Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

17.08.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Schmetterlinge auf dem Weg nach oben
Wie reagieren Schmetterlinge in den Alpen auf steigende Temperaturen? Eine Studie der Universität Würzburg zeigt: Vor allem Arten, die ihre Körpertemperatur schlecht regulieren können, weichen in höhere Lagen aus.
Der Klimawandel stellt Tiere und Pflanzen vor eine grundlegende Herausforderung: Was tun, wenn es am angestammten Lebensort zunehmend wärmer wird? Sie können sich an die veränderten Bedingungen anpassen – oder in Regionen ausweichen, die ihnen weiterhin ein geeignetes Klima bieten.
Bei Schmetterlingen in den deutschen Alpen scheint vor allem die zweite Reaktion eine wichtige Rolle zu spielen. Das zeigt eine neue Studie von Dr. Esme Ashe-Jepson vom Lehrstuhl für Global Change Ecology der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Ihre Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications Biology erschienen.
Wie Schmetterlinge mit Wärme umgehen
Schmetterlinge sind wechselwarme Tiere. Weil ihre Körpertemperatur stark von den Bedingungen ihrer Umgebung abhängt, reagieren sie besonders empfindlich auf klimatische Veränderungen.
Ashe-Jepson wollte wissen, wie anpassungsfähig verschiedene Arten tatsächlich sind und welche Temperaturen sie maximal vertragen. Dafür untersuchte sie Schmetterlinge entlang eines Höhengradienten in den deutschen Alpen. Die Biologin richtete ihren Blick auf körperliche Merkmale wie Größe und Färbung und verglich ihre Beobachtungen mit Veränderungen der Höhenverbreitung innerhalb des vergangenen Jahrzehnts.
„Zwar sind Arten grundsätzlich keine statischen Objekte, sie können durch Anpassung oder evolutionäre Veränderungen auf ihre Umwelt reagieren“, sagt Ashe-Jepson. „Bei den untersuchten Schmetterlingen habe ich allerdings nur wenige Hinweise darauf gefunden, dass sich ihre Fähigkeit zur Temperaturregulation oder ihre Hitzetoleranz an die veränderten klimatischen Bedingungen angepasst hat.“
Stattdessen zeigt sich eine andere Reaktion: Arten, die ihre Körpertemperatur schlechter regulieren können, haben ihre Verbreitungsgebiete besonders stark in höhere, und damit kühlere, Lagen verschoben. Die Ergebnisse sprechen also dafür, dass Schmetterlinge auf den Klimawandel eher mit einer räumlichen Verlagerung reagieren, als sich vor Ort an steigende Temperaturen anzupassen.
Große und helle Arten im Vorteil
Auch Größe und Färbung spielen eine Rolle dabei, wie Schmetterlinge mit Wärme umgehen. Große Arten können hohe Körpertemperaturen besser vermeiden als kleine. Dunkle Arten sind zwar teilweise besser darin, ihre Temperatur aktiv zu regulieren, erwärmen sich insgesamt jedoch stärker als helle.
Diese Unterschiede spiegeln sich in der Zusammensetzung der Schmetterlingsgemeinschaften entlang des Höhengradienten wider. In den wärmeren Tieflagen treten eher große und helle Arten auf, während kleine und dunkle Arten mit zunehmender Höhe häufiger werden.
Für Ashe-Jepson liegt darin eine zentrale Erkenntnis der Studie: „Nicht unbedingt die einzelnen Arten verändern sich als Reaktion auf das lokale Klima. Stattdessen verändert sich, welche Arten an einem bestimmten Ort vorkommen.“
Der Klimawandel könnte die Zusammensetzung der Schmetterlingsgemeinschaften in den Alpen somit zunehmend verschieben – und Arten unterschiedlich stark dazu zwingen, geeigneten Lebensräumen in höhere Lagen zu folgen.
Bewegungsfreiheit als Schlüssel zum Artenschutz
Die Ergebnisse haben auch Konsequenzen für den Naturschutz. Denn wenn Schmetterlinge auf steigende Temperaturen vor allem mit einem Ortswechsel reagieren, kommt es darauf an, dass sie geeignete neue Lebensräume überhaupt erreichen können.
„Wir sollten beim Artenschutz nicht nur darauf schauen, wie sich Populationen an ihren heutigen Standorten erhalten lassen“, sagt Ashe-Jepson. „Ebenso wichtig ist es, Lebensräume so miteinander zu verbinden, dass Arten auf Veränderungen reagieren und sich durch die Landschaft bewegen können.“
Die Fähigkeit zur Temperaturregulation könnte zudem dabei helfen abzuschätzen, welche Arten besonders stark auf den Klimawandel reagieren werden. Arten, die ihre Körpertemperatur nur schlecht beeinflussen können, dürften demnach eher gezwungen sein, ihr Verbreitungsgebiet zu verlagern.
Sind andere Insekten ähnlich betroffen?
Als Nächstes möchte Ashe-Jepson untersuchen, ob sich diese Zusammenhänge auch bei anderen Insektengruppen finden. Entsprechende Daten zu Heuschrecken und Grillen werden bereits erhoben. So soll sich zeigen, ob die beobachteten Muster eine Besonderheit der Schmetterlinge sind oder sich auch auf andere Insekten übertragen lassen.
Unterstützt wurde die Untersuchung von der Verwaltung des Nationalparks Berchtesgaden.
Originalpublikation:
Esme Ashe-Jepson: Butterflies with low thermoregulatory capacity show greatest upwards range shifts along an elevational gradient. Communications Biology 9, 1002 (2026), DOI: 10.1038/s42003-026-10534-z.

18.08.2026, Paul Scherrer Institut (PSI)
Wie das «Einhorn der Meere» zu seiner Helix kam
Eine Narwal-Geschichte mit unerwarteter Wendung
Bis zu zwei Meter lang und in einer perfekten Spirale gewunden: Der Stosszahn des Narwals gehört zu den ungewöhnlichsten Strukturen im Tierreich. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Paul Scherrer Instituts PSI hat nun erstmals entschlüsselt, wie diese Helix im Inneren des Zahns angelegt ist – mit überraschender Wendung. Denn der nanometergrosse Aufbau dieser Spirale dreht sich nicht nur in eine, sondern in zwei entgegengesetzte Richtungen.
König Frederik III. wusste um die wahre Herkunft der Einhörner und entsandte im 17. Jahrhundert eine Expedition nach Grönland, um dem wertvollen Horn auf den Zahn zu fühlen. Denn die mythische Kreatur lebt dort in arktischen Gewässern und besitzt keine Hufe, sondern Flossen. Die Expedition war erfolgreich und bescherte dem dänischen Herrscher einen aus «Einhornhörnern» gefertigten Thron – und damit Prestige und Macht in Europa. Obwohl das sagenhafte Horn kein Horn ist, sondern «bloss» ein Zahn.
Ein Zahn allerdings, der im Tierreich ziemlich einzigartig ist. Denn während andere lange Zähne – etwa die Stosszähne von Elefanten, Walrossen oder auch die Schneidezähne von Bibern – eine Krümmung beschreiben, wächst der männliche Narwalzahn schraubenförmig nach vorne. Meist ist es der linke obere Eckzahn, der sich in einer eleganten Spirale gegen den Uhrzeigersinn dreht, die Oberlippe durchstösst und bis zu zwei Meter lang werden kann – mitunter bis zur Hälfte der Körperlänge des Tieres.
Genau dieses ungewöhnliche Wachstum weckte die Neugier eines internationalen und interdisziplinären Forschungsteams. Mithilfe modernster Röntgenmethoden wollten die Forschenden herausfinden, ob die Drehrichtung der sichtbaren Spirale bereits in der Anordnung ihrer nanometergrossen Bausteine angelegt ist.
Die Ergebnisse führten zu einer unerwarteten Wendung. Denn die Bausteine bilden zwei gegenläufige Helices – eine im Uhrzeigersinn und eine im Gegenuhrzeigersinn –, die sich zu einer äusserst stabilen Struktur verzahnen.
Die Untersuchungen wurden an drei Synchrotronanlagen in Europa durchgeführt: an der Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS am Paul Scherrer Institut in Villigen PSI, am MAX IV Laboratory in Lund (Schweden) sowie an der European Synchrotron Radiation Facility ESRF in Grenoble (Frankreich). Über ihre Resultate berichten die Forschenden nun in der Fachzeitschrift Nature Communications.
Ein Zahn wie Stahlbeton
So alt wie das Tier selbst, so alt ist auch sein Zahn: Narwalzähne wachsen ein Leben lang und können problemlos ein Alter von rund 70 Jahren erreichen. Wofür die Tiere ihre auffälligen Zähne genau einsetzen, bleibt jedoch Gegenstand von Spekulationen. Vieles deutet darauf hin, dass sie vor allem eine Rolle bei der Partnerwahl spielen. Gelegentlich lässt sich auch beobachten, wie Narwale ihre Zähne beim spielerischen «Degenkreuzen» mit Artgenossen einsetzen; Fortpflanzung und soziale Interaktion sind somit am wahrscheinlichsten.
Auch wenn über den Nutzen bislang wenig bekannt ist – über den inneren Aufbau dieser einzigartigen Zähne weiss man jetzt dagegen umso mehr. «Wie Knochen oder andere Zähne aus dem Tierreich ist auch der Narwalstosszahn ein komplexes Verbundmaterial, dessen Struktur sich von winzigen Nanobausteinen bis hin zur sichtbaren Form des gesamten Zahns erstreckt», sagt Marianne Liebi, PSI-Forscherin und Mitautorin der Studie.
Verbundmaterialien spielen nicht nur in der Natur eine wichtige Rolle. Ein klassisches Beispiel aus unserem Alltagsleben ist Stahlbeton: Beim Stahlbeton hält der Betonanteil – eine Mischung aus Zement und Sand – grossem Druck stand, während ein Stahlgeflecht für Zugfestigkeit und Stabilität sorgt. «Auch der Narwalstosszahn muss gleichzeitig hart und flexibel sein», erklärt Liebi. «Nur so kann er den starken Strömungskräften beim Schwimmen standhalten.»
Im Inneren des Narwalstosszahns dominiert ein vertrautes Material: Dentin – der gleiche Stoff, der auch den Kern unserer eigenen Zähne bildet. Aussen ist er von einer dünneren Schicht sogenannten Zahnzements umgeben, einem Gewebe, das bei anderen Säugetieren normalerweise nur an der Zahnwurzel vorkommt. Beide Gewebe enthalten feine Kollagenfasern, die durch winzige Mineralkristalle verstärkt sind. Tatsächlich wirken diese Fasern wie eine innere Armierung, während die Mineralkristalle dem Material seine Härte verleihen – ganz ähnlich wie beim Stahlbeton.
Und genau diese komplexe Architektur war die eigentliche Herausforderung der Studie. «Die Kollagenfasern und die Mineralkristalle befinden sich auf der Nanometerskala, während die Spirale des Zahns erst auf Zentimeter- und Meterlänge sichtbar wird», erklärt Marianne Liebi. Um beides miteinander zu verbinden und die Helix vom Nanometerbereich bis zur makroskopischen Form des Zahns sichtbar zu machen, griff das Forschungsteam zu einer besonderen Röntgentechnik: der Tensor-Tomografie.
Mit «Malen nach Zahlen» zu den Spiralen
Röntgenstrahlen kennt man auch vom Zahnarzt: Sie machen Zähne sichtbar, weil diese die Strahlung stärker absorbieren als das umliegende Gewebe. Auf dem Bild erkennt man gewissermassen den Schatten des Zahns.
Mit der Synchrotronstrahlung aus den drei europäischen Grossforschungsanlagen lässt sich jedoch weit mehr erkennen. Treffen diese speziellen Röntgenstrahlen auf regelmässig angeordnete Strukturen im Material, werden sie gestreut und erzeugen charakteristische Muster. «Aus diesen Mustern können wir berechnen, wie die nanometergrossen mineralisierten Kollagenfasern im Inneren des Materials ausgerichtet sind», erklärt Erstautor Adrian Rodriguez-Palomo. Er stiess als Doktorand an der Chalmers University of Technology in Schweden zum Projekt und führte die Studie später als Postdoktorand an der dänischen Universität Aarhus weiter.
Bei der Tensor-Tomografie wird der Zahn dabei im Synchrotronstrahl gedreht und Punkt für Punkt abgetastet. Dabei entsteht aus Millionen Messpunkten ein dreidimensionales Bild seiner inneren Architektur – von den winzigen Bausteinen im Nanometerbereich bis hin zur makroskopischen Form des gesamten Zahns.
Doch als das Team begann, die riesigen Datenmengen auszuwerten, erwartete sie eine Überraschung: Auf dem Bild erkannten sie… nichts. «Das hat uns ziemlich verwundert», erinnert sich Marianne Liebi. Mechanische Tests hatten eigentlich nahegelegt, dass sich die Spiralform bereits in den Kollagenfasern und den Mineralkristallen widerspiegeln müsste. «Doch statt einer Helix fanden wir nur ein gleichmässiges Muster.»
Die Lösung zeigte sich erst, als das Team quasi einen Schritt zurücktrat. Statt einzelne winzige Bildpunkte im dreidimensionalen Datensatz zu betrachten, konzentrierten sie sich nun auf deren räumliche Ausrichtung. «Als wir die Orientierung dieser Punkte zueinander verglichen, zeichnete sich eine Richtungstendenz ab», erinnert sich Palomo. «Jetzt mussten wir die Punkte nur noch miteinander verbinden – wie beim Kinderspiel «Malen nach Zahlen» – und plötzlich wurde die Struktur sichtbar: zwei ineinander verschlungene Spiralen.»
Von der Nanoskala zur makroskopischen Helix
Der genaue Blick in die Daten zeigte auch, wo diese beiden Spiralen im Zahn verborgen sind. Die äussere Schicht des Zahns, der sogenannte Zahnzement, bildet eine linksgängige Helix, während in seinem Inneren die mineralisierten Kollagenstrukturen im Dentin einer Spirale in entgegengesetzter Richtung folgen.
Diese gegenläufige Architektur ist kein Zufall, sondern ein raffiniertes Konstrukt der Natur. Zwei ineinander verschränkte Helices verleihen dem Stosszahn eine aussergewöhnliche Stabilität, ähnlich wie die verdrillten Fasern in einem Seil. Sie machen ihn besonders widerstandsfähig gegen Torsion und mechanische Belastung. Und sie sind es auch, die dem Zahn seine einzigartige gewundene Form verleihen – und damit sogar einem alten Mythos eine überraschende Wendung bescheren.
Die Studie ist Teil des von NordForsk geförderten Forschungsprojekts «Narwhal tusks – a tale with a twist». Sie wurde zudem durch das Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union im Rahmen des Marie-Skłodowska-Curie-Programms unterstützt. Unter der Leitung von Henrik Birkedal von der Universität Aarhus untersucht ein internationales und interdisziplinäres Team dabei nicht nur den Aufbau des Narwalzahns, sondern auch, wie sein Wachstum mit Umwelt- und Klimabedingungen zusammenhängt. Anhand seiner Wachstumsstrukturen – ähnlich den Jahrringen eines Baumes – lassen sich Rückschlüsse auf vergangene Umweltbedingungen in der Arktis ziehen, etwa auf Klima und Nahrungsangebot. In seinem fast hundertjährigen Leben schreibt jedes Narwalmännchen so gewissermassen seine eigene Umweltgeschichte in seinen Zahn.
Originalpublikation:
The narwhal tusk assembles its macroscopic helix from building blocks with opposing twists
Adrian Rodriguez-Palomo et al.
Nature Communications, 18.08.2026
DOI: 10.1038/s41467-026-75689-z

18.08.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Stille Verluste im Berliner Stadtwasser: Libellen und Amphibien gehen in Berlin dramatisch zurück
Eine neue Studie unter Leitung von Forschenden des Museums für Naturkunde Berlin zeigt: Die Bestände Berliner Libellen sind seit 1963 um mehr als die Hälfte zurückgegangen, die Bestände von Fröschen, Kröten und Molchen seit 1981 sogar um über drei Viertel. An der Studie waren zudem die Berliner Experten Falk Petzold und Klaus-Detlef Kühnel beteiligt, die die Datenreihen koordinieren. Die Studie, die innerhalb des von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt geförderten Projektes “Vielfalt verstehen – Natur erforschen und erleben” entstand, wurde in der Fachzeitschrift Global Change Biology Communications veröffentlicht.
Zwei Tiergruppen, ein gemeinsames Schicksal
Libellen und Amphibien leben doppelt: Als Larven im Wasser, als Erwachsene an Land. Genau diese Abhängigkeit von zwei Lebensräumen macht sie so empfindlich. Für die Studie werteten die Forschenden zwei umfangreiche, bislang unveröffentlichte Datensätze aus: die Berliner Libellendatenbank mit fast 24.000 Beobachtungen seit 1850 sowie den Berliner Amphibiendatensatz mit über 16.000 Einträgen seit 1970, zusammengetragen von Naturschutzverbänden und Fachgesellschaften. Einbezogen wurden 16 Gewässer, die über Jahrzehnte hinweg regelmäßig und vergleichbar untersucht worden waren: von Waldseen im Grunewald über Moorgewässer in Köpenick bis zu Teichen in Marienfelde und Tegel.
Das Ergebnis ist eindeutig: Zwischen 1963 und 2023 gingen die Libellenbestände im Mittel um 51 Prozent zurück. Bei den Amphibien war der Rückgang zwischen 1981 und 2022 mit 76 Prozent noch stärker.
„Dass beide Gruppen zurückgehen, überrascht angesichts des allgemeinen Trends beim Artenschwund leider nicht. Bemerkenswert ist aber, wie viel stärker die Amphibien betroffen sind“, sagt Silvia Keinath, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Museum für Naturkunde Berlin. „Frösche, Kröten und Molche sind deutlich weniger mobil als Libellen und daher besonders empfindlich, wenn Wanderwege zwischen Laichgewässern und Landlebensräumen durch Straßen, Bebauung oder trockenfallende Kleingewässer unterbrochen werden.“ Libellen dagegen können als gute Flieger leichter neue Gewässer besiedeln, bleiben aber ebenfalls anfällig für Veränderungen wie zu früh austrocknende Teiche und den Verlust geeigneter Lebensräume.
Ein neuer Blick auf städtische Artenvielfalt
Der Living Planet Index fasst die Entwicklung vieler einzelner Populationen zu einem einzigen Trendwert zusammen – ähnlich einem Aktienindex, der nicht die absolute Zahl der Tiere, sondern die durchschnittliche Veränderung ihrer Bestände abbildet. Damit lässt sich sichtbar machen, wie sich die Bestände verschiedener Arten über lange Zeiträume entwickeln, selbst wenn die zugrundeliegenden Daten lückenhaft und uneinheitlich erhoben wurden.
Trockene Teiche als Warnsignal
Ein Grund für die beobachteten Rückgänge könnte im wahrsten Sinne vor der Haustür liegen: Beim Abgleich mit aktuellen Berichten zu Berliner Kleingewässern stellte das Team fest, dass 36 der ursprünglich untersuchten Gewässer inzwischen komplett ausgetrocknet sind, etwa infolge sinkender Grundwasserstände und ausbleibender Niederschläge. Solche dauerhaft verschwundenen Gewässer konnten in die Berechnung des Index gar nicht mehr einfließen, weil keine durchgehende Zeitreihe mehr vorlag. Die tatsächlichen Verluste dürften deshalb sogar noch höher liegen, als es die Studie zeigt.
Stadtnatur braucht dauerhafte Beobachtung
Die Untersuchung reiht sich ein in ein wachsendes Engagement des Museums für Naturkunde Berlin für die Erforschung und den Erhalt der Berliner Stadtnatur. Erst 2024 hat ein Team des Museums berechnet, dass in Berlin seit dem Jahr 1700 rund 16 Prozent aller einst heimischen Arten bereits komplett verschwunden sind. Die aktuelle Studie ergänzt dieses Bild um eine zeitlich viel feinere Perspektive: Sie zeigt nicht nur, welche Arten verschwinden, sondern wie sich ihre Bestände über Jahrzehnte hinweg entwickeln – lange bevor eine Art ganz aus der Stadt verschwindet.
„Unsere Ergebnisse sind ein Werkzeug“, so Keinath. „Sie zeigen, dass sich Bestandstrends auch auf der Ebene einer einzelnen Stadt sinnvoll erfassen lassen. Vorausgesetzt, es gibt kontinuierliche, gut dokumentierte Langzeitdaten und diese werden auch zur Analyse zur Verfügung gestellt. Genau solche Daten sind in Berlin bislang selten, weil ein strukturiertes, dauerhaftes Biodiversitätsmonitoring fehlt.“ Das Museum für Naturkunde Berlin setzt sich dafür ein, ein solches Monitoring gemeinsam mit Naturschutzverbänden, Bürgerwissenschaftler:innen und der Stadt aufzubauen – auch als Beitrag zur „Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt 2030+“ des Landes Berlin.
Originalpublikation:
Keinath, S., Griesbaum, F., Sommerwerk, N., Petzold, F., Kühnel, K.-D., & Freyhof, J. (2026). Long-term population declines of habitat-shifting species in urban waters: A Living Planet Index approach for Berlin, Germany. Global Change Biology Communications 1(3), e70039. https://doi.org/10.1002/gcb4.70039

18.08.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Ein Geist aus der Vergangenheit: Seit zwei Jahrhunderten übersehene afrikanische Fledermaus in Europa entdeckt
Eine afrikanische Fledermaus, deren Vorkommen auf Sizilien fast zwei Jahrhunderte lang ein ungelöstes zoologisches Rätsel geblieben war, wurde nun auf der italienischen Insel Pantelleria durch ein Forschungsteam der Universität Neapel Federico II, des Museums für Naturkunde Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und des Nationalparks Pantelleria dokumentiert. Eine in Global Ecology and Conservation veröffentlichte Studie liefert den ersten belastbaren Nachweis der Ägyptischen Schlitznase (Nycteris thebaica) in Europa. Damit kommt nicht nur eine weitere Fledermausart zur europäischen Fauna hinzu, sondern erstmals auch ein Vertreter der Familie der Schlitznasen (Nycteridae).
Pantelleria ist Vulkaninsel im Sizilianischen Kanal zwischen Tunesien und Sizilien. Die Insel nimmt als Bindeglied zwischen Nordafrika und Europa eine biogeografische Schlüsselposition ein und hat sich bereits als wichtig für das Verständnis erwiesen, wie afrikanische Fledermäuse den zentralen Mittelmeerraum erreicht haben könnten.
„Manche zoologischen Nachweise sind nicht deshalb verloren, weil die Tiere verschwunden sind, sondern weil wir aufgehört haben, mit den richtigen Methoden nach ihnen zu suchen“, sagt Erstautor Danilo Russo von der Universität Neapel Federico II und dem Museum für Naturkunde Berlin. „Nycteris thebaica wurde bereits in der sizilianischen Literatur des 19. Jahrhunderts unter uneindeutigen Bezeichnungen erwähnt. Diesen Angaben fehlten jedoch Belegexemplare, genaue Fundortdaten oder diagnostische Beschreibungen. Fast zwei Jahrhunderte lang konnten wir diese historischen Nachweise weder bestätigen noch verwerfen.“
Die Ägyptische Schlitznase ist in Afrika südlich der Sahara weit verbreitet und besitzt zusätzlich ein lückenhaftes nördliches Verbreitungsgebiet in Nordafrika und dem Nahen Osten. Sie ist eine bodennah fliegende, an strukturreiche Lebensräume angepasste „Flüsterfledermaus“, die sehr leise, hochfrequente Echoortungsrufe aussendet. Diese Rufe lassen sich nur schwer aufzeichnen, wenn das Tier nicht sehr nah am Mikrofon vorbeifliegt. Daher kann die Art bei standardmäßigen akustischen Erfassungen leicht übersehen werden.
Nachdem das Team bei einem passiven akustischen Monitoring ungewöhnliche Fledermausrufe entdeckt hatte, führte es in der Nähe des ursprünglichen Aufnahmeortes eine gezielte Erfassung durch. Die Aufnahmegeräte wurden weniger als einen halben Meter über dem Boden angebracht und auf hohe Empfindlichkeit eingestellt, um die schwachen Rufe einer bodennah fliegenden Fledermaus erfassen zu können. So erhielten die Forschenden hochwertige Rufsequenzen, die der Ägyptischen Schlitznasenfledermaus zugeordnet werden konnten. Darunter waren sehr kurze, multiharmonische, frequenzmodulierte Echoortungsrufe, verschiedene Soziallaute sowie eine Sequenz, in der zwei Fledermäuse gemeinsam flogen.
„Diese Aufnahmen sprechen dagegen, dass es sich auf Pantelleria lediglich um ein einzelnes verirrtes Tier handelt“, erklärt Mirjam Knörnschild vom Museum für Naturkunde Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. „Das gemeinsame Auftreten zweier Fledermäuse und die Soziallaute deuten vielmehr auf eine kleine, bislang unentdeckte Population auf der Insel hin.“
Der Fund erklärt auch, warum die Art bei früheren Erfassungen übersehen wurde. Beim üblichen Fledermausmonitoring werden Mikrofone häufig in größerer Höhe über dem Boden angebracht. Zudem kommen oft Schwellenwerte für die automatische Auslösung von Aufnahmen zum Einsatz, die sehr schwache Signale möglicherweise nicht erfassen, oder automatisierte Arterkennungsprogramme, welche Arten nicht erkennen können, wenn diese in ihren Referenzbibliotheken fehlen. Die Studie auf Pantelleria zeigt, dass schwer nachweisbare Fledermäuse angepasste Erfassungsdesigns erfordern können, darunter bodennahe Mikrofone, empfindliche Aufnahmeeinstellungen und eine manuelle Durchsicht der Aufnahmen.
Aus biogeografischer Sicht stützt der Fund die Annahme, dass Pantelleria und die Inseln im Sizilianischen Kanal nordafrikanischen Fledermäusen als Trittsteine gedient haben könnten. Während früherer Meeresspiegeltiefstände waren die Strecken über offenes Wasser im zentralen Mittelmeer vermutlich kürzer und zwischen dem Maghreb und Sizilien lagen mehr Landflächen über dem Meeresspiegel. Dies könnte selbst Fledermäusen mit langsamem Flug die Besiedlung erleichtert haben.
„Unsere Studie macht aus einer historischen Ungewissheit eine Frage des Artenschutzes“, sagt Russo. „Während Nycteris thebaica auf Pantelleria offenbar lange unbemerkt überdauert hat, müssen wir nun die Größe dieser Population bestimmen, ihre Quartiere finden, untersuchen, ob die Art auch andernorts auf Sizilien oder den Inseln im Sizilianischen Kanal vorkommt, und klären, wie sie geschützt werden sollte.“
Künftige Arbeiten werden sich darauf konzentrieren, die Quartiere zu finden, die genetische Herkunft der Population auf Pantelleria zu bestätigen, ihre Größe abzuschätzen und mögliche Bedrohungen zu untersuchen, darunter Waldbrände und freilaufende Hauskatzen. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass gezielte akustische Erfassungen bislang übersehene Bestandteile regionaler Säugetierfaunen sichtbar machen können, insbesondere Randpopulationen leise rufender Fledermausarten.
Diese Forschungsarbeiten wurden vom Nationalpark Pantelleria, der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und der Heidehof Stiftung (Erforschung der Interaktion zwischen Biodiversität und Landwirtschaft) gefördert.
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1016/j.gecco.2026.e04377

20.08.2026, Universität Wien
Bislang größter Chromosomen-Vergleich tierischer Arten zeigt „evolutionäre Autobahnen“
Der Vergleich von 4.454 Tierarten zeigt, wie sich Chromosomen in den vergangenen 600 Millionen Jahren auf „evolutionären Autobahnen“ verbreitet haben
Ein Mensch, ein Oktopus und eine Koralle könnten kaum unterschiedlicher aussehen – doch tief im Inneren ihrer Zellen tragen ihre Chromosomen immer noch erkennbare Teile eines Genoms, das sie von einem tierischen Vorfahren geerbt haben, der vor mehr als 600 Millionen Jahren lebte. Eine aktuell in „Science Advances“ veröffentlichte Studie von Forscher*innen der Universität Wien kartiert, wie diese Fragmente in der Tierwelt neu gemischt wurden, und zeigt, dass sich tierische Genome entlang einer begrenzten Anzahl irreversibler „evolutionärer Autobahnen“ entwickeln. Die neuesten Erkenntnisse liefern eine wichtige Grundlage für den Erhalt der tierischen Artenvielfalt.
Alle lebenden Tiere haben einen gemeinsamen Vorfahren, der vor über 600 Millionen Jahren lebte. Seitdem haben sich ihre Chromosomen unzählige Male verschmolzen, geteilt und neu angeordnet. Heute sind Tausende von Tiergenomen sequenziert. In der aktuellen Studie hat sich ein internationales Team unter der Leitung von Wissenschafter*innen der Universität Wien erstmals daran gemacht, alle Genome auf Chromosomenebene zu vergleichen. „Das Verständnis dieser Regeln der Evolution gibt uns nicht nur Aufschluss über die Vergangenheit“, sagte Oleg Simakov, Professor an der Universität Wien und einer der Leiter der Studie. „Es ermöglicht uns auch, Fragen darüber zu stellen, wie die Genom-Evolution weiter verlaufen könnte, und wichtige Maßnahmen zum Erhalt der tierischen Artenvielfalt zu identifizieren.“
Die meisten sequenzierten Genome sind „Entwürfe“, die zeigen, welche Gene ein Tier besitzt, aber nicht, wie diese angeordnet sind. Bei sogenannten „chromosomalen Genomassemblierungen“ hingegen wird jedes Gen entlang vollständiger Chromosomen in die richtige Reihenfolge gebracht – diese sind wesentlich schwieriger zu erstellen. Erstmals wurden genügend Tiere auf diese Weise sequenziert, um einen Vergleich über die gesamte Tierwelt hinweg zu ermöglichen.
Der bislang größte Vergleich über den gesamten Stammbaum der Tiere hinweg
Das Team analysierte mehr als 5.800 öffentlich verfügbare Genome auf Chromosomenebene, das Sample umfasste 4.454 Arten aus 19 Tierstämmen – der bislang größte Vergleich dieser Art über den gesamten Stammbaum der Tiere hinweg. Die Wissenschafter*innen entwickelten ein neues Rahmenkonzept, das diese enorme Vielfalt auf einer einzigen Karte abbildet – die sogenannte evolutionäre Genomtopologie. Die Analyse zeigte, dass sich Genome nicht zufällig verändern: Stattdessen bewegen sie sich entlang „evolutionärer Autobahnen“ – eines Pfades, der durch Hunderte heutiger Arten offenbart wird, deren Genome Hinweise darauf liefern, dass sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit auf diese Autobahn aufgefahren sind oder sie wieder „verlassen“ haben.
„Zum ersten Mal können wir Tausende von Genomen auf einer einzigen Karte betrachten und die einzigartigen Wege nachverfolgen, auf denen sich die DNA der Tiere entwickelt hat. Betrachtet man die Karte als Ganzes, erhalten wir ein Bild der Muster, nach denen sich Tiergenome im Laufe der Zeit verändert haben“, sagte Darrin Schultz, der die Arbeit als Postdoktorand an der Universität Wien leitete und nun als Assistenzprofessor an der Lehigh University tätig ist. „Und wenn wir die Karte auf andere Weise falten, können wir vergleichen, wie verschiedene Tiergruppen unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, nachdem sie sich auf unterschiedliche evolutionäre Pfade verzweigt hatten.“
Im Zentrum dieser Muster steht ein Prozess, den das Team in einer früheren Studie(https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abi5884) als „Fusion-mit-Vermischung“ (fusion-with-mixing) bezeichnet hat: Wenn zwei Chromosomen verschmelzen, vermischen sich ihre Gene auf eine Weise, die nicht rückgängig gemacht werden kann, und hinterlassen so eine dauerhafte Spur. Da diese Veränderungen nur in eine Richtung verlaufen, dienen sie als zuverlässige Marker für eine gemeinsame Abstammung – ein Nachweis, der bereits genutzt wurde, um die Geschwistergruppe aller anderen Tiere aufzudecken.
Die Forscher*innen fanden heraus, dass Unterschiede in der Chromosomenzahl zwischen Tiergruppen entweder aus der Kombination von Chromosomen der Vorfahren oder aus deren Trennung resultieren und dass in beiden Fällen die „Fusion-mit-Vermischung“ die Abstammungslinien auf sehr unterschiedliche evolutionäre Pfade führt, die ähnlich wie bei den Autobahnen eine Umkehr oder beliebige Abfahrt (zumindest im Normalfall) nicht erlauben.
Große Tiergruppen verteilen sich mit der Zeit in der genomischen Landschaft
Da dieser Prozess nicht rückgängig gemacht werden kann, führt eine solche Abzweigung, sobald sie einmal stattgefunden hat, dazu, dass große Tiergruppen in unterschiedliche Regionen der genomischen „Landschaft“ eingeordnet werden. Im Laufe der Zeit prägt diese fortschreitende, einseitige Vermischung die divergierenden Wege der Tiergenom-Evolution und hinterlässt einen bleibenden Abdruck auf einer breiten Palette von Genen, darunter Schlüsselgene, die die Entwicklung oder Funktion der Organismen steuern.
Da die evolutionäre Genomtopologie nicht nur die DNA-Sequenz, sondern auch die Genomarchitektur vergleicht, bietet sie Forscher*innen die Möglichkeit, die wachsende Flut von Tiergenomen auf Chromosomenebene in ein gemeinsames Koordinatensystem zu überführen. Dies könnte dabei helfen, ungewöhnliche Abstammungslinien für eingehendere Untersuchungen zu priorisieren und zu prüfen, ob Chromosomenveränderungen mit Verschiebungen in der Genregulation, der Entwicklung oder der Artenvielfalt zusammenhängen.
Die neuen Erkenntnisse bringen reichen über die Evolutionsbiologie hinaus. Da einige Gruppen einzigartige, isolierte Regionen auf der Karte einnehmen – Abstammungslinien, deren Genomarchitektur keine engen Parallelen aufweist, wie beispielsweise bei Mücken, Glasschwämmen oder Regenwürmern –, könnte der Ansatz dazu beitragen, evolutionär einzigartige Gruppen zu identifizieren. Er kann auch genutzt werden, um mögliche zukünftige Richtungen der Genom-Evolution zu simulieren, und bietet so eine Möglichkeit zu untersuchen, wie sich die Artenvielfalt bei Tieren weiter verändern könnte.
Originalpublikation:
Schultz, D. T., Blümel, A., Destanović, D., Sarigol, F., & Simakov, O. (2026). Topological mixing and irreversibility in animal chromosome evolution. Science Advances.
DOI: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adz5561

20.08.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Studie an Bauernhofmäusen zeigt: Antibiotikaresistenzen sind auch ein ökologisches Problem, nicht nur ein medizinisches
Antibiotikaresistenzen bei Menschen und Nutztieren sind eine große gesundheitliche Herausforderung. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ legt offen, dass dieses Problem nicht an Krankenhaustüren oder Bauernhoftoren endet – vielmehr lassen sich Antibiotika-Resistenzgene (ARG) auch in Wildtieren nachweisen. Ein Team unter der Leitung des Leibniz-IZW und des Max Delbrück Centers konnte zeigen, dass wilde Mäuse auf Bauernhöfen circa 50 Prozent der ARG von Rindern, Schweinen oder Geflügel in sich tragen und dass unter anderem die Intensität der Tierhaltung maßgeblich bestimmt, welche und wie viele Resistenzgene in das Mikrobiom der Mäuse übertragen werden.
Für die Studie analysierten die Forschenden die Genome von Darm-Mikroorganismen aus einer großen Population von 875 wildlebenden Hausmäusen (Mus musculus) von Bauernhöfen in Deutschland. Dabei suchten sie nach Genen, die für Resistenzen gegen gängige Antibiotika verantwortlich sind und korrelierten das Vorkommen dieser ARG in den Mäusen mit einer Reihe von Umwelt- und Wirtsvariablen wie der Nutzung der Anbauflächen, der Nutztierdichte für Rinder, Schweine und Geflügel, dem Geschlecht und Körperzustand der Mäuse sowie mit klimatischen Variablen. Diese statistischen Auswertungen sollen erklären, welchen Einfluss diese Faktoren darauf haben, welche und wie viele ARG im Darm-Mikrobiom der Mäuse vorkommen. In einem zweiten Schritt verglichen die Resistenzprofile im Genom der Mäuse mit Resistenzgenen im Dung bzw. Mist von Nutztieren, deren Genominformationen aus anderen Projekten öffentlich zugänglich sind.
Die Hälfte der Resistenzgene der Nutztiere findet sich in Mäusen wieder
Frühere Studien wiesen nach, dass Gewässer in Städten und im Agrarland stark mit antibiotika-resistenten Bakterien belastet sind. Es war also für die Forschenden zu erwarten, dass sich in unmittelbarer Nähe zu größeren viehwirtschaftlichen Betrieben auch in Wildtieren Antibiotikaresistenzen nachweisen lassen würden. „Wir hatten jedoch keine Vorstellung davon, welche Ausmaße dieser Transfer von Resistenz in die Wildtiere haben könnte“, sagt Dr. Víctor Hugo Jarquín-Díaz vom Max Delbrück Center. „Wir haben eine gewisse Überschneidung erwartet, aber dass rund 50 Prozent der Resistenzgene aus den Kühen, Schweinen und Hühnern auch in unseren wildlebenden Mäusen wiederzufinden war, hat uns überrascht.“ Dies zeige, dass es viele ökologische Brücken zwischen den Menschen, den Nutztieren und den Wildtieren gibt und dass räumliche Nähe immer auch funktionale, ökologische Verflechtung bedeuten kann – und im Falle der antibiotikaresistenten Bakterien auch tut.
Darüber hinaus stellten die Forschenden fest, dass Umweltvariablen und die Intensität der Tierhaltung einen größeren Einfluss auf das spezifische Resistenzprofil im Darm-Mikrobiom einer wilden Bauernhofmaus haben als die Merkmale der Maus selbst. Wie Flächen in direkter Nähe zum Hof genutzt werden und welcher direkte und indirekte Kontakt zu Nutztieren sich dadurch ergibt, erklärt dreimal so gut, welche ARG in der Maus nachweisbar sind, als welches Geschlecht die Maus hat oder wie gesund sie ist. „Unsere statistischen Modelle zeigten auf, dass sich einzelne Faktoren sehr stark auf das Vorhandensein von einzelnen Resistenzgenen auswirken“, sagt Prof. Emanuel Heitlinger, der diese Studien an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) durchführte und jetzt Wissenschaftler am Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz (LUA) ist. „So steht die Besatzdichte von Schweinen in starkem Zusammenhang mit Resistenzgenen, die mit von Tierärzten und Viehzüchtern häufig eingesetzten Breitbandantibiotika im Zusammenhang stehen, wie beispielweise Sulfonamide, Tetracyclin oder Beta-Laktame.“ Es gebe also direkte, nachweisbare Auswirkungen von intensiver Nutztierhaltung auf spezifische Antibiotikaresistenzen in Wildtieren.
Antibiotikaresistenzen müssen ganzheitlicher analysiert, verstanden und bekämpft werden
Ökologische Konzepte sind bislang zu wenig in die Mikrobiomforschung eingebunden, so das Autorenteam. Die Studie zeige auf, dass es hochrelevante Zusammenhänge zwischen Wirten, Mikrobiomen, Resistenzgenen und räumlichen Umweltfaktoren gebe. „Wir konnten hier Pfade von Resistenzen über die Grenzen zwischen medizinischen oder agrarwirtschaftlichen Systemen hinweg in die Umwelt identifizieren“, sagt Prof. Stephanie Kramer-Schadt, Abteilungsleiterin am Leibniz-IZW und Professorin an der Technischen Universität Berlin. „Antibiotikaresistenz ist kein isoliertes, medizinisches Problem, sondern ein systemisches ökologisches Phänomen. Unsere Forschungen sind der erste Ansatz einer klaren ‚Landkarte‘ dafür, wie von Menschen stark genutzte und geprägte Ökosysteme die Entwicklung von Mikroorganismen in der Umwelt beeinflussen.“ Das Monitoring von Resistenzen müsse sich daher ausweiten und von der Fixierung auf klinische oder Nutztier-Kontexte lösen, so das Team. Wildtiere und natürliche Ökosysteme könnten eine große Unbekannte in dieser Gleichung sein und ungeahnte Reservoire für Antibiotikaresistenzen darstellen.
Originalpublikation:
Gicquel M, Planillo A, Heitlinger E, Forslund-Startceva SK, Kramer-Schadt S, Ferreira SCM, Jarquín-Díaz V (2026): Farming practices exert selection pressures on the resistome of natural populations of house mice. Nat Commun 17, 7848 (2026). DOI: 10.1038/s41467-026-76403-9

20.08.2026, Leibniz-Institut DSMZ, Julius Kühn-Institut (JKI) und Bienenschutz Stuttgart e. V.
Die Wildbienen besser schützen – Neue Impulse der Wildbienenforschung
Der Bienenschutz Stuttgart fördert ein zukunftsweisendes Forschungsprojekt der DSMZ und des JKI zur Entschlüsselung des Wildbienen-Mikrobioms.
Mehr als 600 Wildbienenarten sichern in Deutschland als unverzichtbare Bestäuber die biologische Vielfalt. Doch die Insekten stehen unter massivem Druck durch Lebensraumverlust, intensive Landwirtschaft und Klimawandel. Ein bislang wenig untersuchter Faktor für ihre Gesundheit und Entwicklung könnte im Mikrobiom der Tiere liegen. Der Bienenschutz Stuttgart e. V. unterstützt deshalb ein gemeinsames Forschungsvorhaben des Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH und des Julius Kühn-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, um die fundamentale Rolle von Hefen und anderen Pilzen im Leben von Wildbienen aufzuklären. Der Verein stellt hierfür eine Fördersumme von 2.000 Euro bereit.
Die wissenschaftliche Herausforderung
Mikroorganismen gehören zu den wenig erforschten Komponenten im Ökosystem der Wildbienen. Das neue Forschungsprojekt soll systematisch aufdecken, welche konkreten Funktionen Pilze für die Larvenentwicklung, Ernährung und Immunabwehr von Wildbienen übernehmen. Zudem untersuchen die Forschenden, wie Hefen und andere Pilze durch ihre Stoffwechselaktivitäten dazu beitragen, dass spezialisierte Wildbienenarten ein eingeschränktes Spektrum bestimmter Pollenquellen als Nahrung nutzen können.
Prämiertes Fundament der Zusammenarbeit/der Forschung
Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist eine jüngst im Fachjournal Basic and Applied Ecology publizierte Arbeit (1) zum Pilzmikrobiom der Großen Weidensandbiene (Andrena vaga). Die gemeinsamen Untersuchungen der Braunschweiger Forschungsinstitute DSMZ und Institut für Bienenschutz lieferten erstmals starke Indizien dafür, dass spezifische Hefen gezielt zwischen den Bienengenerationen weitergegeben werden. „Unsere Daten deuten darauf hin, dass diese Mikroorganismen eine Art Schutzfunktion übernehmen: Sie machen Pollenvorräte haltbar, entgiften potenziell schädliche Pflanzeninhaltsstoffe und schützen die empfindliche Brut vor möglichen Krankheitserregern oder Schädlingen“, erklärt Dr. Hanna Gardein, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bienenschutz. Für diese Entdeckung wurde die zugrunde liegende Studie mit dem BAAE Best Student Paper Award 2025 der renommierten Gesellschaft für Ökologie ausgezeichnet (2).
Langfristige Erhaltung von Bioressourcen
Das aktuelle Projekt weitet die Untersuchungen nun auf mehrere spezialisierte und unspezialisierte Wildbienenarten aus. Untersucht werden Proben entlang der gesamten Entwicklungskette: vom Pollenvorrat über Ei und Larve bis hin zur erwachsenen Wildbiene. Die isolierten Hefen und Pilze werden im Labor kultiviert und mittels moderner mikrobiologischer sowie molekularbiologischer Verfahren identifiziert. Ein entscheidender Mehrwert für die weltweite Forschung: Alle neu gewonnenen Mikroorganismen-Stämme werden dauerhaft in der Sammlung des Leibniz-Institut DSMZ hinterlegt. Damit stehen sie der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft langfristig für die Forschung zur Verfügung. „Mit unserer Förderung möchten wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, innovative Forschung zu unterstützen, die neue, praxisnahe Perspektiven für den Schutz von Wildbienen und anderen Hymenopteren eröffnet und zugleich langfristig nutzbares Wissen für die Wissenschaft schafft“, erklärt Dr. Maike Khosrawi vom Verein Bienenschutz Stuttgart e. V.. Der Verein, der von 25 engagierten Privatpersonen getragen wird und unter anderem die Stuttgarter Wespen-Bürgerberatung sowie die Initiative der Stuttgarter Sensenschwinger organisiert, vergibt seine Forschungsförderung im Jahr 2026 bereits zum zweiten Mal. Ziel ist es, den Austausch zwischen akademischer Forschung und praktischem Naturschutz zu stärken und wissenschaftliche Erkenntnisse schneller für konkrete Schutzmaßnahmen nutzbar zu machen.
Neue Perspektiven für Wildbienengesundheit und Artenschutz
„Die gewonnenen Daten und die isolierten Stämme der Hefen und Pilze schaffen eine wichtige Grundlage, um die Bedeutung dieser Mikroorganismen für Ernährung, Entwicklung und Gesundheit von Wildbienen experimentell zu untersuchen. Dies ist zugleich ein wichtiger Schritt, um künftig besser zu verstehen, wie die mit Wildbienen assoziierten mikrobiellen Gemeinschaften die Auswirkungen anthropogener Umweltfaktoren auf Wildbienen abmildern können und welche Bedeutung dies für das Überleben und den Erhalt der Vielfalt von Wildbienen haben könnte“, erklärt Dr. Andrey Yurkov, Leiter der Arbeitsgruppe Pilze und Pilzsystematik des Leibniz-Institut DSMZ.
Literatur/Quelle:
1) www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1439179125000313
2) https://gfoe.org/en/gfoe-awards/baae-best-student-paper-award

21.08.2026, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Kiefer von Seehunden schon kurz nach der Geburt voll funktionsfähig
Zoologinnen der Uni Kiel haben anhand von mehr als 150 Individuen das Skelettwachstum atlantischer Seehunde analysiert.
Die Ergebnisse belegen, dass der Kauapparat der Tiere in den ersten Lebensjahren sehr rasch wächst. Dabei kommt es jedoch nicht wie bei landlebenden Räubern zu einer sprunghaften Zunahme der Beißkraft nach der Säugephase.
Grund dafür ist, dass die Tiere aufgrund ihrer aquatischen Lebensweise sehr rasch dazu in der Lage sein müssen, Fische und andere Meeresbewohner zu fressen. Da sie ihre Nahrung nicht kauen, sondern meist in Gänze verschlucken, ist dafür keine hohe Beißkraft erforderlich.
Vor rund 25 Millionen Jahren haben atlantische Seehunde den Lebensraum Ozean erobert: Sie stammen ursprünglich von Landsäugetieren ab, vermutlich von einem marderartigen Vorfahren. Daher haben sie keine Kiemen, sondern Lungen, und verbringen einen Teil ihres Lebens auf Sandbänken oder Küstenstreifen. Gleichzeitig sind sie ausgezeichnete Schwimmer und jagen ausschließlich im Meer.
Ihr Lebensraum erfordert, dass sie frühzeitig selbstständig werden. So können sie direkt nach der Geburt schwimmen und tauchen. Die Jungtiere werden zwar einige Wochen von der Mutter gesäugt, sie nehmen aber zusätzlich sehr schnell feste Nahrung wie kleine Fische oder Krebse zu sich. „Bei den meisten landlebenden Raubtieren ist das anders“, betont Prof. Dr. Christine Böhmer (Arbeitsgruppe Zoologie und Funktionsmorphologie der Vertebraten) vom Zoologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). „Bei ihnen erfolgt irgendwann ein relativ scharfer Wechsel von flüssiger zu fester Nahrung.“
152 Skelette exakt vermessen
Dieser Wechsel geht in der Regel mit einer abrupten Erhöhung der Beißkraft einher – schließlich müssen die Jungtiere ihre Beute nun packen und zerkleinern. „Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass das bei atlantischen Seehunden anders sein müsste“, sagt Böhmer. „Bislang gab es aber nicht genügend Daten, um diese Frage zu beantworten.“
Zusammen mit ihren Studierenden Elisabeth Steinbach und Julia Schaar hat sie diese Wissenslücke nun geschlossen. „Hierfür haben wir 152 Seehund-Skelette, die alle von der Nordseeküste Schleswig-Holsteins stammen, exakt vermessen, jeweils zur Hälfte männliche und weibliche Individuen“, erklärt die Zoologin. „Unser Augenmerk lag dabei besonders auf den Kieferknochen der Tiere.“
Die Arbeitsgruppe konnte so nachweisen, dass der Kauapparat der Tiere in den ersten Lebensjahren rasch wächst. Die biomechanischen Analysen zeigen jedoch, dass sich die Beißkraft in dieser Zeit nur unwesentlich vergrößert. Die Kiefer sind also bereits kurz nach der Geburt ähnlich funktionsfähig wie bei ausgewachsenen Individuen. Das liegt auch daran, dass Seehunde keine besonders große Beißkraft benötigen. Zudem fehlen ihnen die für Landraubtiere typischen Reißzähne. Sie kauen ihre Nahrung nicht – dazu sind ihre Backenzähne strukturell kaum in der Lage. Stattdessen packen sie ihre Beute und schlucken sie dann in Gänze hinunter. „Sie sind sogar dazu in der Lage, einen Sog zu erzeugen, mit dem sie kleine Fische und Krebse in ihr Maul saugen“, sagt Böhmer.
Kiefer weiblicher Tiere wächst schneller, aber nicht so lange
Die Analyse ergab zudem, dass der Kiefer bei weiblichen Tieren schneller wächst als bei männlichen. Dafür endet das Wachstum aber früher. Das dürfte damit zu tun haben, dass Weibchen bereits mit vier Jahren ihre Geschlechtsreife erlangen. Da Schwangerschaften und Geburten viel Energie und Nährstoffe verbrauchen, stagniert ihr Wachstum. Männchen erreichen dagegen erst mit sieben bis neun Jahren ihre Maximalgröße. So lange wächst auch ihr Kiefer noch weiter.
Es ist das erste Mal, dass das Wachstum des Kauapparates bei atlantischen Seehunden im Detail dokumentiert wurde. Die Ergebnisse erlauben es nun, Totfunde auf Abweichungen von der Norm zu untersuchen. Diese können zum Beispiel aufgrund von Krankheiten auftreten, aber auch, wenn sich die ökologische Nische der Seehunde ändert – etwa aufgrund des Klimawandels.
Originalpublikation:
Steinbach, E., Schaar, J., & Böhmer, C. (2026). Postnatal craniomandibular growth in Harbor seals (Phoca vitulina vitulina). The Anatomical Record, ar.70296. https://doi.org/10.1002/ar.70296

21.08.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Wendige Spürnase, winzige Akrobatin oder rasante Fliegerin – wer gewinnt? Deutsche Wildtier Stiftung ruft zur Wahl zum Tier des Jahres 2027 auf
Wenn wir Menschen schlafen gehen, werden sie erst richtig wach: Nachtaktive Säugetiere nutzen den Schutz der Dunkelheit, um auf die Jagd zu gehen, sich zu paaren, ihre Nester zu bauen und sich um den Nachwuchs zu kümmern. Dadurch geraten sie leicht aus unserem Blick – und oft auch aus unserem Bewusstsein. „Nachtaktive Tierarten leben im Verborgenen, ihr möglicher Rückgang bleibt daher häufig unentdeckt. Mit der Wahl zum Tier des Jahres 2027 holen wir diese Tiere ins Rampenlicht“, sagt Lea-Carina Hinrichs, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung.
Die Stiftung stellt jedes Jahr drei Säugetiere zur Wahl, auf die sie besonders aufmerksam machen möchte – zum Beispiel, weil sie oder ihr Lebensraum bedroht sind. Für 2026 machte der Rothirsch das Rennen, für 2027 fällt die Entscheidung zwischen drei nachtaktiven Arten. Ihr Schutz beginnt mit dem Erhalt ihrer Lebensräume: Es braucht dunkle Korridore, entlang derer die Tiere sich geschützt bewegen können. Auch Landschaften mit vielfältigen Strukturen wie alten Bäumen, die tagsüber sichere Verstecke bieten, sind entscheidend. Genauso wie insektenreiche Wiesen als ergiebige Nahrungsquelle. All das gibt es immer seltener. „Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, wie viel Leben in der Dunkelheit der Nacht steckt – und es schützen, damit es nicht verschwindet“, sagt Hinrichs.
Vom 21. August bis 2. Oktober gibt es die Möglichkeit, online die Stimme für eines der drei Tiere abzugeben. Das sind die Kandidaten für den Titel „Tier des Jahres 2027“:
Der Waldiltis: Er ist der größte heimische Vertreter der Wieselverwandten. Der Waldiltis hat ein dunkles Fell mit einer hellen Unterwolle und trägt eine helle Gesichtsmaske. Sein schlanker Körper mit den kurzen Beinen ermöglicht es ihm, selbst enge Verstecke und Höhlen seiner Beutetiere zu erreichen. Als überwiegend nachtaktiver Jäger verlässt er sich dabei vor allem auf seinen feinen Geruchs- und Gehörsinn. Er frisst Reptilien, Amphibien, Vogeleier, Insekten und Baumfrüchte. Einen Teil seiner Beute lagert er in Vorratskammern in seinem Bau. Der Waldiltis bewohnt struktur- und wasserreiche Landschaften mit Hecken, Wiesen und dichtem Unterwuchs, die ihm Schutz und reichlich Nahrung bieten. Doch durch die zunehmend intensive Landnutzung gibt es immer weniger dieser Lebensräume, und auch der Straßenverkehr gefährdet die wendige Spürnase.
Die Zwergmaus: Sie ist kaum größer als ein Daumen und damit die kleinste Maus Europas. Sie ist vor allem dämmerungs- und nachtaktiv. Ihr Fell ist ocker- bis rotbraun. Mit ihrem langen Greifschwanz klettert die winzige Akrobatin geschickt durch hohe Gräser, Schilf und Getreide. Hier baut sie ihre kugelförmigen, tennisballgroßen Nester, meist in einer Höhe von etwa einem Meter über dem Boden. Auf dem Speiseplan der Zwergmaus stehen Pflanzensamen und Körner, junge Triebe, Kräuter, Früchte und Beeren sowie Insekten. Ihre Fortpflanzungszeit reicht vom Frühjahr bis in den Herbst, mit meist zwei bis drei Würfen pro Jahr. Die jeweils zwei bis sieben Jungen wiegen bei der Geburt nur etwa ein Gramm – weniger als eine 1-Cent-Münze. Intensive Landwirtschaft und häufige Mahd machen der Zwergmaus zu schaffen. Mit dem Verlust strukturreicher Feuchtwiesen schwinden ihre Lebens- und Rückzugsräume.
Die Fransenfledermaus: Sie verdankt ihren Namen den krummen Borsten an ihrer Schwanzflughaut, die dadurch wie ausgefranst aussieht. Mithilfe der aufgespannten Haut erbeutet sie ihre Nahrung im Flug oder sammelt sie geschickt von Blättern, Ästen oder dem Boden auf. Dank Echoortung findet sie Insekten, Spinnen und andere kleine Gliederfüßer auch in der Finsternis. Die rasante Fliegerin bevorzugt strukturreiche Wälder, Streuobstwiesen, Parks und gewässernahe Landschaften. Im Sommer nutzt sie Baumhöhlen, Gebäude oder Fledermauskästen als Quartiere, im Winter unterirdische Verstecke und Höhlen. Die Fransenfledermaus gilt in Deutschland zwar derzeit als ungefährdet, hat es aber zunehmend schwer: Mit dem Rückgang der Insektenbestände schwindet ihre Nahrungsgrundlage und moderne Gebäude bieten weniger geeignete Quartiere.
Wer mitbestimmen möchte, welches der drei nachtaktiven Säugetiere das Tier des Jahre 2027 wird, volljährig und in Deutschland gemeldet ist, kann bis zum 2. Oktober 2026 sein Kreuzchen setzen. Hier geht es zur Online-Wahl: www.DeutscheWildtierStiftung.de/WahlTierdesJahres

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