Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

03.02.2026, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie
Luftverschmutzung verursacht soziale Instabilität in Ameisenkolonien
Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie hat in einer neuen Studie aufgezeigt, dass Ameisen, die aus von Luftverschmutzung betroffenen Lebensräumen zurückkehren, bei ihrem Wiedereintritt in die Kolonie angegriffen werden. Die Ursache: Luftverschmutzung, insbesondere Ozon, verändert das koloniespezifische Duftprofil der Tiere. Selbst winzige Veränderungen im Duftsignal genügen, um die soziale Identität zu verfälschen – ein dramatisches Beispiel dafür, wie menschliche Umweltverschmutzung soziale Systeme in der Natur stören kann.
Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie hat in einer neuen Studie aufgezeigt, dass Ameisen, die aus von Luftverschmutzung betroffenen Lebensräumen zurückkehren, bei ihrem Wiedereintritt in die Kolonie angegriffen werden. Die Ursache: Luftverschmutzung, insbesondere Ozon, verändert das koloniespezifische Duftprofil der Tiere. In Experimenten mit sechs Ameisenarten konnten die Wissenschaftler bei fünf Arten nachweisen, dass Ameisen, die Ozon ausgesetzt waren, von ihren Nestgenossinnen nicht mehr erkannt wurden – und stattdessen als Feinde attackiert wurden. Verantwortlich dafür sind Alkene: organische Verbindungen mit Kohlenstoff-Kohlenstoff-Doppelbindungen, die einen kleinen aber entscheidenden Bestandteil des Duftprofils bilden. Ozon reagiert gezielt mit diesen Doppelbindungen und zerstört sie. Selbst winzige Veränderungen im Duftsignal genügen, um die soziale Identität zu verfälschen – ein dramatisches Beispiel dafür, wie menschliche Umweltverschmutzung soziale Systeme in der Natur stören kann.
Die Arbeitsgruppe Geruchsgesteuertes Verhalten von Markus Knaden am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie beschäftigt sich schon seit längerem mit den Auswirkungen von Ozon auf die chemische Kommunikation von Insekten. So konnte das Forschungsteam zeigen, dass erhöhte Ozonwerte das Paarungssignal bei Fruchtfliegen verändern, weil die Kohlenstoff-Kohlenstoff-Doppelbindungen in den Sexualpheromonen der Insekten durch Ozon aufgebrochen werden. Nachdem männliche Fliegen Ozon ausgesetzt waren, konnten sie Weibchen nicht mehr von anderen Männchen unterscheiden. Außerdem veränderte Ozon Paarungssignale so, dass die Paarungsgrenze zwischen verschiedenen Fliegenarten aufgehoben wurde, was zum Auftreten fortpflanzungsunfähiger Hybriden führte.
Diese Erkenntnisse führten Markus Knaden und sein Team dazu, auch die Auswirkungen von Ozon auf das Zusammenleben sozialer Insekten wie Ameisen zu untersuchen, denn die Nesterkennung in der Kolonie beruht ebenfalls auf chemischen Signalen beruht.
Die Erkennung von Nestgenossinnen: Ein „Handschlag“ aus Molekülen
Die Erkennung von Nestgenossinnen basiert in der Regel auf einer artspezifischen Mischung aus Kohlenstoffwasserstoffverbindungen, die Ameisen in ihren Drüsen produzieren. Diese Mischung besteht hauptsächlich aus stabilen Alkanen, aber auch aus Alkenen – Verbindungen mit Kohlenstoff-Kohlenstoff-Doppelbindungen, die oxidiert und abgebaut werden können. Obwohl Alkene nur in sehr geringen Mengen vorkommen, sind sie entscheidend für die koloniespezifische Duftsignatur. Ameisen lernen gleich nach dem Schlüpfen die besondere Duftmischung ihrer Kolonie kennen. Später, wenn sie mit anderen Ameisen in Kontakt kommen, vergleichen sie den Duft dieser Ameisen mit dem bekannten Duft ihrer eigenen Kolonie. Erkennen sie den Duft wieder, werden die anderen Ameisen als Nestgenossinnen angesehen und freundlich behandelt. Andernfalls kommt es in der Regel zu Aggressionen gegenüber Ameisen, deren Duftprofil nicht mit dem der eigenen Kolonie übereinstimmt. „Wir wollten wissen, ob erhöhte Ozonkonzentrationen eine Veränderung des Duftprofils und damit Aggressionen gegenüber Ameisen hervorrufen würden. Die entscheidende Frage für uns war: Kann die ausbalancierte Sozialstruktur von Ameisenkolonien durch Luftverschmutzung aus dem Gleichgewicht gebracht werden?“, sagt Erstautor Nan-Ji Jiang.
Ozonbelastete Nestgenossinnen werden wie fremde Eindringlinge angegriffen
Für die Experimente setzten die Forschenden Ameisen von sechs verschiedenen Arten einer Ozonkonzentration von 100 ppb (parts per billion) aus, einer Belastung, wie sie im Sommer häufig in belasteten Regionen gemessen wird. Nach 20-minütiger Ozonexposition wurden die Ameisen in ihre Kolonie zurückgebracht. Bei fünf der untersuchten Arten wurden ozonbelastete Ameisen mit Drohungen und Aggressionen empfangen, obwohl sie derselben Kolonie angehörten. „Uns interessierte, ob dies tatsächlich mit einer veränderten Menge an Alkenen auf der Körperoberfläche der Ameisen einhergeht. Dies war schwierig zu messen, da auch bei unbelasteten Ameisen die Menge an Alkenen extrem niedrig ist. Mit thermodesorbierender Gaschromatographie konnten wir jedoch die Menge dieser Verbindungen sogar an einzelnen Ameisen messen,“ erläutert Markus Knaden.
Alkene: ein sehr geringer, aber entscheidender Anteil an Kohlenwasserstoffen auf Ameisen – mit dramatischen Folgen bei Schadstoffbelastung
Die Duftmischung der Kolonie besteht größtenteils aus stabilen Alkanen, die durch Ozon nicht oxidiert werden. Im Vergleich dazu machen Alkene nur einen Bruchteil der Verbindungen in der Duftsignatur von Ameisen aus. „Wir hatten damit gerechnet, dass die Ozonexposition die Erkennung von Nestgenossinnen beeinflusst, da uns bekannt war, dass Ameisen zumindest geringe Mengen leicht abbaubarer Alkene auf ihrer Außenhaut tragen. Die dramatische Verhaltensänderung nach Ozonbelastung hat uns jedoch überrascht. Offenbar sind Alkene trotz ihrer geringen Menge äußerst wichtig für den spezifischen Duft der Kolonie,“ sagt Markus Knaden.
Klonale Räuberameisen vernachlässigen die Brutpflege nach Ozonbelastung
In nur einer untersuchten Art – der klonalen Räuberameise Ooceraea biroi – wurden keine Aggressionen gegenüber Nestgenossinnen nach Ozonbelastung beobachtet. Dies könnte auf die besondere Biologie dieser Art zurückzuführen sein. Alle Individuen vermehren sich klonal, eine Königin gibt es nicht und das Aggressionsniveau zwischen Individuen verschiedener Kolonien ist generell gering.
Da Ozon bei Ooceraea biroi keine Aggressionen zwischen Nestgenossinnen auslöste, bot sich die Möglichkeit in Zusammenarbeit mit der Lise-Meitner-Forschungsgruppe Sozialverhalten unter der Leitung von Yuko Ulrich, andere potenzielle langfristige schädliche Auswirkungen zu untersuchen. Verhaltensbeobachtungen ergaben, dass erwachsene Ameisen in ozonbelasteten Kolonien einen größeren Abstand zu den Larven hielten als in ozonfreier Umgebungsluft. Außerdem starben viele Larven. Da Ozon selbst als direkte Ursache für den Tod der Larven weitgehend ausgeschlossen werden konnte, gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass die Vernachlässigung der Brutpflege und der Tod der Larven auf eine gestörte chemische Kommunikation zwischen den erwachsenen Ameisen und den Larven zurückzuführen sind.
Umweltgifte bedrohen die soziale Struktur vieler Insektenarten
Während das globale Insektensterben vor allem mit dem Einsatz von Pestiziden und dem Verlust von Lebensräumen in Verbindung gebracht wird, werden in dieser Studie Luftschadstoffe als mögliche Verursacher diskutiert. Die Gesamtbiomasse aller schätzungsweise 30.000 verschiedenen Ameisenarten entspricht etwa der Gesamtbiomasse aller Vögel und Säugetiere zusammen. Ameisen erfüllen wichtige Ökosystemleistungen, wie die Verbreitung von Samen und die Bekämpfung von Schädlingen. Auch andere soziale Insekten, wie Bienen, auf deren Bestäubung ein Großteil unserer Nutzpflanzen angewiesen ist, könnten durch erhöhte Schadstoffwerte in ähnlicher Weise beeinträchtigt werden könnte. „Oxidierende Schadstoffe wie Ozon und Stickoxide werden oft wegen ihrer schädlichen Auswirkungen auf den Menschen thematisiert. Wir sollten uns jedoch auch darüber bewusst sein, dass diese vom Menschen verursachten Schadstoffe auch unsere Ökosysteme erheblich schädigen können,“ sagt Bill Hansson, einer der Hauptautoren der Studie.
Originalpublikation:
Jiang, N.-J.; Bhat, B. A.; Briceño Aguilar, E.; Lehmann, A.; Ulrich, Y.; Hansson, B. S.; Knaden, M. (2026). Oxidising pollutants can disrupt nestmate recognition in ants. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 123(0), e2520139123. doi: 10.1073/pnas.2520139123
https://doi.org/10.1073/pnas.2520139123

04.02.2026, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Naturschutzsaison eröffnet: BUND und Partner machen Wälder fit für Wildkatzen
17.000 Meter arten- und strukturreiche Waldränder wachsen bereits heran
Umsetzung der Naturschutzmaßnahmen beginnt im Februar
Strukturreiche Waldränder sind entscheidend für Artenvielfalt und Klimaanpassung
Beteiligung durch Landesforste, Waldbesitzende und Bürger*innen wächst
Trotz eisiger Temperaturen beginnt bundesweit wieder die praktische Naturschutzarbeit im BUND-Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“. Nach Stürmen, Dürren und zunehmenden Wetterextremen rücken naturnahe Waldstrukturen stärker in den Fokus einer zukunftsfähigen Waldentwicklung. Gemeinsam mit Landesforsten und Waldbesitzenden setzt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Maßnahmen um, die der Europäischen Wildkatze helfen und gleichzeitig Wälder widerstandsfähiger gegenüber der Klimakrise machen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung arten- und strukturreicher Waldränder. Die Europäische Wildkatze wird bewusst als Leitart genutzt: Umso strukturreicher ein Waldrand für die Wildkatze gestaltet wird, desto mehr Lebensraum bietet er auch für andere Arten. Waldränder sind zentrale Jagd- und Rückzugsräume für die Wildkatze und übernehmen zugleich wichtige Schutzfunktionen für den Wald. Bereits über 17.000 Meter solcher Waldränder wurden im Projekt neu angelegt, unter anderem in Niedersachsen, Thüringen, Hessen und dem Saarland.
Pauline Münchhagen, naturschutzfachliche BUND-Koordinatorin im Projekt: „Naturschutz gelingt nur gemeinsam. Die meisten Flächen, auf denen wir aktiv sind, gehören nicht uns. Umso wichtiger ist die enge Zusammenarbeit mit Landesforsten und privaten Waldbesitzenden. Inzwischen unterstützen uns Partner in zehn Bundesländern. Viele setzen sogar eigene Maßnahmen für die Wildkatze um.“
Die wachsende Beteiligung zeigt, dass sich Naturschutz und moderne Waldwirtschaft sinnvoll ergänzen können. Der BUND setzt dabei nicht auf flächige Aufforstung, sondern auf gezielte Strukturverbesserung. Stufig aufgebaute Waldränder mit heimischen Sträuchern und Bäumen sind Übergangszonen zwischen Wald und Offenland. Sie bieten einer vielfältigen Pflanzenwelt und zahlreichen Tierarten Lebensraum. Gleichzeitig wirken sie als natürliche Puffer: Sie bremsen Wind und schützen das Innere des Waldes vor Stürmen und Bodenerosion. Zusätzlich puffern sie den Schadstoffeintrag aus angrenzenden Nutzflächen ab.
Münchhagen: „Unser Projekt lebt vom Mitmachen. In einigen Bundesländern laden wir Bürgerinnen und Bürger dazu ein, uns bei den Schutzmaßnahmen zu unterstützen. Zusätzlich geben wir unser Wissen an Fachleute in Online-Seminaren und bei Exkursionen weiter, etwa in Thüringen oder im Saarland.“
Neben Pflanzaktionen gehören auch der Abbau nicht mehr benötigter Knotengitterzäune und der Bau sogenannter Wildkatzenburgen zum Maßnahmenpaket. Die aus Totholz geschichteten Verstecke bieten der scheuen Art sichere Rückzugsorte. Neu angelegte Pflanzflächen schützt der BUND wiederum mit Gattern aus Holz vor dem Verbiss durch Wildtiere.
Mit dem Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“, gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt, zeigt der BUND, wie praktischer Artenschutz, Klimaanpassung und nachhaltige Waldnutzung Hand in Hand gehen können. Der Verband lädt weitere Waldbesitzende, Forstbetriebe und Verantwortliche in Kommunen und Verwaltungen ausdrücklich ein, sich zu beteiligen und eigene Flächen wildkatzengerecht und klimaresilient zu gestalten.
Hintergrund:
Das sechsjährige Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“ wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert. Das Projekt setzen der BUND-Bundesverband, die BUNDjugend und die BUND-Landesverbände Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen um.
Die Europäische Wildkatze (Felis silvestris) lebt zurückgezogen in großen, zusammenhängenden strukturreichen Laub- und Laubmischwäldern. Ursprünglich in ganz Deutschland heimisch, leben heute nur noch etwa 6000 bis 8000 Tiere überwiegend in Mittel- und Süddeutschland. Die Wildkatze steht stellvertretend für viele andere Waldtierarten. Dort, wo sich die Wildkatze wohlfühlt, sind die Bedingungen auch für viele andere Arten wie Luchs, Bechsteinfledermaus oder Mittelspecht optimal.

05.02.2026, Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf
Populationsdynamik: Neues Modell integriert Tierbewegungen
Wo genau halten sich gefährdete Tiere auf und wie interagieren sie? Dieses Wissen ist unverzichtbar, wenn man neue Artenschutzmaßnahmen plant. Offen ist jedoch die Frage, wie Tierbewegungsdaten genutzt werden können, um die Veränderung ganzer Populationen zu verstehen, inklusive der Überlebenschancen einer Population. Einen wichtigen Beitrag zur Klärung der Frage liefern nun Forscher der Staatlichen Universität São Paulo (Brasilien) und dem Center for Advanced Systems Understanding (CASUS) am HZDR: Ihre neue Theorie legt nahe, dass Bewegungen einzelner Tiere und ihre Aktionsräume einen großen Einfluss auf die Dynamik der gesamten Population haben (Ecology Letters, DOI: 10.1111/ele.70269).
Trotz jeweils unabhängiger Fortschritte in der Populations- und Bewegungsökologie über viele Jahrzehnte fehlte bislang eine theoretische Brücke zwischen diesen beiden Disziplinen. „In den 1950er Jahren begannen Ökologen die Bewegungsmuster von Tieren zu charakterisieren. Seitdem arbeitet man an diesen Brückenschlag“, sagt Dr. Ricardo Martinez-Garcia, Leiter der CASUS-Nachwuchsgruppe „Dynamics of Complex Living Systems“ und leitender Autor der Studie. Klassische Modelle der Populationsdynamik, die auf die Arbeiten von Pierre François Verhulst aus dem Jahr 1838 zurückgehen, beschreiben, wie Populationen wachsen, bis sie die durch endliche Ressourcen wie Nahrung und Raum gesetzten Grenzen erreichen. Sie ignorieren jedoch die Bedeutung der Bewegung von Tieren. „In vielen Fällen konnten beobachtete Populationsgrößen nicht mit den bestehenden theoretischen Modellen erklärt werden. Wir waren daher zuversichtlich, dass die Einbeziehung der Bewegungsmuster einzelner Tiere, die wir aus Tracking-Daten ableiten, diese Widersprüche lösen könnte“, fügt Martinez-Garcia hinzu.
Tiere nutzen ihre Lebensräume nicht gleichmäßig und verbringen den größten Teil ihres Lebens in Bereichen, die wesentlich kleiner sind als das Verbreitungsgebiet der Population. In den vergangenen Jahren haben technologische und methodische Fortschritte beispiellose Einblicke in die Bewegungsmuster von Organismen ermöglicht, einschließlich einer genaueren Quantifizierung ihrer Aktionsräume. Hierfür waren neue statistische Methoden von großer Bedeutung, die unter maßgeblicher Mitwirkung von Prof. Justin M. Calabrese entwickelt wurden. Calabrese ist Mitautor der neuen Studie und Leiter der Abteilung für Erdsystemwissenschaften am CASUS. „Eine wichtige Neuerung unserer Theorie ist, dass sie die Vorhersage der Populationsdynamik auf der Grundlage desselben Tierbewegungsmodells ermöglicht, das häufig zur Schätzung von Aktionsräumen aus Tracking-Daten verwendet wird. Das bedeutet, dass Abschätzung von Aktionsräumen und Populationsmodellierung nun auf derselben Grundlage erfolgen. Das verleiht unserer Theorie eine stärkere Anbindung an Daten und führt so zu fundierteren, realitätsnahen Empfehlungen für den Artenschutz“, sagt Calabrese.
Modell berücksichtigt Interaktionen zwischen mehr als zwei Tieren
Martinez-Garcia stellte bereits im Jahr 2020 als Studienleiter einen Zusammenhang zwischen der tatsächlichen Nutzung des eigenen Lebensraums durch einzelne Tiere (engl.: range-residency) und der Interaktionshäufigkeit zwischen zwei Tieren her. Er zeigte, dass die Begegnungsraten stark von den Vorhersagen klassischer Modelle abweichen können, die Bewegungen zu stark vereinfachen. Der nächste logische Schritt war der Wechsel von Paaren zu einer größeren Anzahl von Tieren. Dann könnte die Theorie auch demografische Prozesse berücksichtigen, die durch Konkurrenz, Kooperation, Fortpflanzung und andere Interaktionen zwischen Tieren angetrieben werden. Diese Änderung des Maßstabs erwies sich als herausfordernd: „Wenn wir eine ganze Tierpopulation haben, hat jedes Individuum sein eigenes Bewegungsverhalten, und die Anzahl möglicher Interaktionen wird sehr schnell sehr groß“, sagt Rafael Menezes, Postdoktorand an der UNESP und ehemaliger Doktorand in der Gruppe von Martinez-Garcia.
Die erweiterte Theorie, die als „range-resident logistic model“ (bereichsbezogenes logistisches Modell) bezeichnet wird, bewältigt diese Komplexität auf elegante Weise, indem sie einen sogenannten Überfüllungsindex einführt. Dieser fasst alle relevanten Informationen darüber zusammen, wie sich Tierbewegungen auf Tierinteraktionen auswirken. Menezes weiter: „Dieser Koeffizient, der sich problemlos aus den Tracking-Daten berechnen lässt, gibt einen Hinweis darauf, wie Tiere einer Population miteinander in Wechselwirkung treten: Meiden sie sich gegenseitig, versuchen sie, mehr Zeit miteinander zu verbringen, oder verhalten sie sich eher gleichgültig?“
Der direkte Vergleich von bisheriger und erweiterter Theorie zeigt – ganz wie erwartet – einen erheblichen Einfluss der Bewegungsdaten: Je nach den gewählten Parameterbedingungen ist die vom erweiterten Modell vorhergesagte Populationsgröße manchmal doppelt so groß, manchmal halb so groß wie die vom klassischen Verhulst-Modell vorhergesagte Größe. „Ein Unterschied, der einen Unterschied machen kann“, kommentiert Martinez-Garcia. Seiner Meinung nach ist das neue Modell wichtig, wenn praktische Fragen des Artenschutzes untersucht werden, wie beispielsweise die Auswirkungen menschlicher Infrastruktur auf das Schicksal von Wildtierpopulationen. „Ein besonderer Fall, mit dem wir uns derzeit beschäftigen, ist die Frage, was mit einer Population geschieht, wenn eine neue Schellstraße den Lebensraum der Tiere durchschneidet. Ganz konkret geht es hier um Flachlandtapire. Erst dank der genauen Beschreibung der Bewegungen der Tapire können wir Kollisionen mit Fahrzeugen quantifizieren und die Überlebensfähigkeit der Population abschätzen.“
Brasilianischer Wissenschaftler kommt ans CASUS
Der gebürtige Brasilianer Rafael Menezes ist Postdoktorand am Internationalen Zentrum für Theoretische Physik – Südamerikanisches Institut für Grundlagenforschung (ICTP-SAIFR), einem internationalen Forschungszentrum mit Sitz am Institut für Theoretische Physik der UNESP, das von der Forschungsstiftung São Paulo (FAPESP) unterstützt wird. Als Doktorand erhielt Menezes vor zwei Jahren von der brasilianischen Bundesbehörde CAPES eine leistungsorientierte Förderung, um seine Doktorarbeit unter der Betreuung von Martinez-Garcia in Görlitz fertigzustellen. Im Februar 2025 verteidigte Menezes erfolgreich seine Doktorarbeit am Institut für Biowissenschaften der Universität São Paulo.
Originalpublikation:
R. Menezes, J. M. Calabrese, W. F. Fagan, P. I. Prado, R. Martinez-Garcia: The Range-Resident Logistic Model: A New Framework to Formalise the Population-Dynamics Consequences of Range Residency, in Ecology Letters, 2025 (DOI: 10.1111/ele.70269)

05.02.2026, Freie Universität Berlin
Stadtameisen sind weniger wählerisch
Neue Studie zeigt, in Großstädten begnügen sich Ameisen mit verdünnter Nahrung – ein möglicher Indikator für Stress in städtischen Ökosystemen
Das Leben in der Großstadt macht offenbar weniger wählerisch – zumindest bei Ameisen. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Urban Ecosystems zeigt: Die Schwarze Wegameise (Lasius niger), eine der häufigsten Ameisenarten Europas, akzeptiert in der Stadt deutlich häufiger zuckerarme Nahrung als Artgenossinnen vom Land. Das internationale Forschungsteam aus der Ukraine, Deutschland und Polen stellt damit einen ungewöhnlich einfachen Ansatz vor, um Stress in städtischen Ökosystemen sichtbar zu machen.
In der Studie gingen die Forschenden der Frage nach, wie die Urbanisierung – eine der extremsten Formen der Landnutzungsumwandlung – die Nahrungsauswahl von Insekten beeinflusst. Dazu bot das Team den Ameisen in urbanen und ländlichen Lebensräumen Zuckerlösungen in unterschiedlicher Konzentration an. Das Ergebnis: Stadtameisen nahmen deutlich häufiger verdünnte zuckerarme Lösungen an, die ländliche Ameisen in der Regel ablehnten. Aus Sicht der Forschenden deutet dies darauf hin, dass der Druck des Stadtlebens die Ernährungsgewohnheiten der Tiere spürbar verändert. Als städtische Stressfaktoren für Pflanzen und Tiere gelten demnach der „Urban Heat Island“-Effekt, Bodenverschmutzung oder Mikroplastik.
Stadtstress – von Pflanzen bis zu Ameisen
„Während bestäubende Insekten wie Bienen oft im Mittelpunkt von Urbanisierungsstudien stehen, werden Ameisen etwas vernachlässigt“, sagt Stanislav Stukalyuk, der Erstautor der Studie (Institut für Evolutionsökologie, Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine). „Dabei wird ein wichtiger Aspekt der Stadtökologie übersehen: Die von uns untersuchte Ameise ist wahrscheinlich die häufigste Ameise in Europa – und es gibt mit ziemlicher Sicherheit mehr von ihnen als von jeder anderen bestäubenden Insektenart.“
Tomer J. Czaczkes, der korrespondierende Autor (Freie Universität Berlin), merkt an, dass das Verhalten der Ameisen ihre Erfahrungen widerspiegelt. „Ameisen vergleichen im Wesentlichen das, was wir ihnen geben, mit dem, was sie normalerweise in ihrer Umgebung finden. Stadtameisen sind möglicherweise an minderwertige, ‚verdünnte‘ Ressourcen aus gestresster Stadtvegetation gewöhnt. Wenn ihnen ein Tropfen verdünnter Zucker angeboten wird, nehmen sie ihn gerne an. Ländliche Ameisen dagegen sind gewissermaßen ‚enttäuscht‘ von dem Angebot – und rümpften die Nase (oder Antennen) darüber.“
Ameisen als Frühwarnsystem?
Auch wenn sich die Studie auf eine einzige Art konzentriert, deuten die Ergebnisse auf eine potenziell neue Methode hin, den allgemeinen Gesundheitszustand städtischer Ökosysteme zu beobachten. Ameisen reagieren sensibel auf Umweltveränderungen und zeigen schnelle Verhaltensanpassungen an die Qualität ihres Lebensraums. Ihre „Pingeligkeit“ bei der Nahrungsauswahl könnte daher theoretisch als subtiler Indikator für den Stresspegel innerhalb der gesamten biologischen Gemeinschaft dienen.
Gema Trigos-Peral, Letztautorin der Studie (Museum und Institut für Zoologie, Polnische Akademie der Wissenschaften), mahnt jedoch zur Vorsicht: „Dies ist nur der erste Schritt. Wir verstehen noch nicht die kausalen Zusammenhänge, die dazu führen, dass Ameisen in städtischen Ökosystemen nicht wählerisch sind. Es könnte auf gestresste Bäume hindeuten – aber auch auf gestresste Ameisen oder verschiedene andere Dinge. Es gibt noch viel zu tun!“
Gleichzeitig sehen die Forschenden großes Potenzial. „Die von uns entwickelte Methode ist schnell, einfach und macht Spaß. Sie könnte leicht von Bürgerwissenschaftler*innen und der breiten Öffentlichkeit eingesetzt werden, um unsere Umwelt besser zu verstehen. Sogar Schulklassen könnten solche Experimente durchführen!“, sagt Czaczkes.
Die Studienergebnisse unterstreichen den Forschende zufolge, die Funktionsweise städtischer Ökosysteme besser zu verstehen, um Naturschutz- und Anpassungsstrategien wirksamer zu gestalten -insbesondere vor dem Hintergrund weiter wachsender Städte weltweit.
Originalpublikation:
https://link.springer.com/article/10.1007/s11252-026-01907-7

05.02.2026, Universität Konstanz
Je größer, desto wählerischer?
Ernährungsspezialisten werden evolutionär zu Extremen getrieben und sind häufig besonders groß oder klein. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Konstanz hat belegt, dass die Ernährungsweise von Säugetieren eng mit deren artspezifischer Körpermasse verknüpft ist.
Jede Säugetierart ernährt sich anders: Der Maulwurf bevorzugt dicke Larven, der Löwe jagt Gnu und Antilope und das Nashorn begnügt sich mit kurzen Gräsern. Ein interdisziplinäres und internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Evolutionsbiologin Xiang-Yi Li Richter von der Universität Konstanz hat nun untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Körpergröße einer Spezies und deren Ernährungsweise gibt – wobei Größe nicht als gemessene Höhe, sondern als Gesamtmasse zu verstehen ist. Das Ergebnis zeigt, dass vor allem Säugetiere am oberen Ende der Größenskala, wie beispielsweise Nashörner, und solche am unteren Ende zu einer Spezialisierung auf nur eine Nahrungsquelle neigen.
Für die Studie hat das Team anhand eines globalen Datensatzes insgesamt 3.487 an Land lebende Säugetierarten hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Körpermasse und der Zusammensetzung ihrer Nahrung untersucht und kategorisiert. Die einzelnen Arten klassifizierten sie anschließend hinsichtlich der Anzahl der Ernährungsarten von eins bis sechs, wobei eine Spezies mit nur einer Ernährungsart zu den Spezialisten gezählt wurde. In der Analyse der Daten zeigte sich, dass insgesamt etwa ein Drittel aller untersuchten Säugetierarten Spezialisten sind. Im Zusammenhang mit der jeweiligen Größe einer Tierart ergab sich zudem, dass diese Spezialisten überdurchschnittlich häufig an den unteren und oberen Enden der Größenskala zu finden waren.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Körpermasse im mittleren Bereich nicht von einer spezialisierten Ernährung begünstigt wird. Vielmehr scheinen Spezialisten evolutionär zu Extremen getrieben zu werden – entweder zu sehr kleinen Körpern, die Risiken und Ressourcenbedarf reduzieren, oder zu sehr großen Körpern, die eine Nahrungssuche über große Entfernungen und eine bessere Verteidigung gegen Raubtiere ermöglichen“, sagt Hauptautorin der Studie Shan Huang von der Universität Birmingham. Mittelgroße Tiere, die sich auf eine einzige Nahrungsquelle verlassen, haben es demnach im evolutionären Wettkampf schwer, gegen die Generalisten zu bestehen.
„Aus evolutionärer Sicht ist dieser Zusammenhang logisch. Großen und damit auch schweren Tieren fällt es leichter, weitläufige Areale zu erschließen. Sie können es sich quasi leisten, auf die Suche nach der bevorzugten Futterquelle zu gehen, und müssen nicht mit dem Vorlieb nehmen, was eben gerade in Reichweite verfügbar ist. Im Laufe von Jahrhunderten entwickelt sich daraus dann eine Spezialisierung“, schlussfolgert Li Richter.
Für ihre Studie haben die Forschenden Datenanalysen mit mathematischen Modellierungen kombiniert – ein innovativer Ansatz, für die eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unabdingbar war. „Auf diese Weise wollten wir das, was tagtäglich in Populationen auf ökologischer Ebene geschieht, mit den großen Evolutionsmustern in Verbindung bringen, die wir über Millionen von Jahren beobachten“, sagt Li Richter.
Originalpublikation:
S. Huang, A. Morozov, A. Eyres, X. Li Richter: Diverging selection on body size in specialist terrestrial mammals. Nat Ecol Evol (2026). DOI: 10.1038/s41559-025-02959-2

05.02.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Künstliche Intelligenz beschleunigt die Erschließung von Insektensammlungen
Forschende des Museums für Naturkunde Berlin haben gemeinsam mit Datenwissenschaftler:innen eine neue Methode entwickelt, um Etiketteninformationen aus digitalisierten Insektenpräparaten weitgehend automatisiert auszulesen. Die Pipeline mit dem Namen ELIE nutzt Künstliche Intelligenz, um gedruckte Etiketten zuverlässig zu erkennen und auszuwerten. Damit kann ein Großteil der bisher zeitaufwendigen manuellen Transkriptionsarbeit eingespart werden – ein wichtiger Fortschritt für die Digitalisierung naturhistorischer Sammlungen weltweit.
Mit über einer Million beschriebener Arten stellen Insekten die artenreichste Gruppe aller Lebewesen dar. Naturhistorische Sammlungen weltweit bewahren rund 500 Millionen Insektenexemplare auf, die in den vergangenen drei Jahrhunderten gesammelt wurden. An jedem dieser Präparate befinden sich Etiketten mit zentralen Informationen wie Fundort, Sammeldatum oder Sammlername. Diese Angaben sind eine unverzichtbare Grundlage für die Forschung in den bereichen Taxonomie, Evolutionsbiologie und Ökologie.
Trotz moderner Hochdurchsatzverfahren zur Digitalisierung von Sammlungsobjekten erfolgt die Übertragung dieser Etiketteninformationen bislang überwiegend manuell. Forschende des Museums für Naturkunde Berlin (MfN) haben nun gemeinsam mit Expert:innen aus der Digitalisierung und Datenwissenschaft eine neue Pipeline entwickelt, die diesen Prozess erheblich vereinfacht und beschleunigt.
Die Pipeline ELIE („Entomological Label Information Extraction“) automatisiert mehrere Schritte der Etikettenauswertung. Mithilfe von Verfahren aus der Bildverarbeitung und des maschinellen Lernens erkennt ELIE einzelne Etiketten auf Digitalbildern, richtet sie aus und unterscheidet zwischen gedruckten und handgeschriebenen Texten. Gedruckte Etiketten werden automatisch per Texterkennung ausgelesen, während handschriftliche Informationen gezielt für eine spätere manuelle Bearbeitung separiert werden. Zusätzlich fasst das System inhaltlich identische Etiketten zu Gruppen zusammen, sodass wiederkehrende Informationen nur einmal überprüft werden müssen.
„Mit ELIE reduzieren wir einen der größten Engpässe bei der Digitalisierung entomologischer Sammlungen“, sagt Margot Belot, Datenmanagerin am Museum für Naturkunde Berlin. „Die automatisierte Auswertung gedruckter Etiketten entlastet Forschende und Kurator:innen erheblich und ermöglicht es, unsere Sammlungen schneller und systematischer für die Forschung zugänglich zu machen.“
Getestet wurde die neue Pipeline unter anderem an 26.000 Etikettenbildern der rund 650.000 Insektenexemplare, die das Museum für Naturkunde Berlin zwischen 2022 und 2023 mithilfe einer Hochgeschwindigkeits-Digitalisierungsstraße der Firma Picturae digitalisiert hat. Die Auswertung zeigt, dass – abhängig vom Wiederholungsgrad der Etiketten – Informationen von bis zu fast 90 Prozent der gedruckten Etiketten automatisch extrahiert werden können. Weitere Tests mit Datensätzen aus dem Smithsonian National Museum of Natural History in Washington sowie dem Museum of Comparative Zoology der Harvard University belegen, dass ELIE auch auf bislang unbekannte Sammlungen zuverlässig anwendbar ist.
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Methods in Ecology and Evolution veröffentlicht. Die Forschenden sehen in ELIE einen wichtigen Baustein für die zukünftige Digitalisierung naturhistorischer Sammlungen und einen Beitrag zur besseren Nutzung dieser einzigartigen Archive der biologischen Vielfalt.
Originalpublikation:
https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/2041-210x.70235

06.02.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Käferschnecke der Herzen: Online-Publikum gibt neuer Tiefsee-Art einen Namen

Im Rahmen einer Social-Media-Aktion haben die Senckenberg Ocean Species Alliance, der wissenschaftliche Verlag Pensoft Publishers und der Science-YouTuber „Ze Frank“ einen Namen für eine neu entdeckte Käferschnecke aus der Gattung Ferreiraella gesucht. Aus über 8.000 in den sozialen Medien eingereichten Vorschlägen wählte das Forschungsteam, das die neue Art beschrieben hat, den Namen Ferreiraella populi aus. Der lateinische Zusatz „populi“ bedeutet wörtlich übersetzt „der Menschen“ und würdigt die gemeinschaftliche Namensfindung. Die Studie, in der die neue Käferschneckenart vorgestellt wird, ist heute in der Fachzeitschrift „Biodiversity Data Journal“ erschienen.
Eine eisenhaltige Raspelzunge, ein winziger Schwanz und acht Schalenplatten zum Schutz des weichen Körpers, an dessen hinterem Ende Würmer leben, die sich von den Exkrementen der Molluske ernähren: So hat der US-amerikanische Wissenschafts-YouTuber „Ze Frank“ in einem Video auf seinem Kanal „True Facts“ die neu entdeckte Käferschnecke aus der Gattung Ferreiraella vorgestellt. Eine Woche lang konnte das Internet-Publikum Ende Januar in den Kommentaren zum Video einen wissenschaftlichen Namen für die neue Art vorschlagen, die in beeindruckenden 5.500 Metern Meerestiefe auf herabgesunkenem Holz lebt.
Im Rahmen der Social-Media-Aktion in Kooperation mit der Senckenberg Ocean Species Alliance (SOSA) und dem Verlag Pensoft Publishers kamen so über 8.000 kreative Namensvorschläge zusammen. Das Forschungsteam, das die im Jahr 2024 im nordwestpazifischen Izu–Ogasawara-Graben gefundene Käferschnecke erstmals beschrieben hat, wählte dann den finalen Namen aus. Ihre Studie mit der taxonomischen Beschreibung von Ferreiraella populi ist heute im wissenschaftlichen Fachjournal „Biodiversity Data Journal“ erschienen.
„Wir haben der Käferschnecke den wissenschaftlichen Namen Ferreiraella populi gegeben, um das Gemeinschaftserlebnis der öffentlichen Namenssuche zu feiern“, erklärt Prof. Dr. Julia Sigwart, Co-Leiterin der Ocean Species Alliance am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Das YouTube-Video wurde in wenigen Tagen über 370.000-mal aufgerufen und erhielt rund 10.000 Kommentare. Wir waren überwältigt von der Resonanz und der riesigen Zahl kreativer Namensvorschläge. In der engeren Auswahl war zum Beispiel auch Ferreiraella ohmu, in Anlehnung an ein käferschneckenähnliches Wesen aus einem Film des japanischen Zeichentrickstudios ‚Ghibli‘ und damit gleichzeitig eine Referenz an den Fundort Japan.“
Die via Social Media beförderte Benennung der Käferschnecke entspricht gleichzeitig etablierten wissenschaftlichen Standards: Jede in der Natur neu gefundene Art erhält im Rahmen der taxonomischen Erstbeschreibung einen wissenschaftlichen Namen. Dieser folgt dem binären Nomenklaturprinzip von Carl von Linné und besteht aus zwei Teilen: dem Gattungsnamen (erster Teil, großgeschrieben, kursiv) und dem Art-Epitheton (zweiter Teil, kleingeschrieben, kursiv). Den Namen vergibt der oder die Erstbeschreiber*in in einer wissenschaftlichen Publikation unter Einhaltung internationaler Codes wie ICZN (Zoologie) oder ICN (Botanik). Der Name muss neuartig, eindeutig und latinisiert sein. Epitheta werden oft aus Merkmalen wie Farbe oder Größe abgeleitet, aber auch von Fundorten, der Mythologie oder von Personennamen – etwa, um eine bestimmte Person zu ehren.
Die neue Tiefsee-Käferschnecke Ferreiraella populi gehört zu einer seltenen und spezialisierten Gruppe von Weichtieren, die ausschließlich auf versunkenem Holz in der Tiefsee leben. „Die neue Art stellt eine Ergänzung zu einer bislang nur wenig erforschten Linie von Käferschnecken dar und liefert weitere Hinweise darauf, dass Holzfall-Ökosysteme in der Tiefsee hochspezialisierte und noch weitgehend unentdeckte Lebensgemeinschaften beherbergen“, erläutert Julia Sigwart.
Käferschnecken wirken optisch wie eine Mischung aus einer Schnecke und einem Käfer. Statt einer spiral- oder kegelförmigen Schale, wie sie Schnecken oder Napfschnecken besitzen, tragen sie acht separate Schalenplatten, sogenannte Valven. So können sie sich bei Gefahr zu einer schützenden Kugel zusammenrollen und flexibel an unregelmäßige Oberflächen anpassen. Käferschnecken kommen sowohl in warmen Küstengewässern und Korallenriffen als auch in der Tiefsee vor, wo sie in bis zu 7.000 Metern Tiefe unter extremen Bedingungen und in absoluter Dunkelheit leben.
„Ferreiraella populi steht beispielhaft für die überwältigende Artenvielfalt der Ozeane, die zum größten Teil noch unerforscht ist. Viele Arten sterben aus, bevor wir sie überhaupt kennen. Das betrifft besonders marine Wirbellose“, so Sigwart. „Es kann häufig zehn, wenn nicht 20 Jahre dauern, bis eine neue Art untersucht, wissenschaftlich beschrieben, benannt und publiziert ist. Mit der Senckenberg Ocean Species Alliance haben wir es uns deshalb zur Aufgabe gemacht, diese Abläufe zu vereinfachen und gleichzeitig die Öffentlichkeit für diese faszinierenden Tiere zu begeistern. Gemeinsam via Social Media einen Namen für die Käferschnecke zu finden, ist dafür eine wunderbare Gelegenheit! Ferreiraella populi ist nun zwei Jahre, nachdem sie gefunden wurde, beschrieben und hat einen wissenschaftlichen Namen. Für den Schutz der marinen Vielfalt ist das sehr wichtig, besonders angesichts der wachsenden Bedrohungen, denen sie ausgesetzt ist, wie etwa dem Tiefseebergbau.“
Originalpublikation:
SOSA, Chen C, Frank H, Kraniotis L, Nakadera Y, Schwabe E, Sigwart JD, Trautwein B, Vončina K (2026) Ocean Species Discoveries 28–30 — new species of chitons (Mollusca, Polyplacophora) and a public naming competition. Biodiversity Data Journal 14: e180491. https://doi.org/10.3897/BDJ.14.e180491

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