Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

03.03.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Winzig, blind und ohne Schädeldach: Neue Fischart in Brunnen entdeckt
Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Einem internationalem Team unter Leitung von Senckenberg-Forscher Dr. Ralf Britz gelang in Nordostindien eine außergewöhnliche Entdeckung: In einem Brunnen fanden sie eine nur 20 Millimeter lange, blinde und bislang unbekannte Fischart. Die nun im Fachjournal „Scientific Reports“ als Gitchak nakana beschriebene Schmerle zeichnet sich durch extrem rückgebildete Augen, einen transparenten Körper und ein fehlendes Schädeldach aus. Gitchak nakana ist die erste beschriebene, in Grundwasserleitern lebende Fischart aus Nordostindien und liefert erstmals Hinweise auf eine bislang unbekannte unterirdische Fauna in der Region.
Im Untergrund lebende Tiere üben seit der wissenschaftlichen Beschreibung des Grottenolms (Proteus anguinus) im 18. Jahrhundert eine große Faszination aus. Die meisten dieser Lebewesen kennt man aus Höhlen, doch einige Arten haben sich auch an andere verborgene Lebensräume unter der Erdoberfläche angepasst. Hierzu gehören auch Grundwasserleitern (Aquifere), wasserführende Gesteinsschichten tief im Untergrund. „Von den weltweit über 37.000 bekannten Fischarten haben nur etwa ein Prozent den unterirdischen Lebensraum erobert und sich an ein Leben im Untergrund angepasst. Von diesen wiederum leben weniger als zehn Prozent in Aquiferen. Diese sogenannten ‚phreatobionten‘ Fische werden extrem selten entdeckt – wenn, geschieht dies meist zufällig“, erklärt Dr. Ralf Britz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden.
Im Gegensatz zu Höhlen und deren leichter zugänglicher Fauna ist die „phreatische Zone“, der unterirdische Grundwasserbereich, schwer zu erreichen. Fische, die dort leben, werden meist per Zufall entdeckt. Zum Beispiel wenn Brunnen – welche die einzige Verbindung zu diesem Lebensraum darstellen – geleert und gereinigt werden und ihre versteckten Bewohner so buchstäblich ans Licht kommen. „Genau so, beim Wasserholen, haben wir auch die neue Fischart entdeckt“, erzählt Britz. „Gefunden wurde die nur 20 Millimeter lange Schmerle von der Biologie-Doktorandin Wimarithy Marak in einem selbst gegrabenen Brunnen in einem kleinen Ort im Bundesstaat Assam, im Nordosten Indiens. Als ich 2024 auf einer Forschungsreise in der Region war, wurde mir der Fisch präsentiert. Ich war mir direkt sicher, dass es sich hier um einen ganz besonderen Fund handelt.“
Gemeinsam mit seiner Dresdner Kollegin Dr. Amanda Pinion und der indischen Doktorandin Velentina Kangjam, die im letzten Jahr im Rahmen einer „Senckenberg Global Fellowship“ in Dresden arbeitete, untersuchte Britz die Neuentdeckung und fertigte verschiedene Micro-CT-Aufnahmen des Skeletts an. So konnte das internationale Forschungsteam den Fisch als Gitchak nakana beschreiben. „Die winzige, blinde Schmerle ist so einzigartig, dass sie nicht nur eine neue Art, sondern sogar eine neue Gattung repräsentiert“, ergänzt Britz.
Der Erstfund sowie weitere Individuen, die 2025 in dem Brunnen entdeckt wurden, zeigen typische Merkmale von unterirdisch lebenden Tieren. Dazu zählen unter anderem stark reduzierte oder vollständig fehlende Augen, eine fehlende Pigmentierung mit einer blassen, transparenten Erscheinung, verstärkte nicht-optische Sinne und verlängerte Körperanhänge. „Besonders spektakulär ist aber ein anatomisches Detail: Die Tiere besitzen kein knöchernes Schädeldach. Das Gehirn wird nach oben lediglich durch Haut geschützt – ein bislang einzigartiges Merkmal unter den bekannten Schmerlen“, fügt der Dresdner Ichthyologe hinzu.
Mit 21 bekannten unterirdischen Fischarten liegt Indien weltweit auf Platz vier in Bezug auf deren Artenvielfalt. Die Hauptzentren dieser Vielfalt sind der Nordosten Indiens – speziell der Bundesstaat Meghalaya mit sechs Arten – sowie der Südwesten im Bundesstaat Kerala mit 13 Arten. Die Beschreibung von Gitchak nakana stellt einen Meilenstein dar: Sie ist die erste phreatobitische Schmerle aus Nordostindien – und gleichzeitig der erste bekannte in Aquiferen lebende Fisch aus dieser Region. „Die Entdeckung von Gitchak nakana liefert den Hinweis, dass auch diese Region über eine hoch spezialisierte unterirdische Fauna in Grundwasserleitern verfügt, die es nun zu erforschen gilt“, gibt Britz einen Ausblick.
Originalpublikation:
Britz, R., Marak, W.K., Velentina, K. et al. A miniature, subterranean, blind cobitid loach, Gitchak nakana, new genus and species, is the first groundwater-dwelling fish from Northeast India. Sci Rep 16, 7746 (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-40425-6

04.03.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Ein urzeitlicher Pflanzenfresser mit verdrehtem Kiefer und seitlich gerichteten Zähnen
Ein internationales Team von Paläontolog:innen, unter Beteiligung des Museums für Naturkunde Berlin, entdeckt eine neue Art eines frühen Landwirbeltiers aus Brasilien: Tanyka amnicola. Das Amphib lebte vor rund 275 Millionen Jahren und zeichnet sich durch einen einzigartigen, verdrehten Kiefer mit seitlich ausgerichteten Zähnen aus, der auf eine pflanzenfressende Lebensweise hindeutet. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht.
Gefunden wurden neun isolierte Unterkiefer, jeweils etwa 15 Zentimeter lang. „Wir erforschen seit 15 Jahren im Rahmen einer internationalen Kooperation mit Forschenden aus Brasilien, Argentinien, Südafrika, USA, Großbritannien und Deutschland, die zuvor kaum bekannte fossile Fauna und Flora des Parnaíba Beckens im Nordosten Brasiliens.
Ich hatte das Glück, bei einer unserer frühesten Expeditionen in diese Region den ersten Kiefer dieses neuen Landwirbeltiers zu finden“, so Prof. Jörg Fröbisch vom Museum für Naturkunde Berlin. „Besonders spannend ist, dass man es selbst zu seinen Lebzeiten vor etwa 275 Millionen Jahren bereits als lebendes Fossil hätte bezeichnen können, da es zu einer archaischen Gruppe gehört, die eigentlich 30-50 Millionen Jahr früher lebte.“ Weitere Skelettteile konnten bislang nicht eindeutig zugeordnet werden. Dennoch geben die Kieferknochen aus der Pedra-de-Fogo-Formation in Brasilien wichtige Hinweise auf die Art und Lebensweise des Tieres. Der Name „Tanyka“ stammt aus der indigenen Guaraní-Sprache und bedeutet „Kiefer“, „amnicola“ verweist auf den Lebensraum an Flüssen und Seen.
Tanyka gehört zu den frühen Vertretern der Tetrapoden (Vierfüßer), die auch die heute lebenden Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere beinhalten. „Die verdrehten Kiefer schienen uns lange ungewöhnlich, aber alle Exemplare zeigen dasselbe Muster – es ist ein anatomisches Merkmal, keine Deformation,“ erklärt Dr. Jason Pardo, Erstautor der Studie.
Die Zähne zeigen seitlich nach außen, die Innenseite des Kiefers ist nach oben zum Gaumen gerichtet. Die Oberfläche ist mit kleinen Zähnchen besetzt, die wie eine Reibefläche wirken. Die Forschenden vermuten, dass die Zähne beim Schließen des Mauls aneinander rieben, wodurch zum Beispiel pflanzliche Nahrung zerkleinert werden konnte.
„Aufgrund der Zahnstruktur gehen wir davon aus, dass Tanyka zumindest zeitweise Pflanzen fraß“, sagt Prof. Juan Cisneros von der Bundesuniversität Piauí in Teresina, Brasilien. „Das ist überraschend, da die meisten seiner Verwandten Fleischfresser waren.“
Vor 275 Millionen Jahren gehörte das heutige Brasilien zum Südkontinent Gondwana, der große Teile Südamerikas, Afrikas, Australiens und der Antarktis umfasste. Fossilien aus dieser Zeit sind rar, sodass Tanyka neue Einblicke in die Struktur und das Zusammenwirken von Tiergemeinschaften dieser Epoche liefert.
„Die Pedra-de-Fogo-Formation bietet eines der wenigen Fenster in die Tierwelt Gondwanas während des frühen Perms. Tanyka zeigt uns, welche Tiere dort lebten und welche ökologischen Rollen sie einnahmen“, erklärt Dr. Kenneth Angielczyk, Mitautor der Studie.
Tanyka könnte bis zu einem Meter lang gewesen sein und in Seen oder Flussnähe gelebt haben. Weitere Funde, insbesondere Schädel oder zusammenhängende Skelettteile, könnten helfen, Körperbau und Lebensweise des Tieres vollständig zu rekonstruieren.
Originalpublikation:
J. D. Pardo, C. A. Marsicano, R. M. H. Smith, J. C. Cisneros, K. D. Angielczyk, J. Fröbisch, C. F. Kammerer, and M. Richter (2026) An aberrant stem tetrapod from the early Permian of Brazil. Proceedings of the Royal Society B: Biological sciences. DOI: 10.1098/rspb.2025.2106

04.03.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Stammt der älteste Vorfahr des Menschen vom Balkan? – Ein neues Fossil schließt eine Lücke
Internationales Team unter Beteiligung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Universität Tübingen findet 7,2 Millionen Jahre alten Oberschenkel von Graecopithecus in Bulgarien
Ein neu entdeckter fossiler Oberschenkelknochen aus Bulgarien könnte die Geschichte des menschlichen Ursprungs neu schreiben, wie ein internationales Forschungsteam des Nationalmuseums für Naturgeschichte (Bulgarien), der Aristoteles-Universität Thessaloniki (Griechenland), vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Universität Toronto (Kanada) berichtet. Der aufrechte Gang, also das Gehen auf zwei Beinen, gilt seit Langem als grundlegende Schwelle in der menschlichen Evolution und als eines unserer prägendsten Merkmale. Bislang gingen Forscher davon aus, dass die ersten fossilen Menschen aus Afrika stammten und dass sich der aufrechte Gang dort vor etwa sechs Millionen Jahren entwickelt hatte. Der neue Oberschenkelknochen aus der Grabungsstelle Azmaka, nahe der Kleinstadt Chirpan in der Thrakischen Tiefebene, der diese Woche in einem Artikel des Fachjournals Palaeodiversity and Palaeoenvironments beschrieben wurde, weist jedoch unverkennbare Merkmale eines Zweibeiners auf, eines menschlichen Vorfahren, der bereits auf seinen Hinterbeinen ging.
Graecopithecus – ältester Vertreter der menschlichen Linie
„Mit einem Alter von 7,2 Millionen Jahren könnte dieser Vorfahr, den wir der Gat-tung Graecopithecus zuordnen, der älteste bekannte Mensch sein“, sagt Professor David Begun von der Universität Toronto. Der erste Fund eines Exemplars von Graecopithecus, ein Unterkiefer, wurde an einer Fundstelle in der Nähe von Athen entdeckt. Bereits 2017 untersuchte das Forschungsteam diesen Fund und schlussfolgerte, dass die Form der Zahnwurzeln auf einen Vertreter der menschlichen Linie schließen lasse. Doch eine Zweibeinigkeit des Graecopithecus ließ sich aus dem Unterkiefer nicht herleiten. Der neu entdeckte Oberschenkel aus Azmaka ändert nun die Datenlage entscheidend.
An der bulgarischen Fundstelle Azmaka lebte Graecopithecus an einem Flusslauf in einer Savannenlandschaft, ähnlich denen im heutigen Ostafrika. Der Ober-schenkelknochen stammt von einem etwa 24 Kilogramm schweren, wahrscheinlich weiblichen, Individuum. „Eine Reihe von äußeren und inneren morphologischen Merkmalen, wie der verlängerte und aufrecht gerichtete Oberschenkelhals, spezielle Ansatzstellen für die Gesäßmuskulatur oder die Dicke der äußeren Knochenschicht weisen Ähnlichkeiten mit zweibeinigen fossilen Menschenvorläufern und Menschen auf“, sagt Professor Nikolai Spassov vom bulgarischen Nationalmuseum für Naturgeschichte. Hierin unterschieden diese sich von den Oberschenkeln baumbewohnender Affen. „Allerdings bewegte sich Graecopithecus noch nicht in der gleichen Weise wie der moderne Mensch“, setzt der Forscher hinzu. Der Az-maka-Oberschenkel vereine Merkmale von afrikanischen Menschenaffen mit solchen von jüngeren Zweibeinern.
„Graecopithecus stellt eine Stufe in der menschlichen Evolution zwischen unseren in Bäumen und auf dem Boden lebenden Vorfahren, wie zum Beispiel dem fast zwölf Millionen Jahre alten Danuvius guggenmosi aus der Hammerschmiede im Allgäu, und jüngeren Funden aus Ostafrika dar“, sagt Begun. „Man könnte ihn durchaus als fehlendes Bindeglied bezeichnen.“ Graecopithecus stamme höchstwahrscheinlich von den acht bis neun Millionen Jahre alten balkanisch-anatolischen Menschenaffen wie Ouranopithecus und Anadoluvius ab, die sich wiederum aus Vorfahren in West- und Mitteleuropa entwickelt haben.
Klimamotoren der Ausbreitung
„Wir wissen, dass großräumige Klimaveränderungen im östlichen Mittelmeerraum und Westasien vor acht bis sechs Millionen Jahren zum periodischen Entstehen ausgedehnter Halbwüsten und Wüsten führten. Diese Entwicklung initiierte mehrere Ausbreitungswellen eurasischer Säugetiere nach Afrika und legte den Grundstein der heutigen Säugetierfauna afrikanischer Savannen“, sagt Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. Die Studienautoren vermuten daher, dass auch Menschenaffen sich nach Süden ausbreiteten. Ob sich die Vorfahren der Schimpansen, Gorillas und Menschen bereits in Europa getrennt hatten und ob diese Ausbreitungswellen sogar ein Grund für die genetische Isolation ihrer Linien war, muss durch künftige Entdeckungen noch geklärt werden. Möglicherweise breitete sich auch Graecopithecus vom Balkan nach Afrika aus, wo es ab sechs Millionen Jahren vor heute zur Entstehung früher menschlicher Vorfahren wie der Gattung Orrorin kam und später dem Australopithecus afarensis, dessen bekanntester Vertreter der Fund namens Lucy ist.
Die Arbeiten in Azmaka und an anderen Fundstätten auf dem Balkan werden fortgesetzt, um weitere Exemplare von Graecopithecus zu finden und mehr über die Ökologie und Evolution dieses überraschend frühen Zweibeiners und mögliche menschliche Vorfahren zu erfahren.
Originalpublikation:
Nikolai Spassov, Dionisios Youlatos, Madelaine Böhme, Ralitsa Bogdanova, Latin-ka Hristova, David R. Begun: An early form of terrestrial hominine bipedalism in the Late Miocene of Bulgaria. Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments,
https://doi.org/10.1007/s12549-025-00691-0

05.03.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Neue Software für die Biodiversitätsforschung ermöglicht umfassende Quantifizierung ökologischer Stabilität
Wie stabil sind Ökosysteme? Und wie kann die Stabilität mit Kennzahlen beschrieben und bewertet werden? Antworten auf diese scheinbar einfachen Fragen sind nicht trivial, da die Stabilität von Ökosystemen auf mehreren Ebenen – von Individuen bis zu komplexen Artengemeinschaften – zu vielen Zeitpunkten und mit einer Vielzahl an Indikatoren gemessen werden kann. Ein internationales Forschungsteam hat nun mit „estar“ eine Software entwickelt, die diese Vielfalt von Fällen berücksichtigen kann und eine standardisierte Quantifizierung ökologischer Stabilität erlaubt.Die Software ist in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Methods in Ecology and Evolution“ detailliert beschrieben.
Intakte Ökosysteme haben die Fähigkeit zur Selbstregulation, die ihr komplexes Gefüge von Arten – etwa Tiere, Pflanzen, Pilze oder Bakterien – im Gleichgewicht halten: beispielsweise verringert sich die Pro-Kopf-Wachstumsrate, wenn die Population einer Art zunimmt, so dass das Populationswachstum im Zaum gehalten wird. Die ökologische Stabilität ist ein wichtiger Indikator dafür, wie gut die Selbstregulation funktioniert und wie „gesund“ Ökosysteme sind. Die Bemessung und Bewertung der Stabilität von Ökosystemen ist daher für Monitoring und Erhalt der biologischen Vielfalt von entscheidender Bedeutung.
Eine Quantifizierung ökologischer Stabilität ist jedoch aus drei Gründen nicht einfach. Erstens kann sie auf verschiedenen Ebenen der biologischen Organisation gemessen werden: von der Gesundheit und dem physiologischen Zustand einzelner Individuen über Populationen einzelner Arten bis hin zu Gemeinschaften mehrerer Arten, die miteinander interagieren und voneinander abhängig sein können. Zweitens kann sie anhand einer Vielzahl von Messgrößen gemessen werden, die verschiedene Ebenen der Dynamik des Systems (Individuen, Populationen oder Gemeinschaften) in verschiedenen Stadien der Reaktion auf Störungen erfassen. So kann die unmittelbare Reaktion des Systems auf eine Störung ein anderes Bild vermitteln als die langfristige Erholungsrate. Drittens wird die biologische Vielfalt derzeit von einer Vielzahl von Einflussfaktoren bedroht, so dass Arten gezwungen sind, sich an viele unterschiedliche Auswirkungen anzupassen. Einige Störungen wirken unmittelbar – so führt die Zerstörung von Lebensräumen durch Urbanisierung oder Landnutzungswandel direkt zum Tod oder zur Verdrängung von Individuen. Andere Störungen, wie der Klimawandel, beeinträchtigen die Überlebensfähigkeit von Arten eher über längere Zeiträume hinweg.
„Obwohl derartige Prozesse seit langem in der Wildtierbiologie und Ökologie wissenschaftlich beschrieben und analysiert werden, gibt es bislang noch keine Software, welche die Quantifizierung der ökologischen Stabilität unter Berücksichtigung all dieser Szenarien ermöglichte“, sagt Dr. Ludmilla Figueiredo, Daten- und Code-Kuratorin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und Erstautorin des Aufsatzes. Damit schließe das neu entwickelte Software-Tool eine wichtige methodische Lücke in der Biodiversitätsforschung, so die Autor:innen.
Hohe Mathematik, praktisch nutzbar gemacht für die Biodiversitätsforschung
Das Paket „estar“ wurde für die in der ökologischen Forschung weit verbreitete Programmiersprache R entwickelt, einem kostenlosen Open-Source-Tool für statistische Analysen, Datenvisualisierung und maschinelles Lernen. Das Paket bietet Funktionen zur Berechnung von elf etablierten Ökosystem-Stabilitätkennzahlen unter Verwendung entsprechender Zeitreihendaten. So ermöglicht eine Zeitreihe immunologischer Messungen für Individuen die Quantifizierung der Stabilität ihres immunologischen Zustands im Zeitverlauf, während eine Zeitreihe der Populationsgröße die Messung der Stabilität dieser Population ermöglicht. „estar“ standardisiert und erleichtert die Berechnung dieser Kennzahlen, die zur Bewertung der Reaktionen von Systemen auf Störungen auf verschiedenen ökologischen Ebenen (z. B. Population, Gemeinschaft) verwendet werden.
„Unser R-Paket kann auf zwei verschiedene Arten genutzt werden. Auf der einen Seite bietet es Funktionen, die die Stabilität auf jeder Organisationsebene quantifizieren, vom Individuum bis zur Gemeinschaft, und auf eine Zeitreihe der Zustandsvariablen eines Systems (z. B. Körpermasse, Bestandszahlen oder Artenvielfalt) angewendet werden können“, erklärt Dr. Viktoriia Radchuk, Wissenschaftlerin in der Abteilung für Ökologische Dynamik des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und Senior-Autorin des Aufsatzes. „Die in diesem Set enthaltenen Stabilitätsmetriken umfassen Unveränderlichkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausmaß und Geschwindigkeit der Erholung, Persistenz und allgemeine ökologische Anfälligkeit.“ Ein gutes Beispiel sind Haussperlinge (Passer domesticus): Jeder kennt sie und sieht sie regelmäßig in Städten wie Berlin. Auch wenn die Art immer noch weit verbreitet ist, ist die Zahl der Individuen in Europa in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Über Häufigkeit, Dauer und Ausmaß von Schwankungen der Populationsgröße ist jedoch nicht viel bekannt. Die Quantifizierung (der Wahrscheinlichkeit der) Unveränderlichkeit – eine der Stabilitätsmetriken in der Software „estar“ – liefert jedoch Erkenntnisse, die den dokumentierten drastischen Rückgang dieser Art ergänzen. Arten mit einer hohen Unveränderlichkeit ihrer Populationsgröße sind weniger anfällig für einen Rückgang, während Arten, deren Populationsgrößen im Laufe der Zeit stärker schwanken, unter ungünstigen Bedingungen anfälliger für ein lokales Aussterben sind.
Die zweite Gruppe von Funktionen misst die Stabilität einer Gemeinschaft auf kurzen und langen Zeitskalen mittels sogenannter Jacobi-Matrizen. Damit wird erstmals in einem praktisch nutzbares statistisches Softwarepaket umgesetzt, was bislang vor allem theoretisch beschrieben wurde: Komplexe Zusammenhänge in Artengemeinschaften bestimmen maßgeblich die Fähigkeit zur Selbstregulation und die Stabilität dieser Gemeinschaften. „Wir haben in ‚estar‘ mehrdimensionale Matrizen für die Stärke von Arten-Interaktionen in Gemeinschaften mathematisch abgebildet und können damit die Stabilität von Artengemeinschaften quantifizieren“, erläutern Radchuk und Figueiredo.
Im Paket enthalten und im Aufsatz beschrieben sind zudem praxisnahe Instruktionen für Forschende, die empirische Daten zur ökologischen Stabilität erheben und mit dem neuen Tool verarbeiten möchten. Das Team erhofft sich, dass dies die Lücke zwischen Theorie und Praxis in der Erfassung und Bemessung ökologischer Stabilität schließt und somit weitere wichtige Forschung in diesem Bereich anregt.
Originalpublikation:
Figueiredo L, Scherer C, Kramer-Schadt S, Cabral JS, Kéfi S, Van den Brink PJ, Radchuk V (2026): estar: An R package to measure ecological stability. Methods in Ecology and Evolution 00, 1-11. DOI: https://doi.org/10.1111/2041-210x.70265

05.03.2026, Universität Bremen
Nature-Studie: Klimawandel bringt tropische Insekten an ihre Hitzegrenze
Bis zur Hälfte der Insekten im Amazonasraum könnte durch die fortschreitende menschengemachte Erderwärmung in lebensbedrohliche Hitzebereiche geraten. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Bremen und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg zur Anpassungsfähigkeit von Insekten an steigende Temperaturen, die im renommierten Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde.
„Aktuelle Auswertungen zur Hitzetoleranz von Insekten wie Faltern, Fliegen und Käfern zeichnen ein differenziertes und zugleich alarmierendes Bild“, erläutert Studienautorin Dr. Kim Holzmann, Tierökologin und Tropenbiologin am Biozentrum der Universität Würzburg. Demnach passt sich die Fähigkeit vieler Insekten, hohe Temperaturen zu ertragen, nicht einfach an ihre jeweilige Umwelt an. „Während Arten in höheren Lagen ihre Hitzetoleranz zumindest kurzfristig erhöhen können, fehlt diese Fähigkeit bei vielen Tieflandarten weitgehend.“
Drohende Folgen für ganze Ökosysteme
Die Studie „Limited thermal tolerance in tropical insects and its genomic signature“ („Begrenzte Hitzetoleranz bei tropischen Insekten und ihre genomische Signatur“) macht deutlich, dass tropische Insekten insgesamt nur eine sehr begrenzte Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel besitzen. Studienautor Dr. Marcell Peters, Tierökologe der Universität Bremen , sagt: „Gerade in Regionen mit der weltweit höchsten Artenvielfalt könnten steigende Temperaturen massive Auswirkungen auf Insektenpopulationen haben. Da Insekten zentrale Funktionen in Ökosystemen erfüllen, etwa als Bestäuber, Zersetzer oder Räuber, drohen weitreichende Folgen für ganze Ökosysteme.“
Auffällig seien zudem starke Unterschiede zwischen verschiedenen Insektengruppen. Die Forschenden führen diese Unterschiede auf den Aufbau und die Hitzestabilität von Proteinen zurück: „Diese Eigenschaften sind im evolutionären Stammbaum der Insekten vergleichsweise konserviert und lassen sich nur begrenzt verändern. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass grundlegende Merkmale der Hitzetoleranz tief biologisch verankert sind und sich nicht schnell an neue Klimabedingungen anpassen lassen“, so Peters.
Für den Amazonasraum fällt die Prognose besonders alarmierend aus, wie Holzmann betont. „Sollten sich die globalen Ökosysteme weiter ungebremst erwärmen, werden künftig erwartete Temperaturen bei bis zu der Hälfte der dortigen Insektenarten zu kritischen Hitzebelastungen führen.“
Bislang geringe Zahl an Messdaten
Insekten machen rund 70 Prozent aller bekannten Tierarten aus, die meisten von ihnen leben in den Tropen. Dennoch ist bislang wenig darüber bekannt, wie gut tropische Insekten steigende Temperaturen verkraften. Ein Grund dafür ist die bislang geringe Zahl experimenteller Messdaten zur Temperaturtoleranz sowie die unzureichende Erforschung vieler Insektengruppen. Durchgeführt wurde die Studie von einem internationalen Forschungsteam und mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
Für die Studie untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler experimentell die Temperaturtoleranzgrenzen von mehr als 2.000 Insektenarten. Die Daten wurden in den Jahren 2022 und 2023 in unterschiedlichen Höhenlagen in Ostafrika und Südamerika erhoben, von kühlen Bergwäldern bis zu heißen Regenwäldern und Savannen im Tiefland. Ergänzend analysierte das Team die Genome zahlreicher Arten, um die Stabilität ihrer Proteine zu untersuchen und besser zu verstehen, warum einige Insektengruppen Hitze besser ertragen als andere.
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1038/s41586-026-10155-w

05.03.2026, Eberhard Karls Universität Tübingen
Was ein landlebendes Krokodil über die Geografie Europas zur Zeit der Dinosaurier verrät
Team der Universität Tübingen bringt evolutionsgeschichtliche und geologische Erkenntnisse zum Auseinanderbrechen des früheren Superkontinents Pangäa in zeitliche Übereinstimmung
Im heutigen Europa entdeckte Fossilien eines ausgestorbenen Krokodils, das parallel vorkommenden Arten aus Afrika und Südamerika stark ähnelte, galt bisher als Zeuge einer Landverbindung zwischen Europa und Afrika, die noch während der Zeit der Dinosaurier bestand. Eine enge Verwandt-schaft der Krokodile spräche für eine gemeinsame Entwicklung und eine späte Trennung Europas von den südlichen Kontinenten. Nun wirft ein Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Márton Rabi aus der Biogeologie der Universität Tübingen gemeinsam mit Máté Szegszárdi und Professor Attila Ősi von der ungarischen Eötvös-Loránd-Universität ein neues Licht auf die zeitlichen Abläufe. Es kommt anhand eines in Ungarn neu entdeckten vollständigeren Exemplars des Krokodils Doratodon carcharidens zu dem Schluss, dass die Übereinstimmungen mit südlichen Arten nicht durch enge Verwandtschaft zustande kamen, sondern durch eine ähnliche Lebensweise geformt wurden. Dadurch steht ein Hauptbeleg für eine späte Landverbindung der Kontinente in Frage. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Der Urkontinent Pangäa umfasste im Perm, vor rund 300 Millionen Jahren, alle Landmassen der Erde. Geologischen Modellen zufolge brach Pangäa vor etwa 200 Millionen Jahren auseinander in das nördliche Laurasia, das Europa, Nordamerika und Asien beinhaltete, und das südliche Gondwana mit allen anderen Landmassen. „Bisher ging man hingegen in der Paläontologie davon aus, dass die europäische Fauna in der Zeit der Dinosaurier größtenteils eine gemeinsame Evolutionsgeschichte sowohl mit Arten in Nordamerika als auch mit denen der südlichen Landmassen des früheren Gondwana, also mit Afrika und Südamerika, hatte“, berichtet Márton Rabi. Dieser Annahme zufolge wäre Europa länger mit Afrika verbunden gewesen, als die geologischen Modelle vorhersagten. „In der Kreidezeit hätten sich die Landtiere frei zwischen den heute getrennten Kontinenten bewegen können“, sagt Rabi.
Schlüsselbeleg für diese Annahme sei das landlebende Krokodil Doratodon carcharidens von spektakulärem Aussehen, dessen Überreste in Europa gefunden wurden. Mit seinem langen Schädel und den klingenartigen gezackten Zähnen erinnere es an fleischfressende Dinosaurier. „Diese Merkmale waren anderweitig bisher nur von afrikanischen und südamerikanischen Krokodilarten dokumentiert. Doratodon wurde daher lange als Einwanderer über den Landweg aus dem Süden betrachtet“, sagt Rabi. „Doch waren die bisher bekannten Überreste von Doratodon nur sehr stückhaft, sie be-schränkten sich auf Zähne und unvollständige Kiefer.“
Fundstücke vom selben Individuum
Zu einem 2018 gemachten Fund von Doratodon-Überresten aus der ungarischen Fundstätte Iharkút in 85 Millionen Jahre alten Felsen der Kreidezeit machte das Forschungsteam sechs Jahre später eine weitere Entdeckung: „Wir fanden einen Oberkiefer mit den charakteristischen Zähnen und stellten fest, dass dieser und der zuvor entdeckte Teilschädel perfekt ineinanderpassten“, berichtet Attila Ősi. „Es war klar, dass er zum gleichen Individuum gehört haben musste, und Doratodon nahm schließlich vor unseren Augen Gestalt an.“ Die Proportionen des Schädels und der Zähne lassen auf ein mit 1,5 Metern Gesamtlänge mäßig großes, aber angsteinflößend wirkendes Krokodil mit dinosaurierartigem Kopf und vermutlich langen Beinen schließen. „Auf den ersten Blick schienen die neuen Funde die große Ähnlichkeit von Doratodon mit einigen ausgestorbenen Krokodilarten aus Afrika und Südamerika zu bestätigen“, sagt der Forscher.
Doch das Ergebnis der umfassenden Analyse der anatomischen Details und der evolutionären Verwandtschaft von Doratodon fiel unerwartet aus: „Die Art ist nicht eng mit den südlichen Krokodilarten verwandt. Sie gehört vielmehr zu einer Gruppe von Krokodilen aus Nordamerika und Asien, die eher unserem heutigen Bild eines Krokodils entsprechen“, sagt der Doktorand und Erstautor der Studie Máté Szegszárdi. Doratodons Ähnlichkeit mit afrikanischen und südamerikanischen Formen habe sich als Fall extremer evolutionärer Konvergenz herausgestellt. So bezeichnen Fachleute starke Ähnlichkeiten bei nicht verwandten Arten, die aufgrund ähnlicher ökologischer Rollen gleiche Merkmale entwickelten. „Bei der erneuten Untersuchung anderer europäischer Arten, darunter Dinosau-rier, aus dieser Zeit, die als afrikanische Einwanderer angesehen wurden, stellten wir fest, dass auch ihre Abstammung neu betrachtet werden muss. Diese Tiere können wir als Überlebende einer einst weit verbreiteten Abstammungslinie aus der Zeit des großen Urkontinents interpretieren. Das ist wahrscheinlicher, als dass sie als Neuankömmlinge die Landmassen vom Süden aus in Richtung Europa überquerten“, fasst Rabi zusammen.
„Unsere Befunde legen nahe, dass die hauptsächliche Aufteilung des Superkontinents Pangäa in den Nordkontinent Laurasia und den Südkontinent Gondwana eine wichtige Rolle bei der Auseinanderentwicklung der Krokodilgruppen spielte“, sagt Rabi. „Wir gehen von einer frühen Trennung Europas und anderer Teile Laurasias von Gondwana aus, bereits im Jura vor circa 180 Millionen Jahren – was besser mit geologischen Modellen übereinstimmt. Doratodon hat sozusagen die prähistorische Karte Europas neu gezeichnet.“
„In der paläontologischen Forschung werden die Erkenntnisse wie Mosaiksteine aneinandergefügt. So ergibt sich ein immer vollständigeres Bild, zu dem die Forscherinnen und Forscher der Universität Tübingen wichtige Beiträge leisten. Die Arbeit von Dr. Rabi und seinem Team zeigt, wie grundlegend sich unser Bild der Erd- und Evolutionsgeschichte ändern kann, wenn neue Funde in ihren Kontext eingefügt werden“, sagt Professorin Dr. Karla Pollmann, die Rektorin der Universität Tübingen.
Originalpublikation:
Máté Szegszárdi, Attila Ősi & Márton Rabi: Cretaceous crocodyliform reconciles conflicting evidence on the Mesozoic paleogeography of Europe during the Gondwana-Laurasia split. Scientific Reports, https://doi.org/10.1038/s41598-025-28504-6

05.03.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Auf den Spuren des Giftes: Erbgut von lebendem Fossil entschlüsselt
Mit der nahezu vollständigen Entschlüsselung des Genoms des Borneo-Taubwarans liefert ein Senckenberg-Team neue, grundlegende Einblicke in die frühe Evolutionsgeschichte der Schuppenkriechtiere. Die als „lebendes Fossil“ geltende Echse gilt mit einem zu 93 Prozent rekonstruierten Erbgut als genetischer Schlüsselorganismus zum Verständnis der Reptilienevolution. Die Forscher ordnen den Borneo-Taubwaran der Verwandtschaftsgruppe der Toxicofera zu und liefern damit Hinweise auf die frühen Ursprünge von Giftsystemen bei Reptilien. Belege für adaptive Veränderungen sowie eine langfristig geringe genetische Vielfalt unterstreichen zudem Schutzbedürftigkeit der Inselart.
Der Borneo-Taubwaran (Lanthanotus borneensis) lebt ausschließlich in den Regenwäldern Borneos. Die endemische Echse gilt als „lebendes Fossil“, da sie seit mehreren Zehnmillionen Jahren bei niedriger Artenvielfalt – heute ist nur noch eine ¬Art bekannt – existiert und urtümliche Merkmale bewahrt hat. „Genau diese Besonderheiten machen die Tiere wissenschaftlich so wertvoll“, erklärt PD Dr. Krister Smith vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Der Borneo-Taubwaran liefert wichtige Hinweise darauf, wie sich bei Echsen und Schlangen komplexe Giftsysteme entwickelt haben.“
Smith hat sich gemeinsam mit den Genomikern Prof. Dr. Axel Janke und Dr. Magnus Wolf vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt auf die Spuren dieser tierischen Rarität begeben. Für die Studie entschlüsselte das Team erstmals das Erbgut von Lanthanotus borneensis. „Das Genom der Echse mit seinen 1,5 Milliarden Basenpaaren ist mit 93 Prozent nahezu vollständig – ein außergewöhnlich hoher Wert für ein bislang kaum untersuchtes Reptil“, erläutert Janke. „Von Reptilien gibt es, im Vergleich zu Säugetieren und Vögeln, bisher nur wenige so vollständige Genome, um deren Entstehung genauer zu verstehen.“
Borneo-Taubwarane gelten als bedroht und sind kaum erforscht. Ihr Verbreitungsgebiet auf der südostasiatischen Insel ist stark begrenzt und schrumpft durch Landnutzung weiter. Wissenschaftliche Suchen nach den Tieren bleiben oft erfolglos. „Genetische Erkenntnisse zur Populationsgeschichte sind daher auch entscheidend, um gezielte Schutzmaßnahmen für diese besondere Art zu entwickeln“, betont Wolf.
Die neue Studie gehört zu den bislang umfangreichsten ihrer Art. Sie basiert auf der Analyse von 966 sogenannten „orthologen“ Genen – also Genen, die bei verschiedenen Arten auf ein gemeinsames Ursprungsgen zurückgehen. Untersucht wurden Vertreter fast aller großen Linien der Schuppenkriechtiere (Squamata), unter anderem Geckos, echte Eidechsen, Schlangen, Leguane und Schleichenverwandte. Smith hierzu: „Unsere Studie bestätigt, dass sich alle großen Hauptlinien der Squamata sehr schnell nacheinander abgespalten haben – innerhalb der ersten zehn Prozent ihrer gesamten Evolutionsgeschichte. Diese schnelle Aufspaltung führte wahrscheinlich dazu, dass sich genetische Varianten unvollständig trennten. Ein Effekt, der die heutige Rekonstruktion der Stammesgeschichte erschwert.“
Die auf der Insel lebende Echse spielte für die drei Forscher eine Schlüsselrolle bei der Überprüfung der sogenannten „Toxicofera-Hypothese“. Die Idee der „Gift-Tiere“ besagt, dass Leguane, Schleichenverwandte und Schlangen die nächsten lebenden Verwandten unter den Schuppenkriechtieren sind, dass ihre Giftdrüsen einen gemeinsamen evolutionären Ursprung haben und dass bestimmte Eiweiß-Gifte bereits beim gemeinsamen Vorfahren dieser Gruppe entstanden sind. „Wir konnten nachweisen, dass Lanthanotus borneensis zur großen Verwandtschaftsgruppe der Toxicofera gehört“, fasst Wolf die Analyse zusammen und weiter: „Unsere Ergebnisse liefern aber keinen klaren Beleg dafür, dass bestimmte als ‚typische‘ Schlangengift-Proteine bekannte Eiweiße eindeutig auf den gemeinsamen Ursprung der Toxicofera zurückgehen.“
Stattdessen zeigte ein anderes für Reptilien charakteristisches Erbmerkmal deutliche Anpassungsspuren: das Gen für das Muskelprotein Titin, welches für die Elastizität der Muskulatur verantwortlich ist. Besonders bei Schlangen könnte diese genetische Veränderung mit ihrer Fähigkeit zusammenhängen, das Maul extrem weit zum Verschlingen von Beute zu öffnen, so das Forschungsteam.
„Wir konnten zudem zeigen, dass die genetische Vielfalt des Borneo-Taubwarans insgesamt gering ist und die Populationsgröße seit zehntausenden Jahren niedrig bleibt. Das deutet darauf hin, dass diese isolierte Art Umweltveränderungen in der Vergangenheit zwar erstaunlich stabil überstanden hat, langfristig jedoch eine eingeschränkte Anpassungsfähigkeit besitzen könnte“, schließt Smith.
Originalpublikation:
Wolf, M., Janke, A. & Smith, K.T. The genome of the relict earless monitor lizard, Lanthanotus borneensis, and the Toxicofera hypothesis. BMC Biol 24, 58 (2026). https://doi.org/10.1186/s12915-026-02552-4

06.03.2026, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Dörfer: unterschätzter Lebensraum mit Potenzial
Dörfer können einen wichtigen Lebensraum für Insekten darstellen. Welche Flächen im dörflichen Raum besonders artenreich sind und wo noch Potenzial besteht, zeigt eine neue Studie der Universität Würzburg.
Bei der Forschung zu Lebensräumen bestäubender Insekten fristen Dörfer bislang eher ein Schattendasein. Das Projekt „Summende Dörfer“ , angesiedelt am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie (Zoologie III) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) möchte das ändern.
Im Würzburger Umland und der Rhön sind Forschende in insgesamt 40 Dörfern der Frage nachgegangen, welche Lebensräume im dörfliche Umfeld besonders insektenfreundlich und Artenreich sind – und wo noch nachgebessert werden kann. Die Ergebnisse haben sie nun in der Fachzeitschrift Ecological Applications veröffentlicht.
Fünf Lebensräume definiert
Innerhalb des dörflichen Raums wurden dafür fünf Lebensräume definiert: Grünflächen, Brachflächen, Friedhöfe sowie Haus- und Bauerngärten – also Gärten, in denen neben einer rein ästhetischen Bepflanzung auch Gemüse angebaut wird.
„Überraschend ist vor allem die enorme Wildbienenvielfalt, die im Lebensraum Dorf nachgewiesen werden konnte. Der erste Eindruck täuscht dabei öfters mal; denn es sind nicht zwingend die Flächen, die am buntesten blühen, die auch die größte Artenvielfalt aufweisen“, berichtet Projektkoordinatorin Dr. Fabienne Maihoff.
Obwohl Friedhöfe im Schnitt die blütenreichsten Lebensräume darstellen, fanden die Bestäuber nämlich auf Grün- und Brachflächen häufig bessere Lebensbedingungen vor.
Nicht jede Blüte gefällt
Friedhöfe sind besonders stark vom Menschen beeinflusst. Es wird häufig gemäht und Pflanzen werden vor allem nach Ästhetik ausgewählt – aber nicht alles, was schön blüht, ist gleichzeitig insektenfreundlich. „Gezüchtete Rosen der Gattung Rosa mit gefüllten Blüten sowie Flieder (Gattung Syringa) und Heidekraut (Gattung Erica) sehen zwar schön aus, sind für Bienen und Schwebfliegen aber nicht attraktiv“, erklärt Maihoff. Hinzu kommt, dass den Tieren auf stark kultivierten Flächen häufig die Nistplätze fehlen.
Anders ist es oft auf Grünflächen – kleinen Parks oder Spielplätzen – sowie Brachflächen, etwa unbebauten Bauplätzen – zumindest, wenn die Vegetation auch wachsen darf und nicht durch häufiges Mähen gar nicht zur Blüte kommt. Dann bieten hier freie Bereiche im Boden und naturbelassene Hecken nicht nur Wohnraum, auch das Pflanzenangebot schmeckt den Insekten: „Gebietseigene Wildkräuter wie Arten der Gattung Knautia (Witwenblumen) oder Cirsium (Kratzdisteln) können hier gut gedeihen. Diese sind besonders wertvoll für Bestäuber.“
Allerdings gibt es auch gebietsfremde Zierpflanzen, die als Nahrungsquelle beliebt sein können. Dazu zählen etwa Köcherblümchen (Gattung Cuphea) oder Husarenknöpfchen (Gattung Sanvitalia). „Hier muss man aber beobachten, wie sich die Pflanzen insgesamt ins Ökosystem eingliedern, etwa ob sie wichtige gebietseigene Arten verdrängen“, merkt Fabienne Maihoff an.
Neben den Lebensräumen im Dorf spielt auch die Vernetzung mit naturnahen Flächen in der Umgebung eine wichtige Rolle. Sie können als bedeutende Quellhabitate insbesondere für solitäre Wildbienen dienen. Umgekehrt sind Hummeln in intensivierten Agrarlandschaften häufig auf die in den Dörfern bereitgestellten Nahrungsressourcen angewiesen.
Tipps für Gärtnerinnen und Gärtner
Gerade Friedhöfe bieten also noch viel Potenzial als Lebensraum, aber auch im eigenen Garten können die Menschen einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten. Dafür arbeiten die Forschenden im Projekt mit den Menschen vor Ort zusammen. Teilnehmende erhalten unter anderem Zugang zu Pflanzentipps – diese basieren zum Beispiel auf der aktuellen Studie.
Die Studie zeigt, dass mit angemessener ökologischer Pflege und bestäuberfreundlichen Pflanzen selbst kleine Flächen einer großen Vielfalt an Insekten Lebensraum bieten können und legt nahe, dass Unterschiede in den Habitaten indirekt auf die Verfügbarkeit von Nistplätzen hinweisen, die für den Erhalt der regionalen Bestäuberdiversität besonders wichtig sind.
Umgekehrt kann ein großer Garten auch zu einer regelrechten Wüste werden, wenn er nicht sachgerecht gepflegt wird. Und nicht alles, was im Garten häufig als schön gilt, ist auch ökologisch wertvoll. Vermeintliches Unkraut wie Disteln kann für Bestäuber etwa viel nützlicher sein als so manch beliebte Zierpflanze.
In der aktuell laufenden Projektphase untersuchen die Forschenden außerdem, wie sich zeitlich sowie räumliche Veränderung im Management der Dörfer und der Dorfumgebung – etwa Mähzeiten oder verbindende Elemente zwischen Naturflächen – auf die Artenanzahl und Zusammensetzung auswirken.
Originalpublikation:
Sonja Schulze, Fabienne Maihoff, Jie Zhang, Daniela Kessner-Beierlein, Alicia Bender, Annika Schöninger, Andrea Holzschuh, Ingolf Steffan-Dewenter: „More than flowers: Habitat type, floral resources, and landscape context shape pollinator communities in villages”, in Ecological Applications, 24 Feb 2026, DOI: 10.1002/eap.70190

06.03.2026, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Über 40 Prozent der großen Süßwassertierarten in fremde Gewässer eingeführt – fast jede zweite Art bringt auch Schaden
Über 40 Prozent der heute lebenden großen Süßwassertiere (Megafauna), zu denen unter anderem Karpfen, Welse, Krokodile, Schildkröten, Biber und Flusspferde zählen, wurden bewusst außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angesiedelt. Diese gebietsfremden Arten können in den Einführungsregionen zwar wirtschaftliche Vorteile bringen, bergen jedoch zugleich erhebliche und oft unterschätzte Risiken für die einheimische Biodiversität und die lokale Bevölkerung. Dies zeigt eine neue Studie von Forschenden des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und des Instituts für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
Der Nilbarsch im Viktoriasee ist ein prominentes Beispiel für die komplexen ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen, die durch gebietsfremde Süßwasser-Megafauna verursacht werden. Die gezielte Ansiedlung dieser großen Fischart im Viktoriasee sollte die Fischerei eigentlich verbessern – doch sie hatte gravierende, unterschätzte Folgen: Die Bestände einheimischer Fische gingen zurück, lokale Fischer verloren ihre Lebensgrundlage, und in den umliegenden Gemeinden nahm die chronische Unterernährung bei Kindern und Müttern zu.
„Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen. Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, sagt Fengzhi He, Professor am Institut für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sowie Gastwissenschaftler am IGB. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Süßwasser-Megafauna und ist Letztautor dieser Studie, in der das Team die erste globale Bewertung der sozioökonomischen Auswirkungen gebietsfremder Süßwasser-Megafauna durchgeführt hat.
Basierend auf dem Rahmenwerk „Nature’s Contributions to People“ (NCP) und dem Rahmenwerk „Socio-Economic Impact Classification for Alien Taxa“ (SEICAT) kategorisierten die Forschenden sowohl positive als auch negative Auswirkungen und quantifizierten das Ausmaß der Auswirkungen.
40 Prozent der Megafauna-Arten in 142 Länder und Regionen bewusst eingeschleppt:
Kleine Arten gelangen oft unbemerkt in neue Gewässer – sie haften an Schiffsrümpfen oder Fischereiausrüstung oder werden von Vögeln transportiert. Süßwasser-Megafauna-Arten sind Tiere mit einem Gewicht von mindestens 30 Kilogramm. Sie werden oft absichtlich außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt, weil sie mit einem hohen wirtschaftlichen oder ästhetischen Wert in Verbindung gebracht werden. Das Team identifizierte 93 gebietsfremde Süßwasser-Megafauna-Arten (43 Prozent der 216 existierenden Arten), die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt wurden. Diese Einführungen erstrecken sich über 142 Länder und Regionen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis. Die USA haben die höchste Anzahl an eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten (52), gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19), Belgien (18) und Deutschland (17).
Fast jede zweite untersuchte eingeschleppte Megafauna-Art birgt auch Probleme:
Die Studie zeigt, dass von 59 gebietsfremden großen Süßwassertieren, für die ein Nutzen dokumentiert ist, 26 auch negative Auswirkungen haben. Dies gilt insbesondere für große Fischarten wie Karpfen, Lachsartige und Welse. Fast jede zweite dieser Arten bringt demnach nicht nur Vorteile, sondern verursacht Probleme für die heimische Artenvielfalt oder die lokale Bevölkerung. Hierzu zählen neben einer verminderten Ernährungssicherheit auch erhöhte Risiken für die menschliche Gesundheit, Sicherheitsrisiken durch aggressive oder giftige Arten oder Schäden an Eigentum und Infrastruktur.
Wirtschaftliche Vorteile für einzelne Gruppen treiben die Einführung voran:
Die Studie ergab zudem, dass die sozioökonomischen Vorteile der eingeführten Süßwasser-Megafauna häufig nur für bestimmte Personengruppen in den betreffenden Regionen entstehen. Die Vorteile wurden vor allem in der Aquakultur und in der Fischerei dokumentiert (57 Prozent), gefolgt von Freizeitaktivitäten wie Angeln und Ökotourismus (20 Prozent) sowie der Bereitstellung von Materialien und der Nutzung als exotische Heimtiere (12 Prozent). Große Süßwassertiere wurden auch in der Hoffnung eingeführt, die natürliche Umwelt zu verbessern. Beispielsweise wurden Silberkarpfen und Marmorkarpfen eingesetzt, um übermäßiges Phytoplanktonwachstum zu kontrollieren, während Graskarpfen zur Reduktion von Wasserpflanzen eingeführt wurden.
Einige Süßwasser-Megafauna-Arten wurden absichtlich für den Handel mit Heimtieren oder für Lederprodukte importiert. „Wir waren sehr überrascht, dass einige Krokodile für den Handel mit Heimtieren eingeführt wurden. Zum Beispiel werden Brillenkaimane in den USA als Heimtiere gehalten“, sagte Dr. Xing Chen, ehemaliger Doktorand am IGB und Hauptautor der Studie. „In China werden sie oft wegen ihrer Haut eingebracht, um Lederprodukte herzustellen.“
Eine strengere Risikobewertung ist wünschenswert:
Da die Einführung von Süßwasser-Megafauna aufgrund der erwarteten wirtschaftlichen Vorteile voraussichtlich weiter zunimmt, empfehlen die Autor*innen eine fundierte Risikobewertung, eine verbesserte Überwachung sowie eine transparenten Kommunikation der positiven wie negativen Folgen.
„Um wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversitätsschutz und menschliches Wohlergehen in Einklang zu bringen, braucht es ein umfassendes Verständnis der Chancen und Risiken von Arteinführungen“, sagt Prof. Sonja Jähnig, ebenfalls Letztautorin der Studie und Direktorin des IGB.
Originalpublikation:
Xing Chen, Thomas G. Evans, Jonathan M. Jeschke, Phoebe Griffith, Sonja C. Jähnig, Fengzhi He, Global assessment of alien freshwater megafauna reveals complex socio-economic impacts, One Earth, 2026, 101623, ISSN 2590-3322,
https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101623.

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