepflichtig und das Schadinsekt muss in der Europäischen Union, also auch in Deutschland, bekämpft werden.
Im Sommer 2026 wurde erstmals in Europa, konkret in Ungarn, eine kleine Population der gepunkteten Laternenträgerzikade an Weinreben nachgewiesen. Da dabei bereits alle Entwicklungsstadien vorgefunden wurden, gehen die Behörden davon aus, dass die Einschleppung des meldepflichtigen Quarantäneschaderregers mindestens ein oder sogar mehrere Jahre zurückliegt.
„Angesichts dieses Fundes und der Entdeckung eines weiteren lebenden Insekts in einem in Belgien angelandeten Flugzeug, ist das Risiko einer Verschleppung der Art nach Deutschland deutlich gestiegen“, sagt Dr. Stephanie Feltgen vom Julius Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig. Die Einschleppung könne durch den Import von Wirtspflanzen, Pflanzenteilen sowie Rundholz, Holzprodukten und verarbeiteten Holzmaterialien erfolgen, erklärt die Expertin für Quarantäne-Schadinsekten am JKI.
Besonders leicht zu übersehen seien auch die Eigelege der Zikade, die abgestorbenem Holz aber auch anderweitigen künstlichen, vorzugsweise glatten Oberflächen anhaften können. Darunter fallen auch Transportgüter und Fahrzeuge. „Der rege Fernverkehr auf Europas Straßen erhöht somit die Wahrscheinlichkeit einer Einschleppung und kann zur raschen Ausbreitung der gepunktete Laternenträgerzikade beitragen“, warnt die Forscherin vom Julius Kühn-Institut in Braunschweig.
Risikostandorte für eine Einschleppung wären daher Fabriken und Industrieanlagen, die Lieferungen aus Gebieten erhalten, in denen der Schädling bereits vorkommt. Erfolgt eine Einschleppung des bisher nicht heimischen Schadinsekts, wären hinsichtlich der Ausbreitung in Deutschland vor allem wärmere Tieflagen mit Weinbau, städtische Räume und verkehrsnahe Korridore am stärksten gefährdet, da in diesen Gebieten zum einen der Götterbaum als bevorzugte Wirtspflanze häufig vorkommt und zusätzliche Wirtspflanzen wie Wein, Walnuss und Obstbäume vorhanden sind.
Herkunft und Biologie des Insekts
Die gepunktete Laternenträgerzikade Lycorma delicatula ist eine aus Südasien (China, Indien und Vietnam) stammende invasive Zikadenart, welche ein breites Wirtspflanzenspektrum aufweist und durch Massenvermehrung ein hohes Schadpotenzial birgt. Dies ist bereits eindrücklich durch Einschleppungen nach Südkorea (2004), Japan (2008) und in die USA (2014) belegt. Anders als andere Schadinsekten ist die Zikade auffällig gefärbt und die namensgebenden Punkte auf den Flügeldecken sind auch für Laien gut zu erkennen.
Die Art saugt am Saftstrom der Pflanzen und scheidet dabei Honigtau aus. Schäden werden vor allem durch die Saugtätigkeit der Nymphen (Larven) und erwachsener Insekten am Stamm sowie an Ast- und Blattbereichen der Wirtspflanzen verursacht. Diese Saugtätigkeit behindert das Pflanzenwachstum, lässt die Pflanzen welken und betroffene Pflanzenteile absterben. Darüber hinaus fördert der Honigtau die Entwicklung oberflächlich wachsender Rußtaupilze. Diese Pilz-Verschmutzung der Blätter beeinträchtigt die Photosynthese und damit das Wachstum der Pflanzen zusätzlich.
Massenvermehrung unter klimatisch förderlichen Bedingungen
Hohe Schäden werden vor allem durch Massenvermehrungen der Zikaden verursacht. Diese ist abhängig vom vorherrschenden Klima, den verfügbaren Wirtspflanzenarten und dem möglichen Vorkommen natürlicher Gegenspieler. „Europa im Allgemeinen und auch Deutschland im Speziellen werden als klimatisch passend eingestuft“, erklärt JKI-Forscherin Feltgen. Ebenso kämen in Deutschland viele der möglichen Wirtspflanzen vor, wie Obstbäume, Rebstöcke, Zierbäume und andere Gehölze.
Wichtige Wirtspflanzen sind Weinreben (Vitis vinifera), Walnuss (Juglans regia), Ahornarten (Acer spp.), Robinie (Robinia pseudoacacia), Weidenarten (Salix spp.) sowie Apfel- (Malus domestica), Steinobstgewächse (Prunus spp.) und im Besonderen der Götterbaum (Ailanthus altissima), welcher der bevorzugte Wirt ist und in Deutschland vor allem in urbanen Bereichen und entlang von Verkehrswegen verbreitet ist.
Der auch für Deutschland zu erwartende einjährige Entwicklungszyklus des Insektes würde ebenfalls entscheidend zur Massenvermehrung beitragen. Die mobilen Nymphen schlüpfen im Frühjahr, adulte geflügelte Zikaden sind im Sommer zu finden. Die Überwinterung erfolgt im Ei-Stadium. Die Eier werden in Gruppen von 30 bis 50 Stück abgelegt und häufig durch die Weibchen mit einem wachsartigen Überzug versehen, welcher die Eigelege tarnt und zusätzlich vor Trockenheit und Kälte schützt.
Was tun, bei Insektenfunden?
Bürgerinnen und Bürger, die die auffällige Zikadenart entdecken, sollten das Insekt einfangen ggf. fotografieren und sich an ihren zuständigen Pflanzenschutzdienst im Bundesland wenden. Eine Liste der Ansprechpersonen findet sich hier: https://pflanzengesundheit.julius-kuehn.de/ansprechpartner . Gerne können sie auch an pflanzengesundheit@julius-kuehn.de mailen.
04.11.2026, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
Verspätet gestartete Zugvögel beeilen sich auf ihrer Wanderung
Im Jahreszyklus von Zugvögeln gibt es starke zeitliche Kopplungen. Das hat ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Oldenburg in einer groß angelegten Studie mit Daten von mehr als 2.000 Individuen aufgedeckt. Die Forschenden berichten in der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution, dass es interessante Muster bei den Wanderzeiten gibt: Vögel, die etwa im Überwinterungsgebiet verspätet starten, kommen auch später im Brutgebiet an und brechen im Herbst ebenfalls mit Verzögerung auf. Die Erkenntnisse könnten dabei helfen, Zugvögel besser zu schützen, deren Bestände weltweit stark abnehmen.
Nach der Ankunft der Mauersegler kann man fast die Uhr stellen: Jedes Jahr tauchen sie pünktlich am 1. Mai in Mitteleuropa auf, und am 1. August sind sie wieder verschwunden. So zumindest die Legende – in Wirklichkeit treffen im Frühjahr nicht alle Tiere gleichzeitig in den Brutgebieten ein, und auch im Herbst fliegen manche Mauersegler etwas später als andere in die Überwinterungsgebiete. Wie die verschiedenen Ereignisse im Jahreszyklus von Zugvögeln generell zusammenhängen, hat nun ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Oldenburg untersucht.
Die Forschenden unter Leitung von Dr. Vojtěch Brlík von der Karlsuniversität in Prag (Tschechien) berichten in der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution, dass die Wanderzeiten im Jahresverlauf zusammenhängen: Vögel, die im Überwinterungsgebiet verspätet starten, kommen auch später im Brutgebiet an und brechen im Herbst ebenfalls mit Verzögerung auf. „Es gibt starke zeitliche Kopplungen bei den Wanderzeiten der Zugvögel“, erklärt Hauptautor Brlík. Es sei wichtig, diese Zusammenhänge besser zu verstehen, um Zugvögel gezielter zu schützen, deren Bestände weltweit stark abnehmen.
Die Forschenden trugen für die Studie Flugdaten von 2.324 Individuen zusammen, die zu 83 unterschiedlichen kleinen Zugvogelarten auf sechs Kontinenten gehörten. Die meisten dieser Vögel waren mit sogenannten Helldunkelgeolokatoren ausgestattet, um ihre Wanderrouten und -zeiten aufzuzeichnen. Diese weniger als ein Gramm schweren Messgeräte registrieren die Lichtstärke und sind mit einer Uhr ausgestattet. Daraus lässt sich die Position des Vogels zu einem bestimmten Zeitpunkt ermitteln. „Geolokatoren übertragen keine Daten. Daher müssen wir Forschenden ein Individuum, das wir mit so einem Gerät ausgestattet haben, nach einem Jahr erneut fangen, um die Daten aus dem Gerät auszulesen“, erklärt Brlík.
Prof. Dr. Heiko Schmaljohann vom Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Oldenburg berichtet: „Um einen einzigen Datensatz zu gewinnen, muss man viele Stunden Feldarbeit investieren.“ Der Migrationsökologe war gemeinsam mit Prof. Dr. Miriam Liedvogel, Professorin für Ornithologie an der Universität Oldenburg und Direktorin des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven, sowie Dr. Wieland Heim, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften, an der Studie beteiligt. Die drei Oldenburger Forschenden trugen unter anderem Flugdaten von Mönchsgrasmücken in Europa, Steinschmätzern in Alaska und Rubinkehlchen in Sibirien zu der Studie bei.
Der umfangreiche Datensatz machte es erstmals möglich, nach allgemeinen zeitlichen Mustern im Jahreszyklus des Vogelzugs zu suchen. Die Analyse zeigte, dass zeitliche Kopplungen weit verbreitet sind. „Dass ein Ereignis zeitlich mit einem anderen zusammenhängt, sehen wir sowohl bei Individuen innerhalb einer Population als auch bei verschiedenen Populationen der gleichen Art und bei verschiedenen Arten“, erklärt Brlìk. Die Forschenden fanden beispielsweise heraus, dass Vögel, die im Frühjahr oder Herbst verspätet zu ihrer Wanderung aufbrachen, einen Teil dieser Verspätung wieder aufholten: Im Durchschnitt konnten Tiere, die mit einer zehntägigen Verspätung im Herbst losflogen, sechs Tage wettmachen. Im Frühjahr war es ähnlich. So kamen sie allerdings immer noch nach den pünktlich gestarteten Artgenossen an – was mögliche Nachteile bei der Suche nach den besten Brutplätzen oder Nahrungsgründen mit sich bringt.
Ein weiteres Ergebnis: Die Forschenden stellten fest, dass zwischen dem Zeitpunkt der Ankunft im Überwinterungsgebiet und dem Abflug im nächsten Frühjahr kein zeitlicher Zusammenhang besteht. In den Überwinterungsgebieten verbrachten Zugvögel den größten Teil des Jahres, im Schnitt 161 Tage. „Unsere Daten zeigen, dass es dort gewissermaßen einen zeitlichen Neustart gibt“, erklärt Heim. Dafür könnten unterschiedliche Mechanismen verantwortlich sein, so der Forscher. Lokale Bedingungen wie Nahrungsverfügbarkeit, Wetter, die Konkurrenz zu anderen Zugvögeln oder ein Wechsel zwischen unterschiedlichen Überwinterungsgebieten könnten für den Abflug im Frühjahr eine größere Rolle spielen als die Ankunft einige Monate zuvor.
Weitere Faktoren, die die Stärke der zeitlichen Kopplungen beeinflussten, waren etwa die Zugdistanz, das Geschlecht, oder das Körpergewicht der Tiere. Angesichts der rasch abnehmenden Zugvogelbestände weltweit halten es die Forschenden für unerlässlich, zu ermitteln, wie sich Störungen des jährlichen Wanderzyklus auf die Fitness der Zugvögel auswirken. Schmaljohann betont: „Um die Tiere zu schützen, müssen wir herausfinden, ob lokale Störungen möglicherweise das Überleben von Zugvögeln an weit entfernten Orten beeinträchtigen.“
Originalpublikation:
Vojtěch Brlík et al.: „Temporal links in avian migration schedules across the annual cycle”, Nature Ecology and Evolution, DOI: 10.1038/s41559-026-03208-w
05.11.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Wissenschaftler entdecken neue Brüllaffenarten im Amazonas-Regenwald
Ein internationales Forscherteam hat mittels Genanalysen zwei bisher unbekannte Brüllaffenarten im Amazonas-Regenwald entdeckt. Die Studie zeigt einmal mehr, dass der größte Tropenwald der Welt eine noch größere Artenvielfalt aufweist, als bisher angenommen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden nun in der Fachzeitschrift Communications Biology.
Forschende der Universität Salford analysierten für ihre Studie die Genome von 11 Brüllaffenarten aus Süd- und Mittelamerika in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, darunter SNSB Zoologin Anneke van Heteren. Sie fanden darunter überraschend gleich zwei neue Arten: den Pantepui-Brüllaffen Alouatta iroi im nördlichen Amazonasgebiet Brasiliens, Guyanas und Venezuelas, sowie den Mato-Grosso-Brüllaffen Alouatta matogrossensis im brasilianischen Amazonasgebiet, südlich des Unterlaufs des Amazonas. Das Forscherteam kombinierte seine Genomanalysen mit morphologischen Daten von Sammlungsexemplaren, unter anderem aus der Zoologischen Abteilung der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Ergebnis ist die Rekonstruktion der bislang umfassendsten Evolutionsgeschichte der ausschließlich in Mittel- und Südamerika heimischen Brüllaffen.
Die Ergebnisse kommen 85 Jahre nach der Beschreibung der letzten Brüllaffenart im Jahr 1941. Die Studie ist ein wichtiger Baustein für das Verständnis, wie sich diese Primatengattung entwickelt und in der Amazonas-Region ausgebreitet hat. Die Forschenden fanden heraus, dass große Flüsse wie der Amazonas sowie der Rio Branco und der Rio Xingu seit Millionen von Jahren als natürliche Barrieren fungieren. Sie verhindern, dass sich Populationen vermischen, und sich stattdessen unterschiedliche Arten entwickeln. Diese geografischen Barrieren haben maßgeblich zur Entfaltung der enormen Artenvielfalt beigetragen, die heute im gesamten Amazonasbecken zu beobachten ist.
Die Forschenden fanden auch Hinweise, dass mehrere der untersuchten Populationen einem akuten Aussterberisiko ausgesetzt sind, darunter auch die beiden neu erkannten Arten. Insbesondere die großflächige Vernichtung von Regenwald zur Gewinnung von Ackerland nimmt den Tieren ihren nötigen Lebensraum.
Jean Boubli, Professor für Primatenökologie und -evolution an der Universität Salford und einer der Hauptautoren, sagt: „Diese Entdeckung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, da zunehmende Entwaldung, Klimawandel und Lebensraumverlust viele amazonische Arten bedrohen, noch bevor sie von der Wissenschaft vollständig erforscht oder gar entdeckt wurden. Wir hoffen, dass diese Erkenntnisse Naturschutzorganisationen dabei helfen werden, die am stärksten gefährdeten Populationen zu identifizieren und Schutzmaßnahmen im gesamten Amazonasbecken zu priorisieren.“
Romina Batista, ebenfalls von der Universität Salford, sagt: „Unsere Studie zeigt, dass der Amazonas noch immer bemerkenswerte biologische Geheimnisse birgt, selbst bei relativ bekannten Tieren wie den Primaten – darunter die beiden Brüllaffenarten. Seit 2000 wurden 26 neue Arten entdeckt. Diese Erkenntnisse sind besonders wichtig, da viele dieser Populationen einem zunehmenden Druck durch Lebensraumverlust und Umweltveränderungen ausgesetzt sind. Das Verständnis der verschiedenen existierenden Arten ist der erste Schritt zu ihrem Schutz.“
Co-Autorin Anneke van Heteren von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns sagt: „Unsere Arbeit belegt einmal mehr, wie wichtig große wissenschaftliche Sammlungen sind, um den aktuellen Zustand des Lebens auf unserem Planeten beurteilen zu können. Das Leben auf der Erde verändert sich stetig – Sammlungen helfen diese Veränderungen zu entdecken und zu verstehen. Auch Neuentdeckungen wie hier die beiden Brüllaffenarten lassen sich nur durch den Vergleich mit bereits bekannten Arten sicher erkennen.”
Originalpublikation:
Batista, R., Semedo, T.B.F., Beck, R.M.D. et al. Genome-wide analyses reveal recent diversification and hidden diversity in Amazonian howler monkeys, including two new species. Commun Biol (2026). https://doi.org/10.1038/s42003-026-11187-8
05.11.2026, NABU
Störche in Eis und Schnee
Der NABU ruft wieder zum Melden von Störchen auf, die nicht in den Süden gezogen sind
Wo gibt es Winterstörche? Der NABU ruft wieder bis zum 31. Januar zum Melden von Weißstörchen auf, die im Winter bei uns bleiben und nicht in den Süden ziehen. Jeder kann bei diesem Citizen-Science-Projekt mitmachen und helfen, Weißstörche besser kennenzulernen.
„Wir beobachten schon seit mehr als 20 Jahren, dass sich das Zugverhalten ändert“, sagt Bernd Petri von der NABU-Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz, „Viele der Vögel, die das Mittelmeer früher westlich umflogen, bleiben inzwischen in Spanien, statt weiter nach Afrika zu fliegen. Dort finden sie auf Reisfeldern und den großen Mülldeponien genug Nahrung.“ Auch in Deutschland werden vermehrt zwischen November und Januar „Winterstörche“ beobachtet. In der vergangenen Wintersaison gab es bundesweit fast 1.200 Störche Meldungen. Gebrütet haben in Deutschland in diesem Jahr 16.500 Storchenpaare.
Bisher betrifft das stark veränderte Zugverhalten nur die westziehenden Störche. Die „Ostzieher“, also die Vögel, die über den Bosporus nach Afrika fliegen, treten immer noch ihre weite Reise an. Das sich ändernde Verhalten der Westzieher hat für die Vögel Vorteile. Sie ersparen sich den kräftezehrenden Zug. Da sie so früher in den Brutgebieten sind, können sie die besten Neststandorte besetzen Petri: „Möglich macht das die Klimaerwärmung. In milderen Wintern finden Weißstörche als Nahrungsopportunisten auch bei uns genug Mäuse, Würmer, kleine Fische und Abfall auf offenen Mülldeponien.“ Denn Weißstörche ziehen vor allem wegen der Nahrungsknappheit im europäischen Winter. Kalt wird es den Störchen bei uns nicht. Petri: „Sie haben einen natürlichen Daunenmantel, der Wärme wesentlich besser speichern kann als das Gefieder kleiner Singvögel wie Meise und Spatz – und die überwintern schließlich auch bei uns.“
Mehr Infos und Winterstörche melden: https://NABU-naturgucker.de/weissstorch
06.11.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Vorwärts geht’s – zurück kaum: Was Schlupfwespen über Evolution verraten
Charles Darwin war von der parasitischen Lebensweise bestimmter Schlupfwespen irritiert. Heute helfen diese Insekten, eine grundlegende Frage der Evolutionsbiologie zu beantworten: Warum entstehen manche Anpassungen immer wieder, während eine Rückkehr zu früheren Lebensweisen kaum stattfindet? Eine neue internationale Studie an 697 Schlupfwespenarten unter Leitung des Museums für Naturkunde Berlin liefert überraschende Antworten.
Die Natur kennt Fortpflanzungsstrategien, die auf den ersten Blick grausam erscheinen: Schlupfwespen legen ihre Eier auf oder in lebende Tiere, etwa Raupen, Käfer oder Spinnen. Die schlüpfenden Larven ernähren sich von ihren Wirten, wachsen in oder auf ihnen heran und töten sie schließlich. Diese besondere Lebensweise faszinierte bereits Charles Darwin. In einem Brief aus dem Jahr 1860 an den amerikanischen Botaniker Asa Gray fragte er sich, wie ein wohlwollender Gott Lebewesen erschaffen haben könne, die sich „im Inneren lebender Raupenkörper“ ernähren. Diese Überlegung machte die Schlupfwespen später zu einem bekannten Beispiel für Darwins Zweifel an einer einfachen Erklärung der Natur durch göttliche Absicht. Die hier untersuchte Familie der Schlupfwespen, die Ichneumonidae, umfasst mehr als 25.000 wissenschaftlich beschriebene Arten.
Doch Schlupfwespe ist nicht gleich Schlupfwespe. Manche Arten lähmen ihre Wirte dauerhaft, bevor sie ihre Eier ablegen. So steht den später schlüpfenden Larven eine unbewegliche Nahrungsquelle zur Verfügung. Andere Arten verfolgen eine andere Strategie: Ihre Wirte bleiben am Leben, fressen und wachsen weiter, während sich die Wespenlarven in ihnen entwickeln. Diese unterschiedlichen Lebensweisen bieten Forschenden die Möglichkeit, eine grundlegende Frage der Evolutionsbiologie zu untersuchen: Wie häufig entstehen ähnliche Anpassungen unabhängig voneinander – und wie leicht kann die Evolution eine einmal eingeschlagene Richtung wieder verlassen?
Mindestens 23 unabhängige Übergänge – aber keine Rückkehr
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Museums für Naturkunde Berlin hat die Evolutionsgeschichte dieser Fortpflanzungsstrategien rekonstruiert. Dafür analysierten die Forschenden genetische Daten von 697 Schlupfwespenarten, die alle großen Abstammungslinien der Familie repräsentieren.
Die Ergebnisse zeigen ein bemerkenswertes Muster: Der Übergang von einer dauerhaften Lähmung der Wirte zu einer Strategie, bei der diese am Leben bleiben und sich weiterentwickeln können, vollzog sich mindestens 23-mal unabhängig voneinander. Hinweise darauf, dass eine dieser Entwicklungslinien anschließend zur ursprünglichen Strategie zurückkehrte, fanden die Forschenden nicht. Auch die Entwicklung der Larven im Inneren statt außerhalb des Wirts entstand wiederholt im Laufe der Evolution, wurde jedoch nur selten rückgängig gemacht.
„Die Evolution hält sich nicht unbedingt alle Möglichkeiten offen“, erklärt Bernardo F. Santos, Erstautor der Studie und Forscher am Zentrum für Integrative Biodiversitätsentdeckung am Museum für Naturkunde Berlin. „Wenn eine Abstammungslinie der Wespen erst einmal eine enge Beziehung zu einem lebenden, sich weiterentwickelnden Wirt eingegangen ist, scheint es äußerst schwierig zu sein, zur ursprünglichen Strategie zurückzukehren. Das ist vergleichbar mit einer evolutionären Rutsche: Man kann sich vorwärtsbewegen, aber der Weg zurück wird nahezu unmöglich.“
Wenn die Evolutionsgeschichte Grenzen setzt
Die in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlichte Studie zeigt, dass Evolution zugleich wiederholbar und richtungsgebunden sein kann. Verschiedene Abstammungslinien entwickelten unabhängig voneinander ähnliche Lösungen, kehrten jedoch fast nie zu ihrer früheren Lebensweise zurück.
Damit liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, dass Evolution nicht allein durch Zufall und natürliche Selektion geprägt wird. Auch die Entwicklungsgeschichte eines Organismus beeinflusst, welche Veränderungen möglich sind und welche Wege sich später nur schwer wieder verlassen lassen. Evolution ist demnach kein Prozess, bei dem sämtliche Möglichkeiten jederzeit offenstehen. Vielmehr können bestimmte Anpassungen neue Bedingungen schaffen, die spätere Entwicklungsschritte beeinflussen und eine Rückkehr zu früheren Lebensweisen erschweren. Die Schlupfwespen zeigen damit, dass evolutionäre Veränderungen zwar wiederholt zu ähnlichen Ergebnissen führen können, die Wege dorthin aber nicht beliebig umkehrbar sind.
Originalpublikation:
https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(26)01415-6

