Selektion am GSDMC-Locus bei Pferden und deren Auswirkungen auf die menschliche Mobilität
„Selection at the GSDMC locus in horses and its implications for human mobility“
Xuexue Liu, Yaozhen Jia, Jianfei Pan, Yanli Zhang, Ying Gong, Xintong Wang, Yuehui Ma, Nadir Alvarez, Lin Jiang und Ludovic Orlando.
Veröffentlicht am 28. August 2025 in Science, Band 389, S. 925–930.
Die Studie zeichnet eine plausible genetische Abfolge der Pferdedomestikation nach: Zunächst wurden offenbar besser beherrschbare Tiere bevorzugt, erst anschließend setzte eine außerordentlich starke Auswahl auf einen für Körperbau und Bewegungsleistung bedeutsamen Genombereich ein.
Am Gen ZFPM1, das bei Mäusen unter anderem das Angstverhalten beeinflusst, wird vor ungefähr 5.000 Jahren positive Selektion erkennbar. Das deutet darauf hin, dass eine geringere Reaktivität beziehungsweise bessere Führbarkeit zu den frühesten Zuchtzielen gehörte.
Etwa 4.750 Jahre vor heute begann dann eine besonders starke Selektion am GSDMC-Locus. Die begünstigten Regulationsvarianten waren ungefähr 4.150 Jahre vor heute bereits sehr häufig – genau in jener Phase, in der sich die Abstammungslinie moderner Hauspferde rasch über Eurasien ausbreitete. PubMed
Die Forscher untersuchten eine zeitlich gestaffelte Serie alter und moderner Pferdegenome. An 266 genetischen Markern, die mit wichtigen Merkmalen in Verbindung stehen, suchten sie nach Veränderungen der Allelhäufigkeit und nach Selektionssignaturen. Für die vertiefte Merkmalszuordnung wurden 71 Pferde unterschiedlicher Zeitstellung und Herkunft ausgewertet; neun Genbereiche zeigten besonders starke Hinweise auf Selektion. sciencenews.org
Die Bedeutung von GSDMC wurde auf mehreren Ebenen geprüft:
Bei Pferden hängen Varianten in dieser Region mit den Körperproportionen zusammen.
Beim Menschen ist der Bereich mit Wirbelsäulen- und Rückenbeschwerden assoziiert.
Mäuse, bei denen das entsprechende Gen experimentell ausgeschaltet wurde, entwickelten geradere Wirbelsäulen, stärkere Vordergliedmaßen und veränderte Bewegungsleistungen.
Träger der begünstigten Pferdevariante hatten rechnerisch ungefähr 20 Prozent mehr Nachkommen – eine außergewöhnlich starke Selektionswirkung. sciencenews.org
Die Ergebnisse sprechen dafür, die Entstehung des Reitpferdes nicht als bloße Folge einer kulturellen Erfindung wie Zaumzeug oder Reittechnik zu betrachten. Frühe Züchter veränderten offenbar auch den Körper des Pferdes: Rückenform, Proportionen, Koordination und Muskelkraft könnten gemeinsam seine Belastbarkeit und schnelle Fortbewegung verbessert haben.
Die Arbeit liefert einen möglichen biologischen Mechanismus für jenen Wandel, der aus gehaltenen Pferden leistungsfähige Transport- und Reittiere machte. Für spätere Rassengeschichte bedeutet dies zugleich: Wesentliche Merkmale des reitfähigen Grundtyps entstanden lange vor den neuzeitlichen Pferderassen und wurden von diesen als gemeinsames genetisches Erbe übernommen.
Das älteste Maultier im westlichen Mittelmeerraum. Der Fall der frühen Eisenzeit in Hort d’en Grimau
„The oldest mule in the western Mediterranean. The case of the Early Iron Age in Hort d’en Grimau (Penedès, Barcelona, Spain)”
Autoren: Silvia Albizuri, Jordi Nadal, María Martín Cuervo, Aurora Grandal-D’Anglade, Ludovic Orlando, Antoine Fages, Oriol Mercadal, Josep Mestres, Jordi Farré und F. Javier López Cachero
Erschienen: Februar 2026 in Journal of Archaeological Science: Reports, Band 69, Artikel 105506
Die untersuchte Stute aus Hort d’en Grimau im heutigen Katalonien war genetisch eindeutig ein Maultier, also die nahezu immer unfruchtbare Nachkommin eines Eselhengstes und einer Pferdestute. Ihre Datierung in die Zeit zwischen der Mitte des 8. und der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. macht sie zum ältesten genetisch bestätigten Maultier des westlichen Mittelmeerraums und Kontinentaleuropas. ScienceDirect
Der Fund zeigt, dass die technisch anspruchsvolle Kreuzung von Pferd und Esel auf der Iberischen Halbinsel bereits während der frühen Eisenzeit bekannt war – mehrere Jahrhunderte vor der römischen Zeit, mit der systematische Maultierzucht dort gewöhnlich verbunden wird.
Quellen- und Datengrundlage
Ausgangspunkt war ein 1986 ausgegrabenes, fast vollständiges Equidenskelett mit 93 erhaltenen Skelettelementen. Es lag in einem ehemaligen Vorratssilo über den teilweise verbrannten Überresten einer etwa 20- bis 25-jährigen Frau.
Die Universität Barcelona bestätigt, dass genetische Identifizierung, Radiokarbondatierung, Pathologie und stabile Isotope gemeinsam ausgewertet wurden.
Maultiere bilden wegen ihrer Sterilität keine fortlaufende Abstammungslinie oder „Rasse“. Gerade deshalb ist der Fund historisch so aussagekräftig: Jedes Maultier musste neu und absichtlich aus zwei getrennt gehaltenen Equidenarten erzeugt werden. Seine Existenz belegt daher nicht nur die Anwesenheit von Pferden und Eseln, sondern auch spezialisiertes Zuchtwissen, kontrollierte Paarung, gezielte Fütterung und einen konkreten Bedarf an leistungsfähigen Transporttieren.
Möglicherweise gelangten Esel und das nötige Kreuzungswissen über phönizische Netzwerke nach Nordostiberien. Noch lässt sich jedoch nicht entscheiden, ob das Tier vor Ort gezüchtet oder bereits als Maultier eingeführt wurde. Diese Ungewissheit benennen die Autoren ausdrücklich. ScienceDirect


