Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

21.09.2026, Universität Bayreuth
Familienleben bei Käfern kann Klimafolgen abfedern
Der Klimawandel ist eine der komplexesten Herausforderungen unserer Zeit und stellt auch für diverse Tiergruppen eine große Belastung dar. Inwiefern soziale Interaktionen zwischen Familienmitgliedern Umweltbelastungen abfedern können, hat ein Forschungsteam der Universität Bayreuth anhand der Totengräber-Käfer untersucht. Über ihre Erkenntnisse berichten sie im renommierten Fachjournal Functional Ecology der British Ecological Society.
What for?
Der Klimawandel führt zu einem Anstieg der globalen Temperaturen sowie einer Häufung von Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Kälteeinbrüchen, Überschwemmungen oder Dürren. Diese Veränderungen üben erheblichen Druck auf biologische Systeme aus und können Verhaltensmuster ändern sowie die Fruchtbarkeit, den Fortpflanzungserfolg oder das Überleben der Nachkommen beeinträchtigen. Bereits bekannt ist, dass insbesondere elterliche Fürsorge bei Tieren die Leistungsfähigkeit der Nachkommen gegenüber Stressfaktoren wie extremen Temperaturen abfedert. In der Bayreuther Studie haben die Forschenden nun untersucht, ob auch die Interaktionen unter Geschwistern dabei helfen, klimabedingte Herausforderungen zu bewältigen. Solche Erkenntnisse können dazu beitragen, besser vorherzusagen, welche Arten durch den Klimawandel besonders gefährdet sind und welche Strategien beim Überleben helfen können.
Lange Zeit galt elterliche Fürsorge als wesentlicher evolutionärer Faktor für die Bildung von Familiengruppen im Tierreich. Eine wachsende Zahl von Studien unterstreicht inzwischen jedoch die positiven Auswirkungen von Geschwisterinteraktionen auf die Entwicklung der Nachkommen. „Das lenkt das wissenschaftliche Interesse verstärkt auf die Kooperation unter Geschwistern als frühen Faktor in der Evolution von Sozial- und Familienleben“, sagt Paul Huber, Doktorand am Lehrstuhl für Evolutionäre Tierökologie der Universität Bayreuth und Erstautor der Studie. Aus heutiger Sicht besonders interessant ist, wie die Interaktion unter verschiedenen Familienmitgliedern dazu in der Lage ist, sogenannte abiotische Stressoren wie Temperatur oder Wasserverfügbarkeit abzumildern. „Wir wollten herausfinden, ob die Geschwisterinteraktion abiotischen Stress ähnlich abmildert wie elterliche Fürsorge, ob die Geschwisterinteraktion möglicherweise synergistisch zusammen mit der elterlichen Fürsorge wirkt oder ob sie unter bestimmten Bedingungen ihre positive Wirkung verliert“, so Huber.
In ihrer Studie haben die Forschenden Totengräberkäfer der Art Nicrophorus vespilloides untersucht. „Dieser Käfer ist ein hervorragender Modellorganismus für die Untersuchung sozialer Interaktionen, da elterliche Brutpflege auftreten kann, die Larven allerdings die Pflege nicht zwangsläufig für ihr Überleben benötigen. Gleichzeitig gibt es Kooperation unter den Nachkommen“, sagt Prof. Dr. Sandra Steiger, Inhaberin des Lehrstuhls Evolutionäre Tierökologie der Universität Bayreuth.
Für ihre Untersuchungen haben die Forschenden zunächst die Temperatur variiert, um Kältestress bzw. Hitzewellen zu simulieren. In einem zweiten Versuch hat das Forschungsteam die Bodenfeuchtigkeit verringert und erhöht. Dabei wurden in beiden Set-ups die Larven entweder in Anwesenheit ihrer Geschwister und Eltern aufgezogen, nur in Anwesenheit von Geschwistern oder einzeln und damit isoliert von Geschwistern oder Eltern. Im Anschluss haben die Forschenden Wachstum und Überleben bis zur Verpuppung der Larven beobachtet.
Im Ergebnis verbesserte die elterliche Brutpflege das Wachstum und das Überleben des Nachwuchses durchweg. Obwohl auch Interaktionen zwischen Geschwistern Vorteile brachten, waren diese deutlich weniger konsistent und stark von den spezifischen Umweltbedingungen und dem sozialen Umfeld abhängig: „Negative Auswirkungen niedriger Temperaturen konnten im Experiment durch die gemeinsame Interaktion zwischen Geschwistern und elterlicher Fürsorge abgepuffert werden. Bei hohen Temperaturen kehrt sich dieser Effekt jedoch um. Dann ist die gleichzeitige Anwesenheit von Geschwistern und Eltern eher nachteilig“, sagt Steiger. Eine mögliche Erklärung sei die erhöhte Konkurrenz zwischen den Larven aufgrund des verstärkten mikrobiellen Wachstums auf dem Aas, von dem sich die Larven ernähren.
„Insgesamt zeigt unsere Studie, dass soziale Interaktionen dem Nachwuchs helfen können, klimabedingte Herausforderungen zu bewältigen. Ihr konkreter Nutzen hängt jedoch stark vom jeweiligen Kontext ab und lässt sich nur verstehen, wenn sowohl die sozialen als auch die Umweltbedingungen berücksichtig werden“, sagt Huber.
Die Studie entstand im Rahmen des Projektes „The effect of social isolation on offspring performance: an evolutionary, ecological and molecular perspective“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird (STE 1874/12-1).
Originalpublikation:
Paul Huber, Floyd Betz, Saskia Cordes, Hannah Hoffmann, Enna Klinghammer, Sandra Steiger. Context-dependent joint buffering of abiotic stress by parental care and sibling interactions. Functional Ecology (2026)
DOI: https://www.doi.org/10.1111/1365-2435.70438

23.09.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Batman stammt aus Europa: Fledermaus-Ursprung entschlüsselt
In einer heute im Fachjournal „Nature“ veröffentlichten Studie zeigen 137 Forschende aus 64 Ländern, dass Fledermäuse sehr wahrscheinlich vor etwa 65 Millionen Jahren in Europa entstanden sind. Hierfür wurden genomische und fossile Daten von 103 heute lebenden sowie 44 ausgestorbenen Fledermausarten kombiniert. Die Studie legt nahe, dass sich sowohl die Fähigkeit zum aktiven Flug als auch die Echoortung bereits früh in der Evolution der Fledermäuse entwickelten. Die bislang umfassendste Untersuchung der fliegenden Säugetiere schafft damit eine wichtige Grundlage, um die genetischen Mechanismen hinter der außergewöhnlichen Langlebigkeit und Krankheitsresistenz von Fledermäusen zu erforschen.
Fledermäuse sind unter den Säugetieren einzigartig. Im Laufe ihrer Evolution haben sie sowohl einen aktiven Flug als auch eine Echoortung mit Lauten aus dem Kehlkopf entwickelt. Gleichzeitig verfügen sie über eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten, bleiben ungewöhnlich lange gesund und können acht- bis zehnmal länger leben, als aufgrund ihrer Körpergröße zu erwarten wäre. „Wie diese außergewöhnlichen Eigenschaften entstanden sind und wann, wo und auf welche Weise sich die heute rund 1.500 Fledermausarten im Laufe ihrer Evolution entwickelt haben, war bislang in vielen Punkten ungeklärt“, erzählt Prof. Dr. Michael Hiller, einer der Senior-Autoren der neuen Studie vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.
Um diesen und weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, hat Hiller gemeinsam mit der Erstautorin und ehemaligen Senckenberg-Wissenschaftlerin Dr. Ariadna E. Morales sowie weiteren 135 Forscher*innen im Rahmen des Bat1K-Konsortiums die bislang umfassendste Untersuchung zu Fledermäusen durchgeführt. Das internationale Forschungsteam stellte die bislang größte Sammlung hochwertiger Fledermausgenome zusammen, die 103 Arten umfasst und jede der derzeit beschriebenen 21 Fledermausfamilien repräsentiert. „Wir haben modernste DNA-Sequenzierung mit leistungsstarken computergestützten Methoden kombiniert. Dadurch konnten wir für 42 Fledermausarten erstmals ihre Genome sequenzieren und zusammensetzen, die genetischen Baupläne aller untersuchten Arten miteinander vergleichen und die darin enthaltenen Gene identifizieren“, sagt Hiller.
„Diese Daten haben wir anschließend mit den Merkmalen von 44 fossilen Fledermausarten aus aller Welt zusammengeführt. So konnten wir die Evolutionsgeschichte der Fledermäuse – der einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können – so detailliert wie nie zuvor rekonstruieren“, fügt Prof. Liliana M. Dávalos, Senior-Autorin von der Stony Brook University in New York, hinzu.
Die Ergebnisse sind überraschend: Mithilfe moderner statistischer Verfahren zur Rekonstruktion von Stammbäumen und der zeitlichen Entwicklung von Arten konnten die Forscher*innen zeigen, dass die ersten Fledermäuse vermutlich im frühen Paläozän, etwa vor 65 Millionen Jahren, in Europa entstanden sind. „Damit widersprechen unsere Analysen früheren Annahmen, nach denen der Ursprung der Fledermäuse eher in Afrika, Asien oder Nordamerika gelegen haben sollte“, erklärt Prof. Emma Teeling vom University College Dublin, Mitbegründerin und Co-Direktorin von Bat1K sowie Seniorautorin der Studie. „Wir gehen davon aus, dass sich die frühen Vorfahren der Fledermäuse von Europa nach Afrika ausbreiteten und dort einen Europa-Afrika-Knotenpunkt bildeten. Von diesem aus eroberten sie im Laufe ihrer weiteren Evolution nach und nach auch Asien, Süd- und Nordamerika und Australien.“
Die fossilen Funde liefern zudem wichtige Hinweise auf ein weiteres seit langem bestehendes Rätsel: wann Fledermäuse erstmals ihre Echoortung entwickelten.
Fledermäuse nutzen diese, indem sie hochfrequente Rufe ausstoßen und anhand der zurückkehrenden Echos erkennen, wo sich Beute, Hindernisse oder andere Tiere befinden. „Unsere Einordnung der fossilen Fledermaus Vielasia in den ältesten Zweig des Fledermaus-Stammbaums deutet darauf hin, dass die Echoortung bereits vor der Diversifizierung der modernen Fledermäuse existierte. Der Befund legt nahe, dass zwei der charakteristischen Merkmale der Fledermausbiologie – die Echoortung und der aktive Flug – bereits nahe dem Ursprung der Gruppe selbst entstanden sind, was den außergewöhnlichen evolutionären Erfolg der Fledermäuse in den folgenden 65 Millionen Jahren miterklärt“, erläutert Erstautorin Morales.
Die Forschenden zeichnen in ihrer Studie den Evolutionsbaum der Fledermäuse neu und klären damit langjährige Fragen zu ihrer Verwandtschaft. Die Grundlage der Analyse basiert dabei auf Proben aus aller Welt – darunter seltene und außergewöhnliche Arten wie die nur etwa 30 Millimeter große Schweinsnasenfledermaus (Craseonycteris thonglongyai), die Madagassische Haftscheibenfledermaus (Myzopoda aurita) und die auf dem Waldboden „laufende“ kleine Neuseelandfledermaus (Mystacina tuberculata). Zudem gelang es dem Team, das Genom des Fledermausvorfahren zu rekonstruieren und damit zu zeigen, wie das erste Genom eines flugfähigen Säugetiers ausgesehen haben dürfte.
„Fledermäuse überraschen uns immer wieder aufs Neue. Ihre Evolution gleicht einem einzigartigen Experiment der Natur. Viele Fledermausarten sind bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber Krankheiten und erreichen für ihre Körpergröße ein außergewöhnlich hohes Lebensalter. Die im Rahmen der internationalen Bat1K-Initiative über Jahre hinweg entstandene Genomressource gibt uns nun erstmals einen soliden evolutionären Rahmen, um die Gene zu untersuchen, die hinter diesen außergewöhnlichen Eigenschaften stehen. Damit eröffnet sie nicht nur neue Einblicke in die faszinierende Biologie und Evolution der Fledermäuse, sondern könnte langfristig auch die Forschung zu menschlichen Alterungsprozessen, Immunität und Krankheitsresistenz bereichern“, so Hiller abschließend.
Originalpublikation:
Morales, A.E., Liang, Y., Thomas, W.R. et al. Reference genomes and fossils revise bat family phylogeny and biogeography. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-11007-3

23.09.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Großer Abendsegler, Fransen-, Wasser- oder Zwergfledermaus – wie bestimmt man Fledermäuse? Eine Expertin gibt Tipps
Sie fliegen mit den Händen und sehen mit den Ohren: Fledermäuse sind faszinierende Tiere. Im Frühherbst lassen sie sich besonders gut beobachten. „Jetzt sind die Tiere besonders aktiv, weil sie auf der Suche nach einem Partner und geeigneten Winterquartieren sind“, sagt Julia-Marie Battermann, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Die Fledermausexpertin gibt Tipps, wie auch Laien die fliegenden Säugetiere beobachten können.
„Wer Fledermäuse sehen möchte, sollte natürlich zuerst einmal wissen, wo sie sich häufig aufhalten“, sagt Battermann. Dies sind vor allem Waldränder, Parkanlagen, Gewässer oder auch Dachböden. Ein Eldorado für Fledermausfans sind bekannte große Fledermaus-Quartiere wie etwa am Kalkberg in Lüneburg (Niedersachsen) oder der Kalkberghöhle in Bad Segeberg (Schleswig-Holstein). „Ideal zur Beobachtung sind trockene, windstille Abende. Bei starkem Wind oder Regen sind die Flugakrobaten weniger aktiv“, sagt die Expertin. An Gewässern jagt die Wasserfledermaus oft dicht über der Oberfläche, während der Große Abendsegler hoch oben in der Luft auf Beute aus ist. In waldreichen Gebieten lässt sich die Fransenfledermaus beobachten, die ihre Beute geschickt direkt von Blättern und Ästen sammelt – häufig trifft man diese Art auch in Kuhställen an, wo sie vor allem Spinnen frisst. Auch Straßenlaternen können Hotspots sein: Ihr Licht lockt Insekten an, auf die kleinere Arten wie die Zwergfledermaus Jagd machen.
In der Morgendämmerung bietet sich ein weiteres Spektakel: Dann versammeln sich die Tiere zu Dutzenden um die Einflugspalten potenzieller Quartiere in Dachstühlen, Höhlen oder Fledermauskästen und kreisen in der Luft. „Bei diesem Schwärmen prüfen die erfahrenen Tiere, ob die Quartiere sicher sind, die jungen Tiere lernen dieses Verhalten von ihnen“, so Battermann. Sobald die Sonne aufgeht, sind alle Fledermäuse schlagartig in ihrem Unterschlupf verschwunden.
Um die Tiere in der Dunkelheit gut erkennen zu können, ohne sie zu stören, empfiehlt die Artenschützerin eine Kopf- oder Taschenlampe mit Rotlicht. Weißes Licht blendet die Tiere, die dann entweder starr vor Schreck verharren oder orientierungslos davonflattern. Und wer die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbaren Rufe der Tiere hören möchte, kann mit dem entsprechenden Equipment auch das: „Sogenannte Bat-Recorder wandeln die Ultraschallrufe der Fledermäuse in für uns hörbare Klicklaute um“, sagt Battermann. Mit einer entsprechenden App und einem Ultraschallmikrofon geht das sogar mit dem Handy.

24.09.2026, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
DNA-Analysen werfen ein neues Licht auf das Mikrobiom in den Kiemen von Korallenrifffischen
Forschende des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) und des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg haben im Rahmen einer Genomstudie bislang unbekannte Mikroorganismen in den Kiemen von Rifffischen entdeckt, die vielfältige Stoffwechselfunktionen erfüllen können. Besonders häufig fanden sie eine neue Gruppe von Proteobakterien mit chemosynthetischem Potenzial, also der Fähigkeit, durch die Oxidation anorganischer Verbindungen Energie zu gewinnen und mithilfe dieser Energie Kohlendioxid zu Biomasse zu fixieren. Die Studie ist in der Fachzeitschrift PLOS Genetics erschienen.
Bakterien mit chemosynthetischen Fähigkeiten wurden bereits in verschiedenen marinen Lebensräumen oder in Verbindung mit wirbellosen Wirten wie Ringelwürmern und Weichtieren nachgewiesen. Bei Fischen stellen sie nach Kenntnis der Forschenden höchstwahrscheinlich eine neue Entdeckung dar. Die Ergebnisse zeigen, dass Fischkiemen ein komplexes und spezialisiertes Mikrobiom beherbergen, das bislang nur wenig erforscht ist, aber eine wichtige Rolle für Stoffwechsel, Immunabwehr und Gesundheit der Fische spielen könnte.
Die Wissenschaftler:innen des ZMT und des ICBM haben die Mikroorganismen in den Kiemen von Korallenrifffischen genauer unter die Lupe genommen. Dafür nutzten sie Daten aus früheren Genomstudien an tropischen Hamletbarschen (Hypoplectrus spp.) aus der gesamten Karibik, für die sie Hunderte von Kiemenproben untersucht hatten. Im Rahmen dieser Studien hatte das Team die gesamte DNA in den Gewebeproben, das sogenannte Metagenom sequenziert. So entstand ein umfangreicher Datenschatz, der nicht nur Fisch-DNA, sondern auch die DNA der in den Kiemen lebenden Mikroorganismen umfasste.
Ursprünglich hatten die Forschenden vor, die mikrobielle DNA außer Acht zu lassen und nur die sequenzierte Fisch-DNA zu nutzen, um die Artbildung und Evolution der Fische zu untersuchen – was sie auch taten. Doch dann beschlossen sie, den Datensatz noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
„Früher haben wir uns bei unserer Arbeit ausschließlich auf die Fisch-DNA konzentriert und mikrobielle DNA als Verunreinigung betrachtet“, erinnert sich Oscar Puebla, Fischökologe am ZMT und Professor für Fischökologie am ICBM der Universität Oldenburg. „Eines Tages dachten wir uns: Warum betrachten wir die Sache nicht einmal aus der umgekehrten Perspektive, untersuchen das Mikrobiom der Kiemen und lassen die Fisch-DNA außer Acht?“
Dieser Perspektivwechsel führte zu neuen Forschungsfragen für das Team, dem auch Kollegen vom Helmholtz-Institut für funktionelle marine Biodiversität (HIFMB) in Oldenburg sowie von den Universitäten Hongkong und Chicago angehörten.
„Unser Plan bestand nun darin, herauszufinden, welche Mikroorganismen in den Kiemen dieser Fische leben, und so neue Aufschlüsse in das noch wenig erforschte Kiemenmikrobiom zu erlangen“, erklärt Sabrin Abdelghany, ehemalige Doktorandin am ZMT und Erstautorin der Studie.
Ihr Co-Autor Martin Helmkampf vom ZMT ergänzt: „Die Kiemen sind eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Körper des Fisches und seiner Umwelt. Sie sind nicht nur für den Gasaustausch bei der Atmung von Bedeutung, sondern auch für die Immunabwehr, die Ausscheidung von Abfall- und Stoffwechselprodukten sowie für die Regulierung des pH-Werts und des Salzhaushalts im Körper.“
+++ Neue Einblicke in das Kiemenmikrobiom: Kleiner Anteil der DNA-Daten offenbart neue Bakteriengruppen in den Fischkiemen +++
Die Forschenden stellten fest, dass mehr als 95 Prozent der aus den Kiemen gewonnenen DNA von den Hamletbarschen stammte und die mikrobielle DNA weniger als fünf Prozent der Daten ausmachte. Doch dieser geringe Anteil reichte aus, um neue Erkenntnisse über das Mikrobiom der Fischkiemen zu gewinnen.
Dem Team gelang es, 70 bakterielle Genome aus 17 Bakteriengruppen zu rekonstruieren. Dabei stellte sich heraus, dass die Mehrzahl dieser Bakterien neu für die Wissenschaft war. Außerdem konnten die Forschenden zeigen, dass sich das Kiemenmikrobiom deutlich von der Gemeinschaft der Mikroorganismen im umgebenden Meerwasser unterschied. Das deutet darauf hin, dass das Kiemenmikrobiom nicht lediglich ein Abbild des Meerwasser-Mikrobioms ist, mit dem die Kiemen in ständigem Kontakt stehen, sondern vielmehr speziell an das Leben auf den Kiemen angepasst ist.
Puebla sagt: „Die Gene in diesen neuen Bakteriengenomen deuten darauf hin, dass die in den Kiemen gefundenen Mikroorganismen eine Vielzahl von Stoffwechselfunktionen ausüben können, darunter zahlreiche potenzielle metabolische Wechselwirkungen sowohl zwischen verschiedenen Bakterien als auch zwischen den Bakterien und den Fischen.“
Zu seiner Überraschung stellte Pueblas Team zudem fest, dass die in den Kiemen am häufigsten vorkommenden Bakterien über sämtliche Gene verfügen, die für die Chemosynthese erforderlich sind. Sie besitzen damit das Potenzial, Kohlendioxid zu binden und dafür – anders als Pflanzen – Energie aus der Oxidation anorganischer Verbindungen, statt aus Sonnenlicht zu nutzen.
„Wir haben die DNA von Proteobakterien aus der Familie der Burkholderiaceae mit chemosynthetischem Potenzial nachgewiesen“, berichtet Sabrin Abdelghany. „Bakterien mit solchen chemosynthetischen Fähigkeiten wurden bereits in verschiedenen Meereslebensräumen wie Tiefsee-Hydrothermalquellen oder in Verbindung mit Wirbellosen wie Ringelwürmern und Weichtieren gefunden. Nach unserem Kenntnisstand wurden sie bislang jedoch noch nicht bei Fischen dokumentiert.“
Das Fazit der Forschenden: Die Kiemen beherbergen ein komplexes und spezialisiertes Mikrobiom, das noch wenig erforscht ist, aber möglicherweise eine Rolle für den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Gesundheit der Fische spielt. Die Erkenntnisse werfen nun weitere Fragen auf und eröffnen dem Team neue Forschungsfelder.
Helmkampf beschreibt es so: „Es ist wie zum ersten Mal durch einen Dschungel zu wandern, damit anzufangen, die dort lebenden Organismen zu untersuchen, und sich zu fragen, wie sie wohl miteinander interagieren.“
Puebla fasst zusammen: „Wir befinden uns eindeutig noch in einer Phase der Erkundung und Entdeckung und wissen so gut wie nichts darüber, welche Bedeutung das Kiemenmikrobiom für die Physiologie und Gesundheit von Fischen hat. Das ist sowohl für Aquakultur als auch für natürliche Populationen relevant, die mit raschen Umweltveränderungen konfrontiert sind.“
Originalpublikation:
Abdelghany S, Helmkampf M, Schechter MS, Veseli IA, Leray M, Eren AM, et al. (2026) Proteobacteria with chemosynthetic potential are highly prevalent in the gills of Hypoplectrus reef fishes. PLoS Genet 22(8): e1012266. DOI: https://doi.org/10.1371/journal.pgen.1012266

24.09.2026, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Afrikanische Elefanten und Heilpflanzen: Lokales Wissen liefert Hinweise auf mögliche Selbstmedikation
Studie am Mount Elgon zeigt: Kenianische Elefanten und indigene Gemeinschaften teilen sich das Wissen über Heilpflanzen
Wildlebende afrikanische Elefanten im kenianischen Mount-Elgon-Gebiet scheinen bestimmte Pflanzen auszuwählen, wenn sie offenbar krank sind. Lokale Experten berichteten außerdem, dass Elefantenmütter ihrem Nachwuchs pflanzliche „Medizin“ verabreichen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Nachwuchsgruppe Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Das Team hat die Studie gemeinsam mit der Mount Elgon Foundation (MEF), der Hochschule Neubrandenburg, der East African Wild Life Society – Mount Elgon Elephant Project (EAWLS-MEEP), den Nationalmuseen Kenias und weiteren lokalen Partnern durchgeführt. Die Ergebnisse sind im Fachjournal Scientific Reports erschienen.
Das Team befragte acht lokale Experten, die seit Jahrzehnten mit Elefanten leben und arbeiten, und dokumentierte erstmals systematisch, welche Pflanzen wilde Elefanten offenbar zu medizinischen Zwecken nutzen. Viele dieser Pflanzen spielen auch in der traditionellen Medizin der indigenen Bevölkerung eine Rolle. Für einige dieser Arten wurden in früheren Studien antibakterielle, entzündungshemmende oder antiparasitäre Eigenschaften beschrieben.
Seit den 1970er Jahren ist bekannt, dass Tiere sich selbst behandeln können. So nehmen beispielsweise Schimpansen gezielt bittere Blätter zu sich, um Darmparasiten zu bekämpfen, und Vögel polstern ihre Nester mit insektenabwehrenden Pflanzen aus, um anämieauslösende Milben zu vertreiben. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als Zoopharmakognosie.
Erste Arbeiten deuten auch bei Elefanten auf Selbstmedikation hin, vor allem bei asiatischen Elefanten. Für afrikanische Elefanten gab es bislang aber nur wenige systematische Untersuchungen. Hier setzt die neue BNITM-Studie an. Sie rückt die Elefanten in ihrer natürlichen Umwelt am Mount Elgon in den Mittelpunkt. Das Gebirge gilt als Hotspot der biologischen Vielfalt. Es besitzt eine außergewöhnlich reiche Pflanzenwelt und Höhlen mit mineralreichen Ablagerungen.
Anstatt die Elefanten in ihrem Lebensraum invasiv zu stören, stützten sich die Forschenden auf die Langzeitbeobachtungen von Menschen, die in ihrer unmittelbaren Nähe leben: Wildtierbeobachter, ein ehemaliger Ranger, ein pensionierter Landwirtschaftsbeamter, der am Mount Elgon aufgewachsen ist, sowie Älteste der lokalen Gemeinschaften – alle mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung, die sie in der Region verbracht oder mit Elefantenherden gearbeitet haben. In ausführlichen, auf Leitfäden basierenden Gesprächen, sogenannten halbstrukturierten Interviews, beschrieben sie, welche Pflanzen Elefanten bei Krankheitssymptomen zu sich nehmen und wie auch die lokalen Gemeinschaften diese Ressourcen in der traditionellen Medizin nutzen.
Dieses traditionelle ökologische Wissen über die Elefanten am Mount Elgon haben Mitarbeitende von EAWLS-MEEP und andere Mitglieder der lokalen Gemeinschaft über viele Jahre beobachtet. Es lässt vermuten, dass einige dieser Verhaltensweisen möglicherweise über Generationen hinweg sozial weitergegeben werden. MEF unterstützt EAWLS-MEEP beim Schutz der vom Aussterben bedrohten salzsuchenden Elefanten am Mount Elgon. Gemeinsam haben sie 55 Höhlen dokumentiert, die Elefanten nutzen. In einige dieser Höhlen dringen die Elefanten bis zu 160 Meter weit vor.
Verbindung von westlicher Wissenschaft und indigenem Wissen
Um die Berichte wissenschaftlich auszuwerten, sammelten die Forschenden von allen genannten Pflanzen Belegexemplare, ließen diese im Ostafrikanischen Herbarium botanisch bestimmen und glichen ihre Namen mit internationalen Datenbanken ab. Anschließend analysierten sie die Berichte anhand ethnobotanischer Kennzahlen und untersuchten, wie häufig verschiedene Informanten die jeweilige Pflanze erwähnten, welche Teile Menschen und Elefanten nutzen (wie Blätter, Rinde oder Wurzeln) und welche Beschwerden mit diesen Ressourcen traditionell behandelt werden.
Das Team wertete zudem wissenschaftliche Literatur zu pharmakologisch untersuchten Heilpflanzen aus, um festzustellen, ob einige der in der Studie untersuchten Pflanzen vom Mount Elgon bereits bekannte therapeutische Eigenschaften aufweisen.
Insgesamt beschrieben die acht Experten 39 natürliche Ressourcen, die Elefanten am Mount Elgon nach ihrer Einschätzung ganz gezielt medizinisch nutzen. Darunter befinden sich 35 Pflanzenarten aus 23 Familien und vier verschiedene Böden, Mineralien oder Tone. In 34 Fällen, also in 87 Prozent, handelt es sich um Ressourcen, die Menschen aus der Region ebenfalls medizinisch verwenden. Die Experten nannten 25 dieser Ressourcen ausdrücklich „Medizin für Elefanten“.
Was Elefanten zu sich nehmen und warum
Das Forschungsteam ordnete die Beobachtungen einem etablierten Fünf-Stufen-Schema für tierische Selbstmedikation zu. Besonders aufschlussreich sind die sogenannten „Mode-4-Fälle“: Situationen, in denen kranke Tiere nach Einschätzung der Informanten gezielt bestimmte Pflanzen zu sich nahmen, die weder besonders nährstoffreich noch schmackhaft waren – oft in kleinen Mengen, zu ungewöhnlichen Zeiten oder auf auffällige Weise. Die lokalen Experten deuten dieses Verhalten als Versuch, eine konkrete Beschwerde zu lindern.
Acht Pflanzenarten erfüllten die Kriterien für „Mode 4“. Dazu gehören zum Beispiel Aloe arborescens, Bersama abyssinica und Ficus natalensis. Mehrere Interviewpartner berichteten von Elefanten, die weite Strecken direkt zu einem bestimmten Baum zurücklegen. Unterwegs fressen sie nichts. Erst am Ziel nehmen sie gezielt Rinde oder Blätter dieses Baumes auf.
Zu den auffälligsten Berichten gehörten mögliche Beispiele mütterlicher Fürsorge, auch Allocare genannt. Die lokalen Experten beschrieben, dass Elefantenmütter ihren Kälbern Pflanzenmaterial verabreichen. Das Forschungsteam versucht derzeit, dieses Verhalten direkt auf Video zu dokumentieren. Weder der genaue Vorgang, noch ein medizinischer oder immunisierender Nutzen sind bislang belegt. Insgesamt wurden fünf Ressourcen in Berichten über Mutter-Kalb-Allocare genannt.
Auch das bekannte „Salzlecken“ in den Höhlen am Mount Elgon wurde untersucht. Alle Befragten bestätigten, dass Elefanten in den Höhlen Ton und mineralreiches Material aufnehmen, und betonten vor allem dessen Bedeutung als Mineralstoffquelle. Die vier Boden-, Mineral- oder Tonressourcen wurden von den Befragten nicht als Elefantenmedizin bezeichnet. Die Studie stuft das Höhlenverhalten daher nicht als medizinisches Verhalten oder Selbstmedikation ein.
Ein empfindliches „One Health“-Ökosystem
„Unsere Ergebnisse zeigen, wie eng die Pflanzenwelt am Mount Elgon mit der Gesundheit der Elefanten und der Menschen zusammenhängt“, sagt Dr. Fabien Schultz, Leiter der Nachwuchsgruppe Ethnopharmakologie und Zoognosie am BNITM und Erstautor der Studie. „Die Berichte, wonach Elefanten einige derselben Pflanzen nutzen, die lokale Gemeinschaften in der traditionellen Medizin verwenden, machen den Schutz dieser Lebensräume zu einer One-Health-Frage. In den kommenden Jahren wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern untersuchen, ob und wie diese Verhaltensweisen erlernt oder sozial weitergegeben werden und welche Pflanzen und Standorte möglicherweise besonders geschützt werden sollten.“
Dr. Elodie Freymann, Co-Corresponding Author der Studie und Expertin für Selbstmedikation bei Menschenaffen, spielte eine Schlüsselrolle bei der Konzeption des Projekts und der Auswertung der Berichte. Sie brachte ihr Fachwissen über komplexe „Heilkulturen“ von Tieren ein, darunter Studien zu Schimpansen und Orang-Utans. Sie trug dazu bei, die Beobachtungen am Mount Elgon in den größeren Forschungsstand einzuordnen. „Meistens kennen die Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu Tieren leben, deren Geheimnisse schon seit Generationen“, sagt Freymann. „Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen jetzt die richtigen Fragen stellen.“
Die Studie reiht sich in eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten ein, die zeigen, dass Selbstmedikation bei Tieren keine exotische Ausnahme, sondern ein im gesamten Tierreich wiederkehrendes Muster ist – von Insekten und Vögeln bis hin zu Primaten. Neu ist nach unserem Kenntnisstand die erste systematische Dokumentation der Berichte lokaler Expertinnen und Experten über ein breites Repertoire möglicherweise medizinisch genutzter Pflanzen bei wild lebenden Afrikanischen Elefanten, basierend auf Untersuchungen am Mount Elgon. Die Erkenntnis, dass sich das Wissen von Menschen und Elefanten über Heilpflanzen am Mount Elgon so stark überschneidet (87 Prozent), deutet zudem auf eine gemeinsame ökologische Wissensbasis hin, die sich über Generationen hinweg entwickelt hat.
Von der Beobachtung zum Naturschutz
Aus den Ergebnissen ergeben sich mögliche Konsequenzen für den Arten- und Naturschutz. Afrikanische Elefanten gelten als bedroht. Lebensraumverlust und Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren setzen den Populationen stark zu. Wenn Elefanten neben Futterpflanzen auf bestimmte Heilpflanzen angewiesen sind, geht mit jeder Rodung nicht nur Nahrung verloren. Möglicherweise verschwindet auch ein Teil ihrer „Apotheke“. Der Schutz medizinisch wichtiger Pflanzenarten und ihrer Standorte wird damit zu einer Frage der Gesundheit von Menschen und Tieren.
Die Studie eröffnet außerdem neue Wege für die ethnopharmakologische Forschung. Das Team untersuchte gezielt pharmakologische Studien zu den am häufigsten genannten Pflanzenarten. Dabei zeigten sich Überschneidungen zwischen traditionellen Anwendungen, den Beobachtungen bei Elefanten und bekannten pharmakologischen Effekten und bioaktiven Inhaltsstoffen. Solche Schnittmengen könnten als Ausgangspunkte für detailliertere Laboruntersuchungen dienen.
Zukünftige Projekte könnten experimentelle Studien zu ausgewählten Pflanzen einschließen. Forschende könnten ihre Inhaltsstoffe chemisch genauer beschreiben und im Labor auf antimikrobielle, entzündungshemmende oder antiparasitäre Wirkungen prüfen. Ebenso wichtig bleibt die enge Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften vor Ort. Ihr Wissen bildet die Grundlage der aktuellen Studie.
Am Ende geht es nicht nur um mögliche neue Medikamente, betonen die Forschenden. Es geht um ein erweitertes Verständnis von Gesundheit im Sinne des One-Health-Ansatzes. Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen hängt untrennbar zusammen.
Originalpublikation:
Schultz, F. et al.: African elephants putatively self-medicate with medicinal plants in the Mount Elgon region, Kenya. Scientific Reports, 2026. DOI: 10.1038/s41598-026-53610-4

24.09.2026, Universität Münster
„Springende Gene“ halfen Ameisen bei ihrem evolutionären Siegeszug nach dem Aussterben der Dinosaurier
Ein Team um Dr. Lukas Schrader vom Institut für Evolution und Biodiversität der Universität Münster zeigt, dass die Evolution der Ameisen einen Schub durch die Aktivität mobiler DNA-Elemente im Erbgut erhalten hat.
Vor etwa 66 Millionen Jahren läutete ein Asteroideneinschlag das Ende des Dinosaurierzeitalters ein. Gleichzeitig ebnete diese Katastrophe den Weg für die Entstehung und Ausbreitung zahlloser neuer Tierarten. Auch die Ameisen traten damals einen evolutionären Siegeszug an. Sie bilden heute die größte Familie sozialer Insekten und sind mit mehr als 15.000 Arten weltweit verbreitet. Eine nun in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlichte Forschungsarbeit legt nahe, dass die Ameisen bei ihrer Ausbreitung von sogenannten mobilen Elementen in ihrer DNA profitierten, die oft auch als „springende Gene“ bezeichnet werden. Die Studie stammt von einem internationalen Forschungsteam um Dr. Lukas Schrader vom Institut für Evolution und Biodiversität der Universität Münster.
Springende Gene sind DNA-Sequenzen, die sich innerhalb eines Genoms bewegen und vervielfältigen können. Lange Zeit wurden sie als eine Art „genomische Parasiten“ betrachtet, die sich im Erbgut ähnlich wie Viren vermehren und von denen der Organismus nicht profitiert, sondern die schlimmstenfalls sogar Krankheiten verursachen können. Mittlerweile werden sie jedoch zunehmend als Motoren evolutionärer Innovationen anerkannt. Die neue Studie zeigt, dass Ameisenlinien, die besonders viele dieser springenden Gene tragen, heute am artenreichsten sind. Noch auffälliger ist, dass die Forscherinnen und Forscher in den Vorfahren der größten Ameisengruppen im frühen Paläogen (vor etwa 66 Millionen Jahren) unabhängige Aktivitätsschübe der springenden Gene identifizierten, kurz bevor sich diese Linien in die Tausenden heute lebenden Arten diversifizierten. „Der Einschlag des Asteroiden hatte dramatische Folgen für die Umwelt. Wir haben jetzt den genomischen Mechanismus in Ameisen gefunden, der diese Umwälzungen der Ökosysteme mit anschließenden Artbildungsprozessen verknüpft: springende Gene“, betont Lukas Schrader. Das passe zu Studien aus anderen Tiergruppen wie Primaten und Fledermäusen, in denen Aktivitätsschübe springender Gene in jüngeren Phasen verstärkter Artbildung nachgewiesen wurden.
Das Team der neuen Studie brachte die mobilen genetischen Elemente zudem mit der Expansion wichtiger Genfamilien in Verbindung, die an der chemischen Kommunikation beteiligt sind. Hier spielten insbesondere Geruchsrezeptoren eine Rolle, die für das soziale Leben der Ameisen unerlässlich sind – Ameisen navigieren, erkennen Nestgenossen und koordinieren Kolonien fast ausschließlich über den Geruch. Ihre Fähigkeit, chemische Signale zu erkennen und zu interpretieren, könnte durch die rastlose Aktivität ihrer eigenen Genome verstärkt worden sein.
Für die aktuelle Studie analysierte und verglich das Team Genome von 163 Ameisenarten aus zwölf der 16 heute lebenden Ameisen-Unterfamilien. Es rekonstruierte die evolutionäre Entwicklung und verfolgte die Aktivität springender Gene über die vergangenen 100 Millionen Jahre.
Originalpublikation:
Lukas Schrader, Janina Rinke, Mohammed Errbii, Scott J. Teresi, Esther van den Bos, Zijun Xiong, Joel Vizueta, Jacobus J. Boomsma, Jürgen Gadau, Guojie Zhang (2026): Transposable Elements as Evolutionary Catalysts of Ant Macrodiversity. Science Advances, Vol 12, Issue 39; https://doi.org/10.1126/sciadv.aee0306

24.09.2026 08:51
Forscher entwickeln Schatzkarte für die Suche nach vergangenem Leben
Katja Henßel Öffentlichkeitsarbeit
Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Fossilien sind für uns die einzige Möglichkeit, die Geschichte des Lebens auf der Erde zu rekonstruieren. Der Fossilbericht ist allerdings lückenhaft: Über manche Erdzeitalter wissen wir sehr viel, über andere fast nichts. Paläontologen zeichnen nun eine Weltkarte als Leitfaden für Fossiliensucher: Sie identifizieren weltweit Gebiete, in denen höchstwahrscheinlich bisher unbekannte Fossilien zu finden sind. Ihre Übersicht zeigt, wo sich die Suche nach vergangenem Leben womöglich besonders lohnt. Vor allem geologische Schichten aus der jüngeren Erdgeschichte sind noch in vielen Regionen unerforscht. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Science Advances.

Fossilien lassen uns tief in die Erdgeschichte blicken. Sie geben Aufschluss über ausgestorbene Tiere und Pflanzen sowie vergangene Ökosysteme. Allerdings ist der Fossilbefund auch sehr unvollständig: Dass ein Tier oder eine Pflanze überhaupt zum Fossil wird, ist ein seltener Zufall, und nur ein kleiner Teil der Lebewesen auf der Erde wird tatsächlich so überliefert. Dazu kommt, dass die geologischen Schichten aus unterschiedlichen Erdzeitaltern heute zugänglich sein müssen, um überhaupt Fossilien darin finden zu können.

Unser Wissen über vergangenes Leben ist sehr ungleich über die Erdzeitalter und geographischen Regionen verteilt. Manche Erdzeitalter und Regionen scheinen gut erforscht: es wurden bereits zahlreiche Fossilien gefunden. Über andere Erdzeitalter und Regionen wissen wir dagegen noch sehr wenig. Fossilgrabungen sind extrem zeit- und kostenaufwändig – daher wäre es wichtig, die Anstrengungen auf solche Bereiche zu konzentrieren, die neue Informationen versprechen.

Thomas A. Neubauer von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und sein Kollege Mathias Harzhauser vom Naturhistorischen Museum in Wien liefern Forschenden dafür nun ein direkt nutzbares Werkzeug. Die beiden Paläontologen haben in ihrer Studie die räumliche Ausdehnung aller Fossilfunde von Tieren aus den Flachwasserbereichen der Ozeane über die letzten 540 Millionen Jahre quantifiziert – und erstmals die Stellen auf der Weltkarte markiert, an denen fossile Information fehlt.

Dazu durchsuchten die beiden Forscher die Archive der Paleobiology Database (PBDB). Die PBDB ist die weltweit wichtigste frei zugängliche Datenbank für Fossilfunde und umfasst einen Großteil der publizierten paläontologischen Informationen. Die Forscher kartierten alle marinen Flachwasserbereiche quer durch die Erdgeschichte, die laut PBDB Fossilien-Daten enthielten. Zusätzlich erfassten die Wissenschaftler die historischen Trends der paläontologischen Erforschung dieses Lebensraums: Sie dokumentierten die Rate, mit der die Forschung in bestimmten Regionen über die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte tatsächlich neue Informationen lieferte. Diese Daten verschnitten die Forscher mit geologischen Daten aus der Macrostat-Datenbank.
Die Auswertung zeigte: Paläontologisch gut untersucht sind besonders das frühere Erdmittelalter (Mesozoikum, ca. 252 bis 66 Mio. Jahre) und Erdaltertum (Paläozoikum, ca. 539 bis 252 Mio. Jahre). Dort erwarten Neubauer und sein Kollege in naher Zukunft keinen nennenswerten Zuwachs Informationen aus Fossilfunden mehr. Am dünnsten ist die Abdeckung des Fossilberichts in der jüngeren Erdgeschichte: trotz eines schon reichen Befundes zeigen die Analysen der Forscher, dass noch viele Funde aus den marinen Flachwasserablagerungen aus der Erdneuzeit (Känozoikum, Beginn vor 66 Mio. Jahren) zu erwarten sind. Um unser Wissen über diese Zeit zu verbessern, identifizierten die Forscher weltweit Gebiete, in denen wahrscheinlich Fossilien bisher unbekannter Arten auf Entdeckung warten, und diese Entdeckung auch möglich ist, weil die entsprechenden geologischen Schichten zugänglich sind.
„Dass viele Regionen der Erde noch unerforscht sind, macht Hoffnung auf wertvolle Neuentdeckungen“, sagt SNSB-Paläobiologe Neubauer von den SNSB. „Doch gerade weil die Erweiterung des Fossilbefunds recht mühsam ist und nur langsam voranschreitet, kann unsere Arbeit Forschenden weltweit helfen, ganz gezielt ihre Forschung auf die noch wenig-erforschten Gebiete zu konzentrieren. Wir liefern einen wertvollen Ratgeber bei der Planung zukünftiger Projekte und Grabungskampagnen. Gleiches gilt für die Untersuchung von bestehenden Museumssammlungen, die noch auf die wissenschaftliche Bearbeitung warten. Durch sinnvolle Priorisierung lassen sich ganz gezielt Lücken im Fossilbericht schließen.“
Originalpublikation:
Thomas A. Neubauer, Mathias Harzhauser, Staking out the frontiers: The limits of the metazoan shallow marine fossil record. Sci. Adv.12, eaeh3920 (2026). DOI:10.1126/sciadv.aeh3920 https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aeh3920

23.09.2026, Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung
Glatt statt gefaltet – Hirnentwicklung bei Primaten
Forschende am Deutschen Primatenzentrum identifizieren zelluläre Prozesse, die am Beispiel der Weißbüschelaffen zeigen, wie unterschiedlich sich Gehirne entwickeln
Die meisten Primatenarten besitzen ein relativ großes Gehirn, dessen Oberfläche starke Wölbungen und Furchen aufweist. Bei Weißbüschelaffen (Callithrix jacchus) ist das nicht der Fall. Das Gehirn der kleinen Affen ist glatt und nahezu ungefaltet. Forschende am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben in einer aktuellen Studie untersucht, welche zellulären Prozesse während der Embryonalentwicklung dazu führen, dass sich das Weißbüschelaffengehirn ab einem bestimmten Zeitpunkt anders entwickelt. In Versuchen mit Gehirnorganoiden konnten sie zeigen, dass sich bestimmte Vorläuferzellen, aus denen die Nervenzellen entstehen, bei Weißbüschelaffen sowohl morphologisch als auch zeitlich anders entwickeln. Mehrere Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Vorläuferzelltypen steuern diesen Vorgang, der letztlich zu einer Reduktion in Größe und Faltung des Weißbüschelaffengehirns führt. Die Studie wirft ein neues Licht auf die evolutionäre Entwicklung des Primatengehirns und könnte zukünftig helfen, Entwicklungsstörungen im menschlichen Gehirn besser zu verstehen (Sciences Advances).
Seine Größe und die auffällige Faltung sind die prägenden Merkmale des Gehirns vieler Primaten. Besonders die walnussartig anmutenden Furchen und Wölbungen des menschlichen Gehirns vergrößern die Oberfläche immens und bieten Platz für Milliarden von Nervenzellen. Das ermöglicht komplexe Denkprozesse und macht das menschliche Gehirn besonders leistungsfähig. Forschende gehen heute davon aus, dass schon der gemeinsame Vorfahre aller Primaten ein mittelgroßes und zumindest teilweise gefaltetes Gehirn besaß.
Bei einigen heute lebenden Primatenarten ist das jedoch nicht der Fall. Weißbüschelaffen (Callithrix jacchus), eine südamerikanische Primatenart, die zunehmend in der biomedizinischen Forschung eingesetzt wird, haben eine glatte und nahezu ungefaltete Hirnoberfläche. Forschende am Deutschen Primatenzentrum haben untersucht, wie es dazu kommt.
„Wir wollten verstehen, welche Veränderungen auf zellulärer Ebene dazu führen, dass das Gehirn der Weißbüschelaffen weniger stark wächst und weniger Faltungen ausbildet“, erklärt Lidiia Tynianskaia, eine der beiden Erstautor*innen der Studie und Promovierende in der Nachwuchsgruppe Gehirnentwicklung und -evolution am DPZ. „Das Weißbüschelaffengehirn weist zu Beginn der Entwicklung die typische Struktur und Zusammensetzung eines großen und gefalteten Primatengehirns auf. Im weiteren Verlauf muss es also Prozesse geben, die die Produktion von Nervenzellen quasi ausbremsen.“
Neuronale Vorläuferzellen entwickeln sich unterschiedlich
In vergleichenden Versuchen mit Hirnorganoiden aus Weißbüschelaffen und Menschen untersuchten die Wissenschaftler*innen insbesondere die Vorläuferzellen des Gehirns, da diese für die Produktion von Nervenzellen verantwortlich sind. Die Anzahl der Nervenzellen ist einer der entscheidenden Faktoren, wie groß und wie stark gefaltet ein Gehirn wird.
Die Forschenden fanden heraus, dass mehrere Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Zelltypen zu einer Reduktion der Größe und Faltung der Großhirnrinde bei Weißbüschelaffen führen.
„Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich bestimmte Vorläuferzellen im Weißbüschelaffen deutlich langsamer teilen als im Menschen“, erklärt César Mateo Bastidas Betancourt, ebenfalls Erstautor der Studie und Promovierender der Nachwuchsgruppe. „Wieder andere Vorläuferzellen sind im Vergleich zu den menschlichen Zellen strukturell einfacher gebaut, haben weniger Verästelungen und sind dadurch weniger vermehrungsaktiv. Durch beide Gegebenheiten entstehen letztlich weniger Nervenzellen, was zu einer geringeren Größe und Faltung der Großhirnrinde im Weißbüschelaffen beiträgt.“
Außerdem konnten die Wissenschaftler*innen zeigen, dass der zeitliche Ablauf bestimmter Eigenschaften und Verhaltensweisen der Vorläuferzellen im Weißbüschelaffen im Vergleich zum Menschen verändert ist. Dadurch haben die Vorläuferzellen des Weißbüschelaffen insgesamt ein kürzeres Zeitfenster, in dem sie sich stark vermehren können.
Hirnorganoide liefern entscheidende Einblicke
Der Großteil der Experimente fand in Hirnorganoiden statt. Die kleinen dreidimensionalen Zellstrukturen spiegeln den zeitlichen Ablauf bestimmter Entwicklungsschritte des Gehirns sehr gut wider. „Die Studie verbindet die Vorteile von in vivo und in vitro-Methoden sehr gezielt miteinander“, sagt Michael Heide, Leiter der Nachwuchsgruppe Gehirnentwicklung und -evolution. „Organoide sind gut geeignet, um statistisch belastbare Ergebnisse zu erhalten, da eine solche Stichprobengröße bei Primaten nicht möglich ist. Einige Schlüsselexperimente haben wir anschließend in fötalem Hirngewebe wiederholt, um die Ergebnisse aus den Organoiden zu bestätigen.“
Dabei zeigte sich, dass 50 Tage alte Weißbüschelaffen-Organoide der natürlichen Gehirnentwicklung am 90. Tag besonders ähnlich sind. Dieser Vergleich war wichtig, weil die Forschenden nur so die Entwicklung in Organoiden zeitlich korrekt mit der Entwicklung im Gehirn des Weißbüschelaffen vergleichen und die Ergebnisse zuverlässig einordnen konnten.
Die Studie macht deutlich, wie sich die Vielfalt der Gehirngrößen und -formen bei Primaten entwickeln konnte und liefert zugleich einen wichtigen Vergleichsrahmen, um Entwicklungsprozesse und ihre Störungen im menschlichen Gehirn besser zu verstehen.
Originalpublikation:
Tynianskaia L, Bastidas-Betancourt CM, Grewe EM, Kniep JM, Liutikaite N, Esiyok N, Göloğlu IB, Heide S, Rüger N, Lindenwald D, Drummer C, Petkov S, Di Donato N and Heide M (2026): Coordinated neural progenitor adaptations contribute to primate neocortical downscaling. Sciences Advances, https://www.science.org/journal/sciadv

24.09.2026, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Deutschlands berühmtester Elch ist tot – Senderelch „Bert“ im Alter von zehn Jahren verendet
Fast neun Jahre lang haben Wildbiologen der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) den Elch „Bert“ wissenschaftlich begleitet. Nun ist das außergewöhnliche Wildtier im Alter von zehn Jahren verstorben. Durch die langjährige telemetrische Überwachung hinterlässt Bert einen außerordentlich wertvollen wissenschaftlichen Datensatz zu Raumnutzung und Verhalten von Elchen in Deutschland.
Deutschlands wohl bekanntester Elch ist tot. Senderelch „Bert“, der seit Februar 2018 von Wildbiologen der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) wissenschaftlich begleitet wurde, ist am vergangenen Wochenende verstorben.
Ab Samstagmorgen registrierten die Wissenschaftler keine Ortsveränderungen des Elches mehr. Am Sonntagmorgen gegen 6 Uhr übermittelte sein GPS-Halsbandsender schließlich ein Mortalitätssignal. Bert wurde daraufhin unmittelbar geborgen und einer pathologischen Untersuchung zugeführt.
Die Sektion erfolgte am Montag, dem 21. September, am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin unter Leitung der Tierpathologin Dr. Gudrun Wibbelt. Dabei wurden schwere innere Verletzungen infolge eines stumpfen Traumas festgestellt, an deren Folgen der Elch schließlich verstarb. Wie es zu diesen Verletzungen kam, lässt sich im Nachhinein nicht mehr eindeutig feststellen.
Bert hielt sich zum Zeitpunkt seines Todes – wie bereits in den vergangenen Jahren – während der Brunftzeit auf einer Rinderweide auf. Dort war es in der Vergangenheit vereinzelt auch zu Interaktionen mit Rindern gekommen. Gleichzeitig hielt sich in den Tagen vor Berts Tod ein weiterer Elchbulle in seinem Streifgebiet auf. Noch am Freitag wurde dieser nur etwa 100 Meter von Bert entfernt beobachtet und gefilmt. Begegnungen zwischen Elchbullen können während der Brunft mit körperlichen Auseinandersetzungen verbunden sein. Auch einige bei der pathologischen Untersuchung festgestellte äußere Verletzungen könnten mit einer solchen Auseinandersetzung in Zusammenhang stehen. Welche Einwirkung letztlich das tödliche Trauma verursacht hat, bleibt jedoch offen.
Auch das Auftauchen eines zweiten Elchbullen im langjährigen Streifgebiet von Bert ist für die Wissenschaftler eine bemerkenswerte Beobachtung. Der jüngere Bulle hat das Gebiet inzwischen wieder verlassen und ist weiter in nordöstliche Richtung gezogen.
Bert wurde 2016 in Nordostpolen geboren und befand sich damit in seinem elften Lebensjahr. Erstmals nachgewiesen wurde er im Februar 2018 im südlichen Brandenburg. Seitdem begleiteten ihn die Wildbiologen Dr. Frank-Uwe Michler von der HNEE und Dr. Benjamin Gillich, seinerzeit ebenfalls HNEE und heute an der Landeskompetenzstelle Forst Eberswalde (LFE), praktisch über sein gesamtes Leben in Deutschland.
In den knapp neun Jahren seiner wissenschaftlichen Begleitung trug Bert insgesamt fünf verschiedene GPS-Halsbandsender. Damit zählt er zu den weltweit am längsten telemetrisch überwachten Elchen. Die kontinuierlich gewonnenen Ortungsdaten ermöglichen außerge-wöhnlich detaillierte Einblicke in das Raum- und Wanderverhalten eines Elches in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft.
Eine besondere Bedeutung hatte Bert auch deshalb, weil er bislang der einzige bekannte Elch war, der sich dauerhaft in einem festen Streifgebiet in Deutschland etabliert hatte. Nachdem er in seinen ersten Jahren größere Wanderungen unternommen hatte, fand er im Frühjahr 2019 im Naturpark Nuthe-Nieplitz seine dauerhafte Heimat. Dort nutzte er jährlich ein Streifgebiet von durchschnittlich rund 10.000 Hektar.
Im Laufe der Jahre wurde der imposante Elch weit über die Region hinaus bekannt. Im Naturpark Nuthe-Nieplitz entwickelte er sich zu einem regelrechten Maskottchen und wurde von vielen Menschen immer wieder beobachtet und fotografiert.
„Bert war für uns weit mehr als ein Datenpunkt“
Für die beteiligten Wissenschaftler ist sein Tod deshalb nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht ein großer Verlust.
„Wir haben Bert seit seinem ersten Auftauchen in Deutschland im Februar 2018 begleitet und über all die Jahre unglaublich viel durch ihn gelernt. Fast neun Jahre lang wussten wir praktisch jeden Tag, wo er sich aufhielt und wie er seinen Lebensraum nutzte. Ein einzelnes Wildtier über einen derart langen Zeitraum wissenschaftlich begleiten zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Bert hat uns einen unschätzbar wertvollen Datensatz hinterlassen – nach so vielen Jahren ist er für uns längst weit mehr gewesen als ein Datenpunkt. Sein Tod macht uns sehr traurig“, sagt Dr. Frank-Uwe Michler von der HNEE.
Gemeinsam mit Benjamin Gillich begleitete Michler den Elch von seinem ersten Nachweis in Deutschland bis zu seinem Tod.
Die über viele Jahre gesammelten Telemetriedaten sollen nun weiter wissenschaftlich ausgewertet werden. Sie dokumentieren nahezu lückenlos einen außergewöhnlich langen Abschnitt im Leben eines freilebenden Elches und liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie die größte Hirschart der Welt in der dicht besiedelten Kulturlandschaft Deutschlands lebt.
Berts Geschichte endet nach fast neun Jahren wissenschaftlicher Begleitung – doch sein nahezu lückenlos dokumentiertes Leben hinterlässt einen außergewöhnlichen wissenschaftlichen Datensatz und wird die Elchforschung noch lange beschäftigen.

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