Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

20.04.2026, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Wie Vielzelligkeit auch ohne direkten Vorteil entstehen konnte
Eine theoretische Studie mit Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie zeigt, dass sich vielzelliges Leben unter bestimmten ökologischen Bedingungen auch dann etablieren kann, wenn das Leben im Zellverband zunächst keinen unmittelbaren Vorteil bietet.
Auf den Punkt:
• Die Studie zeigt in einem mathematischen Modell, dass sich Vielzelligkeit auch ohne direkte Vorteile gegenüber einzelligen Vorfahren entwickeln kann.
• Entscheidend sind dabei indirekte ökologische Effekte in räumlich heterogenen Umwelten – etwa das Entkommen aus Konkurrenz oder die bessere Nutzung ressourcenreicher Lebensräume.
• Je nach Bedingungen kann das im Modell entweder zur Verdrängung der ursprünglichen einzelligen Lebensweise oder zum Nebeneinander mehrerer Lebenszyklen führen.
Wie aus einzelligen Organismen vielzelliges Leben entstehen konnte, gehört zu den grundlegenden Fragen der Evolutionsbiologie. Lange galt es als naheliegend, dass frühe Zellverbände dafür einen direkten Vorteil gegenüber einzeln lebenden Zellen gehabt haben müssen. Doch dafür gibt es bislang keine klaren Hinweise.
Eine neue theoretische Studie mit Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie untersucht nun, ob sich Vielzelligkeit auch ohne einen solchen unmittelbaren Vorteil etablieren kann. Die Antwort lautet: ja – jedenfalls unter bestimmten ökologischen Bedingungen.
Die Forschenden entwickeln dafür ein mathematisches Modell, in dem eine seltene vielzellige Lebensweise mit einer häufigen einzelligen Vorfahrenform konkurriert. Beide bewegen sich zwischen zwei unterschiedlichen, miteinander verbundenen Umwelten. In diesem Rahmen kann sich Vielzelligkeit auch dann ausbreiten, wenn das Leben in der Gruppe lokal betrachtet zunächst nachteilig ist.
Das Modell beschreibt zwei mögliche Mechanismen. Im ersten Fall entgehen vielzellige Gruppen der Konkurrenz, weil sie sich in Bereiche verlagern, die von den einzelligen Vorfahren weniger stark genutzt werden. Im zweiten Fall profitieren sie davon, dass sie besonders ressourcenreiche Umwelten im Durchschnitt besser erschließen.
Der mögliche Vorteil liegt damit nicht zwingend im direkten Vergleich zwischen Einzelzelle und Zellgruppe am selben Ort. Er kann auch daraus entstehen, dass Gruppen anderen ökologischen Bedingungen ausgesetzt sind. Die Studie lenkt den Blick damit auf die Rolle der Umwelt bei der Entstehung evolutionärer Neuerungen.
Als Fallbeispiel übertragen die Forschenden ihren Ansatz auf den proterozoischen Ozean, also auf einen Abschnitt der Erdgeschichte, in dem mehrere vielzellige eukaryotische Linien entstanden sein dürften. Auch dort legt das Modell nahe, dass ökologische Konstellationen zur Etablierung früher vielzelliger Formen beigetragen haben könnten.
Die Arbeit liefert damit keine direkte historische Rekonstruktion, wohl aber einen theoretischen Rahmen für die Frage, unter welchen Bedingungen Vielzelligkeit entstehen konnte.
Originalpublikation:
Direct benefits are not necessary for the evolution of multicellularity (2026)
Daniel Jorge, Merlijn Staps, Yuriy Pichugin, Corina E. Tarnita
Nature Ecology & Evolution
10.1038/s41559-026-03044-y

20.04.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Der Rückgang großer Säugetiere verändert den Nährstoffkreislauf in afrikanischen Savannen – mit Folgen für Kaulquappen
Eine neue Studie unter der Leitung von Forschenden des Museums für Naturkunde Berlin zeigt, wie der Verlust großer Säugetiere unerwartete Auswirkungen auf Ökosysteme haben kann und sogar Amphibienlarven in temporären Tümpeln beeinflusst. Mit ihrer zwei Jahrzehnte umfassende Untersuchung von Veränderungen in der Nährstoffdynamik zeigen die Forschenden, dass der Rückgang großer Pflanzenfresser mit einer ökosystemweiten Reduktion der Stickstoffisotopenwerte in aquatischen Lebensräumen einherging. Die Studie unterstreicht, das große Säugetiere eine entscheidende Rolle bei der Vernetzung von Ökosystemen spielen und Störungen kaskadenartig über die Grenzen von Ökosystemen hinweg wirken können.
„Wir wollten zunächst untersuchen, ob Veränderungen im Lebensraum und in der Zusammensetzung der Amphibienarten, die wir in einer Vorgängerstudie nachgewiesen hatten, zu Veränderungen in der Ernährung von Kaulquappen führen würden“, erklärt Dr. Mark-Oliver Rödel vom Museum für Naturkunde Berlin. Um dies zu erforschen, analysierte das Team die stabilen Stickstoff- und Kohlenstoffisotope in den Kaulquappen des Comoé Nationalpark im Norden der Elfenbeinküste – eine Methode, um Nahrungsnetze und Nährstoffflüsse zu verstehen. Als Ulrich Struck, Leiter des Labors für stabile Isotope am Museum für Naturkunde Berlin, die Daten zum ersten Mal sah, fiel ihm sofort ein unerwartetes Muster auf: ein genereller Abfall der Stickstoffwerte.
Nick Ewald, Erstautor der Studie, erklärt: „Wir beobachteten nicht nur artspezifische Reaktionen. Vielmehr stellten wir einen systemischen Rückgang der Stickstoffisotopenwerte bei allen Kaulquappen fest.“ Tatsächlich zeigt die Studie einen deutlichen Rückgang der Stickstoffisotopenwerte bei verschiedenen Kaulquappenarten nach dem durch Wilderei bedingten Rückgang der großen Pflanzenfresser. Dies deutet auf eine generelle Veränderung der Nähstoffverfügbarkeit an der Basis der Nahrungskette hin und nicht auf Veränderungen im Fressverhalten einzelner Kaulquappen.
Guillaume Demare, Co-Erstautor, hebt die potenziellen Auswirkungen hervor: „Eine solche systemische Veränderung kann bedeutsam sein. Niedrigere Stickstoffisotopenwerte könnten auf Stickstoffmangel in diesen Ökosystemen hinweisen. Obwohl wir weitere Daten benötigen um dies zu bestätigen, gibt es Anlass zur Sorge für die Entwicklung von Kaulquappen.“
Die Veränderungen könnten wichtige Folgen haben. In temporären Savannengewässern müssen Kaulquappen schnell wachsen um sich zu Fröschen umzuwandeln bevor das Gewässer austrocknet. Sinkt die Nährstoffqualität, verlangsamt sich das Wachstum, wodurch die Überlebenschancen sinken. Die Studie unterstreicht, das große Säugetiere eine entscheidende Rolle bei der Vernetzung von Ökosystemen spielen können. In dem sie Nährstoffe verteilen, verbinden sie terrestrische und aquatische Lebensräume. „Unsere Arbeit zeigt, dass große Säugetiere nicht nur für terrestrische Ökosysteme wichtig sind“, so das Fazit der Autoren. „Sie tragen auch zum Erhalt aquatischer Systeme bei. Verschwinden sie, können die Auswirkungen über die Grenzen von Ökosystemen hinausreichen.“
Originalpublikation:
Ewald, N., G. Demare, J. Glos, U. Struck & M.-O. Rödel (2026): Shift of nitrogen and carbon stable isotopes in temporary pond tadpoles following the decline of large mammalian herbivores. – Ecology and Evolution, 16: e73508
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.73508

21.04.2026, Universität Wien
Arten und Sprachen weltweit durch Folgen des europäischen Kolonialismus bedroht
Inselregionen sind besonders gefährdet
Menschliche Aktivitäten prägten schon immer sowohl die biologische als auch die kulturelle Vielfalt. Ein internationales Team unter Leitung der Universität Wien hat nun untersucht, welchen Zusammenhang es zwischen der Bedrohung von Arten und der von Sprachen gibt. Sprachwissenschafter und Biodiversitätsforscher identifizierten dabei einen gemeinsamen Schlüsselfaktor: den europäischen Kolonialismus. Die Studie ist aktuell im Fachmagazin People and Nature erschienen.
Rund eine Million Arten und fast 50 Prozent der Sprachen weltweit sind vom Aussterben bedroht. Ein Team aus Forschenden an der Universität Wien hat die Anzahl bedrohter Tierarten und Sprachen länderübergreifend erfasst und globale Hotspots identifiziert, an denen beide besonders gefährdet sind. In einem zweiten Schritt untersuchten sie die aktuellen und historischen Faktoren, die diese Bedrohungsmuster prägen.
Hotspots bedrohter biokultureller Vielfalt (Arten und Sprachen) finden sich insbesondere auf Inseln in Ozeanien und Ostasien wie Neuseeland, Japan oder Taiwan. Hotspots der Tiergefährdung finden sich auch in anderen (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, während die Sprachgefährdung stärker auf Amerika, das südliche Afrika und Australien konzentriert ist.
Europäischer Kolonialismus ist gemeinsamer Schlüsselfaktor in der Bedrohung
Trotz unterschiedlicher Hotspots für die Gefährdung zeigen die Ergebnisse eine auffällige Gemeinsamkeit: „Über die erwarteten aktuellen Ursachen für den Verlust der biokulturellen Vielfalt hinaus zeigten unsere Modelle, dass der europäische Kolonialismus einen bleibenden Einfluss auf die Gefährdung von Sprachen und Arten hinterlassen hat“, sagt Biodiversitätsforscher und Studienleiter Bernd Lenzner von der Universität Wien.
Regionen, die früher von einer oder mehreren europäischen Mächten besetzt waren, weisen die höchste Gefährdung sowohl für biologische als auch für sprachliche Vielfalt auf. „Dieser Effekt wird umso ausgeprägter, je länger ein bestimmtes Land unter kolonialer Besatzung stand“, ergänzt Lenzner. Der europäische Kolonialismus führte zu tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, etwa durch Ausbreitung invasiver Arten, eingeschleppten Krankheiten und gewaltsamen Konflikten mit lokalen Gemeinschaften.
Inselregionen sind besonders gefährdet
„Inseln sind besonders anfällig für den Verlust sowohl von Arten als auch von Sprachen“, sagt Sprachwissenschafter und Seniorautor Hannes Fellner von der Universität Wien und fügt hinzu: „Aufgrund ihrer geringen Größe sind Artenpopulationen anfälliger für Störungen durch invasive Arten oder den Verlust von Lebensräumen. Ebenso sind Sprachgemeinschaften auf Inseln oft kleiner, mit weniger aktiven Sprecher*innen pro Sprache. Zudem wandern jüngere Generationen zunehmend ab, was den Druck auf die sprachliche Vielfalt erhöht.“
Fortschreitende Globalisierung zeigt Relevanz der aktuellen Ergebnisse
Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, wie wichtig es ist, die historischen Auswirkungen menschlichen Handelns zu verstehen. „Die Auswirkungen des kolonialen Erbes prägen nach wie vor sowohl Natur- als auch Kulturlandschaften und beeinflussen die Diversitätsmuster, die wir heute beobachten“, fasst Bernd Lenzner zusammen. Hannes Fellner ergänzt: „Diese Erkenntnisse sind im Kontext der fortschreitenden Globalisierung von großer Relevanz, wo ähnliche – oder sogar noch intensivere – großräumige Eingriffe in Kultur- und Umweltsysteme langfristige Folgen haben können, die noch nicht vollständig absehbar sind.“
Zusammenfassung:
• Ein internationales Team unter Leitung der Uni Wien hat globale Hotspots in der Bedrohung von Arten und Sprachen identifiziert.
• Hotspots bedrohter biokultureller Vielfalt (Arten und Sprachen) finden sich insbesondere auf Inseln in Ozeanien und Ostasien wie Neuseeland, Japan oder Taiwan.
• Hotspots der Tiergefährdung finden sich auch in anderen (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, während die Sprachgefährdung stärker auf Amerika, das südliche Afrika und Australien konzentriert ist.
• Ein gemeinsamer Schlüsselfaktor in der Gefährdung von Arten und Sprachen ist der europäische Kolonialismus.
• Je länger diese europäische Besetzung andauerte, umso ausgeprägter die Bedrohung.
Originalpublikation:
Lenzner B, Baumann A, Norder S, Essl F, Fellner H (2026) Legacy effects of European colonialism on hotspots of biocultural diversity threat. People and Nature.
DOI: 10.1002/pan3.70308
https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.70308

23.04.2026, Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen
Sieben neue Wildbienenarten für Niedersachsen entdeckt. 3 der 7 Erstnachweise erbrachte das Julius Kühn-Institut
Kürzlich wurden Nachweise von insgesamt 40 bemerkenswerten Wildbienenarten für das Bundesland Niedersachsen unter der Federführung der Biologischen Schutzgemeinschaft (BSG) in der Vereinigung für Umwelt- und Naturschutz zu Göttingen e.V. zusammengetragen und als Studie in der Zeitschrift „Artenfocus Niedersachsen“ veröffentlicht. Darunter waren sieben Erstnachweise. Drei der Erstnachweise stammen von Forschenden des Julius Kühn-Instituts für Bienenschutz in Braunschweig.
„Die Erstnachweise in Niedersachsen von Hylaeus punctatus (Brullé, 1832), Lasioglossum puncticolle (Morawitz, 1872) und Tetralonia macroglossa (Illiger, 1806) stammen aus dem Bienenschutzinstitut des JKI“, sagt Henri Greil vom JKI. Er hat mit seinem Team im Rahmen des BeesUp-Projektes und mit dem Langzeit-Fangschalenmonitoring des JKI im Stadtgebiet, zwei der bisher in Niedersachsen nicht vorkommende Arten gefunden, nämlich die Runzelwangige Schmalbiene (Lasioglossum puncticolle) und die Grobpunktierte Maskenbiene (Hylaeus punctatus). Einem Kollegen gelang der Erstnachweis der Malven-Langhornbiene (Tetralonia macroglossa) auf dem Gelände des JKI am Messeweg-Braunschweig.
Für die sehr seltene Art Dioxys cinctus (Jurine, 1807) fügt Greil hinzu, habe das JKI den ebenso wichtigen Zweitnachweis erbracht. Darüber hinaus lieferten die Forschenden weitere Nachweise besonderer Arten in der Region und bestätigen damit den Trend, dass zahlreiche Wildbienenarten auch bedingt durch die Klimaerwärmung ihr Areal ausweiten bzw. sich das Verbreitungsgebiet in nordwestlicher Richtung verschiebt.
Dass die Funde des JKI zwischen 2020 und 2024 erbracht wurden, auch mithilfe des Fangschalenmonitorings, das seit 2019 läuft, zeigt zudem, dass es einen „langen Atem“ und viele engagierte Personen braucht, bis das Vorkommen einer bestimmten Bienenart in einem bestimmten Gebiet und Lebensraum als gesichert gilt.
Seit 2020 wurden in mehreren Projekten am JKI bundesweit standardisierte Monitorings und weitere Erfassungen von Wildbienen durchgeführt. Ein Schwerpunkt der Arbeiten lag auf der Stadt Braunschweig und der umgebenden niedersächsischen Agrarlandschaft. Die räumliche und zeitliche Verbreitung der Arten wurde erfasst und auch zahlreiche seltene und gefährdete Arten gefunden.
„Diese Beobachtungsdaten bilden die Grundlage einer KI-unterstützten Wildbienenerkennungsfunktion, die wir im BeesUp-Projekt in Kooperation mit der TU Ilmenau entwickelt haben und die unter mapbee.tu-ilmenau.de frei nutzbar ist“, beschreibt Henri Greil den Nutzen der Arbeit für die allgemeine Öffentlichkeit. Das sind wichtige Vorarbeiten für größer angelegte Monitorings im Rahmen von Citizen Science-Projekten.
„Die Kenntnis der Wildbienen-Fauna Niedersachsens wächst“, konstatiert Fionn Pape, der Koordinator des Arbeitskreis Wildbienen der Biologischen Schutzgemeinschaft (BSG) in deren Presseinformation hier https://www.biologische-schutzgemeinschaft.de/index.html. Parallel weisen die BSG-Verantwortlichen auf die gute Zusammenarbeit von Fachleuten aus ganz Niedersachsen hin, die die zahlreichen Nachweise von seltenen und gefährdeten Wildbienen erbracht habe. Darunter eben auch jene sieben Wildbienenarten, die erstmals für Niedersachsen nachgewiesen werden konnten und zu denen u.a. die sehr seltene Stumpfe Zweizahnbiene, fachlich korrekt Dioxys cinctus, gehört.
Die Funde bilden eine wichtige Grundlage für die Aktualisierung der Roten Liste und der Konzeption und Umsetzung von praktischen Schutzmaßnahmen. Alle Ergebnisse wurden in einer umfangreichen Studie zusammengefasst, die im März 2026 in der Zeitschrift „Artenfocus Niedersachsen“ ab S. 23 veröffentlicht wurde: https://www.nlwkn.niedersachsen.de/artenfocus-niedersachsen/artenfocus-niedersac…
Hintergrund zu den Beteiligten der Wildbienen-Studie für Südniedersachsen: Die Wildbienen-Daten resultieren vornehmlich aus mehreren Wildbienen-Projekten der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen e. V. (BSG), des Julius Kühn-Instituts für Bienenschutz Braunschweig, der Universitäten Göttingen, Hamburg und Lüneburg, der Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsische Elbtalaue, des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und von freiberuflich tätigen Experten. Erstmals wurden auch die Fundmeldungen auf den großen Citizen-Science-Plattformen „iNaturalist“ und „Observation.org“ systematisch ausgewertet und einbezogen.
Originalpublikation:
Pape, F., Fechtler, F., Arimond, I., Deierling, J., Fahr, J., Grabener, S., Grau, F., Greil, H., Hallas, O., Hannappel, I., Haß, A., Hoffmann, M., Klenk, H., Kok, A., Krahner, A., Kräutner, V., Rothe, F., Schmitz, M., Süß, S., Voigt, N., von der Reidt, J., Witt, R., Wübbenhorst, J. & Bleidorn, C. (2026): Erstnachweise und Wiederfunde sowie weitere bemerkenswerte Wildbienenarten für Niedersachsen (Hymenoptera: Anthophila). Artenfocus Niedersachsen 3/Märzausgabe: S. 23-75: https://www.nlwkn.niedersachsen.de/artenfocus-niedersachsen/artenfocus-niedersachsen-231947.html

24.04.2026, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Ein Drittel der Lebensräume von an Land lebenden Tierarten bis 2085 von multiplen Extremereignissen bedroht
Etwa 36 Prozent der heutigen Lebensräume von Landtieren könnten bis 2085 mehreren unterschiedlichen Arten von klimabedingten Extremereignissen wie Hitzewellen, Bränden oder Überschwemmungen ausgesetzt sein. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie eines internationalen Teams von 18 Forschenden unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Sie wurde heute im Fachjournal Nature Ecology & Evolution veröffentlicht.
„Der Klimawandel und insbesondere Extremereignisse werden in der Naturschutzplanung immer noch stark unterschätzt. Dabei geht es um so viel mehr als eine schleichende Veränderung der Temperatur“, sagt Stefanie Heinicke, Leitautorin der Studie und Postdoktorandin am PIK.
Bereits eine einzige Hitzewelle, Überschwemmung oder ein Flächenbrand kann Tierpopulationen dezimieren. Wenn mehrere Arten von Extremereignissen aufeinanderfolgen, verstärken sich die Auswirkungen auf Arten und Lebensräume: Eine Population, die bereits durch eine Dürre geschwächt ist, kann einem nachfolgenden Waldbrand oft nicht standhalten.
Frühere Studien zeigen, dass nach den Bränden in Australien in den Jahren 2019-2020 in Gebieten, die zuvor eine Dürre erlebt hatten, um 27 bis 40 Prozent stärkere Rückgänge bei Pflanzen- und Tierarten zu verzeichnen waren, als in nicht vorbelasteten Regionen.
Eine rasche Senkung der Emissionen auf netto-null könnte diese Auswirkungen jedoch noch weitgehend verhindern. Gelänge eine rasche Emissionssenkung auf netto-null und eine spätere Abkühlung des Klimas in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, wären 2085 statt eines Drittels nur 9 Prozent der Lebensräume von an Land lebenden Arten von multiplen Extremereignissen betroffen.
„Wir können einen großen Unterschied bewirken, indem wir die Emissionen ab heute so schnell wie möglich senken“, so Heinicke.
Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität
Die Forschenden wählten einen neuartigen Ansatz, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität zu untersuchen: Sie nutzten Ergebnisse von Klimafolgenmodellen, die unterschiedliche Daten zu komplexeren Klimawirkungen, über die reine Erwärmung hinaus, liefern – etwa Projektionen zu Überschwemmungsgebieten und Waldbränden.
In einem Szenario ungebremster Erwärmung stellte das Team fest, dass im Jahr 2050:
– 74 Prozent der Lebensräume von Hitzewellen bedroht,
– 16 Prozent von Waldbränden gefährdet,
– Und 8 Prozent von Dürren und 3 Prozent von Flussüberschwemmungen betroffen sind.
Zu den betroffenen Gebieten gehören besonders artenreiche Hotspots im Amazonasbecken, in Afrika und Südostasien.
„Dass Waldbrände in unseren Prognosen eine so dominante Rolle spielen, ist ein entscheidender Befund“, sagt Katja Frieler, Ko-Autorin der Studie und Leiterin der Forschungsabteilung für Klimaresilienz am PIK.
„Mir ist keine andere Studie bekannt, die die Gefährdung von Tieren durch Waldbrände so konkret prognostiziert hat. Zu erkennen, dass Feuer in vielen Regionen eine größere direkte Bedrohung darstellen als Dürren, schließt eine entscheidende Wissenslücke in der Forschung“, so Frieler.
Originalpublikation:
Heinicke, S., Zantout, K., Kühl, H.S., Reyer, C.P.O., Zimmermann, S., Billing, M., Gosling, S.N., Grillakis, M., Hantson, S., Ito, A., Kou-Giesbrecht, S., Koutroulis, A., Mester, B., Schmeid, H.M., Ostberg, S., Otta, K., Pokhrel, Y., Frieler, K., (2026): Land vertebrates increasingly exposed to multiple extreme events by 2085. Nature Ecology & Evolution. DOI: 10.1038/s41559-026-03050-0

24.04.2026, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Riesenfischsaurier aus Nordbayern schwamm verletzt durchs Jurameer
Ein Fossilfund aus Mistelgau in Nordbayern zeigt: Offenbar haben die letzten Vertreter der riesigen Fischsaurier der Gattung Temnodontosaurus im südwestdeutschen Meeresbecken länger existiert als bisher angenommen. Das Meeresreptil aus der frühen Jurazeit ist außergewöhnlich gut erhalten. SNSB-Forschende fanden neben Verletzungen am Skelett des Meeresräubers auch Magensteine im Bauchraum des Tiers – ein Phänomen, das man in der Regel von Vögeln, Dinosauriern oder Krokodilen kennt. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichen die Forschenden in der paläontologischen Fachzeitschrift Zitteliana.
Die Tongrube Mistelgau nahe Bayreuth ist bekannt für ihre gut erhaltenen Meeresfossilien, insbesondere für ihren Reichtum an Fischsauriern (Ichthyosaurier). Die großen Meeresreptilien ähnelten in ihrer Gestalt heutigen Delfinen und lebten weltweit zur Zeit des frühen Jura vor rund 180 Millionen Jahren. Der jetzt untersuchte Fischsaurier aus Mistelgau gehört zur Gattung Temnodontosaurus. Erhalten sind mehrere Teile seines Skeletts: Fragmente des Schädels und Unterkiefers, der Schultergürtel, Vorderflossen, die Wirbelsäule sowie über 100 Zähne. Die außergewöhnliche dreidimensionale Erhaltung erlaubt den Forschenden detaillierte Einblicke in bislang nur selten überlieferte anatomische Strukturen, etwa im Bereich des Gaumens, der Augen und der Flossen. Vergleiche zeigen deutliche Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur Art Temnodontosaurus trigonodon – Tiere dieser Art gehören zu den größten bekannten Fischsauriern überhaupt. Basierend auf seiner Schädellänge von 1,5 Metern dürfte das Tier etwa 6,6 Meter lang gewesen sein.
„Unser Temnodontosaurus-Fossil gehört zu den jüngsten Funden dieser Fischsauriergattung überhaupt. Bisher kennen wir deren Vertreter hauptsächlich aus älteren Fundschichten, wie dem Posidonienschiefer von Holzmaden. Der Fund aus Mistelgau zeigt nun, dass diese großen Meeresreptilien im südwestdeutschen Meersebecken länger überlebt haben als bisher dokumentiert“, sagt SNSB Paläontologin Dr. Ulrike Albert, Autorin der Studie. Albert forscht am Urwelt-Museum Oberfranken in Bayreuth, einem von zehn Museen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Das Team des Urwelt-Museums Oberfranken führt seit 1998 regelmäßige Ausgrabungen in Mistelgau durch. Die dort geborgenen Fossilien werden im Urwelt-Museum präpariert und anschließend wissenschaftlich untersucht.
Besonders auffällig sind mehrere, vermutlich verletzungsbedingte Veränderungen des Skeletts, unter anderem am Schultergelenk und Kiefergelenk des Reptils. „Die Verletzungen dürften das Tier beim Beutefang deutlich eingeschränkt haben“, erklärt Stefan Eggmaier, Präparator am Urwelt-Museum und ebenfalls Autor der Studie. „Dass es dennoch überlebt hat, zeigen unter anderem seine stark abgenutzten Zähne und Magensteine, die wir im Bauchraum nachweisen konnten.“ Magensteine sind bei Ichthyosauriern wie Temnodontosaurus extrem selten. Möglicherweise musste das Tier seine Nahrung umstellen, um die Verletzungen zu überleben, vermutet Eggmaier.
Die aktuellen Ergebnisse sind Teil laufender Forschungen zur Ökologie des Jurameeres in Oberfranken. Geplant sind Analysen an Zähnen und Knochenstrukturen, mit dem Ziel, die Ökologie der Lebensräume dieser Tiere besser zu verstehen.
Originalpublikation:
Eggmaier SA, Albert UEG (2026) A partial skeleton of Temnodontosaurus cf. trigonodon in three-dimensional bone preservation from the upper Toarcian of Mistelgau, Germany. Zitteliana 100: 39-80. https://doi.org/10.3897/zitteliana.100.172724

24.04.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Thüringens Hamster tragen schwarz
Der Feldhamster ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Einst wurde er als Getreideschädling massiv verfolgt, heute setzt ihm die intensive Landwirtschaft zu, die seine Lebensräume in monotone Agrarflächen verwandelt. Im thüringischen Buttelstedt liegt eines der letzten großen Vorkommen der Art in Deutschland – mit ganz besonderen Tieren: Der Bestand zeigt eine europaweit einmalige Farbenvielfalt, vom bekannten bunten Feldhamster über hellere, fuchsfarbene und graue bis hin zu schwarzen Tieren, ein Zeichen für die genetische Vielfalt des Feldhamsterbestands in Buttelstedt. Diese ist wiederum wichtig, damit sich die Art an verändernde Umweltbedingungen anpassen kann. Um diese genetische Vielfalt zu schützen, wurde in Buttelstedt vor drei Jahren auf den Flächen des Thüringer Lehr-, Prüf- und Versuchsguts das Praxiszentrum Feldhamsterschutz gegründet. Doch Ende 2026 soll es geschlossen werden. „Angesichts der europaweiten Bedeutung der Feldhamsterpopulation in Buttelstedt fordert die Deutsche Wildtier Stiftung das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ländlichen Raum dazu auf, das Praxiszentrum Feldhamsterschutz zu erhalten“, erklärt Dr. Lydia Hönig, Projektleiterin Feldhamster bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Das landeseigene Praxiszentrum, das effiziente Schutzmaßnahmen für den Feldhamster erproben und umsetzen kann, bietet eine einmalige Chance für den Erhalt der Art weit über Thüringens Landesgrenzen hinaus“, so Hönig weiter. Um den Feldhamster langfristig vor dem Aussterben zu bewahren, muss die genetische Vielfalt der Art, die sich in Buttelstedt schon in der Fellfarbe zeigt, erhalten werden.
Ursache für die schwarze Färbung der Buttelstedter Feldhamster ist der sogenannte Melanismus, der bei verschiedenen Tierarten zu beobachten ist: Das dunkle Pigment Melanin wird übermäßig in Haut, Haaren, Federn oder Schuppen eingelagert. Melanismus entsteht durch genetische Mutation und bietet manchen Arten in ihrem Lebensraum einen Vorteil bei der Tarnung vor ihren Feinden. Wie alle Merkmale geht vererbter Melanismus wahrscheinlich auf eine Spontanmutation zurück. Er ist das Gegenstück zum Albinismus, einem Mangel an Melanin, der zu sehr heller Haut und weißen Haaren führt.
Das Fell der melanistischen Hamster ist nicht vollständig schwarz. Ihre Schnauze, die Pfoten und meist ein Fleck auf Brust oder Kehle sind weiß gefärbt. Die schwarzen Tiere unterscheiden sich in ihrem Verhalten nicht von andersfarbigen Artgenossen und können sich mit ihnen fortpflanzen. Dabei wird die schwarze Variante dominant vererbt. Schwarze Feldhamster sind neben Thüringen nur aus der Ukraine bekannt.
Die Deutsche Wildtier Stiftung schützt den Feldhamster seit über 14 Jahren. Derzeit setzt sie gemeinsam mit Landwirten Schutzmaßnahmen in Sachsen-Anhalt um und fördert Forschungs-, Bildungs- und Schutzprojekte in anderen Bundesländern.

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